Rain

GeschichteAllgemein / P12
Bannon Jolly
23.02.2010
23.02.2010
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Rain

Während der Wind vormittags kaum mehr als eine sanfte Briese gewesen war, frischte er mittags auf und war schließlich zu einem wahren Sturm ausgereift.
Die grau- blaue See war aufgewühlt, Wogen wälzten sich über- und untereinander, Gischt spritzte auf und Schaum lag auf den Wellenkämmen.
Über den Himmel zogen schwarze Wolkenfetzen, die sich immer dichter zusammenballten: Es würde bald Regen geben.
Jolly stand oben im Mastkorb, den Rücken gegen den Mast gelehnt und die Hände am Geländer. Durch die heftigen Wellen schwankte der Korb so stark, dass einem schlecht werden konnte, wenn man nicht daran gewöhnt war.
Jolly war daran gewöhnt.
Sie kam gerne hier her, denn hier oben war sie alleine, nur für sich, konnte tun und lassen, was sie wollte; und vor allem konnte sie alles überblicken, ohne selbst im Blickfeld zu stehen.
Sie war das einzige weibliche Wesen an Bord  der Hunting Dog, und noch dazu noch ein Kind, und wenn Kapitän Bannon nicht seinen Leuten ganz genau auf die Finger gesehen hätte, hätten die Piraten bestimmt ihren Spaß mit ihr getrieben.
Trotzdem fühlte Jolly sich unter den Männern wohl, ihr war, als ob sie immer schon hier hin gehört hätte, und sie wusste auch schon gar nicht mehr, wie es vorher gewesen war.

Aber heute hatte einer der Männer etwas gesagt, was ihr zu schaffen machte, und deshalb war sie hier herauf gekommen um die Einsamkeit zu suchen, während alle anderen unter Deck mit Trinken und Spielen beschäftigt waren.
Ein Regentropfen fiel Jolly auf den Arm, dann ein weiterer.
Immer mehr wurden es, bis es schließlich richtig regnete, es goss wie aus Kübeln, und ihre Anziehsachen wurden klitschnass.
Sie fror, doch sie wollte nicht zurück unter Deck zu den anderen.
"Na, kleine Jolly, du wirst uns noch viel einbringen! Ein Glück, das wir dich gefunden haben!"... das hatte einer der Piraten, ein übler Halunke namens John Haynes, heute Mittag zu ihr gesagt, und obwohl Bannon ihm erst eine reingehauen und ihr dann versichert hatte, seine Worte seien nur unnützes Geschwätz gewesen, konnte sie es nicht vergessen.
... du wirst uns noch viel einbringen...
Jolly war zwar erst vier Jahre alt, aber trotzdem hatte sie den Gesichtsausdruck des Mannes bemerkt, als er das gesagt hatte, und er hatte ihr nicht gefallen, ganz und gar nicht.
Sie wusste nicht, was er damit sagen wollte, was er gemeint hatte, und das machte ihr Angst.
Regentropfen liefen ihr die Wangen hinunter wie Tränen, und auf einmal hatte Jolly eine große Sehnsucht nach einer mütterlichen Umarmung, einer Hand, die ihr die Tränen wegwischte und eine sanfte Stimme, die mit ihr sprach, sie beruhigte, ihr Geschichten erzählte...
Nur mit Mühe konnte das Mädchen ein Schluchzen unterdrücken.
Sie ärgerte sich. Normalerweise weinte sie nicht so leicht, keiner der Piraten weinte, niemals, auch dann nicht, wenn sie sich gerade schwer verletzt hatten; und doch konnte sie nicht verhindern, dass ihre Augen zu brennen begannen… und in ihrem Inneren tat etwas so weh...

Unter ihr knirschten die nassen Taue, und selbst ohne hinzusehen wusste sie, dass das Kapitän Bannon war, der da zu ihr in den Mastkorb stieg, wer sollte es auch sonst sein?
Sonst kümmerte es ja keinen, dass sie hier alleine im Mastkorb stand und pitschnass wurde, die anderen waren ja alle mit fressen und saufen beschäftigt.

Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter, doch Bannon drehte sie nicht zu sich um, sondern blieb hinter ihr stehen und beobachtete gemeinsam mit ihr das Spiel der Wellen.
"Jolly. Was machst du hier oben so ganz alleine? Komm doch ins Warme und zieh dir etwas Trockenes an.", meinte er dann, und seine raue Stimme klang weicher als sonst.
"Bannon..." Es fiel Jolly schwer, weiterzusprechen. "Wer waren meine Eltern?"
Bannon seufzte schwer.
"Ach Jolly. Ich weiß es doch auch nicht. Auf dem Sklavenmarkt, auf dem wir dich gefunden haben, waren noch viele andere, aber deine Eltern waren nicht dabei. Ich fürchte, sie waren schon gestorben."
Jolly senkte den Kopf.
Sie hatte es schon gewusst, er hatte es ihr ja auch schon oft gesagt, aber trotzdem tat es noch so weh, wenn sie daran dachte, was sie mit ihren Eltern alles hätte machen können...
"Jolly." Jetzt klang Bannons Stimme fester, er drehte sie zu sich um und nahm sie in die Arme.
"Ich weiß, dass du sie vermisst, und ich verstehe dich gut. Und wenn du noch so tapfer bist und dich Gefahren stellst, von denen andere in deinem Alter nur Geschichten erzählt bekommen... es ist keine Schande, zu weinen, wenn man traurig ist, dafür muss man sich nicht schämen, am allerwenigsten du, Jolly.
Mit vier Jahren alleine unter Piraten... doch du kannst immer zu mir kommen, wenn dich etwas bedrückt, das weißt du doch?
Ich werde immer für dich da sein."
Jolly schluchzte auf und Bannon schloss sie noch fester in seine Arme.
Und so standen sie da, auf einem hin und her schwankenden Schiff inmitten der aufgewühlten See, und trotzdem fühlte Jolly sich in Bannons Armen wohl und geborgen.
Er passte doch auf sie auf, was konnte da schon passieren?
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