Miami soll zu dieser Zeit recht schön sein

von bearcat
GeschichteAllgemein / P12
02.02.2010
02.02.2010
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„Kym, kommst Du bitte her?“ Eine Frau mittleren Alters rief aus der Tür hinaus und drehte
sich dann wieder zu dem Gentleman um, der vor ihr im kleinen Flur stand. Er war ein
hochgewachsener Mann, mit schwarzem, vollem Haar und dem für diese Jahreszeit
üblichen Mantel. Seinen Hut hatte er unter den Arm geklemmt, mit dem er auch seine
Tasche trug. Wenn man ihn so in Augenschein nahm, machte er einen soliden Eindruck.
Das freundliche Lächeln und die funkelnden Augen, die breiten Schultern und die stattliche
Größe, alles zusammen ließ ihn wie eine gute Partie wirken.
Die Tür hinter Miss White wurde aufgerissen und schreckte sie somit aus ihren
Gedanken hoch. Sie ließ sich ihre leichte Überraschung nicht anmerken und drehte sich
halb zu ihrer Tochter hin, die dort in der Tür stand. Die junge White hatte das feste, dunkle
Haar ihres Vaters geerbt, aber die grau-blauen Augen ihrer Mutter. Sie stand in einem
weißen Kleid im Türrahmen, was nicht so wirklich zu ihrem verdrießlichen Gesicht passen
wollte.
„Ja?“ Sie schien sich noch zu beherrschen, aber war gleichzeitig ziemlich aufgebracht.
Weswegen wusste sie wohl nur selbst. Dennoch stellte sie sich langsam neben ihre Mutter
und musterte den fremden Mann, der dort in seinen Sachen noch vor der Haustür stand.
„Das hier ist Dein neuer Lehrer,“ meinte ihre Mutter, während sie auf den Besuch
deutete. Der Vorgestellte verbeugte sich leicht, als die ältere Frau anhing: „Sein Name ist
Mister Wadesworth.“
„Aha,“ antwortete Kym kurz angebunden und ihr ergrimmter Gesichtsausdruck wurde nur
noch stärker. „Also wieder ein neuer Lehrer?“ Ihre Stimmung schien am Boden zu sein,
während sie sich umdrehte und aus dem kleinen Vorraum gehen wollte.
„Würdest Du ihm bitte aus dem Mantel helfen und ihn dann in das Studierzimmer
bringen?“ Ihre Mutter hielt sie allein mit der Authorität ihrer Stimme davon ab, hinaus zu
gehen. Kym drehte sich widerwillig um und half Mister Wadesworth aus seinem Mantel
heraus. Dann hängte sie diesen an den Ständer und legte ihm ein paar Hausschuhe
zurecht.
„Gut,“ kommentierte Miss White das Ganze und drehte sich zum Gehen. Kym stand
hinter ihr und verzog eine Grimasse, als sie sich dann zu ihrem neuen Gast umdrehte.
„Folgen Sie mir bitte,“ sagte sie dann zu Mister Wadesworth, der noch immer lächelte
und dann hinter ihr herging.
„Sehr gerne,“ sagte er dann in einer warmen Stimme.

Da war ich also, eine junge, verblendete Frau mit einer viel zu losen Zunge in einem
gutbürgerlichen Elternhaus zum Ende des 19. Jahrhunderts. Mein Vater hatte von seinem
Vater eine kleine Fabrik am Rande Londons geerbt, womit wir unser Leben und unser
Haus finanzieren konnten.
Ich habe ihn leider nicht mehr kennenlernen können, da er viel zu früh verstorben war.
Vielleicht hätte er einen besseren Einfluss auf mich gehabt, denn nach dem zu urteilen,
was meine Eltern über ihn berichten zu wussten, war er ein ruhiger, alter Mann, der diese
Ruhe eben auch auf andere Menschen übertragen konnte.
Eventuell hätte es auf mich abgefärbt und ich wäre nicht ganz so keck gewesen, wie ich
es immer war. Mein Mundwerk war lose und ich wusste nie, wann ich ruhig sein musste.
Lachen musste ich, wie immer, wenn ich daran dachte. Mein Blick wanderte über den
Park in dem ich saß, die fein getrimmten Grashalme und die grünen Bäume, allesamt
wenig erleuchtet durch die Laternen, die hier und da standen. Über mir wölbte sich das
sternenklare Himmelszelt mit seiner Dunkelheit, die schon fast von oben herabdrückte.
Seit nun gut 100 Jahren hatte ich die Sonne nur noch auf Gemälden, Photos und
digitalen Bildern sehen können. Seit nun gut 100 Jahren war ich ein Kind Kains. Und alles
hatte seinen Ursprung bei diesem jungen Mister Wadesworth.
Es war nicht so, dass ich ihn damals hasste. Er war nur ein neuer Lehrer, einer der
vielen, die ich mit meiner direkten Art wieder in den Wahnsinn treiben würde. Zumindest
waren das meine Gedanken gewesen, als er bei meinen Eltern auftauchte, nachdem er
ihre Anzeige gelesen hatte.
Wie sehr ich mich doch damals noch täuschen konnte. Er war sehr freundlich, das hatte
ich ihm nicht zugetraut. Ebenso wenig hatte ich ihm zugetraut, dass er so nachsichtig mit
mir war. Über die Zeit hinweg kamen wir tatsächlich miteinander aus, sehr zu meiner
Überraschung.
Mister Wadesworth lehrte mich klassische Texte der Philosophie und der Literatur. Er
gab mir auch grundlegendes Verständnis für die Mathematik und die Physik, auch wenn
das nicht gerade meine besten Fächer gewesen waren.
Und so kam es, wie es kommen musste. Meine Mutter und mein Vater waren begeistert
von meinen Fortschritten und davon, dass Mister Wadesworth der erste Privatlehrer
gewesen ist, der nicht gleich nach wenigen Tagen wieder kündigte. Wie es nun einmal so
war, war er auch ein unverheirateter junger Mann und ich eine unverhereitate junge Frau.
Mein großer Bruder würde die Fabrik erben und ich war mehr Ballast, so zumindest kam
ich mir damals vor. Damals, als ich gesagt bekam, dass ich Mister Wadesworth heiraten
würde.
So wurde ich mit einer Aussteuer an ihn verheiratet und hieß künftig anstelle von Kym
White, Kym Wadesworth. Ich war außer mir vor Wut und schrie meine Eltern an, die mich
aber einfach nur vor die Tür setzten. Seufzend musste ich erkennen, dass meine Eltern
mich verkauft hatten.
Ein schlechter Mensch war mein neuer Gemahl nicht, aber da war auch nicht dieser
Funke gewesen. Die vielzitierte Liebe war einfach nicht da und so war es für mich eher
eine rationale denn eine romantische Hochzeit und Ehe. Aber sie sollte nicht lange halten,
um genau zu sein nur zwei Tage.
Doch es war Zeit weiterzugehen. Ich sah mich um. Niemand war in meiner Nähe, der
ganze Park war ruhig, doch innerlich wusste ich, dass bald die Sonne aufgehen würde.
Somit erhob ich mich von meiner Parkbank und ging in Richtung meiner Zuflucht.

„Also Du lebst in diesem kleinen zwei Zimmer Appartement und ich jetzt auch?“ Kyms
Blick flog über die Einrichtung und sie sog die ganzen Informationen nahezu in sich auf.
Eine Schrankwand voll Bücher, aus denen sie einige kannte, von Kant, über Mill, Lessing
und Shakespeare bis hin zu anderen Klassikern der Weltliteratur. Einige sehr alte Wälzer
waren darunter, die sie nicht kannte und auch nicht lesen konnte.
„Interessante Bücher,“ kommentierte Kym ihren Fund und ging dichter an die Regale
heran, die Hand danach ausstreckend.
„Wenn Sie, meine Liebe, diese Kostbarkeiten mit Ihren Fingern berühren, sehe ich mich
gezwungen jeden einzelnen davon abzutrennen.“ Es war eine Kym unbekannte Stimme,
die durch die langsam öffnende Tür zu ihr hindrang. Aus der Türöffnung kam ein
hochgewachsener Mann ihr entgegen. Er hatte spitze Wangenknochen, eine ebenso
spitze Nase und ebensolche Ohren. Seine Augen waren schwarz in schwarz, was Kym
teilweise faszinierte, aber auch erschreckte. An ihm klebte eine Aura der Gelassenheit. Er
wirkte regelrecht stoisch, wie er vor ihr stand und sie davor warnte die Bücher zu
berühren.
Langsam zog Kym ihre Hand wieder zurück und sah zu ihrem Mann, der sich hingekniet
hatte.
„Wer ist das?“, zischte sie ihm zu, aber ihr Gemahl anwortete nicht. Viel mehr schaute er
zu Boden, was Kym nur wieder etwas verärgerte. So wandte sie sich um und sah zu dem
Unbekannten.
„Wer seid Ihr, mein werter Herr, dass Ihr hier in dieser Wohnung seid und solch
Drohungen aussprecht?“ Ihre Stirn legte sich etwas in Falten, aber ihr Gegenüber zeigte
keine einzige Gemütsregung.
„Ist dies die junge Frau, von der Du mir erzähltest?“ Die Frage war nicht an Kym
gerichtet, sondern vielmehr an ihren Ehemann, der noch immer mit dem Blick gen Boden
kniete.
„Ja, mein Herr, das ist sie,“ beantwortete er die Frage und beide Männer ließen Kym
außen vor.
„Miss White,“ begann der Unbekannte, aber Kym fiel ihm ins Wort: „Miss Wadesworth,
wenn ich bitten darf.“
Ob nun aufgrund ihrer direkten Erwiderung oder aufgrund des Namens, den sie für sich
angenommen hatte, das wusste sie nicht genau zu sagen, fing der Mann an zu lachen.
„Miss White,“ fing er erneut an und als sie antworten wollte, hob er seine Hand und seine
Augen fokussierten sie. „Schweigt und hört zu!“ Es waren klare Worte in einem tonlosen
Tonfall. Sie gingen in Kyms Ohren hinein, wurden von ihrem Gehirn verarbeitet und hingen
sich als bleierne Gewichte an ihre Zunge. Sie konnte nichts anderes tun, als ihm
zuzuhören.
„Miss White, wenn Sie den fiktiven Namen Miss Wadesworth weiterhin führen wollen,
dann werde ich Sie nicht davon abhalten. Sie können aber auch ihren alten Namen wieder
annehmen, denn ich werde Sie in eine neue Welt einführen. Eine Welt so ganz anders als
die, die sie kennen.“
Mit diesen Worten entblößte er seine langen Fangzähne. Kyms Augen weiteten sich und
Angst paralysierte ihre Glieder. Als wäre sie in Beton gefangen, konnte sie sich nicht
bewegen, während der Mann sie umarmte und seine Fänge in ihren Hals bohrte.

Die Welt, wie ich sie kannte, verschwand in der Nacht und wurde mit einer
unglaublicheren Welt, eine Welt getaucht in Dunkelheit, ausgetauscht. Viel Zeit musste ich
damit verbringen von meinem neuen Sire zu lernen.
Der Clan der Kiasyd war nun mein neues Zuhause. Ob ich darüber so glücklich war oder
ob ich darüber wütend war, ich wusste es nicht. Ich war einfach nur verwirrt zu dem
Zeitpunkt. Warum wurde ich ausgewählt, wo es so wenige gibt und warum von ihm? Diese
Fragen wollte mir Joseph Blackstone nie erklären. Ebensowenig ließ sich seinem Ghul,
mein geschätzter Privatlehrer Mister Wadesworth, der wirklich Timothy hieß, eine Antwort
entlocken.
Die Sonne würde sicher noch einige Minuten brauchen, um über den Horizont zu
klettern, aber ich merkte schon die bleierne Schwere an meinem Körper, während ich
durch die Schiebetür in das Hotel ging. An der Rezeption stand eine junge Frau, die mir
freundlich zulächelte. Ich erwiderte den Gruß ebenso freundlich und rückte meine
Sonnenbrille noch einmal zurecht. Dann verschwand ich in einem der Aufzüge. Es würde
nicht mehr lange dauern, dann würde ich einschlafen, egal, wo ich mich befand. Da wäre
es schon besser, wenn ich in meinem Zimmer wäre.
Kurz nach dem Kuss meines Sires merkte ich, wie ich noch einen Wachstumsschub
erhielt. Ebenso wie es mich damals bei ihm fasziniert hatte, verschoben sich meine
Wangenknochen etwas und Ohren und Nase wurden spitzer. In der heutigen Zeit würde
man mich als Elfe titulieren. Nur meine komplett schwarzen Augen standen dazu im
Gegensatz. Ich trug seitdem immer eine Sonnenbrille, aber diese hatte nicht nur die
Aufgabe Unwissenden meine schwarzen Augen zu verschleiern, sondern auch meine
Augen vor dem Licht zu schützen. Seit diesem Kuss waren meine Augen noch einmal
empfindlicher geworden. So konnte ich Details besser erkennen, aber ebenso bin ich auch
hellem Licht gegenüber etwas empfindlicher geworden. Es war nicht ganz so schlimm, wie
man es den Schlangen nachsagt, es war einfach nur unangenehm geworden. So wurde
es bei mir zu einer Angewohnheit Sonnenbrillen zu tragen.
Ich öffnete die Tür zu meinem Hotelzimmer und hängte das Nicht Stören Schild raus.
Jack, mein Ghul, empfing mich direkt.
„Miss White,“ begrüßte er mich, „schön, dass Sie wieder zurück sind.“ Er nahm mir
meinen Mantel ab und schloss die Tür hinter mir zu. Dann wandte ich mich meinem
großen Bett zu.
„Ich möchte nur noch schlafen,“ sagte ich zu ihm und legte mich hin.

„Dieses Buch erscheint mir etwas seltsam,“ erklärte Kym. Sie hatte sich eines der
Bücher, die Joseph ihr gegeben hatte, genauer angesehen und fuhr noch einmal mit der
Hand darüber. „Etwas stimmt mit den Lettern des Buchdeckels nicht. Irgendwie...“ Sie
brach ab und besah es sich noch einmal von Dichtem. Sie war total darin aufgegangen
und merkte nicht, wie ihr Erschaffer sich ihr gegenüber hinsetzte und sie beobachtete.
„Irgendwie passt das alles nicht so ganz zusammen,“ meinte sie. „Die anderen Bücher
aus der Epoche, die Du mir gezeigt hast, waren anders beschaffen. Entweder ist es ein
Buch, das von schlechten Handwerkern hergestellt wurde, was aber im Gegensatz zu der
Ausstattung steht, oder es handelt sich hierbei um eine Fälschung.“ Ein leichtes Lächeln
legte sich auf die sonst stoischen Züge ihres Sires.
„Ich bin verblüfft,“ gab er zu. „Ja, dieses Buch ist tatsächlich eine Fälschung, wie Du
schon richtig erkanntest. Aber ich hätte mehr vermutet, dass Du es aufgrund des Inhalts
und nicht aufgrund der Beschaffenheit des Einbandes erkennst.“
Kym sah auf und in ein lächelndes Gesicht. Sie legte das Buch beiseite und nahm sich
das nächste zur Hand. Sie öffnete es und hielt in ihrer Bewegung inne.
„Irgendetwas stimmt hier auch nicht,“ meinte sie dann und sah zu ihrem Sire auf. Etwas
stimmte nicht so ganz mit ihren Augen, denn in dem Moment konnte sie neben dem Mann
eine farbige Nachzeichnung seiner Silhouette erkennen. Sie war vielleicht eine Hand breit
und zeichnete sich durch einen, wenn auch fahlen, hellblauen Ton mit einigen hellgrünen
Sprenkeln darin aus. Kym blinzelte leicht und wandte sich dann wieder dem Buch zu. Sie
hob es an und betrachtete sich den Einband genauer.
„Hast Du mir hier wieder absichtlich eine Fälschung gegeben?“, fragte sie ihren Sire
direkt, der über diese freche Frage wie immer hinwegsah.
„Nein,“ antwortete er. „Das ist ein Original.“
Kym entdeckte etwas und sah sich nach einem spitzen Gegenstand um. Er war schnell
in Form eines Messers gefunden und sie begann den Einband zu öffnen.
„Bist Du...“, fing ihr Meister an, aber als sie ihm einen Zettel vor die Nase hielt, den sie
aus dem Deckel des Buches gezogen hatte, verstummte er.
„Ich hatte eine hauchdünne Lücke gesehen. Sie war mir im ersten Moment nicht
aufgefallen, aber beim genaueren Hinsehen war sie da. Deshalb habe ich es geöffnet.“
„Du steckst voller Überraschungen,“ meinte Joseph dann und sah von dem Papier auf.
„Aber Du wirst nicht drum herum kommen, mir ein neues Buch zu besorgen. Oder besser
gesagt: Dieses Buch in der gleichen Qualität aus der gleichen Zeit.“

Er hatte mir damals nur diese eine Strafe aufgebrummt. Ansonsten sah er immer über
meine direkten, meist schon sarkastischen Kommentare hinweg. Selbstverständlich
erklärte er mir, wie ich mich einem älteren Vampir, insbesondere innerhalb einer Camarilla
Domäne zu verhalten hatte, aber wir hielten uns selten in solchen Domänen auf.
Somit musste ich neben dem Lernen von ihm auch noch die Zeit damit zubringen, ihm
dieses Buch zu ersetzen. Darüber begann ich diesen Zeitvertreib als elendig zu empfinden
und ihn nicht sonderlich zu mögen.
Sicher war und bin ich eine Kiasyd und habe diesen inneren Drang Wissen zu horten,
doch gehe ich in meiner eigenen Geschwindigkeit an dieses Unterfangen heran. Das
Prestige im Clan mag zwar anhand der gefundenen Bücher gemessen werden, doch ich
war nie so erpicht darauf im Rampenlicht zu stehen, seitdem ich in diese neue Welt
wiedergeboren wurde. So gebe ich mich mit einem Buch zufrieden, dass ich alle fünfzig
Jahre zum großen Treffen vorbringe. Somit bin ich im guten Mittelfeld platziert. Eine
Platzierung, die mich aus dem Rampenlicht raushält und mir die Möglichkeiten gibt, die
Nacht und ihre Vorteile der neuen Welt zu genießen.
Mit diesen Gedanken stand ich auf und sah mich um. Jack war noch nicht wieder da,
aber er würde es bald sein. Prompt hörte ich den Schlüssel, aber als ich genauer hinhörte,
waren da noch Stimmen. Stimmen neben der von Jack. Mein Ghul klang etwas
verängstigt.
Ich wusste, dass solche Menschen mit unser Vampirvitae einiges an Kraft dazu
gewannen und auch nicht so leicht zu überwältigen waren, aber irgendetwas schien ihm
gewaltige Angst einzujagen.
Mit einem Spiegel warf ich einen Blick um die Ecke und erkannte drei weitere Personen
neben Jack an der Tür stehen. Sie sahen nicht gerade freundlich aus, also begann ich ihre  
Schatten gegen sie zu verwenden.
Mein Ghul merkte, was dort passierte und schlug nach dem ersten, der neben ihm stand.
Der Geschlagene flog durch die offenstehende Badtür, dass die Fliesen nur so von der
Wand herabfielen.
Ich kam um die Ecke herum und zog meine Waffe. Auf diese kurze Entfernung war es für
mich ein Leichtes, meine Ziele tatsächlich zu treffen. Noch ehe sie reagieren konnten,
waren die zwei weiteren ausgeschaltet.
„Ich glaube, wir sollten die Zelte abbrechen und aus der Stadt verschwinden.“ Ich sah zu
Jack, der mir nickend beipflichtete. „Miami soll um diese Zeit ganz angenehm sein.“
Einige Zeit hatte es sie gekostet. Einige Zeit war sogar noch untertrieben, waren es doch
zwei Jahrzehnte. So lange hatte sie gebraucht, bis sie das gesuchte Buch ausfindig
gemacht hatte. Der Erste Weltkrieg war seit ein paar Jahren vorbei, aber er hatte nicht nur
in den Menschen seine Spur hinterlassen. Auch einige bedeutende Bücher waren
verschwunden, was ihre Suche etwas behindert hatte.

Kym atmete aus, als sie von dem Waldrand zu dem Landhaus hinsah. Aber hier war eine
der letzten Ausgaben. Mit ein wenig Konzentration und etwas mehr Blut aus ihrem untoten
Kreislauf ging sie ganz leise auf ein Fenster des großen Hauses zu. Mit ein paar schnellen
Handgriffen hatte sie es geöffnet ohne das leiseste Geräusch zu machen. Ebenso schnell
war sie durch die Öffnung geschlüpft.
Sie stand in einem langen Flur, in dem kein Licht brannte. Nur das fahle Mondlicht von
außerhalb ließ sie in dieser Dunkelheit überhaupt noch etwas erkennen. Sie ging langsam
den mit Holz ausgelegten Gang entlang und kam an eine große Doppeltür. Sie öffnete sie
leise und schlüpfte hindurch. Sie stand in einer großen Bibliothek. Während, wie sie
vermutete, Joseph hier wohl einige Zeit zubringen würde, wollte sie nur dieses eine Buch
holen und dann wieder verschwinden.
Sie ging an den beiden großen Regalen an den Wänden entlang und besah sich die
Rücken der Bücher. Entgegen ihrer Informationen, konnte sie es nicht finden.
Einige Geräusche aus dem Gang, durch den sie gerade gekommen war, ließen sie
aufschrecken und sie drückte sich in eine Nische der Regale, so dass sie die Tür sehen
konnte.
Die Türhälfte ging auf und ein älterer Mann im Nachthemd kam herein. Es war der
Hausbesitzer, der wohl nicht schlafen konnte. In der einen Hand führte er eine Öllampe, in
der andere das Buch, welches Kym gesucht hatte. Er gähnte leicht, während er sich
hinsetzte.
Das war die Gelegenheit. Kym überlegte, wie sie es wohl anstellen könnte, ihm
ungesehen das Buch zu entreißen, als ihr eine Idee kam. Sie konzentrierte sich auf seinen
Schatten und ließ ihn kalt werden. Kälter als die Umgebung. Durch die Öllampe als einzige
Lichtquelle im Raum, umspannte den älteren Herr sein eigener Schatten.
„Warum ist es plötzlich so kalt geworden?“, fragte er halblaut und legte das Buch hin.
„Ich sollte mir etwas überziehen.“ Mit diesen Worten stand er auf, nahm seine Öllampe
und verschwand wieder durch die Tür.
Der perfekte Zeitpunkt. Kym ging schnell auf das Buch zu und schnappte es sich.
Ebenso schnell war es auch in dem Beutel verstaut, den sie dafür mitgenommen hatte. Sie
wandte sich dann dem Gang zu. Am anderen Ende des Flurs konnte sie noch sehen, wie
der Mann in einem Raum verschwand.
Mit schnellen Schritten war Kym bei dem Fenster, durch das sie auch hereingekommen
war und schlüpfte wieder nach draußen. Endlich hatte sie das Buch, nach dem sie so
lange gesucht hatte.

Mit diesem Buch hatte ich damals endlich meine Freiheit erkauft. Mein Sire hatte mir
nichts mehr beizubringen, viel eher war dies ein Test, ob ich auf meinen eigenen Füßen
stehen konnte. Und ich konnte es. So wurde ich von ihm freigesprochen und durfte allein
durch die Welt reisen.
Nichts war mir lieber. Endlich frei von jeglichen Zwängen konnte ich auf mein eigenes
Gewissen hören. In den ersten Jahren, die ich allein zubrachte, ging es mir gut, bis ich
bemerkte, dass ich doch Gesellschaft brauchte.
Somit zog es mich wieder zurück nach London. Ich konnte sehen, dass die Fabrik
meiner Eltern aufgekauft worden war und mein Bruder zu einem einfachen Arbeiter
geworden war. Er lebte jetzt in ärmlichen Verhältnissen. Aber bis auf meinen Namen hatte
ich nichts von meinem alten Leben übernommen, weshalb ich ihn leben ließ, wie er lebte.
Damals hatte ich Glück, dass die Fehde der Tremere und der Ventrue in London noch
einige Zeit schwelte. So hatte ich alle Zeit der Welt, mich in der Stadt niederzulassen und
mir einen Namen als unabhängige Kiasyd aufzubauen. Meine Ruhe hatte ich so sicher.
Hin und wieder reiste ich mit meinem Ghul Jack durch die Welt, um nach einem Buch zu
schauen. Letztlich war es so, dass ich zu den großen Treffen meines Clans etwas
vorweisen musste. Es gelang mir tatsächlich ein, zwei gute Bücher zu finden und neben
ein paar anderen zu horten, aber mehr als ein Koffer voll, war dabei nie zusammen
gekommen. Somit hatte ich einen mittelmäßigen Stand in meinem Clan, was mich aber
nicht sonderlich störte.
Mein Blick glitt über den Hafen von Miami in der Nacht. Wir waren vor einigen Stunden,
zum Abend hin angekommen, aber jetzt erst konnte ich von Bord gehen. Dies war also die
neue Heimat. Mal sehen wie lange es dauern würde, bis es mich wieder nach London
verschlagen würde.