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Außer Kontrolle

von MariLuna
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
04.02.2010
02.03.2010
21
45.839
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04.02.2010 1.948
 
16. KAPITEL

Irgendwann rutschte Brave Starr aus seiner Bewußtlosigkeit in einen diffusen Dämmerzustand, aus dem er in unregelmäßigen Abständen aufschreckte, ohne jedoch wirklich wach zu werden. Als er dann jedoch tatsächlich das Bewußtsein wiedererlangte, wußte er nicht zu sagen, wie viel Zeit vergangen war. Es mochten Minuten sein oder Stunden. Vielleicht auch gar Tage. Seine innere Uhr war schon längst in einen Streik getreten, was bei seinen Kopfschmerzen und den Schwindelgefühlen allerdings auch kein Wunder war.
Das leichte Ziehen in seinen Schultermuskeln – hervorgerufen durch die ungewohnte Haltung –  und die stechenden Schmerzen bei jedem Atemzug waren dagegen noch harmlos.
Außerdem war ihm unerträglich heiß.

Je mehr er sich seines Körpers wieder bewußt wurde, desto mehr Unannehmlichkeiten spürte er – allem voran sein klebriger, nasser Schweiß, der inzwischen jeden Zentimeter seiner Haut bedeckte. Sein Oberkörper war nackt, aber die noch einigermaßen heile Uniformhose – wo waren eigentlich seine Stiefel? Wieso war er barfuß? – klebte schon unangenehm an seinem Körper, so naßgeschwitzt war er.
Und unter dem Verband um seinen Oberkörper begann es ganz unangenehm zu kribbeln, als dieser sich ebenfalls mit seinem Schweiß vollsog.
Und – es war nicht zu leugnen – er stank wie ein Iltis.

Aber erst das deutliche Gefühl, nicht mehr allein im Raum zu sein, brachte ihn dazu, die Augen wirklich zu öffnen.
Hell.
Viel zu hell.
Er mußte mehrmals blinzeln, bis er etwas anderes als undeutliche Schemen erkennen konnte, und letztendlich war es der Geruch, der ihm den richtigen Hinweis gab.

„Tex?“
Die allgegenwärtigen Schmerzen wurden von einem riesigen Glücksgefühl abgelöst.

Der Angesprochene trat näher, beugte sich zu ihm herab und wedelte ihm mit der rechten Hand vor den Augen herum.

„Kannst du sehen?“

Brave Starr nickte verwirrt, doch dann fiel sein Blick auf die Wasserflasche in Tex’ anderer Hand und er leckte sich unwillkürlich über die spröden Lippen.

Tex, der dies bemerkte, grinste freudlos.

„Durstig?“

Brave Starr hob den Blick etwas, sah ihm direkt in die Augen, versank darin und nickte zaghaft. Zuerst dachte er, Tex würde ihm die Flasche geben, doch dann mußte er verwirrt mitansehen, wie dieser sie vor seinen Augen ansetzte und in aller Seelenruhe austrank.

„Tex…“

Fassungslos verfolgte er, wie dieser sich erhob und wortlos den Raum verließ.
Aber es war nicht der Verlust des Wassers, was ihn leise aufwimmern ließ.

Er verstand nicht wirklich, was hier geschah, und sein pochender Schädel war ihm da auch keine besonders große Hilfe.

Plötzlich öffnete sich die Tür wieder, doch Brave Starrs Hoffnung sank, denn es war nur Vipra. Mit einem leisen Lächeln ging sie vor ihm in die Knie und hielt ihm einen Plastikbecher an die Lippen.

„Langsam“, meinte sie, als er sich einmal fast verschluckte.

Irgendwann, nach dem ersten Schluck, versuchte er, selbst nach dem Becher zu greifen, und er bemerkte sehr schnell, daß ihm die Ketten mehr Spielraum boten, je aufrechter er sich hielt. Trotzdem war es auf die Dauer zu anstrengend, so daß seine Finger bald wieder vom Becher rutschten, und er sich weiterhin wie ein kleines Kind von Vipra füttern ließ.

Das Wasser war kühl und klar und reiner Balsam für seine ausgedörrte Kehle.
Und leider war der Becher viel zu schnell leer.

„Du bekommst später noch was“, beruhigte Vipra ihn, die seine enttäuschte Miene richtig deutete, als sie den leeren Becher zurückzog.

Dann hob sie die rechte Hand und betastete vorsichtig sein Gesicht, untersuchte besonders intensiv seine Augen.

„Kannst du sehen?“

Er nickte und starrte sie aus großen Augen an, als sie erleichtert aufatmete.

„Hast da ein paar hübsche Einblutungen“, erklärte sie und strich ihm beinahe mütterlich eine Haarsträhne hinters Ohr zurück.
„Hast du große Schmerzen? Wenn, dann sag’s ruhig, wir haben eine gut ausgerüstete Hausapotheke.“

Er dachte kurz darüber nach.

„Kopf“, murmelte er dann leise. „Und mir ist heiß.“

Vipra warf einen kurzen Blick zu dem schmalen Fenster an der Außenwand hinüber. Sie war selbst kaum drei Minuten hier und fühlte sich schon wie ein Hähnchen im Backofen, aber sie wußte, selbst, wenn sie das Fenster jetzt öffnen würde, würde das keine Erleichterung bringen.
Draußen herrschte die pure Mittagshitze, vierzig Grad im Schatten, und in den nächsten Stunden würde es noch viel heißer werden, und diese kleine Dachkammer würde sich fast bis auf das Doppelte der Außentemperatur aufheizen.

Nachdenklich ruhte ihr Blick auf den Marshall vor ihr. Wie jung er wirkte, wenn er sie mit seinen braunen Augen so fragend ansah. Natürlich war das Weiße seiner Augen jetzt teilweise blutig und die Lider schwollen langsam an, aber die Salbe, mit der sie ihn vorhin behandelt hatte, würde verhindern, daß es allzu schlimm wurde. Nichtsdestotrotz – er wirkte jung, verloren und verletzlich. In ihm noch den Feind zu sehen, fiel ihr schwer.

„Du hast eine Gehirnerschütterung“, erklärte sie und schüttelte leicht den Becher in ihrer Hand. „Und im Wasser war schon etwas gegen die Schmerzen.“ Sie versuchte, so vertrauenswürdig wie möglich zu klingen.

„Tex…“ flüsterte er heiser.

„Er behält dich im Auge.“ Vielsagend ließ sie ihren Blick in die Zimmerecke mit der Kamera wandern.

„Hör zu“, wisperte sie dann eindringlich, „er ist stinksauer. Was auch immer zwischen euch vorgefallen ist: eine Entschuldigung wäre ein Anfang.“

Brave Starr starrte sie nur verständnislos an.

„Entschuldigen? Wofür?“

„Das weiß ich nicht”, Vipra seufzte tief. „Aber es muß ihn sehr verletzt haben, wenn er dich dafür so vermöbelt.“

Brave Starr schloß die Augen und konzentrierte sich. Doch sein Kopf pochte so stark, daß das Denken an sich schon zu einer Qual wurde.

„Gut, ich entschuldige mich. Egal für was.“

„Egal für …” begann Vipra, stockte und musterte ihn dann skeptisch. „Was ist das letzte, woran du dich erinnerst, Marshall?“

„Keine Ahnung“, stöhnte er leise. „Ich hab mit ihm zu Abend gegessen …“

„Hm“, nachdenklich und sehr, sehr behutsam, betastete sie seinen Kopf. „Manchmal geht eine Gehirnerschütterung mit einer Amnesie einher. Vielleicht erinnerst du dich auch wieder. Warten wir es einfach ab.“

„Vipra? Kann ich mit Tex reden? Bitte…“

„Ich werd’s ihm ausrichten“, tröstend strich sie ihm über die Wange. „Versuch ein wenig zu schlafen. Ich weiß, die Haltung ist etwas unbequem, aber ruh dich etwas aus.“

Er nickte nur, spürte er doch, wie er schon wieder in einen Dämmerzustand glitt. Doch kurz bevor er endgültig wegsackte, schreckte er nochmal auf.

„Tex…“

„Ich sag’s ihm.“ Vipras erstaunlich sanfte Stimme, gefolgt von ihren Händen, die ihm noch einmal tröstend übers Haar strichen.
Wie sie den Raum verließ, bekam er gar nicht mehr mit.

***


„Ich will zu ihm!“ Shaman versuchte, sich seine Erschütterung nicht anmerken zu lassen, als er sich von dem Flatscreen abwandte dem Anführer der Carrion Bunch einen funkelnden Blick zuwarf.
„Sofort!“

Tex Hex, der inzwischen sein Hemd und die Chaps ausgezogen hatte und nur noch in einem einfachen T-Shirt und Jeans – die Hosenbeine bis zu den Knien hochgekrempelt - hier stand und das Gesicht genüßlich dem kühlen Lufthauch aus dem großen Standventilator zuwandte, zuckte nur mit den Schultern.

„Du siehst doch: es geht ihm den Umständen entsprechend gut.“

Den Umständen entsprechend … Shaman knirschte mit den Zähnen, hielt sich in Anbetracht der Anwesenheit von Thunderstick jedoch zurück.
Bei den Göttern – sein Ziehsohn wurde im Nebenraum auf kleiner Flamme geröstet und dieser Skullhead hatte die Chuzpe … er holte einmal tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen. Es gelang ihm nur leider nicht wirklich. Schon gar nicht, weil er sich der Präsenzen der vier Tiergeister sehr wohl bewußt war.

„Was hast du mit meinem Jungen vor, du Scheusal? Warum quälst du ihn so?“

„Was denn? Schwitzen ist doch gesund. Na gut, das ist jetzt keine traditionelle Schwitzhütte, aber doch auch sehr schön. Und andere bezahlen ein Heidengeld dafür, und er kriegt’s sogar ganz umsonst.“

Shaman versuchte, ihn mit seinen Blicken regelrecht zu durchbohren.

„Seine Tiergeister haben dich zu ihrem Partner erwählt. Das macht dich zu seinem Seelengefährten. Also solltest du auch verantwortungsvoll damit umgehen und ihn nicht so quälen.“

Tex gab sich nach außen hin sehr kühl, doch innerlich brodelte er bei diesen Worten. Er war hier derjenige, der verraten und verletzt worden war, dessen Herz der ach so gute Marshall in Stücke gerissen hatte, und jetzt mußte er sich solche Anschuldigungen anhören?
Was waren denn schon ein paar blaue Flecken und Prügel und Gluthitze im Vergleich zu dem, was er durchmachte?

All das war er versucht, dem selbstgerechten Schamanen entgegen zu schleudern, doch stattdessen rang er sich zu einem nichtssagenden Lächeln durch.

„Weißt du, alter Mann, noch habe ich gar nicht angefangen, ihn zu quälen, und wenn du nicht zurück in deine vollgekiffte Wohnhöhle trabst, häng ich dich da-“ vielsagend deutete er auf die Liveübertragung, „-gleich mit auf.“

„Ganz egal, was er dir angetan haben soll, dafür“, aufgebracht  zeigte nun Shaman auf den Flatscreen, „gibt es keine Rechtfertigung!“
Er holte einmal tief Luft und fügte dann verächtlich hinzu:
„Aber wie kann man von jemanden wie dir auch erwarten, daß du etwas über Liebe weißt!“

Vipra, die soeben durch die Tür schlüpfte und diese letzten Worte gehört hatte, hielt unwillkürlich die Luft an und tauschte einen entsetzten Blick mit Thunderstick. Sie, die sie ihren Boß besser kannten als der Schamane, erkannten sofort, wie nahe dieser an einer Explosion stand.

Tex zügelte sein Temperament, unter anderem auch mit Hilfe der fremden Tierkräfte, die beruhigend seinen Geist streichelten.

„Nicht ich habe damit angefangen, alter Mann“, erklärte Tex eisig. „Deine harschen Worte richte an deinen mißratenen Ziehsohn. Oder an dich selbst, denn schließlich hast du ihn ja erzogen. Mir jedenfalls wurde schon früh beigebracht, nicht mit den Gefühlen anderer zu spielen.“

Shaman starrte ihn für einen Moment nur durchdringend an, warf einen kurzen Blick auf den Flatscreen – jedoch nur ganz kurz, als bereite ihm allein der Anblick schon körperliche Schmerzen – bevor er seine Aufmerksamkeit dann wieder auf den Anführer der Carrion Bunch richtete.

„Du sprichst von den Gefühlen anderer? Nach allem, was du getan hast? Ich gebe zu, ich verstehe nicht, warum die Geister ausgerechnet dich gewählt haben, aber auch Geister können sich irren. Sie sind nicht unfehlbar. Vielleicht waren es nur Brave Starrs dunkle Gelüste, die sie fehlgeleitet haben. Aber irgendwann werden sie einsehen, daß du als Seelengefährte untauglich bist und dich verlassen. Und bis dahin lade nicht noch mehr Schuld auf deine schwarze Seele und laß meinen Ziehsohn frei.“

„Sonst noch was?“ grinste Tex und gab Thunderstick einen Wink.

„Du bist wahrlich ein böser Mann!“ stieß Shaman noch hervor, doch da hatte Thunderstick ihn schon am Arm gepackt und unsanft aus dem Raum bugsiert.

Tex Hex und Vipra blieben allein in dem kleinen Raum zurück, und für die Dauer einer halben Minute sagte keiner von ihnen ein Wort.
Vipra nutzte die Gelegenheit, ihren Boß genauer zu mustern, und aufgrund ihrer Erfahrungen las sie die Anspannung, unter der er stand, genauso heraus wie seinen so wohl versteckten Kummer.

„Boß“, räusperte sie sich schließlich vorsichtig, „Brave Starr möchte dich sehen und mit dir reden. Er kann sich nicht daran erinnern, was zwischen euch vorgefallen ist, aber es ist ihm sehr wichtig, daß du mit ihm redest. Er … hat immer nur nach dir gefragt.“

„So, hat er das?“ kam die zynische Gegenfrage.

Sie ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen und nickte.

„Ja, das hat er.“ Sie zögerte kurz, doch dann gab sie mit fester Stimme bekannt:
„Und ich weigere mich, seine Krankenschwester zu spielen.“

Entschlossen trat sie mit dem Fuß an den Getränkekasten in der Ecke, daß die Flaschen nur so klirrten.

„Gib ihm jede Stunde einen oder zwei Becher zu trinken. Oder laß ihn verdursten. Ehrlich, ist mir egal.“

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, stürmte sie aus dem Raum.

Sie hatte nur eine vage Ahnung von dem, was zwischen den beiden vorgefallen war, und bei allem Verständnis für ihren Boß: wenn die beiden nicht wenigstens darüber redeten, mußten sie alle früher oder später darunter leiden – nicht nur die braven Bürger aus dem ehemalig uneinnehmbaren Fort Kerium.

***
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