Tactical Roar: Zehnte These

GeschichteAbenteuer / P12
05.03.2010
26.06.2012
8
67.387
2
Alle Kapitel
26 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
05.03.2010 10.822
 
Vier Monate zuvor:
Es gab Momente in einem Leben, in denen man dem Tod näher war als dem Leben selbst.
Einer dieser Momente war eines Tages für fünfundvierzig Männer und Frauen eines Elitekommandos gekommen, als sie ein Frachtschiff stürmten – und auf der Brücke auf eine Bombe trafen.
Zehn Sekunden vor der Detonation wurde sie entdeckt, und der verantwortliche Offizier, der sie als erstes sah, sprach die magischen Worte, bevor er sich selbst zur Flucht wandte: „VERLASST DAS SCHIFF!“
Von ihm und den neun Soldaten, die auf die Brücke gestürmt waren, fand man später nicht eine Spur. Weitere siebzehn Männer und Frauen wurden von der Explosion mitgerissen, ertranken oder starben an ihren Verletzungen. Die restlichen achtzehn Soldaten überlebten jedoch, einige von ihnen schwer verletzt, aber sie überlebten. Immerhin.
Doch der erschreckende Moment, der Ruf, würde in jedem von ihnen nachgellen und sie den Rest ihrer Leben verfolgen, denn er markierte den Tod von Kameraden, von Freunden. Und für einen Mann markierte er den Tod von Untergebenen und die ewig zweifelnde Frage, ob er es nicht hätte anders, besser machen oder sogar abwenden können.


Drei Monate zuvor:
Als die kleine, kompakte Frau das Krankenzimmer betrat, bemühte sie sich so leise wie möglich zu sein. Es konnte immerhin sein, das er schlief.
„Was gibt es, Master Chief?“, klang eine kräftige Männerstimme aus der Dunkelheit auf.
„Sir, wenn es Sie interessiert, ich habe hier den gesamten Bericht über den Vorfall. Ich dachte, Sie wollten das sehen.“
„Machen Sie bitte Licht, Master Chief.“
Gehorsam trat sie an die Fenster und zog die Vorhänge zurück. Als das Licht des beginnenden Morgens in das Krankenzimmer strömte, entriss es einen müde wirkenden Mann der Dunkelheit, der aufrecht in seinem Bett saß und vom Hals bis zum Becken bandagiert war. Lediglich sein linker Arm war frei, der rechte bis zum Gelenk ebenfalls bandagiert.
„Geben Sie her.“
„Ja, Sir. Soll ich die Seiten für Sie umschlagen, Sir?“
„Ja, das wäre nett, Master Chief“, sagte der Mann ohne Spott, obwohl es niemanden gegeben hätte, der ihm in seiner Verfassung Spott übel genommen hätte. „Zuerst die Verluste. Mir hat immer noch keiner gesagt, wer gefallen ist. Ich weiß nur, dass es fünfundzwanzig sind. Second Lieutenant Bellard wird darunter sein, er hat die Bombe entdeckt. Seine Gruppe wird auch zum Teufel sein.“
„Siebenundzwanzig, Sir.“
„Was?“
„Es sind siebenundzwanzig. Chan und Greenbaum sind an ihren Verletzungen gestorben.“
Der Mann atmete sichtbar aus. Er legte den Kopf nach hinten und seufzte. „Himmel. Was bin ich nur für ein Idiot. Was bin ich nur für ein Riesenidiot. In was für eine Falle habe ich meine Leute geführt?“
„Es… Es war ein Befehl, Sir.“
„Ja. Damit kann ich alles erklären. Das wird die Verwandten meiner Leute trösten, die auf dieser Höllenbombe gestorben sind.“ Er atmete aus und begann das Dossier zu lesen. „Ich nehme an, die Liste der Toten ist vollständig, Master Chief.“
„Ja, Sir.“
„Gut. Bitte bringen Sie mir so bald wie möglich einen Handcomputer. Bereiten Sie mir einen Adressenbogen für jeden einzelnen Gefallenen vor und ziehen Sie ein Dossier auf den Computer. Ich möchte die Briefe an die Familien mit meinem Gedächtnis und den Akten schreiben. Nein, streichen Sie das, eigentlich will ich diese Briefe überhaupt nicht schreiben. Gott, warum bin ich nur Soldat geworden?“
„Sir!“, mahnte sie ernst.
„Habe ich nicht Recht? Worum ging es überhaupt? Was hat uns in diese Falle hinein getrieben?“ Ärgerlich schnaubte der Mann.
„Es steht weiter hinten. Von dem Frachtschiff aus wurden schwer bewaffnete Drohnenboote aus geschickt und koordiniert, die eine Begleitschutzfregatte der Sicherheitsfirma HaruNico attackiert haben. Wie sich herausgestellt hat war der Frachter nur eine Relaisstation, und wäre in jedem Fall geopfert worden. Aber das konnte zu dem Zeitpunkt keiner wissen.“
„Maßen Sie sich gerade an zu entscheiden was ich weiß und was ich nicht weiß, Master Chief?“
„Nein, natürlich nicht, Sir. Verzeihung, Sir. Aber ich bin der Meinung, dass es niemand wissen konnte. Die Pascal Magi war weder als großartiger Piratenjäger bekannt, noch war sie in die Klüngel der Pazifik-Flotte verstrickt und… Ich meine, niemand konnte es wissen. Auch Sie nicht, Sir.“
„Haben wir nicht gerade etwas festgestellt?“, erwiderte der Mann ernst. Es klang zu sanft um böse gemeint zu sein, aber war zu ernst ausgesprochen worden um ein Scherz zu sein. „Die Pascal Magi also. Soweit ich weiß gab es einen unliebsamen Vorfall im Grand Roar, in dem dieses Schiff involviert war. Ich habe über zehn Ecken erfahren, dass ein Raketenkreuzer der Pazifik-Flotte wohl auf Zerstörungsfeldzug gewesen ist, und die Pascal Magi hat ihn gestoppt. Es scheint als würden die Herren Admiräle das nur zu gerne unter den Teppich kehren.“
„Was hätte uns dieses Wissen damals genutzt, Sir?“, wandte sie mit bitterem Unterton ein.
„Nichts. Absolut gar nichts. Aber vielleicht wird es uns in Zukunft nützen. Übrigens, wie geht es Ihrem Oberschenkelhalsbruch, Karen?“
„Schon viel besser, Sir. Sie sehen ja, ich darf wieder herumlaufen. Ich werde morgen entlassen und übernehme kommissarisch das Training der Einheit bis zu Ihrer Rückkehr. Sobald Sie Ihre Verbrennungen ausgeheilt haben, Sir…“
„Falls man mich jemals wieder an ein eigenes Kommando lässt, heißt das“, brummte der Mann.
Dieser Gedanke erschrak die Marine-Offizierin. „Aber Sir, wir können doch nichts für die Pascal Magi!“
„Ich glaube nicht, dass das ein Grund für diejenigen ist, die den Raketenkreuzerzwischenfall vertuschen wollen. Für die sind wir nur eine Begleiterscheinung. Gehen Sie jetzt bitte, Karen, und sorgen Sie dafür, dass ich einen verdammten Computer bekomme.“
„Ja, Sir. Natürlich, Sir. Ach, und Lieutenant: Ich soll Ihnen von den anderen gute Besserung wünschen. Wir denken alle an Sie.“
„Es ist in Ordnung. Sagen Sie den Leuten, ich danke ihnen. Und dass wir uns wieder sehen werden, so oder so.“
„Ja, Sir. Ich beeile mich mit dem Handcomputer.“

Die Tür schloss sich und der große Mann atmete ärgerlich aus. „Die erste Begegnung hast du überstanden. Dutzende werden folgen. Jetzt wird es sich zeigen, wie bruchfest du bist, alter Junge.“ Nachdenklich blätterte er durch das Dossier. „Nur Frauen auf der Pascal Magi? Hm, ein interessantes Schiff. Was haben Sie an sich, dass Sie die hohen Admiräle der Pazifik-Flotte gegen sich aufbringen konnten, Kapitän Nanaha Misaki? Und wie kann ich Ihnen genug helfen, damit Sie mir helfen?“
Das Bild im Dossier zeigte ihm ein hübsches Mädchen ohne großes Format. Aber der beigelegte Lebenslauf entlockte ihm ein Schmunzeln. „Ich denke, First Lieutenant James Cartridge und Kapitän Nanaha Misaki werden sehr gut miteinander auskommen.“

Vor einer Woche:
Admiral Kuno sah sich den Hochgewachsenen Amerikaner vor seinem Schreibtisch genauer an. „Setzen Sie sich, Cartridge.“
„Sir, wenn Sie nichts dagegen haben würde ich lieber stehen bleiben.“
„Sind es Ihre Verbrennungen? Sind sie noch nicht richtig ausgeheilt?“
„Das ist es nicht, Sir. Aber ich ertrage einen Anschiss besser, wenn ich auf beiden Füßen stehe.“
Tatewaki Kuno, Rear Admiral der Pazifik-Flotte, schmunzelte dünn. „Jim, kommen Sie mal wieder runter. Ihre Marine-Infanteristen und vor allem Sie konnten absolut nichts dafür, dass Sie auf dem Frachter eine Bombe gefunden haben.
Niemand macht Ihnen Vorwürfe, vor allem nicht bei den fürchterlichen Verbrennungen, die Sie davon getragen haben. Wie viel Hautoberfläche war bei Ihnen verbrannt? Siebzig? Achtzig?“
„Ein Arm, beide Beine, vorderer Torso und ein Teil vom Rücken. Ich glaube, die Ärzte rechnen das als siebzig Prozent.“
„Siebzig Prozent. Und nach nur einem Vierteljahr stehen Sie wieder vor mir und melden sich zum Dienst. Denken Sie, irgendjemand wird Ihnen bei einem derartigen Diensteifer einen Fehler unterstellen?“ Der Admiral beugte sich vor und warf ein Akte auf den äußersten Rand seines Schreibtischs. „Sie sind in Ihrem alten Rang wieder in Dienst gestellt, Jim.“
Für einen Moment zitterte der große Mann, als er die befreienden, herrlichen Worte hörte. Es ging ihm nicht unbedingt darum, seinen Namen unbefleckt zu halten, oh nein. Aber nur als Soldat hatte er eine Chance, den Tod seiner Kameraden und Freunde aufzuklären und die Verantwortlichen zu bestrafen.
Der Admiral deutete auf den Schreibtisch. „Ihre nächste Aufgabe, Jim.“
Vorsichtig nahm Cartridge die Akte auf und öffnete sie. „Pascal Magi, Sir?“
„Der Name scheint Ihnen bekannt zu sein. Sie ist das Schiff, das verhindert hat, dass hier im Westpazifik ein zweiter Grand Roar entsteht. Diese Information ist Top Secret, aber das brauche ich einem Mann mit Ihrer Einstufung nicht noch extra zu erklären.“
„Nein, Sir. Aber bedeutet das nicht, dass auch der erste Grand Roar…“
„Ja. Wir sehen diese Möglichkeit als gegeben an. Auch der erste Grand Roar könnte künstlichen Ursprungs sein. Künstlich, das heißt von Menschen gemacht.“
„Starker Tobak, Sir.“
„Und hier kommen Sie ins Spiel. Die Pascal Magi hat uns alle vor einer absoluten Katastrophe bewahrt, soviel ist sicher. Aber leider sind nicht alle dankbar dafür.
Wissen Sie etwas mit der Neunten These anzufangen?“
„Nein, Sir.“
„Nun, die Neunte These ist ein Arbeitsaufsatz über eine mögliche neue Weltordnung. Sie führt über die Zerstörung der Pazifik-Flotte und die Zerschlagung der Pazifik-Nationen zu einer völlig neuen Aufteilung dieser Region. Es sieht so aus als wäre der zweite Grand Roar Teil der Neunten These gewesen. Damit ist dieses Arbeitsblatt gescheitert, für den Moment jedenfalls. Aber es gibt eine Gruppe, die die These unterstützt hat, mehr noch, ihre Erfüllung herbeiführen wollte. Diese Gruppe hat Macht.“
„Ich… Verstehe. Dann soll ich…“
„Noch nicht, Jim. Noch nicht. Ich habe bereits einen ganzen Haufen sehr fähiger Leute drauf angesetzt, um Licht in dieses Dunkel zu bringen. Aber ich verspreche Ihnen, sobald ich weiß, welche Tür ich eintreten lassen muss, werden Sie es sein, dessen Stiefel das Holz zertritt. Bis dahin aber trainieren Sie Ihre Einheit und bringen sie wieder in Form. Sie werden bis auf weiteres auf achtzehn inklusive Ihrem Master Chief und Ihnen selbst beschränkt bleiben, ansonsten könnten Sie Ihre neue Aufgabe nicht wahrnehmen.
HaruNico ist an uns herangetreten und hat uns um einen Gefallen gebeten. In Anbetracht der Leistungen, die HaruNico für die Weltöffentlichkeit erbracht hat, habe ich zugestimmt. Sie übernehmen diesen Job.“
„Oh, nein, Admiral, Sie wollen doch nicht etwa, dass ich…“
„Doch. Sie gehen mit Ihren Leuten auf die Pascal Magi und dienen dort ab sofort als Bordsicherheit und als Marine-Infanterie, bis wir die Gruppe, die hinter der Neunten These steckt, ausgehoben haben. Außerdem sind da immer noch einige hohe Offiziere nicht sehr gut auf die Pascal Magi zu sprechen. Sie wissen schon, der Raketenkreuzer neulich.“
„Wir sollen gegen Kameraden kämpfen, Sir?“
„Nein. Die sollen Sie nur abschrecken. Hoffentlich reicht das.“ Kuno sah den großen Mann nachdenklich an. „Ist soweit alles klar, First Lieutenant James Cartridge?“
Jim nahm die Akte auf und verstaute sie unter dem linken Arm. „Jawohl, Sir.“
„Gut. Melden Sie sich nächste Woche mit Ihren Leuten auf der Pascal Magi.“
Cartridge salutierte und wandte sich um.
„Ach, und noch etwas. Die Situation ist äußerst delikat, bitte impfen Sie Ihren Soldaten äußerstes Taktgefühl ein. Die Pascal Magi hat eine ausschließlich weibliche Besatzung, darunter einige der besten Soldatinnen, die der Nordpazifik zu bieten hat. Sie haben doch keine Angst vor Frauen, oder?“, meinte der Admiral schmunzelnd. „Alle Details stehen in der Akte. Ach, und viel Glück, Jim.“
„Danke, Sir.“ Mit einem mehr als mulmigen Gefühl beschloss der Lieutenant, sich zuerst einmal in alle Akten einzulesen.
Babysitter spielen, und dann noch für eine rein weibliche Besatzung, er konnte die Probleme schon förmlich riechen. Aber schlimmer war das Interesse der Hintermänner der Neunten These am zweiten Grand Roar. Wenn sie so nachtragend waren wie James vermutete, würde er vielleicht früher als er hoffte Gelegenheit bekommen, dem Tod seiner Leute Sinn zu geben. Und für die Sicherheit der Mannschaft zu sorgen, die den zweiten Grand Roar verhindert hatte, war beinahe ein Bonus. „Den Auftrag übernehme ich gerne, Sir.“
„Das wusste ich“, brummte Kuno und schob einen Packen Akten zum Lieutenant. „Viel Glück.“

Heute:
1.
Es gab den Grand Roar seit fast fünfzig Jahren. Seither bedeckte er nicht nur ein Gros der polynesischen Inselwelt, er hatte auch die ganze Welt verändert. Klimatisch, politisch und wirtschaftlich. Eine derartige neue Großklimazone hatte der Schifffahrt gegenüber den Flugzeugen eine neue Priorität eingeräumt; die großen Stratosphäre-Klipper, die Ende des letzten Jahrhunderts hatten entwickelt werden sollen und die Verbindungen zwischen New York und Tokio binnen einer Stunde ermöglicht hätten, waren nicht entwickelt und gebaut worden, weil die Jet Stream genannten Stratosphäre-Luftströmungen zu stark geworden waren. Stark genug, um einen Jet in der Luft zu zerreißen.
Tatsächlich hatte sich auch die Flughöhe der Luftfahrt reduziert, die Flugzeuge waren gezwungen tiefer zu fliegen und damit mehr Luftwiderstand in Kauf zu nehmen, was fliegen an sich noch teurer gemacht hatte.
Dies war die Renaissance für die Schifffahrt gewesen. Gerade auf dem Pazifik, rund um den Grand Roar war Schifffahrt sicherer, effektiver und vor allem günstiger geworden.
Aber je mehr Schiffe auf den alten Routen fuhren, desto mehr lockten sie natürlich Begehrlichkeiten an. Piraterie war auf dem Weg zu einem neuen Höhepunkt.
Deshalb war die Pazifikflotte gegründet worden. Und als dies noch nicht ausreichte hatte man privaten Firmen Lizenzen für den militärischen Schutz von Übersee-Schiffen erteilt.
Oder anders ausgedrückt: Firmen wie HaruNico bauten oder kauften Kampfschiffe und vermieteten sie als Begleitschutz an Frachter und Passagierschiffe. Ein teures, ein gefährliches, aber auch lohnendes Geschäft.
Und eines dieser Schiffe war die Pascal Magi, ein hoch gerüstetes Raketenschiff, aufgebaut auf dem Rumpf einer Fregatte. Die Technik war auf dem Höhepunkt der Zeit, und die Erfolgsbilanz des Schiffs konnte sich sehen lassen.
Interessiert blätterte Jim Cartridge weiter durch das Dossier, das letzte von mehreren, welche er in der vergangenen Woche aufmerksam studiert hatte, während er einen Schluck aus seinem Kaffee nahm.
Das Personalverzeichnis war sicher einen Blick wert.
Als er die entsprechende Seite aufschlug, prustete er seinen Kaffee wieder aus! Was sollte das denn werden? Waren das offizielle Fotos? Diese offenherzigen Kostüme mit dem kurzen Rock und dem Ausschnitt über dem Busen, konnte das als Uniform durchgehen?
Und die anderen Fotos, die Kinder und Jugendliche in Top und Rock zeigten, waren das Besatzungsmitglieder, oder ihre Kinder?
James seufzte ergeben und legte eine Hand vor die Stirn. DAS war also die Pascal Magi? Ein Schiff mit derart bewegter Vergangenheit, mit dieser guten Gefechtsbilanz?

„Äh, Entschuldigung…“
James sah auf. Vor seinem Tisch stand eine junge Frau. Das besondere an ihrem Anblick war, dass ihr weißes Oberteil braune Kaffeeflecken hatte, und dies in einem sehr interessanten Muster. Der Lieutenant fühlte, wie er errötete. Hatte er, als er vor Schreck den Kaffee ausgespuckt hatte, diese junge Frau getroffen?
Bestürzt erhob er sich. „Oh, das tut mir Leid. Das tut mir wirklich Leid. Selbstverständlich bezahle ich die Wäscherei für Sie. Oder wenn Ihnen das lieber ist, dann kaufe ich Ihnen ein neues Shirt.“
Für einen Moment schien es als könnte sich die junge Frau nicht entscheiden ob sie davon laufen oder wütend aufschreien wollte. Schließlich entschloss sie sich dazu, ein paar wütende Worte zu murmeln und den Lieutenant wieder anzusehen. „Ich glaube, ein neues Oberteil würde es tun, Lieutenant.“
Jim klappte die Akte zu und klemmte sie sich unter den Arm. „Dann lassen Sie uns gehen, Miss. Wichtige Dinge soll man sofort erledigen.“

Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, neben einer jungen Frau her zu gehen, deren Unwille so deutlich in ihrem Gesicht zu lesen war, dass sich Jim fast wie ein Entführer vor kam. Dabei war die rothaarige Frau keinesfalls unfreundlich. Nein, sie wirkte nur so unkomfortabel und missverstanden, dass es den Lieutenant nicht gewundert hätte, wenn ihn an der nächsten Ecke eine Menschenrechtsorganisation mit Plakaten und Protesten erwartet hätte.
„Hier, bitte.“
„Wie meinen?“
„Hier, dieses Geschäft, bitte.“
„Ach so.“ Verlegen lachte Cartridge. „Natürlich. Gehen wir hier rein. Sie haben freie Wahl, Miss.“
„Danke. Das ist sehr freundlich von Ihnen, Sir.“
„Sie müssen mich nicht Sir nennen“, tadelte Jim.
Für einen Moment wirkte die junge Frau, als würde sie wie ein Vulkan in einer Eruption an Peinlichkeit ausbrechen. Aber sie fing sich und trat an einen der Tische heran.
Nachdem sie sich einige Zeit umgesehen hatte, hielt sie schließlich ein Angebot hoch.
„Es muss nicht das Billigste sein, Miss“, erwiderte Jim. „Ich muss schließlich etwas gut machen.“
„Schlechtes Gewissen, eh?“, raunte eine Verkäuferin der jungen Frau zu. „Bei meinem Freund würde ich das ausnutzen.“
Wieder errötete sie bis an die Haarspitzen. „Er… Er ist nicht mein Freund.“
Diskret sah Cartridge zur Seite und tat so, als hätte er die Konversation nicht gehört.
„Nicht? Ich dachte, er wäre Soldat, der auf See hinausgeht und seiner Freundin noch ein Abschiedsgeschenk kauft.“ Enttäuscht sah die Verkäuferin zu Jim herüber. „Was für eine Verschwendung.“
„E-es ist in Ordnung“, stammelte die junge Frau und drückte ein anderes Oberteil an ihre Brust. „Ka-kann ich es gleich anziehen und dann bezahlen?“
„Natürlich. Die Kabinen sind da drüben.“
„Danke.“ Regelrecht erleichtert floh die Rothaarige in die Umkleidekabine.
„Natürlich bezahle ich das“, sagte Jim bestimmt. „Immerhin habe ich das andere Shirt ruiniert.“
„So?“ Nun wirkte die Verkäuferin erst recht enttäuscht. Als sie aber wieder auf sah, war ein merkwürdiger Schimmer in ihren Augen. „Ruiniert? Wie?“
„Mit Kaffee“, sagte Jim ernst und zerschlug sämtliche Phantasien der jungen Frau mit einer einzigen Attacke.
Mit einem strahlenden Lächeln kam Jims Kaffeeopfer aus der Umkleidekabine. Und der Offizier musste leider feststellen, dass das Lächeln mehrere Gründe hatte. Unter anderem einen recht hohen Preis, den er selbst für sich nie in Bekleidung investiert hätte. Aber auch die erfreuliche Tatsache, dass das neue Kleidungsstück an ihr hervorragend aussah.
Nun, das hatte einen gewissen tröstlichen Einfluss. Und da er für fast ein halbes Jahr ohnehin nicht dazu gekommen war seinen Sold auszugeben, tat ihm der kleine Aderlass nicht wirklich weh, nicht einmal annähernd.
Andererseits war er ein Gewohnheitsmensch. Kleidung musste funktionell, robust und günstig sein. Teuer passte nicht in sein persönliches Universum. Andererseits sollte er sich langsam aber sicher an den Umgang mit anderen Frauen als seinem Master Chief und seinen Marines gewöhnen, also war der heutige Tag sicher eine gute Lektion.
„Soll ich Ihnen das alte Oberteil einpacken?“, fragte die Verkäuferin freundlich.
„Danke, gerne.“

Als sie den Laden verließen, strahlte sie immer noch. Und das, fand Jim, stand ihr ausgezeichnet. Außerdem schien sie sich in seiner Nähe nicht mehr ganz so unwohl zu fühlen.
„Ich muss Ihnen gestehen, dass ich Sie etwas übervorteilt habe. Das Shirt wollte ich sowieso haben, aber es war mir etwas zu teuer, und…“
„Es ist in Ordnung“, erwiderte Jim mit einem Schmunzeln. „Sie sehen gut darin aus. Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen.“
Für einem Moment wirkte sie verlegen, aber dann nickte sie zustimmend. „Nun, Lieutenant Cartridge, dann bedanke ich mich für Ihre Freundlichkeit und für diesen glücklichen Zufall.“
„Gern geschehen. Wenn mein Malheur damit aus der Welt ist… Darf ich mich nach Ihrem Namen erkundigen?“
„Sie brauchen nicht so förmlich zu sein. Mein Name ist Tsubasa Watatsumi. Nochmal Danke, Lieutenant. Sie gehen auf See?“
„Heute noch. Ich darf nicht über die Details sprechen.“
„Ist es so geheim?“
Jim lachte. „Ich darf nicht über die Details sprechen.“
Die junge Frau hielt sich eine Hand vor den Mund und lachte prustend hinein. „Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht dazu verleiten, ihre Pflicht zu verletzen, Lieutenant Cartridge. Ich…“
„Na, wenn das mal nicht Watatsumi von der Alice Brand ist“, klang eine Stimme hinter James auf. „Hast du nun doch die Seiten gewechselt und stehst jetzt auf Männer?“
Die Stimme klang unfreundlich, anzüglich und vor allem hatte sie einen hässlichen Unterton. Und das gefiel Jim überhaupt nicht. Als er sich um wandte, um den Sprecher anzusehen, tat er dies mit einem Blick, der geringe Männer zerstören konnte.
Der Sprecher, der Mittlere aus einer Dreiergruppe Matrosen, fuhr dementsprechend erschrocken zusammen.
Jim beugte sich etwas vor. „Ich bin mir ziemlich sicher, das war nicht so gemeint wie es sich für mich angehört hat, meine Herren. Es klang nämlich so, als würden Sie einen Seefahrenden Kameraden in mehrerlei Hinsicht beleidigen.“ Jim beugte sich noch ein wenig weiter vor und war damit auf Augenhöhe mit dem Sprecher. „Und das würde ich wirklich persönlich nehmen, Petty Officer!“
Diese kleine Ermahnung, sein düsteres Gesicht und die Tatsache, dass er als First Lieutenant weit über diesem Mann stand, reichte vollkommen aus, um ihn zur bedingungslosen Kapitulation zu treiben. „Natürlich nicht. I-i-i-ich entschuldige mich dafür. W-wenn Sie mich und meine Kameraden jetzt entschuldigen würden, Sir…“

„Danke“, sagte die junge Frau, während sie den drei Männern hinterher sah, die schleunigst das Weite suchten.
„Sie brauchen sich nicht zu bedanken. Ich hasse Männer, die Frauen nicht als gleichwertig ansehen.“
„Eine ungewöhnliche Meinung, Lieutenant“, stellte Watatsumi fest.
„Lassen Sie das nicht meinen Master Chief hören. Sie ist eine große Verfechterin der Gleichberechtigung.“
„Eine Frau?“
„Ein Master Chief. Der Beste, den ich je hatte.“ Jim sah auf seine Armbanduhr und nickte. „Entschuldigen sie mich jetzt, Miss Watatsumi. Mein Termin mit dem Kapitän meines neuen Schiffs rückt näher. Aber versprechen Sie mir, auf dieses Oberteil besser auf zu passen als auf das alte.“
„Das war jetzt nicht nötig“, erwiderte sie tadelnd.
James grinste, nickte ihr zu und wandte sich ab.
„Tsubasa.“
„Was, bitte?“
„Mein Vorname ist Tsubasa. Bitte nennen Sie mich so.“
Überrascht sah Jim zurück.
„James“, erwiderte er. „Aber Freunde und gute Kameraden nennen mich Jim. Wenn das für Sie in Ordnung ist, Tsubasa.“
„Es ist in Ordnung, Jim.“
James zwinkerte, die junge Frau nickte lächelnd. Danach machte sich der First Lieutenant wieder auf den Weg. Schade. Er hätte sie gerne näher kennen gelernt. Aber man begegnete sich im Leben immer zweimal.
Zumindest hoffte er das im Fall der Bombenleger, die der Hälfte seiner Leute das Leben gekostet hatten. Und bei Tsubasa Watatsumi.
***
Während der Zugfahrt zum Pier, an dem die Pascal Magi festgemacht war, kramte Jim seinen Minicomputer hervor und ging noch einmal die wichtigsten Besatzungsmitglieder und ihre persönlichen Dossiers durch. Sein besonderes Interesse galt hier vor allem dem Skipper und dem Ersten Offizier. Beide Frauen hatten die traditionelle Navy-Akademie mit Auszeichnung bestanden und waren nach einer gemeinsamen Zeit in der Navy zusammen ausgeschieden. Nun dienten sie auf dem gleichen Schiff der HaruNico-Gesellschaft.
Wären sie in der Marine geblieben, dann wäre beiden eine kometenhafte Karriere sicher gewesen. Aber so wie Jim die Oberen Etagen der Admiralität kannte, wäre dieser kometenhafte Aufstieg an einem Schreibtisch erfolgt, und keinesfalls auf der Kommandobrücke eines Schiffs. Viel zu selten wurde heutzutage einer Frau ein Kommando gegeben. Vor allem traute man ihr nicht zu, Männern Befehle zu geben, geschweige denn das diese Männer ihren Befehlen folgten. Eine antiquierte Einstellung, die von vergreisten Admirälen und Kapitänen fadenscheinig Gebetsmühlenartig wiederholt wurde.
Vielleicht war die Pascal Magi da wirklich die richtige Lösung. Ein Schiff, auf dem nur Frauen dienten und das von Frauen kommandiert wurde.
Bei Nanaha Misaki und Tanja Kojima zeigte sich dann auch klar, dass ein solches Schiff nicht nur Erfolg hatte, sondern durchaus besser sein konnte als ein Schiff, dass von einem Mann kommandiert wurde.
Er persönlich würde kein Problem haben, sich Kapitän Misaki unterzuordnen. Und auch bei seinen Leuten erwartete er nicht wirklich Probleme. Die hatten ohnehin alle genug damit zu tun, die Geschehnisse auf dem Frachter zu verarbeiten. Genau wie er selbst.
James schob diesen unangenehmen Gedanken beiseite und widmete sich den anderen wichtigen Personen an Bord.
Da waren zum Beispiel die Kinder. Ja, Kinder. Keine besonders jung aussehenden Frauen, sondern Menschen im richtigen Alter, um Kinder zu sein. Dieser Gedanke bereitete ihm Probleme, denn Kinder sollten in die Schule gehen, mit Gleichaltrigen spielen und langsam auf den Ernst des Lebens vorbereitet werden, nicht diesen Ernst am eigenen Leib im Kampfeinsatz erfahren.
Hatte die Pascal Magi nicht bei einer gemeinsamen Aktion von Pazifik-Flotte und Sicherheitsdiensten vier Mitglieder der Crew verloren? Nun, niemand hatte danach abgemustert, und das fand James sehr interessant. Menschen, Kameraden und Freunde zu verlieren war hart, er wusste das. Und diese Frauen hatten davor nicht kapituliert und machten weiter wo sie aufgehört hatten. Mit dieser Crew hatte Kapitän Mizaki den Angreifer zur Strecke gebracht, der vier ihrer Besatzungsmitglieder das Leben gekostet hatte.
Die drei Kleinen an Bord hatten dabei eine entscheidende Rolle gespielt. Ohnehin waren sie offiziell als Genies eingestuft, was alleine schon erklärte, warum sie den Job eines Erwachsenen leisten konnten. Es erklärte nicht warum sie es taten, oder warum sie sich wissentlich in Gefahr begaben. Aber James bezweifelte ohnehin, dass es in seiner Kompetenz lag, die persönliche Entscheidung dieser Mädchen zu hinterfragen. Nicht, nachdem die Pascal Magi einmal havariert war und die drei sich entschlossen hatten, an Bord zu bleiben.
Seine direkte Vorgesetzte war Lieutenant Clio Aquanaut. Diese Frau war vor allem für ihre gleichgeschlechtlichen Affären berüchtigt, aber ihre Eignung als stets gelassene Offizierin, die auch unter Stress die richtigen Entscheidungen traf, stand außer Frage.
Ein wenig kam es Jim so vor als hätte Misaki-san nicht einfach nur Frauen um sich geschart, sondern auch die besten in ihren jeweiligen Arbeitsgebieten. Auch wenn dies bedeutete, Minderjährige auf einem Kriegsschiff zu beschäftigen.
Dies war eigentlich der einzige Punkt, der ihm wirkliche Probleme bereitete, aber er konnte ja schlecht auf dieses Kriegsschiff wechseln und den Kapitän mit Kritik für dessen Rekrutierungspolitik bombardieren.
Als der Zug hielt, sah James Cartridge bedauernd auf. Er hätte gerne noch die anderen Dossiers genauer durchgesehen, vor allem nachdem ihm beim Drill seiner Leute in der letzten Woche gerade einmal die Zeit geblieben war, die offiziellen Berichte über die letzten Einsätze der Pascal Magi durchzuarbeiten.

Ein Taxi brachte ihn zum Pier hinaus, an dem die Pascal Magi festgemacht hatte. Im Stillen besah er sich dabei die Schiffe, an denen er vorbei fuhr, in der stillen Hoffnung, dass er ein Schiff entdeckte, das Alice Brand hieß. Das hätte bedeutet, Tsubasa in der Nähe zu haben, und das hätte ihn wahrlich nicht gestört.
Als der Wagen hielt bezahlte Jim, legte ein anständiges Trinkgeld obenauf und verließ den Wagen. Das Trinkgeld war großzügig genug gewesen, damit der Fahrer ausstieg und die kleine Reisetasche des Offiziers persönlich auslud, sich ausufernd bedankte und erst nach einer Verbeugung abfuhr. Daran registrierte James, dass sein Verhältnis zu Bargeld immer noch katastrophal war.
Er straffte sich, rückte den Hut zurecht und zog noch einmal die Uniformjacke gerade. Dann schulterte er die Tasche und ging auf den Pier hinaus.
Seine Leute hatten sich dort schon versammelt, sechzehn an der Zahl, mit ihm und dem Master Chief achtzehn. Das war ein beachtliches Kommando an Einsatzsoldaten für die Pascal Magi, zudem für ein ziviles Begleitschiff. Aber Admiral Kuno hatte in diesem Punkt nicht mit sich reden lassen, und letztendlich konnte HaruNico froh sein, praktisch zum Nulltarif eine erfahrene Entermannschaft an Bord zu haben.

„ACHTUNG!“ Siebzehn Paar Hacken schlugen auf dem Beton auf. „AUGEN RECHTS!“
Master Chief Karen Jones salutierte als Cartridge näher trat, und wartete mit ihrer Meldung bis der Lieutenant ebenfalls die Hand zum Salut hob.
„Sir, ich melde das Platoon vollständig und einsatzbereit.“
„Lassen Sie rühren, Master Chief.“ Jims Blick ging über die Reihen. Sieben Frauen und elf Männer erwiderten den Blick ungerührt. „Dieses Schiff ist bis auf weiteres unsere Heimat“, sagte er ernst. „Es ist die Pascal Magi, ein Schiff mit einer sehr guten Gefechtsbilanz. Wir können stolz darauf sein, dass wir ausgerechnet diesem Schiff zugeteilt wurden.
Ich erwarte, dass ihr alle euch gut ins Bordleben einfügt. Dass mir keine Klagen kommen!“
„SIR, JA, SIR!“
James schmunzelte. Marine-Infanteristen mit Freizeit waren schlimmer zu hüten als ein Sack Flöhe. Er hoffte, dass die Crew der Pascal Magi mit ihnen auskam.
Und er hoffte, dass seine Leute es nicht übertrieben.
Er wandte sich um und ging auf die beiden Frauen zu, die ihn am Fuß der Rampe erwarteten.
Es handelte sich um den Ersten Offizier Kojima und den Waffenchief Aquanaut.
„Commander, ich melde mein Platoon bereit zum einschiffen. Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen.“
Kojima salutierte korrekt und musterte ihn für eine Weile. „Der Platz an Bord der Pascal Magi ist beschränkt. Aber Admiral Kuno hat mir zu verstehen gegeben, dass Ihnen ein Lagerraum reicht.“
„Selbstverständlich, Ma´am. Pro Mann brauche ich zwei Quadratmeter Platz.“
„Pro Mann?“, fragte sie und hob argwöhnisch die Augenbrauen.
„Entschuldigen Sie. Alte Gewohnheit. Pro Soldat, selbstverständlich.“
„Wir haben bereits einen Raum vorbereitet, Lieutenant. Ich hoffe es macht Ihnen nichts aus, wenn dort jeder… Soldat drei Quadratmeter Platz hat.“
„Selbstverständlich nicht, Commander.“
Sie lächelte freundlich. „Dann kommen Sie an Bord. Chief Aquanaut wird Ihnen den Lagerraum zeigen. Wenn Sie es wünschen macht der Chief auch gleich eine Führung an Bord mit Ihnen und bringt Sie anschließend zum Skipper.“
„Es würde mich freuen, möglichst schnell einen Überblick über die Inneneinrichtung und die Außenbereiche der Pascal Magi zu bekommen.“ Jim runzelte die Stirn. „Für Verteidigungsmaßnahmen.“
„Befürchten Sie, dass wir geentert werden?“, fragte Kojima ernst und gerade heraus.
„Commander, um genau das zu verhindern komme ich mit meinen Leuten überhaupt erst an Bord.“
Die schlanke Frau mit den schwarzen Haaren schnaubte. Es klang ein wenig frustriert.
„Kommen Sie, Lieutenant Cartridge, ich zeige Ihnen das neue Reich für Ihr Platoon“, rief Chief Aquanaut und winkte freundlich von der Laufbrücke, die sie mittlerweile halb erklommen hatte, herab.
Jim folgte ohne zu zögern und seine Leute schlossen sich als kleiner Lindwurm an.

„Kann ich Ihnen eine Frage stellen, Chief Aquanaut?“
„Schießen Sie los, Lieutenant.“
„Gibt es hier in der Nähe ein Schiff namens Alice Brand?“
Die Frau blieb abrupt stehen, und beinahe wäre der Lieutenant über sie gestolpert. „Wollen Sie mich verarschen, Lieutenant?“, fragte sie böse.
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ich habe Ihnen eine sachliche Frage gestellt und erwarte eine sachliche Antwort. Wenn Sie nicht darauf antworten können, dann lassen Sie es. Aber antworten Sie nicht mit einer Unterstellung.“
Clio Aquanaut sah den Offizier einen Moment ernst an. Dann seufzte sie. „Warum wollen Sie wissen, wo dieses Schiff liegt, Lieutenant?“
„Das ist persönlich. Aber wenn Sie es unbedingt wissen wollen, ich habe heute eine nette junge Dame kennen gelernt, die auf der Alice Brand Dienst tut. Und ich hätte überhaupt nichts dagegen sie erneut zu treffen. Sie war eine etwas zurückhaltende, aber sehr angenehme Person.“
Spitzbübisch sah sie den Offizier an. „Diese Person hat nicht vielleicht einen Namen?“
„Das ist nun wirklich persönlich, Chief“, wies Jim die Frau zurecht.
Der Waffenchief zuckte mit den Achseln. „Kein Name, kein Schiff.“
„Wie Sie meinen.“ Gut, wenn diese Frau auf stur schaltete, dann würde er das auch. Er konnte sich später auch noch auf dem Pier danach erkundigen, wo die Alice Brand lag. Wenn sie überhaupt in diesem Hafen vor Anker lag. Alles würde sich finden. Er war nicht auf diese launische Person angewiesen, deren Stimmung so schnell wechselte wie deutsches Sommerwetter. Erst fröhlich, dann wütend und nun hoch amüsiert.
„Darf ich fragen, wann Sie diese junge Dame getroffen haben, Lieutenant?“
„Nein, dürfen Sie nicht.“
„Aber, aber. Was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?“
„Sie, Chief.“
„Sir, was die Alice Brand angeht“, wandte sein Master Chief ein, „so habe ich gehört, dass…“
„Später, Karen. Ich bin sicher, Chief Aquanaut will uns zuerst so schnell wie möglich unser Quartier zeigen.“
„Natürlich. Hier entlang, bitte.“

Unter dem staunenden Blick der rein weiblichen Besatzung folgten sie dem Chief zum Heck des Schiffs, vorbei am Senkrechtstarter der Pascal Magi, dem erweiterten Auge und den erweiterten Ohren. Der Flieger hatte das Schiff bereits mehr als einmal gerettet und aus ernsten Situationen raus gehauen. Seine Pilotin musste hervorragend sein, aber das wunderte Jim bei diesem Schiff nicht wirklich.
„Tsubasa, hast du einen Moment?“, rief der Waffenchief zu der Gruppe Frauen herüber, die den Senkrechtstarter wartete.
Eine der Frauen sah herüber, und der Lieutenant fühlte sich, als würde jemand langsam und genussvoll ein großes Stück Eis an seinem Rücken herab ziehen.
„Was gibt es denn, Chief?“
„Hast du schon unseren neuen Besatzungsmitglieder kennen gelernt? First Lieutenant Cartridge und seine siebzehn Marine-Soldaten wurden uns als Bordschutz zugeteilt. Hallo, Tsubasa, hörst du mir zu?“ Aquanaut winkte mit der Rechten vor den Augen der Jetpilotin, aber die zeigte keinerlei Reaktion. Sie starrte weiterhin erstaunt den großen Offizier an. Dann ging eine erschreckende Veränderung mit ihr vor: Sie lächelte. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen würden, Jim.“
„Ich auch nicht, Tsubasa. Aber ich dachte, Sie dienen auf der Alice Brand, und dies hier ist die Pascal Magi.“ Ratlos sah er die Jetpilotin an. „Ich bin sicher, der Fehler liegt bei mir.“
Für einen Moment wirkte Tsubasa Watatsumi verwirrt und wütend, aber dann sah sie dem Offizier in die Augen und lächelte erneut. „Ach so, wegen der Idioten, um die Sie sich gekümmert haben, Jim. Die meisten männlichen Matrosen nennen unser Schiff Alice Brand. Es soll uns herab werten, weil wir eine reine Frauencrew sind.“
„Jetzt nicht mehr“, erwiderte Cartridge mit einem Schmunzeln und reichte ihr die Hand. „Ich freue mich darauf, mit Ihnen zusammen zu arbeiten, Tsubasa.“
Die Jetpilotin ergriff die Hand und drückte sie fest. „Willkommen an Bord, Jim.“
„Nun ist aber gut. Euer Begrüßungsritual könnt ihr später noch fortsetzen, wir haben schließlich noch was zu tun“, mahnte Clio Aquanaut und zog Watatsumi einen Schritt nach hinten, was den Händedruck abrupt unterbrach. Dabei lächelte sie aber so freundlich, dass ihr niemand Absicht unterstellte. „Kommen Sie, hier entlang bitte.“

Sie betraten das eigentliche Schiff durch den Hangar des Jets.
„Der Alte hat sich aber schnell eingelebt“, klang hinter James die Stimme eines seiner Corporals auf. Erst wollte er den jungen Chinesen Jeremy Lee tadeln, aber dann realisierte er das Amüsement in seiner Stimme und beließ es bei einem ermahnenden Blick.
„So, hier haben wir den Lagerraum, den wir ihnen frei geräumt haben. Hier dürfte genügend Platz für sie alle sein, wenn sie wirklich nur zwei Quadratmeter pro Mann brauchen. Und sie haben sogar noch was über.“
Einige der Frauen in der Gruppe räusperten sich. „Pro Soldat?“, bot Lieutenant Aquanaut an.
Das besänftigte die Damen.
„Master Chief, lassen Sie auspacken. Jeder soll sich seinen eigenen Bereich aussuchen. Das Kopfende hat an der Wand zu liegen, der Innenraum bleibt frei, ebenso Schott und Bullaugen. Wie ich sehe ist der Raum hervorragend gesäubert. Dann müssen wir das nicht übernehmen. Danach führen Sie eine Inspektion der Kampfausrüstung durch.“
„Aye, Sir.“
„Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Lieutenant Aquanaut. Wären Sie so freundlich und würden mir die sanitären Einrichtungen zeigen, die meine Leute benutzen dürfen? Wird es erforderlich sein, getrennte Zeiten für Männer und Frauen einzurichten?“
„Keine Sorge, keine Sorge, darum haben wir uns schon gekümmert. Gehen wir zuerst mal zum Skipper. Sie wartet schon sehnsüchtig auf Sie, Lieutenant. Und auf dem Weg schauen wir uns schon mal ein paar Gänge an.“ Aquanaut begleitete ihre Worte mit einem amüsierten Zwinkern.

Auf dem Gang rannte Lieutenant Aquanaut in einen mit einem großen Wäschekorb beladenen Matrosen. Drei Dinge gingen zu Boden, unter ihnen die Wäsche. Cartridge griff zu und rettete wenigstens die saubere Wäsche. „Hyosuke-kun, bist du in Ordnung? Ich habe dich gar nicht kommen gesehen.“
„Autsch. Was ist mit der Wäsche? Ich wollte sie draußen aufhängen. Wenn ich sie jetzt noch mal waschen muss…“
„Entschuldigen Sie, Lieutenant, aber ist die Pascal Magi nicht ein reines Frauenschiff?“
„Ach. Das ist Hyosuke Nagimiya, der Stiefbruder vom Skipper.“ Sie tätschelte dem Jüngeren wie einem kleinen Kind den Kopf. „Das hier ist sein Zuhause, und wir sehen alle nur den Kameraden in ihm, nicht den Mann.“
Dazu schien er etwas zu sagen zu haben, aber er schluckte seinen Ärger runter.
„Jedenfalls ist die Wäsche gerettet. Ich konnte schnell genug zugreifen.“ Hoffentlich war dieser Themawechsel genug, um die angespannte Stimmung wieder zu richten. Jim drückte Nagimiya den Korb wieder in die Hand.
„Oh!“, sagte der junge Mann erfreut. „Ich danke Ihnen, Mister…“
„First Lieutenant Cartridge. Er ist der Anführer der Infanteristen, die wir heute an Bord genommen haben.“
„Oh. Freut mich sehr. Ich würde Ihnen ja die Hand geben, aber dann fällt die Wäsche doch noch runter.“
James nickte. „Schaffen Sie das? Es ist ein ordentliches Gewicht.“
„Keine Sorge, ich überschätze mich selten.“ Ein spöttisches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Sehr selten.“
„Oh, ihr seid noch nicht weg? Ich muss zu Tanja, also schließe ich mich einfach an. Hy-Hyosuke?“
„Tsubasa. Hallo. Wir haben uns ja heute noch gar nicht gesehen“, sagte der junge Mann mit einem verlegenen Lächeln.
„Du willst die Wäsche aufhängen? Draußen geht eine gute Brise.“
„Gut zu wissen. Ich werde mehr Klammern nehmen müssen. Und du willst zu Tanja? Hast du was ausgefressen?“
„Nein, wir haben nur ein Lager für Jim und seine Leute ausgeräumt, und nun wollen wir die Neuorganisation der Lagerräume besprechen.“ Sie errötete. „Ich meine natürlich Lieutenant Cartridge.“
„Jim?“ Der Blick des Jüngeren blieb an dem Offizier hängen, aber nur für einen Moment. „I-ich gehe dann mal meine Wäsche aufhängen. Wir sehen uns vielleicht noch, Tsubasa.“
„Ja, vielleicht. Das Schiff ist ja so klein.“
James fühlte sich versucht einen Kommentar abzugeben, aber er war noch nicht lange genug an Bord, um seine Meinung äußern zu können. Er konnte viel zu leicht falsch liegen.
„Entschuldigen Sie den kleinen Zwischenfall, Lieutenant Cartridge. Aber Sie wissen ja selbst wie eng es an Bord der meisten Schiffe ist. Kommen Sie bitte hier lang.“
Mit dem Lieutenant und Watatsumi im Schlepptau setzte die Offizierin ihren Weg fort.

„Willkommen an Bord der Pascal Magi, First Lieutenant Cartridge.“ Statt mit einem militärischen Salut empfing ihn Captain Nanaha Misaki mit einem kräftigen Händedruck. Die Frau war beinahe anderthalb Köpfe kleiner als er, aber sie hatte eine Persönlichkeit, die das schnell vergessen lassen konnte. „Ich hoffe, der Lagerraum, den wir Ihnen und ihren Leuten zugewiesen haben ist nicht zu klein. Wir haben uns bemüht, über den Vorgaben zu bleiben, auch wenn das unsere Tsubasa und ihr Wartungsteam in leichte Schwierigkeiten bringt“, sagte sie mit einem Seitenblick auf die rothaarige Jetpilotin, die mit Commander Kojima abseits von ihnen diskutierte.
„Meinen ersten Offizier Tanja Kojima kennen Sie ja schon. Ebenso First Lieutenant Aquanaut, die Ihre direkte Vorgesetzte sein wird. Ich hoffe das ist Ihnen Recht?“
„Keine Einwände, Ma´am. Weder bei der personellen Besetzung, noch beim Lagerraum.“ Diskret sah James auf seine Rechte hinab, die der Skipper immer noch umschlossen hielt. Verlegen ließ sie los, dabei ruckte die Hand des Lieutenant, und der Ärmel seines Uniformhemdes rutschte nach hinten. Dort blitzten seine fast verheilten Brandnarben auf.
Misaki ächzte gequält auf, als sie die Narben sah. Ihr Blick traf sich mit dem von Lieutenant Cartridge. „Haben Sie noch eine Minute, Lieutenant?“
„Natürlich, Ma´am.“
„Tanja, du hast die Brücke.“
„Aye, Shorty. Ist was?“
„Nur eine Plauderei unter vier Augen.“ Sie sah Lieutenant Aquanaut an, die ihr ebenso dicht folgte wie Cartridge und sagte: „Vier Augen, Clio.“
Murrend blieb die blauhaarige Frau zurück.

„Leider habe ich kein Büro, deshalb müssen wir in meine Kabine gehen. So groß ist die Pascal Magi halt nicht.“
„Kein Problem, Ma´am.“
„So, hier hinein. Bitte setzen Sie hin sich wo Sie wollen, nur nicht dort drüben. Der Bereich gehört meinen kleinen Bruder.“
Verstehend lächelte Cartridge. „Ah, Hyosuke-kun. Ich habe ihn schon kennen gelernt.“
„Schön“, sagte sie, aber ihr Blick bewies, dass sie nicht wirklich zugehört hatte. „Lieutenant Cartridge, der Grund warum ich Admiral Kunos Angebot akzeptiert habe, Sie und Ihre Leute an Bord zu nehmen ist… Ich weiß es, und es tut mir wahnsinnig Leid.“
„Sie wissen was?“
„Ich weiß, dass Sie die Entermission angeführt haben, damals, als der Frachter ferngesteuerte Schnellboote auf die Pascal Magi losgelassen hat. Ich weiß, dass der Frachter eine Falle war. Ich weiß, dass viele Ihrer Leute gestorben sind, als das Schiff explodierte.“ Vorsichtig sah sie auf Jims rechten Arm. „Und ich weiß, dass über die Hälfte Ihrer Leute getötet, und Sie und viele Ihrer Leute verletzt wurden, zum Teil schwer...“
„Ach, das meinen Sie.“ Mit einer nebensächlichen Geste knöpfte er den Hemdsärmel auf und krempelte ihn hoch. Dabei entblößte er die weiße, neue Haut, die ihm nach der Behandlung auf der Brandwunde gewachsen war. „Ich weiß, es sieht merkwürdig aus, aber es ist nicht wirklich eine Verletzung. Nicht mehr. Da habe ich ganz andere Narben am Körper, glauben Sie mir. Ich darf die neue Haut nur vorerst nicht der Sonne aussetzen, weil sie sehr lichtempfindlich ist. Also machen Sie sich wegen mir keine Gedanken.“
„Aber wegen der Pascal Magi haben Sie…“
„Ma´am, Sie haben einen wichtigen Politiker beschützt. Sie haben ihn sicher nach Hause gebracht – oder vielmehr sie. Ihnen und Ihrer Aktion verdankt sie ihr Leben und die Chance, ernsthaft in die Pazifik-Politik einzugreifen. Ich und meine Leute haben nur unseren Job gemacht. Dass wir in eine Falle laufen würden konnten wir ahnen, aber nicht wissen. Es hätte nichts geändert. Wir wären trotzdem rein gegangen. Ich könnte Sie und die Pascal Magi dafür hassen, aber das wäre ein leichter, ein viel zu leichter und viel zu bequemer Weg. Stattdessen stehe ich vor Ihnen und sage Ihnen, dass zwei Dutzend meiner Leute starben, um die Pascal Magi zu beschützen. Und ich glaube, dass sie nicht umsonst gestorben sind. Lassen Sie mich und meine Leute dies auch weiterhin tun. Lassen Sie uns dieses Schiff und seine Crew vor den Hintermännern der Neunten These beschützen, damit unsere Kameraden nicht umsonst gestorben sind. Ich bitte Sie.“
James ergriff beide Hände der jungen Kapitänin. „Ursprünglich hat mich Admiral Kuno hier auf das Abstellgleis geschoben, bis seine Leute herausgefunden haben, wessen Tür ich eintreten muss, um die Hintermänner ins Licht zu zerren. Und ursprünglich war ich über ein Schiff, das nur von Frauen bemannt ist, nicht sehr begeistert, weil ich Probleme mit meinen männlichen Untergebenen befürchtet habe… Eigentlich befürchte ich sie immer noch. Aber ob Sie es wollen oder nicht, Sie und die Pascal Magi haben den zweiten Grand Roar vernichtet und sich damit in Gefahr gebracht. Wie groß diese Gefahr ist, wie nachtragend Ihre Gegner sind weiß ich nicht, aber ich werde zwischen denen und Ihrer Crew stehen, Skipper. Das, und nur das verspreche ich. Habe ich Ihre Erlaubnis dafür?“
Ergriffen sah Nanaha den groß gewachsenen Offizier an. „Ja“, hauchte sie schließlich.
„Will ich wissen, was hier vorgeht?“, klang eine Frauenstimme auf.
Beide sahen zur Tür und Cartridge erkannte die Erste Offizierin.
Tanja Kojima schob ihre Brille wieder die Nase hinauf und zuckte mit den Schultern. „Wer es anfasst muss es kaufen, Soldat. Hat Ihnen das schon mal jemand erzählt?“
James und der Skipper sahen verdutzt zu Kojima herüber, dann auf ihre Hände und ließen hastig los.
Verlegen sah Nanaha ihren Ersten Offizier an. „Was gibt es, Eins O?“
„Wir haben Erlaubnis erhalten, den Hafen zu verlassen. Die RODRIGUEZ läuft ebenfalls in einer halben Stunde aus. Als Skipper solltest du auf der Brücke sein.“
„Einverstanden. Ich bin in zwei Minuten da.“ Sie sah zu James. „Und Sie, Lieutenant, sollten sich das Schiff sehr genau ansehen. Einem Marine-Soldaten muss ich wohl kaum die Prinzipien der Schiffsverteidigung erklären.“
„Nein, das müssen Sie nicht, Skipper.“ James salutierte vor der Frau. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden. Die Pflicht ruft.“
„Auch bei mir.“
Beide gingen nebeneinander zur Tür, wären beinahe zugleich durchgetreten. James wollte dem Skipper Vorrang lassen, aber dann erinnerte er sich, wo er war und folgte der Einladung von Nanaha. „Skipper, Eins O.“ Mit diesen Worten verließ er die beiden in Richtung Hangar.

„Nun“, sagte Tanja widerstrebend, „gut sieht er ja aus. Aber seit wann stehst du auf Schränke ohne Hirn?“
„Was du schon wieder denkst. Lass dir bei Gelegenheit mal seinen rechten Arm zeigen, dann sollte dir einiges klar werden.“ Nanaha ging in Richtung Brücke davon. „Kommst du, Tanja?“
„Aye, Shorty. Warum den rechten Arm? Nanaha? Nanaha?“
***
Als James Cartridge den ehemaligen Lagerraum erneut betrat, roch es schon vom ersten Moment an nach Waffenöl, Schuhcreme und einem unaufdringlichen Raumspray, welches sein Master Chief bei solchen Gelegenheiten aus zu sprühen pflegte. Seine Soldaten hatten sich inzwischen eingerichtet. Feldbetten waren aufgebaut worden, und die Rucksäcke hatten Platz auf den zugewiesenen zwei Quadratmetern pro Person gefunden. Im Moment hockten alle auf ihren Plätzen und zerlegten mit verbundenen Augen ihre Handfeuerwaffen. Master Chief Jones beaufsichtigte das Treiben mit strengem Blick.
„Wu! Schneller muss das gehen! LaFleure! Der Bolzen, den Sie suchen, liegt rechts von ihren rechten Knie! Schmitt! Geschwindigkeit ist schön und gut, aber wenn Sie wirklich einen halb zerlegten Verschluss einbauen, lasse ich Sie mit dieser Waffe schießen!“
Sie sah zu ihm herüber und wollte salutieren, doch Cartridge winkte ab. Der Master Chief verstand. „Zeit ist um! Wieder zerlegen!“

Er ging wieder auf den Gang hinaus und machte sich daran, die Waschräume zu inspizieren, die seine Leute benutzen würden.
Tatsächlich war Lieutenant Aquanaut so schlau gewesen, einen Zeitplan für die rotierende Benutzung aufzuhängen. Das Zeitfenster für seine Männer war recht klein, darum entschloss er sich, die Größe des Waschraums zu inspizieren.
Er klopfte, und als keine Antwort erklang, öffnete er die Tür. Licht flammte automatisch auf und verriet ihm, dass er alleine war. Ein schneller Blick in die Runde offenbarte sechs Waschtische, acht Toilettenkabinen europäischer Fertigung sowie einen Duschraum mit insgesamt zwölf Duschen, und einem Umkleideraum auf der gleichen Fläche, welche auch die Toiletten einnahmen.
Nun, er hatte eher ein Bad erwartet, aber eine Dusche passte besser zu einem Soldaten. Im Einsatz musste man immer Einschränkungen auf sich nehmen, fand James. Gegenüber manch anderer Situation in der er schon gesteckt hatte, war dies hier purer Luxus.
Als er den Waschraum wieder verließ, dachte er kurz daran, dass er beim betreten vielleicht in ein halbnacktes Besatzungsmitglied hätte rennen können. Den Ärger hatte er sich zum Glück erspart. Dafür lief er beim verlassen in einen hinein.
Lieutenant Cartridge war recht massiv, das musste auch der unglückliche Hyosuke einsehen. Das Ergebnis war, dass er Sekunden darauf auf seinem Hintern landete, während Cartridge stehen blieb. „Sind Sie in Ordnung?“, fragte der Lieutenant und reichte dem jungen Mann die Hand.
Der rieb sich gerade seinen lädierten Hintern. „Geht so. Ich habe das Gefühl, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen.“ Dankbar ließ er sich aufhelfen.
„Ich habe den Waschraum inspiziert“, sagte der Lieutenant. „Er scheint für die Benutzungszeiten meiner Männer auszureichen.“
„Ach, das steht auf dem Zettel. Ich wollte ihn gerade lesen, als Sie raus kamen, Sir.“
„Sagen Sie nicht Sir, nennen Sie mich Jim. Sie sind keiner meiner Leute, und deshalb schulden Sie mir weder Gehorsam noch Respekt. Haben Sie etwas Zeit, Hyosuke Nagimiya? Ich glaube, Sie können mir einige interessante Dinge über dieses Schiff und seine Crew erzählen.“
„Sicher. Warum nicht?“
***
Vom Bug hatte man einen wunderschönen Blick auf die offene See. Zwar hatte die Pascal Magi den Hafen noch nicht verlassen, aber die Mole an der das Schiff lag, war eine der exponiertesten, und erlaubte damit einen Blick auf den friedlichen Pazifik. Einerseits war die Exponierung des Schiffs negativ zu bewerten, andererseits war kein Pirat so dumm, einen Angriff auf den Hafen des künstlichen Eilands zu wagen. Jedenfalls nicht soweit Cartridge wusste. Nach dem Geschehen der letzten Zeit hielt er es zumindest für möglich, dass es Gruppierungen da draußen gab, die wahnsinnig genug für einen solchen Versuch waren. James beschloss, diesen Gedanken in seine Vorbereitungen aufzunehmen, wenn er den Sicherheitsplan für dieses Schiff erstellte. Eine Deckwache für die Nachtstunden, die frühen Morgenstunden und die Abendzeit würde es auf jeden Fall geben.
„Ein schöner Anblick“, stellte James fest. „Ich habe die Seeluft lange vermisst.“
Hyosuke legte verlegen die Rechte hinter den Kopf und lachte leise. „Ich habe davon gehört. Sie waren der Unglücksrabe, der auf diesem Frachter war, über den die Drohnenboote gelenkt wurden, die uns attackiert haben, nicht?“
„Unglücksrabe ist überaus zutreffend“, murmelte James Cartridge und spürte für einen Moment, wie die alten Verbrennungen zu schmerzen begannen. Doch das unangenehme Gefühl verflog schnell wieder.
„Erzählen Sie mir über das Schiff, Hyosuke-kun“, bat der Lieutenant. „Erzählen Sie mir etwas über die Besatzung.“
Verdutzt sah der junge Mann Cartridge an. „Was soll ich Ihnen denn da erzählen?"
"Wie wäre es mit alles?" Cartridge warf dem Jüngeren einen amüsierten Blick zu. "Sie haben mit dem Skipper und dem Ersten Offizier Kojima zwei Elite-Offiziere im Kommando. In Ihrer CIC sitzen gleich vier Genies, wenn ich Misaki mal außen vor lasse. Minderjährige Genies. Haben Sie sich nie Gedanken darüber gemacht, warum dieses Schiff einerseits nur von Frauen und Mädchen besetzt ist, andererseits aber in allen bisherigen Fahrten erst vier Verluste hatte?" Nachdenklich ließ der Lieutenant seinen Blick über den langen Wellenkamm schweifen, der sich in der leichten Brise weiß kräuselte und leicht gischte. Windstärke drei, zunehmend, registrierte sein seemännischer Verstand. "Die Pascal Magi ist das Schiff eines privaten Reeders. Ein Söldner, wenn wir es genau nehmen. Und die professionellen Begleitschutzschiffe in privater Hand hatten alleine in diesem Jahr siebzehn Prozent Verluste in der Besatzung, und jedes dritte Schiff wurde aufgegeben oder versenkt. Beim Militär liegt die Quote nur etwas besser. Und das hängt beileibe nicht an den horrenden Verlusten, die unsere Pazifikflotte im Kampf gegen diese Piratennester im Südwesten erlitten hat."
"Was wollen Sie damit sagen, Sir?", erwiderte Hyosuke teils verunsichert, teils verärgert.
"Dass dieses Schiff eine hervorragende Crew und einen außergewöhnlichen Captain hat. Vier Verluste sind - verzeihen Sie mir - nichts im Anbetracht der absolvierten Missionen und der durchschnittlichen Verlustzahlen. Man könnte meinen, die Pascal Magi wurde nur auf Kuschelkursmissionen geschickt, aber dem ist nicht so. Also bedeutet es, dass diese ungewöhnlich junge Mannschaft und der Skipper zum Besten gehören müssen, was wir im Pazifik haben. Vielleicht sollte ich da nicht "zum Besten gehören" sagen, sondern "sind die besten". Und da fragen Sie mich, was Sie erzählen sollen, Hyosuke?"
Er deutete mit einem Daumen hinter sich. "Am besten fangen Sie mal mit den beiden Kids an, die uns nun schon geschlagene fünf Minuten belauschen."

Hinter ihnen erklangen zwei Geräusche ungläubigen Erstaunens, und Hyosuke folgte der Richtung, die der Daumen des Lieutenants wies, mit den Augen. Auf einem höheren Aufbau versuchten sich gerade zwei blonde Köpfe hinter einer Aufbaute zu verstecken.
"Oh. OH! Das sind die Akoya-Geschwister. Manatsu und Mashu. Sie... Es ist schwierig zu erklären."
Einer der beiden Köpfe schoss wieder hoch, und eine wütende Mädchenstimme rief: "Was ist daran schwierig zu erklären? Wenn wir den Laden hier nicht zusammen halten würden, dann..."
"Beruhige dich, Manatsu", klang die Stimme des anderen Mädchen auf. "Ich bin sicher, Hyosuke hat es nicht böse gemeint."
"Um so schlimmer! Dann hat er es unbedacht gesagt! Und von mir sagt man, ich sei noch ein Kind! Also wirklich!"
Hyosuke lachte verlegen. "Die beiden arbeiten in der CIC als Spezialisten für die computergestützte Abwehr. Sie waren auch maßgeblich an der Programmierung unseres OS beteiligt. Darüber hinaus sorgen sie mit ihrer guten Laune für ein angenehmes Bordklima und... Ich sagte ja, es ist schwierig zu erklären."
Die beiden Mädchen sahen den IT-Experten mit hingerissenen Blicken an. So viel Lob hatten sie anscheinend nicht erwartet.
Jim wandte sich um und runzelte die Stirn. "Ist das so? In meinen Daten stand, dass die beiden zu gerne den Pausenclown geben würden. Wahrscheinlich den besten der Flotte, aber in dem Alter darf man halt noch beides sein: Albern und Elite."
Teils verärgert, teils erstaunt sahen die Zwillinge den Offizier an. So richtig entscheiden auf welche seiner Worte sie nun reagieren wollten, konnten sie nicht. Also warf Manatsu die Arme hoch und stieß eine ärgerliche Verwünschung aus. "Macht doch, was ihr wollt! Männer!" Mashu eilte ihrer Schwester hinterher. "Manatsu, warte! Du gibst doch nicht etwa auf?"
"Aufgeben kann man nur, wenn man einen Kampf begonnen hat. Und ich kämpfe nicht gegen Unbewaffnete!", fauchte sie. Kurz darauf schloss sich ein Schott hinter den Zwillingen.
"Unbewaffnet. Sie meinte einen Kampf mit geistigen Fähigkeiten, und sie impliziert...", begann Hyosuke, bevor ihm bewusst wurde, was er gerade erklärte.
"Sie will damit sagen, dass ich als nur aus Muskeln bestehender Marine natürlich nicht genügend Grips habe, um gegen sie auch nur eine Sekunde zu bestehen."
"Schon gar nicht gegen beide. Sie haben die Akoya-Zwillinge überrascht, deshalb hatten Sie es nur mit einer zu tun. Zusammen sind sie... Für ihr Alter viel zu anstrengend", murmelte Hyosuke und schüttelte den Kopf, wie um eine unliebsame Erinnerung los zu werden.
James schmunzelte. "Also, langweilig wird mir auf diesem Schiff eher nicht. Haben Sie sonst noch interessante Personen an Bord?"
"Meinen Sie interessant, oder anstrengend?", scherzte der junge Mann.
"Beides. Was ist mit Miharu-chan? Ich habe gehört, sie war speziell an der Entwicklung des Gefechts-OS beteiligt. Für ein Mädchen in ihrem Alter, das sogar noch unter dem der Akoya-Zwillinge liegt, eine reife Leistung."
"Hm", macht Hyosuke, legte beide Ellenbögen auf die Reling und lehnte sich vor. "Schwierig. Als ich dieses Schiff das erste Mal betreten habe, geschah das noch als Vertreter der Firma, die im Auftrag von HaruNico die Computeranlagen wartet und das ursprüngliche Operating System betreut. An Bord musste ich dann feststellen, dass die Mädchen das, was ich für den derzeitigen Gipfel der Technik gehalten habe, längst deklassiert hatten. In meiner Zeit an Bord hat Shimabara-kun ein neues OS aufgesetzt und mir geschenkt. Ich habe es meinem Unternehmen überlassen, und... Jedenfalls wird sie sich um Geld keine Sorgen mehr machen müssen, dafür habe ich gesorgt. Sie ist sehr zurückhaltend, extrem schüchtern, aber im höchsten Maße genial. Bevor sie auf die Pascal Magi kam, hat sie an einer Schule für Höchstbegabte gelernt. Aber ich denke, richtig wohl fühlt sie sich nur hier auf diesem Schiff, wo sie weder in Konkurrenz zu anderen Höchstbegabten steht, noch auf Freundschaften verzichten muss. Glauben Sie was Sie wollen, Lieutenant, aber ich denke, die Schule hätte sie kaputt gefördert. Hier auf der Pascal Magi hingegen hat sie wenigstens ein annähernd normales Leben, und..." Er lächelte schief. "Entschuldigen Sie, aber ich fühle mich für sie und die meisten Mädchen hier an Bord verantwortlich, so wie ein großer Bruder. Gerade für Miharu-chan. Ich konnte noch nichts für sie tun was ein großer Bruder normalerweise tun würde, aber sie kommt sehr gut zurecht. Das beruhigt. Das beruhigt ungemein."

Cartridge klopfte Hyosuke anerkennend auf die Schulter. "Sie kriegen Ihre Gelegenheit, da bin ich mir sicher. Und bis dahin begnügen Sie sich einfach damit, zu sein was Sie sind, Hyosuke. Ich denke, damit helfen Sie allen an Bord."
"Zu sein was ich bin?" Er schnaubte amüsiert. "Das sollten wir nicht allzu laut aussprechen, denn für Shimabara-sensei oder Lieutenant Aquanaut könnte das eine Einladung sein, um mich ein wenig... Zu triezen."
"Shimabara-sensei?"
"Mitori Shimabara, die Lazarett-Leiterin. Halten Sie einfach nach einer großen, blonden Frau mit perfekter Figur und der Pheromon-Ausstrahlung einer Hundertschaft Ausschau, und Sie haben sie gefunden."
Amüsiert gestattete sich der Lieutenant ein leises Schnauben. "Zuerst dachte ich, Sie beschreiben First Lieutenant Aquanaut. Dann haben Sie ja zwei von der Sorte an Bord."
"Oh, die beiden unterscheiden sich schon", murmelte Hyosuke. "Shimabara-sensei lebt strikt heterosexuell. Sie ist verheiratet, hat ein Kind... Lieutenant Aquanaut hingegen..."
"Ist nicht heterosexuell?"
"Sagen wir es so: Ein großer stattlicher Kerl wie Sie wäre ebenso wenig vor ihr sicher wie Ihr Master Chief."
"Sie ist nicht sehr wählerisch, oder?"
"Oh, das würde ihr Unrecht tun. Sie ist sehr wählerisch. Sehr, sehr wählerisch. Aber sie kennt halt kein Stopp und kein Maß. Und bitte, fragen Sie mich nicht, was dann sie tut. Ich habe es bisher erfolgreich vermieden, und möchte es nicht vor Augen geführt bekommen."
"Ist registriert. Haben Sie also ein schweres Leben an Bord, so als einziger Mann?"
Nun schnaubte Hyosuke amüsiert. "Oh, auf diesem speziellen Gebiet werde ich schon ein wenig... Getestet, getriezt oder einfach nur liebevoll gepiesackt. Aber ich bin der kleine Bruder vom Skipper. Das schützt mich wohl ein wenig. Und außerdem sind ja nun Sie und Ihre Männer an Bord."
Düster schoben sich die Augenbrauen auf der Stirn Cartridges zusammen. "Malen Sie den Teufel nicht an die Wand, Hyosuke. Ich habe meinen Leuten eingebläut, an Bord brav zu sein."
"Was ist wenn die Crew selbst nicht brav ist?", hakte der junge Mann nach.
"Mein Wort sollte das viert-oberste Gesetz für sie sein."
"Wieso das viert-oberste?"
"Das oberste Gesetz an Bord ist Captain Nanaha. Danach kommt Commander Kojima. Darauf folgt First Lieutenant Aquanaut. Dann bin ich dran."
"Clio ist in Ihrer Befehlskette?" Hyosuke runzelte die Stirn. "Na, viel Vergnügen, Marine."
"Danke. Sie machen mir ja Mut, Hyosuke", murrte James.
"Viel Feind, viel Ehr´. Kennen Sie diesen Sprichwort?", sagt Hyosuke in spottendem Ton. "Clio ist eine ganze Menge Feind für einen einzelnen Marine."
"Himmel hilf. Wahrscheinlich kann ich froh sein, dass ich jetzt zur Crew gehöre", erwiderte James mit gespieltem Entsetzen.
Hyosuke zuckte nicht mal mit einer Wimper, als er erwiderte: "Korrekt, Lieutenant. Vollkommen korrekt."
James schmunzelte dünn. "Was ist mit Watatsumi? Sie fliegt den Späher, richtig?"
"Und sie ist verdammt gut darin. Der Jet hat eine dreiköpfige Besatzung, die Tsubasa anführt. Sie gehört zu den Besten", sagte der junge Mann mit Stolz in der Stimme.
"So. Ich werde mich davon überzeugen, dass Sie Recht haben, Hyosuke. Hat sie einen Freund?"
Hyosuke schoss das Blut in die Wangen. "Was, bitte?"
"Hat Tsubasa einen Freund? Oder meinetwegen eine Freundin? Ist sie in festen Händen? Sie schien zuerst sehr unsicher zu sein, als wir uns begegneten, deshalb bin ich mir nicht sicher, ob sie wirklich gut mit Männern umgehen kann. Zu mir ist sie sehr nett, aber vielleicht sehe ich ihr einfach weiblich genug aus."
Hoysuke zischte einen amüsierten Fluch. "Sie und weiblich, Jim? In welchem Universum? Nein, sie hat keinen Freund. Und auch keine Freundin. Sie... Sie... Es ist schwierig. Warum fragen Sie?"
James ließ einen leisen Verlegenheitslaut hören. "Würde es Sie überraschen wenn ich Ihnen sage, dass ich für die junge Frau Interesse habe, Hyosuke?"
"WAS?"
"Ist das so ungewöhnlich auf der Pascal Magi? Hat denn außer der Bordärztin keines der Mädchen eine Beziehung zu einem Mann?"
"Nein, das ist es nicht. Aber Tsubasa, ich meine Watatsumi ist..." Hilflos hob der junge Mann die Arme und ließ sie wieder sinken.
"Oh." Cartridge dämmerte, was die Reaktion Hyosukes bedeutete. Wenn er also ernsthaftes Interesse an der Jetpilotin entwickelte, würde der junge Mann hier eventuell sein Rivale sein. Wenn er sich die Szene der Vertrautheit in Erinnerung rief, mit der die beiden miteinander umgegangen waren, ein womöglich sehr starker Rivale.
Abwehrend hob Hyosuke die Arme. "Verstehen Sie mich nicht falsch, Jim, ich habe kein Interesse an ihr. Aber ich denke schon, dass sie eine erfüllende Beziehung verdient hat, und..."
James seufzte leise. Blind. Der Junge war schlicht und einfach blind.
Er stieß sich vom Geländer ab. "Wie wäre es jetzt mit einer kleinen Rundreise zu all den Damen, die Sie mir gerade beschrieben haben, bevor die Rodriguez und die Pascal Magi auslaufen?"
Hyosuke stieß sich ebenfalls vom Geländer ab und ging voran. "Fangen wir mit was leichtem an, der CIC."
***
"Nett, dass Sie uns besuchen kommen, Jim", sagte Lieutenant Aquanaut mit einem sehr freundlichen Lächeln. "Ach, Hyosuke, führst du unseren Gast ein wenig herum?"
"Ich habe ihn dazu gezwungen, Ma´am", erwiderte der Marine amüsiert. "Darf ich mich ein wenig umsehen?"
"Warum nicht? Wir legen erst in ein paar Minuten ab. Die Rodriguez verlässt den Hafen bereits, wir folgen auf Geleitschutzposition eine halbe Seemeile hinter ihr. Wir tun das, um..."
"Freies Schussfeld zu haben, schon klar. Außerdem kann die Pascal Magi die Rodriguez jederzeit ein- und überholen." James Cartridge betrat die Gefechtszentrale und musterte die Anwesenden. "Euch kenne ich ja schon", meinte er schmunzelnd zu den blonden Zwillingen.
"Allerdings", murrte Manatsu ärgerlich, während Mashu ihre Schwester zu beschwichtigen versuchte.
"Friede, ihr zwei. Ich komme in diplomatischer Mission", versicherte er grinsend, während er zum dritten besetzten Sessel trat. "Und du, junge Dame, musst Miharu Shimabara sein. Freut mich dich kennen zu lernen."
Wenn es an Bord irgendwo ein weibliches Wesen gab, das die Bezeichnung Mädchen verdient hatte, dann waren es die Ayoka-Zwillinge, und das kleine blauhaarige Mädchen mit der viel zu großen Brille, das verlegen zu ihm auf sah. Es fiel ihm schwer, sehr schwer zu akzeptieren, diese Kinder an Bord eines Kriegsschiffs zu wissen, in Gefahr, in Lebensgefahr sogar. Aber die drei hatten schon einige Gefechte überstanden, und ihre Hilfe war dabei essentiell gewesen. Zudem war die CIC der sicherste Ort im ganzen Schiff. Und letztendlich hatte er hier absolut nichts zu befehlen oder zu entscheiden, was über die Schiffsabwehr hinaus ging. Also musste er es akzeptieren.
Das Mädchen errötete und winkte Hyosuke heran. Der beugte sich leicht vor und lauschte dem leisen Flüstern  der jungen Dame. Dazu nickte er ab und an bestätigend.
"Sie fragt, ob sie die Narben auf Ihrem Arm sehen darf, Jim. Sie hat davon gehört, dass Sie auf dem Frachter waren, der eine riesige Bombe war. Und sie entschuldigt sich dafür, dass sie es nicht voraus gesehen und Sie nicht gewarnt hat."
Für einen Augenblick zitterten James die Beine. Ein so kleiner Mensch, egal wie genial er war, sollte sich nicht so viel Verantwortung auferlegen. Der Fehler, der ihn und viele seiner Leute verletzt und den Rest getötet hatte, war seiner, sicher nicht ihrer gewesen.
"Natürlich." Er krempelte den rechten Ärmel hoch. Deutlich zeichnete sich der Verlauf der noch neuen, Lichtempfindlichen weißen Haut auf dem eigentlich gebräunten Arm ab.
Wieder flüsterte sie Hyosuke etwas ins Ohr.
Das Gesicht des Computerspezialisten verdüsterte sich. "Sie fragt, ob Sie wegen der Wunden böse mit ihr sind."
James spürte ein neues Gefühl in sich. Eigentlich einen alten Bekannten, aber er war schon lange nicht mehr zu Gast in seiner Gefühlswelt gewesen: Verlegenheit. Wie viel von seinem Schmerz wollte dieses kleine Mädchen auf sich laden? Wie viel ertragen? Wie viel wissen? Sein Respekt vor diesem winzigen Menschen wuchs enorm.
Er streckte die Rechte aus, was sie dazu brachte, angstvoll zur Seite zu sehen. Als er ihr aber nur den Kopf tätschelte sah sie verwundert auf.
"Du bist nicht Schuld daran. Ich bin Schuld. Schuld an diesen Brandwunden, Schuld am Tod meiner Leute, Schuld an jeder einzelnen Verletzung. Weißt du, es ist meine Aufgabe, in solche Situationen zu gehen. Es ist auch meine Aufgabe, verletzt zu werden und auch zu sterben. Klingt beschissen, ich weiß. Aber dafür habe ich unterschrieben. Dafür lebe ich. Und wenn einer meiner Leute stirbt, dann liegt das niemals an anderen. Dann liegt es daran, wie ich führe, wie ich Situationen beurteile. Wie ich den Feind durchschaue. Vielleicht hättest du die Bombe erkannt. Vielleicht hättest du uns warnen und uns alle retten können. Aber genauso gut kann ich sagen, vielleicht hätten wir die Frachter nie gefunden, wären nie an Bord gegangen, nie in die Explosion geraten. Oder wir wären früher dort gewesen, hätten die Bombe rechtzeitig gefunden, sie entschärft, oder noch schneller evakuiert. Mit Vielleichts kann sich ein Anführer nicht abgeben. Er kann nur sehen was passiert ist, und er kann darauf aufbauen. Aber er darf sich nie in was wäre wenns verzetteln, denn dann ist er genauso wenig mehr in der Lage zu führen wie der, der für alle Fehler und Geschehnisse einen Sündenbock sucht, auf den er alles schieben kann.
Es war nicht deine Schuld, nicht für eine Sekunde. Niemand an Bord der Pascal Magi hat daran Schuld. Hätten sie euch nicht angegriffen, wäre es ein anderes Ziel geworden. Und dann wären wir doch eingesetzt worden.
Aber es gibt da etwas, für das ich sehr dankbar bin. Ihr habt sie erwischt, alle erwischt. Und das war wirklich gute Arbeit."
Miharu sah ihn aus großen Augen an. Dann begann sie zu lächeln. Es war ein warmes, dankbares Lächeln. James erwiderte das Lächeln und krempelte seinen Ärmel wieder herab.
"Habe ich die gleiche Rede nicht vorhin schon gehört?", erklang hinter ihm die vertraute Stimme des Skippers.
James wandte sich um. "Wie lange stehen Sie da schon, Ma´am?"
"Lange genug um festzustellen, dass Ihre Worte vorhin keine Floskeln waren. Kommen Sie mit auf die Brücke. Ich will, dass Sie das Auslaufmanöver beobachten."
"Aye, Ma´am."
"Aye, Shorty", warf Lieutenant Aquanaut ein.
James nickte. "Aye, Shorty. Bis später, Hyosuke-kun."
Er schien etwas überrumpelt, aber er war lange genug an Bord dieses Schiffes, um den Sinn und die Gewalt von Befehlsketten und Befehlen an sich zu kennen.

Auf dem Gang sah Nanaha Mizuho verlegen über ihre Schulter zurück. "Was die Hintermänner angeht, deren Türen Sie eintreten wollen - Sie wissen, dass wir längst nicht alle Verantwortlichen erwischt haben, James."
"Ja. Aber was hätte ich einem Mädchen erzählen sollen, das meine Schuld auf seine schmale Schultern laden wollte?", erwiderte der Marine gepresst.
Für einen Augenblick stockte sie im Schritt. "Sie unterschätzen Miharu gewaltig, wenn Sie glauben, sie hätte das gefressen. Aber schön, dass Sie es gesagt haben. Sie sind ein netterer Kerl als ich erwartet habe."
"Sie haben mich noch nicht gesehen wenn ich Rekruten drille", erwiderte James grinsend.
Mizuho ließ ein leises Kichern hören. "Ist vielleicht besser so."
Nebeneinander gingen sie zur Brücke.
Review schreiben