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Außer Kontrolle

von MariLuna
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
04.02.2010
02.03.2010
21
45.839
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04.02.2010 2.014
 
17. KAPITEL

Unbemerkt schlichen sich die ersten Träume in seinen derzeitigen Dämmerzustand. Verwirrende, beängstigende Momentaufnahmen, die er instinktiv als Erinnerungen identifizierte.
Tex, der ihm eben noch zärtlich durch das Haar strich und im nächsten Augenblick mitten auf der Main Street stand und mit grünen Energiebällen ganz Fort Kerium in Rauch und Flammen aufgehen ließ.
Tex, der eine Hitze abstrahlte, die alles in seiner unmittelbaren Umgebung wie Butter in der Sonne zerschmelzen ließ.
Tex, der ihn mit seinen eigenen Bärenkräften durch die Luft warf.
Dann wechselte die Szene, und er befand sich mit Tex in seiner Wohnung, seinem Bett, und sie liebten sich. Leidenschaftlich und zärtlich zugleich.
Und er hörte sich selbst plötzlich schreien:
„Keine Ahnung, wie du das jetzt wieder gemacht hast, ob du mich unter Drogen gesetzt hast oder verhext hast, aber das … DU bist einfach nur widerlich!“

Aufstöhnend schüttelte Brave Starr den Kopf.
Nein!
Das hatte er nicht wirklich gesagt, oder?
Doch da hallte schon der nächste Erinnerungsfetzen in seinen Ohren wider.

„Spaß? Du glaubst, dich zu vögeln macht SPASS? Ich würde jemanden wie dich doch nicht mal freiwillig mit `ner Kneifzange anfassen!“

Das konnte nicht sein!
Was hatte er nur getan?

Beinahe gewaltsam riß sich Brave Starr selbst zurück ins Bewußtsein, hinaus aus diesen Erinnerungen. Sekundenlang starrte er nur keuchend auf den Veloursteppich unter sich ohne ihn wirklich wahrzunehmen.
Seine Gedanken rasten.
Er war über sich selbst entsetzt.
War er wirklich so dumm gewesen, das alles einfach so wegzuwerfen?
Und vor allem: warum?
Er verstand sich selbst nicht mehr.

Was auch immer das für Medikamente waren, die Vipra ihm ins Wasser gemischt hatte, sie betäubten die Schmerzen, vor allem die in seinem Kopf, und er konnte wenigstens wieder einigermaßen klar denken. Die Luft in diesem Raum wurde immer heißer und stickiger, doch er achtete nicht wirklich darauf, konzentrierte sich einzig und allein auf das Chaos in seinem Inneren.
All das, was er für „Träume“ gehalten hatte, waren also keine solchen gewesen. Er hatte tatsächlich Tex Hex verführt und ihn dann von sich gestoßen.
Und alles, was jetzt hier geschah, das hatte er mehr als verdient.
Das sah er ein, das begriff er.

Aber liebte er Tex Hex wirklich?

Brave Starr lauschte tief in sich hinein, fand aber keine eindeutige Antwort. Es war, als gäbe es irgendwo in seinem Inneren eine Blockade.
Also dachte er ganz bewußt an die wenige Zeit zurück, die sie miteinander geteilt hatten.
Seine Lippen kräuselten sich zu einem Grinsen, als er die eindeutige Reaktion seines Körpers darauf verspürte.
Und auch jetzt sehnte er sich nach nichts mehr als einer Umarmung von diesem Schurken.

Bei den Göttern – verdammt, er mußte sich entschuldigen!
Nur, würde allein eine Entschuldigung da nicht ausreichen, fürchtete er.
Warum hatte er ihn überhaupt von sich gestoßen, und dann auch noch auf diese erniedrigende Art und Weise, wo er sich doch gleichzeitig nach ihm sehnte?

„Wovor hast du solche Angst, du Dummkopf?“ murmelte er leise vor sich hin.

An diesem Punkt seiner Überlegungen übermannte ihn wieder die Erschöpfung, und er dämmerte beinahe übergangslos ein.

Ein leises, gluckerndes Geräusch weckte ihn. Er mußte sich erst den Schweiß aus den Augen blinzeln, bevor er seinen Blick auf das weiße Ding vor sich auf dem Fußboden fokussieren konnte. Es dauerte eine Weile, bis er es als Plastikschüssel identifizierte.
Aber erst der sehnsüchtig vermißte, würzig-holzige Geruch brachte ihn vollends in die Wirklichkeit zurück.
Unwillkürlich klopfte sein Herz etwas schneller, und er schämte sich plötzlich – wie absolut absurd – daß er so naßgeschwitzt war und dementsprechend roch.

„Tex…”

Beim Klang dieser Stimme zuckte Tex innerlich zusammen, ließ sich nach außen hin jedoch nichts anmerken. Verflixt, da hatte er extra gewartet, bis der Marshall wieder wegdämmerte, und dann wachte der doch glatt wieder auf!

„Wasser“, erklärte er und hielt die Flasche etwas schräger, damit sich die Schüssel schneller füllte. „Selbstbedienung ist angesagt. Und ich hab keine Lust, von dir `ne Glasflasche übern Kopf gezogen zu bekommen.“

Noch während er sprach, leerte sich der letzte Tropfen in die Schüssel, und er wich erleichtert etwas zurück. So in der unmittelbaren Umgebung des Marshalls war er sich nämlich nicht sicher, wie lange er sich zurückhalten konnte. All diese dunkle, naßgeschwitzte Haut und dieser penetrante Geruch nach grünem Tee und ganz einfach nur Brave Starr … darüber könnte er fast sein gebrochenes Herz vergessen.

Brave Starrs leise, rauhe Stimme schickte ihm dann auch glatt einen Schauder über den Rücken.

„So wie du mir am Crystal Lake?“

Tex Hex hatte es bisher tapfer vermieden, ihn direkt anzusehen, doch jetzt konnte er nicht anders. Und da war dieses sanfte Lächeln auf den geschwollenen Zügen, zusammen mit diesem Glühen in Brave Starrs Augen, das ihn innerlich aufseufzen ließ.

„Oh“, entgegnete er betont schnippisch, „daran kannst du dich erinnern?“

Ein Schatten schien über Brave Starrs Augen zu fallen, und er senkte kurz den Blick.
Neugierig betrachtete Tex Hex sein Mienenspiel etwas genauer.
War das tatsächlich so etwas wie Schuld, was da aufblitzte?

„Es tut mir leid“, begann der Marshall dann auch leise und schielte ihn von unten her betreten an. Und das wirkte tatsächlich merkwürdig, da sich das Weiß seiner Augen von den Schlägen hauptsächlich rot verfärbt hatte.
„Ich habe gemeine Dinge gesagt und getan. Ich bin dir nicht böse, daß du mich deswegen verprügelt hast. Nicht einmal daß du Fort Kerium vernichtet hast, kann ich dir nachtragen. Ich verstehe dich. Und …“ er zögerte, doch noch bevor er diese drei Worte aussprechen konnte, unterbrach ihn die scharfe Stimme des Desperados.

„Spar’s dir. Ich will nichts davon hören.“ Beinahe hastig richtete er sich aus seiner knienden Haltung auf und wich ein paar Schritte zurück.
„Du würdest doch alles sagen, um hier herauszukommen.“
Knurrend deutete er auf die Wasserschüssel.
„Da! Wenn du Durst hast, trink wie ein Hund! Und-“, ergänzte er hohl auflachend, „warte nicht darauf, daß dich deine Freunde befreien kommen! Unsere Selbstschußanlagen sind jetzt auf maximaler Leistungsstufe.“

Mit diesen Worten kreiselte er herum und stürmte aus dem Raum.
Brave Starr sah ihm bedrückt hinterher.
Seine Freunde?
Ehrlich gesagt, wußte er nicht einmal, ob er sich von ihnen retten lassen wollte.

***


Schweratmend lehnte sich Tex Hex an die Tür, schloß sekundenlang die Augen und versuchte, das Zittern, das immer stärker wurde, zu unterdrücken.
Fast wünschte er sich seine Wut zurück, diese rote, unbarmherzige Flamme, die während seines Angriffs auf Fort Kerium in ihm gelodert hatte.
Wut war gut.
Jedenfalls besser als diese völlig alberne Hoffnung. Und auch sehr viel besser als der Schmerz, der ihm noch immer die Brust zuschnürte.
Aber leider ließen ihn solch negative Emotionen wie Wut und Haß gerade schmählich im Stich.

Müde strich er sich erst durch seinen langen Schnauzer, dann übers Gesicht und schließlich über den wirren Haarschopf, registrierte die klebrige Nässe – Schweiß – und befand dann, daß er seinen ursprünglichen Plan einhalten sollte. Der Marshall hatte genug Wasser für die nächsten Stunden, und er selbst hatte genug von dessen Anblick, also sprach nichts dagegen, daß er sich den Rest des Tages mit anderen Dingen versüßte.

Vor kurzem hatten ihm seine Leute Aktivitäten in den Badlands gemeldet, sah so aus, als wären Marshall Brave Starrs Freunde tatsächlich hier aufgetaucht um ihren großen Helden zu befreien.
Nun, er grinste freudlos und stieß sich endlich von der Tür ab, das konnte lustig werden.

***


„Trink wie ein Hund.”
Trotz der ernsten Situation irgendwie amüsiert, beäugte der Marshall die Wasserschüssel vor sich etwas genauer. Kurz wanderte sein Blick hinüber in die Zimmerecke, wo die kleine Kamera blinkte, dann zuckte er mit den Schultern und beugte sich so tief herunter, wie es die Fesseln an seinen Handgelenken zuließen.
Dennoch blieb er zehn Zentimeter über dem Wasser stecken.

„Ein Strohhalm wär nicht schlecht“, meinte er stirnrunzelnd, bevor er seufzend seine Arme etwas nach hinten verdrehte, sich dadurch zwar ein unangenehmes Ziehen in den Muskeln einhandelte, aber gleichzeitig auch endlich das Wasser erreichen konnte.

Und während er sein Gesicht in das erfrischende Naß eintunkte und dabei ein paar Schlucke trank, kam er nicht umhin, der ganzen Situation eine gewisse Komik einzugestehen.

Wenn er das aufzeichnet … ob er mir später eine Kopie überläßt? Und in zehn Jahren oder so lachen wir uns gemeinsam darüber scheckig.

Brave Starr konnte nicht sagen, woher diese fast schon ans Zynische grenzende Selbstironie auf einmal stammte, aber andererseits hatte er sich noch niemals zuvor in einer solchen Situation befunden. Vielleicht lag es auch an den Medikamenten. Vielleicht war das Wasser auch jetzt wieder mit etwas Ähnlichem versetzt. Wie auch immer – er begrüßte diese Leichtigkeit, die sich auf einmal in ihm festgesetzt hatte.

Und als er den Kopf aus der Schüssel zurückzog, sich zurücksetzte und das nasse Haar notdürftig zurückstrich, gewann er dieser Wasserschüssel noch etwas Positives ab: das Wasser war kalt und vor allem naß, genau das Richtige bei dieser stickigen Hitze, die die Luft so dick werden ließ, daß man sie fast schon schneiden konnte.

Ein leichtes Stechen in seinem Hinterteil ließ ihn sich anders hinsetzen. Doch kurz darauf war das Druckgefühl wieder da. Irgend etwas steckte in seiner hinteren Hosentasche, und wenn er das nicht entfernte, würde ihn das noch wahnsinnig machen.
Keuchend kämpfte er sich erst auf die Knie, dann auf die Füße – und hätte dabei beinahe die Wasserschüssel umgeworfen, zum Glück zog er seinen Fuß rechtzeitig wieder zurück – und bemerkte, daß er, wenn er stand, seine Hände wieder besser bewegen konnte. Doch er begnügte sich damit, den Störenfried aus seiner Tasche zu kramen und sank dann mit einem erleichterten Aufseufzen wieder zurück in eine annähernd sitzende Haltung.

Nun nahm er sich Zeit, den Gegenstand genauer zu betrachten. Er erkannte ihn sofort. Es war der kleine Kerium-Totenkopfanhänger an der silbernen Kette, den ihm Tex – wann? Gestern morgen? – als Glücksbringer geschenkt hatte. Mit einem glücklichen Lächeln krümmte er die Finger darum und fuhr mit dem Daumen die Konturen des rotschimmernden Kristalls nach.
Ganz allmählich versanken seine Gedanken wieder in den schönen Erinnerungen.
Daran, wie weich sich Tex’ Haut unter seinen Fingerspitzen anfühlte.
Wie gut er roch und schmeckte.
Und wie wohl er sich in seiner Nähe einfach nur gefühlt hatte.
Er seufzte tief auf.
Wie hatte er all das nur wegwerfen können?
Und wie konnte er das nur wieder gut machen?
Müde schloß er die Augen.

Roter Wüstensand, bizarre Felsformationen, vor Hitze flirrende Luft. Vier Personen. J.B. McBride, Thirty-Thirty, Fuzz und Handlebar, direkt vor den ersten Selbstschußanlagen des Hexagons.
Eine Rauchwolke verpuffte und die beiden Gestalten von Tex Hex und Shaman schälten sich heraus.
Tex stieß Shaman wenig sanft in die Arme von J.B. und es folgte eine heftige, gestenreiche Debatte.
Dann machte Tex eine weitausholende, elegante Armbewegung und wie zuvor auf der Main Street, schoß aus dem rauhen Stein eine meterhohe Waberlohe, eine Flammenwand, die sich rasend schnell ausbreitete und schon bald einen Schutzwall um das gesamte Gelände zog, das zum Hexagon gehörte.

Der Blickwinkel veränderte sich, es war, als würde er aus dem Himmel herabstürzen. Kurz tauchten in seinem Sichtfeld braune Schwungfedern auf, er hörte – und spürte - den schrillen Schrei eines Falken.
Er krallte seine Füße fest in Tex Hex’ Schulter, schlug noch einmal mit den Flügeln, bis er sein Gleichgewicht gefunden hatte, dann drehte er den Kopf und schnäbelte begeistert mit einer Nase.

Tex hatte den Kopf gedreht, rieb seine Nase am Schnabel des Falken, kraulte dessen weiches Nackengefieder, bevor er sich wieder auf den Rückweg ins Hexagon machte.

Brave Starr schreckte auf.
Was war das?
Sein Falkenblick?
War sein Falkengeist wieder zu ihm zurückgekehrt?
Und wenn ja, wie stand es dann mit seinen anderen Tiergeistern? Wenn er wieder über die Kraft des Bären verfügte, könnte er sich befreien und … ja, was und?
Was würde er tun?
Was wollte er denn schon tun?
Zurück nach Fort Kerium, zu seinen Freunden, beim Wiederaufbau helfen?
Er grunzte. Nein, das bekamen die auch ganz gut alleine hin.
Er mußte erst einmal etwas ganz anderes „reparieren“.

Außerdem – es hatte sich eher so angefühlt, als sei er für eine kurze Zeit der Falkengeist gewesen.

Aber noch bevor er genauer darüber nachdenken konnte, streifte ihn eine Woge so tiefer, glühender Wärme, daß es ihm glatt den Atem verschlug.
Im wahrsten Sinne des Wortes.
Von einer Sekunde auf die andere, wurde es um ihn herum zappenduster.

***
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