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Sascha und Kerstin: Niemals aufgeben

GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Alexandra "Sascha" Mehring Kerstin Herzog
28.01.2010
28.01.2010
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Teil 38
Sascha erwachte durch Stille. Es hörte sich seltsam an, aber es war so. Die ungewohnte Stille, ließ sie aus ihrem Traum erwachen. Es war die wunderbarste Nacht, die sie jemals erlebt hatte. Die ganzen letzten Stunden waren wie ein Traum gewesen. Sascha hatte sogar am Abend ein wenig mit Kerstins Eltern gesprochen. Kerstin hatte Recht gehabt. Je länger sie sich mit ihren Eltern unterhalten hatten, umso freundlicher wurden sie. Und dann konnte sie endlich ins Bett mit Kerstin. Sascha hatte sich ganz tief in Kerstins Arme gekuschelt und war nach wenigen Sekunden eingeschlafen. Es war einfach zu perfekt um wach zu bleiben. Und nun war sie frisch wach. Kerstin lag immer noch in ihrem Arm. Sascha musste lächeln. Sie sah so süß aus wenn sie schlief. Ihre Gesichtszüge waren völlig entspannt, ab und zu zuckten die Wimpern und der Griff ihrer Hand um Saschas Taillen war unverändert fest. Sascha würde ihr unter keinen Umständen weglaufen können. Allerdings lag Sascha nichts ferner. Sie küsste Kerstin sanft auf die Nase. Langsam zuckte Kerstins Körper und sie öffnete die Augen. Sobald sie Sascha erkannte lächelte sie. „Guten Morgen.“ „Guten Morgen, schöne Frau.“ Kerstin küsste Sascha zärtlich „Wie hast du geschlafen? In deinem neuen Bett.“ „In unserem Bett! Unbeschreiblich super. Und das Beste an diesem Bett ist, dass ich neben dir einschlafen und aufwachen kann. Das sollte ich mir patentieren lassen.“ „So, so, nur das gefällt dir? Ich hätte schwören können dass dir das, was wir gestern Nachmittag gemacht haben auch gefallen hat. Naja, habe ich mich wohl geirrt…“, meinte Kerstin neckisch. „Ach du.“ Sascha kletterte vorsichtig auf Kerstin und küsste sie. Dabei gab sie Acht darauf dass sie ihr Gewicht nicht auf Kerstins Körper kam. „Runter von mir, der kleine Quälgeist in mir ist Belast genug.“ „Der?“ „Oder die. Heute Abend werden wir es wissen“, lächelte Kerstin. „Stimmt ja.“ Sascha strahlte. Heute war Heilig Abend. Den Umschlag mit der Information über das Geschlecht des Babys lag bereits auf dem Gabentisch. Sascha war sich nicht sicher, ob sie lieber einen Jungen oder ein Mädchen haben wollte. „Los, wir gehen duschen. Wir wollten dir doch einen Einblick in das Weihnachtsleben des vereinten Deutschlands verschaffen. Der Wahnsinn hat einen Namen: KaDeWe!“ Kerstin grinste und zog Sascha aus dem Bett. Diese hätte gerne aufs KaDeWe verzichtet wenn sie dafür länger mit Kerstin im Bett geblieben wäre. Doch alleine wegen Kerstins Eltern sollten sie aufstehen. Und Napsütés musste auch raus. Eine Stunde später hatten sie geduscht, trockene Haare, gefrühstückt und waren auf dem Weg nach Berlin. Sogar mit Napsütés hatten sie eine kleine Runde gedreht. Kerstins Eltern waren erst aufgestanden als sie bereits unterwegs waren. Nathalie hatte sich Sascha und Kerstin angeschlossen, sie musste Weihnachtsgeschenke kaufen. Seit Jahren machte sie das am Heilig Abend, um spontane Geschenke an ihre Liebsten abzugeben. „Okay, wir treffen uns um vierzehn Uhr wieder hier am Auto“, meinte Kerstin als sie es geschafft hatten einen Parkplatz zu ergattern, auf dem man so lange stehen bleiben konnte wie man wollte ohne am Ende aufgrund der Parkgebühren Pleite zu sein. Ein echtes Kunststück in Berlin. „Das schaffe ich. Viel Spaß ihr beide.“ Nathalie nahm ihren Rucksack und startete ihren Einkaufsmarathon. Kerstin nahm Saschas Hand und zusammen schlenderten sie durch die Berliner Innenstadt. Sascha war hin und weg. So viele Menschen, so viele neue Gebäude, es schien alles zu geben. Sie würde es nicht wundern, wenn hinter der nächste Ecke ein Kaufhaus war, dass Reisen zum Mond anbot. „Geil, das Brandenburger Tor…ohne Mauer drum herum.“ Sascha starrte auf das Berliner Wahrzeichen. Das war ein ganz neues Bild für sie. Das Brandenburger Tor ohne Mauer, ohne Absperrung, ohne Soldaten, die jeden Schritt beobachteten. Und sie konnte hingehen ohne Probleme zu bekommen. „Wow.“ Sascha starrte das Brandenburger Tor weiter an. Kerstin lächelte als sie das verträumte Gesicht ihrer Freundin sah. Sie konnte sich nicht vorstellen was für Gefühle dieses Bild in Saschas auslösten, doch sie waren groß. „Na, gehen wir durch?“, fragte Kerstin. „Klar, davon wirst du mich nicht abbringen können…es sei denn, du möchtest es nicht.“ Kerstin küsste Sascha und schob sie in Richtung Brandenburger Tor. Arm in Arm schlenderten sie insgesamt fünfmal hindurch, einmal durch jede Durchfahrt. „Gei.l“ „Und jetzt? Wie wäre es wenn wir zum KaDeWe gehen und uns ins Getümmel werfen? Ich gehe gerne am Heilig Abend einkaufen wenn ich nicht zur Kasse muss.“ „Mit dir gehe ich überall hin.“ Sascha sah Kerstin verliebt an. Was wäre sie nur ohne diese wunderbare Frau? Nichts. Verliebt und die Menschenmassen gar nicht mehr sehend ließ sie sich von Kerstin durch die Berliner Menschenmasse führen bis sie am KaDeWe ankamen. „Et voilá, das KaDeWe.“ Kerstin deutete auf das riesige Gebäude. Sascha starrte mit offenem Mund an dem Gebäude hoch. Das war sehr, sehr ansehnlich. „Wow.“ Das schien heute ihr Lieblingsausspruch zu werden. „Ja, das größte Kaufhaus in Europa, 60 000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Wenn wir heute nicht schon besonderes Essen bekommen würden und wir mehr Geld hätten, dann würde ich uns in die riesige Feinkostabteilung im sechsten Stock einladen. Vom Wintergarten aus hat man einen Ausblick der bis zur Reichstagskuppel reicht. Sollten wir jemals im Lotto gewinnen, dann werde ich eine riesige Party dort feiern. Aber gucken kostet nix.“ Kerstin zwinkerte und sie stürzten sich ins Getümmel. Saschas größtes Interesse galt natürlich der Bücherabteilung. Kerstin ließ sie alleine dort und ging in die Modeabteilung. Vielleicht fand sie für wenig Geld ein neues Oberteil. Wahrscheinlich war das weniger, doch sie konnte es versuchen. So lange sie die Uhr im Auge behielt, denn in einer halben Stunde würde sie sich wieder mit Sascha treffen. Mehr Trennung würden beide auch nicht überleben. Außerdem wollte sie ihre Freundin nicht mit all den neuen Eindrücken alleine lassen. Sascha wiederum genoss es endlich einmal einen Berg Bücher um sich herumzuhaben, die nichts oder kaum etwas mit ihrem Studium zu tun hatte. Romane, Thriller, Unterhaltung. Alles was ihr Herz begehrte. „Ich wusste, ich finde dich hier.“ Nathalie stand urplötzlich neben Sascha. Diese erschrak ein wenig. „Musst du mich so erschrecken?“ „Sorry. Du solltest dich daran gewöhnen, hier angesprochen zu werden. Wo ist Kerstin?“ „In der Modeabteilung. Wir treffen uns gleich hier wieder. Zeit ein Geschenk für sie zu kaufen. Wenn es auch nicht über ein Buch hinausreichen wird.“ Sascha hatte Mühe nicht alles einzupacken was sie sah. Diese reichhaltige Auswahl hatte sie niemals zuvor gesehen. Es war, als wenn sie auf einem ganz anderen Planeten war. „Ich denke, sie kennt deine finanzielle Situation. Außerdem war ihr schönstes Geschenk dich in Freiheit bei sich zu haben. Dem schließe ich mich übrings an.“ „Du? Wieso?“ „Ich freue mich dich als meine neue Nachbarin zu begrüßen. Es ist schön dich außerhalb der Uni zu sehen.“ „Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich sagen, du flirtest mich an“, lachte Sascha und grinste breit. „Ich?“ Nathalie lachte „Nie! Ich hätte keine Chancen und mit Körben habe ich es nicht so.“ „Soso, interessant. Und wenn du die Chance hättest keinen Korb zu bekommen würdest du mich anbaggern? Seit wann stehst du auf Frauen?“ Sascha sah Nathalie überrascht und belustigt an. „Sascha, du machst alles möglich. Kerstin sollte dir Beweis genug sein.“ „Ich scheine eine interessante Auswirkung auf Heten zu haben. Was genau habe ich an mir, dass ihr alle auf mich steht? Nicht dass es mich stört.“ Sascha grinste breit. „Ich denke, es liegt an deiner Art. Du bist einfach unbeschreiblich süß, Cherie.“ Nathalie küsste Sascha auf die Wange „Ich muss weiter, bis gleich.“ Sie zwinkerte Sascha zu und verschwand in der Menschenmenge. Sascha sah ihr nachdenklich nach. Sie hätte Chancen bei Nathalie gehabt? Naja, dann bekam ihre Bemerkung, dass sie Sascha auch noch kriegen würde, eine ganz neue Bedeutung. Allerdings änderte dieses Halbgeständnis nichts an ihren Gefühlen für Kerstin, denn sie war die Frau, die Sascha liebte. Mit dem Wissen einige weitere Erneuerungen der deutschen Hauptstadt gesehen zu haben und dem Wissen, dass viele folgen würden, begann für Sascha der Abend. Jonathan Müller war zwar nicht der Mann an Nathalies Seite, aber er war trotzdem da. Und er hatte eine Eistorte mitgebracht. Aufgebaut wie eine normale Torte hatte er mehrere Schichten Eis übereinandergesetzt und verziert. Entweder hatte er dieses rasend schnell geschafft, die Torte fertig gekauft oder er hatte sie in einem Kühlraum zusammengestellt. Sascha zählte zwölf verschiedene Eissorten, jeweils vier pro Etage und alle Sorten, die übereinander waren, passten geschmacklich zusammen. Ein wirklich interessantes Bauwerk. „Wo bekommt man so etwas her?“, versuchte Sascha das Geheimnis der Torte aus ihm herauszubekommen. Ein wenig seltsam war es schon. Sie war nun frei und war mit ihrem ehemaligen Schließer in einem Raum. Ein wenig gab ihr das Gefühl, zurück in Reutlitz zu sein. Allerdings schaffte Jonathan Müller es, dass es nicht zu unangenehm für Sascha war. Alleine sein Auftreten in legerer Kleidung trug dazu bei, diesen Ort nicht zu sehr mit Reutlitz zu verbinden. Aber sie würde wohl immer an Reutlitz denken wenn sie ihn sah. Der erste Eindruck ist prägend und der war bei Jonathan Müller wie er Reutlitz als Schließer betrat. Aber als netter Schließer, der ihr viel geholfen hatte. „Das ist eine Unikat, Marke Eigenbau.“ „Und wie haben Sie…hast du.“ Es war schwer alles Bisherige umzustellen. Und es würde eine Weile dauern bis es problemlos funktionierte. „Ich habe
einen Freund, der einen Kühlwagen fährt. Diese Eismannwagen. Ich habe das Eis, die Formen und die Verzierung besorgt, mich dick angezogen und in seinem Wagen diese Worte gebastelt. Es ist ein besonderer Tag, da wollte ich etwas Besonderes mitbringen.“ Er lächelte. „Die Torte sieht super aus.“ Sie konnte sich ganz normal mit ihm unterhalten wenn sie ihn auch gedanklich nicht als Schließer sah. „Danke, dafür hat sich der Hauswirtschaftskurs gelohnt.“ „Hauswirtschaftskurs?“ „Klar, ich habe in meiner Schulzeit Hauswirtschaft belegt. Meine Mutter pflegte zu sagen: Junge, schaff dir früh eine ordentliche Frau für den Haushalt an, dann hast du damit keine Sorgen. Ich fand das ein wenig, sagen wir mal, antiquittiert und habe selber kochen, putzen und bügeln gelernt. Es war kein Fehler. Meine Hemden sind in einem tadellosen Zustand.“ Das stimmte. Sascha konnte sich nicht an ein knittriges Hemd erinnern. „Es ist ein wenig schwer…“, begann Sascha langsam. „…Reutlitz aus dem Spiel zu lassen? Es zu vergessen?“, fragte Jonathan Müller. Sascha nickte. „Dann versuch es nicht. Ich meine, wir wissen beide was war, aber das ist Vergangenheit. Ich denke, wenn wir beide versuchen sie totzuschweigen macht es uns die Sache nicht einfacher. Wir standen auf verschiedenen Seiten, doch ich finde, dafür haben wir uns ganz gut geschlagen, oder?“ „Ja“, lächelte Sascha. Das hatten sie. Wenn man es genau betrachtete, war Jonathan Müller sehr entgegenkommend gewesen. Er hatte sie und Kerstin nicht verraten, obwohl das wahrscheinlich sein Job gewesen wäre. Schließlich stand Kerstin damals als Ärztin für Reutlitz in den Startlöchern. „Also, wenn du mich etwas über Reutlitz fragen willst, dann mach das. Ich werde – soweit ich das darf – dir antworten. Okay?“ „Danke.“ Sascha dachte kurz nach. „Was macht Walter? Geht es ihr gut?“ „Ja, aber sie vermisst dich. Sie würde es nie zugeben, doch man merkt es.“ Man merkte es bestimmt nicht. Sascha wagte zu bezweifeln, dass es den anderen Schließern aufgefallen war. Es fiel Jonathan Müller auf weil er wusste, dass Sascha und Walter sich nahe gestanden hatten. „Und Nico?“ „Sie ist mein derzeitiges Sorgenkind. Deine Entlassung ist ihr gar nicht bekommen. Sie ist wieder so verschlossen wie sie es früher war. Ich würde gerne wissen was mit ihr los ist, doch sie lässt niemanden an sich heran. Sie zieht ihren Förderunterricht durch, danach sitzt sie in einer Ecke und liest. Wenn das so weitergeht, ist sie ein wandelndes Lexikon wenn sie Reutlitz verlässt. Und kann alle Bücher dort vorwärts und rückwärts zitieren.“ Sascha seufzte. Sie hatte es geahnt. Aber wenigstens machten sie und Walter keinen Ärger. „Wissen die Frauen inzwischen was sie gemacht hat?“ „Nein. Weißt du es?“ „Ja.“ Sascha nickte „Bereits länger. Und sie weiß, dass ich es weiß. Ich frage mich nicht einmal wie ein Mensch so etwas machen kann, denn Menschen sind zu allem fähig. Ich frage mich, was der Grund war. Ich wage stark zu bezweifeln, dass der Grund in den Medien, der wahre beziehungsweise einzigste Grund ist.“ „Wenn es einen weiteren geben würde, wovon ich mit dir ausgehe, dann weigert sie sich diesen zu nennen. Leider.“ „Es könnte ihr helfen?“ „Naja, man könnte bei einem sehr guten Grund und einem motivierten Anwalt versuchen den Prozess neu aufzulegen. Erfolg ist nicht garantiert, aber möglich..“ „Hast du mal versucht mit ihr zu reden?“ „Sascha, ich bitte dich.“ Ja, er hatte Recht. Das würde nichts bringen. Sascha selber wäre wohl lieber im Knast verreckt als sich einem Schließer anzuvertrauen. Seltsam. Seitdem sie nicht mehr Insassin war, war aus den Schlusen Schließer geworden. Doch geändert hatte sich an ihrer Einstellung nichts. Sie würde gerne mit Nico reden, doch momentan war sie nicht in er Lage sich nach Reutlitz zu bewegen, Sie war gerade einmal vierundzwanzig Stunden frei, da wäre es mehr als seltsam wenn sie in das Gefängnis zurückkehren würde, in dem sie die letzten Monate eingesessen hatte. Wenn sie dorthin zurückkehren würde, nur um eine Frau zu besuchen, dann würde das noch Zeit brauchen. Teil 39 Nachdem sie alle sich auf dem Hof befindliche Stühle in Kerstins und Saschas große Küche gebracht hatten und neben dem ansässigen Küchentisch einen weiteren aus der WG getragen hatten, konnte das große Weihnachtsessen beginnen. Sascha hatte die Speisen bereits bei der Vorbereitung für übertrieben viel gehalten. Auf den beiden Tischen aufgebaut verstärkte sich ihre Ansicht. „Stimmt etwas nicht?“, fragte Kerstin sie als sie bemerkte wie Sascha das Essen anstarrte. „Nee, alles in Ordnung, ich frage mich nur, wer dass alles soll. Wir könnten doppelt so viele sein und es würde reichen.“ „An Weihnachten darf jeder mehr essen als sonst“, meinte Kerstins Vater „Heute darf beim Essen gesündigt werden.“ „Und dann passen dir wieder deine Hosen nicht mehr“, schimpfte Kerstins Mutter. Das übliche Schauspiel. Kerstins Mutter konnte keinen Satz ihres Mannes unkommentiert lassen. „Margit, lass uns die Hosen für die nächsten zwei Tage vergessen.“ „Wir werden sehr sparsam zwischen den Feiertagen leben. Sylvester sagt du nämlich das Gleiche wie heute und ich habe dann wieder den Ärger.“ „Ihr könnt die ganzen Tage über mit Napsütés spazieren gehen, das verbrennt Kalorien.“ „Kerstin, dein seltsamer Hund ist nichts für uns. Der knurrt deine Eltern an.“ „Die knurrt alle an, die ins Haus wollen und nicht klingeln; Sascha und mich ausgenommen.“ „Ich möchte wissen, wieso sie weiß, dass Sascha die selben Privilegien hat wie du“, rätselte Chris. „Instinkt. Napi weiß wer hier wohnt.“ Kerstin sah ihre Hündin glücklich an. Napsütés hatte sich vor den Ofen gelegt und blinzelte ab und zu mal zum Tisch. Es war schwer für einen Hund, der kein Jahr alt war, Benehmen zu zeigen und nicht zu betteln. Doch Kerstin hatte ihr bisher nie etwas vom Tisch gegeben und wollte das auch nicht einführen. Napsütés hatte ihr Weihnachtsessen bereits bekommen, dasselbe zählte für Válás, der sich auf einem Brett über dem Ofen gelegt hatte. Kerstin hatte es extra für ihn angebracht. „Der Hund weiß, dass Sascha zu Kerstin gehört“, sagte Kerstins Vater. Er hatte sich sehr schnell an Sascha gewöhnt. Kerstin hatte die Sympathie ihres Vaters für Sascha mit Wohlwollen registriert und hoffte, ihre Mutter würde seinem Beispiel folgen. Sie war nicht unhöflich, aber distanziert. „Frag Napsütés mal, ob Nathalie zu mir gehört“, grinste Jonathan. „Die Frage kann ich dir sehr gut beantworten“, sagte Nathalie „Nein. Ich gehöre niemanden.“ Jonathan grinste. Diese Antwort ließ er nicht gelten. „Doch Schätzchen, du gehörst zu mir.“ Benni warf Nathalie einen Kuss zu. „In deinen Träumen.“ „Nee, da kommst du eher selten vor. Sorry.“ „Wer ist es denn?“ „Das ist ein Betriebsgeheimnis. Wenn du mal deinen Abschluss hast, dann verrate ich dir das. Oder besser: Wenn du Mutter bist.“ „Es wird ein ewiges Geheimnis bleiben“, jammerte Nathalie. Sie hatte nicht vor jemals ein Kind zu bekommen. Was sie so bei Kerstin mitbekam, war das viel zu viel Ärger und Umstand. „Nicht wenn MANN es ändern kann.“ Sascha grinste breit. „Saschilein, dir habe ich heute Morgen etwas gesagt. Mehr wirst du von mir nicht zu hören bekommen.“ Sie warf Sascha eine Kusshand zu. „Ey“, protestierte Kerstin „Lass das.“ Sie versuchte das imaginäre Küsschen aufzufangen und warf es demonstrativ zurück. „Eifersüchtig?“ „Ja, sehr.“ Kerstin schlang ihre Arme um Sascha. Sie wollte Sascha in keiner Form teilen. Mit keinem. Und das galt auch für Pseudoküsse. Sie brauchten beinahe zwei Stunden für das Essen. In aller Ruhe hatten sie über die Hälfte der Knödel, Gans, Gemüseplatten und des Kartoffelgrateins gegessen und dann beinahe die Hälfte der Megaeistorte verschlungen. Damit das Essen besser rutschte und nicht so alleine war, hatten bereits fünf Flaschen Wein dran glauben müssen. Hinzu kamen zwei Flaschen Saft, die Sascha und Kerstin getrunken hatten. Sascha würde auch an diesem Tag keinen Alkohol anrühren, so wie Kerstin es tat. „Okay.“ Chris hielt sich den Magen „Jetzt haben wir alle hier mehr als genug gegessen, jetzt können wir rübergehen, da warten die Geschenke.“ „Es gibt hier einen, der Geschenke verdient hat?“ Benni sah erstaunt in die Runde. „Alle außer dir.“ Chris schlug ihm auf den Bauch und Benni krümmte sich. Das war nicht gut gewesen. Er stand kurz vorm Überlaufen. „Wir könnten eine Runde um die Gebäude laufen um nicht zu platzen“, schlug Jonathan vor „Was sagt die Ärztin dazu?“ „Bewegung hilft den Blutzuckerspiegel nach dem Essen zu senken, das ist eine sehr gute Idee. Aber nur in dicken Jacken, wir hatten eben bereits minus fünf Grad und der Wind lässt uns das ganze noch einmal einige Grade kälter anfühlen.“ Sie schlüpften alle in dicke Jacken und gingen nach draußen. Sascha hatte sich bei Kerstin untergeharkt. Nun galt es einen halbwegs ungefährlichen Weg im Dunklen um die Gebäude des Hofes zu finden. Jonathan und Nathalie gingen voraus und dann und wann riefen sie eine Warnung aus wenn es glatt war. Zum Glück hatten sie beinahe Vollmond und einen wolkenlosen Himmel. So sahen sie wenigstens etwas. In der Dunkelheit wirkten die Gebäude größer und bedrohlicher. Das taten allerdings alle Gegenstände. Sascha war sich nicht sicher woher es kam, dass die Menschen bei Dunkelheit alles gefährlicher empfanden. Vielleicht weil sie weniger sahen? Vielleicht weil es eine Schutzmaßnahme war? Wer wenig sah und vorsichtig war, der lebte länger. Man konnte nie wissen was hinter der nächsten Ecke lauerte. In ihrem Fall gerade hätte wer auch immer hinter einer Ecke lauerte wahrscheinlich einen schmerzhaften Abend erlebt, denn Napsütés war wachsam und sah sich alles
genau an. Sie würde im Sommer dafür sorgen, dass Sascha und Kerstin keine Fenster verschließen mussten wenn es warm war. Kein Einbrecher würde sich mit einem Rottweiler anlegen. Es dauerte beinahe eine halbe Stunde bis sie wieder am Ausgangspunkt waren, doch alle fühlten sich danach weniger voll und besser. Chris schloss die Tür zur WG auf und sie verließen die Kälte der Nacht um ins geheizte Haus zu gehen. Benni hatte aus einem der leeren WG Zimmer ein Weihnachtsgeschenkezimmer gemacht, in dem außer ihm keiner gewesen war. Er hatte alle Geschenke dort hingestellt. „Hey Chris, mach uns den Weihnachtsmann.“ Er warf seinem Freund lachend ein Weihnachtsmannkostüm zu. „Wo hast du das denn her?“ Chris sah zweifelnd an dem langen Umhang herab. „War ein Angebot. Los, sieh zu. Kerstin, bist du der Engel?“ „Ich?“ „Klar, du hast die perfekten Rauschgoldlöckchen.“ „Und einen Bauch, in dem alle Geschenke sein könnten“, meinte Kerstin zweifelnd „Müssen Engel nicht dünn sein?“ „Sie müssen hübsch sein und dieses Kriterium erfüllst du.“ Er drückte ihr einen riesigen weißen Umhang und Plastikflügel in die Hand. Seufzend zog sich Kerstin die Sachen an. „Na los, Nikolaus, wir nehmen dein Rentier und werden stilecht in den Raum rumpeln. Das heißt, du rumpelst und ich werde engelhaft hinter dir herschweben.“ Kerstin pfiff lachend Napsütés, das Aushilfsrentier, zu sich und verschwand mit Chris nach draußen. „Dann sollten wir uns einen Platz suchen und auf die Ankunft…oder ist Kerstin das Christkind? Und Chris ein König? Josef?“ „Setz dich, Kasper. Sonst jage ich dich ins Morgenland“, drohte Nathalie. Benni ließ sich auf die Couch fallen, die er extra mit einigen Stühlen in den Raum getragen hatte und betätigte im Fallen die Fernbedienung für die Stereoanlage. Sie brauchten schließlich Weihnachtsmusik. Ein Poltern auf dem Flur kündigte Chris und Kerstin an. Dem Krach nach zu urteilen waren sie eher Ochs und Esel. „Ho, ho, ho, von drauß vom Walde komm ich her.“ Chris spuckte Bartfetzen aus seinem Mund. Lästiges Teil „Ich muss euch sagen….Engel? Wo bist du?“ Irritiert sah er sich nach Kerstin um. „Ich stecke zwischen der Tür fest…äh, ich meine, zwischen den Himmelspforten.“ Alle mussten lachen. „Entschuldigt mich meine Schäfchen, ich werde meinen Engel retten und dann wieder bei euch einschweben.“ Chris verschwand stolpernd aus dem Raum. Die großen Stiefel, die er sich von Benni genommen hatte, trugen nicht zu einem sicheren Gang bei. Ein paar Sekunden später war er wieder da. Mit ihm Kerstin, die einen großen Gegenstand trug, der unter einem Tuch verborgen war. „Wo war ich stehen geblieben?“ „Du musstest uns etwas sagen“, half Sascha grinsend aus ohne die Augen von ihrem Weihnachtsengel zu lassen. Kerstin sah hinreißend aus. „Genau, braves Mädchen, du hast dem Nikolaus gut zugehört. Eigentlich sollte ja heute das Christkind hier sein, doch die Behörden haben seinen Stall wegen Einsturzgefahr geschlossen und jetzt ist das arme Kerlchen in einem Aldi untergekommen. Leider hat der Junge vergessen, dass die Geschäfte ab vierzehn Uhr geschlossen wurden und nun sitzt er zwischen CD Rohlingen und Brandwein, ähm, Saft auf dem Transportband fest. Naja, lassen wir das. Mein Engel hat etwas für dich, Mädchen, weil du so schön dem Nikolaus zugehört hast.“ „Och nicht nötig, ich nehme einfach den ganzen Engel.“ Sascha sprang auf wollte Kerstin umarmen, wurde jedoch von Chris zurückgehalten. „Na, na, na, das habe ich jetzt nicht gesehen. Engel, gib diesem ungeduldigen Mädchen ihr Geschenk, dann hat sie zu tun und greif nicht in die Bescherung der anderen ein.“ Kerstin reichte Sascha den Gegenstand, der sich als Karton erwies. „Kerstin, hatten wir nicht ausgemacht, dass wir das mit den großen Geschenken sein lassen?“, fragte Sascha ein wenig frustriert. „Ich habe mich daran gehalten.“ Sie küsste Sascha sanft „Fröhliche Weihnachten, Schatz. Ich liebe dich.“ Das war für alle deutlich zu hören und die erste Liebeserklärung, die Kerstin Sascha ganz bewusst vor ihren Eltern gemacht hatte. „Ich dich auch.“ Sascha wollte Kerstin küssen, doch der Karton hinderte sie daran. Besser gesagt, der Inhalt des Kartons hinderte sie daran. Etwas kratzte von innen und ein klägliches Miau ertönte. Sascha stellte den Karton ab und öffnete den Deckel. In dem Karton waren sieben Kätzchen. „Oh, wie süß.“ Der typische Ausspruch eben wenn Frau Kätzchen sah, die ihr hilflos und flehend entgegensahen. Die Muttergefühle oder andere Instinkte schlugen da durch. „Siehst, du ein kleines Geschenk.“ „Es wird wachsen.“ „Ja, aber es entsprach unserer Abmachung. Es hat kein Vermögen gekostet, im Gegenteil. Ich habe keinen Cent für diese Rasselbande bezahlt. Sie wurden im Tierheim abgegeben und ich habe beschlossen, eine oder zwei auszusuchen ist unfair, deswegen bekommst du alle. Ich hoffe nur, Válás arrangiert sich mit ihnen. Aber sie sind aus dem Alter raus, in dem der Kater die Kleinen tötet und so groß ist mein Macho ja auch nicht.“ Kerstin sah auf Sascha herab, die bereits die ersten Kätzchen aus dem Korb geholt hatte. Ja, sie war glücklich mit ihrem Geschenk. „So, da wir jetzt.“ Chris sah irritiert auf eines der Kätzchen, das versuchte an seinem Mantel heraufzuklettern „Da wir jetzt quasi eine Schafherde haben, kann ich euch, den Hirten ja die weiteren Geschenke des Himmels übergeben. Ich hoffe mal, der Erzengel Benni hat die Gaben gekennzeichnet.“ Chris ging vorsichtig mit Kätzchen am Mantel zum Weihnachtsbaum, wo die Päckchen lagen und verteilte eines nach dem anderen an die anwesenden Menschen (Hirten). Derweil inspizierten die Kätzchen den Raum. Es verging keine Viertelstunde, da krabbelte eines auf der Lehne der Couch, ein paar auf den Menschen herum und in dem Berg aus gebrauchtem Geschenkpapier hörte man es unaufhörlich rascheln. Einige Male musste Sascha eingreifen und die Kätzchen daran hindern am Weihnachtsbaum hochzuklettern um die lustig schwingenden Kugeln abzuwerfen. Mit dieser Rasselbande hatte sie einiges zu tun. Teil 40 Sascha war am nächsten Morgen bereits vor Kerstin wach und stand auf. Sie wollte wissen was ihre Kätzchen im Nebenraum machten. Válás hatte ihnen außer einem empörten Fauchen keinerlei Beachtung geschenkt und Napsütés ließ sich bereitwillig als Klettergerüst missbrauchen. Vorausschauend wie Kerstin war hatte sie einen Berg Katzenfutter im Nebenzimmer gebunkert. „Meine Güte, ihr seid ja schlimmer als ein Sack Flöhe.“ Sascha kam gar nicht nach alle Katzen immer von den Möbeln herunterzuziehen. Und auch die Kabel, die von den Katzen als ideales Spielzeug angesehen wurden, mussten gerettet werden sonst hatte Kerstin bald einen PC ohne Kabel. „Guten Morgen.“ Kerstin Mutter stand plötzlich hinter Sascha. „Guten Morgen.“ Sascha fischte eine weitere Katze vom Stuhl. Wenn das so weiter ging, würde sie ihnen Alleskleber unter die Pfoten machen. Dann wären sie weniger flink. „Schläft Kerstin noch?“ „Ja, unser feststeckender Engel ist anscheinend erschöpft von der langen Reise vom Himmel nach Berlin.“ Kerstins Mutter lächelte. „Der Heilige Abend hat sie schon als Kind geschafft. Ich habe sie am nächsten Tag nie aus dem Bett bekommen, sie schlief beinahe bis zum Mittag. Wobei ich mir manchmal dachte, es könnte daran gelegen haben, dass sie nicht in die Kirche wollte.“ Kerstins Mutter setzte sich auf den Arbeitsstuhl. „Das könnte sein.“ Sascha zog ein kleines Kätzchen von Napsütés herunter und legte dann ihre Arme um die Rottweilerhündin „Du bist ein guter Hund mit einer Engelgeduld.“ Napsütés schleckte ihr kurz über die Nase. Ihre Frauchen hatten diesen Flohzirkus angeschleppt, es musste demnach seine Ordnung haben. „Ich bin sehr froh, dass Kerstin diesen Hund hat. Der Gedanke, dass sie alleine hier gewohnt hat, hat mir gar nicht gefallen. Noch ist Napsütés ein Welpe, sie ist kein Jahr, und wird wahrscheinlich nicht annähernd die Sachen so beherrschen wie sie es in einem Jahr tut, aber sie gibt Sicherheit.“ „Du kennst dich mit Hunden aus?“ Ja, sie duzte Kerstins Mutter inzwischen. Das sahen beide als Riesenerfolg an. „Ich hatte früher selber welche. Das war bevor ich Kerstins Vater kennen gelernt habe. Ich wollte Tiertrainerin werden, doch damals…zu meiner Zeit war es nicht üblich, dass eine Frau einen solchen Beruf ausübt. Meine Eltern haben mich auf eine Hauswirtschaftsschule geschickt, aber das bisschen Freizeit, das ich hatte, da habe ich bei einem Bekannten verbracht. Er richtete die Hunde für die Polizei und die Grenze ab und ich fand es bewundernswert zu welchen Leistungen sie fähig waren. Napsütés wäre ein guter Hund für seine Trainingsschule geworden. Naja, indirekt ist sie es.“ „Wieso?“ „Andrea, die Frau, bei der Kerstin mit Napsütés trainiert, ist die Tochter des Mannes, bei dem ich damals lernen wollte.“ „Das hat Kerstin mir nie erzählt.“ Kerstin hatte Sascha sowieso sehr wenig über ihre Eltern erzählt. „Sie weiß es nicht. Ich habe ihr gegenüber nie erwähnt, was mein Traum gewesen ist. Sie denkt, ich mag keine Hunde.“ „Wieso lässt du sie in dem Glauben?“ „Weil es mir eine Menge Erklärungen spart. Es ist gekommen, wie es ist. Wozu der verpassten Chancen der Vergangenheit hinterher weinen?“ Das wäre der ideale Zeitpunkt um die Frage zu stellen, die Sascha bereits länger auf dem Herzen lag. „Siehst du das mit mir genauso? Kerstin hat sich für mich entschieden, wozu mit ihr darüber diskutieren, Michael ist weg und die Chance auf einen angesehenen Anwalt in der Familie somit auch.“ Sie hatte das Kerstins Eltern bereits seit dem ersten Treffen fragen wollen, hatte jedoch nie den richtigen Zeitpunkt gefunden. Meistens war zumindest Kerstin bei ihnen und Sascha wollte die Antwort ohne Beeinflussung durch andere hören. Egal
was Kerstins Mutter sagen würde, es würde nichts an Kerstins Gefühlen zu Sascha ändern, und die waren wichtiger als die Meinung von Kerstins Eltern, doch Sascha wollte es einfach wissen. Es würde ihr zeigen, wo sie in der Familie stand. Ob nur Kerstin zu ihr stand oder ob Kerstins Eltern sich mit Sascha anfreunden konnten. „Ehrlich gesagt habe ich Michael nie gemocht. Er ist ein Waschlappen, der in seiner Paragraphenwelt lebt und denkt – dachte – alles was Kerstin zum Leben braucht, ist er und sein Geld. Wozu sollte sie dem Beruf als Ärztin nachgehen wenn sie Zuhause seine Hemden bügeln und Kinder kriegen konnte? Seine Bedürfnisse waren ihm immer wichtiger als Kerstins. Ich war überrascht, dass sie sich scheiden lassen, denn bisher hatte es Kerstin nie gestört, dass er so war. Als sie dann sagte, sie würde ein Kind von ihm erwarten, war ich nicht glücklich über die Trennung. Nicht weil ich der Meinung bin, ein Kind braucht unbedingt einen Vater, sondern weil ich dachte, damit hätte Kerstin ihre Chance als Ärztin zu arbeiten entgültig verloren. Sie hätte einiges an Zeit verloren wenn sie sich alleine um das Kind hätte kümmern müssen. Dann sagte sie mir, sie sei mit dir zusammen. Ich gebe zu, es war ein Schock als ich hörte, dass Kerstin plötzlich…lieber mit einer Frau zusammen war und dass du im Gefängnis warst, hat meine Meinung nicht gerade positiv beeinflusst. Aber ich habe in den letzten Tagen gesehen wie ihr beide miteinander umgeht, wie du mit Kerstin umgehst, und das hat mir eindeutig gezeigt, dass sie es mit dir besser haben wird als sie es mit Michael jemals hätte haben können. Ihr werdet zwar nie das Geld haben, was er hat, aber dafür habt all das andere, was Kerstin nie mit Michael gehabt hätte. Wenn sie dich wegen Michael nicht genommen hätte, dann hätte sie den gleichen Verlust erlitten wie ich damals als ich keine Tiertrainerin werden konnte. Und diesen Verlust wünsche ich keinem.“ Wow, das war mehr als Sascha erwartet hatte. Dass Kerstins Mutter so offen und ehrlich zu war. „Danke.“ Sascha sah Kerstins Mutter dankbar an. Was hätte sie anderes sagen sollen? Kerstins Mutter hatte sie als „Schwiegertochter“ akzeptiert und sie war glücklich darüber, dass Sascha und Kerstin glücklich waren. Das war mehr als Sascha sich erhofft hatte. „Ich gebe mir dir größte Mühe Kerstin glücklich zu machen und sie darin zu unterstützen ihren Beruf als Ärztin auszuüben. So wie die Lage derzeit ist, werde ich sowieso keinen Job nach meinem Studium bekommen, da kann ich mich um das Kind kümmern.“ Das Kind! Sie hatten gestern völlig vergessen in den Umschlag zu gucken. Was würde es werden? Junge oder Mädchen? „Ich weiß.“ Die Tür zum Schlafzimmer von Kerstins Eltern wurde geöffnet. Kerstin Vater war also wach. Kerstins Mutter stand auf. „Wir werden Frühstück machen. Vielleicht kriegst du Kerstin aus dem Bett.“ Sie lächelte. Sascha hatte bisher nie versucht Kerstin zu wecken, aber sie würde sich eine nette, sanfte Weckart einfallen lassen. „Ich kann es versuchen, aber zuerst muss ich etwas holen.“ Sascha ließ mit Napsütés im Schlepptau die Treppe herunter. Der Umschlag des Frauenarztes lag noch auf der Kommode. Sascha schnappte sich den Umschlag und lief die Treppe wieder hoch. Kerstin schlief noch. Sascha weckte sie mit einer Vielzahl sanfter Küsse. „Hallo mein Weihnachtsengel. Willkommen in den heimischen Welten. Hast du gut geschlafen?“ Langsam zuckten Kerstins Augenlieder und sie kam von ihrer Traumwelt in die Realität. Die war jedoch ähnlich schön wie das, was sie geträumt hatte. „Ja, mehr als das. Und du?“ „Ja, sehr gut. Und ich hatte bereits ein interessantes Gespräch mit deiner Mutter.“ Sascha fasste kurz ihr Gespräch mit Kerstins Mutter zusammen. „Echt? Sie mag dich?“ Kerstin zog Sascha zu sich unter die Bettdecke. „Das ist gut. Dann haben wir gewonnen.“ „Und wir haben etwas vergessen.“ Sascha zog den Umschlag aus der Tasche und legte ihn vor Kerstin. „Stimmt, der Umschlag. Entschuldige Kleines, ich habe tatsächlich vergessen herauszufinden was du wirst.“ Kerstin sah auf ihren Bauch. „Sascha, willst du?“ Sascha schüttelte den Kopf. Kerstin bekam das Kind, sie sollte den Umschlag öffnen. Vorsichtig riss Kerstin den Umschlag auf und entnahm die Karte. „Okay, du weißt welche Namen mir gefallen, du wirst den Namen daraus aussuchen.“ Kerstin sah Sascha an. „Sag schon. Was wird es?“ „Was hättest du gerne?“ „Dass es nach dir kommt.“ Sascha sah Kerstin nervös an. Wieso machte sie es so spannend? Oder waren es im Endeffekt doch Zwillinge und Kerstin hatte ihr das die ganze Zeit über vorenthalten? Wieso sagte sie nichts? „Das kann ich schlecht beeinflussen. Es ist…ein Junge.“ Kerstin lächelte. Sascha streichelte sanft über Kerstins Bauch, der sich immer deutlicher unter ihrem Nachthemd emporhob. „Finn.“ „Was?“ „Finn, er wird ein Finn. Wenn du willst“ „Ja, ich will.“ Kerstin küsste Sascha. Sie war einverstanden mit der Namenswahl für ihr gemeinsames Kind. Finn Herzog. Oder Finn Mehring – Herzog? Finn Herzog – Mehring? Eine gute Frage. Wahrscheinlich mussten sie darüber nachdenken wenn feststand, dass Finn bei ihnen blieb und Michael keinerlei Ansprüche auf ihn hatte. „Ich habe noch etwas für dich“, sagte Sascha. „Ich hätte noch eine ganze Menge was ich dir geben könnte“, konterte Kerstin grinsend und zog Sascha mehr in ihre Arme. „Ich meine ein Geschenk. Du hast mir die Rasselbande geschenkt und ich habe es völlig versäumt dir dein Geschenk zu geben.“ „Sascha, du solltest mir nichts schenken.“ „Dito.“ Sascha griff unters Bett und zog ein kleines Päckchen hervor. „Für dich. Es ist wenig, aber es mit Liebe ausgesucht.“ „Es ist von meiner Liebe und das macht es unbezahlbar.“ Kerstin küsste Sascha und öffnete vorsichtig das Päckchen. Ein Taschenbuch kam zum Vorschein. „Ich weiß nicht ob es dein Geschmack ist oder ob du es bereits kennst, ich habe es im KaDeWe gefunden und der Text auf der Rückseite hört sich vielversprechend an. Außerdem…“ Sascha grinste breit „Weiß ich ungefähr wovon es handelt und wie es ausgeht.“ Sie hatte sich in den letzten Wochen mehrmals mit Nathalies Hilfe im Internet kundig gemacht und eine Unmenge an Buchrezessionen gelesen bis sie ein Buch gefunden hatte, das ihr zusagte. Und dann hatte sie sich mit einigen Mitstudentinnen über ihre Favoriten unterhalten. „Du kennst das Buch?“ „Nicht direkt, ich habe mir davon erzählen lassen, aber das ist eine andere Geschichte. Lies es, vielleicht gefällt es dir.“ Kerstin drehte das Buch um. Manda Scott. Von der Autorin hatte sie nie etwas gehört. Sie musste neu oder unbekannt sein. Allerdings war das letzte Buch, das Kerstin gelesen hatte, und das nichts mit Medizin zu tun hatte, schon so alt, dass es wohl in jedem Laden als preisreduziertes Mängelexemplar ausliegen konnte. „Im kalten Morgenlicht. Das hört sich nach Winterlektüre an.“ „Es ist spannend und ich biete dir gerne meine Arme an falls du Angst bekommst. Auch wenn du keine Angst hast. Meine Arme stehen dir immer offen.“ „Ich nehme das Angebot gerne an.“ Kerstin schnupperte. Der Duft von frischem Kaffee drang langsam von der Küche in ihr Schlafzimmer. Leider würde Kerstin beim Riechen bleiben müssen. Obwohl, eine kleine Tasse…nein, sie hatte sich etwas vorgenommen und würde sich daran halten. Für sie gab es wie jeden Morgen Buttermilch, wahlweise mit Orangen- oder Multifruchtgeschmack. Ein paar Monate noch, dann war Finn da, musste nicht mehr gestillt werden und Kerstin konnte wieder alles essen und trinken. Den Tag würde sie mit Sascha ausgiebig feiern. Teil 41 Sascha atmete die eiskalte, klare, frische Lust tief ein. Es war Sylvester, ihr erstes Sylvester seit langem in Freiheit. Mit Napsütés an der ihrer Seite ging sie durch die Felder. Kerstin saß über den letzten Abrechungen für die Arztpraxis ihres ehemaligen Kollegen. Außerdem schafften es die Temperaturen nicht über minus fünf Grad und da war Sascha der Meinung, dass ihre Freundin lieber im Warmen bleiben sollte, statt mit Sascha und Napsütés über die Felder zu stürmen. Sascha war auf dem Weg Nathalie abzuholen. Sie war mit Bus von der Uni auf dem Weg zum Hof und da die nächste Haltestelle an der Hauptstraße nach Potsdamm war, lag ein längerer Heimweg vor ihr. Napsütés fand diesen Spaziergang spitze, sie schoss über Erdklumpen, warf sich in das weißgefrorene Gras und zerrte an Ästen, die am Boden festgefroren waren. Sascha musste nur darauf achten, dass ihr keine entgegen kam, denn meistens gab es Ärger wenn die junge Rottweilerin ohne Leine herumtollte. „Hey, Kampfhund, komm her!“ Nathalie kam hinter einer Ecke hervor. Napsütés sah auf und stürmte mit ohrenbetäubendem Bellen auf Nathalie zu. Diese kniete sich auf den Boden und breitete die Armen aus. Ein paar Sekunden später sprang Napsütés mit Anlauf in ihre Arme und beide kugelten über den Boden. Die nasse Hundezunge fuhr lang durch Nathalies Gesicht. „Pfui, lass das.“ Nathalie wischte sich den Sabber aus dem Gesicht. So sehr musste sie nicht begrüßt werden. Es gab Grenzen. „Was denn? Sei froh, dass dich einer so begrüßt. Sie mag dich.“ Sascha reichte Nathalie ihre Hand und half ihr wieder auf die Beine. „Mir wäre es lieber, du würdest mich so begrüßen. Da würde ich die Begrüßung sogar erwidern.“ Nathalie klopfte grinsend ihre Kleider ordentlich. Wie gut, dass es dank des gefrorenen Bodens kaum Dreck gab, der sich an ihren Sachen festsetzte. „Träum weiter“, lachte Sascha. „Von dir? Gerne.“ „Hat dir mal jemand gesagt, dass du spinnst?“ „Du, mehrmals.“ „Napi, pack die böse Frau. Die baggert die Frau deines Frauchens an.“ Napsütés sah Sascha verständnislos an und steckte dann die Nase wieder auf den Boden um die interessante Spur zu verfolgen. Was
immer eines ihrer Frauchen ihr sagen wollte, sie war nicht Gefahr, somit konnte sie warten. Das hier roch nach Hasen… „Vergiss es, dein Hund ist beschäftigt. Und ein wenig flirten wirf ja wohl erlaubt sein. Es ist Sylvester, da sieht man das nicht so ernst.“ „Dann bin ich mal gespannt wie du dich heute Abend führst. Unter Alkoholeinfluss.“ Sascha hatte da bereits eine ganz bestimmte Vorstellung. „Ich werde feiern. Mit all den Menschen, die ich mag.“ „Hach, das bin ich.“ Sascha harkte sich bei Nathalie unter. „Wird Jonathan pünktlich bei uns sein oder muss er arbeiten?“ „So weit ich weiß hat er Gott und die Welt in Bewegung gesetzt und jetzt wird er ab zweiundzwanzig Uhr bei uns sein. Sein Zimmer ist fertig.“ „Er könnte eigentlich bei euch einziehen, so oft wie er in letzter Zeit bei euch übernachtet hat.“ Ein wenig weiterbohren… „Du kennst seine Wohnung nicht. Ich würde sie niemals für eine WG verlassen. Zwei Etagen, vier Zimmer und einen Balkon, mit dem geilsten Überblick über Berlin, das man sich vorstellen kann.“ Na gut, Nathalie sprang nicht auf Saschas Köder an. Oder sie missachtete ihre Andeutungen extra. „Wow, ich dachte, Schließer wären nicht überbezahlt.“ „Nein, die nicht, aber reiche Eltern machen einem schon mal ein schönes Geschenk, so zum achtzehnten Geburtstag.“ „Und da greifst du dir den jungen Mann nicht?“ „Der Reichtum ist weg, Aktienflaute. Alles was geblieben ist, sind zwei Wohnungen, die seiner Eltern und seine. Außerdem, seit wann ist Geld wichtig?“ „Seit ich die Preise im KaDeWe kenne. Wenn ich nicht im Lotto gewinne, werde ich Kerstin niemals ein ordentliches Geburtstagsgeschenk machen. Oder etwas für das Baby kaufen“, seufzte Sascha. Die Wende musste einen riesigen Preisanstieg mit sich gebracht haben. Es schien ihr, als wenn das Leben früher billiger gewesen wäre. „Sascha, ich glaube, alles was Kerstin will, ist dich an ihrer Seite. Glaub mir, du bist ihr mehr wert als jedes Teil, das man für Geld kaufen kann. Das habe ich dir auch schon mehrmals gesagt. Hörst du mir überhaupt zu?“ „Gelegentlich. Trotzdem danke.“ Sascha küsste Nathalie auf die Wange. „Das weißt du doch.“ „Ja, aber man hört es gerne. Vor allem wenn es andere sagen, dann gibt es einem die Sicherheit, dass man das nicht nur alleine so empfindet.“ „Ihr beiden seid etwas Besonderes. Ein weiterer Grund für mich in der WG zu sein. Und jetzt ruf deine Bestie her, ich sehe Menschen.“ Nathalie deutete auf den Horizont, wo in etwas fünfhundert Meter Entfernung zwei Menschen ihnen entgegen kamen. Sascha pfiff kurz und Napsütés ließ die Hasenspur links liegen und kam zu ihr. Kerstins Trainingseinheiten mit ihr hatten sich gelohnt. „Mein erstes Silvester ohne Sekt.“ Kerstin starrte auf die zwei Sektflaschen, die im Kühler auf dem Tisch standen. Ihre Mutter holte gerade das Tablett mit den Gläsern während Sascha nicht einen Zentimeter von Kerstins Seite wich. „Ich bin mir sicher, Finn wird es dir danken.“ Sascha streichelte vorsichtig über Kerstins Bauch. „Ich will es ihm raten. Da habe ich endlich einen richtigen Grund ein Jahr zu beenden und das zu feiern und dann darf ich nur Saft trinken. Das ist frustrierend. Und dann verzichtest du wegen mir auch auf deinen Sekt.“ Sie küsste Sascha. „Das macht mir nichts aus. Ich finde, Finn ist es wert, dass wir verzichten.“ „Trotzdem wäre ich froh wenn er bald mal auszieht. Er drückt und tritt und wird aufmüpfig…ich glaube, der lernt von dir.“ „Ja, ein kluger Junge.“ Sascha legte ihren Kopf an Kerstins Schulter und sah sie verliebt an. Der erste Jahreswechsel mit Kerstin. Konnte es einen besseren Grund geben melancholisch zu werden? „Ein wenig bereue ich schon dass wir nicht zum Brandenburger Tor gegangen sind.“ Chris sah wehmütig auf die Silvesterpartyübertragung vom Brandenburger Tor, die im Fernsehen im Hintergrund lief. Ein Blick auf das Thermometer überzeugte ihm jedoch sofort davon das Richtige getan zu haben. Bei minus zehn Grad und einem frostigen Ostwind wäre es mehr als kalt gewesen. Die einzigste Rettung, neben jeder Menge Alkohol, wäre die Menschenmasse gewesen, die ein wenig Wärme abgab. „Glaub mir, Berlin ist komplett auf den Beinen. Ich hätte auf dem Weg hierher beinahe ein Dutzend Leute überfahren und wurde zweimal in eine Alkoholkontrolle gebeten“, sagte Jonathan. „Die Leute feiern eben. Ich wünschte, ich hätte all das Geld, das heute Abend wieder in den Himmel geschossen wird“, fantasierte Nathalie. „Dann könnte ich uns ein ordentliches Studio buchen“, meinte Benni „Und der WG diesen riesigen Fernseher spendieren. Fußball im Kinoformat. Genial.“ „Romantische Komödien.“ Sascha sah Kerstin an. Sie könnte sich spontan einige Filme vorstellen, die sie mit Kerstin gucken würde. Sie beiden alleine auf der Couch, eine gute Flasche Wein, Kerzenschein…ja, das würde ein unvergesslicher Abend werden. „Ich fange mal an den Sekt in die Gläser zu füllen.“ Kerstins Mutter reichte die Sektflaschen an ihren Mann. Sascha schloss die Augen und begann das Jahr für sich Revue - passieren zu lassen. Dieses Jahr war wohl Richtungsweisend für sie gewesen. Seit vierzehn Jahren hatte es kein Jahr mehr gegeben, das ihr Leben so verändert hatte. Sie hatte sich in Kerstin verliebt, sie hatte ihr einen Korb gegeben und war aus ihrem Leben verschwunden, hatte mit ihrem Studium an der Universität weitermachen können, hatte Kerstin dort wiedergesehen, ihre alten Gefühle für sie wiederentdeckt, Kerstin hatte sich scheiden lassen, sich in Sascha verliebt, war schwanger geworden (okay, die Reihenfolge war biologisch korrekt betrachtet falsch, aber es war die Reihenfolge, die Sascha aktiv erlebt hatte) und hatte dafür gesorgt, dass Sascha aus dem Knast kam. Nun war sie seit über einer Woche draußen, begann mit Kerstin ein neues Leben auf einem alten Bauernhof und würde bald ihren gemeinsamen Sohn im Arm haben. Am Ende war alles gut geworden. Sogar Kerstins Eltern mochten sie. Der einzigste Wehmutstropfen war wohl Saschas Familie, die nichts von ihr wissen wollte, nich so lange sie und Kerstin zusammen waren, war alles gut. Und die Ungewissheit was mit Finn passieren würde. „Hey Schatz, werd wach.“ Kerstin stieß Sascha vorsichtig an und gab ihr ein Glas Orangensaft. Es waren nur noch wenige Sekunden bis zum neuen Jahr. Benni, Chris, Nathalie und Jonathan waren aufgestanden und zählten abwechselnd die Sekunden ab. Sascha legte ihren Arm um Kerstins Taille und zog sie sanft zu sich um in einem langen, innigen Kuss zu versinken. So bekamen sie den Jubel der anderen zum neuen Jahr nicht ganz mit. „Ich liebe dich“, flüsterte Kerstin Sascha sanft ins Ohr. „Ich liebe dich auch.“ Sascha drückte Kerstin an „Euch beide.“ Kerstin versank in Saschas Augen und küsste sie erneut. „Haaaalllooooooo! Erde an Sascha und Kerstin.“ Nathalie stieß sie unsanft an „Bei allem Verständnis für euer Glück, hier sind ein paar andere Menschen, die euch gratulieren wollen. Frohes neues Jahr.“ „Frohes neues Jahr.“ Kerstin umarmte ihre Eltern. „Na los du Nervensäge, umarm mich.“ Sascha drückte Nathalie an sich. „Geht doch. Ich will ja nur in deinen Arm.“ „Ich weiß.“ „Hey, das müsst ihr euch ansehen. Der Himmel ist ganz hell wenn man in die Richtung Berlin guckt“, rief Benni „Ich düse raus, vielleicht kann man ja was erkennen.“ Er schnappte sich Chris, der gerade sein zweites Sektglas leeren wollte, und zog ihn hinter sich her. Dieser protestierte ein wenig, was Benni jedoch wenig störte. „Na, sollen wir uns das auch mal ansehen?“, fragte Nathalie. „Kerstin? Willst du raus?“ „Ich denke, ein paar Minuten werden Finn nicht schaden. Ich ziehe mich schließlich dick an.“ Also schlüpften alle in ihre dicken Wintermäntel und folgten Benni und Chris, die den Stall durchquert hatten um eine ungehinderte Sicht auf Berlin zu haben. In der Ferne sah man den bunten Himmel der Hauptstadt. Um einzelne Raketen zu erkennen waren sie dann doch zu weit weg. Sascha hatte sich wieder bei Kerstin eingeharkt und stand kuschelnd mit ihr in der kalten, dunklen Nacht. Über ihnen leuchteten die Sterne und der Mond war bereits wieder auf dem besten Weg eine Sichel zu werden. Napsütés, die ihnen gefolgt war, saß neben ihnen und schien ebenfalls den Himmel zu beobachten. Wahrscheinlich suchte sie das, was all die Menschen so faszinierte. Plötzlich stieß Kerstin Sascha sanft an und deutete mit dem Kopf nach rechts. Da standen sie endlich. Eng umschlungen, küssend und die Welt um sich herum vergessend. „Na, das wurde aber auch mal Zeit“, murmelte Sascha. „Wem sagst du das? Ich war da bereits seit Wochen für“. Kerstin küsste Sascha aufs Ohr, das bereits eiskalt war. Diese Nacht war wirklich wie gemacht um sich zu verlieben. „Jetzt fehlen nur noch die beiden Jungs und alle sind vergeben“, meinte Kerstins Vater, der sich eifrig die Hände rieb um ein wenig Wärme zu produzieren. „Ich glaube, die beiden sind bereits glücklich vergeben, auch wenn sie uns das nicht wissen lassen“, sagte Kerstins Mutter. „Sieh sie dir an.“ „Hey Benni“, rief Sascha. „Was denn?“ „Wieso küsst du nicht Chris? Das neue Jahr ist da, da macht man das.“ „Wieso küsst du nicht weiter Kerstin?“, konterte Benni. „Eine gute Idee.“ Sascha nahm Kerstins Hand und küsste dann liebevoll Kerstins Hals. Wegen der Dunkelheit konnten sie sowieso nicht feststellen welchen Gesichtsausdruck Benni oder Chris bei Saschas Vorschlag gemacht hatten, obwohl es beide interessiert. Aber wer würde denn gleich indiskret werden und nachfragen??? Teil 42 "Sascha, hast du zwei Sekunden Zeit?“ Benni kam aus dem Proberaum gestürmt. Sascha ließ ihren Rücksack auf dem Boden fallen. „Für dich auch zwei Minuten oder zwei Stunden. Was ist denn?“ „Du suchst doch einen Job, oder?“ „Ja, wieso? Geht ihr
auf große Deutschlandtour und braucht einen Rowdie?“ „Nee, ein Groupie.“ Benni grinste. „Das kann ich.“ „Nein, im Ernst. Kerstin hat mir mal vor Monaten von euren Gespräch erzählt, in dem ihr über eine berufliche Zukunft diskutiert habt. Von wegen als Knacki bekommt man keinen ordentlichen Job und würdest gerne etwas machen, wofür du studiert hast. Nathalie hat so etwas Ähnliches erwähnt. Ich gebe zu, ich kenne keine Literaturkritiker oder Schriftsteller, bei denen ich dir ein Praktikum besorgen könnte, aber ich habe eine Freundin.“ „Seit wann das? Und was sagt Chris dazu?“ „Nicht so eine Freundin. Und was hat Chris damit zu tun?“ „Ach, nichts.“ Sascha grinste. Vielleicht war es Einbildung gewesen, aber sie hatte das Gefühl, Bennis Ohren waren bei der Erwähnung von Chris ein wenig roter geworden. Sie würde weiterhin versuchen ein spontanes Geständnis aus einen der beiden Jungs herauszubringen. Gerade war sie nicht weit davon entfernt gewesen, da war sie sich sicher. „Also, eine Freundin von mir ist vor fünf Jahren nach Amerika gegangen um da Musik zu studieren und die Amis sind vor einiger Zeit auf ihre Stimme aufmerksam geworden. Aber die Geschichte wie das kam ist eh unwichtig. Auf jeden Fall ist so dort in der Country – Szene sehr angesagt und erobert gerade langsam den Popmarkt und will es im nächsten Jahr in Deutschland versuchen. Sie hat zwar bereits einige Auftritte hier absolviert, doch das waren mehr Konzerte im kleineren Rahmen. Lange Rede, kurzer Sinn: Sie will eine Autobiografie auf den Markt bringen. Es gibt in Amerika bereits ein paar unoffizielle und nun will sie eine offizielle rausbringen. Bei der Aktion will sie gleich ihr neues Album aufnehmen und wie es der Zufall – oder das Heimweh – will, wird sie das in Berlin machen. Wir haben Weihnachten und gestern miteinander telefoniert und sie würde ihre Biografie von dir schreiben lassen. Du würdest Berichte über sie erhalten um dir ein Hintergrundwissen anzueignen und dann würde sie sich im Sommer mit dir treffen um an der Biografie zu arbeiten.“ Benni holte Luft. So viele Sätze ohne Pause, sein persönlicher Rekord. „Wow.“ Mehr konnte Sascha zuerst nicht sagen. Sie hätte nie gedacht, dass wenn sie einen Job bekam, es sofort ein so edeler sein würde. Eine Biografie über eine Sängerin, die in Amerika berühmt war. Normalerweise bekamen solche Leute jede Menge Angeboten von professionellen Schreibern. Wieso sollte jemand einer Literaturstudentin, die frisch ihr Studium abgeschlossen und eine endlos lange Knastkarriere hinter sich hatte, einen solchen Job geben? „Wie hast du das gemacht?“ „Ich habe ihr von dir erzählt und sie meinte, wenn ich denke, dass du das kannst, dann glaubt sie das auch.“ „Du hast Stars, die dir blind vertrauen?“ „Ja, Jo schon. Wir kennen uns seit dem Kindergarten und waren bis zum Abitur unzertrennlich. Wir waren immer einer Meinung, deswegen dieses Vertrauen. Und? Was sagst du zu dem Angebot?“ „Wenn da kein riesiger Harken dran ist, nehme ich ihn an. Wieso macht Nathalie das nicht?“ Sascha wollte Nathalie nicht die Chance stehlen. Immerhin war sie seit Jahren mit Chris und Benni befreundet, da stand es ihr zu, die Biografie zu schreiben. „Die hat bereits eine Stelle bei einer Tageszeitung. Außerdem waren sie und Jo sich nie ganz grün. Keine Ahnung wieso. Zickenterror.“ „Also, ich begeistere mich für die Idee. Und ich könnte das auch von Zuhause aus machen, oder? Wegen Finn.“ „Ich denke, wo du die Biografie schreibst ist völlig egal. Du kannst die Proben per Mail immer an den Verlag schicken. Finn und du, ihr bleibt hier und kocht Kerstin Essen.“ „Ja, Hausfrau und Schreiberin. Und Mutter eines Sohnes…“ Sascha seufzte glücklich. Schon bald würde Finn auf die Welt kommen, der Termin war für die nächsten Tage errechnet. Sie und Kerstin hatten bereits vor Tagen Kerstins Tasche gepackt und Sascha hatte extra Fahrstunden genommen um Kerstin sicher ins Krankenhaus zu bringen. Alles war für die Geburt vorbereitet. Finn musste nur noch auf die Welt wollen. Und er wollte das dann auch sehr schnell. Bereits zwei Nächte später wurde Sascha von Kerstin geweckt. „Schatz, ich glaube unser Kleine will raus“, stöhnte Kerstin „Wenn ich richtig aufgepasst habe in den Schwangerschaftskursen, dann sind das die ersten Wehen.“ „Okay, keine Panik, wir fahren sofort ins Krankenhaus.“ Sascha stand auf und half Kerstin aus dem Bett. So schnell es ging zogen sie sich an. Sascha nahm Kerstins Tasche und ließ schon mal das Auto an um die Heizung anzuwerfen während Kerstin sich von Napsütés und Válás verabschiedete. „Eu, ich würde gerne die Uhr um einige Stunden vorstellen“, jammerte Kerstin „Nicht so ruckartig.“ „Tschuldigung.“ „Ach Schatz.“ Kerstin nahm Saschas Hand „Kannst du deine launische Freundin noch ein paar Stunden ertragen? Sobald ich wieder eine Person bin, bin ich erträglicher.“ „Ich liebe dich.“ Sascha war froh dass der Stadtverkehr in der Nacht aus weniger Autos bestand. Ohne größere Probleme fuhr sie so schnell wie es ging zum Krankenhaus. Sie ließ Kerstin bei der Notaufnahme raus und suchte einen Parkplatz. Wie gut dass sie in den letzten Tagen sich gemeinsam das Krankenhaus angesehen hatten, so wusste genau wo sie Kerstin finden würde. Sie schloss den Wagen ab und ging in das Krankenhaus. Der Nachtportier nickte ihr freundlich zu. Sascha ging über die langen, hell erleuchteten Korridore und Treppenhäuser zur Entbindungsstation. Dort fand sie Kerstin auf einem Stuhl. „Hey, wie sieht es aus?“ „Der Arzt meint, wir hätten mindestens noch vier Stunden. Die Wehen kommen noch im großen Abstand. Wenn du willst, können wir uns die Cafeteria setzen. Da gibt es Tee und andere Getränke. Und einen Automaten mit Esswaren.“ „Ich wage zu bezweifeln, dass ich etwas herunterbringe bevor wir nicht Finn in unseren Armen haben.“ Sascha legte ihren Arm um Kerstin. „Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich dich ein wenig länger schlafen lassen. Du hast übermorgen deine Prüfung, da kannst du deinen Schlaf gebrauchen.“ „Als wenn ich schlafen könnte wenn du neben liegst und Wehen hast. Kerstin, ich bitte dich.“ Sascha küsste Kerstin sanft. Kerstin legte ihren Kopf auf Saschas Schulter und schloss die Augen. Diese Wehen waren eine Qual. Wenn sie sich dazu entschieden hätte das Kind per Kaiserschnitt zu bekommen, hätte sie den Ärzten sagen können, dass sie es einfach jetzt rausholen sollten. Doch Kerstin wollte ihren Sohn auf natürliche Weise bekommen so lange es keine medizinischen Einwände gab. Wobei sie im Moment den Gedanken, von einem Schmerzmittel betäubt, den Wehen zu entkommen, sehr schön fand. Einfach eine oder zwei kleine Spritzen und das nächste was sie merken würde, wäre wie man ihr Finn in den Arm legte. „So Frau Herzog, dann kommen Sie mal mit.“ Eine Schwester kam aus einem Zimmer. „Dann wollen wir Sie mal für die Geburt bereit machen.“ „Sascha, kannst du meine Eltern anrufen?“ „Jetzt?“ Sascha sah auf die Uhr. Es war beinahe drei Uhr morgens. „Mama wollte informiert werden, egal zu was für einer Zeit.“ „Ein Münztelefon befindet sich unten im Eingangsbereich und in der Cafeteria. Sie können dann zu uns stoßen, wir sind im Zimmer siebenhundertdreiundfünfzig.“ „Okay, bis gleich.“ Sascha küsste Kerstin und suchte nach dem Telefon. Wie zu erwarten sprang der Anrufbeantworter von Kerstins Eltern an. Sascha sprach ihnen auf das Band, dass Kerstin diese Nacht ihren Sohn bekommen würde. Sie zog sich doch noch einen Schokoriegel aus dem Automaten, Nervennahrung konnte nie schaden. Dann fiel ihr ein, dass sich jemand am Morgen um die Tiere kümmern musste. Wenn sie glück hatte, dann konnte sie in der WG einen erreichen, Benni und Chris waren manchmal zu den seltsamsten Zeiten noch wach. Ansonsten würde sie bei Nathalie auf die Mailbox ihres Handys sprechen. „Hallo?“ So verschlafen klang die Stimme gar nicht. „Nathalie?“ „Sascha? Wieso rufst du mich um diese Uhrzeit an?“ „Wieso bist du wach?“ „Ich komme von der Arbeit. Wenn du Gesellschaft haben willst, dann muss ich dich enttäuschen. Ich habe Besuch.“ „Ich würde niemals deine und Jonathans Zweisamkeit stören wollen. Pass auf, ich bin mit Kerstin im Krankenhaus, sie bekommt gleich ihr Kind. Kannst du den Jungs einen Zettel hinlegen, dass sie Napi morgen früh rauslassen und füttern?“ „Kerstin kriegt ihr Kind? Wieso hast du das nicht gleich gesagt? Können wir etwas tun?“ Und schon hörte sich Nathalie um einiges wacher an. „Eigentlich nur die Tiere versorgen. Ich hoffe mal, das geht einigermaßen schnell, aber es lässt sich so schlecht planen.“ „Kein Problem, wir lassen Napi raus und füttern die Horde. Wie geht es Kerstin?“ „Sie will es hinter sich haben, mehr nicht.“ „Kann ich verstehen. Okay, dann geh wieder zu ihr, ich lege den Jungs einen Zettel auf den Tisch, sie wollten früh raus wegen irgendwelchen Musikterminen. Wir sehen uns dann heute Mittag oder so.“ „Ich gehe mal davon aus. Danke. Bis dann.“ „Ciao.“ Sascha legte auf. Auf zu Kerstin, vielleicht gab es etwas Neues. Teil 43 Die Geburt von Finn hatte Kerstin und Sascha noch bis zum frühen Morgen auf Trab gehalten. Es war kurz nach sieben als er endlich das Licht der Welt erblickte. Sascha hatte die ganze Zeit über Kerstins Hand gehalten, die je nach Stärke der Wehen und des Pressens Saschas Hand gedrückt hatte. Mehrere Male dachte Sascha, sie hätte nach der Geburt eine gebrochene Hand oder zumindest eine Verstauchung. Glücklicherweise gar nichts von beiden eingetroffen. Kerstin war überaus erleichtert als sie ihren Sohn endlich auf dem Arm hatte. Nachdem die Schwestern ihn gewaschen, gewogen und gemessen hatten, konnte er zurück zu Kerstin. „Finn, du glaubst gar nicht wie froh ich bin dich endlich im Arm zu haben. Du bist wirklich ein süßer Fratz,
doch ein zweites Mal möchte ich dich nicht rauspressen.“ „Wie gut dass die Gefahr, ihn ein weiteres Mal auf die Welt zu bringen, mehr als Null ist“, lächelte Sascha. Sie hatte bereits ein Foto von der glücklichen Mutter und dem Sohn gemacht. Dieser erste Moment voller Ruhe musste festgehalten werden. „Das nächste Kind bekommst du.“ Kerstin grinste Sascha an. „Wenn du meinst.“ Sascha nahm Finn „Aber dann wirst du mich ebenso begleiten wie ich dich begleitet habe. Und du wirst meine persönliche Ärztin werden. Deine Mama, Finn, ist nämlich eine hervorragende Ärztin. Wenn du mal ein Problem hast, eine Krankschreibung brauchst oder so, dann kann sie das machen.“ Sascha streichelte Finn ganz vorsichtig über die Wangen. Er war so niedlich, so klein und so weich. Seine winzigen Finger schlossen sich um Saschas kleinen Finger und er schien sie mit seinen klaren, blauen Augen anzusehen. „Das wird sie nur machen wenn es einen guten Grund gibt.“ „Natürlich. Unser Finn, der kleine Wassermann. Passt ja irgendwie. Finn wie Finnland und da gibt es jede Menge Wasser.“ „Du hast eine eigenartige Ableitung.“ „Ich weiß.“ Sascha legte Finn zurück in Kerstins Arme und küsste sie „Ich liebe dich, meine schöne frischgebackene Mutter.“ „Wehe du reduzierst mich jetzt auf meine Mutterrolle.“ „Ganz sicher nicht. Du bist weiterhin für mich die anziehendste Frau der Welt, die ich ohne Ende begehre. Glaub mir, diese Geburt ändert nichts daran, dass ich dich tierisch scharf finde. Im Gegenteil. Ich könnte dich hier und jetzt vernaschen.“ „Das sollten wir nicht tun, es könnte ein komisches Licht auf uns werfen und wäre wohl auch gesundheitlich nicht okay. Medizinisch gesehen bin ich jetzt in der Schonzeit. Zumindest so lange, bis ich wieder Zuhause bin.“ „Kein Problem, das Auto steht unten, ich nehme dich sofort mit“, lachte Sascha. „Okay, ich sehe, ich bin weiterhin die Frau, die du begehrst. Zum Glück.“ Es klopfte an der Tür und die Schwester trat ein. „Entschuldigung, aber da ist ein Anruf für Sie. Eine Nathalie. Sie sagt, sie kann nichts ins Haus, der Hund würde sie sonst zerfleischen.“ „Verdammt, Napsütés ist so ein guter Wachhund, die lässt nicht einmal die Leute rein, die sie füttern wollen.“ Sascha drückte Kerstins Hand und ging zum Telefon ins Schwesternzimmer. „Hallo?“ „Hi Sascha, du, wir kommen nicht ins Haus. Napsütés lässt sich nicht davon überzeugen uns reinzulassen. Egal was wir ihr anbieten. Ob ihren Spielball oder Leberwurst. Sie steht hinter der Tür und knurrt.“ „Okay, ich komme nach Hause. Eines muss man ihr lassen. Wenn Kerstin sagt, sie soll aufpassen, dann macht sie das. Bis gleich.“ „Bis gleich.“ Sascha legte auf und ging zu Kerstin zurück. „Ich muss nach Hause, Napi lässt sich nicht bestechen.“ Sie nahm Kerstins Hand und küsste sie. „Okay, dann werde ich versuchen zu schlafen. Bist du heute Nachmittag wieder da?“ „Klar, ich werde mich um unsere Tiere kümmern, ein wenig schlafen und dann wieder zu dir und Finn kommen.“ „Und vergiss nicht in deine Bücher zu gucken. Du hast morgen eine Prüfung.“ „Ich liebe dich.“ Sascha küsste Kerstin. Sie war immer verantwortungsvoll und dachte sogar in solchen Situationen an Saschas Studium. „Ich dich auch. Fahr vorsichtig, es ist Berufsverkehr.“ „Ich gebe mir Mühe.“ Sie küssten sich ein letztes Mal dann verließ Sascha den Raum. Kerstin ließ sich in ihr Kissen zurückfallen und schloss die Augen. Jetzt konnte sie ein paar Stunden Schlaf wirklich gebrauchen. Dringend. Sascha konnte Napsütés sofort davon überzeugen sie ins Haus zu lassen. „Du kleiner Kampfhund, was machst du denn? Die Nathalie wollte dir doch nur etwas zu essen geben und mit dir rausgehen.“ Napsütés stupste Sascha glücklich an. Sie hatte nicht verstanden wieso ihre beiden Frauchens in der Nacht verschwunden waren. Und wo war ihr anderes Frauchen? Sascha gab Napsütés ihr Frühstück, stellte Válás seinen Napf mit Futter hin und ging dann in den Stall um den anderen Katzen ihr Frühstück zu bringen. Saschas Katzen verbrachten die Zeit im Stall und draußen während Válás sich meistens im Haus aufhielt. „Tick, Trick, Track, Fix, Foxi, Goofy, Miss Marple, es gibt Frühstück.“ Die einzigste Katze, die keinen Comicnamen trug, Miss Marple, kam sofort angelaufen. Sie war Saschas Liebling, denn sie war die Kleinste und sehr anhänglich. „Und? Wie ist es gelaufen?“ Nathalie war in den Stall gekommen. „Alles ist gut verlaufen. Finn hat sich zwar Zeit gelassen, aber wenn man das Ergebnis sieht, dann hat es sich gelohnt. Er ist ein Prachtjunge.“ „Dann kommt er nicht nach dem Vater?“ „Wenn man mal von dem Geschlecht absieht, ist er ganz nach Kerstin geraten. Zum Glück. Da fällt mir ein, ich muss Eduard anrufen. Michael wird jetzt wegen des Sorgerechts zum Angriff auflaufen.“ „Und Kerstins Eltern musst du anrufen. Die haben heute Morgen schon mehrmals angerufen um zu wissen ob ihr wieder da seid und wie es gelaufen ist. Ich habe gesagt, ich hätte keine Ahnung in welche Klinik ihr gefahren seid, sonst hätten sie da schon angerufen.“ „Danke. Ich werde sie anrufen und dann lege ich mich hin. Ich bin hundemüde.“ Sascha legte den Kopf auf Nathalies Schulter. Sie hatte wenig Lust Eduard oder Kerstins Eltern anzurufen, doch das musste sein. „Soll ich dich ins Bett bringen?“ „Nein, danke. Kannst du mit Napi eine Runde gehen? Ich werde sie aus der Wohnung werfen, dann ist sie umgänglicher für dich.“ „Ja, bitte. Ich habe echt alles versucht. An ihr ist kein Vorbeikommen.“ „Gute Erziehung. Hetz sie auf Michael falls der hier auftauchen sollte.“ „Lieber nicht, das könnte sich negativ auf eure Chancen auswerten.“ Nathalie schob Sascha zum Haus zurück. Es wurde Zeit, dass sie schlafen ging. Keine sechs Stunden später war sie wieder bei Kerstin im Krankenhaus. Der ging es nach dem Schlafen ebenfalls besser und Finn lag in ihren Armen. Sascha hatte ihr Blumen mitgebracht. Wieso konnte sie gar nicht so genau sagen, wahrscheinlich weil man eben Blumen mit ins Krankenhaus brachte. Es wäre Sascha neu, dass Kerstin einen Faible für Blumen hätte. „Hi, wie geht es euch beiden?“ Sascha beugte sich zu Kerstin und küsste sie. Dann streichelte sie sanft mit ihrem Zeigefinger über Finns Wange. „Sehr gut. Unser Sohn hat alle Untersuchungen mit Zufriedenheit bestanden. Wir bekommen noch eine Nacht, dann kannst du uns mit nach Hause nehmen. Was sagen unsere WGler zum Nachwuchs?“ „Sie brennen darauf Finn zu sehen, wollen dir aber Ruhe gönnen bis du wieder Zuhause bist. Dafür waren Nathalie und Benni heute Morgen bereits Babynahrung und Milch kaufen. Sie meinen, ich sollte mich um euch kümmern, sie kümmern sich um den Rest. Windeln werden heute Abend nachgereicht.“ „Wie praktisch“, grinste Kerstin. „Hat Napi sich beruhigt?“ „Ich hatte keine Probleme reinzukommen. Und deine Eltern haben angerufen. Sie wünschen einen baldigen Anruf von dir.“ „Och nee, mir fehlt die Kraft um mit meiner Mutter zu telefonieren.“ Kerstin sah Sascha gequält an. Sascha legte ihren Kopf neben Kerstins aufs Kissen. Wäre das Bett ein wenig größer, wäre sie zu Kerstin ins Bett gekrochen. So mussten sie eine Nacht warten, dann konnten sie zu dritt im großen Bett kuscheln. „Willst du Finn mal nehmen?“ „Ja, gerne.“ Kerstin reichte Sascha Finn. Sascha nahm Finn auf den Arm und strahlte ihn an. Die blauen Augen sahen zu Sascha. „Hey mein Kleiner, na wie geht es dir? Ich hoffe mal, die Ärzte haben dir mit ihren Untersuchungen nicht wehgetan. Morgen kannst du mit nach Hause, da warten ganz viele Leute auf dich. Und Tiere. Wenn du ein wenig größer bist, dann kannst du mit Napsütés kuscheln. Die wird auf dich aufpassen und dich beschützen.“ Es klopfte an der Tür. „Herein“, rief Kerstin. Wahrscheinlich war das die Schwester, die Finn wieder in sein Bett bringen wollte. Oder eine Untersuchung oder irgendetwas anderes. Lange hatte man hier nie seine Ruhe. Zu ihrer negativen Überraschung war es keine Krankenschwester oder Arzt, es war Michael der plötzlich im Zimmer stand. Ebenfalls mit Blumen bewaffnet. „Hallo Kerstin.“ „Was willst du denn hier?“ Nicht gerade die höffliche Art und Weise den noch Ehemann zu begrüßen, doch jede andere Reaktion wäre nicht echt gewesen. Sie war nicht erfreut ihn zu sehen. „Ich wollte dich und unseren Sohn sehen.“ Er wollte zum Bett kommen, doch Kerstins Blick ließ ihn stehen bleiben. „Das ist nicht unser Sohn. Nicht wenn du „unser“ mit dir und mir definierst. Du bist der Erzeuger, mehr nicht. Es ist nicht dein Kind.“ „Oh doch, ich bin der Vater und ich kenne die Vaterschaft an. Du wirst mir nicht meinen Sohn wegnehmen.“ Er wollte zu Sascha und Finn, doch Sascha trat hinter Kerstins Bett. „Michael, verschwinde oder ich rufe die Schwester.“ „Was soll sie machen? Ich bin der Vater.“ Kerstin drückte auf den Knopf über ihrem Bett. Sie hatte keine Lust mit Michael zu diskutieren. „Du bist der Erzeuger, das ist Saschas und mein Kind. Du wirst dich da raus halten.“ „Vergiss es. Ich lasse mich nicht vertreiben.“ Der junge Zivildienstleistende kam ins Zimmer. Er sah Kerstin fragend an. „Bitte?“ „Würden Sie bitte Herrn Lehnhardt umgehend herausbegleiten? Und er möchte auch nicht mehr wiederkommen. Ebenso wird er nicht zu meinem Sohn gelassen.“ Der Zivildienstleistende nickte und sah Michael fordernd an. „Ich werde mich nicht kampflos geschlagen geben..“ Er warf die Blumen auf den Boden und stampfte wütend aus dem Zimmer. Sascha und Kerstin atmeten erleichtert auf. Fürs erste hatte sie Michael aus ihrem Leben vertrieben. Teil 44 Michael machte seine Drohung wahr. Er setzte alle Hebel in Bewegung um Finn von Kerstin und Sascha loszubekommen. Sei es die schlechte finanzielle Lage, in der sich die beiden Frauen gerade befanden, oder ihre
Beziehung, die wohl kaum das Richtige für ein kleines Kind sei. Ein Junge brauche einen Vater und den würde Kerstin ihm wohl nicht mehr bieten können. Eduard konterte diese verbalen Attacken geschickt aus. Kerstin würde ab dem Sommer arbeiten und Sascha hätte ein lukratives Angebot für einen amerikanischen Superstar zu arbeiten. Ein wenig übertrieben, aber was sollte es? Bis er Beweise vorlegen musste hatten sie ein wenig Zeit. Und was den fehlenden Vater anging so wäre Michael keine Idealbesetzung für einen Vater. Er, Eduard, habe als sein Kollege selber mitbekommen wie Michaels Lebenswandel in den letzten Monaten gewesen wäre. Er saß den ganzen Tag im Büro und trieb sich danach in Diskotheken herum. Das sei erst Recht kein Leben für einen kleinen Jungen. Und dann die Stadtwohnung. Bei Kerstin und Sascha würde er auf dem Land leben, wo die Lebensqualität nachweislich besser war, konnte Haustiere haben, die ebenfalls positiv für die Entwicklung eines Kindes waren und Sascha konnte dank ihrer Arbeit Zuhause immer für den Kleinen da sein. „Hast du etwas von deiner Freundin aus den Staaten gehört?“, fragte Sascha Benni eines Abends. Eduard hatte ihr ans Herz gelegt möglichst bald so etwas wie einen Arbeitsvertrag vorzulegen. „Ja, ich habe gestern mit ihr telefoniert. Sie wird dir einen Vertrag schicken, den du mit ihrem Anwalt in Deutschland regeln kannst.“ „Anwalt? Na super.“ Saschas Begeisterung ließ nach. Wenn jemand bereits den Anwalt einplante, dann konnte der Vertrag nicht so toll sein. „Der Anwalt ist Eduard. Eigentlich sollte das einer von der Plattenfirma übernehmen, aber ich habe ihr einiges versprochen und so hat sie ihn genommen, Damit sollten sich deine Probleme ganz schnell in Luft auflösen.“ „Benni, du bist perfekt.“ Sascha umarmte ihn. Benni grinste. „Ich weiß, das sagen alle. Weißt du, dass Chris und ich bei der nächsten Amerikatour von Lisa mitmachen können? Sie meinte, wenn wir Zeit und Lust haben, dann bringt sie uns im Vorprogramm unter. Vielleicht gefällt den Amerikanern unsere Musik. Dann können wir vom Studium direkt die Karriere starten. Stell dir das vor: Affirmation als Newcomer in den amerikanischen Charts. Dann kannst du unsere Bio gleich mitschreiben.“ „Inklusive Coming out? “ „Was ihr immer mit Coming out habt.“ Benni sah Sascha verständnislos an. „Tja, was wohl? Ich bitte dich, es ist seht offensichtlich.“ „Findest du?“ Ja, fand Sascha. Weder Benni noch Chris trafen sich mit Frauen, sondern hingen laufend zusammen rum. Sie erfüllten zwar kaum eines der Klischees, denen man schwulen Männern nachsagte, aber was machte das schon? „Ja. Und nicht nur ich.“ „Kerstin. Nathalie. Jonathan“, zählte Benni trocken auf „Wieso macht ihr euch solche Gedanken um uns?“ „Nur so…und nur so lange wie ihr beiden es zugebt.“ „Dann wartet mal weiter. Weiber.“ „Ich dich auch.“ „Sag mir lieber, wann ihr beide wieder mit zu einem Konzert kommt?“ „Das kann dauern. Die nächsten Wochen werden wir bei Finn bleiben. Aber wenn Kerstins Eltern im Sommer herkommen, dann haben wir ein freies Wochenende. Stell dir vor, wie Michael das dem Richter verkaufen würde: Wir gehen weg und lassen Finn in den Händen eines Babysitters.“ „Dafür sind die da.“ „Ja, aber im Moment sollten wir so etwas sein lassen. In zwei Wochen ist der Prozess, dann wird entschieden bei wem Finn bleiben darf. Bis dahin gehen wir kein Risiko ein. Das kannst du verstehen, oder?“ „Ja, kann ich.“ Benni legte seinen Arm um Sascha. Er war ebenfalls nervös wegen des Gerichtsurteils. Schließlich wollte er auch, dass Finn bei Sascha und Kerstin blieb. Da gehörte er hin. „Hi, wie geht es dir?“ Sascha nahm Kerstin in den Arm. „Wenn wir jetzt morgen hätten und ich die Gewissheit hätte, dass Finn bei uns bleibt, dann ginge es mir besser. Sascha, ich will unseren Sohn nicht an Michael verlieren.“ „Ich auch nicht, Schatz, ich auch nicht. Wir schaffen das. Das Gericht hat gar keine Gründe, ihn Michael zuzusprechen. Eduard wird das schon machen.“ So weit war es gekommen, dass Sascha ihre Hoffnung in einen Mann legte. Aber er war der einzigste Mensche, der ihnen helfen konnte. „Werden deine Eltern anreisen?“ „Wollten sie, aber ich habe ihnen gesagt, sie sollen auf Mallorca bleiben. Es hilft keinem wenn sie hier sind.“ „Dir.“ „Nein, ich will nicht so viele Menschen um mich herum haben. Finn wird morgen während des Prozesses bei Nathalie bleiben, Benni und Chris kommen mit uns zum Gericht, sie fahren. Lass meine Eltern, wo sie sind.“ „Okay, wie du willst. Ich liebe dich.“ „Ich dich auch. Wir beide werden das schaffen.“ „Natürlich.“ Sascha küsste Kerstin sanft auf die Wange. Sie hatten in den letzten Tagen sich oft Mut zugesprochen, aber bisher hatten sie es nicht geschafft, ganz überzeugt von den Worten zu sein, die sich sagten. Natürlich würde das Urteil – wie immer es ausfallen würde - nichts an ihrer Beziehung ändern, zumindest was die Liebe anging, aber wenn Finn wirklich weg musste, dann war beiden klar, dass sie erheblich darunter leiden würden. Und dass das einige Probleme geben konnte. „Sag mal, muss Finn ein Einzelkind bleiben?“, fragte Sascha um Kerstin ein wenig abzulenken. Wenn sie ihre Freundin nicht von Finn gedanklich wegbekam, dann vielleicht von dem negativen Thema Gericht hin zu einem positiven Thema. „Willst du Mutter werden?“ „Vielleicht. Nicht dieses Jahr, zuerst muss mein Studium beendet sein, aber danach. Mhm, eine kleine Schwester? Fiene?“ „Du spinnst. Das Kind wird dann Kerstin die Zweite heißen, oder Kerstin Junior. Wir werden eine Tradition aufbauen.“ „Du hast einen Schuss.“ Sascha musste grinsen. Kerstin die Zweite. Sonst noch was? Aber wenigstens brachte das ein kleines Lächeln in Kerstins Gesicht zurück. Das war gut, sehr gut. „Das Familiengericht ist zu folgenden Urteil gekommen.“ Kerstin drückte Saschas Hand. Jetzt war der Zeitpunkt der Entscheidung gefallen. Alles was noch passieren musste, war, dass der Richter die magischen Worte aussprechen würde, die über Finns Leben und Zukunft entscheiden würden. Und somit auch über Kerstins und Saschas. Würden sie den Kleinen behalten oder würde Michael gewinnen? „Das Kind…“ Schrecklich. Die ganze Verhandlung über wurde Finn „Das Kind“ genannt. Was waren das für Zustände? Er hatte einen Namen, einen sehr schönen, wie Kerstin fand. Konnte der Richter den nicht benutzen? Lernte man Namen aussprechen nicht im Jurastudium? „…Finn Herzog.“ Ging doch. Finn Herzog. Alleine der Name sagte, wo das Kind hingehörte. Zu seiner Mutter, Kerstin Herzog. Und nicht zu Michael. „…wird der Mutter zugesprochen…“ Finn wurde Kerstin zugesprochen! Er blieb bei ihr! Kerstin fiel Sascha überglücklich um den Hals und küsste sie. Sie würden endlich eine richtige Familie werden. Inklusive Finn. Sie hatten es geschafft, Sie hatten gewonnen. Michael ging leer aus. Der Richter sah Kerstin und Sascha stirnrunzelnd an. Das war nicht der richtige Ort um Freudenausbrüche zu zeigen. „…zur Begründung: Der Vater ist derzeit nicht in der Lage ein normales Leben zu führen und sich im ausreichenden Maße um das Kindeswohl zu kümmern. Bei seiner Mutter erwartet ihn eine gefestigte Beziehung und eine sichere Zukunft. Die Bedenken des Vaters, die Mutter könne sich nicht finanziell um den Sohn kümmern, sieht das Gericht als nicht gerechtfertigt. Frau Herzog wird ab dem Sommer wieder als Ärztin arbeiten. Des Weiteren besitzt sie viel Land, das sie verkaufen kann und ihre Lebensgefährtin verdient ebenfalls.“ Das waren Worte, über die sich Kerstin freute. Der Richter hatte sie wie eine Familie behandelt. „Das Gericht behält sich jedoch vor, in einem Jahr einen Bericht des Jugendamtes erstellen zu lassen. Sollten gravierende Mängel an der Kindeserziehung oder die Lebensumstände des Kindes zu bemängeln sein, dann wird in einer weiteren Sitzung entschieden, ob das Kind doch dem Vater zugesprochen wird. Die Sitzung ist geschlossen.“ Sie würden in einem Jahr überprüft werden? Wenn es dem Gericht Spaß machte, gerne. Alles was für Kerstin zählte, was dass sie Finn behalten durften. „Meinen Glückwunsch“, meinte Eduard „Du hast zu Recht gewonnen. Finn wird es sehr gut bei dir haben.“ „Das verdanken wir dir. Danke dass du uns geholfen hast.“ „Das war mir ein Vergnügen.“ Eduard grinste zu Michael, der sie wütend anstarrte. Er hatte das Kanzleiinterne Duell gewonnen. Michael ging leer aus. „Na, willst du zu deinem Sohn?“, fragte Sascha. „Unserem Sohn, Schatz, unserem Sohn. Ja, lass uns zu ihm fahren. Er muss wissen, dass er bei uns bleiben darf. Und dann wird gefeiert. Wir sind und bleiben eine richtige Familie.“ „Was immer du willst, Kerstin.“ Sascha nahm Kerstins Hand „Ich liebe dich.“ „Und ich liebe dich,
 
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