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Außer Kontrolle

von MariLuna
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
04.02.2010
02.03.2010
21
45.839
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04.02.2010 2.046
 
4. KAPITEL

Magische, grüne Flammen krochen über einen schlanken Körper, umhüllten ihn gierig.
Lilafarbene Haut wurde erst dunkel, dann bildeten sich Brandblasen, die schließlich platzten.
Blut verdampfte zischend in der Hitze.
Erstickte Schreie, die irgendwann verstummten, zu einem leisen Wimmern wurden.
Kleidung, die in Fetzen hing, schwarz, verkohlt und vor sich hinqualmte.
Gelbe, glühende Augen, die zu einem riesigen, halbbionischen Semidrachen gehörten, der mitleidslos zusah, wie sich der Mann vor ihm in Qualen wand.

***


Marshall Brave Starr wurde plötzlich wachsbleich, klirrend fiel seine Gabel zurück auf den Teller zurück, und dann starrten ihm J.B. McBride und Thirty-Thirty nur besorgt hinterher, als er aus dem Saloon stürmte.
Das Knurren, Fauchen und Grollen, das seinen überstürzten Abgang begleitete, bedeutete nichts Gutes.

***


Mit einer Systematik, die viel Routine verriet, ließ Stampede den Körper seines ersten Gefolgsmannes in seinem unheiligen grünen Feuer verbrennen.
Langsam, genüßlich, wie es nun einmal seinem sadistischen Charakter entsprach.
Er wußte genau, wo die Grenzen dieses Körpers lagen, wie weit er gehen konnte, bevor Tex Hex in einen Schockzustand fiel, der die Schmerzen ausblendete.
Schließlich ging es einzig und allein darum, Schmerzen zuzufügen.
Seine Art der Disziplinierung.
Er duldete kein Versagen.
Er bestrafte es.
So war es schon seit Jahren und so würde es immer bleiben.

Wie schon unzählige Male zuvor, heilte er diesen Körper nach jeder Feuertaufe, ließ ihm sogar einige Minuten Ruhe, bevor er wieder von vorne begann.
Gerade eben war eine dieser Ruhephasen. Es bereitete ihm ein unsägliches Vergnügen, zuzusehen, wie sich der Mann vor ihm allmählich erholte, wie sich sein keuchender Atem beruhigte, wenn der Schmerz abebbte. Dann wartete er, bis er die Hoffnung in diesen keriumroten Augen aufschimmern sah, die Hoffnung, daß es jetzt mit der Bestrafung endlich vorbei sei, und dies war der Moment, den er noch einmal richtig auskostete, bevor er ihn wieder in Flammen steckte.
Er schickte sich gerade an, genau dieses zu tun, als mit einem lauten Krachen das Tor zu seinem Refugium aufgestoßen wurde.

Er spürte die fremde Magie, noch bevor er den goldenen Blitz sah.
Für einen Augenblick ehrlich verdutzt, hielt er mitten in der Bewegung inne.
Er sah den verhassten Marshall, wie sich dieser über den halbbewußtlosen Tex Hex beugte.

Stampede grinste, holte mit seiner Kralle aus, um dieses Problem ein für allemal aus der Welt zu schaffen, doch in diesem Moment sprang plötzlich schier aus dem Nichts ein schwarzer Wolf herbei und stellte sich schützend vor die beiden Männer.

Goldgrüne Augen funkelten ihn drohend an.
Ein Zähnefletschen, angelegte Ohren und eine Körperhaltung, die keinen Zweifel aufkommen ließ.
Stampede war ehrlich überrascht, vor allem, als aus einer anderen Richtung ein bräunlicher Schatten herbeijagte, neben dem Wolf Stellung bezog und bösartig fauchte.
Und dann tauchte auch ein großer, graubrauner Bär auf, der sich angriffslustig zu seiner vollen Größe von fast drei Metern aufrichtete, und auf dessen Kopf ein Falke thronte.

Wider seinen Willen war Stampede beeindruckt, auch, wenn die von den Tiergeistern ausgehende Magie ihm allerhöchstens ein leichtes Jucken beschwerte. Andererseits wußte er ganz genau, was es bedeutete, wenn Marshall Brave Starrs Tiergeister auf die stoffliche Ebene wechselten.

„Na, das kann ja heiter werden!“ kichernd wandte sich der Semidrachen ab und rollte sich wieder in seinem Lavasee zusammen.
Aus den Augenwinkeln nahm er noch wahr, wie sich die Tiergeister wieder entmaterialisierten und wie der Marshall den Desperado auf seinen Armen aus seiner Höhle trug.
Ein Anblick, der ihm nur ein belustigtes Schnauben entlockte.

***


Einigermaßen ratlos starrten die fünf verbliebenen Mitglieder der Carrion Bunch auf das aus den Angeln gerissene Tor, hinter der Stampedes Höhle gähnte. Wie stets hatten sie hier draußen gewartet, bis die Bestrafungsaktion vorüber war und ihr Anführer entweder auf eigenen Füßen hinausstolperte oder Stampedes Ruf sie hineinzitierte, um dessen Überreste aufzulesen.
Sie hatten Übung darin, Tex Hex zusammenzuflicken.
Manchmal waren seine Verletzungen aber so schlimm, daß sie nichts weiter machen konnten als ihn zu dem Krang-Arzt zu bringen, dem einzigen, der Desperados wie sie behandelte ohne gleich den Marshall zu alarmieren.

Aber jetzt staunten sie nicht schlecht, als Marshall Brave Starr aus der Höhle kam – vollkommen unverletzt – und darüberhinaus trug er auf seinen Armen auch noch ihren halbbewußtlosen Boß.

Doch als Sandstorm sich dem Marshall in den Weg stellte, um ihm seine Last abzunehmen – denn eigentlich war genau dies seit Jahren schon der Part des rotgeschuppten Hünen – reagierte der Marshall mit einem gezischten „Nein!“

Sandstorm musterte ihn durchdringend, doch letztendlich gab der desolate Zustand seines Bosses den Ausschlag. Nach einem Augenblick des Zögerns nickte er und bedeutete dem Marshall mit einem stummen Kopfnicken, ihm zu folgen.

***


Von fünf Augenpaaren mißtrauisch beäugt, legte der Marshall den inzwischen bewußtlosen Tex Hex behutsam auf dessen Bett. Von seiner Kleidung war nicht mehr viel übrig, und auch wenn ihm körperlich außer einigen Rußspuren nicht mehr anzumerken war, was er in den letzten Stunden durchgestanden hatte, war die fahle Blässe seiner Haut nicht zu übersehen.

Mit einer Selbstverständlichkeit als wäre er hier zuhause oder gar willkommen, setzte sich der Marshall auf den Bettrand und versank ganz in der Betrachtung der ausgestreckten Gestalt vor sich.
Sanft strich er die kümmerlichen, verkohlten Überreste des einst grünen Hemdes beiseite und fuhr vorsichtig mit den Fingerspitzen über die frische, vernähte Wunde an der linken Schulter. Während alle Wunden, die das Feuer auf diesem Körper hinterlassen hatte, spurlos verschwunden waren, verhielt es sich mit dieser Verletzung anders.
Stampede war nun einmal ein Sadist und ein Minimalist obendrein.

Leise aufseufzend zog Marshall Brave Starr die Bettdecke über den geschundenen Körper.
In diesem Moment begannen Tex Hex’ Lider zu flattern, es folgte ein tiefer, zitternder Atemzug, und er schlug die Augen auf. Sekundenlang starrte er den Marshall nur blicklos an, und erst, als Skuzz ein leises „Boß“ krächzte, kehrte das Leben in seine Augen zurück. Sein Blick wanderte über seine Gang, die sich um sein Bett versammelt hatte und ein schmales Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. J
edenfalls so lange, bis er den Marshall bemerkte.

„Was machst du hier?“ knurrte er abweisend.

„Er hat dich Stampedes Klauen entrissen, Boß!“ erklärte Skuzz aufgeregt. „Ist einfach rein! Hat das Tor kaputt gemacht!“

Tex Hex musterte den Marshall durchdringend, und wenn überhaupt, wurde seine Miene nur noch frostiger.

„Erwarte bloß keine Dankbarkeit. Ich habe dich nicht um deine Hilfe gebeten. Du hast hier gar nichts verloren! Geh wieder nach Hause zu deinen Freunden!“

Brave Starrs Lippen kurvten sich zu einem rätselhaften Lächeln, und in seinen Augen erwachte wieder dieses merkwürdige Glühen, als er sich zu Tex Hex hinunterbeugte.

„Nach Hause soll ich?“ raunte er leise. „Wer sagt dir denn, daß ich da nicht schon längst bin?“

Ganz sachte strich er dabei über Tex Hex’ Schnauzer, von unten nach oben und oben angekommen, ließ er seine Finger für eine Millisekunde auf dessen linkem Mundwinkel verharren, zog sich wieder zurück, lächelte, daß seine weißen Zähne nur so aufblitzten und – schnurrte.

Auf einer rein instinktiven Ebene erkannte Tex Hex dieses Geräusch sofort wieder. Auch, wenn er es noch nicht bewußt mit jenem, das ihn am vergangenen Tag regelrecht verfolgt hatte in Verbindung bringen konnte -  es genügte, um ihn zusammenzucken zu lassen.

„Du solltest jetzt wirklich gehen“, trotz der aufkeimenden Panik gelang es ihm, völlig ruhig und eiskalt zu klingen.
„Freiwillig. Bevor dich meine Leute mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen.“

Marshall Brave Starr zuckte nicht einmal zusammen, als er das deutliche Klicken von fünf Waffen vernahm, die hinter ihm entsichert wurden.

„Schon gut, du Sturkopf.“
Wieder beugte er sich etwas zu ihm herab, fast sah es so aus, als wolle er ihn küssen.

Blitzschnell landete Tex’ Hand auf seiner Brust. Entschieden und unter Aufbietung aller Kräfte, schob er den Marshall von sich.

„Hau ab“, leise, aber kalt wie Eis.

Brave Starr warf ihm noch einen letzten dieser sonderbaren Blicke zu, dann erhob er sich und verließ das Zimmer. Cactushead und Thunderstick hefteten sich an seine Fersen, um sicherzugehen, daß er auch tatsächlich verschwand.

Als sich die Tür hinter der kleinen Prozession wieder geschlossen hatte, ließ sich Tex Hex zurück in die Kissen sinken und schloß erschöpft die Augen. Er atmete tief durch, sammelte sich und schlug die Augen wieder auf, aber nur, um Sandstorm, Skuzz und Vipra ungnädig anzufunkeln.

„Dasselbe gilt auch für euch. Verzieht euch endlich!“

Aber die drei zögerten merklich.

„Das war wirklich komisch, Boß“, wagte Skuzz schließlich einzuwenden. „Wieso hat dich der Marshall vor Stampede gerettet? Und wieso hat Stampede das auch zugelassen?“

„Ich glaube, dem Marshall bekommt die Sonne einfach nicht mehr“, knurrte Tex dumpf und deutete dann unmißverständlich zur Tür. „Und jetzt verzieht euch gefälligst! Noch einmal wiederhole ich mich nicht!“

Seine Freunde grinsten beschwichtigend, befolgten den Befehl aber, bevor er in gewohnter Manier nach etwas griff, was er ihnen an den Kopf werfen konnte.

Grummelnd drehte sich Tex Hex auf die Seite, zog die dünne Decke um sich, wußte, daß er eigentlich duschen sollte, sonst war gleich wieder Waschtag angesagt, doch die Müdigkeit überwog. Vehement verdrängte er auch die lästigen Fragen, die sich ihm aufdrängten. Er hatte wirklich genug mit sich selbst zu tun, da konnte er sich nicht auch noch um diesen Plattfußindianer von Gesetzeshüter Gedanken machen.
Was ging es denn ihn an, wenn der Idiot plötzlich weich wurde?

***


Auf einer kleinen Felsgruppe, etwas außerhalb der Badlands, hockte ein ziemlich verwirrter Marshall Brave Starr und klopfte sich nachdenklich den roten Sand und Staub von der Uniformhose.
Seine wirklich letzte klare Erinnerung bestand in jener, wie er zusammen mit seinen Freunden sein Mittagessen im Saloon genossen hatte. Alles andere war eher bruchstückhaft, verschwommen, aber wenn er sich seine verstaubte Uniform so ansah, entsprach es wohl nicht nur seiner überbordenden Fantasie, daß er eben Tex Hex vor Stampede gerettet und dann auch noch ins Bett gebracht hatte.
Andererseits waren ihm solche Erlebnisse nicht fremd, er fühlte sich oft ein wenig aus seinem eigenen Geist zurückgedrängt, wenn seine Tiergeister erwachten. Das hatte viel mit der Tatsache zu tun, daß er dann oft ganz instinktiv handelte und sein menschliches Gehirn gewisse Eindrücke nicht mit der nötigen Geschwindigkeit verarbeiten konnte – vor allem dann nicht, wenn seine Pumageschwindigkeit mit im Spiel war.
Daran hatte er sich gewöhnt. Und bisher war das alles auch gar kein Problem gewesen.

Aus einem Impuls heraus zerrte er ein grünes Tuch aus seiner hinteren Hosentasche, glättete es und vergrub sein Gesicht darin. Tief atmete er den darin hängenden, würzig-holzigen Geruch in die Lungen.
So beruhigend, so köstlich.
Plötzlich wurde er sich bewußt, was er hier tat, und vor allem, wessen Halstuch das war und zuckte erschrocken über sich selbst zusammen. Und ungewollt drängte sich ihm wieder dieses Bild auf:
Tex Hex, in Flammen stehend, verbrannt von unheiligem, grünen Feuer.

Und ehe er genauer darüber nachdachte, schloß er schon die Augen und flüsterte:
„Augen des Falken.“


Rasend schnell näherte sich der Falkengeist dem Hexagon, durchdrang die dicken Mauern und fand zielsicher dieses eine, ganz bestimmte Zimmer.
Die Silhouette eines schlankes, zusammengerollten Körpers, der sich unter einer Bettdecke abzeichnete.
Weißes Haar, an einigen Stellen rußig, das darunter hervorlugte.
Eine Veränderung der Perspektive, als der Falkengeist auf die andere Seite des Bettes flog.
Ein entspanntes, friedliches Gesicht.
Geschlossene Augen, eindeutig schlafend.
Einige wilde Haarsträhnen, die ungebändigt in dieses Gesicht fielen.


Brave Starr dachte daran, diese Strähnen zurück hinters Ohr zu streichen.


Ein gelber, spitzer, gebogener Raubvogelschnabel schnappte nach der weißen Strähne und schob sie vorsichtig zurück. Dann berührte er ganz kurz die warme Wange, aus der Berührung wurde ein Streicheln, und dann schmiegte sich nicht nur der Schnabel, sondern der ganze Kopf samt Hals und wenig später auch der gesamte Körper eines Falken an das Antlitz des Anführers der Carrion Bunch.
Weiche, flaumige Federn streichelten lilafarbene Haut.



Tex Hex regte sich im Schlaf, zuckte etwas zurück, und dann schälte sich seine Hand unter der Bettdecke hervor. Schlaftrunken tastete er nach dem, was ihn da an der Wange kitzelte.
Seine Finger landeten in etwas Warmen, Flauschigen, doch noch bevor sich sein Bewußtsein aus den Tiefen seines Traumes lösen konnte, übermannte ihn wieder die Erschöpfung, und er schlief weiter, die Hand vergraben im braungefleckten Brustgefieder eines Greifvogels.


Brave Starr schüttelte sich, wurde sich bewußt, daß er für einige Minuten in einer Art Trance verbracht hatte, stand auf, stopfte das Tuch wieder in seine Hosentasche, streckte sich kurz und trabte dann zurück Richtung Fort Kerium.

Im Hexagon löste sich der Falke mit einem leisen, wehmütigen Fiepen wieder auf und kehrte auf seine eigene Daseinsebene zurück.

***
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