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Außer Kontrolle

von MariLuna
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
04.02.2010
02.03.2010
21
45.839
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04.02.2010 1.862
 
15. KAPITEL

Kopfschmerzen.
Dröhnend, stechend, pochend.
Es fühlte sich an, als würden hundert Zwerge seinen Kopf mit einer Keriummine verwechseln und ihn mit Spitzhacken und Hämmern jeder Größe und Form bearbeiten.

Eine sanfte Berührung brachte Linderung.
Kühle, geschickte Finger tasteten sich hauchzart über seine Schläfen und sein geschwollenes Gesicht, kamen auf seinem pochenden Nasenbein zur Ruhe, griffen zu, ein Ruck, ein Knirschen und ein sengender Schmerz, der ihn fast wieder zurück in die Bewußtlosigkeit schleuderte, als seine gebrochene Nase wieder gerichtet wurde.

Eine leise, zischelnde Stimme, dicht vor ihm, zog ihn wieder zurück in die Welt der Lebenden.

„Er wird’s überleben. Du hast schon schlimmer ausgesehen als er.“

„Danke, Vipra.”

Der Klang dieser Stimme ließ seinen Herzschlag sprunghaft ansteigen.
Tex … er wollte nach ihm rufen, doch aus seiner Kehle kam nur ein leises Keuchen.

„Ich weiß nicht, wen du damit mehr quälen willst – ihn oder dich.“

Danke, Vipra.“ Sanft, aber mit Nachdruck.

Es folgte das Klappern von High Heels, die sich schnell entfernten und dann das leise Klicken einer zuschnappenden Tür.

Allmählich kehrte das Gefühl in seinen Körper zurück, gefolgt von einer Welle der Übelkeit, die von seinem malträtierten Kopf ausging. Er befand sich in einer merkwürdigen Haltung, auf den Knien, mit schweren Stahlketten um den Handgelenken.
Es klirrte leise, als er versuchte, sich an den Kopf zu fassen. Es gelang ihm gerade mal, mit den Fingerspitzen die Schläfen zu berühren, mehr Spielraum ließen ihm die Ketten nicht.

Ein leichter Windzug trug einen wohlbekannten, würzig-holzigen Duft zu ihm heran. Begierig sog er ihn ein und bemerkte dabei den leichten Druck auf seinem Brustkorb.
Ein Stützverband.
Und dann überfiel ihn die Erinnerung mit voller Wucht.
Die Schläge, die Tritte, und alles in diesem eisigen Schweigen, das jetzt, im Nachhinein, beinahe noch mehr schmerzte.

Mühsam zwang er die Augen einen Spalt breit auf, doch seine Sicht war so verschwommen, daß alles wie hinter einem dichten Nebel lag.
Ein leises Geräusch.
Unwillkürlich drehte Brave Starr den Kopf in die entsprechende Richtung.

„Tex?“ seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. „Schatz?“

Irgend jemand schnappte lautstark nach Luft, und dann legten sich warme Finger unter sein Kinn und hoben seinen Kopf etwas an.

„Schatz?“ wiederholte eine wohlbekannte, dunkle Stimme. „Du bist nicht in der Position, dich über mich lustig zu machen, Marshall Scheißkerl von und zu Großkotz.“ Der kalte, abweisende Ton schnitt ihm tief ins Herz.

„Tex, bitte. Ich liebe dich.”

Die Finger ließen ihn so plötzlich los, als hätten sie sich an ihm verbrannt. Und dann hörte Brave Starr Schritte, die sich entfernten, eine Tür, die sich schloß.
Verzweifelt drehte er den Kopf von einer Seite auf die andere, doch seine Sicht lag immer noch bei Null.

„Tex?“ doch sein leises Flehen verhallte ungehört.

Er war allein.
Jeder Hoffnung beraubt, ließ er den Kopf sinken, ihm entrang sich ein langer, zitternder Atemzug, und dann umhüllte ihn wieder wohltuende Dunkelheit.

***


Schatz … und ein „ich liebe dich“.
Verdammt nochmal, wie unverfroren konnte dieser Kerl nur sein?

Bebend vor Zorn ballte Tex Hex die Hände und stiefelte über den schmalen Flur, hinüber in den provisorisch eingerichteten Beobachtungsraum.
Als er unsanft die Tür aufriß, fiel Cactushead vor Schreck fast das Verbindungskabel aus den Händen und Vipra, Skuzz und Sandstorm verschütteten fast ihren Kaffee.
Außerdem schien er sie bei ihren Lästereien unterbrochen zu haben, so schuldbewußt, wie sie ihn anstarrten.

„Bist du endlich fertig?“ herrschte Tex den kleinen Roboter an.

Cactushead nickte hastig, stöpselte besagtes Verbindungskabel schnell irgendwo ein und wich dann etwas von dem kleinen Tisch zurück.

„Fertig, Boß“, quietschte er und deutete stolz auf Touchscreen auf dem Tisch, der, wie Tex Hex zufrieden feststellte, wie gewünscht eine Liveübertragung aus jenem Raum zeigte, den er eben erst verlassen hatte.

„Aber ob die Kamera die Mittagshitze aushält, weiß ich nicht“, erklärte Cactushead. „Ohne Kühlung …“

Tex Hex’ verächtliches Schnauben ließ ihn mitten im Wort verstummen.

Und dann machte sein Boß eine abwinkende Handbewegung, ließ sich auf den Drehstuhl sinken, stützte die Füße auf der Tischplatte ab und betrachtete mit unbewegter Miene die Aufnahme des zusammengesunkenen Marshall Brave Starr.

Hinter seinem Rücken warfen sich seine Gangmitglieder lange Blicke zu.

„Ahem“, wagte sich Skuzz schließlich vorsichtig zu Wort, „was ist mit Stampede? Hat er nicht befohlen, den Marshall nichts zu Leide zu tun?“

„Sieht das so aus, als würde ich ihm etwas zuleide tun?“ zischte Tex und deutete vielsagend auf den Flatscreen.

„Ah, nein…“, gab Skuzz schnell zu, „aber …“ und dann platzte es aus ihm heraus: „Was ist denn nur zwischen euch vorgefallen? Gestern Nacht …“

„Heute morgen wollte er nichts mehr davon wissen“, kam es zurückgeknurrt.

Skuzz schwieg betroffen. Und auch die anderen wagten nichts dazu zu sagen. Sie wußten ganz genau, wann sie den Bogen überspannten, und jetzt waren sie gefährlich nahe daran.
Außerdem hatten sie ihren Boß noch niemals so wütend erlebt, wie vor einer Viertelstunde, als er mit dem bewußtlosen Marshall im Schlepptau hier ankam. Und ein Blick auf den übel zugerichteten Gesetzeshüter genügte, um alle Fragen sofort im Ansatz zu ersticken und stattdessen nur jeden Befehl widerspruchslos auszuführen.
Und so hatten sie die Ketten in der kleinen Dachkammer angebracht, eine Kamera in der Zimmerecke befestigt und diesen kleinen Beobachtungsposten hier aus dem Boden gestampft, wo vor nicht einmal zehn Minuten nichts anderes als eine Rumpelkammer gewesen war. Sie hatten sogar drei Ventilatoren hier aufgebaut – in weiser Voraussicht. Denn direkt unter dem Dach konnte es um die Mittagszeit extrem heiß, stickig und schwül werden.

„Ich mache mir Sorgen wegen seiner Augen“, meinte Vipra plötzlich. „Du hast einen ziemlich harten Schlag am Leibe.“

Tex schnaubte nur abfällig.

„Der hat mir auch schon oft blaue Augen verpaßt. Und ich finde-“, hier grinste er hämisch, „die stehen ihm ganz gut.“

„Wenn er wieder aufwacht und nichts sieht, muß er zum Arzt“, erklärte die schöne Schlangenkönigin in einem Tonfall, der keine Widerrede zuließ.

Tex knurrte nur, gab ihr aber im Stillen Recht. Sie war schließlich nicht umsonst ihre Sanitäterin. Und – ehrlich gesagt – daß der Marshall sein Augenlicht verlor, beabsichtigte er nun auch wieder nicht.
Und plötzlich – von einem Moment auf den anderen – spürte er, wie die Anspannung der letzten Stunden von ihm abfiel, und ein Teil von ihm selbst rutschte irgendwie mitten durch ihn hindurch.
Das Verlangen, den Kopf in den Händen zu verbergen und einfach loszuheulen wurde beinahe übermächtig.
Wieder war da dieser unheimlich stechende Schmerz in seiner Brust, der ihm die Luft zum Atmen nahm.
Dank seiner antrainierten Selbstbeherrschung gelang es ihm zwar, die Fassade aufrecht zu erhalten, die Frage war nur: wie lange noch?

Und so schickte er seine Leute mit einem bösartigen Knurren und einer eindeutigen Geste hinaus.
Die vier gehorchten sofort.
Aber er machte sich nichts vor – seine Leute kannten ihn viel zu gut, wenn jemand wußte, wie es um ihn stand, dann diese chaotische Truppe. Daß sie ihn trotzdem nicht bedrängten, rechnete er ihnen hoch an.
Dennoch war er erleichtert, als die Tür hinter ihnen ins Schloß schnappte.

Sein Blick wanderte hinüber auf den Flatscreen.
Brave Starr.
Marshall Brave Starr.
In Farbe.
Zerschrammt, grün und blau geschlagen, aus vielen kleinen Wunden blutend.
Bewußtlos hing er, von den Ketten an den Armen gehalten in einer annähernd sitzenden Position.

Vorsichtig tippte Tex an den Touchscreen und zoomte heran. Großaufnahme auf das geschwollene Gesicht.
Soweit er wußte, hatte er ihm sogar eine Zahnkrone ausgeschlagen.
Wirklich ein mitleiderregender Anblick, den der Gesetzeshüter, Stolz der ausgelöschten New Cheyenne hier bot.

Plötzlich bewegten sich Brave Starrs Lippen, es schien, als wolle er etwas sagen. Und obwohl die Tonübertragung der Kamera ausgeschaltet war, glaubte er ein leises, gehauchtes „Tex“ zu hören.

Aufseufzend verdeckte Tex die Augen mit einer Hand.

„Geht weg“, bat er leise.

Doch da spürte er schon eine wohlbekannte, feuchte Schnauze und eine lange, nasse Zunge, die über sein Handgelenk schleckte. Und er spürte das Gewicht eines Raubvogels auf seiner Schulter, spürte, wie sich die scharfen Krallen durch den Stoff in seine Haut bohrten, auf der Suche nach Halt.

„Ich bin der Falsche.“

Ein gebogener Falkenschnabel zauste unbeeindruckt sein Haar, und ein großer, geschmeidiger Pumakörper rieb sich an seinen Beinen. Eine andere Zunge in seinem Nacken verriet ihm, daß jetzt auch der Grizzly hinter ihm stand.

„Ich bin wirklich der Falsche.“

Müde nahm er die Hand von den Augen und tippte auf den Bildschirm.

„Der dort. Dort gehört ihr hin. Ich danke euch für eure Hilfe, aber …“ er hielt mitten im Satz inne.

Mit einem trockenen Atemzug, der viel von einem Schluchzen an sich hatte, wirbelte er mitsamt Drehstuhl herum, krallte seine Hände in zottiges, grau-braunes Fell und vergrub sein Gesicht im Brustpelz des gewaltigen Bären.

„Dieser Scheißkerl. Dieser Scheißkerl.“

Immer wieder und wieder murmelte er diese zwei Worte und ließ sich dabei in die behutsame Umarmung des Tiergeistes sinken.

***


Der weise Schamane spürte so etwas wie dumpfe Trauer, als er mitansehen mußte, wie der riesige Semidrachen seine Krallen um sein so sorgsam gehütetes Keriumfeuer krümmte und dieses näher zu sich heranzog. Je länger sie dessen eigener Magie ausgesetzt wurden, desto heller begannen die roten Kristalle zu leuchten, bis die ganze Lavahöhle von einem rotflackernden Schein erhellt wurde.

Shaman fühlte sich plötzlich sehr, sehr müde und alt.
Er wußte nicht, was geschehen würde, wenn Stampede diese Macht mit seiner eigenen verschmolz, aber in Anbetracht der Opfer, die dieses Feuer schon gekostet hatte, konnte es nichts Gutes bedeuten.
Und er, der Hüter des Feuers, hatte somit auf der ganzen Linie versagt.
Letztendlich hatte das Böse triumphiert.

„Du hast, was du wolltest. Jetzt laß Brave Starr frei.“

Stampede, bisher versunken in die Betrachtung seiner lang gejagten Beute, warf ihm nur einen gelangweilten Blick zu.

„Weißt du, Shaman, diesen Wunsch würde ich dir ja gerne erfüllen, aber er ist nicht mein Gefangener, sondern der von Tex Hex.“

Shaman benötigte einige Sekunden, um zu verstehen, was der andere ihm damit sagen wollte, doch dann ballte er erbost die Hände.

„Das ist gegen die Abmachung!“

„Und das hier ist nicht das vollständige Feuer“, erwiderte Stampede ruhig.

Shamans Lippen preßten sich zu einem schmalen Strich zusammen, dann hob er beinahe trotzig den Kopf etwas in die Höhe.

„Ich kann dir unmöglich alles geben.“

Stampede nickte. Natürlich war er nicht davon ausgegangen, daß er tatsächlich alles erhalten würde, schließlich spendete dieses Feuer dem alten Schamanen Kraft und Lebensenergie, aber dann mußte Shaman auch nicht annehmen, daß er sich an alle Abmachungen hielt.

„Und ich habe gesagt, daß ich mich nicht in Rosenkriege einmische“, erklärte er daher gelassen und fügte dann, als er sah, wie Shaman ihn nur weiterhin fassungslos anstarrte, süffisant hinzu:

„Was ist los mit dir, Shaman? Glaubst du nicht mehr an die Macht der Liebe?“

„Ich will ihn sehen!” verlangte Shaman entschieden. „In natura!“

Stampede blinzelte belustigt auf ihn hinab. Der Mut dieses Mannes grenzte manchmal wirklich schon an Tollkühnheit und nötigte ihm tatsächlich Respekt ab. Aber da er sich am Ziel seiner jahrelangen Wünsche sah, gestattete er es sich, großzügig zu sein.

„Thunderstick wird dich zu Tex Hex bringen. Dem darfst du deine Bitte vortragen. Und wer weiß – vielleicht gestattet er sie dir ja?“

Mit einem grollenden Auflachen gab er dem am Tor stehenden Thunderstick einen Wink. Und obwohl dieser ein Roboter war, stand sein Grinsen dem des Semidrachens in nichts nach, als er den Schamanen am Arm ergriff und mit sich zog.

***
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