Der versäumte Unterricht

von Hope0908
GeschichteAllgemein / P12
Jona Matreus Zanrelot
15.02.2010
15.02.2010
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Zanrelot war außer sich. Laut knallte er die Tür zu Matreus Kammer zu und stapfte ein paar Meter weiter in das Zimmer seines Sohnes. Er hatte den Lese- und Schreibunterricht seines jungen Dieners kontrollieren wollen und nun musste er feststellen, dass der Junge allein in seiner Kammer saß und verzweifelt versuchte, Buchstaben aufs Papier zu bringen. Und dann hatte er seinem Meister nicht einmal auf die Frage geantwortet, wo Jona steckt.

Äußerst verärgert riss der Herrscher der Finsternis die Tür zum Zimmer seines Sohnes auf. „Jonathan“, wetterte er los. Dann erst bemerkte er, dass der Angesprochene nicht anwesend war. Zanrelot schnaubte vor Wut. „Wo zum Teufel steckt der Bursche?“, fragte er halblaut. Dann machte er sich auf die Suche. In der Zentrale würde sich der Junge nicht blicken lassen, davon war der Meister überzeugt. Doch auch im Waschraum, in der Seelenhalle, im Vitrinenraum und in der Bücherei war er nicht zu finden. Zanrelot steigerte sich immer weiter in seinen Ärger hinein. Schließlich ging er wutentbrannt zur Küche, öffnete mit einem Ruck die Tür und erblicke seinen Sohn, am Tisch sitzend und eine Tasse Kakao trinkend.

Jona erschrak fürchterlich, als sein Vater plötzlich in der Tür stand und ihn wütend anstarrte. Sofort stand er auf. „Vater“, begann der Junge, doch Zanrelot ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Schweig“, brüllte er seinen Sohn ungehalten an. Dieser zog instinktiv den Kopf ein. So hatte sein Vater noch nie mit ihm gesprochen. Er musste wirklich sehr verärgert sein. Der Herrscher der Finsternis ging auf seinen Sohn zu, packte ihn am Oberarm und zog ihn mit sich in die Zentrale. Der Junge musste beinahe rennen, um den großen, eiligen Schritten seines Vaters zu folgen, ohne dass dieser ihm durch seinen festen Griff zu sehr weh tat.

In der Zentrale angekommen schubste Zanrelot seinen Sohn vor sich her auf die Plattform. Dann baute er sich vor ihm auf. Jona war sehr überrascht von dem Verhalten seines Vaters. Er hatte zum ersten Mal sogar ein wenig Angst vor ihm. Wie er ihn mit seinen vor Wut blitzenden Augen durchdringend ansah, ließ dem Jungen einen Schauer durch den Körper fahren. Er senkte den Blick, da er dem seines Vaters nicht weiter standhalten konnte.

Zanrelot sah zornig auf seinen Sohn herab. Er hatte ihm aufgetragen, Matreus im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Und nun musste er feststellen, dass dieser seine Anordnung missachtet und sich stattdessen faul in der Unterwelt herumgedrückt hatte. „Wie lange läuft das schon so?“, fragte er wutunterdrückt. Jona schluckte. „Ungefähr f... fünf Wochen, Vater“, gestand sein Sohn leise. Zanrelot holte aus und verpasste seinem Sohn eine saftige Ohrfeige. Dieser zuckte erschrocken zusammen, wich einen kleinen Schritt zurück und sah seinen Vater ängstlich an. Noch niemals zuvor wurde er von ihm geschlagen. „Vater, ich...“, stotterte der Junge. Doch Zanrelot schnitt ihm einmal mehr das Wort ab. „Ruhe! Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst!“ Jona schluckte schwer und nickte. Diesen Ton kannte er von seinem Vater nur, wenn er mit Matreus sprach. In diesem Moment konnte er ein klein wenig erahnen, wie sich sein Cousin fühlen musste, wenn sein Meister böse auf ihn war.

Zanrelot wandte sich um und nahm den Rohrstock zur Hand, mit dem er seinen jungen Diener Matreus oft bestrafte. Er schlug ihn ein paar Mal in die Linke und blickte seinen Sohn ernst an. Dieser schluckte abermals und sah seinen Vater mit großen Augen an. „Ich dachte nicht, dass das jemals nötig sein würde. Doch du lässt mir keine andere Wahl. Ich werde wohl andere Saiten aufziehen müssen“, verkündete der Herrscher der Finsternis mit eisiger Stimme. Jona schüttelte den Kopf und wich furchterfüllt ein paar Schritte zurück. Fast stolperte er dabei von der Plattform. Jona wollte gerne etwas sagen, doch er wagte nicht, ohne Erlaubnis das Wort zu ergreifen. Sein Vater hatte klargestellt, was er von ihm erwartete. Zanrelot war zufrieden damit. Scheinbar hatte sein Sohn verstanden, wer hier die Regeln vorgab. „Du darfst sprechen“, erlaubte er ihm deshalb großzügig. Jona nickte schwach. „Danke. Vater, ich weiß, dass mein Verhalten inakzeptabel war.“ Ängstlich sah er auf den Rohrstock in Zanrelots Händen. „Aber bitte verprügle mich nicht. Bitte Vater. Ich werde von nun wieder jeden Tag mit Matreus üben, bis er alles kann, was du möchtest. Ich verspreche dir, dass ich nie wieder dermaßen ungehorsam und dreist sein werde.“ Zanrelot schüttelte den Kopf. „Davon gehe ich aus, Jonathan“, erwiderte er streng. „Doch dir ist wohl auch klar, dass du für deinen überaus dreisten Ungehorsam eine empfindliche Strafe verdient hast.“ Der Herrscher der Finsternis musste kurz innehalten, denn er merkte, wie er sich wieder in Rage redete. „Geh in deine Kammer und wage es nicht, sie zu verlassen, ehe ich es dir erlaube. Ich werde mir überlegen, wie ich dich bestrafen werde.“ Jona nickte nur und verließ eilig die Zentrale. In seiner Kammer lief er unruhig auf und ab. Sollte sein Vater sich entschließen, ihn tatsächlich mit einer Tracht Prügel zu bestrafen, würde sich das Verhältnis zu ihm auf Dauer empfindlich verändern. Er müsste dann, ebenfalls wie Matreus, ständig Angst haben, dass es wieder geschieht. Dass Zanrelot, sein Vater, auch ihn von nun an regelmäßig verdreschen würde.

Gegen Abend öffnete Zanrelot die Tür zu Jonas Kammer. Sein Sohn hatte sich mittlerweile auf sein Bett gesetzt, stand jedoch sofort auf und senkte den Blick, als er seinen Vater erblickte. Dem Jungen war klar, dass er nun bestraft werden würde und er hatte große Angst davor. Der Herrscher der Finsternis hatte sich inzwischen etwas abgeregt, war aber immer noch sehr ärgerlich auf seinen Sohn. Einen solch langanhaltenden und dreisten Ungehorsam hatte dieser sich bisher noch nie erlaubt. Bis jetzt hatte Zanrelot gedacht, er hätte zumindest seinen Sohn im Griff, doch scheinbar hatte er sich getäuscht. Und auch Matreus hatte ihn einmal mehr enttäuscht. Er hätte gleich, als Jona die erste Unterrichtsstunde versäumte, zu ihm kommen müssen. Mit seinem jungen Diener hatte er bereits am Mittag abgerechnet. Dabei war er auch einiges an Wut auf Jonathan losgeworden. Nun konnte er wieder klarer denken und sich auf eine gerechte Bestrafung seines Sohnes konzentrieren.

„Ich werde dich nicht verprügeln“, begann er. Jona sah überrascht auf. Erleichterung und Dankbarkeit waren in seinem Blick zu erkennen. Zanrelot hob die Hand. „Freu dich nicht zu früh. Deine Strafe wird dennoch nicht angenehm werden. Du wirst in den nächsten Wochen nach jeder Unterrichtsstunde aufschreiben, was genau du Matreus beigebracht hat. Außerdem, wie viel ihr geschafft habt und wie lange der Unterricht dauerte. Ich möchte einen Bericht für jeden einzelnen Tag. So lange, bis der Bengel lesen, schreiben und rechnen kann. Hast du das verstanden?“ Jona nickte. „Ja Vater“, antwortete er nur. „Gut. Außerdem wirst du die Zeit, die du in den letzten fünf Wochen vertrödelt hast, nacharbeiten. Und zwar bei mir in der Zentrale. Du weißt, dass nach dem Abendbrot eigentlich nicht mehr gearbeitet wird. Es ist wichtig, dass ihr Jungen zeitig genug zu Bett geht. Nun, in den nächsten Wochen werde ich davon abweichen. Du wirst in den kommenden fünf Wochen jeden Tag nach dem Abendbrot bei mir erscheinen. Ich werde verschiedene Aufgaben für dich bereithalten. Die meiste Zeit wirst du Dinge für mich aufschreiben, Notizen ordnen oder Ähnliches. Aber auch körperliche Arbeit wird nicht zu kurz kommen. Deine abendlichen Nachholstunden werden jeweils exakt zwei Stunden dauern. So lange erwarte ich übrigens auch, dass du dir täglich Zeit nimmst, um Matreus zu unterrichten. Und du solltest dir nicht einfallen lassen, während der nächsten Wochen deine sonstigen Aufgaben zu vernachlässigen. Oder deinen Magieunterricht. Ich werde keinerlei Rücksicht auf deine Mehrarbeit nehmen, denn diese hast du dir einzig selbst zuzuschreiben. Ich werde den Unterricht also wie gehabt mit dem üblichen Lehrpensum fortführen.“ Zanrelot sah seinen Sohn eindringlich an. „Ist das klar?“, fragte er in einem Ton, der keinerlei Widerspruch zuließ. „Ja Vater, natürlich“, antwortete Jona schnell.

Der Junge wahr sehr erleichtert, weil sein Vater ihn nicht schlug, doch das, was er ihm auferlegte, empfand Jona als äußerst hart. Natürlich war sein Verhalten falsch gewesen, doch nun nahm ihm sein Vater jegliche Freizeit. Für ganze fünf Wochen. Bei dem vielen Lernstoff, den er ständig abzuarbeiten hatte und der Strafe, die jetzt noch dazu kam, hätte er keine freie Minute mehr. Doch Jona wagte es nicht, seinem Vater zu widersprechen. Er wollte ihn auf keinen Fall noch einmal neu verärgern. So beugte er sich der Strafe, die ihm auferlegt worden war, und unterrichtete seinen Cousin von nun an wieder täglich. Außerdem gab er sich große Mühe, im Magieunterricht nicht nachzulassen und auch seine sonstigen Aufgaben nicht zu vernachlässigen.

Als fünf Wochen vergangen waren, sagte Zanrelot ohne von seiner Glaskugel aufzusehen nur: „Deine Strafe ist beendet. Ab morgen hast du nach dem Abendbrot wieder frei. Du kannst gehen.“ Jona sah von den Büchern auf, aus denen er gerade Notizen auf einem Blatt Papier zu sinnvollen Sätzen zusammenzufügen versuchte. „Ja Vater“, antwortete er nur. Er wusste, dass die Angelegenheit für Zanrelot nun beendet war und es nicht nötig sein würde, nochmal darüber zu sprechen. Und dennoch hatte er das Gefühl, noch etwas sagen zu müssen. Jona klappte das Buch zu, sammelte die Blätter zusammen und räumte auch den Rest seines Arbeitsplatzes ordentlich auf. Er nahm das Buch und die Papiere zur Hand und wandte sich an den Herrscher der Finsternis. „Vater“, begann er zögerlich, „mein Ungehorsam tut mir sehr leid. Bitte verzeih.“ Zanrelot sah überrascht von seiner Glaskugel auf. Er stand auf und trat von der Plattform. „Du hast deine Strafe verbüßt. Damit ist die Angelegenheit für mich erledigt.“ Jona nickte. „Danke Vater.“ Er sah auf das Buch in seiner Hand, überlegte kurz und sah Zanrelot schließlich wieder an. „Ich bin mit den Notizen in dem Buch noch nicht fertig, Vater. Wenn du erlaubst, werde ich es in den nächsten Tagen noch fertig machen.“ Zanrelot hob die Augenbrauen. Sein Sohn hatte scheinbar tatsächlich etwas verstanden. „Ja, tu das. Aber vernachlässige deswegen deine sonstigen Aufgaben nicht. Und nun geh. Es ist schon spät.“ Jona nickte. Er nahm das Buch mit in seine Kammer und legte sich schlafen. Der Junge war sich sicher, dass er seinen Vater nie wieder derart verärgern würde. Er hatte seine Lektion gelernt.