Der Kornblumenstrauß

von Celebne
GeschichteDrama / P16
Johanna von Ingelheim Kaiser Lothar Markgraf Gerold Richild
02.03.2010
14.03.2010
6
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Disclaimer: Alle Personen und Orte dieser Geschichte gehören Donna W. Cross. Ich will mit dieser Geschichte kein Geld verdienen, sondern schreibe aus Spaß an der Freude.

Hauptpersonen: Gerold, Johanna u.a.
Rating: FSK 16
Warnung: Die Geschichte ist eher filmorientiert
Genre: Drama/Romanze




Der Kornblumenstrauß


Gerold bekommt von Johanna einen Kornblumenstrauß geschenkt, als er Villaris verlässt, um in den Krieg zu ziehen. Diese Blumen werden schon bald zum wertvollen Andenken...



Kapitel 1: Abschied und Trauer

Es war ein trüber Septembermorgen, als sich Graf Gerold bereit zum Aufbruch machte. Nachdem die Normannen wieder einmal die Gegend unsicher machten und bereits tief ins Festland eingedrungen waren, war es höchste Zeit, etwas dagegen zu unternehmen.

Er hatte sein Kettenhemd und die Lederrüstung, welche mit Eisenplättchen besetzt war, angelegt. Darüber trug er einen Helm. Er hasste es, diesen Kopfschutz zu tragen. Er war unbequem und vor allem schwer. Mißmutig schaute er in einen großen Silberteller, welcher als Spiegel diente. Es war, also ob ihm ein Fremder entgegenblickte. Gerold fuhr sich über das ungewohnt glatt rasierte Gesicht. Wie immer entfernte er seinen Bart, bevor er zu einem Kriegszug aufbrach. Oft kam man wochenlang nicht dazu, sich den Bart zu stutzen. Da war es schon besser, wenn ihn man vorher ganz abnahm.

Er lief noch einmal durch die große Halle der Burg. Es war zwar nicht das erste Mal, dass er zu einem Kriegszug aufbrach, aber er hatte an diesem Tag ein ganz merkwürdiges Gefühl. Er fragte sich, ob es wegen Johanna war. Noch immer dachte er an den leidenschaftlichen Kuss, welchen er dem jungen Mädchen kürzlich unten am Fluss gegeben hatte. Mit jeder Faser seines Körpers sehnte er sich nach Johanna. Er wollte sie in den Armen halten, sie fühlen. Doch er wusste, dass er es nicht durfte. Johanna war nicht nur seine Schutzbefohlene, sondern er war auch verheiratet. Zwar war seine Ehe mit Richild schon seit Jahren nicht mehr glücklich, aber dennoch musste der Schein nach außen gewahrt werden. Wenigstens so lange, bis Gisla und Dhuoda verheirat waren. Gerold seufzte tief. Er hatte keine Ahnung, wie er in Zukunft mit Johanna umgehen sollte. Vielleicht fiel ihm ja an den langen Abenden im Feldlager eine Lösung für dieses Problem ein.
Langsam verließ er die Halle, welche ihm an diesem Morgen düsterer als sonst erschien. Auf der Treppe, welche zur Burg hinaus führte, begegnete ihm seine Gemahlin. Ungewöhnlich kalt erschien ihm ihr Blick und ihre Miene finsterer denn je.
„Die Reiter warten schon draußen“, sagte sie kurzangebunden.
„Sind das deine Abschiedsworte, Richild?“, fragte Gerold ein wenig verbittert.
Auch wenn ihre Ehe nur noch eine Farce war, so war er doch freundlichere Worte von seiner Gemahlin gewohnt. Schließlich konnte ihm jederzeit etwas auf dem Schlachtfeld zustoßen.
Richild beantwortete seine Frage nicht, sondern stolzierte wortlos davon.

Leise seufzend ging Gerold zu den Stallungen. Der Pferdeknecht führte Pistis, den edlen Rappen, am Zügel heraus.
„Pistis kann es kaum noch erwarten, Herr Graf!“, rief der Knecht aufgeregt.
Gerold lächelte verzerrt und ließ sich von dem Mann in den Sattel helfen. Er sammelte sodann seine Reiter um sich. Gemeinsam wollten sie Villaris verlassen. Insgeheim hoffte er, Johanna noch einmal zu erblicken. Seit dem verbotenen Kuss unten am Fluss hatte er sie nicht mehr gesehen. Langsam lenkte er sein Pferd um die Gebäude herum, Richtung Tor. Da standen auch schon alle Bewohner von Villaris. Zuerst Gerolds Gemahlin und die beiden halbwüchsigen Tochter. Gerold lächelte seinen Kindern kurz zu. Zum ersten Mal fiel ihm richtig auf, dass sich Gisla fast schon im heiratsfähigen Alter befand. Wenn er vom Feldzug zurückkehrte, würde er sich mit Richild über einen passenden Bräutigam für sie unterhalten müssen. Es war wichtig, dass sich die Töchter gut verheirateten. Auch Dhouda würde in einigen Jahren so weit sein. Was aus Johanna werden würde, wusste er nicht. Irgendwann würde man sie aus der Domschule entlassen und dann musste sie auch verheiratet werden. Gerold wollte diesen Gedanken nicht weiterdenken. Johanna in den Armen eines anderen? Schon jetzt fühlte er Eifersucht deswegen. In Gedanken versunken ritt er am Gesinde vorbei und plötzlich stürmte Johanna hervor und sie steckte irgendwas an seinem Sattel fest. Er sah, dass es ein Strauß blauer Kornblumen war. Er drehte sich noch einmal zu ihr um und sah ihren flehenden Blick.

Komm zu mir zurück, schienen ihren Augen zu sagen.
Für Gerold war dies ein schlimmer Moment. Am liebsten hätte er sofort seinen Kriegszug abgeblasen, um bei ihr bleiben zu können. Aber dann würde er in den Augen des Kaisers als Verräter und Feigling gelten. Er presste die Lippen zusammen und ritt weiter. Niemand seiner Soldaten ahnte, wie sehr er gerade litt.



Gegen Abend erreichte Gerold mit seinen Männern Badorst, einen kleinen Küstenort in Westfriesland. Dort wollte er auf Verstärkung warten. Er kehrte mit seinen Unterhauptmann in einer Taverne ein.
Während er etwas aß und trank, weilten seine Gedanken unaufhörlich bei Johanna. In der Schänke unterhielten sich die Männer über die Normannen. Es gab Gerüchte, welche besagten, dass die Normannen sich bereits in unmittelbarer Nähe aufhielten. Gerold hörte mit halbem Ohr zu. Er hatte im Moment noch zu wenig Männer, um die Normannen aufhalten zu können.
„Man kann nur hoffen, dass sie nicht so dreist sind, und Dorstadt angreifen“, ertönte die Stimme eines einäugigen Bewohners von Badorst, welcher früher im Heer mitgekämpft hatte.
„Die Normannen sind unberechenbar“, murmelte Gerold vor sich hin und blickte nachdenklich in seinen Bierkrug.
Plötzlich erschien es ihm unklug, an diesem Ort auf Verstärkung zu warten, aber er hatte es dem Kaiser versprochen. Genauso gut hätte er auch zuhause auf Verstärkung warten können. Es konnte ja tatsächlich geschehen, dass die Normannen Dorstadt angriffen. Gerold versuchte diesen Gedanken abzuschütteln, aber es gelang ihm nicht. Mit einem unguten Gefühl verließ er die Schänke und begab sich in das Heerlager zurück.

Als er in sein Zelt kroch, um zu schlafen, fiel sein Blick auf seinen Sattel. Neben der Satteltasche lag der Kornblumenstrauß von Johanna.
Johanna! Gerold roch verträumt an den noch frischen Blumen. Sie dufteten nach Sommer, Unbeschwertheit – und Johanna. Er beschloss, die Blumen aufzuheben. Damit sie lange hielten und nicht irgendwann zerfielen, nahm er sich zwei Holzscheite und schnitzte sie zurecht, bis er sich flach zusammenklappen konnte. Die Blumen legte er zwischen die Hölzer und band diese anschließend zusammen, damit die Blumen nicht herausfallen konnten. Dieses Behältnis wollte er von nun an immer am Gürtel tragen, damit er immer eine Erinnerung an Johanna bei sich hatte. Er wusste schließlich nicht, wie lange er fortbleiben würde. Mit einem leisen Seufzen legte er sich schlafen.



Gerolds Truppe saß tagelang in Badorst fest, ohne dass die Verstärkung eintraf. Die Nachrichten jedoch, die in die Hafenstadt drangen, wurden immer beunruhigender: die Normannen waren anscheinend tatsächlich tief landeinwärts eingedrungen. So weit wie noch nie waren sie vorgestoßen. Eines Abends kam ein Eilbote ins Heerlager, wo sich Gerold aufhielt und berichtete, dass die Normannen in unmittelbarer Nähe von Dorstadt gesehen worden waren. Der junge Graf erschrak, als er dies hörte.
„Wir reiten zurück nach Dorstadt!“, verkündete er seinen Männern.
„Aber Herr, der Kaiser...“, wagte ein Soldat aufzubegehren.
Gerold warf ihm einen strafenden Blick zu.
„Unsere Heimat ist in Gefahr, Eric!“

Die Truppe ritt am selben Abend Richtung Dorstadt los. Gerold trieb seinen Rappen unermüdlich voran. Er hoffte, dass Dorstadt noch nicht angegriffen worden war. Seine Gedanken galten vor allem Johanna und seinen Töchtern. Es war nicht auszudenken, wenn ihnen etwas geschehen war! Gerold hatte von den Gräueltaten der Normannen gehört. Gerade mit Frauen gingen diese wilden Krieger aus dem Norden sehr schonungslos um. Sie waren für sie leichte, wehrlose Beute.
„Schneller!“, feuerte er seine Männer an.
Doch es war inzwischen dunkel geworden und die Soldaten kamen nicht so schnell voran, wie sie wollten.
Erst im Morgengrauen erreichten sie Dorstadt. Schon von der Ferne hatte Gerold den Rauch und das Feuer gesehen. Sie kamen zu spät! Ein verletzter Mann kam Gerold entgegengehumpelt.
„Sie sind alle tot“, ächzte er. „Sie waren alle in der Kirche.“
„Warum?“, stieß Gerold tonlos hervor.

Er war im Augenblick nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Alles wirbelte vor seinem inneren Auge wild durcheinander. Während er mit seinen Männern langsam durch die Stadt ritt, registrierte er wie in Trance das Chaos rings um sich. Weinende Frauen, die ihre toten Kinder in den Armen hielten, Verwundete, die um Hilfe schrieen, Kinder, die nach ihrer Mutter riefen und herumirrende Greise, die nach überlebenden Verwandten suchten. Fast kein Gebäude in Dorstadt war noch intakt. Und von der Ferne konnte Gerold sehen, dass seine Burg Villaris in hellen Flammen stand. Mit einem tiefen Seufzer stieg er vom Pferd und blickte zur Kirche hin. Zwei Soldaten waren hineingeeilt.

Johanna, dachte Gerold entsetzt. Du kannst nicht tot sein. Nicht du.

Wie versteinert blieb er vor der Kirche stehen. Er hörte, wie sein Herz laut in seiner Brust hämmerte. Die Soldaten schienen eine Ewigkeit in der Kirche zu bleiben.
„Was ist los?“, hörte er sich mit brüchiger Stimme rufen.
Schließlich betrat er das dunkle Gebäude. Der Boden war fleckig von dem vielen Blut. Dann sah er zwei lange Reihen von Leichen, teilweise übel zugerichtet. Der Geruch des Todes hing schwer in der Luft. Gerolds Blick glitt über die Toten. Auf den ersten Blick konnte er niemanden entdecken, der so aussah wie Johanna. Dafür erblickte seine toten Töchter und er fühlte, wie etwas in ihm zerbrach. Mit schweren Schritten schleppte er sich zu den beiden Mädchen hin, die wie schlafend am Boden lagen. Ihre blassen Gesichter waren unversehrt, doch ihre Gewänder trieften vor Blut.
Ein dumpfes Stöhnen drang aus seinem Mund. Wie konnte das Schicksal so grausam sein und ihm seine Töchter nehmen! Sein Körper wurde von einem stummen Schluchzen geschüttelt, als seine Hand über die roten Locken Dhoudas fuhr. Für Gisla hatte er eine baldige Hochzeit geplant. Nun würde sie niemals Braut sein. Dass seine Frau Richild neben seinen Töchtern lag, registrierte er kaum. Er blieb lange in der Kirche bei den Leichen von Gisla und und Dhouda.

Irgendwann, als es schon fast dunkel war, trat einer seiner Männer zu ihm und berichtete ihm leise, dass niemand Johanna gefunden hatte.

Johanna! Die Nennung ihres Namens gab Gerold plötzlich neuen Lebensmut.
„Wir müssen sie suchen“, sagte er entschlossen und erhob sich seufzend. „Bereitet derweil die Gräber für die Toten vor. Ich möchte, dass meine... Töchter und meine Gemahlin auf der Burg bestattet werden.“
Er sah im Augenwinkel den Leichnam von Johannas Bruder an einer Säule lehnen. Der Tote war halb entkleidet, was Gerold etwas wunderte.
„Johannes soll auch auf der Burg begraben werden“, sagte er zu einigen Knechten, die überlebt hatten.


Gerold vermutete, dass die Normannen Johanna verschleppt hatten. Es war fast tollkühn, der Spur dieser Schurken zu folgen, da diese wahrscheinlich weit in der Überzahl waren. Doch die Sorge um Johanna ließ den jungen Markgrafen fast verzweifeln. Die Normannen allerdings waren längst zu ihren Schiffen zurückgekehrt und in See gestochen. Als Gerold im Morgengrauen an die Küste gelangte, sah er die Normannenschiffe nur noch winzig am Horizont. Mutlos ließ er sich von seinem Pferd in den Staub sinken. Tränen rannen über seine bärtige Wangen. Nun hatte er Johanna endgültig verloren.
„Sie wird längst nicht mehr am Leben sein“, sagte ein Soldat leise vor sich hin.
Gerold wusste, was der Mann meinte. Vermutlich hatten die Normannen Johanna vergewaltigt und anschließend umgebracht, so wie sie es immer taten.
„Herr Graf, wir sollten zurück nach Villaris reiten“, mahnte ein Unterhauptmann schließlich. „Die Toten müssen begraben werden.“


tbc...
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