Love

GeschichteAllgemein / P12
Wisperwind
01.03.2010
01.03.2010
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in diesem os geht es um wisperwinds geschichte und was passierte, bevor sie schwertmeisterin wurde.
teilweise ist es vielleicht ein bisschen unlogisch, aber was solls...
ach ja, die idee zu dieser story habe ich aus dem gedicht "der asra" von heinrich heine...


Es gab Momente, in denen Wisperwind an ihrem Leben verzweifelte.
Momente, in denen sie alleine war und sich so sehr nach der Gesellschaft anderer Menschen sehnte, dass es sie selbst erstaunte.
Sie war noch nie besonders gesellig gewesen,  und als sie sich dazu entschlossen hatte, den Weg des Tao zu gehen, war sie überzeugt davon gewesen, das Alleinsein würde sie am Wenigsten stören.
Doch nun, da sie knapp vier Jahre im Wald verbracht hatte, in dem die Raunen die einzige Gesellschaft waren, vermisste sie all das, was sie vorher eher verabscheut hatte:
Überfüllte Bars, bunte Märkte voller Leben, Durcheinander in den Straßen, lautes Stimmengewirr.
Früher hatte sie sich so gut wie möglich davon fern gehalten, doch nun wünschte sie sich mit einer solchen Intensität dorthin, dass sie sich dafür schämte.
Doch sie würde nicht aufgeben.
Ihr Wille würde eisern genug sein, um sie durchhalten zu lassen, durchhalten bis zum Schluss, bis sie erreicht hatte, was sie wollte:
Dinge sehen und hören, die man nicht wahrnehmen konnte, im Federflug durch die Luft zu fliegen, sich mit den besten Kriegern Chinas zu messen… doch der Preis dafür war die Einsamkeit, und dieser Preis war verdammt hoch.
Aber bald hatte sie es geschafft.
Bald war sie an ihrem Ziel angelangt, allen Hindernissen zum Trotz hatte sie durchgehalten und würde nun die Früchte ihrer Bemühungen ernten.
Doch leicht war es nicht gewesen, vor allem nicht am Anfang.
Ja, der Anfang war schwer gewesen, sehr schwer, denn sie hatte immer wieder an ihn denken müssen…

Wisperwind saß in einer heruntergekommenen Bar am Tresen und schlürfte ein nicht definierbares, scheußlich gelbbraunes Getränk, als sich plötzlich jemand neben sie setzte.
Sie ging nicht näher darauf ein, doch dann bemerkte sie, dass sie angestarrt wurde, und hob den Blick.
Er war ein junger Kerl, nur wenig älter als sie, und er lachte über das ganze Gesicht.
Tatsächlich war sein breites Grinsen das Erste, was Wisperwind sah, und das Letzte, was sie zumindest vorrübergehend vergessen konnte.
„Warum denn so alleine, schöne Frau?“, fing er an.
„Hat dich jemand sitzen gelassen? Wenn du willst, kann ich dich nach Hause begleiten, damit dir nichts passiert.
So spät abends sind viele zwielichtige Gestalten unterwegs, da ist es für eine einsame Frau auf der Straße nicht gerade sicher.“
Eigentlich wäre Wisperwind darauf nicht näher eingegangen, aber sie war wütend und gereizt und außerdem ärgerte sie sich über den Tonfall des Mannes, der sie eindeutig als schwache, wehrlose Frau einstufte, die den Schutz eines Mannes benötigte.
Sie erhob sich von ihrem Hocker und warf dem Wirt zwei Münzen auf den Dresen.
Dann wandte sie sich an den jungen Mann, der sie erstaunt ansah.
„Kannst du mit einem Schwert umgehen?“
„Selbstverständlich!“ Sofort sprang er auf. Er hatte sie vollkommen falsch verstanden.
„Wo willst du hin?“
„Raus in den Hof. Du wirst mit mir kämpfen und ich werde dir zeigen, dass ich nicht wehrlos bin.“
Der junge Mann sah sie ungläubig an, dann setzte er sich wieder.
„Tut mir leid, aber ich kämpfe nicht gegen Frauen.“, wehrte er ab.
„Gegen Frauen vielleicht nicht, aber du wirst gegen mich kämpfen.“
Wisperwind packte ihn am Kragen und schleifte ihn mit sich aus der Bar.

Da diese Szene sowieso nicht gerade unauffällig war und sie außerdem relativ laut gesprochen hatten, kamen viele der Gäste, fast nur Männer, mit nach draußen um bei dem Kampf zu zusehen.
Vor der Bar ließ Wisperwind den jungen Mann los und trat einige Schritte zurück.
Dann zog sie ihr Schwert und nahm Kampfhaltung ein, er jedoch tat nichts dergleichen.
„Was ist denn jetzt noch?“
„Ich könnte dir wehtun.“
„Das bezweifle ich. Und jetzt kämpfe.“
Er schwieg.
„Oder hast du Angst, dass alle zu sehen könnten, wie eine Frau dich schlägt?“
Die Männer um die beiden herum lachten, doch der Junge zuckte nur die Schultern.
„Bei anderen klappt die Masche vielleicht, bei mir nicht.
Aber wenn du unbedingt willst,“ er zog sein Schwert „dann kämpfen wie eben.“
Einen Moment noch standen beide still, dann ging es los.
Wisperwind machte einen Ausfallschritt und stieß ihr Schwert nach vorne, der junge Mann wich aus.
Sie umkreisten sich, dann griff er an und sie parierte seinen Schlag.
So ging es weiter.
Bald waren beide Schweißbedeckt und atmeten keuchend, doch keinem gelang es, die Oberhand zu gewinnen.
Wisperwind wusste nicht mehr, wie lange sie schon gekämpft hatten, doch dann ging plötzlich alles blitzschnell.
Sie sah eine kleine Lücke in seiner Verteidigung, stieß erbarmungslos hinein und hielt ihm das Schwert an die Brust.
Im gleichen Moment spürte sie überrascht seine Schwertspitze an ihrer Kehle.
Erstaunt hielten beide inne und starrten den jeweils anderen heftig atmend an, dann ließen sie ihre Schwerter sinken und brachen in lautes Lachen aus.
Die Männer um sie herum stimmten mit ein und kehrten in die Schenke zurück.
„Du bist gar nicht schlecht.“, meinte Wisperwind und steckte das Schwert weg.
„Du auch nicht.“, gab der junge Mann zurück. „Wie heißt du?“
„Wisperwind, und du?“
„Laon. Darf ich dir einen ausgeben?“
„Wenn du unbedingt willst.“
Laon lachte und gemeinsam gingen sie in die Bar zurück.

Letztendlich blieb es nicht bei dem einen.
Als sie die Bar verließen, war es kurz nach zwei Uhr nachts, und beide waren mehr als angetrunken.
„Du verträgssst ganzzz schön viel.“, lallte Laon während er sich an der Hauswand abstützte, um nicht hinzufallen.
„Du aber auch.“, gab Wisperwind zurück. Tatsächlich vertrug sie wesentlich mehr als er und schaffte es sogar, noch einigermaßen gerade zu laufen.
„Wo gehssst du jetsss hin?“
„Nach Hause.“
„Soll ich dich begleidn?“
Wisperwind lachte. „Du weißt doch jetzt, dass ich auf mich aufpassen kann.“
„Ja, ssstimmt.“
„Also dann, machs gut.“
„Ja, du auch.“
Er grüßte umständlich und torkelte davon.
Wisperwind sah ihm nach und lief schließlich in die entgegengesetzte Richtung.
Sie nahm kaum etwas war, ging wie im Traum, denn ihre Gedanken waren zu aufgewühlt.
Dann bemerkte sie auf einmal, dass sie angefangen hatte, vor sich hin zu summen, und sie erschrak und wurde gleichdarauf wütend auf sich selbst.
Was war denn bloß los mit ihr?
Sie ging hier durch die Nacht, hatte gerade einen ganzen Abend mit einem Mann zugebracht und summte vor sich hin wie eine frisch Verliebte!
Und was war mit ihrem Traum, ihrem Ziel, dass sie unbedingt erreichen wollte?
Schwertmeisterin sein, einem Schwerterklan angehören und sich nur um sich selbst zu kümmern?
Wollte sie das alles aufgeben für einen Mann, den sie seit ein paar Stunden kannte und der sowieso bald wieder verschwinden würde?
War sie denn verrückt geworden?
Wisperwind erreichte einen kleinen Platz und ohne lange nachzudenken nahm sie ihr Schwert in die Hand und begann, mit den Schatten zu kämpfen, immer wütender und immer schneller, bis sie schließlich außer Atem zum Stehen kam.
Doch nun sah sie klarer und sie wusste, was sie tun würde.
Eigentlich wollte sie erst zu Beginn des Sommers in die Wildnis ziehen, um am Anfang nicht auch noch frieren zu müssen, doch nun hatte sie beschlossen, gleich an zu fangen; je eher desto besser.
Ihr war besser zu Mute als sie diesen Entschluss erst einmal gefasst hatte, doch ihr Herz tat ihr weh als sie sich bewusst wurde, dass sie Laon nie wieder sehen würde.
Eine einsame Träne rann ihr über die Wange.
Wütend packte sie das Schwert weg und begann zu rennen; sie rannte durch die Gassen und Straßen Pekings wie von wilden Hunden verfolgt, schließlich ließ sie die Stadt hinter sich und hetzte über die Felder, bis sie den Waldrand erreichte.
Einen Augenblick lang blieb sie stehen und blickte zurück, doch dann drehte sie sich um und ließ das bequeme Leben in der Stadt und Laon hinter sich um fortan in der Wildnis zu leben, alleine.

Nun hatte sie das bald hinter sich, doch es gab noch etwas, was von ihr gefordert werden würde, bevor sie eine Schwertmeisterin wurde…
Es konnten ganz verschieden Dinge sein, doch sie wusste, was sie erwartete, sie hatte es gespürt, als sie Laon verlassen hatte: Sie würde nie wieder einen Mann lieben dürfen, wie eine Frau einen Mann lieben konnte.
Das war die letzte Forderung der Götter bevor sie sie zu einer Schwertmeisterin machten: Sie musste ihre Liebe aufgeben für das Leben, das sie sich so sehr wünschte.
Wenn sie das nicht konnte wäre alles umsonst gewesen, die langen Jahre in der Wildnis, die Meditation, die ewige Stille, die Einsamkeit…
Sobald sie darauf eingegangen war, konnte sie es nicht mehr ändern, und wenn sie sich dann verliebte musste sie sterben.
So waren die Regeln, und obwohl Wisperwind es unendlich schwer fand,  wusste sie doch, dass sie jetzt nicht mehr aufgeben konnte.
Sie hatte sie entschieden als sie Laon zurückgelassen hatte, sie würde ihre Entscheidung nicht mehr rückgängig machen.
Sie würde durchhalten.
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