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Jovetas Traum

von Celebne
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Aesculapius Johanna von Ingelheim Markgraf Gerold
12.03.2010
10.05.2010
10
13.826
 
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12.03.2010 1.377
 
Kapitel 10: Ein Geschenk


Gerold war gerade zum Superista des neuen Papstes Johannes Anglicus ernannt worden, als der Brief bei ihm eintraf. Er war erstaunt, eine Nachricht aus dem fernen Fulda zu bekommen, und noch erstaunter, als er sah, dass Aesculapius diesen geschrieben hatte. Der byzantinische Gelehrte bat ihn darum, das Kind, welches Joveta erwartete, als das seinige anzuerkennen und der jungen Magd auf diese Weise ein besseres Leben zu ermöglichen.

Gerold legte seufzend den Brief zusammen. So etwas hatte ihm gerade noch gefehlt. Unter anderen Umständen wäre er wahrscheinlich sofort in das ferne Frankenland zurückgekehrt und hätte Joveta geheiratet. Aber es war alles anders gekommen, als er gedacht hatte. Hier in Rom hatte er seine große Liebe Johanna wieder gefunden und sie war nun der neue Papst. Er hatte geschworen, sie niemals wieder zu verlassen. Nicht einmal ein Kind von Joveta würde ihn dazu bringen. Und er wusste jetzt auch, dass er Joveta nicht liebte. Sie war nur ein entferntes Abbild der jugendlichen Johanna, aber nicht mehr. Sie besaß nicht diesen wachen, intellegenten und neugierigen Geist. Ein Wesenszug, den er so sehr an Johanna mochte.
Trotzdem wollte er dafür sorgen, dass es sein einziges Kind einmal gut haben sollte. Mit einem leisen Seufzen setzte er sich an das Schreibpult in seinen Raum und holte ein leeres Pergamentpapier aus einer Schublade. Er dachte kurz nach und tauchte dann die Feder in die Tinte. Als er fertig war, legte er seine weiße Superista-Rüstung aus Leder an und verließ mit dem versiegelten Brief sein Gemach. Draußen übergab er den Brief einen der Soldaten des päpstlichen Heeres.
„Sorge dafür, dass dieses Schreiben sicher in das Frankenland kommt!“
Der Soldat nickte und ging zu den Stallungen, um sich ein schnelles Reitpferd zu holen.

Neugierig trat Johanna in ihren päpstlichen Gewändern zu Gerold. Sie lächelte verschmitzt.
„Ein Brief in das Frankenland? Habt Ihr etwa dort noch Angehörige, Superista?“, fragte sie mit verstellter, tiefer Stimme.
„Ja, es sieht ganz so aus, Euere Heiligkeit“, erwiderte Gerold nachdenklich.
Weiter wollte er aber darüber nicht reden und er war auch froh, dass Johanna ihn später niemals wieder darauf ansprach.


Als der Brief auf Graf Arculfs Gut endlich eintraf, waren viele Wochen vergangen. Joveta hatte nun mit den vielen Unannehmlichkeiten, die während einer Schwangerschaft auftauchen können, zu kämpfen. Die morgendliche Übelkeit war zwar weg, dafür aber hatte sie oft Rückenschmerzen und Sodbrennen. Nachts konnte sie oft nicht richtig schlafen, weil sie das Gefühl hatte, ihr Herz würde zum Halse hinausgedrückt. In den Unterrichtsstunden von Aesculapius war sie dann entsprechend unkonzentriert. Doch der alte Gelehrte zeigte sich sehr geduldig mit ihr.
Eines Morgens störte dann der Graf persönlich den Unterricht von Aesculapius. Er winkte mit dem Brief und Jovetas Herz schlug schneller, als sie darauf ein großes Siegel erkannte.
„Es ist ein Brief aus Rom eingetroffen“, berichtete Arculf aufgeregt. „Es gibt großartige Neuigkeiten. Graf Gerold ist nun Superista des neuen Papstes Johannes Anglicus. Seht das Siegel!“

Aesculapius runzelte nachdenklich die Stirn, bevor er den Brief näher betrachtete. Der Name Johannes Anglicus sagte ihm irgendetwas. Eine innere Stimme riet ihm jedoch, besser nicht darüber zu grübeln. Er blickte auf das Siegel und erkannte Gerolds Namen.
„Darf ich den Brief öffnen?“, fragte der alte Gelehrte höflich.
„Aber natürlich“, nickte der Graf aufgekratzt.
Joveta erhob sich schüchtern von ihrer Schulbank. Auch sie war schrecklich neugierig und brannte darauf zu erfahren, was in Gerolds Brief stand.
Aesculapius brach das Siegel und faltete vorsichtig die Pergamentblätter auseinander.


„Mein lieber Freund Aesculapius!
Ich danke Euch für die Nachricht über Jovetas Zustand. Ich bin überzeugt, dass als Vater wohl nur ich in Frage komme. Daher will ich auch für Mutter und Kind sorgen, denn dieser Säugling wird mein einziger, lebender Nachkomme sein. Hiermit überlasse ich meinem Erben Villaris und alle Ländereien, die dazu gehören, denn ich werde aus Rom nicht zurückkehren. Villaris ist in diesen Tagen noch eine Ruine, doch kann durch den Verkauf einiger fruchtbarer Äcker und des wildreichen Waldes die Burg wieder instand gesetzt werden und auch meinem Nachkommen und dessen Mutter ein gutes Leben ermöglichen. Ich bitte Graf Arculf darum, Joveta bis nach der Niederkunft bei sich auf dem Gut zu lassen. Ich werde noch etwas Geld schicken, damit für Joveta gesorgt ist. Sie soll nicht mehr arbeiten müssen, sondern wie eine Dame höheren Standes leben, damit es mein Kind bei ihr gut hat. Damit ist auch Euer Unterricht beendet, lieber Aesculapius. Ich danke Euch für Euere Mühe. Das Geld, das ich Euch gegeben habe, könnt Ihr auf jeden Fall behalten. Ich bin überzeugt, dass Ihr wieder eine neue Stelle als Lehrmeister finden werdet. Richtet Joveta aus, dass ich ihr alles Glück dieser Welt wünsche und dass ich mich wie sie auf unser Kind freue.

Euer Freund Gerold“


Joveta war den Tränen nahe, als sie den Inhalt des Briefes vernommen hatte. Gerold würde also nicht mehr zu ihr zurückkehren. Diese Erkenntnis war ein schwerer Schlag für sie. Es würde keine gemeinsame Zukunft für sie und ihren Liebsten geben. Allerdings würde es ihr von nun an gut gehen. In Armut musste sie nicht mehr leben.
„Nein, nein, ich nehme kein Geld von Gerold, um für Joveta zu sorgen“, sagte Graf Arculf bestürzt. „Ich werde alles tun, was ich kann, um Gerolds Erben zu helfen.“

Aesculapius aber war erleichtert, dass er nun den Unterricht auf dem Gutshof ein für allemal beenden konnte. Nichts war schlimmer für einen gelehrten Mann wie ihm, einen Schüler zu unterrichten, welcher nur eine geringe Begabung besaß und ebenso wenig Interesse zeigte.

Bereits am nächsten Morgen verabschiedete er sich von Graf Arculf und Joveta. Mit dem Geld von Gerold konnte er eine Weile gut leben und sich in Ruhe eine neue Schulmeisterstelle suchen. Während er auf dem Pferd, welches ihm der Graf zum Abschied geschenkt hatte, langsam Richtung Fulda ritt, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag:
Johannas Vater hatte man seinerzeit oft den Beinamen „Anglicus“ gegeben, da er aus Britannien stammte. Aesculapius wagte den Gedanken nicht zu Ende denken. Er mochte nicht wissen, wer tatsächlich auf den Papstthron saß. Aber Gerolds Aufstieg zum Superista und sein Entschluss, für immer in Rom zu bleiben, sagte eigentlich schon vieles.
Hoffentlich sind die beiden glücklich in ihren Ämtern, dachte er seufzend bei sich.


                                             Epilog


Zwanzig Jahre später: zwei Personen ritten langsam durch Dorstadt und begaben sich dann auf einen überwucherten Feldweg, welcher durch ein kleines Wäldchen führte.
„Meinst du, wir sind hier auf dem richtigen Weg nach Villaris, Gerold?“, fragte die dunkelhaarige Frau mittleren Alters zweifelnd.
Der junge Mann vor ihr drehte sich lächelnd zu ihr um. Seine rotblonden Locken schimmerten in der Nachmittagssonne und seine indigoblauen Augen blinzelten belustigt.
„Aber natürlich, Mutter.“
Joveta seufzte leise: warum hatte sie sich auch auf diese Reise eingelassen. Aber sie konnte ihrem Sohn einfach keine Bitte abschlagen. Trotz seiner Jugend war Gerold bereits Graf. Nachdem der alte Arculf Joveta kurz vor ihrer Niederkunft noch geheiratet hatte, war der kleine Knabe somit offiziell ein Nachkomme des alten Grafen Arculf geworden. Arculf war wenige Jahren nach Gerolds Geburt gestorben und Joveta hatte ihren Sohn alleine großgezogen. Sie hatte niemals wieder geheiratet. Nachdem die Nachricht von Graf Gerolds gewaltsamen Tod auch bis ins Frankenland gedrungen war, hatte Joveta lange Zeit Trauer getragen. Doch ihr Sohn, welcher dem Grafen von Villaris jeden Tag ähnlicher wurde, gab ihr die Kraft zum Weiterleben. Der junge Gerold war ihr ganzer Stolz.

Endlich erreichten sie die Ruinen von Villaris. Neugierig stieg Jovetas Sohn vom Pferd und sah sich in der zerstörten Burg um.
„Ein schönes Plätzchen“, meinte er schließlich anerkennend. „Ich glaube, hier könnte ich es aushalten.“
„Und würdest du auch deine alte Mutter hier aufnehmen?“, fragte Joveta hoffnungsvoll und ließ sich vom Pferd herab.
„Aber natürlich“, erwiderte Gerold lachend.
Gemeinsam liefen sie noch ein wenig in den Ruinen herum. Joveta war froh, dass es ihrem Sohn hier gefiel und sie freute sich auf eine gemeinsame Zukunft mit ihm in Villaris.

ENDE

@Veleren: Joveta hat das „Geschenk“ zum Glück angenommen und es ist ihr Schlüssel zum Glück, wie man sieht. Danke fürs Review!

@JulesMumm: Ja, schnüff. Gerold wird sein Kind niemals persönlich kennenlernen. Danke fürs Review!
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