Hell-Bent

GeschichteAllgemein / P12
03.03.2010
03.03.2010
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Sein Atem ging keuchend und sein Herz raste, doch er dachte nicht daran, anzuhalten, bevor er sie gefunden hatte.
Die Straße lag leer und verlassen vor ihm, denn es war Mittag und sehr heiß, sodass die meisten Leute lieber in ihren Häusern blieben.
Ihm jedoch war es egal. Hauptsache, er fand sie, und zwar so schnell wie möglich. Die Hitze konnte ihn nicht aufhalten.
Sie waren Richtung Yin`hang aufgebrochen, hatten mehrere Stunden Vorsprung und noch dazu besaßen sie Pferde.
Er konnte daher nur hoffen, dass sie sich entschlossen, in Yin`hang die Nacht zu verbringen, sonst hatte er keine Chance, sie jemals wieder einzuholen.
Langsam bekam er Seitenstechen und seine Beine taten ihm bei jeder Bewegung weh, doch seine Wut trieb ihn vorwärts und ließ ihn die Schmerzen vergessen.
Immer wieder traten die Bilder seiner Mutter und seiner kleinen Schwester vor sein inneres Auge:
Blutüberströmt und fast verrückt vor Angst, gedemütigt, missbraucht, verletzt.
Niemals würden sie diese Nacht vergessen können, in der die fünf Soldaten, die zufälligerweise durch ihr Dorf gekommen waren, ihnen Gewalt angetan hatten, niemals.
Doch er würde dafür sorgen, dass sie gerächt wurden, er würde ihre Ehre verteidigen und falls es sein musste mit dem Leben dafür bezahlen.
Er war zu allem bereit.
Vor ihm tauchte ein kleines Dorf in der Ebene auf und er beschloss, dort kurz halt zu machen und einen Schluck zu trinken, doch dann würde er sofort weiter ziehen.
Ohne langsamer zu werden passierte er die ersten Häuser und fand auf dem Platz in der Mitte des Dorfes den Brunnen, nach dem er Ausschau gehalten hatte.
Er ließ den Eimer hinunter, füllte ihn mit Wasser und zog ihn wieder hoch.
Das Wasser war lauwarm und schmeckte leicht abgestanden, aber für ihn war es die reinste Wohltat, sodass er sich gut ein Drittel davon über den Kopf schüttete.
Da erst bemerkte er, dass er beobachtet wurde.
Es war ein großes, aber sehr dünnes Mädchen mit kurzem, zerzaustem schwarzem Haar, das vom Fenster eines Hauses aus jeder seiner Bewegungen folgte.
Jetzt verschwand sie und erschien gleich darauf in der Tür.
Barfuß lief sie über den staubigen Boden und blieb schließlich dicht vor ihm stehen.
Er nickte nur kurz zur Begrüßung und wollte sich schon umdrehen um zu gehen, als sie ihn am Arm packte.
„Was willst du?“, fragte er, unhöflicher als er eigentlich gewollt hatte.
„Wo willst du hin?“, fragte sie neugierig und ließ ihn nicht los.
„Das geht dich gar nichts an.“
„Doch, ich denke schon.“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Wie heißt du?“, fragte sie statt seine Frage zu beantworten.
„Lässt du mich dann in Ruhe?“
„Wenn du nicht der bist, für den ich dich halte, dann ja.“
„Also gut, ich heiße Shanyi. Jetzt zufrieden?“
„Ich wusste, dass du es bist!“
„Kennen wir uns?“
„Aber natürlich kennen wir uns!“ Sie strahlte ihn an.
„Erinnerst du dich nicht mehr? Wir haben damals- ist schon ein paar Jahre her- beide in Fanh gewohnt und waren Nachbarn.
Ich heiße Nayen.“
Nayen… der Name sagte ihm tatsächlich etwas.
„Und wir haben nebeneinander gewohnt?“
„Wenn ich es dir doch sage!
Wir waren Nachbarn und haben öfter mit den anderen Jungs aus Fanh gespielt. Ich war dabei immer das einzige Mädchen.“
Stimmt, jetzt erinnerte er sich.
Die wilde Nayen von nebenan… wie hatte er sie vergessen können?
Sie war seine beste Spielkameradin überhaupt gewesen! Allerdings war das tatsächlich schon länger her; als sie sich aus den Augen verloren hatten, waren sie fast noch Kinder gewesen.
Doch dafür erinnerte er sich an etwas anderes noch…
„Weißt du noch, wie du mir gestanden hast, dass du nur mit den Jungs gespielt hast, weil du in mich verliebt warst?“
Sie wurde rot und Shanyi dachte sich seinen Teil.
Nayen blinzelte verlegen und änderte das Thema. „Zurück zu meiner ersten Frage: Wo willst du hin?“
Entsetzt bemerkte Shanyi, dass er ganz vergessen hatte, warum er hier war… und dass er Zeit verlor!
Mit jeder Minute vergrößerte sich der Abstand zwischen ihm und den Soldaten!
„Tut mir leid, ich muss weiter.“
Nayen sah ihn überrascht und verletzt an. „Habe ich was Falsches gesagt?“
Ihre Stimme klang traurig und obwohl Shanyi es nicht wollte spürte er, wie es ihm leid tat, sie so behandelt zu haben.
„Nein, hast du nicht.“, versuchte er sie zu beruhigen. „Aber ich muss weiter. Es ist wichtig.“
„Wieso? Was hast du denn vor?“
Verflucht noch mal! Langsam ging sie ihm auf die Nerven. Er hatte es eilig!
Vielleicht war es das Beste, wenn er es ihr sagte, dann ließ sie ihn vielleicht in Ruhe.
Also erzählte er ihr die ganze Geschichte, doch er hatte sich geirrt:
Anstatt ihn loszulassen hielt sie ihn nur noch fester.
„Das kannst du nicht tun!“ Sie klang hysterisch.
„Du hast gegen fünf Soldaten doch keine Chance. Sie werden dich mit links besiegen und ich verliere dich ein zweites Mal!“
„Lass mich los!“
„Warum? Damit du gehst und dich umbringen lässt? Das kann ich nicht verantworten!“
„Ich habe gesagt, du sollst mich loslassen!“
Grob befreite er sich aus ihrem Griff und stieß sie zur Seite.
Sie taumelte gegen den Brunnenrand und sah ihn fassungslos an, doch er hatte keine Zeit, sich um ihre Gefühle zu kümmern.
Er hatte eine Mission zu erfüllen.
„Es tut mir leid!“, rief er ihr noch zu, nahm dann seine Sachen und rannte aus dem Dorf wie von wilden Hunden gehetzt.
Nayen sah ihn davon eilen und traf innerhalb von Sekunden eine Entscheidung.
Sie lief in ihr Haus, packte sich zu essen und zu trinken ein und ging in den Stall, in dem Sij Fu, das Maultier ihrer Familie, stand.
Sie schwang sich auf seinen Rücken und trieb ihn zum Galopp, Shanyi hinterher.
Doch Sij Fu war nicht mehr der Jüngste und konnte nicht mehr so schnell.
Ein paar holpernde Galoppsprünge, dann fiel er in Trab und schließlich in Schritt, kaum dass sie einen halben Kilometer weit gekommen waren.
Schließlich saß sie seufzend ab und ging alleine weiter.
Sij Fu würde von selbst nach Hause zurück finden, dessen war sie sich sicher, und so verschwendete sie keine Zeit mehr damit, darüber nach zu denken.

Zwei Stunden später kam sie in Yin`hang an und sah sich keuchend um.
Nichts war zu sehen, doch hinter einem der Häuser drang Schwertergeklirr hervor.
Nayen lief darauf zu, bog um die Ecke und sah Shanyi, der mit dem Rücken zur Wand gegen drei der Soldaten focht.
Der letzte Mann stand ein Stück weiter weg und sah gelangweilt zu.
Shanyi hielt sich nicht schlecht, zumindest soweit Nayen das beurteilen konnte, doch gegen eine solche Übermacht hatte er keine Chance.
Während er mit dem linken der Männer focht, ergriff der mittlere die Gelegenheit und schlug zu.
Er traf Shanyi in die Seite und sofort erschienen rote Flecken auf dessen Hemd.
Shanyi biss die Zähne aufeinander und sank keuchend in sich zusammen.
Einer der Männer hob sein Schwert, um es ihm ins Herz zu stoßen, doch jetzt schritt der vierte Mann ein.
„Lass ihn!“, befahl er, und der Mann senkte sein Schwert und steckte es weg.
„Wir reiten weiter.“, kommandierte der vierte Mann ausdruckslos, ging zu seinem Pferd und stieg auf.
Seine Kumpanen taten es ihm gleich und zusammen ritten sie davon.
Nayen, die die ganze Szene mit Entsetzen beobachtet hatte, lief hinüber zu Shanyi, der halb bewusstlos gegen die Wand gelehnt da saß.
„Shanyi!“ Das viele Blut machte ihr Angst, doch als sie die Wunde vorsichtig untersuchte, atmete sie auf; sie war nicht tief und auch nicht gefährlich, sie blutete nur stark.
Sie zog ihren Mantel aus dünnem Leinen aus und riss ihn in Streifen, mit denen sie ihn verband.
Dann gab sie ihm zu essen und zu trinken und  sah erleichtet, dass es ihm schon etwas besser ging.
„Nayen? Was machst du denn hier?“
„Ich bin dir gefolgt, weil… weil ich Angst um dich hatte.“
Er sah sie erstaunt an und sie wandte den Blick ab.
„Vielen Dank für deine Hilfe.“
Shanyi stützte sich an der Wand ab und erhob sich vorsichtig.
Er ging ein paar Schritte auf und ab und schien mit dem Ergebnis ganz zufrieden zu sein.
Nayen hatte ihn still beobachtet, doch jetzt packte sie ihn wieder an der Schulter.
„Was hast du vor?“
„Ich folge den Soldaten und besiege sie.“
„Spinnst du?!“ Nayen war hellauf entsetzt.
„Du bist noch zu schwach, mit dieser Wunde wirst du nicht weit kommen! Außerdem hast du doch gesehen, was passiert ist: Sie hätten dich fast umgebracht, nächstes Mal tun sie es vielleicht wirklich!“
„Ich weiß, dass ich ihm Moment nicht in der Lage bin, sie zu besiegen!“, gab Shanyi gereizt zurück. „Aber deshalb werde ich nicht einfach aufgeben! Ich werde kämpfen lernen und sie einzeln herausfordern.
Und dann werde ich sie töten, einen nach dem anderen!“
Shanyis Augen sprühten Funken, sein Gesicht war fahl weiß. Insgesamt wirkte er fiebrig, besessen, fast wahnsinnig, und Nayen wusste, dass sie ihn nicht würde aufhalten können.
Nicht jetzt, nicht hier.
Vielleicht sollte sie mit ihm gehen… aber was würde dann aus ihrer Familie werden? Sie brauchte sie doch!
Aber sie konnte doch auch Shanyi nicht im Stich lassen, jetzt, wo sie ihn gerade erst wieder gefunden hatte…
Shanyi unterbrach ihrer Überlegungen.
„Den einen Mann habe ich erkannt, den, der nicht mit mir kämpfen wollte.
Das war Linshei, einer der Mandschu. Und wenn ich ihn gefunden habe, werde ich auch die anderen drei finden.“
Nayen stöhnte auf. Ein Mandschu! Das wurde ja immer schlimmer.
„Du kannst nie im Leben einen Mandschu besiegen, sie sind die besten Krieger in ganz China!“
Shanyi hörte ihr nicht zu sondern starrte mit fiebrigen Augen durch sie hindurch.
„War nett, dich wieder zu sehen, Nayen, aber ich muss weiter, ich muss los… ich werde Rache nehmen…“
Leicht schwankend drehte er sich um und taumelte die Straße entlang, den Soldaten nach.
Nayen blieb wo sie war und sah ihm nach, während in ihrem Inneren zwei Kräfte aufeinander prallten.
Sollte sie ihm folgen, egal, was dann aus ihrer Familie wurde?
Oder sollte sie ihn gehen lassen, dem sicheren Tod entgegen, ohne ihn aufzuhalten?
Sollte sie ihn zum zweiten Mal verlieren, diesmal endgültig?
Konnte sie für ihn ihre Familie verraten?
Nayen wusste es nicht, sie war hin und hergerissen, und dann hielt sie es nicht mehr aus.
Ihr Herz brach als sie sich umdrehte und in die entgegengesetzte Richtung davon lief, doch sie hielt nicht an, sondern wurde im gegenteil immer schneller, bis sie schließlich rannte.
Tränen liefen ihr die Wangen hinunter und ein Schluchzen stieg in ihr hoch, doch sie  sah sich nicht nach ihm um. Einmal war sie ihm nachgelaufen, ein zweites Mal konnte sie nicht verantworten.
Sie konnte ihre Familie nicht für ihn aufgeben, aber tief in ihrem Herzen wünschte sie, sie könnte es.
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