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von Hope0908
GeschichteAllgemein / P12
Matreus Zanrelot
14.02.2010
14.02.2010
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Matreus stand am Rande der Plattform. Verschlafen rieb er sich die Augen. Sein Meister hatte ihn vor wenigen Minuten durch einen Ruf aus dem Bett geholt. Der Junge wusste nicht, wie spät es war. Ohne einen Blick auf die Uhr zu werfen, war er aus dem Bett gesprungen und zu Zanrelot geeilt. Er wusste, dass sein Meister ungeduldig war und nicht gerne wartete.

„Matreus, was soll das?“, hörte er Zanrelot sagen, der von der Glaskugel aufsah und erstaunt von seinem Stuhl aufstand. „Du holst dir doch den Tod, wenn du barfuß und im Nachthemd durch die kalten Gänge läufst.“ Der Herrscher der Finsternis schüttelte den Kopf, während Matreus den Seinen senkte und für seinen Fehler um Verzeihung bat. Er rechtfertigte sich nicht damit, dass er so schnell wie möglich in die Zentrale kommen wollte, denn der Junge wusste, dass ihm jede Rechtfertigung als Widerspruch ausgelegt werden konnte. Dies hatte er in den wenigen Wochen in der Unterwelt bereits zur Genüge erfahren müssen.

„Nun, da dir das scheinbar nicht wichtig ist, werde ich auch keine Rücksicht darauf nehmen.“ Matreus nickte nur schwach. Er fröstelte vor Kälte, doch er wollte nichts davon erwähnen.

„Hol das Buch, das dort drüben auf dem Tisch liegt“, befahl der Meister streng. Matreus gehorchte sofort und holte es herbei. Er hielt es seinem Meister hin, doch dieser machte keinerlei Anstalten, es ihm aus der Hand zu nehmen. Stattdessen wandte er sich seinem Tisch auf der Plattform zu, wo einige Phiolen und andere Gefäße bereitstanden. Außerdem brannte ein kleines Feuer in einer Schale.

„Schlag Seite 195 auf und lies mir das Rezept vor.“ Matreus sah mit großen Augen auf den Rücken des Meisters. Er sollte lesen? Er, der 10jährige kleine Junge, den alle immer nur herumgeschubst, verprügelt und zur Arbeit geschickt hatten, sollte nun dem großen Herrscher der Finsternis aus einem Zauberbuch vorlesen? Matreus schluckte. „Meister...“, begann er, doch Zanrelot winkte nur genervt ab. „Nun mach schon. Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit!“ Matreus trat Schweiß auf die Stirn. Er drehte und wendete das Buch in seinen Händen und sah immer wieder zu seinem Meister auf. Dann schlug er es auf und sah sich die Buchstaben darin an. „I... Ich kann es nicht“, stotterte der kleine blonde Junge leise. Zanrelot drehte sich mit einem Ruck zu seinem Diener um. Als er den Jungen mit dem Buch in der Hand musterte, ging er wütend auf das Kind zu. „Willst du mich etwa schon wieder reizen!?“, brüllte er und verpasste Matreus eine saftige Ohrfeige. Tränen füllten die Augen des Jungen, während der Meister ihm das Buch abnahm, es drehte und ihm schließlich wieder in die Hand drückte. „So! Und jetzt lies!“ Zanrelots Ton ließ keinerlei Widerspruch zu. Matreus zog weit den Kopf ein und zitterte, nun jedoch eher vor Furcht als vor Kälte. Er blickte starr auf die beschriebenen Seiten, doch noch immer konnte er kein Wort darauf erkennen. „Bitte Meister“, flüsterte er leise. „Ich kann nicht lesen. Bitte bestraft mich nicht. Bitte.“

Zanrelot sah den Jungen, der vor ihm stand und ihn anflehte, er solle ihn nicht bestrafen, ungläubig an. „Du willst mir weismachen, dass du nicht lesen kannst?“, fragte er recht ungeduldig. Matreus nickte nur. „Wieso zum Teufel kannst du nicht lesen?“ Die Stimme des Meisters schwoll langsam ärgerlich an. „Ich... Ich...“, stotterte der kleine blonde Junge, „Mutter und Vater haben gesagt, ich brauche das nicht. Das wäre verschwendete Zeit. Ich soll lieber arbeiten, das wäre wichtiger.“ Zanrelot riss Matreus mit einem Ruck das Buch aus den Händen. Der Junge fuhr zusammen und duckte sich instinktiv. „Das ist ja wohl kaum zu glauben!“, wetterte der Herrscher der Finsternis, während er das Buch auf seinen Tisch knallte. „Lesen ist verschwendete Zeit!? Und was zum Teufel soll ich mit dir anfangen, wenn du nicht mal lesen kannst!? Du bist und bleibst ein nutzloser, jämmerlicher Bastard!“

Matreus zitterte bei den Worten seines Meisters immer mehr. Er hatte große Angst vor dem mächtigen, schwarzen Magier, der so groß und stark vor ihm stand und ihn, außer sich vor Wut, anbrüllte. „Es tut mir leid“, brachte der kleine Junge nur sehr leise hervor.

Zanrelot sah hinüber zu dem Tisch, an dem er Matreus des Öfteren züchtigte. Der Rohstock lag noch vom vergangen Abend dort, als der Junge mal wieder ungehorsam gewesen war und noch dazu widersprochen hatte. Matreus, der dem Blick seines Meister mit den Augen gefolgt war, erstarrte vor Furcht. Noch immer hatte er starke Schmerzen von der letzten Tracht Prügel. Wenn der Meister ihn nun schon wieder schlagen sollte, würde er das auf keinen Fall aushalten. Doch Zanrelot schüttelte den Kopf. ‚Der Bengel kann nichts dafür, dass meine in Ungnade gefallene Halbschwester es ihm nicht beigebracht hat‘, überlegte er. ‚Doch was mache ich nun mit ihm? So ist er nutzlos für mich.‘

Erst ein paar Minuten später wandte er den Blick vom Rohrstock ab und sah seinen Diener wieder an. Dieser stand mit gesenktem Kopf vor ihm und zitterte erbärmlich. Der Meister räusperte sich. „Nun, da du nicht lesen kannst, kann ich dich hier auch nicht gebrauchen. Deine Aufgaben erledigst du nur unzureichend und nun, da ich diese neue Information über dich habe, sehe ich keinen Grund mehr, dich weiter hierzubehalten. Ich werde dich also zurück nach oben transferieren.“ Matreus sah erschrocken auf. „Fort transferieren?“, fragte er leise. Als Zanrelot nickte, bahnten sich die ersten Tränen ihren Weg über Matreus‘ Wangen. „Bitte Meister“, bettelte er tränenerstickt, „ich kann das doch lernen, wenn Ihr wollt. Ich lerne alles, was ich können soll. Lesen und schreiben, und wenn Ihr es wünscht, sogar rechnen. Bitte Meister. Ich werde mich bemühen und schnell und fleißig lernen. Bitte.“ Zanrelot hob die Augenbrauen. Er war sich nicht sicher, ob der verweichlichte, nutzlose Bengel vor ihm überhaupt in der Lage war, lesen und schreiben zu lernen. Er selbst würde sich die Mühe mit dem undankbaren Balg seiner Halbschwester jedenfalls nicht machen. Er überlegte kurz. „Ich werde Jonathan anweisen, dich im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Außerdem soll er dir die einfachen Grundrechenarten beibringen. Du hast drei Monate Zeit, mir zu beweisen, wie ernst es dir mit deinen Bemühungen und dem Fleiß ist. Sollte ich feststellen, dass du faul bist, nicht auf Jonathan hörst oder auch einfach nur nicht intelligent genug bist, um das alles zu lernen, sind deine Tage hier unten gezählt.“

Matreus nickte, während er sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen wischte. „Ja Meister. Ich verstehe. Ich werde fleißig alles lernen, was Jona mir aufträgt. Ich werde mich sehr bemühen“, versicherte er. „Dann hoffe ich für dich, dass das reichen wird“, sagte Zanrelot und sah seinen jungen Diener ernst an. „Und nun geh schlafen“, wies er den Jungen an, der sogleich nickte und die Zentrale verließ. Aufgewühlt ging Matreus zurück ins Bett. Er war fest entschlossen, lesen und schreiben zu lernen. Er würde sich Mühe geben und in Jona hatte er bestimmt einen guten Lehrer gefunden.