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Außer Kontrolle

von MariLuna
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
04.02.2010
02.03.2010
21
45.839
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04.02.2010 2.309
 
3. KAPITEL

Mit einer Handbewegung brachte Brave Starr seinen Wecker zum Verstummen und richtete sich verschlafen auf. Sekundenlang starrte er nur auf den Stoff zwischen seinen Fingern, sein morgendlich träges Gehirn benötigte einige Zeit, um dem Ding da einen Namen zu geben, doch dann riß er die Augen auf und legte die Unterhose mit spitzen Fingern auf seinen Nachttisch.
Mutierte er jetzt zum Schlafwandler?
Das konnte doch langsam wirklich nicht alles mehr wahr sein!
Mit einem unwilligen Brummen schwang sich der Marshall endgültig aus dem Bett und tappte hinüber ins Bad. Eine belebende Dusche war jetzt genau das, was er brauchte.

***


Schwarzes Metall glänzte im noch jungen Morgenlicht.
Ein weißschimmernder Rinderschädel auf einer wahrhaft merkwürdigen Konstruktion. Skullwalker.
Tex Hex’ treues Gefährt.
Eine Hand in schwarzen Halbfingerhandschuhen packte den Sattelknauf mit festem Griff, während ein Fuß in einem schwarzen Stiefel im Steigbügel verschwand. Mit einer einzigen fließenden Bewegung zog sich Tex Hex auf Skullwalkers Rücken und ließ noch ein letztes Mal prüfend seinen Blick über seine startbereite Gang schweifen.
Dann hob er den Arm und gab das Startzeichen.


Brave Starr schnappte nach Luft und drehte hastig die Dusche ab.
Verdammt nochmal, das durfte doch nicht wahr sein!
Es war gerade mal kurz nach sieben Uhr am Morgen.
Konnte man denn nicht mal mehr in Ruhe duschen?
Oder frühstücken?
Aufknurrend trat er aus der Dusche, trocknete sich notdürftig ab, schlüpfte blitzschnell in seine Uniform – nein, für Pumageschwindigkeit bestand noch kein Grund, die Carrion Bunch benötigte noch mindestens eine halbe Stunde, bis sie hier eintrudelten – und dann stürmte er aus der Wohnungstür, aktivierte sein Headset und klingelte seine Deputies aus den Federn.

***


Das an- und abschwellende Heulen der Alarmsirenen durchschnitt brutal die morgendliche Stille. Die meisten Stadtbewohner schliefen noch, daher hielt sich die Panik in Grenzen.
Innerhalb einer Minute wurde Fort Kerium zu einer uneinnehmbaren Festung.

Mit einem äußerst zufriedenen Gesichtsausdruck standen Marshall Brave Starr und Deputy Thirty-Thirty fünfzig Meter von der Stadtgrenze entfernt und verfolgten, wie sich das letzte, stählerne Tor schloß.
Dann wandten sie sich um, sahen der näher kommenden Staubwolke am Horizont entgegen, die die Ankunft der Carrion Bunch verriet.

Erwartungsvoll ließ Thirty-Thirty seine Waffe Sarah Jane mehrmals um seinen Finger wirbeln, bevor er sie in Anschlag brachte. Er brannte auf einen guten Kampf – dafür verzichtete er gerne auf sein Frühstück. Denn das hier waren wenigstens richtige Gegner, nicht solche Flaschen wie die gestrigen Bankräuber.
Ein merkwürdiges Geräusch ließ seine Ohren zucken.
Er drehte den Kopf und starrte seinen Chef verdutzt an.
Da war es schon wieder: ein dumpfes, tiefes Grollen.
Schnurrte Brave Starr etwa?
Doch noch bevor er fragen konnte, huschte ein seltsam dunkles Lächeln über die Züge des Marshalls, gefolgt von einem gemurmelten „Geschwindigkeit des Pumas“.

Und dann konnte Thirty-Thirty nur noch verdutzt einer Staubwolke hinterher starren, die auf eine andere, weitaus größere zuraste.
Entschlossen, ihm nicht den ganzen Spaß alleine zu gönnen, jagte ihm Thirty-Thirty hinterher.

***


Tex Hex sah es nicht kommen.
Und auch sonst wies nichts darauf hin, was ihn gleich ereilen würde.
Tief über Skullwalkers Schädel gebeugt, den Gashebel bis zum Anschlag durchgedrückt, raste er eben noch an der Spitze seiner Gang Richtung Fort Kerium, und in der nächsten Sekunde packte ihn irgend etwas um die Hüften, riß ihn aus dem Sattel, und er fand sich wieder, stehend, und während sein Gleichgewichtssinn noch versuchte, das alles irgendwie zu verdauen, sah er aus dem Augenwinkeln, wie Skullwalker, seiner Führung beraubt, schlingerte, ausbrach und dann gegen einen Felsen knallte, Vipra auf ihrem Turbo-Muli gerade noch rechtzeitig ausweichen konnte und dennoch erst ungefähr hundert Meter weiter zum Stillstand kam, genau wie alle anderen seiner Gang, weil Reaktionszeit und Bremsweg nun einmal zusammenspielten.
Aber all das registrierte er nur am Rande seines Bewußtseins. Irgend etwas – oder jemand – hielt ihn von hinten fest, er fühlte sich an den Hüften gefaßt, dann einen leisen Lufthauch – warmer Atem? – im Nacken, woraufhin er unwillkürlich erschauerte, gefolgt von etwas Feuchtem – einer Zunge? – was ihn abermals erzittern ließ, doch kurz darauf zuckte er überrascht zusammen und keuchte schmerzerfüllt auf. Instinktiv fuhr er sich mit der rechten Hand hoch zu seinem Hals, ertastete warmes, frisches Blut, doch noch ehe er irgendwie reagieren konnte, war die Präsenz hinter ihm verschwunden und Marshall Brave Starr stand vor ihm.

Grenzenlos verwirrt versuchte Tex Hex das Geschehene irgendwie einzuordnen, und er war so verstört, daß er tatsächlich erst einmal erstarrte, anstatt sich in Sicherheit zu bringen und sich in Rauch aufzulösen. Und so starrte er nur verständnislos in das dunkle Gesicht des Gesetzeshüters.

„Hi“, meinte Brave Starr nur, während er sich über die Lippen leckte. Der Blick seiner braunen Augen gewann an Intensität, wurde regelrecht brennend, wie er langsam über Tex Hex’ Gestalt glitt, von oben nach unten und wieder zurück. Ein Blick, unter dem es dem anderen ganz mulmig wurde.

Tex preßte seine Hand immer noch an seinen Hals, doch jetzt zog er sie langsam zurück und betrachtete seine blutverschmierten Finger irritiert, um dann dem Marshall einen flackernden Blick zuzuwerfen.

„Du … hast mich gebissen?“ stieß er hervor und wich gleichzeitig einen großen Schritt zurück. „Verdammt, was soll das?“ Seine Selbstsicherheit kehrte zurück, und mit ihr seine Wut. „Was ist überhaupt in dich gefahren, mich einfach so von Skullwalker runterzuholen? Soll ich mir den Hals brechen? Und was soll das überhaupt? Wir haben doch gar nichts gemacht!“ Sich immer mehr in Rage redend, begann er, wild herumzugestikulieren. „Kann man denn jetzt nicht mal mehr einen einfachen Ausritt machen, ohne daß du gleich auftauchst? Du und dein blödes Pony, meine ich!“

Denn gerade eben war Thirty-Thirty bei seinen immer noch sehr, sehr irritiert in der Gegend herumstehenden Gangmitgliedern eingetroffen, und alle Anzeichen deuteten auf einen der üblichen Kämpfe hin.

„Habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun? Was soll das werden, Prävention noch bevor irgend etwas geschehen ist, was auch nur ansatzweise darauf hindeutet, daß es passieren könnte? Nur, weil wir zufällig in der Gegend sind, werden wir jetzt verhaftet? Was kommt als nächstes? Wirfst du mich wieder von Skullwalker, nur weil ich daran denke, irgend etwas zu tun? Wobei ich nicht behaupten will, daß ich daran gedacht hätte, etwas zu tun … ahem …“ schweratmend hielt er inne.
Außerdem hatte er den Faden verloren.

Was Wunder, wenn ihn der Marshall mit diesem Blick ansah?
So mußte sich das letzte Steak auf dem Grillrost fühlen bei einem Barbecue mit über zwanzig Gästen.
Und dann begann der Marshall auch noch völlig unpassend zu grinsen.

„Weißt du was, Tex? Du siehst richtig süß aus, wenn du dich so aufregst.“

Lautstark schnappte Tex Hex nach Luft. „Ich … du … was…“

„Du solltest dich sowieso nicht mit uns anlegen“, unterbrach ihn Brave Starr beinahe vergnügt, „nicht, solange deine Schulter nicht verheilt ist. Geh lieber zurück, fisch Fische, reparier die Klimaanlage oder schieß auf Büchsen, heute wirst du Fort Kerium jedenfalls nicht betreten.“

Tex Hex’ von Natur aus große Augen wurden noch größer, und er wich wieder einen kleinen Schritt zurück. Unwillkürlich griff er sich an die lädierte linke Schulter.

„Woher weißt du …“ begann er, doch dann schüttelte er den Kopf. „Egal, interessiert mich gar nicht. Wenn du mich aufhalten willst, mußt du dir schon was Besseres einfallen lassen, Marshall.“

„Ich dachte, das sei nur ein harmloser Ausritt?“ grinste der Marshall breit.

Tex schnaubte. „Jetzt nicht mehr. Jetzt statte ich deinem kleinen, biederen Fort Kerium erst Recht einen Besuch ab.“

Seine Miene verhieß nichts Gutes.
In jenem Moment, wo er sich teleportierte, schoß der Marshall vor und schloß die Arme um seine Mitte.

Ein kurzes Gefühl der Auflösung und fehlender Stofflichkeit später, gefolgt von leichter Desorientierung, fand sich der junge Marshall auf der Main Street vor der Bank wieder.
Dicht vor sich spürte er den warmen Körper des Desperados, seinen schnellen Atem auf seiner Haut und unter seinen Händen dessen Hüftknochen, die sich deutlich unter Jeans und Chaps abzeichneten.
Er konnte ihn riechen. Ein seltsames Gemisch aus Seife und Sand, und darunter dessen würzig-herben Eigengeruch, etwas, das ihm vage vertraut vorkam.
Nun hatten sie sich schon öfters in ihren Kämpfen berührt, waren sich so nahe gewesen, daß einem das Aroma des anderen in die Nase stieg, aber irgendwie erschien Brave Starr dieser Geruch jetzt wesentlich intensiver als je zuvor.
Und auch köstlicher.
Und ohne daß er es beeinflussen konnte, landete seine Nase auf einmal an Tex Hex’ Wange. Tief sog er diesen geradezu delikaten Duft in seine Lungen.

Tex Hex fühlte sich völlig überfordert. Da hatte dieser Marshall es doch wirklich geschafft, sich an ihn zu hängen, während er teleportierte!
Wußte der denn nicht, wie riskant so etwas war?
Für ihn selbst war es ja schon ein Lotteriespiel, sich irgend wohin zu teleportieren, ohne zu wissen, ob nicht irgend etwas im Wege herumstand. Und dann hatte er auch noch einen Anhalter dabei, von dem er nichts wußte … und was, zum Teufel, machte der da gerade?

Hastig zwängte Tex Hex seine Hände zwischen sie und schob den Marshall mit aller Kraft von sich. Von der ungewohnten Anstrengung begann seine Schulter wieder zu schmerzen, doch er biß nur die Zähne zusammen.
Und tatsächlich gelang es ihm, dem sonderbaren Griff des Marshalls zu entkommen, mit schmerzenden Hüftknochen, einer pochenden Schulter und glühenden Wangen.

Nicht wissend, wie er angemessen auf das sonderbare Verhalten des Marshalls reagieren sollte, starrte Tex Hex ihn einfach nur an. Er war tatsächlich so überrumpelt, daß er nicht einmal daran dachte, ihm einen Faustschlag zu verpassen, auch, wenn die Gelegenheit mehr als günstig war.
Aber dann hob der Marshall seinen Kopf und blinzelte ihn nicht weniger verdutzt an. Es wirkte, als erwache er aus einem Traum.
Trotzdem hatte er sich schneller wieder gefaßt als Tex Hex.

„Es ist noch viel zu früh, Tex. Die Bank hat ja noch nicht einmal geöffnet.“

Es war tatsächlich noch sehr früh, aber dennoch spät genug, um die Bürger allmählich auf die Straße zu locken. Neugierig wie eh und je, aber auch genauso feige, versammelten sie sich auf den Bürgersteigen in sicherer Entfernung oder lugten aus ihren Fenstern nach draußen, um nur ja nichts zu verpassen.

Tex Hex erinnerte sich bei den Worten des Marshalls wieder daran, weshalb er eigentlich hier war, drehte sich um und stiefelte entschlossen zur Bank hinüber.
Brave Starr stand noch immer da wie angenagelt und war ganz in die Betrachtung von Tex Hex’ Rückansicht versunken. Ohne sich dessen recht bewußt zu sein, hing sein Blick unverwandt auf dessen wohlgeformten Hinterteil. Er erinnerte sich daran, wie das aussah, was jetzt von dieser dunklen Jeans verdeckt wurde und dachte daran, wie es sich wohl anfühlen würde...
Nur mühsam riß er sich von diesem Gedanken los.

„Tex!“

Brave Starrs Stimme ließ diesen einen halben Meter vor der Tür stocken.

„Du hast recht! Absichten zählen erst, wenn sie in die Tat umgesetzt werden. Noch hast du nichts Ungesetzliches getan. Jedenfalls nicht hier und jetzt. Und wir wissen doch beide, daß ich dich aufhalten werde. Wir werden miteinander kämpfen, du wirst unterliegen und flüchten. Wieso sparen wir uns nicht die Zeit und Energie?“

Einmal Pumageschwindigkeit später stand er direkt hinter Tex Hex und berührte ihn vorsichtig an der linken Schulter.

„Außerdem“, flüsterte er so leise, daß nur Tex ihn verstehen konnte, „bist du verletzt.“

Tex zuckte zusammen, entwand sich der für seinen Geschmack viel zu vertraulichen Geste und drehte sich um.

„Ich war schon öfters verletzt“, erklärte er kühl, „das war noch niemals ein Hinderungsgrund.“

Als Marshall Brave Starr dies hörte, biß er sich betreten auf die Unterlippe. Ihm stand plötzlich wieder Tex Hex’ schmerzverzerrtes Gesicht vor Augen, als er gestern unfreiwillig Zeuge von der Verarztung dessen Schulter geworden war.

„Soll das heißen, so etwas wie gestern passiert öfters?“

„Ich habe keine Ahnung, welches Vögelchen dir das gezwitschert hat, aber das geht dich gar nichts an, Marshall“, war die höchst abweisende Antwort.

Brave Starr schluckte hart. Sie standen sich schon wieder so nahe, daß er jede noch so kleine Narbe, jedes Fältchen und jede Pigmentstörung in diesem einprägsamen Antlitz erkennen konnte. Verdammt, er konnte jedes einzelne, schneeweiße Haar sehen, egal ob Schnauzer oder Haupthaar. Er sah die beiden frechen Haarsträhnen, die wie immer unter dem Hut hervorlugten und in die Stirn fielen.
Und er sah all diese verschiedenen Farbschattierungen von Rot in dieser Iris, die diesen Augen ihren strahlenden Keriumglanz verliehen.

„Verschwinde“, raunte Brave Starr heiser.

„Pah“, klang es verächtlich zurück.

Doch dann zischte Tex Hex erschrocken auf, denn er fand sich plötzlich mit dem Rücken an die Tür der Bank gepreßt wieder, mit einer weiß behandschuhten Hand um seiner Kehle.
Mit der anderen Hand hatte Brave Starr ihn an den Handgelenken gepackt und hielt ihm diese nun über den Kopf zusammen.
Nicht, daß der Desperado mitbekommen hätte, wie der Mann das gemacht hatte.
Es war viel zu schnell gegangen.

Und jetzt stand der Marshall so dicht vor ihm, daß er sich bei jedem Atemzug an seinem Oberkörper rieb. Tex spürte Panik in sich aufsteigen und reagierte ähnlich wie zuvor – er erstarrte, sowohl innerlich wie auch äußerlich.

Sie waren sich so nahe, daß sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten, und dann löste sich ein dumpfes Grollen aus Brave Starrs Kehle.
Mit einem sonderbaren Glühen in den dunklen Augen, näherte er sein Gesicht dem von Tex, strich hauchzart mit seinen Lippen über dessen Wange, hin zu seinem Ohr – wobei er das lange Haar mit der Nase zurückstrich - und wiederholte flüsternd:

„Verschwinde.“

Sein Griff um Tex’ Hals lockerte sich, wurde zu einem Streicheln, einer Liebkosung, und als seine Finger sanft die Bißwunde berührten, sich dort unters grüne Halstuch krallten, erschauerte Tex, erwachte ruckartig aus seiner Starre und löste sich in Luft auf.

Noch als Tex längst fort war, blieb Marshall Brave Starr vor der Banktür stehen, die Hände auf das glatte Glas abgestützt, den Kopf gesenkt und spürte diesem wunderbaren Geruch nach, während er gleichzeitig leise vor sich hinschnurrte.
Erst die warme, schmale Hand der herbeigerufenen Richterin und ihre sanften Worte brachten ihn in die Wirklichkeit zurück.

In den Fingern seiner rechten Hand hielt er Tex Hex’ dunkelgrünes Halstuch.

***
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