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Außer Kontrolle

von MariLuna
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
04.02.2010
02.03.2010
21
45.839
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04.02.2010 2.102
 
7. KAPITEL

Das schräg fallende Sonnenlicht ließ die aufspritzenden Wassertropfen in allen Farben des Regenbogens auffunkeln, als der Stein die Wasseroberfläche durchbrach und langsam auf dem Grund des Crystal Lakes versank.
Unter einer inneren, kaum zu beschreibenden Anspannung stehend, tigerte Tex Hex am Ufer jenes Sees herum, an dem er sonst immer seine Angel auswarf und sich schlichtweg erholte. Aber diesmal war er von so etwas wie Erholung meilenweit entfernt.

Als er sich aus der Höhle schnurstracks an die Oberfläche teleportiert hatte, war er schnell auf seine Gang gestoßen, und nachdem sie ihre Beute sicher ins Hexagon gebracht hatten, war er zu Stampede gegangen, um ihm diesen Erfolg zu melden, und dieser hatte sich ausnahmsweise sogar mal zu so etwas wie einem zufriedenen Lob herabgelassen.
Nun, zumindest für seine Verhältnisse.
Und weil Tex wirklich nicht wußte, an wen er sich sonst wenden sollte, hatte er dem Semidrachen auch gleich von dem seltsamen Benehmen des Marshalls erzählt. Nicht alles, das mit dem Kuß hatte er wohlweislich verschwiegen, aber auch so war das Verhalten des Marshalls ungewöhnlich genug.
Aber was hatte dieser verflixte Semidrachen gemacht, als er davon hörte?
Er hatte einfach nur gelacht, ihm „viel Spaß“ gewünscht und sich wieder in seinen Lavasee zurückgezogen.

Viel Spaß?
Wie, zum Geier, kam Stampede nur darauf, daß es ihm Spaß machte, vom Marshall … geküßt zu werden?
Von irgend jemanden geküßt zu werden?
Verflixt, er lebte ganz gut ohne solche Gefühlsduseleien.
Und – um Himmels Willen – doch nicht ausgerechnet Marshall Brave Starr!

Schweratmend ließ sich Tex Hex in das kärgliche Ufergras sinken, starrte düster über den glitzernden See.
Das ganze war doch ein verdammt schlechter Scherz.
Denn auch wenn man mal von der Tatsache absah, daß es sich um Marshall Brave Starr handelte, seinen Feind, einen Mann – obwohl, rein generell war ihm das Geschlecht ja schnuppe, er war für alles offen – bedeuteten Gefühle immer nur Ärger.
Seine letzte Liebesbeziehung war so lange her, daß er schon gar nicht mehr wußte, wie sich so etwas anfühlte.

Aber er erinnerte sich an den kurzen, flammenden Schmerz der Eifersucht, damals, in dieser Weihnachtsnacht, als Shaman bei ihm die Ebeneezer-Scrooge-Show abzog und ihn in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entführte.
Um ihn davon abzuhalten, Fort Kerium an Heilig Abend anzugreifen, rief er ausgerechnet seine Erinnerungen an seine Ex-Verlobte Ursula wieder wach. Er verließ sie vor so unendlich vielen Jahren, weil er ihr und sich eine sorgenfreie Zukunft bescheren wollte, weswegen er sich auf die Suche nach Kerium begab. Er hatte nie geplant, Stampede zu begegnen und dann hier als dessen Handlanger festzusitzen.
Von Shaman erfuhr er, daß Ursula ihm nachreiste, ihn suchte.
Sie fand nicht ihn, aber eine neue Liebe.
Auch das zeigte Shaman ihm.
Und als er Ursula in den Armen ihres neuen Mannes sah, da flackerte es auf, dieses grünäugige Monster namens Eifersucht. Und obwohl er wußte, daß er überhaupt kein Recht dazu hatte, so zu reagieren – es tat weh.
Es war wie ein Dolchstoß ins Herz.
Und da wußte er, wieso er der Liebe und sonstigen schnulzigen Dingen abgeschworen hatte.
Letztendlich brachte es nur Leid, für den einen oder anderen und war der ganzen Mühe gar nicht wert.

Eine leichte Berührung an der Schulter ließ ihn zusammenschrecken. Doch der pechschwarze Wolf rieb nur noch einmal seinen Kopf an ihm, sah ihn aus seinen hellen, wissenden Augen an und leckte ihm dann über die Wange.
Schwer aufseufzend schlang Tex Hex die Arme um das kräftige Raubtier, verkrallte die Finger in weichem, dichtem Pelz und vergrub das Gesicht am etwas hellerem Brustfell.

„Na, du Halluzination?“ murmelte er leise. „Was ist? Brauchst du mal jemanden, der dich durchknuddelt?“
Und dann wurde er sich bewußt, was er hier gerade tat.
„Oje“, kicherte er kopfschüttelnd, „wenn mich hier so jemand sieht … ein Fall für die Klapse, hm?“

Aber Halluzination hin oder her – dieses hier fühlte sich einfach viel zu gut an, um aufzuhören.
Und immerhin …

„Ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt“, grinsend kraulte Tex Hex den Wolf hinter den Ohren – etwas, was dieser sichtlich genoß.
„Dafür, daß du uns den Eingang gezeigt hast.“

Plötzlich schien es, als würde der Wolf zurückgrinsen, und dann fühlte sich Tex von einer langen, feuchten Raubtierzunge abgeschleckt.
Mitten auf den Mund.

***


Ein wenig besorgt beäugte Deputy Thirty-Thirty seinen Partner und Chef, der schon seit geschlagenen zwei Minuten still neben ihm am Tresen stand und gedankenverloren in sein Sweetwater starrte. Die Sonnen gingen gerade unter, dies hier war ihr obligatorischer Absacker zum Feierabend, aber heute war Brave Starr mal wieder ungewohnt ruhig.
Ob er sich noch wegen der Sache bei den Präriewesen Vorwürfe machte?
Thirty könnte sich selbst jetzt noch in den Hintern beißen, daß er viel zu spät dort eingetroffen war. Wäre er doch nur fünf Minuten früher gekommen …

Brave Starr bemerkte sehr wohl Thirtys prüfenden Blick und hätte ihm gern eine Antwort auf diese unausgesprochene Frage gegeben, wenn er sie doch nur selber wüßte … er erinnerte sich zwar allmählich wieder, aber nur sehr verschwommen und es war ganz einfach nur absurd, oder?
Hatte er – Marshall Brave Starr – wirklich versucht, Tex Hex, den Tex Hex, auf den Mund zu küssen?
Ach, egal wohin, ihn überhaupt mehr als unnötig berühren zu wollen und sei es auch nur mit der Hand, erschien ihm unmöglich.
Ja, sicher, ihm auf den Hintern zu starren und daran zu denken, nachzuprüfen, ob sich diese Haut genauso gut anfühlte, wie sie aussah, wenn dieser Halunke nackt unter der Dusche stand – nun, das war eine Sache.
Ihn tatsächlich zu berühren, gar zu küssen, eine ganz andere.
Ganz undenkbar.

Warum aber wurde er das Gefühl nicht los, daß er genau wußte, wie warm und weich sich diese lila Haut anfühlte?
Wie es war, wenn die Muskeln leicht zu zittern begannen, wie Tex Hex schmeckte?

Und plötzlich war da wieder dieser sonderbare, salzig-nussige Geschmack auf seiner Zunge. Nur eine Erinnerung an heute morgen, mehr nicht, aber es schmeckte sehr real.
Hastig kippte er sein Sweetwater in sich hinein, spülte den merkwürdigen Geschmack einfach davon.

„Misttag“, knurrte er und versank dann wieder in düsterem Schweigen.

Thirty-Thirty neben ihm schüttelte nur den Kopf und bestellte sich ein Starblazer. Er wollte nicht fragen, denn eines hatte er in den Jahren ihrer Freundschaft gelernt: über Dinge, die ihn derartig beschäftigten, redete Brave Starr grundsätzlich nur dann, wenn er es selbst für angebracht hielt.
Das letzte Mal hatte er sich allerdings so benommen, kurz bevor er und J.B. sich getrennt hatten.

***


Mit einem leisen Knurren stellte Tex Hex die leere Starblazer-Flasche neben sein Bett. Sie fiel um und rollte darunter, aber das kümmerte ihn nicht. Es war kurz nach Mitternacht, er saß vor der Glotze, zog sich irgendeinen gehirnerweichenden Schwachsinn rein und war hackedicht.
Hatte sich einfach so ergeben.
Den ersten Starblazer hatte er in sich hineingekippt, kaum daß er vom Crystal Lake zurückgekehrt war, einfach, weil seine Gang grad zusammensaß und sie auch alle einen tranken. Da hatte er sich einfach angeschlossen.
Und nicht wieder damit aufgehört.
Denn so mußte er wenigstens nicht mehr an die Geschehnisse in der Höhle denken -  warum mußte Skuzz ihn auch fragen und daran erinnern?
Natürlich hatte er nichts erzählt, jedenfalls nichts von dem Kuß. Und noch viel weniger von dem Wolf, der, nachdem er am Ufer des Sees kurzzeitig eingenickt war, plötzlich verschwunden war und ihm jetzt irgendwie unheimlich … fehlte.
Wenn man schon anfing, seine eigene Halluzination zu vermissen, war wohl endgültig eine Schraube locker.
Besser, man dachte nicht darüber nach und ertränkte seinen restlichen Verstand im Alkohol.

Irgendwann war es dann soweit – während einer dieser dämlichen Werbepausen dämmerte er ein, war von einer Sekunde zur anderen weggenickt ohne es selbst zu bemerken.
Das Gefühl von kräftigen Arme, die sich um seine Mitte schlangen und ihn an einen warmen, großen Körper zogen, von dem der frische Duft von grünem Tee ausging, schreckten ihn plötzlich auf.

„Was …“ er blinzelte verwirrt, versuchte zu sortieren.

Grüner Tee.
Weicher Baumwollstoff an seiner Wange.
Körperwärme.
Mühsam zwang er seine Augen auf.
Im flackernden Schein des Flatscreens erkannte er weißschimmernde Zähne hinter vollen Lippen, die sich zu einem Lächeln verzogen.
Eine pechschwarze Strähne, die frech in eine Stirn fiel.
Ein Blick aus braunen, sanften Augen, in denen sich das Lächeln widerspiegelte.

„Das is’ ja mal ´ne nette Halluzination“, grinste Tex.

Ihm ging auf, daß er furchtbar nuschelte, aber dann zuckte er nur gedanklich mit den Schultern. Nun, wenn man vor der eigenen Halluzination nicht die Kontrolle verlieren konnte, vor wem dann sonst?

„Was machst’n hier, he? Den Wolf hätt ich kapiert, aber nich’ dich. Eigentlich bist du hier völlig falsch.“

Das Trugbild lächelte nur noch herzlicher und strich ihm sanft durch den langen Schnauzer, ließ dann seine Fingerspitzen an seinem Mundwinkel liegen.
Woran erinnerte ihn das nur?
Ach, wen kümmerte das …
Wohlig aufseufzend schmiegte sich Tex in diese Berührung hinein, kuschelte sich näher an diesen warmen, starken Körper.
Wieso auch nicht?
Das alles war nicht echt, entsprang doch nur seinem kranken, alkoholumnebelten Hirn.

Und daher wehrte er sich auch nicht, als sich das Trugbild schnurrend zu ihm hinabbeugte und dann die Lippen sanft auf seinen Mund drückte, um ihn zu küssen.
Und als die fremde Zunge diesmal Einlaß begehrte, gab es keinen Grund mehr, sich zu zieren.

Tex Hex ließ sich fallen, davontragen von diesem Kuß, der zuerst nach Sweetwater und Sandwich schmeckte, doch je länger er dauerte, desto mehr veränderte sich dieser Geschmack, bekam ein frisches, süßes Aroma, das er zwar nicht einordnen konnte, das ihn aber auf der Stelle süchtig machte.
Tex seufzte leise auf, seine Finger landeten in diesem langen, schwarzen Haar und wühlten darin herum, während die fremde Zunge unablässig seine eigene umtanzte.
Ob Halluzination oder Traum oder durch zuviel Alkohol hervorgerufenes Delirium tremens – es war schlichtweg das Beste, was er je erlebt hatte, und er hoffte, daß es nie wieder aufhörte.

Wie der andere ihn aus Shirt und Jogginghose schälte, bekam er gar nicht mehr richtig mit, ebensowenig die Tatsache, wie dieser sich selbst mit Pumageschwindigkeit seiner Kleidung entledigte.

***


Ein vorsichtiger Kuß, gehaucht auf eine empfindliche Schenkelinnenseite.
Der Küssende wurde prompt durch ein sichtliches Erschauern und ein leises Seufzen belohnt.
Beim Klang dieses dunklen Timbres schnurrte Brave Starr wieder auf. Begierig, dem anderen mehr dieser anregenden Töne zu entlocken und berauscht von dessen holzig-würzigem Körpergeruch, zog er weiterhin eine Spur hauchzarter, zärtlicher Küsse auf dieser weichen, lila Haut, ergänzte die Kunst seiner Lippen und Zunge mit der Virtuosität seiner Finger, bis sich der Körper unter ihm regelrecht wand.
Und als er sich dann mit einem vibrierenden Schnurren der Länge nach auf ihn legte, schlang Tex die Arme um ihn und drängte sich ihm mit einem sehnsüchtigen Wimmern entgegen.

***


Fahles Morgenlicht tauchte das Zimmer in ein seltsames Zweilicht.
Ihm war kalt, furchtbar kalt.
Noch im Halbschlaf wickelte sich Tex Hex enger in seine Decke und sehnte sich nach dem warmen Körper, den starken Armen, die ihn erst vor kurzem noch gehalten hatten. Doch dann – zeitgleich mit den Kopfschmerzen – wurde ihm bewußt, daß er das alles nur geträumt oder halluziniert hatte. Seiner Kehle entrang sich etwas, das sich wie ein trockenes Aufschluchzen anhörte, als er sich zu einer Kugel zusammenkringelte und noch tiefer in seiner Bettdecke verkroch.
Wenig später war er wieder eingeschlafen, und er wachte erst wieder auf, als die drei Sonnen schon aufgegangen waren.
Sein Kopf dröhnte, und diesmal wunderte er sich über gar nichts mehr.
Nicht über die Tatsache, daß er – mal wieder – nackt aufwachte, noch darüber, daß diesmal seine Jogginghose unauffindbar blieb.
Aber er schwor sich eines: nie wieder soviel Starblazer auf nüchternen Magen!

***


Der Wecker erstarb mit einem quietschenden Ton.
Eine große braune Hand zog sich von den kläglichen Überresten zurück und verschwand in einem schwarzen Haarschopf, strich einmal glättend darüber.
Brave Starr gähnte einmal ausgiebig, blinzelte verschlafen und hievte sich dann schlaftrunken aus dem Bett. Wieder lag auf seiner Zunge dieser seltsame Geschmack, diesmal noch intensiver als zuvor.
Ob das irgend etwas zu bedeuten hatte?
Müde schwang er die Beine unter der Decke hervor.

Aber auf der Bettkante blieb er erst einmal wie vom Donner gerührt sitzen und starrte an sich hinab.

„Was, zum Teufel-?“

Völlig perplex zupfte er an der Jogginghose herum, die er zweifellos gerade trug, die aber definitiv nicht ihm gehörte.

Mit konsterniertem Gesicht und spitzen Fingern zog er sich das graue Flanell erst einmal vom Körper, folgte seinem ersten Impuls, das Ding wegzuwerfen, dann allerdings nicht.
Stattdessen faltete er es mit einem merkwürdig gedankenverlorenen Gesichtsausdruck ordentlich zusammen, vergrub dann sein Gesicht darin und atmete den darin hängenden Geruch ein paar mal tief in die Lungen.
Er seufzte einmal wohlig auf.
Mit einem verklärten Lächeln legte er die Hose dann zu den anderen Kleidungsstücken unter sein Kopfkissen.

***
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