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Außer Kontrolle

von MariLuna
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
04.02.2010
02.03.2010
21
45.839
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04.02.2010 2.932
 
11. KAPITEL

Die Karten waren gemischt und ausgeteilt. Die Einsätze lagen auf dem Tisch und die Spieler musterten sich nun über die Ränder ihrer Karten hinweg.
Pokerabend im Hexagon.
Und das bedeutete immer auch Besuch. Diesmal waren außer der Carrion Bunch auch Dingo Dan und sein Kumpel Goldtooth anwesend. Zu acht saßen sie an dem runden Pokertisch, in einem der weniger benutzten Räume, die ausschließlich für solche Gelegenheiten genutzt wurden.

Tex Hex war froh über diese Ablenkung, denn je später es am Tage wurde, desto nervöser sehnte er den Besuch seines Marshalls herbei. Das kleine Intermezzo am frühen Nachmittag hatte ihn – anstatt die Anspannung zu vertreiben – nur noch mehr aufgepusht. Rein innerlich saß er schon auf glühenden Kohlen, äußerlich aber ließ er sich natürlich nichts anmerken.

Inzwischen waren die Sonnen zwar schon untergegangen und es dauerte nur noch drei Stunden bis Mitternacht, den verabredeten Zeitpunkt, aber irgendwie erschienen ihm diese wenigen Stunden jetzt wie eine Ewigkeit. Das Pokerspiel lenkte ihn wenigstens ein wenig ab.
Außerdem hatte er einen kleinen Helfer, hockte über ihnen auf der Deckenleuchte doch sein kleiner gefiederter, aber für alle anderen unsichtbarer Freund, der allen hier ungeniert in die Karten lugte und ihn dann mit einem leisen Schrei warnte, wenn er auf einen Bluff lieber nicht einsteigen sollte.

So vergingen einige Spielrunden, in denen Tex Hex entweder gewann oder doch zumindest nicht so viel verlor, daß er sich darüber ärgerte.

Plötzlich wurde schwungvoll die Tür aufgerissen und ein hochgewachsener, schlanker Mann in Lederjacke und Blue Jeans schlenderte herein. Lang und wild fiel ihm das rabenschwarze Haar bis weit über die Schultern und wippte bei jedem Schritt leicht auf und ab, während sich seine dunklen Augen sofort auf Tex Hex fixierten.
Rein automatisch griff ein jeder hier sofort zur Waffe und richtete sie auf den ungebetenen Neuankömmling.
Alle außer Tex Hex, der erkannte ihren Gast sofort und lächelte fein vor sich hin. Das war alles, was er sich im Moment erlaubte. Hätte er gekonnt wie er wollte, wäre er ihm hier und jetzt um den Hals gefallen.

„Ich habe dich nicht so früh erwartet“, begrüßte er ihn betont ruhig und stellte damit von Anfang an zwei Dinge klar: erstens, der ungebetene Gast war willkommen und zweitens: von ihm drohte keine Gefahr.

„Können wir dich für eine Runde Poker begeistern, Brave Starr?“

Ganz bewußt verzichtete er auf den Titel, damit auch der letzte Trottel hier begriff, daß der New Cheyenne ganz privat hier war.

Die Nennung des Namens räumte andererseits auch jeden Zweifel beiseite, um wen es sich bei ihrem Gast handelte. Denn wenn man diesen Anblick nicht gewohnt war, erkannte man ihn wirklich nicht auf den ersten Blick. Und so zuckte auch die eine oder andere Waffe, die sich schon gesenkt hatte, hastig wieder in die Höhe und vereinzelt wurde getuschelt.

„Gerne“, erwiderte Brave Starr und ignorierte die auf ihn gerichteten Waffen geflissentlich. „Wenn ich den Einsatz bestimmen darf.“

„M-Marshall Brave Starr?“ Skuzz fand als erster seine Stimme wieder – und verlor im Ausgleich seine Zigarre.

„Nehmt die Waffen runter“, befahl Tex Hex schmunzelnd. „Der Marshall ist außer Dienst. Und er ist unbewaffnet.“

„Im herkömmlichen Sinne“, schränkte Brave Starr mit einem wölfischen Lächeln ein und suchte sich einen Platz genau gegenüber von Tex Hex – wofür Vipra und Skuzz zur Seite rutschen mußten, etwas, was diese nur zu bereitwillig taten.

„Also, Brave Starr“, mit erzwungener Ruhe legte Tex seine Karten mit dem Bild nach unten vor sich auf den Tisch. „Unser Einsatzlimit beträgt hundert Gramm Kerium. Der Mindesteinsatz liegt entweder bei zehn oder bei fünfzehn Gramm. Also, welcher Einsatz soll es sein? Hoch oder niedrig?“

Brave Starr grinste und lehnte sich etwas vor.
„Hoch natürlich. Ich gebe mich doch nicht mit Mittelmaß zufrieden.“

Tex stutzte und warf ihm einen leicht irritierten Blick zu. Schwang da tatsächlich ein neckischer Unterton in seiner Stimme mit?

„Ich mich auch nicht“, erklärte er leise.

„Das freut mich zu hören“, nickte der New Cheyenne, lehnte sich lässig auf seinem Stuhl zurück und warf ihm unter halbgesenkten Lidern einen wahrhaft sündigen Blick zu.
„Vielleicht haben wir ja doch einiges gemeinsam.“

Jetzt war sich Tex Hex sicher: der Marshall flirtete tatsächlich.
Mit ihm!
Und prompt rieselte es ihm in wohlbekannter Manier heiß den Rücken hinunter.

Inzwischen hatte Sandstorm, der heute als ihr Geber fungierte, die noch im Spiel befindlichen Karten wieder eingesammelt und jeder hatte sich aus dem Pott seine Einsätze zurückgeholt. Normalerweise hätten sie diese Runde erst zu Ende gespielt, aber jeder hier spürte instinktiv, daß sich etwas Besonderes anbahnte.

Und daher war auch niemand wirklich überrascht, als der Marshall abwehrend die Hand hob, als Sandstorm die Karten neu ausgeben wollte.

„Ein Spiel“, erklärte er und sah Tex Hex dabei unverwandt in die Augen. „Nur du und ich. Mit einem Einsatz, den ich bestimme.“

„Und der wäre?“

Brave Starrs Lippen kurvten sich zu einem unschuldigen Lächeln, das so gar nicht zu seinen nun folgenden Worten paßte:

„Der beste Blow Job aller Zeiten.“

Verblüffte, beinahe schockierte Stille breitete sich zwischen den Desperados aus. Sie starrten den Marshall an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen.
Tex war ebenfalls baff, doch er faßte sich schnell wieder.

„Der Verlierer bedient den Gewinner? Oder umgekehrt?“ hakte er mit rauher Stimme nach.

Brave Starrs Blick bekam wieder dieses ganz gewisse Glühen.
„Gewinnst du, werde ich vor dir knien, gewinne ich, beweise ich dir, was ich mit meiner großen Klappe alles anstellen kann.“

Tex’ Gehirn benötigte einige Sekunden um zu verstehen, daß er so oder so derjenige sein würde, der verwöhnt wurde. Und wenn er sich die entgeisterten Gesichter der anderen so betrachtete, ging diesen wohl auch gerade ein ganzer Christbaum auf.

„Eine Win-Win-Situation? Für mich? Das gab’s ja in meinem ganzen verdammten Leben noch nicht.“

Wieder dieser glühende Blick, begleitet von einem Schnurren.
„Dann ist es aber mal an der Zeit.“

Und in diesem Moment hätte Tex beinahe zurückgeschnurrt, aber Skuzz’ erstauntes Hüsteln rettete ihn davor.

„Geht’s dir gut, Marshall?“ stieß das kleine Präriewesen mit großen Augen hervor. „Du bist nicht zufällig auf Droge oder so?“

„Oder krank?“ fügte Vipra kopfschüttelnd hinzu.

„Weder noch.“ Brave Starr ließ den Anführer der Carrion Bunch nicht eine Sekunde aus den Augen, selbst dann nicht, als er eine auffordernde Geste Richtung Sandstorm vollführte.
„Wo bleiben die Karten?“

Sandstorm zögerte und schien kurz zu überlegen. Dann schüttelte er den Kopf und legte den Kartenstapel vor sich auf den Tisch.

„Wozu noch spielen? Der Sieger steht doch schon fest.“ Mit einem dreckigen Grinsen fügte er hinzu: „Wozu wollt ihr eure Zeit verschwenden? Könnt ihr die nicht besser nutzen?“

„Stimmt, da hat der rote Hüne recht“, grinste Brave Starr breit.

Er erhob sich, lehnte sich über den Tisch und zog Tex dann am Kragen seines dunklen Sweaters zu sich heran. So dicht, bis sich ihre Nasen fast berührten.

„Ist der Sieger bereit, seinen Gewinn zu kassieren?“

Tex grinste etwas verunglückt.
„Ich frage mich nur gerade, wessen Ruf du hier gerade erfolgreicher ruinierst: deinen oder meinen?“

„Wen kümmert’s? Ich will sehen, wie du vor Lust vergehst, denn dann siehst du noch viel süßer aus als wenn du dich ärgerst.“

Und dies war der Moment, wo Tex Hex zum ersten Mal in seinem Leben bis unter die Haarwurzeln errötete.
Und er wurde fast so dunkel wie eine Aubergine, als der Marshall die letzten Zentimeter zwischen ihnen überbrückte, um ihn vor den weitaufgerissenen Augen aller Anwesenden hier leidenschaftlich zu küssen.

***


Brave Starr mußte sich wirklich beherrschen, um Tex Hex nicht noch an Ort und Stelle zu vernaschen, und als er ihm wieder so nahe war, seinen Mund eroberte, ganz tief in dieses würzig-herbe Aroma eintauchte, in diesen unvergleichlichen Geschmack, da vergaß er tatsächlich alles und jeden um sich herum.
Zum Glück teleportierte Tex sie in sein Zimmer, bevor er wirklich noch über ihn herfiel.

Ohne ihren Kuß zu unterbrechen, drängte Brave Starr den anderen zum Bett.

„Hm, Brave Starr.“ Tex konnte sich nur an ihn klammern, während Brave Starr dazu überging, sich an seinem Hals quasi festzusaugen.
„Das eben war ja schon ein richtiges Outing…“

„Natürlich, mein Schatz“, genüßlich drückte der Marshall ihn rückwärts in die Kissen. „Ich sagte doch, ich meine es ernst. Ich liebe dich. Ich …“ und hier senkte sich seine Stimme zu dem inzwischen wohlbekannten Schnurren, „… habe dich ganz einfach zum Fressen lieb.“

Ganz sanft biß er in Tex’ Hals, leckte dann beruhigend über die gerötete Stelle und öffnete dessen Gürtel. Tex’ leises, dunkles Aufseufzen versetzte sein Blut nur noch mehr in Wallung.
Davon, wie sie sich gegenseitig die Kleidung vom Leibe rissen, bekamen sie nicht wirklich etwas mit.

***


Als ihn sein Höhepunkt mit voller Wucht überrollte, vergrub Tex seine Finger in allem Möglichen, auf der Suche nach Halt.
Das Laken.
Brave Starrs glatte, warme Haut.
Sein pechschwarzes, langes Haar.
Mit wild hämmernden Herzen fand er schließlich aus seinem Rauschzustand zurück, eingehüllt in einer Duftwolke, die nach grünem Tee, Schweiß und Sex roch.
Und das erste, was er spürte, war Brave Starrs großer, schwerer Körper auf ihm.
Und das erste, was er sah, war dessen dunkles, freundliches Gesicht dicht über seinem eigenen.
Sein glühender Blick schien sich direkt bis in seine eigene Seele zu bohren, und dann verfolgte Tex – leicht amüsiert – wie sich Brave Starr grinsend über die Lippen leckte – einmal, zweimal und zunehmend dabei wirkte wie ein übergroßer Kater – nein, ein Puma! -  der an einem Sahnetopf geschleckt hatte.
Und da beugte sich diese Raubkatze in Menschengestalt schon zu ihm hinab und küßte ihn.
Neckisch, spielerisch, aber auch sehr, sehr fordernd.
Es war ein Kuß, bei dem Tex das bißchen Atem, das er gerade wiedererlangt hatte, sofort wieder verlor.

„Mein süßer, wilder, stolzer Desperado“, raunte Brave Starr, strich sanft mit seine Nasenspitze über Tex’ linke Halsseite und atmete dessen Duft geräuschvoll ein.
„Du einzigartiges, wohlschmeckendes, süchtig machendes Wunder.“ Aus seiner Kehle löste sich wieder dieses Schnurren, als er sich verlangend an ihm zu reiben begann.
„Ich liebe dich. Mein Herz. Meine Seele. Wir beide gehören zusammen.“
Und das letzte Wort bekräftigte er mit einem einzigen, gekonnten Hüftschwung.

Abermals konnte Tex nicht anders als sich aufkeuchend an ihn zu klammern. Sein letzter klarer Gedanke in dieser Nacht war von der Erkenntnis geprägt, daß er in seinem ganzen verdammten Leben noch niemals mehr für einen Menschen empfunden hatte als für Marshall Brave Starr.

***


Seidiges Haar, das im Morgenlicht aufschimmerte wie Schnee. Dunkle Finger strichen unendlich sanft eine verirrte Haarsträhne aus einem friedlichen Gesicht und fuhren dann die markanten Gesichtszüge nach. Einen Herzschlag später schlangen sich zwei muskulöse Arme um den schlafenden Mann und zogen ihn enger heran.
Und als Tex Hex eine Viertelstunde später erwachte, fand er sich wieder in einer beinahe besitzergreifenden Umarmung, hörte dicht unterhalb seiner Hörschwelle vierstimmige Laute der Zufriedenheit – darunter ein Knurren, ein Schnurren, ein leises Fiepen und ein Grollen – und fühlte seinen Geist und seine Seele von einer goldenen Wärme durchwirkt.
Er lächelte schlaftrunken und schmiegte sich so eng wie nur irgend möglich an den großen, warmen Körper seines geliebten Marshalls. Er fühlte sich ganz einfach nur glücklich und geborgen.

„Hm … Tex…“

„Nein!“ von einem Moment zum anderen riß Tex Hex die Augen auf und grub seine Finger noch tiefer in Brave Starrs weiche Taille. „Sag nicht, daß du schon wieder gehen mußt! Was macht es schon, wenn du mal eine Stunde später auftauchst?“

Die Antwort bestand in einem leisen Schnurren, einem sanften Streicheln über den Rücken und einem gehauchten Kuß auf den Mund.

„Hm, stimmt. Macht gar nichts.“

Ganz sachte strich Brave Starr mit den Fingern seiner rechten Hand über Tex’ langen Schnauzer, blinzelte ihm dabei spitzbübisch zu und hauchte ihm dann ein Küßchen auf den Mundwinkel.

„Ich möchte dich einladen, mein Schatz. Heute Abend, um acht Uhr. Bei mir. Ich koche für dich.“

Überrascht und gerührt zugleich starrte Tex ihn an.

„Ich … danke“, war alles, was er schließlich herausbrachte.

„Oh bitte, du ißt sowieso viel zu wenig“, neckisch ließ Brave Starr seine Finger über Tex’ Rippen wandern. „Und außerdem – ein romantischer Abend. Nur wir zwei…“ er schnurrte schon wieder. „Ich liebe dich, Tex. Ich will mit dir zusammen sein. Nicht nur im Bett. Obwohl das …“ grinsend rollte er sie herum, so daß Tex unter ihm zu liegen kam, „… mit dir einfach nur grandios ist.“

Noch ein letzter, glühender Blick aus braunen Augen, in denen das pure Verlangen stand, gefolgt von einem langen, verzehrenden Kuß, und sie knüpften genau dort wieder an, wo Morpheus sie unterbrochen hatte.

Tief unter ihnen, unter dem Fundament des Hexagons, spritzten rotglühende Lavatropfen auf und brannten Löcher in die Felswände, während sich Stampede in einem lautlosen Lachanfall von einer Seite auf die andere wälzte.

***


Unsanft, aber dennoch nicht unangemessen grob, verfrachtete der Marshall die beiden Unruhestifter in eine der Zellen. Er war froh, als endlich die Gittertür zwischen ihm und den beiden Dingos war.
Erst prügelten sie sich im Saloon – wofür er sie jetzt die Nacht über hier behalten würde – und dann warfen sie ihm auch noch ständig diese sonderbaren, fast schon frechen Blicke zu.
Das konnte er heute wirklich nicht gebrauchen.
Es war gerade mal früher Nachmittag, aber er war restlos bedient.

Erst kam er – aus ihm unerfindlichen Gründen - anderthalben Stunden zu spät zum Dienst und dann ließen ihn mal wieder seine Erinnerungen an den nächtlichen Traum – diese blöde Schlaftablette schien überhaupt nicht geholfen zu haben -  und seine Falkenaugen nicht in Ruhe, die mal wieder nur machten, was sie wollten.
Tex Hex.
Immer nur Tex Hex.
Es war zum die Wände raufkraxeln.
Allmählich fing er an, gegen diese Kerl mehr als nur eine gesunde Abneigung zu entwickeln.
Geistig zumindest.
Sein Körper war da – mal wieder – ganz anderer Meinung.

Und jetzt diese dreisten Dingos, die ihm mit ihren Sprüchen den letzten Nerv raubten.

„Mach dich mal locker, Ma’shall“, da, jetzt fing Dingo Dan schon wieder an. „Gestern Abend warst du ganz anders.“

„Vielleicht ist er ja doch nicht zum Zug gekommen?“ feixte Goldtooth, der es sich inzwischen auf der Pritsche bequem gemacht hatte, mit einem rauhen Auflachen.

„Wovon redet ihr eigentlich die ganze Zeit?“ knurrte Brave Starr ungnädig. „Seid ihr doch betrunken? Oder habt ihr Drogen genommen?“

„Komisch“, grinste Dan, „das haben wir gestern von dir auch gedacht.“

„Keine Ahnung, wovon ihr da redet“, schulterzuckend wollte sich der Marshall abwenden, als ihn eine leichte Berührung am Ärmel zurückhielt.

Unter dem funkelnden Blick des Marshalls zog Dan seine Hand schnell wieder durch die Gitterstäbe zurück an seinen Körper, doch in seinen gelben Augen lag eine Eindringlichkeit, die der Marshall noch nie zuvor bei ihm bemerkt hatte.

„Hör zu“, erklärte der Dingo, plötzlich ganz ernst, und erstaunlich wohl akzentuiert, „es geht uns zwar nichts an, aber das gestern sah verdammt ehrlich und ernst aus, also steh entweder dazu – hey, wir sind unter uns, deine Deputys sind nicht hier, niemand hört dich also -  oder fang solche Geschichten in Zukunft gar nicht erst an.“

Brave Starr runzelte die Stirn. Sein Blick wanderte von Dan hinüber zu Goldtooth, der ihn von seiner Pritsche aus mindestens genauso durchdringend anstarrte wie Dan. Alle Schalkhaftigkeit, alle aggressive Wildheit schien von seinen beiden Gefangenen plötzlich abgefallen zu sein, hatte nichts außer einen gewissen, stillen, absolut ungewohnten Ernst zurückgelassen.

„Ganz ehrlich, Leute“, erwiderte der Marshall schließlich, „ich habe keine Ahnung, wovon ihr da redet.“

Plötzlich veränderte sich etwas in Dans gelben Augen. Sie wurden kalt und eisig, und er wich langsam vom Gitter zurück.

„Das“, murmelte er leise und es klang tatsächlich enttäuscht, „hätte ich nie von dir gedacht.“

Nach einem letzten, diesmal absolut verächtlichen Blick auf den Marshall, drehte er sich um und setzte sich neben den nicht weniger grimmig dreinschauenden Goldtooth.
Brave Starr aber zuckte nur mit den Schultern und verließ den Zellentrakt.

Doch ganz so gelassen, wie er sich nach außen hin gab, fühlte sich der Marshall nun doch nicht. In ihm keimte ein schrecklicher Verdacht:
was, wenn an seinen Träumen doch mehr dran war als gedacht?

Geistesabwesend faßte er in seine Hosentasche, tastete nach dem kleinen Keriumkristall an einer schmalen Silberkette, fuhr mit den Fingerspitzen die Form nach, in die der Kristall gepreßt worden war. Ein Totenkopf. Das Teil befand sich seit heute Morgen in seiner Hosentasche, er hatte keine bewußte Erinnerung daran, wie es dort hingekommen war, aber manchmal, da blitzte diese kleine Szene vor seinem inneren Auge auf:

Eine lilafarbene Hand, die ihm dieses Schmuckstück zärtlich in die Handfläche legte. Ein Lächeln, das sich in keriumroten Augen widerspiegelte. Und die leise, dunkle Stimme, die ihm zum Abschied zuraunte:
„Bringt dir Glück, mein Marshall.“

Brave Starr schüttelte den Kopf und die ungebetene Erinnerung verschwand.
Und machte prompt einer anderen Platz, deren Intensität ihn sofort aufs WC flüchten ließ.

Als er fünf Minuten später mit erhitzten Wangen und frisch gewaschenen Händen wieder zurück ins Büro kam, hatte er einen Entschluß gefaßt: es wurde Zeit, sich jemanden anzuvertrauen. Vorzugsweise seinem Ziehvater Shaman.

Doch er hatte sich gerade dazu durchgerungen, da verlangte ein Banküberfall seine ganze Aufmerksamkeit. Ein Überfall, der sich schließlich zu einer Geiselnahme ausdehnte und erst am Abend glücklich für die Geiseln – und unangenehm für die vier Räuber – endete.

Und nachdem auch der letzte Halunke hinter Gittern saß, wollte Brave Starr nur noch eines: nach Hause gehen.
Denn er mußte da immer noch ein Candle Light Dinner vorbereiten.

***


Stampede in seiner Höhle vollführte mit seiner Pranke die letzte magische Geste, bedankte sich spöttisch bei den vier – nicht wirklich freiwilligen – Banditen für ihre Mitwirkung und lehnte sich bequem zurück, um den Rest der Show zu genießen.

„Shaman“, brummte er dabei abschätzig vor sich hin, „nee, den lassen wir mal außen vor. Noch“, ergänzte er kichernd.

Denn eines war mal gewiß – er war und blieb nun einmal ein hinterhältiger, durchtriebener Sadist, der sich durch die verfrühte Einmischung des grauhaarigen Schamanen garantiert nicht den Spaß verderben lassen wollte.

***
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