Das Glückskind I - Der Kreis schließt sich

von Saakje
GeschichteFamilie, Fantasy / P12
OC (Own Character)
30.01.2010
30.01.2010
7
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Vorwort:
Dank an meinen Mann, den es nicht stört, wenn ich wochenlang mit meinem Laptop schreibend das Sofa blockiere.
Dank an Esrâ - ohne Dich hätte die Geschichte definitiv mehr Fehler.
und Dank an DiamondDove - ohne Dich hätte meine Geschichte nie diese Preise bekommen:
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Ich wusste, ich war anders. Hatte ich es nicht schon immer gewusst?
Nicht, weil ich ein Findelkind war. Sondern wegen anderer Dinge. Meine Ma, so nannte ich meine Ziehmutter, hatte mich gefunden, als ich klein war. Sie nannte mich Felicitas, ihr Glückskind; denn es war ihr Glück, mich gefunden zu haben - so sagte sie. Ich war noch so klein gewesen, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Doch sie erzählte mir so oft von jenem Tag, dass es schon fast wie meine eigene Erinnerung wirkte.

In den Wochen davor waren einige Menschen aus den umliegenden Dörfern verschwunden. Dabei wurden immer wieder zwei Gestalten gesehen. Doch keiner, der den beiden zu nahe gekommen war, hatte es überlebt. Jene, die weit genug entfernt gewesen waren, flüsterten von einem seltsamen Paar: Ein Mann und eine Frau, die wahllos mordeten. Die Leichen aber, die sie dabei hinterließen, wiesen Bissspuren auf: "Vampire", so flüsterten die Menschen. Zwei Vampire, um genau zu sein. Einer allein war schon furchterregend - doch zwei waren zu viel, als dass sich ein Mob alleine an die Verfolgung gemacht hätte. Und so wurde bereits nach einem Hexer gesucht, der sich der Sache annehmen sollte. Doch so schnell war keiner gefunden worden.

Es war Vollmond, als der männliche Vampir dann allein im Dorf aufgetaucht war und angriff. Wie ein Betrunkener hatte er sich benommen. Das war wohl auch der unerklärliche Grund gewesen, warum die Dörfler ihn ohne fremde Hilfe überwältigen konnten. Obwohl er die Gestalt eines jungen Mannes hatte, zeigten seine Zähne doch seine wahre Natur: Ein Monster war er, tatsächlich ein Vampir! Gepfählt und zerhackt vergruben sie seinen Körper. Doch es hatte nicht geholfen. Jede Nacht wurde seine Begleiterin gesehen - und jede Nacht gab es weitere Leichen.

Als nach vier Tagen ein Hexer kam, Visemir soll sein Name gewesen sein, waren die Dörfler erleichtert und dankbar. So erleichtert, dass sie alle zusammenlegten, um den von ihm genannten Preis für seine Dienste aufzubringen. Doch noch hatte der Hexer seinen Lohn nicht verdient. Er ließ sich erzählen, was passiert war, und fragte nach Einzelheiten. Er ließ sich sogar die Leiche des getöteten Vampirs zeigen. Ungerührt sah er zu, wie die Dörfler die Erde zur Seite schaufelten. Die Menschen waren überrascht, als sie die Leichenteile bargen. Unverändert waren sie, kein Zeichen der Verwesung oder des Zerfalls. Der Hexer erklärte, dass der Vampir nicht tot sei und bestand darauf, dass alles verbrannt und die Asche in den Fluss gestreut wurde.

Dann machte er sich auf die Suche nach dem weiblichen Vampir. Er war ein fähiger Hexer, so gelang ihm, wozu kein normaler Mensch so leicht in der Lage war: Er suchte und er fand sie, früh in der Morgendämmerung. Nachdem er sie zur Strecke gebracht hatte, sah er sich um. Im Versteck der Vampirin, einem Gewölbe unter einem verfallenen Turm, fand sich ein kleiner schlafender Junge. Der Schlaf des Jungen war tief, sehr tief, ließ sich kaum wecken. Als er dann doch wach wurde, war er voller Panik. Er weigerte sich, den Keller zu verlassen. Und weil er so geschwächt und verängstigt war, zwang der Hexer ihn nicht. Stattdessen wollte er im Dorf Hilfe für den Jungen holen.

Die Dörfler zahlten murrend den Preis, den der Hexer gefordert hatte - mehr, als zwei gute Pferde gekostet hätten. Doch sie wollten nicht helfen, als sie von dem Jungen hörten. Wenn der Junge bei einem Vampir gewesen war, konnte er kein Mensch mehr sein. Doch immerhin schickten sie den Hexer zu meiner Ma.

Meine Ma, die etwas über Kräuter und Heilung wusste; meine Ma, die weniger ängstlich war, wo sie doch alleine draußen in der Wildnis hauste. So kam der Hexer zu ihr – und er brachte sie zu dem Turm. Meine Ma erzählte mir, wie sie damals mit dem Hexer über die Zukunft des Jungen sprach. Das Kind war zu jung, um ohne Familie überleben zu können. Doch hier konnte er auch nicht bleiben. Da blieb nicht viel übrig.

Nach längerem Hin und Her kamen sie zu dem Schluss, dass der Hexer ihn in seine Obhut nehmen sollte. Und so geschah es: Auf Wunsch des Hexers half sie dem Jungen durch ihre Tränke und ihre Worte wieder auf die Beine. Als er nach einigen Stunden endlich bereit war, den Ort gestärkt zu verlassen, nahm der Hexer ihn, setzte ihn direkt vor sich auf das Pferd und ritt mit ihm davon.

An diesem Tag fand mich meine Ma. Auf dem Rückweg vom Turm ging sie nicht den direkten Weg. Es gab noch einige Pilze und Kräuter, die sie suchen wollte. Und dabei fand sie mich, keine fünfhundert Schritte von dem Turm entfernt.

Ich lag verborgen im Schatten einiger Büsche. Gut eingepackt, und mit einer kleinen Haube auf dem Kopf. Rasch merkte sie, dass es gut war, dass ich diese Haube trug: Kleinkinder sind oft etwas empfindlich gegen die direkte Sonne. Aber bei mir ist es stärker ausgeprägt, viel stärker. Als sie mir diese Haube abnahm, um mich richtig betrachten zu können, wurde ich plötzlich wach und fing an zu wimmern, denn binnen weniger Augenblicke wurde meine Haut ungewöhnlich rot. Ich hatte einen Sonnenbrand, als ob ich Stunden in der prallen Sonne gewesen wäre. Ma erschrak und bedeckte rasch wieder meinen Kopf.

Ich war so klein gewesen, konnte noch nicht einmal richtig krabbeln, so erzählte sie mir. Sie fütterte mich mit Brei, wie jedes Kleinkind. Und ich wuchs und gedieh. Sie lachte, wenn sie mir von meinen ersten Gehversuchen erzählte. Sie lehrte mich meine ersten Worte. Sie sah mich stolz und glücklich an, wenn sie wieder einmal erzählte, dass mein erstes Wort "Ma" gewesen ist. Wie so viele andere Mütter auch.

So war ich zu ihr gekommen. Sie sagte es nie und doch wusste sie, dass ich kein normaler Mensch sein konnte. Deshalb versteckte sie mich. Vor den Dörflern, vor der Welt.
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