Weihnachten in Villaris

von Celebne
GeschichteRomanze / P12
Gisla Johanna von Ingelheim Markgraf Gerold Richild
02.03.2010
02.03.2010
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A/N: Eigentlich wollte ich diese Geschichte in der Weihnachtszeit posten, aber da gab es diese Kategorie noch nicht. Aber da momentan der Winter wieder am Zurückkehren ist, passt die Geschichte vielleicht doch noch...




Hauptpersonen: Johanna von Ingelheim und Markgraf Gerold
Rating: FSK 12
Warnung: Eher filmorientiert

Disclaimer: Alle Personen und Orte in dieser Geschichte gehören Donna W. Cross. Mir gehört nichts, nur meine Phantasie.


Inhaltsangabe:
Die heranwachsende Johanna träumt von einem Tannenbaum mit Lichtern. Doch der heidnische Brauch der Sachsen ist im christlichen Frankenland verpönt. Schließlich äußert Johanna diesen Wunsch vor Graf Gerold, dem sie vertraut...





≈≈≈≈≈



Weihnachten in Villaris




Der Wind fegte laut heulend um die Burg Villaris und ließ die Holzläden an den Fenstern laut klappern. Die achtzehnjährige Johanna zog sich fröstelnd die Decke über den Kopf. Gisla, welche mit Johanna das Bett teilte, murmelte irgendetwas im Halbschlaf und tastete ebenfalls nach der Decke. Gerade als Johanna die Grafentochter fragen wollte, ob sie auch wegen des Sturms nicht schlafen könne, fing das jüngere Mädchen wieder an zu schnarchen. Johanna aber konnte nicht einschlafen. Sie lauschte den Geräuschen in und außerhalb der Burg, welche hauptsächlich von dem tobenden Sturm verursacht wurden. Selbst das Feuer im offenen Kamin flackerte unruhig. Johanna stand schließlich auf und legte ein paar Holzscheite nach, aus Angst, das Feuer könnte ausgehen. Schließlich war es Winter, auch wenn bisher Schnee und starker Frost ausgeblieben waren.
Als das Feuer wieder ruhiger brannte, legte sich Johanna endlich wieder ins Bett. Sie schlief schließlich ein und fing an zu träumen.


Alles war von Schnee bedeckt. Johanna ging staunend durch einen romantischen Winterwald. Aus der Ferne ertönten Schlittenglöckchen. Verzückt lauschte das Mädchen dem Geräusch, aber es kam nicht näher. Sie fing an, dem Klang der Schlittenglöckchen nachzulaufen. Sie gelangte auf eine schneebedeckte Waldlichtung. In der Mitte der Lichtung befand sich ein kleiner Tannenbaum, welcher mit brennenden Kerzen geschmückt war. Tief gerührt blieb Johanna stehen und betrachtete das wundervolle Werk. Der Glanz der Kerzen hüllte sie schließlich völlig ein...

„Aufstehen, du Schlafmütze!“, plärrte Gisla in ihr Ohr. „Die Sonne geht gleich auf.“
Erschrocken öffnete Johanna die Augen und starrte die Grafentochter verwundert an. Das Bild des Kerzenbaumes sah sie immer noch im Geiste vor sich.
„Himmel, ich muss zur Domschule“, stieß sie entsetzt hervor und hüpfte aus dem Bett.
„Du und deine Domschule“, bemerkte Gisla kopfschüttelnd. „Das ist doch nicht damenhaft! Ich würde mich an deiner Stelle endlich einmal nach einem Ehemann umschauen. Wenn ich so alt bin wie du, werde ich sicher längst verheiratet sein.“
Johanna schwieg empört, während sie sich hastig anzog. Sie war dankbar für die warme Kleidung, auch wenn es sich um abgelegte Gewänder der Gräfin handelte. In den letzten Jahren war Johanna sehr gewachsen und war mittlerweile so groß wie Richild.

Sie nahm ihren Rucksack, worin sich ihre Schreibsachen befanden, und lief rasch die Treppen hinunter, Richtung Hof. Als sie die große, schwere Holztür öffnete, schauderte sie vor Kälte. Der Sturm hatte sich beruhigt, aber jetzt war es richtig frostig geworden. Sie musste sich beeilen und rannte auf das offene Tor der Burg zu.

„Guten Morgen, Johanna!“, rief eine wohlbekannte Stimme. „Du bist spät dran.“
Johanna blieb stehen und drehte sich um. Drüben bei den Stallungen war Gerold aufgetaucht. Er führte den Rappen Pistis am Zügel neben sich hier. Lächelnd winkte er Johanna zu.
„Ich muss gehen“, sagte sie verlegen und winkte kurz zurück.
„Odo wird dich schelten, wenn du zu spät kommst“, meinte er ein wenig tadelnd.
Doch Johanna sah auch den Schalk, der in seinen wundervollen, blauen Augen aufblitzte. Was hatte Gerold vor?
Er setzte sich auf Pistis und ritt zur ihr hin.
„Steig auf! Schnell!“
Johanna blickte sich zögernd um. Es gehörte sich eigentlich nicht, dass sie sich hinter den Grafen auf das Pferd setzte. Die Leute würden über sie reden. Richild schlief zwar um diese Zeit noch, aber das Gesinde würde es ihr sicher zutragen, und dann würde sie wieder böse Blicke und schnippische Bemerkungen von ihr ernten. Aber das war sicher noch erträglicher als eine Bestrafung des strengen Schulmeisters Odo.
Geschickt kletterte sie schließlich hinter Gerold auf das Pferd und umklammerte dessen Oberkörper. Pistis wieherte auf und setzte sich in Bewegung. Durch die Kleidung hindurch spürte Johanna, wie fest und muskulös Gerolds Körper war. Zum Glück konnte der Graf nicht sehen, dass sie gerade rot wurde. Johanna war kein Kind mehr. Schon seit längerem betrachtete sie Gerold anders als früher. Sie sah in ihm jetzt nicht mehr nur den väterlichen Freund, sondern auch den Mann. Und er war ein sehr gutaussehender Mann.

Sie wünschte sich, der Ritt nach Dorstadt würde ewig dauern. Nicht einmal die Kälte machte ihr mehr etwas aus. Johanna schmiegte sich an Gerolds Rücken und spürte sein langes rotblondes Haar an ihrer Wange.
„Es wird bald Schnee geben“, rief ihr Gerold zu.
Johanna hatte gar nicht richtig zugehört, so versunken war sie in ihre Schwärmereien.
„He, Johanna, bist du eingeschlafen?“, fragte Gerold belustigt, als keine Antwort von ihr kam.
„Nein, Herr“, gab sie schüchtern zurück.
Kurz vor dem Stadttor setzte sie der Graf ab und so kam Johanna doch noch rechtzeitig zur Schule, nachdem sie sich überglücklich bei Gerold bedankt hatte.

Die Schule endete an diesem Tag glücklicherweise schon vor Einbruch der Dunkelheit und so konnte Johanna den Wald nach Villaris noch bei Tageslicht durchqueren. Wenn es finster war, fürchtete sie sich manchmal. Besonders, wenn in der Ferne das Heulen von Wölfen zu hören war. Oft kam ihr dann Gerold auf halbem Wege entgegen und geleitete sie sich nach Hause, aber es kam auch vor, dass er keine Zeit hatte, und sie den Weg in der Dunkelheit alleine gehen musste.
An diesem Nachmittag genoss Johanna den Heimweg sichtlich. Die Sonne hatte sich zwar hinter grauen Wolken versteckt, aber es hatte zu schneien begonnen. Johanna beobachtete die Schneeflocken, welche leise vom Himmel tanzten und sich allmählich auf dem gefrorenen Boden festsetzten. Bis sie zu ihrer Ankunft nach Villaris würde sich eine dünne Schneedecke gebildet haben. Sie trödelte absichtlich etwas. Plötzlich blieb sie stehen: sie hatte eine Waldlichtung entdeckt, die ihr bisher noch gar nicht aufgefallen war, jedenfalls nicht bewusst. Johanna erkannte sie wieder: es war die Waldlichtung aus ihrem Traum. Sie verließ den Weg neugierig, um die Lichtung näher zu betrachten. Da fiel ihr der kleine Tannenbaum auf, welcher mitten auf der Wiese stand.
„Genauso, wie ich es geträumt habe“, flüsterte sie und berührte vorsichtig die Zweige.

Sicher würde der Baum wunderschön mit brennenden Kerzen aussehen. Aber Johanna wusste auch, dass dies ein heidnischer Brauch war, den man in Dorstadt und auch in Villaris niemals billigen würde. Sie erinnerte sich an die Erzählungen ihrer Mutter von Tannenbäumen, welche die Sachsen zur Wintersonnenwende in ihre Hütten holten zum Vertreiben der bösen Geister.
Das kann doch nichts Schlimmes sein, dachte sie kopfschüttelnd.

Plötzlich hörte sie Hufgetrappel, das rasch näher kam. Sie blieb stehen, um zu sehen, wer das war. Gerold kam den Weg entlanggeritten. Vermutlich wollte er sie von der Domschule abholen.
„Gerold, ich bin hier!“, rief sie ihm von der Waldlichtung aus zu.
Erstaunt hielt der junge Graf inne und stieg von Pistis ab.
„Was machst du denn auf der Lichtung?“, fragte er verwundert. „Ist die Schule so früh heute aus gewesen?“
„Ja, Odo musste wegen Weihnachtsvorbereitungen die Domschule am Nachmittag schließen“, erzählte Johanna artig.
„Schön für euch Schüler“, grinste Gerold und bahnte sich einen Weg durch die Büsche, um zu ihr zu gelangen. „Was gibt es denn hier Interessantes zu sehen?“
„Nichts besonderes“, meinte Johanna errötend und blickte erneut auf den Baum.
„Ist es dieser Tannenbaum?“, fragte Gerold neugierig.
Johanna erzählte nun dem Grafen bereitwillig von ihrem Traum. Sie erwähnte auch den Brauch der Sachsen, Bäume am Tag der Wintersonnenwende ins Haus zu holen.

Gerold rieb sich nachdenklich über den roten Bart.
„Dieser Baum mit Kerzen aus deinem Traum scheint es dir ja angetan zu haben, Mädchen. Aber du weißt ja, dass wir Ärger mit der Kirche kriegen würden, wenn wir uns solch ein Ding in die Burg holen. Gerade an Weihnachten.“
Johanna nickte bedauernd und berührte noch einmal die Tannenzweige, welche inzwischen vom ersten Schnee bedeckt waren.
„Wir müssen nach Hause, Johanna“, mahnte Gerold jetzt. „Es wird heute nacht viel Schnee geben, wenn man dem alten Knecht Iso Glauben schenken darf. Er spürt schon den ganzen Tag seine kaputte Hüfte.“


Am nächsten Tag endete der Unterricht auch wieder früher, denn der Heilige Abend sollte gefeiert werden. Fröhlich stapfte Johanna durch den hohen Schnee und genoss die kalte Wintersonne. Als sie an der Waldlichtung vorbeikam, warf sie einen kurzen, wehmütigen Blick auf ihren Tannenbaum und ging dann rasch weiter. Sie wollte nicht trödeln, denn sie freute sich schon auf die Weihnachtsvorbereitungen in der Burg.

Wie immer, seit sie in Villaris wohnte, wollte sie der Köchin helfen, die leckeren Honigküchlein zuzubereiten, die es nur an Weihnachten zu essen gab.

Als sie in Villaris ankam, ging sie sofort ihr Gemach, um die gute Schulkleidung abzulegen und ein altes Kleid für die Küchenarbeit anzuziehen. Auf dem Weg in die Küche begegnete ihr ausgerechnet Richild. Sie musterte Johanna von oben bis unten mit einem abfälligen Blick.
„Ich hoffe, du kleidest dich heute abend besser an, sonst müssen wir uns für dich noch mehr schämen“, sagte sie arrogant.
Johanna schwieg zu dieser kränkenden Bemerkung. Sie wünschte, Gerold wäre hier, um seine Frau in die Schranken zu weisen. Doch er war spurlos verschwunden. Mit gesenktem Kopf ging sie in die Küche, um der Köchin Freda zu helfen. Freda war eine stets gutgelaunte, rundliche Person. Sie erzählte Johanna immer interessante Geschichten und steckte ihr auch so manches Mal eine Leckerei zu. Daher mochte das Mädchen die Köchin sehr. Eigentlich waren alle Menschen auf Villaris – bis auf Richild – nett zu ihr.

„Sieh mal“, meinte Freda stolz und deutete auf die Buchstaben, die sie in den Mehlstaub gemalt hatte. „Ich kann jetzt meinen Namen schreiben – dank dir.“
Johanna freute sich, als sie das sah.
„Ich kann dir noch mehr zeigen, wenn dir das Freude macht, Freda“, bot das Mädchen eifrig an.

„Das kommt überhaupt nicht in Frage!“, sagte Richild streng, die plötzlich in der offenen Küchentür erschienen war.
Freda und Johanna erschraken, als sie die Burgherrin sahen. Schuldbewusst verwischte die Köchin die Buchstaben im Mehlstaub.
„Johanna, geh dich sofort umziehen – der Gottesdienst beginnt gleich“, befahl Richild finster.
Das Mädchen nickte gehorsam und lief Richtung Tür. Als sie draußen war, hörte Johanna Geräusche in der Küche und schließlich die Köchin laut schreien. Sie blieb kurz stehen und überlegte, ob sie Freda zur Hilfe kommen sollte. Aber das hätte ihr ebenfalls Ärger eingebracht. Und wo steckte Gerold eigentlich? Langsam bekam Johanna Angst um ihn. Es war nicht normal, dass er ausgerechnet an Heiligabend so lange verschwand. Hoffentlich war ihm nichts zugestoßen. Im Jahr zuvor war er sogar in die Küche gekommen und hatte mit ihr und Freda herumgeschäkert.

Als Johanna in das Schlafgemach kam, welches sie mit Gisla teilte, sah die Grafentochter schon herausgeputzt vor dem Spiegel stehen.
„Beeil dich, Johanna!“, sagte sie mahnend. „Wir müssen gleich nach Dorstadt losfahren.“
„Aber dein Vater ist noch nicht hier, Gisla“, meinte Johanna bedrückt, während sie das alte Kleid auszog.
Gisla öffnete den Holzladen und blickte zum Fenster hinaus.
„Er kommt gerade durch das Tor hereingeritten.“
Johanna atmete sichtlich auf und schlüpfte in das gute Kleid aus Samt.

Kurz darauf fuhren die edlen Damen und Johanna im Pferdeschlitten nach Dorstadt. Gerold ritt mit einigen Wachsoldaten neben dem Schlitten her. Die Soldaten hielten Fackeln in ihren Händen, um den nächtlichen, verschneiten Weg zu beleuchten. Als Richild gerade zur Seite schaute, zwinkerte Gerold Johanna verschwörerisch zu. Scheu lächelte das Mädchen zurück. Sie fragte sich, was sein Zwinkern zu bedeuten hatte.
Seine Lippen formten lautlos das Wort „die Waldlichtung“, und als der Schlitten an der Stelle vorbeikam, erblickte Johanna etwas Wunderschönes.

Ihr Tannenbaum war über und über mit brennenden Kerzen bedeckt. Dhuoda und Gisla gaben verzückte Laute von sich, während Johanna ganz still blieb.
„Anhalten, anhalten!“, riefen die Mädchen dem Kutscher zu.
„Wir werden zu spät in die Messe kommen“, bemerkte Richild empört, aber sie ließ dann doch den Schlitten anhalten.
Die drei Mädchen verließen begeistert den Schlitten und stürmten durch den Schnee auf den Baum zu.
„Das ist Hexenwerk“, zischte Richild böse.
„Nein, es handelt sich um ein uraltes Brauchtum“, bemerkte Gerold mild.
Richild warf ihrem Gatten einen vernichtenden Blick zu.
„Du steckst also hinter diesem heidnischen Unsinn“, sagte sie außer sich. „Das hätte ich mir ja denken können.“
„Sei still, Weib“, erwiderte Gerold streng. „Lass doch den Mädchen diese Freude am Heiligabend.“

Während Richild schmollend im Schlitten sitzenblieb, stieg Gerold vom Pferd und ging zu den drei Mädchen hinüber, die staunend auf der Waldlichtung standen und den Baum betrachteten.
„Gefällt er euch?“, fragte er lächelnd.
„Wundervoll“, hauchte Johanna ehrfürchtig.
„So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen“, fügte Dhuoda jauchzend hinzu.
Nur Gisla gab keinen Kommentar ab und war auch die Erste, die zum Pferdeschlitten zurückging.
Johanna ahnte, wessen Werk das war und sie lächelte Gerold dankbar an. Dieser zwinkerte ihr noch einmal zu und legte dann sanft seine Hand auf ihre Schulter und auf die Dhuodas.
„Kommt, sonst kriegen wir Ärger mit dem Bischof.“

Sie schafften es gerade noch rechtzeitig in die Christmesse. Normalerweise folgte Johanna immer andächtig dem Gottesdienst, aber heute abend konnte sie sich überhaupt nicht auf Bischof Fulgentius’ Worte konzentrieren. Nicht einmal sein schlechtes Latein belustigte sie heute. Ihre Gedanken weilten ganz woanders.
Vorsichtig sah sie hinüber zu Gerold, welcher im rechten Kirchenschiff bei den Männern stand. Er schien gerade das Gleiche gedacht zu haben, denn ihre Blicke trafen sich. Seine Augen hatten einen besonderen Glanz an diesem Abend. Johanna strahlte und senkte dann schnell wieder demütig das Haupt.

Auf dem Nachhauseweg kamen sie wieder an der Waldlichtung vorbei. Jedoch waren inzwischen alle Kerzen heruntergebrannt und die Lichtung lag in der Dunkelheit. Johanna bedauerte dies ein wenig, aber sie war froh, dass sich ihr Traum wenigstens für eine kurze Zeit erfüllt hatte.

In Villaris gab es nach der Ankunft ein besonderes Nachtmahl. Wie üblich, durfte auch Johanna daran teilnehmen. Sie spürte, dass Richild sie beobachtete und ihre Blicke waren alles andere als freundlich.
Johanna hatte keine Ahnung, an was das lag. Später einmal sollte sie erfahren, dass die Gräfin bereits damals eifersüchtig auf sie gewesen war.
Gerold hatte nach dem Essen eine besondere Überraschung für Johanna und seine Familie. Während die vier Frauen am offenen Kamin Honigküchlein knabberten und heißen Wein dazu tranken, holte Gerold eine kleine Holztruhe herbei.
„Ich habe Geschenke für euch alle“, sagte er lächelnd.
Dhouda und Gisla jauchzten auf vor Freude, als sie das hörten. Johanna aber blieb still, bescheiden wie sie war Sie rechnete nicht damit, noch einmal von Gerold an diesem Abend beschenkt zu werden.
„Geschenke?“, fragte Richild finster. „Es ist nicht üblich, an Weihnachten Geschenke zu verteilen. Ist das auch wieder ein heidnischer Brauch?“
„Von einem solchen Brauch der Heiden habe ich noch nichts gehört“, erwiderte Gerold gelassen, bedachte aber seine Gemahlin mit einem warnenden Blick.
Richild machte ein beleidigtes Gesicht und ließ sich von einer Magd noch mehr heißen Wein bringen. Gerolds Töchter aber umringten bereits neugierig ihren Vater, denn sie konnten es kaum noch erwarten, Geschenke zu bekommen.
Endlich öffnete Gerold die Truhe und bedachte natürlich zuerst seine Töchter. Dhouda und Gisla bekamen Schmuck, was die Mädchen natürlich in Hochstimmung versetzte. Richild aber saß verstimmt am Kamin und
trank zu viel von dem Wein.
„Richild, für dich habe ich auch ein Geschenk“, sagte Gerold freundlich zu ihr.
Er zog eine wertvolle Halskette aus seiner Truhe. Die Gräfin zeigte sich jedoch unbeeindruckt davon. Sie riss Gerold den Schmuck unhöflich aus den Händen und betrachtete ihn argwöhnisch. Schließlich zog sie sich in ihr Gemach zurück. Gisla und Dhouda, die wesentlich besser gelaunt als ihre Mutter waren, bedankten sich noch einmal bei ihrem Vater und gingen dann fröhlich in ihre Gemächer. Johanna wollte ihnen artig folgen, aber Gerold nahm sie sanft am Arm.
„Ich habe auch etwas für dich, Johanna“, sagte er fast zärtlich zu ihr.
Er holte ein Buch aus der Truhe heraus und legte es in ihre Hände.
„Die Odyssee von Homer!“, strahlte sie. „Aber das kann ich doch unmöglich annehmen!“
„Doch, du musst!“, sagte Gerold ernst. „Du hast mir erzählt, dass dein Vater dieses Buch vernichtet hat, nachdem er es bei dir gesehen hatte. Ich weiß, dass du das Werk sehr liebst.“
„Aber das Buch hat Euch sicherlich mehr Geld gekostet als der ganze Schmuck zusammen“, stammelte Johanna entsetzt.
„Ich bin nicht arm“, meinte Gerold verschmitzt und legte wieder seine Hand auf ihren Arm.
Johanna erschauerte leicht, als er das tat. In ihrem Körper kribbelte es angenehm bei seiner Berührung. Sie spürte, dass sie rot wurde.

„Bist du müde?“, fragte Gerold geheimnisvoll und strahlte das junge Mädchen an.
Johanna ahnte, dass er noch irgendetwas vorhatte, wenn er sie so anblickte.
„Nur ein bisschen“, meinte sie wahrheitsgemäß.
Gerolds Geschenk hatte das schläfrige Gefühl, welches der heiße Wein in ihrem Körper augelöst hatte, fast wieder verfliegen lassen.
„Hol dir deinen Mantel und komm in den Burghof“, sagte er leise zu ihr.
„Aber Richild...“, stotterte Johanna verlegen.
„Meine Gemahlin schläft längst“, erklärte Gerold etwas unwirsch. „Hast du gesehen, wie viel heißen Wein sie getrunken hat?“
Er grinste jedoch schon wieder bei seinen letzten Worten. Auch Johanna musste schmunzeln und holte nun rasch ihren warmen Mantel.

Als sie in den nächtlichen Hof kam, sah sie erstaunt, dass Gerold Pistis und ihre Stute gesattelt hatte.
„Wir machen einen kleinen Ausritt“, sagte der Graf gutgelaunt und half Johanna in den Sattel.
Ihr Kleid schob sich dadurch hinauf, so dass ihre wohlgeformten Beine, welche in langen Wollstrümpfen steckten, zu sehen waren. Johanna bekam nicht mit, dass Gerold kurz stutzte und ein merkwürdiger Glanz in seine Augen trat.

Mit einer Fackel in der linken Hand schwang er sich leichtfüßig auf seinen Rappen und ritt langsam los. Er drehte sich lächelnd um zu Johanna. Diese folgte ihm etwas verwundert. Sie hatte keine Ahnung, was der Graf vorhatte.

Die Nacht war gar nicht so kalt, sondern eher mild. Daher fror Johanna auch nicht. Sie ahnte, dass der Schnee bald wieder wegtauen würde. Doch heute in der heiligen Nacht würde es noch weiß bleiben.
„Wo bleibst du denn?“, rief ihr Gerold lachend von seinem Rappen aus zu.
Sie merkte, dass er zu der Waldlichtung ritt. Der Tannenbaum lag längst in der Dunkelheit. Gerold war bereits von Pistis abgestiegen und holte ein kleines Bündel aus seiner Satteltasche. Auch Johanna kletterte nun von ihrer Stute herab und ging neugierig zu ihm hin.
„Was habt Ihr vor?“
„Ich habe neue Kerzen dabei“, sagte er fröhlich zu Johanna.
Mit der Fackel in der Hand watete er durch den nassen Schnee zu dem Tannenbäumchen hin.
„Komm und hilf mir, die Kerzen zu befestigen!“, forderte er sie freundlich auf.

Johanna entdeckte jetzt, dass die herabgebrannten Kerzen in Haltern aus Kupfer steckten.
„So etwas habe ich ja noch nie gesehen“, staunte sie. „Wo habt ihr diese Kerzenhalter her, die man an Zweigen befestigen kann?“
„Ich habe sie selbst hergestellt“, erklärte Gerold lächelnd. „Ich habe in Dorstadt und Umgebung nach solchen Haltern gesucht, aber keine gefunden.“
Johanna betrachtete die Halter näher und sah, wie fest sie an den Zweigen steckten. Schon lange hatte sie erkannt, dass der junge Graf ein begabter Handwerker war. Allerdings verbot ihm seine hohe Herkunft, eine niedere Zunft auszuüben.
Mit ihren geschickten Fingern befestigte Johanna rasch die neuen Kerzen am Baum. Anschließend entzündete Gerold die Kerzen vorsichtig mit einem schmalen Kienspan, welchen er vorher an der Fackel in Brand gesteckt hatte.

Als endlich alle Kerzen am Baum brannten, begann Johanna über das ganze Gesicht zu strahlen. Gerold fasste sie plötzlich an der Hand und zog sie ein Stück weg von der Tanne.
„Wenn man weiter weg steht, kann man den Anblick besser auf sich wirken lassen“, sagte er leise zu ihr.
Johanna genoss Gerolds Händedruck. Seine starke Hand war angenehm warm. Sie spürte wieder, wie freudige Schauer durch ihren Körper rieselten. Solch eine Nähe von Gerold war ungewohnt und aufregend zugleich.

„Ich danke Euch, Herr“, sagte sie schließlich verlegen zu ihm. „Ihr habt mich reich beschenkt an Weihnachten. Ich weiß nicht, wie ich das wieder gutmachen kann.“
„Indem du weiter fleißig in der Domschule lernst“, erwiderte Gerold fröhlich und strich ihr sanft über die Wange.
Johanna war in diesem Moment so glücklich, dass sie den Grafen spontan umarmte. Dieser jedoch blieb merkwürdig steif stehen und schob sie sogar von sich.
„Wir müssen zurück“, sagte er mit heiserer Stimme.
Johanna senkte schuldbewusst den Blick. Sie war überzeugt, dass sie mit dieser Umarmung zu weit gegangen war. Aber sie sah nicht, wie es in Gerold arbeitete. Er atmete einige Male heftig ein und aus, froh darüber, der Versuchung widerstanden zu haben. Johanna wusste nicht, dass er sie am liebsten geküsst und noch viel mehr getan hätte.

Schweigend ritten sie zurück nach Villaris. Als sie endlich die Pferde zu den Stallungen führten, fasste sich Johanna an Herz.
„Ich hoffe, Ihr seid mir nicht böse wegen... wegen der Umarmung vorhin“, sagte sie schüchtern. „Ich wollte Euch nur meine Freude zeigen. Es war für mich das schönste Weihnachten bisher in Villaris.“
Sie ahnte nicht, dass dieses Weihnachten auch das letzte in Villaris sein sollte.
„Ich bin dir doch nicht böse“, stieß Gerold verwundert hervor. „Du solltest mir eher zürnen. Ich bin manchmal ziemlich dumm.“
Johanna lachte herzlich auf, als er das sagte.
„Dann ist alles wieder in Ordnung?“, fragte sie erleichtert.
Gerold nickte grinsend und nahm sie an der Hand.
„Wir sollten jetzt rasch unsere Schlafstätten aufsuchen. Diese Nacht war sehr lang.“

Als Johanna endlich in ihrem Bett neben der schnarchenden Gisla lag, konnte sie noch lange nicht schlafen. Immer wieder sah sie den leuchtenden Tannenbaum und Gerold vor ihrem inneren Auge. Schließlich sank sie mit einem Lächeln auf den Lippen in den Schlummer.

ENDE
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