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Sascha und Kerstin: Niemals aufgeben

GeschichteLiebesgeschichte / P12
Alexandra "Sascha" Mehring Kerstin Herzog
28.01.2010
28.01.2010
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28.01.2010 28.639
 
Teil 22

Kerstin hatte das Angebot von Nathalie angenommen, und hatte sie am Freitagabend angerufen um sich mit ihr am Samstagmorgen zu treffen. Zu ihrer Überraschung stand nicht nur Nathalie früh um acht Uhr vor der Tür, sondern auch Benni und Chris.
„Guten Morgen, das ist aber eine Überraschung. Ich dachte, ihr beide würdet noch schlafen.“ Válás tauchte in der Türöffnung auf um sich die Eindringliche anzusehen. Benni nahm den Kater auf den Arm und streichelte ihn. Er war ein Katzenfan.
„Wir haben uns dazu durchgerungen nicht die ganze Nacht in irgendwelchen Clubs abzuhängen, sondern sind früh schlafen gegangen um dir zu helfen. Mann kann zwei Frauen nicht alleine in die Wildnis lassen…und Ahnung von Handwerk haben sie auch nicht.“
„Chris, du bist ein Machoarsch.“ Kerstin nahm ihre Autoschlüssel, setzte Válás zurück in die Wohnung und pfiff Napsütés zu sich. Die Hündin würde sie begleiten. Zusammen fuhren sie aus Berlin raus in Richtung Potsdam. Nachdem sie Wilhelmstadt hinter sich gelassen hatten, bog Kerstin dann rechts ab, weg von Potsdamer Chaussee in Richtung Seeburg. Nach einigen Minuten bog sie noch einige Male ab bis sie plötzlich Mitten auf einem Hof standen. Kerstin sah auf ihre Karte.
„Das müsste es dann sein, mein neues Zuhause.“
„Sieht auf jeden Fall verlassen aus, was darauf hinweißt, dass hier keiner wohnt“, schlussfolgerte Nathalie.
„Dann wollen wir mal.“ Kerstin stieg aus und holte Napsütés aus dem Kofferraum. Erleichtert wieder frei herumlaufen zu dürfen, rannte Napsütés einmal um das Auto. Dann begann sie sich für ihre Umgebung zu interessieren und schnupperte. Kerstin hatte inzwischen die leicht verrottete Holzhausnummer neben einer Tür mit ihrer Adresse verglichen. Sie stimmte überein. Das schien definitiv ihr neues Zuhause zu sein.
„Da hast du einiges zu renovieren“, meinte Benni und sah sich die Gebäude an. Das Haupthaus machte von außen noch einen ganz adäquaten Eindruck, schien zumindest heile und dicht zu sein. Die Ställe, die in U-Form um den Hofplatz gebaut worden waren, sahen nicht mehr ganz so aus. Bis auf ein Teil, in dem anscheinend früher eine Garage untergebracht worden war, brauchten alle dringend neue Holzbretter, Steine und eine wetterfeste Isolierung. Kerstin ging beherzt auf das Haupthaus zu. Der Schlüssel passte und ließ sich problemlos umdrehen. Mit einem lauten Quietschen öffnete sich die Tür und sie traten in einen dunklen, sticken, Vorraum. Gut, bei diesem Quietschen würde sie jeden Einbrecher bemerken, der durch die Haustür kam.
„Helle Möbel, eine Lampe und saubere Fenster könnten die Stimmung hier ausbessern“, sagte Nathalie. Bis auf einem dunkelgrünen dicken Teppich war nichts im Flur.
„Am Besten schreibe ich mir mal alles auf, was gemacht werden muss.“ Kerstin zog einen Block aus ihrer Tasche „Napi, Fuß.“ Die Hündin wollte auf eigene Faust das Haus erkunden.
„Neue Haustür, neuer Teppich.“ Sie stieß den Teppich an „Nein, Fliesen.“ Unterm Teppich kam kalter Steinboden zum Vorschein. Er sah beinahe so aus wie eine geteerte Straße. Das musste geändert werden. Benni stieß die einzigste Tür, die sich im Flur befand und sie landeten in einem weiteren Flur. Dieser war allerdings kleiner, dafür stockdunkel.
„Taschenlampen.“ Gut dass Kerstin damit gerechnet hatte, dass es keinen Strom gab. Sie musste Montag sofort beim Elektrizitätswerk anrufen und das ändern lassen. Sie drückte Chris ihre zweite Lampe in die Hand. Sofort links neben der Tür, durch sie gerade hereingekommen waren, war eine weitere Tür. Rechts begann die Treppe ins Obergeschoss und geradeaus war eine weitere Tür. Sie öffnete die Tür links. Ein kleines Badezimmer, mit Toilette und Waschbecken. Alles dreckig und verstaubt. Sonst schien es allerdings in Ordnung zu sein.
„Heben wir uns die zweite Etage für später auf?“, fragte Kerstin. Die drei Studenten stimmten zu. Erst einmal gucken wie das Haus unten intakt war bevor man sich in die Höhe wagte. Kerstin steuerte im Schein der Taschenlampe auf die zweite Tür zu. Hinter dieser verbarg sich eine große Küche, die dank der riesigen Fenster hell war. Die Vormieter hatten alle Möbel stehen lassen.
„Herd, Spüle, Tisch, vier Stühle, du kannst einziehen“, witzelte Benni.
„Ich weiß ja nicht.“ Kerstin sah sich zweifelnd um. Chris riss ungeniert den Ofen auf.
„Hui, der ist gut, der wird dich keinen Strom kosten, dafür bekommst du dein morgendliches Training im Holzhacken. Und...igitt…er hat Mieter, achtbeinige.“ Er ließ die Tür zufallen und drehte am Wasserhahn „Dafür gibt es hier fließend Wasser.“
„Der Hof hat seine eigene Quelle soweit ich weiß.“ Kerstin schrieb einen neuen Ofen auf. Außerdem war es kalt. Sie prüfte die Fenster und stellte fest, dass diese undicht waren. Also auch neue Fenster. So ging es die nächsten Stunden weiter. Bis Mittag hatten sie das Haupthaus durch. Es bestand nirgendwo Einsturzgefahr, aber großer Renovierungsbedarf. Mindestens zwei Dutzend Fenster musste Kerstin erneuern lassen. Dazu kamen neue Tapeten, jede Menge Farbe, Teppiche, Fliesen und, und, und.
„Okay, fangen wir an?“, fragte Kerstin.
„Willst du dir nicht erst die anderen Gebäude ansehen?“
„Nein, zuerst hier klar Schiff machen so lange es hell ist. Bevor wir fahren können wir in die Ställe, die brauche ich eh nicht.“
„Typisch Frauen, keinen Entdeckergeist.“
„Chris, fühl dich frei dir alles anzusehen.“ Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Mit Benni im Schlepptau verließ er das Haus.
„Okay, fangen wir an?“, fragte Kerstin Nathalie.
„Klar.“ Sie holten aus Kerstins Auto zwei Rollen Müllsäcke. Einen Container für den alten Kram müsste Kerstin auch bestellen.
„Sollen wir erst einmal alle großen Sachen rausstellen? Sie haben für die nächsten Tage keinen Regen gemeldet.“
„Wir schleppen den Kram in einer der Ställe, da kann er bleiben bis wir einen Schrotthändler haben, der alles mitnimmt.“ Zu zweit schleppten sie Möbel, Teppiche und alles, was Kerstin nicht in ihrem neuen Haus haben wollte, nach draußen in den Stall. Hier roch es muffig nach alten, nassgewordenen Stroh und Kerstin meinte, die Mäuse herumlaufen zu hören. Válás würde seine Freude haben wenn sie ihn hier laufen ließ. Bis dahin schien Napsütés die Jagd aufzunehmen. Immer wieder hopste sie in einen liegengelassenen Strohhaufen. Wenigstens war sie beschäftigt und lief nicht weg.
„Der eine Stall sieht gut aus“, meinte Benni als er und Chris zurückkamen.
„Welcher?“
„Der, der das Garagentor unten hat. Der muss neu sein.“ Kerstin kratzte sich am Hinterkopf. Möglich war es. Sie war vorher nie hier gewesen und ihre Eltern hatten sie nie über den neusten Stand des Bauernhofs unterrichtet. Sie kramte in ihren Unterlagen.
„Ja, der ist von 1978. Damals hatten die Leute viel Vieh, da brauchten sie einen zusätzlichen Raum für Maschinen und oben müssen Zimmer sein, die sie an Saisonarbeiter vermietet haben. Wahrscheinlich ist der Teil am besten von allen erhalten.“
„Soweit ich das bisher gesehen habe, stimme ich dem zu. Du kannst die Zimmer vermieten: sobald sie sauber sind.“
„Wer will schon in der Pampa wohnen?“
„Du.“
„Ja, aber sonst? Hier ist nichts, nicht einmal eine Heizung.“
„Drüben schon, nur wahrscheinlich seit Jahren unbenutzt.“ Bennis Begeisterung war deutlich zu hören.
„Du darfst gerne einziehen, wenn dir danach ist.“
„Wirklich?“ Benni sah sie interessiert an. Das war ein interessantes Angebot. Er hatte seine Kindheit auf einem Bauernhof verbracht und ein wenig alte Erinnerungen auffrischen konnte nicht schaden. Und dann hatte er eine weitere Idee für den Stall...
„Wenn du hier wohnen willst, bitte. Nur, was reizt dich an dem Stall?“
„Es ist abgeschieden, geräumig und würde sich perfekt als Proberaum eignen“, antwortete Chris, der Bennis Gedanken durchschaut hatte. Hier könnten sie so viel Proben wie sie wollten, ohne Ärger wegen den lauten Instrumenten zu bekommen. Und die Miete für den Proberaum würden sie ebenfalls sparen. Klar, sie müssten renovieren, saubermachen und alles auf den neusten Stand der Technik bringen, aber das war kein Problem. Und die endlosen Felder überall wären der ideale Nährraum für neue Songideen. Hier lauerten die Inspirationsquellen förmlich.
„Das hört sich fast so an, als wenn sich die WG auflösen wird, Nathalie.“
„Ja, ich merke es. Hey, du kannst mich nicht alleine lassen mit einer übereifrigen Studentin und einem Künstler, der nie weiß was für ein Tag ist.“
„Dann komm mit.“
„War das überhaupt ernst gemeint, Kerstin?“
„Klar, wieso nicht? Ihr helft mir bei der Renovierung, bringt den Stall auf Vordermann, nach eurem Geschmack versteht sich und ich stelle ihn euch mietfrei die nächsten Jahre zur Verfügung.“
„Wow.“ Nathalie überflog kurz die Mietkosten, die sie jeden Monat hatte: 300 Euro für  ihr Zimmer, das mal zwölf waren 3600 Euro im Jahr. Wenn sie wirklich mit Chris und Benni dort einzog, dann sparten sie zusammen etwa 10.000 Euro Miete im Jahr. Plus die Kosten, die die Jungs für den Proberaum einsparten. Da konnte man gerne bei der Renovierung helfen und auf eigene Kosten seine Wohnung renovieren.
„Ich bin dabei“, sagte sie.
„Na, ich sowieso.“
„Und was wärst du ohne mich?“, fragte Benni Chris „Kerstin, du hast drei Nachbarn gefunden.“
„Und drei Handwerker.“
„Das mag ich so an ihr. Sie ist so gar nicht auf ihren eigenen Vorteil aus“, grinste Chris. Kerstin musste lachen. Das Geschäft war für alle gut. Sie müsste nicht alleine in der Einöde wohnen bis Sascha zu ihr kam und dann waren sei beide nicht alleine. Kerstin war sich sicher, dass es verdammt einsam werden konnte auf diesem Hof. Und spätestens wenn das Baby da war, würden sie Hilfe brauchen.

Teil 23

Sascha hatte Kerstin die ersten beiden Tage dieser Woche nicht gesehen, da diese den ganzen Tag damit beschäftig gewesen war ihr neues Zuhause zu entrümpeln und Handwerker für die Renovierungsarbeiten, die sie nicht selber ausführen konnte, einzuweisen. Aber den Mittwoch hatte sich Kerstin für ihre Süße freigehalten und war dementsprechend pünktlich zu Saschas Pause an ihrer angestammten Bank.
„Rate wer ich bin.“ Hände legten sich auf Kerstins Augen. Zarte, weiche, warme Hände, die einen Schauer auf ihrem Rücken auslösten.
„Ich weiß nicht. Der nette Bänker von Montag? Oder der gutgebaute Maurer von gestern?“
„Ey, was soll das bedeuten?“ Sascha setzte sich neben Kerstin und küsste sie. Bänker, Maurer, was machte Kerstin den ganzen Tag? Wie nah kam sie den Leuten?
„Nichts. Schön dich wiederzusehen. Ich habe dich vermisst.“
„Rate mal, wer dich vermisst hat. Oh Mann, ich hätte so gerne mit Nathalie oder den Jungs getauscht und wäre am Wochenende mit dir zum Hof gefahren. Das wäre sinnvoller gewesen als in Reutlitz herumzusitzen. Außerdem muss ich dir doch helfen. Meine arme, schwangere Freundin kann doch nicht alles alleine machen.“ Bei dem Wort Freundin überkam Kerstin ein wohliger Schauer. Das hörte sich schön an wenn Sascha das sagte.
„Ich hätte dich gerne dabei gehabt. Dann hättest du mit mir einen Raum für unser zukünftiges Schlafzimmer aussuchen können. Wobei, so groß ist die Auswahl bisher nicht, bei dem Zustand der Räume und des Hauses.“ Kerstin brachte Sascha auf den neusten Stand ihres Wissens. Bisher hatten sie erst einmal telefoniert, da Sascha keine Telefonkarten mehr hatte. Kerstin war mit den Handwerkern übereingekommen, dass zuerst eine Seite des Hauses komplett renoviert werden sollte. Das schloss die Küche, das kleine Bad unten, die Treppe, zwei Räume oben und das große Bad ein. Die restlichen vier Zimmer würden im nächsten Frühjahr renoviert oder von Kerstin in Eigenleistung. Nur das Dach wurde komplett neu gemacht und war derzeit die Hauptarbeitslast.
„Und was machst du die ganze Zeit? Du springst hoffentlich nicht mit auf dem Dach herum“, meinte Sascha besorgt.
„Nein“, lachte Kerstin „Ich putze und reiße Tapete von den Wänden. Wenn alles klappt und mir Nathalie am Wochenende hilft, dann kann ich vielleicht schon in der nächsten Woche mit dem tapezieren beginnen. Ein Freund von Chris will am übernächsten Wochenende den Fußboden verlegen. Es wäre schön, wenn dann die Tapeten hängen.“
„Ich wünschte, ich könnte dir helfen“, seufzte Sascha traurig. Wieso musste sie in Reutlitz festsitzen?
„Das wirst du noch früh genug dürfen und dann bist du froh, dass die erste Arbeit gemacht worden ist. Wie läuft es bei dir und Jansen? Ist das zweite Gespräch erfolgreicher gewesen als das erste?“
„Hm.“ Sascha verzog das Gesicht. Erfolgreich war vielleicht das falsche Wort „Wir haben uns nicht geprügelt, keiner ist ausfallend geworden und es sind keine Beleidigungen gefallen. Die Stimmung war trotzdem sehr eisig. Der Mediator meinte so etwas wie, wir müssten unsere Aggressionen gegeneinander ablegen, die Fehler des anderen akzeptieren und tolerieren und einen freundlicheren Umgang proben. Psychoscheiß.“
„Sascha, bitte.“ Kerstin sah ihre Freundin streng an.
„Hey, ich gebe mir Mühe. Und im Gegensatz zur ersten Stunde war das ein Fortschritt.“
„Das stimmt. Ich werde heute Nachmittag Michaels Kollegen anrufen, vielleicht vertritt er dich.“
„Das glaubst du doch selber nicht. Michael wird eins und eins zusammenzählen und dann mich als Grund für eure Trennung rausbekommen. Da wird sich sein Kollege wohl kaum für mich einsetzen. Dann würde er Michael in den Rücken fallen.“
„Ich glaube, das macht ihm nichts aus.“ Kerstin grinste böse „Er und Michael sind sich nicht grün. Jeder versucht den anderen zu übertrumpfen und Eduard hat seiner Zeit keine Möglichkeit ausgelassen mich anzuflirten, nur um Michael zu provozieren.“ Der letzte Satz führte dazu, dass Sascha sich nicht für Kerstins Idee begeistern konnte.
„Zu dem gehst du nicht! Der baggert dich nur wieder an.“
„Das glaube ich nicht. Er ist verheiratet und Michael und ich leben getrennt. Eduard hat sogar meine Scheidungsunterlagen geregelt. Einfach so, weil es ihm Spaß gemacht hat, Michael zu provozieren. Nein Schatz, da musst du dir keine Sorgen machen. Alles was passiert, ist dass du einen erstklassigen Anwalt bekommst.“ Sascha sah Kerstin skeptisch an. So ganz geheuer war ihr das nicht. Wieso sollte dieser Eduard nicht versuchen Michael noch mehr zu demütigen indem er etwas mit seiner Exfrau anfing? Allerdings war Sascha sich sehr sicher, dass Kerstin ihm klar aufzeigen konnte wo seine Grenzen waren. Das hatte sie bei Sascha schließlich auch gemacht.
„Ich habe dir etwas mitgebracht“ Kerstin kramte in ihrer Tasche und zog dann ein paar Fotos hervor „Damit du dich auf den Mann im Haus einstellen kannst.“ Sie rechte Sascha die Bilder. Sascha musste lächeln. Das war also Válás. Ein schwarzer Kater, den ein weißer Punkt auf der Brust, an der Schwanzspitze und weiße Söckchen zierten. Ein putziges Kerlchen. Und dieser kleine Fratz schaffte es Napsütés in Schach zu halten? Sascha sah sich die Pfoten an. Das würde ein stattlicher Kater werden. Er hatte für einen vier Monate alten Kater ziemlich große Pfoten.
„Er könnte ein Kampfkater werden.“
„Wenn ich mir meine Post ansehe, die er letzte Woche zerlegt hat, dann würde ich sagen, ist er bereits einer. Eine Rechnung, geschrädert von Katerpfoten. Und die arme Napsütés hat gestern Abend noch einen auf die Nase bekommen. Sie hat es gewagt den gnädigen Herrn beim Schlafen zu stören.“
„Wo ist meine süße Hündin eigentlich?“
„Bei Andrea, Spezialtraining. Wie schleiche ich mich an und springe dem Einbrecher an die Kehle, oder so. Manchmal mache ich mir Sorgen was aus Napi wird. Eine Polizeihund im Familienverband, oder so.“
„Auf jeden Fall müssen wir keine Türen und Fenster zusperren. Das hat Vorteile“, meinte Sascha amüsiert.
„Wohl wahr.“

„Herr Müller?“ Sascha hatte eine dringende Bitte und wenn es einen Beamten gab, der diese Bitte ernstnahm, verstand und erfüllen würde, dann war es Jonathan Müller. Sie hatte extra bis nach dem Essen gewartet um einigermaßen Ruhe zu haben.
„Bitte?“
„Ich brauche Ihre Hilfe.“
„Gibt es Probleme?“
„Nicht direkt. Es geht um Ausgang. Ich würde gerne Ausgang bekommen. Ich weiß, ich habe das Privileg zu studieren und jeden Tag in die Universität zu gehen, aber ich bräuchte dringend einen Nachmittag Ausgang.“
„So, so. Ich nehme an, es handelt sich um die Ärztin.“
„Ja, Kerstin zieht um und ich würde ihr gerne helfen.“
„Sie wissen, dass selbst wenn Sie Ausgang haben nicht die Stadt verlassen dürfen?“
„Das ist mir bewusst, aber ich würde ihr beim Ausräumen in ihrer Wohnung helfen. Die ist in der Stadt. Bitte, es wäre für einen guten Zweck.“
„Ich glaube Ihnen das. Die Frage ist, wie sieht das die Leitung? Wollen Sie Frau Schnoor erzählen, dass Sie Frau Herzog helfen wollen?“
„Kerstin ist keine Ärztin hier. Und wenn es alles gut geht, dann wird sie es nie zu einer Zeit sein, in der ich Insassin bin. Bitte, ich würde ihr gerne helfen.“
„Ich kann Ihre Bitte gerne vortragen, würde ihnen jedoch raten, sich nicht zu große Hoffnungen zu machen.“
„Danke.“ Sascha wollte bereits gehen als Jonathan Müller meinte:
„Ihre Freundin hat einen großen Umzug vor sich, oder?“
„Ja, sie zieht in ein Bauernhaus, das renoviert werden muss. Wieso?“
„Nathalie hat all meine Einladungen zum Essen für die nächsten Tage abgelehnt weil sie ihr hilft.“
„So weit ich weiß, werden sie, Chris und Benni dort ebenfalls einziehen. In einen Extratrakt.“
„Wirklich?“ Jonathan Müller sah Sascha nachdenklich an „Das hat sie vorenthalten. Typisch. Okay, Frau Mehring, ich werde mein Möglichstes versuchen um Ihnen Ausgang zu verschaffen.“
„Danke.“ Sascha ging froh in ihre Zelle zurück. Wieso Nathalie Jonathan Müller wohl vorenthalten hatte, dass sie umziehen wollte? Sascha verstand die Beziehung der beiden sowieso nicht. Mal schien es als seien sie nur Freunde, dann hatte sie das Gefühl, da war mehr. Aber Nathalie weigerte sich standhaft etwas anderes zu ihrer Beziehung zu sagen, als dass sie Freunde wären.

Teil 24

„Hey du Hausbesitzerin, schön dass du Zeit für mich hast.“ Sascha legte ihre Arme um Kerstins Hals und küsste sie. Endlich konnte sie wieder die Lippen der wunderschönsten Frau der Welt küssen. Kerstin hatte es in den letzten zwei Tagen nicht geschafft Sascha zu besuchen, aber am letzten Tag der Woche hatte sie alles stehen und liegen lassen um ihre Freundin zu sehen. Die letzten drei Stunden, die Sascha nicht in Reutlitz sein musste, wollten sie zusammen verbringen.
„Entschuldige, ich habe die Arbeit völlig überschätzt. Das ist alles so viel, aber dann kann ich dir wenigstens ein ordentliches Zuhause bieten wenn du raus kommst.“
„Hauptsache ich bin bei dir. Mit dir schlafe ich auch in einer Tonne oder in einem stillgelegten Abwasserkanal. Allerdings.“ Sascha musste lächeln „Frau Schnoor hat mir angeboten, mich in den nächsten Wochen mit Uschi zu treffen um mit ihr Vorbereitungen für die Zeit nach meiner Entlassung zu treffen. Ob ich ins Übergangsheim gehe und so.“
„Und? Wirst du?“ Kerstin grinste breit und zog Sascha näher an sich. Es war kalt geworden. Langsam merkte man dem Wetter an, dass es Mitte Oktober war. Heute Nacht war sie sehr froh gewesen, dass sie ihre Wohnung in Berlin bis zum Monatsende behielt und somit eine verlässliche Heizung hatte.
„Nur wenn du das willst.“
„Öhm…nein!“ Kerstin küsste Sascha. „Ich will dich bei mir, dich vor dem Tor abholen und dann nie wieder abgeben.“
„Das hört sich gut an, verdammt gut sogar.“
„Hast du mich verraten?“ Nathalie kam auf Sascha zu und stieß ihr den Zeigefinger vors Brustbein.
„Bitte?“
„Ich meine Jonathan. Hast du ihm gesagt, dass wir zu Kerstin ziehen?“
„Ja.“ Sascha sah Nathalie vorsichtig an.
„Wieso?“
„Wieso sollte er das nicht wissen? Was genau ist eigentlich mit euch? Mal seid ihr unzertrennlich, mal zickt ihr euch an.“
„Sascha, bitte. Sag ihm bitte nicht mehr was mit mir ist. Das geht ihn nichts an. Okay?“
„Okay.“
„Danke.“ Grummelnd verschwand Nathalie wieder. Kerstin sah Sascha überrascht an.
„Was hat die denn?“
„Keine Ahnung. Ich habe dem Müller nur gesagt, dass sie mit den Jungs zu dir zieht. Keine Ahnung was daran falsch war. Er hat auch so komisch reagiert. Die haben eine seltsame Beziehung.“
„Haben sie denn eine? Ich dachte, sie hätte etwas mit einem Professor.“
„Frag mich nicht, ich blicke da nicht durch. Weiber.“
„Schlimm, nicht? Gut dass wir beide da ganz anders sind, richtig unweibisch. Los, ab in die Universitätsbibliothek, wir müssen uns um deine Bücher kümmern.“
„Seit wann bist du so darauf erpicht, dass ich pünktlich zu meinen Büchern komme?“, grinste Sascha.
„Seit ich alles verhindern will, dass dich von deiner vorzeitigen Entlassung abbringen kann. Oder hast den Spontanbesuch vom Müller vergessen? Ich will gar nicht wissen, wie es wäre wenn die Schiller plötzlich hinter uns stehen würde.“ Kerstin machte Geräusche als wenn sie brechen müsste. „Wie war es bei Jansen?“
„Naja, wir schlagen uns langsam durch das Programm…also, nicht schlagen in dem Sinne, sondern wir reißen das alles ab. Er will wieder in den Dienst, ich will raus. Die Schnoor und der Strauß waren sich einig, dass er zuerst die Gespräche hinter sich bringen soll bevor er wieder in Reutlitz arbeiten darf. Deswegen ist er relativ nett zu mir.“
„Sein Glück.“ Kerstin legte ihren Arm um Sascha und schlenderte mit ihr in die Universitätsbibliothek. So schlimm war es gar nicht die Zeit mit Sascha in der Bibliothek zu verbringen. Hauptsache sie konnten überhaupt zusammen sein.

„Frau Mehring?“ Birgit Schnoor kam auf Sascha zu, die gerade von der Universität zurück war.
„Ja bitte?“
„Ich habe eine Nachricht von der Justizverwaltung für Sie. Es ist wegen Ihres Ausganges.“ Sascha sah Birgit Schnoor gespannt an. Hatte sie den Ausgang bekommen? Konnte sie endlich einen Nachmittag mit Kerstin verbringen ohne sich auf dem Universitätsgelände aufzuhalten? Kerstins neues Zuhause sehen? Oder das alte? Dann hätten sie endlich einmal Zeit fürs ich, ohne lästige Zuschauer. Und Sascha würde Válás kennen lernen.
„Ja?“
„Es tut mir Leid, er wurde abgelehnt.“ Sascha sah Birgit Schnoor traurig an. Verdammt.
„Wieso?“ Adios Nachmittag mit Kerstin. Nun musste sie wieder darauf warten, dass ihre Angebetete zu ihr kam.
„Die Justizverwaltung meint, mit ihrem Entgegenkommen, dass Sie draußen studieren dürfen, wäre das Maß an Sonderrechten voll. Alles andere könnte nicht genehmigt werden.“ Na super. Sascha war kurz davor vorzuschlagen, eine Woche auf die Universität zu verzichten um dafür Ausgang zu bekommen, aber wie sollte sie das erklären? Ich will mit eurer Ärztin in Spe ausgehen? Wir sind zusammen und lieben uns und es geht uns auf die Nerven beim Knutschen immer von anderen Studenten angestarrt zu werden. Das waren wohl kaum die passenden Worte um Ausgang zu bekommen.
„Na, da kann man nichts machen. Schade.“
„Gab es einen dringenden Grund? Sie hatten keinen besonderen Grund eingetragen.“
„Nein, nein, ich wäre nur mal gerne durch die Berliner Innenstadt geschlendert. In den vierzehn Jahren, die ich nicht mehr dort war hat sich sicherlich vieles getan. Alleine schon wegen der Wende. Wenn ich überlege was ich alles gesehen habe auf dem Weg zur Universität. Sehr beeindruckend.“
„Ja, das kann ich mir vorstellen.“ Sascha merkte, dass Birgit Schnoor ihr gerne den Ausgang genehmigt hatte, aber sie konnte sie schlecht über die Entscheidung der Justizverwaltung hinwegsetzen.
„Haben Sie Frau Herzog in der letzten Zeit gesehen?“ Huch, was sollte denn die Frage? Wollte sie Birgit Schnoor aushorchen oder war es einfach Interesse?
„Ja, heute noch.“ Lieber nichts leugnen. Vielleicht war ein Beamter an der Universität gewesen und hatte sie beide gesehen. Dann hoffte Sascha allerdings, dass sie keiner beim Küssen beobachtet hatte. Sie konnte sich nicht angewöhnen Kerstin nur versteckt zu küssen. Das ging einfach nicht.
„Dann wissen Sie ja, dass sie wohl erst in einem Jahr hier anfangen wird wegen ihrem Kind. Ich finde das bewundernswert dass sie trotz der Schwangerschaft nun alleine den Umzug organisiert. Wieso Herr Lehnhardt ihr dabei nicht hilft.“ Wusste Frau Schnoor nichts von der Trennung? Als Kerstin sich beworben hatte, da war sie wohl noch seine Frau gewesen, sonst würde Frau Schnoor den aktuellen Stand aus den Bewerbungsunterlagen erkennen.
„Die beiden lassen sich gerade scheiden.“ Sascha war überrascht von sich solche Worte zu hören.
„Wirklich? Sie waren doch erst frisch verheiratet.“
„So wie Kerstin erzählt hat, hat sie sich durch die Zeit hier sehr verändert und Herr Lehnhardt ist mit dieser Veränderung schwer zurecht gekommen. Und dann war er gegen die Tiere, die sie sich geholt hat.“
„Tiere?“
„Ja, einen Hundewelpen und ein Kätzchen. Er hat sie vor die Wahl gestellt: entweder er oder die Tiere. Und sie ist nicht der Typ, der sich erpressen lässt. Deswegen läuft gerade die Scheidung. Mal ganz davon abgesehen, dass er ihr den Beruf verbieten wollte.“
„Dann werden die nächsten Monate doppelt hart für sie.“ Birgit Schnoor sah nachdenklich aus. Scheidung, Umzug, Schwangerschaft, Jobsuche. Manch einer war mit einem dieser Dinge bereits überfordert.  

„Fang.“ Walter warf Sascha einen Schokoriegel zu.
„Danke, womit habe ich den verdient?“
„Einfach so. Ist ein Geschenk unserer neuen Zellengenossin. Ich habe ihr kurz gezeigt wer der Boss ist.“
„Sie hat an dir gezweifelt?“
„Sie hat mich nicht unterstützt und wer weiß was in dem Hirn vorgeht. Vorsicht ist besser als Nachsicht.“
„Und jetzt?“
„Jetzt wird sie gerade vom Doc verarztet. Die Küken heutzutage halten nichts mehr aus.“ Sascha wollte gerade fragen seit wann Walter auf dem Gewalttrip war als diese Mel entdeckte und in deren Richtung davon lief. Sascha steckte den Schokoriegel in die Tasche. Sie musste sich mehr um Reutlitz kümmern, irgendwie lief alles an ihr vorbei.
„Herr Müller?“
„Ja?“ Jonathan Müller drehte sich um „Ist es wegen dem Antrag. Frau Schnoor wollte…“
„Hat sie bereits. Ist abgelehnt. Nein, ich wollte fragen, ob Nico von der Krankenstation kommt oder ob die dableiben muss.“
„Ich denke mal, sie wird das Wochenende dort verbringen. Wieso? Wissen Sie etwas über ihrem Unfall?“ Jonathan Müller musste die Antwort auf die se Frage klar sein. Immer wenn eine Schluse eine Insassin wegen eines Vorfalls fragte, dann wusste se von nichts. Das war so, ist so und würde immer so bleiben. Die Knastregeln eben.
„Nein, ich wollte ihr dann ihre Sachen bringen wenn das okay ist. Außerdem habe ich ihr ein Buch für den Förderkurs mitgebracht.“
„Gut, holen Sie die Sachen, ich bringe Sie auf die Krankenstation.“ Sascha lief in die Zelle, packte ein paar Sachen zusammen, schnappte sich ein Buch und ließ sich dann auf die Krankenstation bringen. Wieso all das machte war ihr nicht einmal bewusst.
„Da ist es. Ich hole Sie dann gleich wieder ab. Ich gehe mal davon aus, dass Sie mit ihr reden wollen.“ Er lächelte ihr zu. Dieser Mann schien Sascha besser zu kennen als sie dachte. Aber er wusste auch mehr über sie als alle anderen Schlusen.
„Danke.“ Sascha klopfte an und trat in das Krankenzimmer. Nico lag in einem Bett, den linken Arm eingegipst und starrte aus dem Fenster.
„Hi, ich habe hier etwas, was dir gehört.“ Sascha legte ihr den Schokoriegel aufs Bett.
„Schickt Walter dich?“ Nico sah sie nicht an.
„Nein, die heckt irgendetwas mit Mel aus, keine Ahnung was. Wieso?“
„Ich verdanke ihr den Aufenthalt hier, aber das wirst du wissen.“
„Ja, Walter hat es mir erzählt. Was läuft da eigentlich für ein seltsames Spiel?“
„Was fragst du mich das? Sie hat mir den Arm gebrochen, nicht umgekehrt. Keine Ahnung wem sie etwas beweisen muss mit ihrem „Boss – Gehabe“. Sie und ein paar andere spielen dieses Spiel seit Wochen. Wieso sie mich da mit reinzieht weiß ich nicht.“
„Sie denkt, du willst ihr den Platz als Boss streitig machen“, meinte Sascha. Nico lachte trocken.
„Dieser Scheiß interessiert mich nicht im Geringsten. Von mir aus sollen die ihren Boss ausmachen, ich habe da kein Interesse dran. Alles was ich will, ist meine Ruhe.“
„Wieso halten dich alle für gefährlich?“
„Schwere Körperverletzung mit Tötungsabsicht.“
„Na super, damit bist du nicht die Einzigste in Reutlitz, aber nur bei dir wird so ein Aufstand gefahren. Ich habe manchmal das Gefühl sogar die Schlusen haben Respekt vor dir.“
„Ich bin gemeingefährlich. So oder so ähnlich drückte es der Staatsanwalt aus. Eine gemeingefährliche Psychopathin, die jederzeit zu einer Mörderin werden kann und deswegen weggesperrt gehört.“ Nico sagte das so, als wenn es nicht um sie gehen würde.
„Was hast du gemacht?“
„Wieso ist das wichtig?“
„Wieso ist es ein Geheimnis?“
„Weil es keinen etwas angeht. Ich frage dich auch nicht wen du auf dem Gewissen hast.“ Sascha Blick wurde traurig weil sie unweigerlich an Doreen denken musste.

Teil 25

„Nathalie, kannst du mir einen Gefallen tun?“ Sascha hatte eine Idee, wie sie ein paar Fragen beantwortet bekam.
„Hat es was mit Jonathan zu tun?“
„Nein.“ Nathalies Gesicht entspannte sich. Sascha würde wirklich gerne wissen was derzeit zwischen den beiden los war.
„Kerstin?“
„Ausnahmsweise nicht“, lachte Sascha. Es gab Dinge, die nichts mit Kerstin zu tun hatten und sie trotzdem interessierten.
„Illegal?“
„Nicht für dich.“
„Sascha, sag nicht, du willst das Unigelände verlassen.“
„Nicht wirklich.“
„Sondern?“
„Du kannst hier online, oder?“
„Ja.“
„Gut. Ich würde gerne etwas im Internet suchen, aber habe leider keine Zugriffsdaten. Könntest du mir deine leihen?“
„Was suchst du denn?“
„Eine Verurteilung einer Mitgefangenen.“ Wozu hätte sie Nathalie anlügen sollen? Sie wollte endlich wissen was Nico gemacht hat. „Und kein Wort zum Müller.“ Eine wahrscheinlich im Moment unnötige Bitte.
„Keine Angst, der erfährt nichts. Okay, so lange du keine geheimen Daten knacken willst oder andere illegale Dinge vorhast, kannst du gerne surfen.“ Nathalie schrieb Sascha ihren Benutzernamen und ihr Passwort auf.
„Keine Panik, ich will nur auf Seiten, die mir die Suchmaschine ganz offiziell anbietet. Zeigst du mir kurz wie das alles geht? Ich habe das noch nie gemacht.“ Sascha hob ihr Buch hoch. Internet für Anfänger, leicht und verständlich, aber Sascha zog ein learning by doing vor. Das leicht und verständlich bezog sich nämlich nur auf Leute, die jede Menge Zeit zum Lesen hatten.
„Klar, entschuldige.“ Nathalie begleitete Sascha zu einem der Computer, die ein wenig abseits standen. Schnell lockte sie sich ein und öffnete Sascha die Startseite.
„Pass auf, nimm www.google.de, das ist schön übersichtlich, da stört dich keine Werbung. Die Adresse kommt das oben rein.“ Sie zeigte auf die Adresszeile und ließ Sascha tippen.
„Nachdem du eine Adresse eingegeben hast, musst du „Enter“ drücken. So, da ist Google. Da gibst du den Suchbegriff ein, wählst zwischen Suche weltweit, Seiten aus Deutschland und Seiten auf Deutsch und dann macht dir eine riesige Liste mit Ergebnissen auf.“ Nathalie tippte Uni Berlin in die Suchleiste, drückte Enter und schon hatten sie jede Menge Ergebnisse.
„Dann klickst du einfach auf die unterstrichene Überschrift wenn du etwas gefunden hast, was dich interessiert und du kommst automatisch zu der Seite. Hier.“ Sie klickte auf die Hauptseite der Universität Berlin.
„Hier kannst du alles anklicken, was den Curserpfeil in eine Hand verwandelt. Willst du zurück, kannst du oben auf den Zurück-Pfeil klicken oder gibst wieder www.google.de in die Adressleiste ein. Okay?“
„Ich denke ja. Ist ganz logisch.“
„Meine ich doch. Die Ergebnisse werden meistens schlechter je weiter unten sie stehen. Meistens sie die Hauptseiten in den ersten fünf Ergebnissen. Wenn du Probleme hast, ich bin bei den Dichtern.“
„Danke.“ Sascha klickte auf den Zurückpfeil bis sie bei der Suchleiste angekommen war und löschte Nathalies Suche. Was sollte sie eingeben? Nicos Namen? Mit Ort? Mit Tat? Das ungefähre Datum? Sie entschied sich für Nicola Schulte schwere Körperverletzung Berlin. Hoffentlich waren das nicht zu viele Worte. Bei weniger Worten hatte sie aber Angst, nicht präzise genau zu suchen. In weniger als einer Sekunde hatte sie die Ergebnisse. Und bereits das erste Angebot war ein Treffer. Ein Zeitungsbericht. Sascha klickte auf die Überschrift und wurde weitergeleitet. Nun wurde es spannend.

Schwere Körperverletzung mit Tötungsabsicht urteilt das Gericht, stand da als Überschrift.
Die dreiundzwanzig Jährige Nicola Schulte, die als brutale und rücksichtslose „Schneidefrau“ Schlagzeilen machte, ist von Landgericht Berlin wegen schwerer Körperverletzung mit Tötungsabsicht zu einer Lebenslangen Haft verurteilt worden. Schulte hatte am Jahresbeginn Schlagzeilen gemacht als sie wegen der Verstümmelung eines Mannes mit einer Brotschneidemaschine Aufmerksamkeit erregt hatte. Die Brutalität und Kaltschnäuzigkeit der Täterin ließe auf eine große Gefahr für die Bevölkerung schließen. Schulte hatte den Vater ihrer Stiefschwester mit der Brotmaschine entmannt und hatte selber die Polizei gerufen als sie mit ihrer Tat fertig war. Die Tat schockierte sogar Beamte, die bereits seit Jahren bei der Polizei sind.  

Sascha pfiff leise. Nicht schlecht. Und das waren nur die nackten Fakten der Titelseite, dann konnte sie sich ungefähr ausmalen was in den ausführlichen Berichten zur Tatzeit gestanden hatte. Eine solche Tat hätte sie Nico nicht zugetraut.
„Und? Gefunden?“ Sascha zuckte erschrocken zusammen als Nathalie plötzlich hinter ihr stand.
„Ja, danke.“ Das waren aber kurze Gedichte gewesen.
„Wow, von dem Fall habe ich damals auch gehört.“ Nathalie überflog den Bericht. Der hatte für viel Aufsehen in Berlin gesorgt.
„War ja ein starkes Stück. Unsere Jungs haben die Höchststrafe gefordert, aber wen wundert es? Sie fühlten sich persönlich angegriffen. Kennst du die Frau?“
„Sie ist meine Zellengenossin.“
„Gut dass du kein Mann bist“, grinste Nathalie.
„Ich hätte nie gedacht, dass sie so etwas gemacht hat…ich meine, ich war sowieso überrascht als sie meinte, sie würde wegen schwerer Körperverletzung mit Tötungsabsicht sitzen.“ Sascha starte erneut auf den Bericht. Kein Wunder, dass vor allem die männlichen Schlusen ein Problem mit Nico hatten.
„Wieso? Ist sie kein „schweres Mädchen?““
„Nee, überhaupt nicht. Keine Prügelei, keine Pöbelei, nichts. Sie macht meine Kurse weiter und sonst sitzt sie alleine in einer Ecke, liest und redet kaum. Da haben wir jede Menge Frauen, die ich als gewalttätiger einstufen würde.“
„Stille Wasser sind tief. Psychopathen fallen nie auf, erst wenn sie ihre Tat begehen nimmt die Umwelt sie wahr.“
„Ich merkes.“ Sascha schloss die Internetseite. Sollte sie Walter wirklich davon erzählen? Sascha war sich nicht mehr sicher. Nico anscheinend keinen Wert darauf zu legen, dass die Frauen erfuhren was sie getan hatte.
„Psychopharmaka?“
„Bitte?“ Sascha sah Nathalie fragend an.
„Meinst du, sie steht unter Psychopharmaka?“
„Ich glaube nicht. So weit ich weiß, war sie in der Psychiatrie bevor sie nach Reutlitz kam, aber sie nimmt keine Tabletten.“
„Pass mir bloß auf dich auf wenn du schläfst. Nicht dass Kerstin demnächst mit einer zerteilten Sascha zusammenziehen muss. Der Kopf im Schlafzimmer, das linke Bein in der Küche, der rechte Arm im Bad, oder so.“ Sascha musste prusten. Das war sehr unwahrscheinlich. Kerstin würde sie am Stück bekommen. Kerstin! Das erinnerte Sascha an den nicht genehmigten Ausgang. Und dass Kerstin sie heute besuchen wollte. Es sei denn, es kam mal wieder etwas dazwischen, aber gestern Abend hatte sie optimistisch geklungen.

„Hey, ich habe uns mexikanisches Essen mitgebracht. Magst du Tacos?“ Kerstin küsste Sascha und stellte einen Korb neben sie, aus dem es verführerisch duftete. Zu Saschas Überraschung machte Napsütés keine Anstalten sich auf den Inhalt zu stürzen.
„Ich weiß nicht.“
„Oh, sorry, ich vergaß, das ist ja Neuland für dich.“ Kerstin schlug sich vor die Stirn.
„Kein Problem. Es riecht gut. Nur, wo ist der Harken?“
„Wieso?“
„Irgendetwas kann mit dem Essen nicht stimmen. Napi hat keine Anstalten gemacht sich auf den Korb zu stürzen.“
„Ja, sie hat endlich gelernt, dass sie nur das Fressen darf, was ich ihr erlaube. Zumindest hat sie die Grundkenntnisse, den Feinschliff müssen wir in den nächsten Tagen machen. Jetzt wird sie hoffentlich nie wieder Mittagessen anderer Leute fressen.“ Kerstin streichelte ihre Rotweilerhündin, die sich neben sie gelegt hatte und sie treu ansah.
„Och Napi.“ Sascha nahm die Hündin in den Arm und knuddelte sie. „Manieren sind doof, gell? Davon wird man nicht satt.“
„Hör auf, sie soll schließlich später den Hof bewachen und sich nicht kaufen lassen.“
„Dafür hast du doch mich. Ich werde alle vertreiben.“ Sascha küsste Kerstin grinsend.
„Dich lasse ich erst gar nicht aus dem Haus, du wirst immer schön in der Küche bleiben, kochen und dich um unser Kind kümmern. Und wenn ich abends nach Hause komme, wirst du zu meiner persönlichen Belustigung bereit stehen, meine Lustsklavin.“
„Das könnte dir so passen. Ich werde sicherlich kein Heimchen am Herd. Über die Lustsklavin können wir reden sobald du eingesehen hast, dass wir eine gleichberechtigte Beziehung führen.“ Sascha grinste und wurde dann ernst. Da gab es eine Frage, die sie Kerstin bereits seit Längerem stellen wollte.
„Was hat Michael eigentlich dazu gesagt, dass du schwanger bist? Oder weiß er das gar nicht?“
„Er weiß es, ich kann es langsam nicht mehr verbergen und er sieht mich wenn ich bei Eduard bin. Er hat sich übrings deiner angenommen und prüft nun mit welchen Mitteln er dich rausholen kann. Dass das Michael ärgert spornt ihn zusätzlich an. Michael hat auch angekündigt, dass er um das Sorgerecht kämpfen will. Er will sich nicht aus dem Leben verdrängen und du sollst schon dreimal nicht seinen Platz einnehmen, Es reicht ihm völlig dich an meiner Seite zu sehen. Aber bei dieser Sache wird Eduard ebenfalls sehen, wie er ihm eins auswischen kann.“
„Faszinierend. Und sie teilen sich ein Büro?“
„Ja.“ Kerstin grinste.
„So lange dich keiner von beiden belästigt. Ich kann nicht behaupte, dass es mir gefällt dich in Michaels Nähe zu wissen. Und seine Bestrebungen was das Sorgerecht angeht kann ich zwar nachvollziehen, aber nicht unterstützen. Der soll sich einen eigene Frau suchen, du bist meine.“ Okay, eigentlich hatte Sascha Michael die Frau weggenommen, aber er war selber Schuld dran. Und er hatte Kerstin nicht verdient.
„Noch bin ich leider seine Frau. Die Scheidung ist nicht vollzogen. Trotzdem wird es unser Kind, Sascha. Wir beide werde die Eltern.“ Bei diesen Worten wurde Sascha abwechselnd heiß und kalt. Kerstin involvierte sie wirklich komplett in das Leben des Babys. Sie beiden würden die Eltern sein, nicht Kerstin und Michael. Sascha freute sich darauf mit Kerstin und dem Kind zusammen zu wohnen, wie eine richtige Familie. Sie hätte nie gedacht, dass sie sich für einen so kitschigen Gedanken begeistern könnte. Je länger sie sich jedoch Bilder von sich, Kerstin und dem Kind im Kopf herumgehen ließ umso mehr freute sie sich auf diese Zeit. Sie könnte mit dem Baby zusammen die Welt neu entdecken. So lange wie sie im Gefängnis gewesen war, da war das Leben in Freiheit etwas ganz Neues für sie. Sie würden zusammen in den Zoo gehen, die waren nach der Wende sicherlich um einige Tiere reicher geworden, würden zelten fahren und ans Meer zum Muscheln sammeln. Und Sascha konnte endlich in die Berge und in andere Länder als die Tschechei. Sie würde vielleicht sogar in ein paar Jahren, wenn das Kind größer war, die USA oder Australien besuchen können. Länder, von denen sie bisher immer nur hatte träumen können. Und die Atlantikküste. Kerstins und Saschas Reiseziel Nummer eins. Kerstin hatte ihr versprochen, dass sie zusammen dort hinfahren würden.

Teil 26

„Wenn das hier fertig ist, dann mache ich drei Kreuze.“ Kerstin schleppte die nächste Kiste die Treppe herauf in ihr Schlafzimmer. Bereits den ganzen Tag über war sie unterwegs zwischen ihrer Wohnung in Berlin und dem Bauernhof und schleppte Umzugskartons. Es wurde dringend Zeit dass sie ihre Sachen aus der Wohnung räumte, in zehn Tagen wollten die neuen Mieter einziehen. Nur gut, dass die Handwerker das Dach des Bauernhauses dicht gemacht hatten und die nötigsten Tätigkeiten im Haus ebenfalls so gut wie abgeschlossen war. Sie verfügte inzwischen in den zwei Zimmern oben über Licht, Heizung und fließend heißes Wasser, ebenso sah es unten aus. Alles andere, was die Handwerker nicht bis zum Monatsende schafften, war nicht ganz so wichtig. Gestern waren alle Fenster eingebaut worden und heute waren drei Männer damit beschäftigt den Keller aus Vordermann zu bringen. Das hieß ausräumen, säubern und wie ihr mitgeteilt wurde, Fallen und Gifte gegen Ungeziefer legen. Anscheinend war der Keller ein Geheimtipp von Ratten und Mäusen gewesen, denen es an den Kragen gehen sollte.
„Was hast du eigentlich alles eingepackt? Die Pflastersteine vor dem Haus?“ Chris stöhnte unter der Last seines Kartons.
„Ich glaube, wir sind bei den Kartons mit Büchern und Kleidern.“
„Du hättest dir einen Lifter kaufen sollen. Dann könnten wir die Kartons auf den Sitz stellen und hochfahren lassen.“
„Ja, besser wäre es gewesen. Wäre mein Konto voller würde ich das machen lassen.“ Kerstin stellte den Karton auf einen anderen. Das Zimmer, in dem sie derzeit alle Kartons unterstellten sollte das Kinderzimmer werden. Wie gut dass sie bis zu der Geburt noch Zeit hatte. Bis das ein Kinderzimmer war, würde einiges an Zeit vergehen.
„Kerstin? Dein Telefon ist angeschlossen. Wo willst du den zweiten Anschluss hin haben?“, rief Benni von unten. Der Mann von der Telefongesellschaft hatte ihr einen neuen Anschluss gelegt.
„Scheiße“ Das hatte sie vergessen. Der zweite Anschluss sollte nach oben, in ihr zukünftiges Arbeitszimmer. Dann musste dies wohl ihr Arbeitszimmer werden.
„Hier oben, wo die Kartons stehen. Ich mache euch einen Platz neben dem Fenster frei, da kann der neue Anschluss hin.“ Fluchend schob sie die Kartons und Kisten zur Seite. Okay Baby, du bekommst dein Zimmer, wir werden einfach die anderen vier renovieren bevor du da bist und du bekommst das Schönster, versprach sie dem Lebewesen in sich. Darauf hätte sie eher kommen können.
„Hier, hier wäre es schön. Dann kann der Schreibtisch vors Fenster.“ Sie zeigte an die Stelle an der Wand, die rechts neben dem Fenster war. Der Mann von der Telefongesellschaft nickte und machte sich an die Arbeit. Kerstin stürmte so schnell sie konnte die Treppe herunter, denn Napsütés stand auf dem Hof und bellte aufgeregt. Wahrscheinlich sah sie in einen der Handwerker eine Bedrohung.
„Napi, aus.“ Sie fing die Hündin ein. Es war der Malermeister mit seinen zwei Gesellen, die von der Hündin in Schach gehalten worden waren.
„Danke“, sagte der Malermeister „Du bist ganz schön frech für einen so kleinen Hund.“ Er kniete sich nieder um Napsütés zu sich zu locken, doch diese knurrte weiter.
„Ich bringe dich in die Scheune.“ Gut dass die Jungs bei ihrem Rundgang eine Tierbox gefunden hatten, die von einer eineinhalb Meter hohen Holzwand umgeben war. Da konnte Napsütés sich erst einmal hinlegen. So lange wie die Handwerker hier waren wollte Kerstin sie ungern frei herumlaufen lassen.
„Das Auto ist leer. Sollen wir eine neue Ladung holen?“, fragte Chris. Kerstin sah auf ihre Uhr. Es war fast Mittag.
„Lass uns nach Berlin fahren, ihr beide macht Pause und ich gehe zu Sascha. Dann muss Napi auch nicht in der Scheune bleiben.“
„Okay, du gehst zu Sascha und wir holen uns unsere beiden Kumpel und den Sprinter. Dann bringen wir deine großen Sachen schon mal her. Wir fangen mit den Möbeln im Wohnzimmer an und dann die in der Küche, okay?“
„Ihr seid die Größten.“
„Wissen wir.“ Chris grinste.

„Ich hasse es hier festzusitzen“, maulte Sascha. Sie ärgerte sich erneut darüber Kerstin nicht beim Umzug helfen zu können. Das war nicht fair „Am Liebsten würde ich einfach abhauen und dir helfen.“
„Unterstehe dich.“ Kerstin fasste sie an den Schultern „Du wirst schön deine Auflagen erfüllen. Ich habe keine Lust wegen drei Kisten, die du tragen könntest, länger auf deine Entlassung zu warten. Kapiert?“
„Ja.“ Sascha sah Kerstin zerknirscht an. Das war eine deutliche Aussage gewesen und sie hatte Recht. Sascha durfte auf keinen Fall ihre Entlassung gefährden, aber es war so frustrierend. Sie wollte doch nur helfen.
„Gut. Dann sag mir, was du dir für ein Bett wünscht.“
„Was?“
„Naja, ich wollte uns ein schönes Bett aussuchen. Und du sollst Wünsche äußern wie es aussehen soll. Oder soll ich Kataloge mitbringen?“
„Mhm, ich mag diese französischen Betten. Und dann wenn du eine Bettdecke findest, die doppelt so groß ist wie die Normalen, wäre das ideal. Eine riesige Decke, unter der man bequem zu zweit Platz findet. Obwohl, ich werde mich sowieso so eng an dich pressen, dass uns eine Tischdecke reichen würde.“ Sascha grinste und legte den Kopf an Kerstins Schulter. Diese wuschelte ihr durch Haar.
„Okay, ich werde mal sehen, ob ich etwas finde. Die Tischdecke könnte knapp werden. Vergiss nicht, ich bin bald eine Kugel, was da an Decke weggeht.“ Kerstin sah auf ihren stetig wachsenden Bauch. Sascha streichelte mit ihrer Hand vorsichtig über den gespannten Pulli.
„Ich finde, es fühlt sich schön an.“
„Zu gut, wenn du mich fragst. Ich falle gleich über dich her.“ Sascha sah Kerstin überrascht an und musste dann grinsen.
„Wie, du fällst über mich her? Frau Doktor, was sind das denn für Worte? Sie sind doch sonst immer so…so zurückhaltend.“
„Irgendwann ist es vorbei mit der Zurückhaltung. Sascha, ich will dich spüren und nicht nur deine Lippen auf meinen.“ Kerstin flüsterte fast und lief tiefrot an. Das machte sie für Sascha noch schöner.
„Hier wäre wohl kaum der richtige Platz für unseren ersten Sex, oder?“ Kerstin schüttelte den Kopf.
„Und weil du gesagt hast, ich soll nichts machen, was meine Entlassung gefährdet, kann ich dich schlecht in deine Wohnung begleiten. Glaub, ich würde das sehr gerne machen, aber es wäre zu gefährlich…wobei das ein zusätzlicher Reiz ist.“
„Es steht zuviel auf dem Spiel.“ Kerstin küsste Sascha. Sie mussten vernünftig bleiben. So gerne sie Sascha in ihr Auto packen würde mit zu sich nehmen würde, es war zu gefährlich.
„Wenn wir Glück haben, sind wir in bereits in zwei Monaten unzertrennlich und für dich lohnt sich jede Warten.“ Sascha legte ihren Kopf auf Kerstins Bauchansatz. Es war zum Mäusemelken. Sie befanden sich in einer Zwickmühle aus Gefühlen des Verlangens und der Vernunft, die siegen musste.

Am Abend war Kerstin alleine Zuhause. Eigentlich hatte sie mit dem Ausräumen der Kartons anfangen wollen, aber wohin hätte sie alles stellen sollen? Ihr Schlafzimmer hatte zwar einen neuen Teppich und neue Tapete, mehr jedoch nicht. Sie schlief auf einer Matratze. Und in der Küche standen die Möbel bloß herum, nichts war angeschlossen, nichts stand so, dass sie sagen konnte, es würde so bleiben. Wenn sie jetzt mit dem Einräumen begann, konnte es passieren, dass sie morgen wieder alles ausräumen konnte. Napsütés kam zu ihr in ihr zukünftiges Arbeitszimmer. Sie hatte sowohl ihre Hündin als auch den Kater mitgenommen. Válás erkundete momentan sein neues Zuhause. Kerstin hatte mehrmals nachgesehen ob die Tür zum Keller abgeschlossen war. Sie wollte nicht, dass Válás ein Opfer des Kammerjägers wurde weil er die Köder für die Ratten und Mäuse fraß.
„Na komm her, meine Kleine“, lockte Kerstin die Hündin zu sich, die sich gerne vor ihrem Frauchen auf den Boden fallen ließ. Leise seufzend legte Napsütés ihren Kopf auf Kerstins Beine und sah sie treu an. So ganz schien sie die neue Situation nicht zu verstehen. Wieso hatten sie zwei Zuhause? Sehr seltsam. Plötzlich klingelte das Telefon. Das musste Sascha sein. Außer ihr und Kerstins zukünftigen Mitbewohnern hatte keiner ihre Nummer.
„Hallo?“, rief sie trotz ihrer Müdigkeit freudig in den Hörer.
„Kind.“ Oh Gott, diese Stimme war nicht Saschas, das war eindeutig eine andere Stimme. Es konnte sich nur um ihre…
„Mama?“ handeln. Woher hatte sie diese Nummer? Wer hatte ihr das angetan?
„Ja, wer denn sonst? Also ich muss ja sagen, wie kannst du umziehen ohne uns deine neue Nummer zu sagen? Wenn dieser nette Mann nicht wäre, der mit deinem Michael…“ Eduard. Genau, der hatte auch ihre neue Nummer um sie über die neusten Entwicklungen über ihre Scheidung und Saschas Entlassung zu informieren. Dann konnte sich Kerstin vorstellen was sie nun erwarten würde. Ihre Mutter hatte ewig lange herumtelefoniert um ihre neue Nummer zu erfahren und würde es ihr vorhalten. Innerlich stöhnend suchte sie sich eine bequeme Position auf ihrer Decke um das Gewitter über sich ergehen zu lassen. Michael! Scheiße, von der Trennung wussten ihre Eltern ja gar nichts. Das hatte sie ihnen nicht gesagt als sie nach Mallorca umzogen. Genauso wie die Schwangerschaft. Verdammt, das würde ein laaanges Telefonat und es würde alles andere als positiv für sie verlaufen. Kerstin bereute es, keine Flasche Wein in Reichweite zu haben. Aber sie hätte auch gar nichts trinken dürfen. So nahm sie Napsütés in den Arm und suchte Schutz vor dem drohenden Donnerwetter bei ihr.
„…ein wirklich netter Mann…“, hörte sie ihre Mutter sagen. Sie musste sich dringend gedanklich wieder in das Gespräch einklinken.
„Wer?“
„Dieser Eduard. Sehr höfflich, sehr zuvorkommend. Er hat sogar eine wichtige Sitzung unterbrochen um mir die Nummer zu geben. Hoffentlich schneidet sich Michael da eine Scheibe ab. Nichts gegen deinen Mann, er muss seine Qualitäten haben wenn du ihn geheiratet hast, aber wenn es um seine Arbeit ging, dann war er nie zu erreichen. Nicht einmal seine Hilfe hat er beim Umzug angeboten…“ Ja, das war ein kleiner Lichtblick. Ihre Mutter war nie ein großer von Michael gewesen. Jetzt würde sie es auch nicht mehr werden müssen. Wie praktisch. Kerstin verzog das Gesicht zu einem seltsamen Grinsen. Wenigstens hatte sie ihren Galgenhumor. Hoffentlich half ihr der über die nächsten Minuten...oder Stunden. Je nachdem wie sehr ihre Mutter in Form war.
„Mama…“ Ganz langsam, ganz vorsichtig, sie musste es tun. Es führte kein Weg an der Wahrheit vorbei.
„Oh, entschuldige Kleines. Ich rede und rede und du kommst gar nicht zu Wort. Erzähl, wie läuft der Umzug? Hast du Hilfe? Schafft ihr das? Ist der Hof in einem guten Zustand? Sollen wir vorbei kommen und helfen? Ein so großes Anwesen ist viel Arbeit. Naja, Michael verdient Geld, er kann Leute einstellen…“ Ja, ihre Mutter redete zuviel. Kerstin holte tief Luft. Dann musste es eben ohne vorsichtige Einleitung gehen. Wenn sie versuchen würde ihre Mutter mit Gefühl und Taktik auf die Neuigkeiten vorzubereiten, würde sie morgen früh noch am Telefon sitzen.
„…ich weiß noch wie das bei uns war. Also, dein Vater…“ Ohne Punkt und Komma. Keine Chance dazwischen zu kommen. Kerstin hätte schreien können.
„Mama, Michael und ich haben uns getrennt.“ So, warten, hoffen sie hat es gehört, verstanden und dann darauf warten wie es wirkt. Kerstin hatte die Augen geschlossen, obwohl dies völliger Blödsinn war. Ob offenen oder geschlossene Augen, ihre Mutter konnte sie so oder so nicht sehen. Aber die Stille, die sich auftat war schön. Das erste Mal seit Jahren dass ihre Mutter sprachlos war am Telefon. Das war es ihr wert gewesen. Mal sehen wie lange diese wohltuende Stille anhielt. Vielleicht legte sie aus Schreck auf.
„Bitte?“ Na gut, kein Auflegen.
„Ja, war haben uns getrennt. Du weißt doch, ich habe mir den Hund und die Katze geholt…“ Hatte sie ihren Eltern davon erzählt? Hoffentlich. Sonst gebe es neuen Ärger.
„Ja, diesen Kampfhund. Ich finde…“ Nein, Kerstin wollte keine neue Abhandlung darüber hören wie gefährlich der friedlich schlafende Hund auf ihren Beinen war.
„Mama, lass Napi aus dem Spiel. Michael wollte, dass ich beide Tiere wieder abgebe und mich aus meinem Beruf zurückziehe. Da habe ich ihm gesagt, dass nicht machen werden und er ist gegangen. Die Scheidung läuft bereits.“ Puh, die Geschehnisse in ein paar Sätze gepresst. Anders hatte man keine Chance gegen ihre Mutter zu bestehen.
„Du lässt dich scheiden?“ Die entsetzte Stimme der Mutter verriet Kerstin was nun auf sie zukommen würde. Den Kopf gegen die Wand fallen lassend rutschte sie die Wand herab. Nun war alles zu spät. Ihre Mutter würde reden. Lange. Erbarmungslos. Ohne Zeit für eine Richtigstellung falls sie etwas falsch verstanden hatte. Kerstin legte den Hörer auf den Boden und rollte sich auf der Decke zusammen. Das Ohr etwa einen halben Meter vom Hörer weg begann sie die Predigt der Mutter über sich ergehen zu lassen. Von der Schwangerschaft würde sie ihr heute nichts erzählen, sonst würde das nie ein Ende nehmen. Und dass sie nun mit Sascha zusammen war, sparte sie sich für einen noch späteren Zeitpunkt auf. Für eine Nacht, in der sie es nicht schlafen konnte. Oder in der sie unter chronischen Wahnsinn litt.

Teil 27

„Wie war das Gespräch mit Herrn Jansen?“ Jonathan Müller sah Sascha interessiert an. Sascha verdrehte die Augen.
„Grässlich, aber nötig.“ Sascha zog es vor ehrlich zu sein. Jonathan Müller würde sie schon verstehen.
„Sehen Sie das Positive, Sie können schneller hier weg.“ Er schloss ihr ein Tor auf. Sascha konnte heute wie jeden Dienstag und Donnerstag erst drei Stunden später zur Universität gehen. Aber Kerstin würde sie wie immer erst am Mittag besuchen, deswegen war das nicht ganz so tragisch.
„Das sage ich mir auch immer. Das ist der einzigste Grund wieso ich das mitmache.“
„Sie hat Sie überzeugt, oder?“
„Bitte?“ Sascha hatte eine Ahnung wen er meinte, wollte das Gespräch jedoch nicht unbedingt auf Kerstin lenken. Auch wenn Jonathan Müller von ihr wusste, er war eine Schluse.
„Frau Herzog.“
„Ja.“
„Eine intelligente Frau. Ich hoffe sehr, dass wir sie demnächst als Kollegin hier begrüßen können.“ Sascha sah ihn böse an. Wenn er Kerstin nur anfassen würde…dann würde sie gegen alle Bewährungsauflagen verstoßen.
„Und Sie will ich dann hier nie wieder sehen, verstanden?“ Bei diesen Worten grinste er breit. Sascha entspannte sich.
„Meinen Segen hat Ihr Plan.“
„Hoffentlich stört es Sie nicht wenn wir uns dann trotzdem sehen, denn ich befürchte, das würde sich nicht verhindern lassen. Schließlich haben wir eine gemeinsame Freundin.“ Dieser Gedanke war Sascha bereits gekommen. Begeistert eine Schluse zu sehen war sie nicht, aber bisher hatte Jonathan Müller nichts getan, was sie negative Gedanken über ihn hegen ließ. Eigentlich hatte er alles getan um Sascha das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten; und er hatte sie und Kerstin nicht verraten. Und wer wusste schon, was die seltsame Beziehung von Nathalie und Jonathan Müller bringen würde?
„Wir sind erwachsene Menschen, wir werden das hinbekommen.“
„Das denke ich auch.“ Sie waren an der Schleuse angekommen. Sascha unterschrieb wie jeden Tag, dass sie Reutlitz verlassen würde und pünktlich um sechszehn Uhr wieder da sein würde. Vielleicht würde sie irgendwann die Chance haben den Ausgang um zwei Stunden nach hinten zu verschieben – natürlich wegen eines relevanten Seminars.
„Viel Spaß“, wünschte Jonathan Müller.
„Danke, Ihnen auch.“ Die Tür wurde geöffnet und Sascha konnte Reutlitz verlassen. Auch wenn sie diesen Gang nun bereits seit Wochen ging, es war jedes Mal wieder etwas Besonderes wenn sie das Gefängnis verließ. Es war, als wenn die Welt draußen heller, freundlicher und schöner war. Sascha genoss diesen Augenblick. Es war Freiheit und die spürte sie gerne. Fröhlich machte sie sich auf den Weg zur U-Bahn-Station. Ein Auto hielt neben ihr. Sie wollte sich bereits auf Kerstin freuen als sie bemerkte, dass es ein ganz anderes Auto war. Das Seitenfenster wurde heruntergelassen.
„Und du kommst wirklich freiwillig jeden Tag wieder, Mehring?“ Jansen. Der hatte ihr gerade noch gefehlt. Hatten sie nicht bereits genug Zeit miteinander verbracht? Mehr als genug sogar.
„Wahrscheinlich. Sonst würde ich jetzt nicht hier sein.“
„Mit mir als Direktor hätte es so etwas nicht gegeben.“
„Mit dir als Direktor gibt es nur Medikamentenversuche und Tote. Ich weiß.“ Das war eine Antwort, die ihr Mediator nicht gerne gehört hätte. Aber sie waren jetzt alleine, da konnte man sich die falsche Freundlichkeit sparen.
„Hast du Beweise?“
„Sonja, Mareike…“
„Ich habe keinen von beiden etwas getan, geschweige denn umgebracht.“
„Spar dir das, wir beide wissen was los war. Hast du keine Frau, die du nerven kannst?“ Sascha wollte dieses Gespräch beenden.
„Doch. Im Gegensatz zu dir habe ich Familie. Einen schönen Tag noch.“ Und schon gab er Gas und brauste davon. Sascha verzog keine Miene. Wenn er wüsste. Sie hatte auch jemanden, der auf sie wartete. Genau genommen, in einer halben Stunde an der Bank stehen würde und sie empfangen würde. Aber das waren Dinge, die gingen niemanden etwas an und Hendrik Jansen schon gar nicht.

„Du siehst übernächtigt aus. Hattest du einen Einweihungsparty?“ Sascha strich Kerstin liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht. Kerstin schüttelte den Kopf.
„Nein, ich würde nie ohne dich feiern. So lange du nicht in meinem Bett bist, ist meine Wohnung nicht komplett.“ Sascha musste lächeln.
„Wer hat dich dann um deinen Schlaf gebracht? Oder konntest du in deinem neuen Heim nicht schlafen? Gruselige alte Kobolde, die sich in dem alten Haus breit gemacht haben und nun dich bedrohen?“
„Das gruselig und alt trifft die Sache gang gut“, lachte Kerstin „Meine Mutter.“
„Weiß die, wie du über sie sprichst?“ Sascha musste ebenfalls lachen. Kerstin hatte eine nette Art über ihre Mutter zu reden.
„Nein, war ja nicht böse gemeint. Aber sie hat mich meinen Schlaf gekostet.“
„Warum? Ich dachte, deine Eltern sind auf Mallorca.“
„Ja, aber sie hat meine Telefonnummer herausbekommen; nachdem sie halb Berlin durchtelefoniert hat. Das war mein erster Fehler, ich hätte sie ihnen geben sollen. Dann hat sie mir ein Knopf ans Ohr gelabert wegen dem Umzug und als ich dann einmal etwas sagen konnte, da hat sie dann drei Stunden ohne Pause durchgeredet.“ Kerstin erinnerte sich mit Schrecken an die Schmerzen zurück, die das Sitzen in ihrem Rücken und Po ausgelöst hatten. Ihr war im wahrsten Sinne des Wortes der Arsch eingeschlafen.
„Drei Stunden?“ Sascha war entsetzt.
„Ja, stell dir eine Vorlesung vor und den geschwätzigsten Dozenten der Uni. Das ist meine Mutter. Nur ohne Pause und ohne Chance auf Zwischenrufe.“
„Oh mein Gott.“ Sascha sah Kerstin betreten an. Das musste grausam gewesen sein. Da war sie müde und wurde von ihrer Mutter am schlafen gehindert.
„Worüber habt ihr…hat sie denn geredet?“
„Ich habe den Fehler begangen und ihr gesagt, dass Michael und ich uns scheiden lassen.“
„Hast du ihr auch gesagt, dass du schwanger bist und wem jetzt dein Herz gehört?“
„Nein, dann würde ich entweder jetzt noch am Telefon sitzen oder sie frisch vom Flughafen abholen. Sorry Sascha, ich werde ihnen von uns erzählen, aber erst wenn meine Ohren nicht mehr klingeln und ich wieder einen Telefonhörer sehen kann ohne Panikattacken zu bekommen.“
„Fang mit der Schwangerschaft an, das wird sie eher verkraften“, riet Sascha.
„Ja, ich werde alles von hinten aufrollen. Scheidung, Schwangerschaft, Jobsuche, dich, die WG. Das wird ein Spaß.“ Kerstin versteckte ihren Kopf in Saschas Pulli. Das würde der Apokalypse nahe kommen. Am Liebsten würde sie all das ihren Eltern vorenthalten, aber sie würde es früher oder später herausbekommen und dann würde es eine viel längere einseitige Unterhaltung werden.
„Meine arme Süße.“ Sascha küsste Kerstin aufs Haar. Da war es fast erfreulich, dass ihre Familie nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte und ihr so etwas erspart blieb.
„Und wie war dein Abend?“
„Der war ganz okay, der Morgen war schlimmer. Nicht nur, dass ich mit Jansen reden musste, hinterher musste er mich auf der Straße blöd von der Seite anlabern. Ich hätte ihm so gerne einen in seine hässliche Scheißvisage verpasst…nur, das würde mich von dir entfernen.“
„So haben wir beide unser Leid zu tragen. Wie oft musst du noch zu diesen Gesprächen?“
„Den ganzen nächsten Monat, dann ist Ende. Hoffentlich hat es etwas gebracht.“
„Ich denke ja, Ich gehe gleich mal zu Eduard, gucken wie weit er ist. Außerdem muss ich ihn wegen der Scheidung treffen. Michael will das Sorgerecht.“
„Kann er vergessen.“ Sascha sah böse drein. Von diesem milchgesichtigen Pseudoanwalt würde sie sich nicht das Kind abnehmen lassen. Das gehörte zu Kerstin und ihr. Egal was Michael sagte.
„Sehe ich genauso. Er kann es gerne mal sehen wenn er möchte, doch es bleibt bei uns.“
„Wann weißt du eigentlich was es wird?“
„Ich habe bisher nicht nachgefragt.“ Kerstin dachte kurz nach. Sie war im fünften Monat. „Aber ich denke, ich lasse bei der letzten Untersuchung beim Arzt mir das Geschlecht auf eine Karte schreiben, stecke die in einen Umschlag und dann wird das eine Weihnachtsüberraschung. Dann können wir in aller Ruhe über die Feiertage einen Namen suchen.“
„Wir?“ Sascha sah Kerstin erfreut an.
„Klar wir. Wer denn sonst? Es wird unser Baby, da müssen wir nach dem Namen suchen. Wie wäre es mit Sascha wenn es ein Junge wird? Dann kann ich mir den Namen merken und es kommt wenigstens einer zu mir wenn ich rufe.“
„Sehr witzig.“ Sascha knuffte Kerstin in die Seite. Manchmal hatte sie einen seltsamen Humor. Aber Sascha liebte sie und war jedes Mal aufs Neue überglücklich wenn Kerstin sie ganz selbstverständlich in ihr Leben mit einbezog.
„Nicht? Na gut, ist ja nicht gesagt, dass es ein Junge wird.“
„Zwillinge?“ Sascha sah Kerstin erwartungsvoll an. Zwei süße kleine Babys, ein Junge, ein Mädchen.
„Ich glaube, das hätte mir der Arzt gesagt. Hoffe ich. Man stelle sich vor, ich liege im Kreissaal, du hältst meine Hand – und das ist übrings ein Befehl – und dann hab ich es plötzlich nicht hinter mir wenn die Hebamme mir ein Baby in den Arm legt sondern soll die ganzen Strapazen noch mal machen? Völlig unvorbereitet.“ Kerstin schüttelte sich. Sie hatte einigen Geburten beigewohnt und nie schien es ein Klacks für die Frauen zu sein das Baby aus sich herauszupressen. Kunststück. Das war so als wenn man sich einen Tischtennisball in die Nasenlöcher stecken wolle in umgekehrter Reihenfolge. Kerstin hatte kurz über einen Kaiserschnitt nachgedacht, aber sie wollte ihr Kind doch lieber auf ganz natürliche Weise bekommen wenn es ging. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob sie es traditionell im Bett bekommen solle oder eine Wassergeburt ausprobieren sollte. Das warme Wasser würde die Schmerzen der Wehen senken.
„Ich werde dir demnach Gesellschaft leisten bei der Geburt?“ Das war eine Feststellung, sollte aber mehr Freude sein. Kerstin schien es wirklich sehr ernst damit zu nehmen sie als gleichberechtigte Partnerin bei sich zu haben.
„Da wirst du nicht drum herum kommen. Es sei denn, du fällst in Ohnmacht“, lachte Kerstin. Sie stelle sich vor, wie sie anfing zu pressen und Sascha dann umfiel.
„Das will ich mal nicht hoffen.“ Sascha grinste. Natürlich würde sie Kerstin beistehen so gut sie konnte. Obwohl sie nie ein Fan von zuviel Blut gewesen war. Das würde sie irgendwie schaffen. Das Blut war ja nicht wegen einer Wunde da, sondern weil Kerstin ein Baby bekam, ein neues Leben das Licht der Welt erblickte.
„Wie wirst du das Michael erklären?“ Eine interessante Frage, die Kerstin bereits beschäftigt hatte, die sie für sich bereits beantwortet hatte:
„Was geht ihn das an? Er wird ganz bestimmt nicht mit in den Kreissaal kommen. Dann eher meine Mutter.“
„Bist du dir sicher?“ Beide mussten lachen. Kerstins Mutter wurde wahrscheinlich sogar das Kind zurück in den Mutterleib reden. Oder es würde erst gar nicht herauskommen wollen. Schließlich musste es im Bauch alles nur gedämpft hören und nicht live. Und spätestens nach dem letzten Abend hatte es einen ersten Eindruck davon bekommen wie viel und wie lange Oma reden konnte.

Teil 28

Wenn Kerstin gedacht hatte, der Anruf der Mutter am Vorabend wäre erst einmal der letzte für eine längere Zeit gewesen, so sah sie sich schnell eines besseren belehrt. Bereits am nächsten Abend klingelte das Telefon erneut. Kerstin hatte gerade mit Nathalie ihr Bett aufgestellt und wollte mit dem Kleiderschrank beginnen. Einen fünftürigen, in den alle ihre und Saschas Sachen passen würden.
„Ich geh mal, ist bestimmt eine uns bekannte Person aus Reutlitz“, meinte Nathalie „Die Sehnsucht.“
„Ich kann sie verstehen.“ Kerstin ging beschwingt ans Telefon. Es war beinahe einundzwanzig Uhr, Sascha rief oft um diese Zeit an. Kurz vor Einschluss, damit beide den Abend mit der Stimme des anderen beschließen konnten.
„Herzog“, flötete sie in den Hörer.
„Wenigstens bist du gut gelaunt, trotz Scheidung.“ Peng. Innerhalb von Millisekunden brach ihre gute Laune ein.
„Mama.“ Sie gab sich alle Mühe es nicht gequält klingen zu lassen. Wie gut dass sie heute morgen wohlweißlich den Schreibtisch und den Stuhl aufgebaut hatte. So konnte sie sich wenigstens in Ruhe hinsetzen. Und morgen würde sie losgehen und eine Sprechanlage kaufen Dann musste sie nicht in der Nähe des Telefons bleiben.
„Ja, wer denn sonst? Erwartest du etwa jemand anderes?“ Ja, tat sie, aber würde sie jetzt nicht sagen.
„Nein Mama.“
„Du hast gestern so schnell aufgelegt…“ Nach drei Stunden! Und sie selber hatte wohl nicht mehr als zwei Minuten gesprochen. Herr, lass mich heute nicht wieder so eine Tortur über mich ergehen lassen müssen.
„…auf jeden Fall hab ich Papa von der Scheidung erzählt…“ Ach nee, was für eine Überraschung! Damit hätte Kerstin nie gerechnet.
„…und wir haben beschlossen, dass du uns unbedingt Weihnachten besuchen musst. Alleine kann man nicht feiern.“ Oh nein, sie würde ganz bestimmt nicht nach Mallorca fliegen. Das konnten ihre Eltern vergessen.
„…das Klima und die neue Umgebung werden dich ablenken. Wir haben schon geguckt wann ein passender Flug geht…“ Scheiße, scheiße, scheiße! Es war Zeit für eine Notbremse bevor es zu spät war.
„…Heilig Abend wäre zu stressig, da dachten wir…“
„Mama, kannst du mir bitte eine Sekunde zuhören?“, wagte sie den vorsichtigen Vorstoß. Ihre Mutter redete weiter.
„Mama!“ Diesmal ein wenig lauter und ärgerlicher.
„Entschuldige, was ist denn Kind? Willst du lieber an einem anderen Tag fliegen?“ Wie nett, sie fragte nach Kerstins Wunsch.
„Ich werde gar nicht fliegen. Ich bleibe hier.“ Das tat gut. Diese zwei Sätze waren befreiend gewesen. Im Hintergrund sah sie Nathalie auftauchen. Kerstin schrieb MAMA auf einen Zettel und verdrehte die Augen. Nathalie sah sie betroffen an. Sascha hatte ihr von dem Telefonmarathon erzählt.
„Was? Aber Kind…“ Wenn ihre Mutter sie noch einmal Kind nannte würde sie nach Mallorca schwimmen und ihr den Hals umdrehen. Genervt stellte sie das Telefon auf Lautsprechanlage um. Dann musste sie wenigstens den Hörer nicht festhalten und wenn sie dann mal was sagen durfte, musste sie einfach lauter reden. Fast wie bei der Sprechanlage. Oder sollte sie sich lieber eine Geheimnummer anschaffen? Nein, die würde Mutter ebenfalls herausbekommen.
„Mama, keine Diskussion. Ich werde hier bleiben.“
„Wieso?“ Weil Sascha Weihnachten frei sein könnte und sie das Fest mit ihr verbringen wollte. Weil sie keinen Nerv hatte zu fliegen, nicht mit ihren Eltern kreuz und quer über Mallorca fahren wollte und sie ihr eigenes Leben leben wollte.
„Weil…“ Tja, welchen Grund sagte sie nun ihrer Mutter? Hilflos sah Kerstin zu Nathalie. Diese zeigte auf Kerstins Bauch.
„Weil ich schwanger bin.“ Oh, diese Worte würde sie bereuen, aber sie hatte keine andere Wahl gehabt. Und irgendwann hätte sie es ihren Eltern erzählen müssen. Aber musste das alles in einem Abstand von vierundzwanzig Stunden sein? Jetzt würde sie erst einmal Ärger bekomme,n weil sie nicht angerufen hatte als sie von der Schwangerschaft erfahren hatte, dann weil sie gestern nichts gesagt hatte und dann weil ihrer Mutter immer etwas einfiel.
„Waaasss?“ Der Schrei ließ sowohl Kerstin als auch Nathalie zusammenzucken. Verzweifelt ließ Kerstin ihren Kopf auf die Tischplatte fallen. Herr, bitte lass das Ende schnell kommen. Nicht wieder drei Stunden Folter.
„Du bist schwanger? Und das sagst du nebenbei? Klar, ich bin ja nur deine Mutter, es geht mich ja gar nichts an wenn meine einzigste Tochter schwanger ist. Ich werde ja nur die Oma…“ Kerstin sah zu Nathalie. Diese starrte entsetzt das Telefon an. Und sie hatte immer gedacht, Telefonate mit ihrer Mutter wären problematisch.
„…und dann die Scheidung…“ Kerstin fiel auf, dass sie ganze Sätze ausblendete.
„…was sollen nur die Nachbarn sagen…“ Welche Nachbarn? Und wen interessierte das? Kerstin kannte hier niemanden.
„…wer ist denn der Vater? Ich hoffe nicht so ein heruntergekommener Typ, den du in einer Disco aufgegabelt hast.“ Super was ihre Mutter ihr so zutraute.
„Mama!“
„Was? Das macht ihr jungen Leute heute doch. Ihr trennt euch, geht in eine Disco, betrinkt euch und habt ungeschützt Geschlechtsverkehr. Oh mein Gott, es wird ein Bastard…“ Kerstin schüttelte fassungslos den Kopf. Was redete ihre Mutter da?
„Michael ist der Vater“, sagte sie ohne darauf zu achten ob ihre Mutter ruhig war oder nicht. Kerstin war zu sehr davon geschockt, dass ihre Mutter ihr Sex mit einem unbekannten Mann zutraute. Ungeschützten Sex. Als wenn sie als Ärztin nicht bestens informiert wäre über all die möglichen Folgen.
„Michael? Ich dachte, ihr lasst euch scheiden. Wie kann…“ Wenn sie ihr nun sagen würde, dass sie im fünften Monat war, würde es wieder Theater geben. Also erst einmal weiterreden lassen. Inzwischen war Nathalie wieder da. Sie hatte Kerstin verlassen, als diese ihr gesagt hatte, dass sie schwanger war. Nun brachte sie ihr ein Glas Saft und einen Zettel, auf dem stand: ICH WEISS, DU KÖNNTEST BESSER EINEN DOPPELTEN SCHNAPS GEBRAUCHEN, ABER DAS WÄRE NICHT GUT! Dankend nahm Kerstin das Glas und trank einen großen Schluck. Wo war das Gespräch? Egal.
„Mama, ich war bereits schwanger als wir uns getrennt haben, habe das aber nicht gewusst. Und es ändert nichts an meinem Entschluss nicht mehr mit Michael zusammen zu sein. Hörst du?“
„Natürlich höre ich dich, ich bin ja nicht taub. Du kannst das Kind doch nicht so bekommen. Es braucht einen Vater…“
„Es wird ohne Michael aufwachsen wenn ich das arrangieren kann. Er kann es sehen, mehr nicht.“ Wow, das war ja beinahe eine Unterhaltung. Nathalie hob den Daumen um ihre Unterstützung zu zeigen.
„Oh mein Gott, was sind das nur für Zustände…ein uneheliches Kind…meine Güte…wären wir nur Zuhause geblieben…“ Kerstin war mehr als glücklich dass ihre Eltern ein paar tausend Kilometer entfernt waren. Die Vorstellung, sie innerhalb einer halben Stunde bei sich zu haben war schrecklich. Ihre Mutter säße bereits jetzt im Auto und würde Kerstin dann die ganze Nacht mit Fragen nerven. Es lebe das Ausland und die Entfernung.
„…wir müssen dringend zu dir…ganz alleine…all die Arbeit…“ Kerstins Blick füllte sich mit Panik. NEIN!!! Hilfesuchend sah sie Nathalie an. Diese sah sie ratlos an und stand dann auf.  Was sollte sie da sagen?
„…du kannst nicht schwer tragen wenn du schwanger bist und dann der Umzug…“ Dafür hatte sie doch Hilfe und das Gröbste war geschafft.
„Kerstin? Dein Piepser! Ich glaube, es ist ein Notfall!“ Nathalie, der Engel. Sie hatte die Nummer von Kerstins alten Pieper gewählt. Und so laut gerufen, dass ihre Mutter hatte hören müssen.
„Mama, ich muss aufhören, da ist ein Notfall…“
„Du arbeitest wieder?“
„Ja, das erzähle ich dir ein anderes Mal. Ich muss wirklich los. Ich weiß ja nicht was es ist. Entschuldige.“
„Ja Kind, dann mach.“ Und schon hatte sie den Hörer aufgelegt und die Sprechanlage ausgeschaltet. Erleichtert ließ sie sich in ihrem Stuhl zurückfallen. Nathalie kreuzte grinsend mit Kerstins Pieper auf.
„War wohl nur falscher Alarm. Tut mir Leid, dass du dein Telefonat unterbrechen musstest wo es gerade so schön wurde.“
„Danke, danke, danke, du bist ein Schatz. Das war Rettung in letzter Sekunde.“ Kerstin umarmte Nathalie erleichtert.
„Kein Problem. Dir ist klar, dass sie spätestens morgen Abend anrufen wird?“
„Dir ist klar, dass ich da ganz bestimmt nicht Zuhause sein werde? Und übermorgen ist meine Telefonleitung tot weil ein Ast draufgefallen ist, oder so“, grinste Kerstin gequält. Die nächsten Abende wollte sie kein Wort von ihrer Mutter hören.

Sascha war frustriert in ihre Zelle gegangen. Den ganzen Abend über war bei Kerstin entweder besetzt gewesen oder sie ging nicht ans Telefon. War sie etwa wieder in ihrer Wohnung in Berlin? Eigentlich hatte sie da ihr Telefon abgemeldet. Zumindest ging auch dort niemand dran und Kerstins Handy war ebenfalls ausgeschaltet. Sascha begann sich Sorgen zu machen.
„Na, an wen denkst du?“ Walter sah Sascha an und kannte die Antwort. „Streit gehabt?“
„Nein, sie meldet sich nicht. Weder in Berlin, noch auf dem Hof oder am Handy. Es ist wie verhext.“
„Hast du nicht gesagt, sie hätte gestern einen Telefonmarathon mit ihrer Mutter durchgestanden? Wahrscheinlich ist sie heute irgendwo, wo kein Telefon sie stören kann. Ich würde das an ihrer Stelle so machen.“
„Sie wusste, dass ich sie anrufen wollte“, hielt Sascha dagegen.
„Dann wird dir ihre Mutter zuvor gekommen sein und sie geht aus Angst, dass sie es wieder ist, nicht mehr ans Telefon.“ Sascha seufzte.
„Du siehst sie morgen wieder, meinst du, das hältst du aus?“
„Ich denke ja.“
„Was hält sie aus? Die Trennung vom Hauptmann?“ Mel kam pfeifend in die Zelle. Sascha und Walter sahen sie überrascht an. Wie kam Mel darauf? Niemand hatte ihr davon erzählt, dass Sascha und Kerstin sich regelmäßig sahen, oder?
„Was?“ Mel sah beide an als sie die Blicke bemerkte.
„Wieso Kerstin?“
„Wen solltest du sonst anrufen wollen? Ich bitte dich, als wenn du deine kranke Liebe zum Hauptmann abstellen würdest. Vor allem wo sie sich scheiden lässt.“ Woher hatte Mel all diese Informationen?
„Woher hast du diese haltlosen Behauptungen?“, kam Walter Sascha zur Hilfe.
„Möhrchens Büro. Wir haben uns ein wenig unterhalten, sie hat erzählt, dass der Hauptmann zu uns kommt, als Doc sobald sie das Kind hat und geschieden ist. Na, und wenn ich so etwas erfahre, dann wird unsere Sascha das schon lange wissen. Immerhin bist du jeden Tag draußen und der Hauptmann hat eine Zeit lang an der Uni unterrichtet. Da werdet ihr euch gesehen haben. Und da du in letzter Zeit alles andere als unglücklich wirkst, zähle ich zwei und zwei zusammen und komme zu dem Ergebnis, dass du sie anrufen willst.“ Mel sah beide triumphierend an.
„Interessant. Ich dachte, für dich gibt es nur Mike und die Organisation eines neuen Treffen.“
„Dazwischen habe ich genug Zeit für interessante Studien. Was sagen die Schlusen zu euren Treffen?“
„Es ist kein Problem. Erstens sehen wir uns nur gelegentlich in der Pause, zweitens ist Kerstin keine Angestellte von Reutlitz und drittens ist gegen eine Freundschaft nichts einzuwenden. Zumindest sagt Frau Schnoor das.“ Sascha grinste. Ein wenig gelogen, im Prinzip jedoch die Wahrheit.
„Als wenn du nur Freundschaft wolltest.“
„Wenn du dich erinnern magst, das hat mir auch nichts gebracht als Kerstin in Reutlitz war.“
„Und da hatte sie echt die besten Chancen sie flachzulegen“, meinte Walter „Sie dachte, sie käme hier nicht mehr raus, wollte die Verlobung lösen und Sascha hat ihr jeden Wunsch erfüllt. Ich wäre schwach geworden.“ Walter ließ sich an Sascha fallen, so dass diese sie auffangen musste. Eine kleine, theatralische Einlage zur Ablenkung.
„Aber ich bin ihr nicht gut genug. Ein Professor braucht eine Ärztin, alles andere ist unter ihrer Würde. Da bleibt mir außer weinen und trauern nur mich nach einer neuen Frau umzusehen…Mel!“ Mel, die sich gerade auf ihr Bett gelegt hatte, sah Walter entsetzt an.
„Fass mich an und ich verknote dir die Arme aufm Rücken. Mit euren Lesbenspielchen will ich nichts zu tun haben.“ Walter und Sascha lachte.
„Da, nimm die!“, grummelte Mel und deutete auf Nico, die gerade zur Tür herein kam. Walter hob die Augenbrauen und grinste fies.
„Gute Idee. Ist Frischfleisch. Und kann sich gerade nicht wehren.“ Nico trug ihren Arm weiterhin in Gips.
„Na, dann sollten wir euch beide alleine lassen, oder Sascha?“
„Walter, lass den Scheiß.“ Sascha schüttelte den Kopf. „Es reicht, dass du ihr den Arm gebrochen hast wegen nichts und wieder nichts.“
„Ich habe nur mal kurz klargestellt, dass ich der Boss bin.“ Nico legte sich auf ihr Bett und begann zu lesen ohne Walter zu beachten.
„Hat sie es bezweifelt?“
„So weit wollte ich es nicht kommen lassen.“ Walter sah Nico drohend an. Sascha stöhnte und schnappte sich Walters Arm.
„Los, wir beide spielen eine Runde Billard. Das bringt dich auf bessere Gedanken.“ Ohne eine Antwort abzuwarten schob Sascha Walter aus der Zelle und schloss die Tür. Sie konnte sehr gut darauf verzichten dass es Ärger gab weil Walter ihre Macht beweisen wollte. Die Aufmerksamkeit der Schlusen wollte sie nicht haben.


Teil 29

In der nächsten Woche musste Sascha nach einen der Gespräche mit Jansen in das Büro von Frau Schnoor. Den Grund hatte man ihr wie gewöhnlich nicht genannt und sie hoffte, es hatte nichts mit Kerstin zu tun.
„Frau Mehring.“ Frau Schnoor kam herein und deutete dem Beamten, der Sascha während der Wartezeit beaufsichtigt hatte, zu gehen.
„Wir haben Post von Ihrem Anwalt. Ein Herr Manson…hatten Sie nicht bis vor kurzem einen Pflichtverteidiger?“
„Ja.“ Verdammt. Sollte sie Frau Schnoor sagen wer ihr den Anwalt verschafft hat? Es würde sowieso irgendwann rauskommen.
„Kerstin, also Frau Herzog, hat ihn mir empfohlen und weil er ein Freund von ihr ist, vertritt er mich kostenlos.“ Ein wenig unglaubwürdig, aber besser als die ganze Wahrheit.
„Da haben Sie wirklich Glück, so weit ich weiß, ist Herr Manson ein ausgezeichneter Anwalt und er will sich mit Ihnen treffen. Wenn es Ihnen passt am Donnerstag.“ Donnerstag war gut. Dann konnte sie zwar den ganzen Tag nicht zur Universität, aber Kerstin musste diese Woche sowieso einen Tag lang mit Napsütés weg zum Wesenstest, dann konnte sie das am Donnerstag machen und sie würden keinen gemeinsamen Tag verlieren.
„Donnerstag ist in Ordnung.“
„Sie wissen worum es geht?“
„Ehrlich gesagt nicht genau. Bisher haben wir…“ Nie miteinander gesprochen weil Kerstin alles arrangiert hat würde jetzt nicht gut kommen „…nur einmal telefoniert und ich habe ihm einen langen Brief geschrieben, in dem ich alles erklärt habe.“
„Das erklärt wieso er alle Akten sehen will.“
„Er will meine Bewährung durchbekommen.“
„Ja, er hat angedeutet, dass er sie noch in diesem Jahr aus dem Gefängnis holen will.“ Sascha konnte nicht anders als lächeln. Das würde die nächsten Wochen bedeuten. Eine schöne Vorstellung. Vor allem weil sie neben der Freiheit Kerstin erwarten würde. Die perfekte Kombination.
„Ich habe da nichts gegen.“
„Das kann ich mir vorstellen. Und ich denke, Sie haben gute Chancen, denn soviel ich über Herrn Manson weiß, ist er ein Anwalt, der seine Vorhaben umsetzt. Bisher hat er keine Fälle verloren.“
„Vielleicht nimmt er nur Fälle an, die er gewinnen kann.“
„Er nimmt alles an, was ihm Geld bringt. Dieser Mann hat im letzten Jahr gegen eine renovierte Anwaltskanzlei aus Hamburg eine Verhandlung gewonnen. Ohne seinen Kanzleipartner. Wussten Sie, dass Herr Manson der Partner von Herrn Lehnhardt ist?“ Ja, das wusste Sascha und sie wusste wie sehr sich Herr Lehnhardt darüber ärgerte, dass sie von ihm vertreten wurde.
„Ja.“
„Faszinierend wenn man bedenkt, dass er seinem Partner so indirekt in den Rücken fällt. Schließlich gehören Sie zu Reutlitz und deswegen scheint die Ehe zerbrochen zu sein.“
„Och, ich denke, das macht Herrn Manson nichts, er ist der Scheidungsanwalt von Frau Herzog.“ Sascha genoss das überraschte Gesicht von Birgit Schnoor.
„Oh.“
„Die beiden Anwälte sind keine Fans voneinander, sie ergänzen sich nur sehr gut. Deswegen teilen sie sich eine Kanzlei.“
„Dann hatten Sie wirklich Glück. Was ich Ihnen eigentlich noch sagen wollte: Sollte Herr Manson seinen Antrag vor Gericht anbringen, dass Sie Ihre Bewährung bekommen, werde ich dem Antrag nicht im Wege stehen.“
„Danke“, sagte Sascha glücklich. Das war gut. Wenn Birgit Schnoor ihr bescheinigte, dass sie raus konnte, dann war ihre Chance entlassen zu werden größer.

„Ich liebe dich.“ Sascha umarmte Kerstin stürmisch und küsste sie.
„Wow, was ist passiert?“ Sascha erzählte von dem Treffen bei Frau Schnoor und ihrer Unterstützung für Saschas Bewährung.
„Wow, das ist mal eine Nachricht. Ich hoffe, Eduard schafft das wirklich. Ich habe dich fest für Weihnachten eingeplant.“
„Und was ist, wenn deine Eltern anreisen?“
„Dann müssen sie entweder nett zu dir sein oder woanders bleiben. Du bist meine Priorität.“ Kerstin küsste Sascha.
„Es sind deine Eltern.“
„Die ich nicht eingeladen habe. Wenn sie meinen, sie müssen hier auftauchen und Chaos verbreiten, dann müssen sie akzeptieren, dass ich dich liebe und mit dir zusammen sein werde.“
„Was meinst du wie sie reagieren werden wenn sie erfahren dass ihre Tochter mit einem Knacki zusammen ist? Einem weiblichen wohl gemerkt.“
„Keine Ahnung, aber ich werde – egal was sie sagen – nicht von meinem Plan Weihnachten zusammen mit dir zu verbringen abrücken.“ Kerstin sah Sascha fest an. Das war ihr ernst. Verdammt ernst. Sie freute sich seit Wochen auf die Zeit, in der Sascha bei ihr sein konnte, da würde sie nicht wegen ihren Eltern länger warten. Wenn sie Sascha nicht mochten, mussten sie sich aus ihrem Leben fernhalten.
„Da fällt mir ein: wo treibst du dich eigentlich immer rum? Laufend geht keiner ans Telefon.“ Diese Frage war dann doch zu drückend gewesen. Eigentlich hatte Sascha sie Kerstin nicht stellen wollen, denn sie wollte ihr nicht hinterher schnüffeln.
„Ich bin da…meine Mutter hat mich ein wenig abgeschreckt. Ich bekomme jedes Mal die Vision, sie ist dran und ich muss wieder stundenlang mit ihr reden. Letztes Mal hat sie zu deiner Zeit angerufen. Wir brauchen dringend eine Erkennung.“ Kerstin strich Sascha nachdenklich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Mhm, wie wäre es, wenn ich es zuerst auf deinem Handy klingeln lasse und dann die Festnetznummer anrufe.“
„Okay, das hört sich gut an. Ich habe unsere Telefonate vermisst, aber in Reutlitz anzurufen  und nach dir zu fragen hielt ich für unklug.“ Sascha verzog das Gesicht. Was für ein kompliziertes Leben.
„Meine Lieblingsturteltauben.“ Nathalie kam grinsend aus dem Universitätsgebäude und streichelte Napsütés. Freudig beachtet zu werden warf sich die junge Hündin auf den Rücken.
„Kerstin, ich dachte, du rettest deine allerletzten Sachen aus deiner Wohnung.“
„Gleich. Erst das Vergnügen, dann die Arbeit. Wie weit seid ihr eigentlich mit eurer neuen WG?“
„Gut, Benni und Chris haben einen Stapel Freunde organisiert und in den letzten zwei Tagen sogar den Proberaum bewohnbar gemacht. Wir werden wohl zum Wochenende mit dem Umzug beginnen, dann bist du nicht mehr alleine in der Wildnis. Auf deine Studentin kannst du dich ja nicht verlassen, die gibt ihren Harem nicht vor Jahresende auf.“
„Ich würde sofort“, widersprach Sascha. Noch geht’s aber nicht. Dafür wird mein Umzug schnell gehen. Eine Reisetasche, mehr nicht.“
„Oh, ich sehe dich schon shoppen…jede Menge Klamotten…Kerstin, leg ein paar Überstunden ein um deine Frau neu einzukleiden. Sie braucht Abendkleider für die Arztpartys.“
„Du guckst zu viele Filme.“
„Wir brauchen keine Kleidung, wir werden den ganzen Tag nackt herumlaufen“, meinte Sascha trocken. Nathalie sieht entsetzt von einer zur anderen bis dass Sascha und Kerstin in ein schallendes Gelächter ausbrechen.
„Hauptsache ihr verarscht mich. Doofe Weiber.“
„So sind wir.“
„Ich rette dich noch mal“, grummelte Nathalie Kerstin an.
„Sie hat dich gerettet?“
„Ja, vor meiner Mutter.“ Kerstin erzählte Sascha von dem Telefonat, das Nathalie beendet hatte indem sie Kerstins Piepser angerufen hatte.

„Ich hasse Wochenenden.“ Sascha saß grummelnd auf ihrem Stuhl vor den Büchern. Ihre übliche Wochenenddepression.
„Och Süße.“ Kerstin nahm Sascha in den Arm und küsste sie. „Noch ein paar Wochen, dann ist alles vorbei.“
„Wenn es gut geht…und warum sollte mal etwas gut gehen?“ Sascha schob die Unterlippe vor. Kerstin knuffte sie in die Seite. Ihre Freundin war schrecklich anstrengend wenn sie ihre frustrierte Stimmung hatte.
„Natürlich klappt es, Eduard hat doch gestern alles mit dir besprochen und er hat gesagt, er holt dich raus bevor die vierte Kerze angezündet wird. Also, was bist du so negativ eingestellt?“
„Bisher ist alles in meinem Leben irgendwie schiefgegangen.“
„Nein, bisher hast du alles irgendwie geschafft. Schon vergessen? Ich habe Michael verlassen und bin mit dir zusammen. Oder ist ebenfalls eine negative Erscheinung deines Lebens?“
„Nein, natürlich nicht.“ Sascha legte ihren Kopf auf Kerstins Schulter. „Aber nur mal angenommen, es klappt. Was ist dann? Ich kann schließlich nicht den ganzen Tag auf dem Hof sein und Däumchen drehen.“
„Nein, das wäre wohl zu langweilig. Doch bevor du große Pläne schmiedest ruf dir kurz ins Gedächtnis, dass du mindestens bis zum Sommer studierst. Sascha, wo ist dein Problem?“
„Ich will dir nicht auf der Tasche liegen. Aber wenn ich die Sache realistisch betrachte: wer gibt einem Knacki schon einen Job? Und wenn das Arbeitsamt einem dann etwas gibt, dann ist es einer dieser unterbezahlten miesen Billigjobs, mit denen ich vielleicht gerade einmal das Futter für Napi bezahlen. Kerstin, ich möchte gleichberechtigt sein“
„Sascha, wir sind gleichberechtigt“
„Nein, sind wir nicht. Du bist die gutverdienende Ärztin, ich der lästige Knacki“
„Ich bin eine Ärztin, die auf vierhundert Euro Basis arbeitet. Kein großes Gehalt. Und ich überhaupt: Sascha, das wichtigste ist, dass wir beide zusammen sind, dass wir uns lieben“ Kerstin küsste Sascha zärtlich. „Und jetzt hör endlich auf alles Negativ zu sehen.“
„Ich versuchs…aber…“
„Kein aber.“ Kerstin küsste Sascha erneut. „Mal ganz davon abgesehen, dass ich mich sehr freuen würde wenn du dir ersten Wochen ausschließlich bei mir bist. Ich finde, wir haben sehr viel Zeit nachzuholen und bis zur Geburt ist es nicht mehr allzu lange. Danach sind wir nicht mehr alleine und ungestört.“
„Du willst mich den ganzen Tag in deinem Bett?“ In Saschas Gesicht machte sich ein doppeldeutiges Grinsen breit.
„Bett, Arm. Hauptsache in meiner Nähe. Kannst du das verstehen?“
„Ja.“ Sascha küsste Kerstin und zog sie in ihre Arme. Das war ein sehr gutes Argument nicht zu arbeiten.
„Hast du eigentlich einen Führerschein?“, fragte Kerstin plötzlich. Sascha sah sie überrascht an.
„Ja, habe ich…nur meine letzte Autofahrt ist vierzehn Jahre her und es war ein Trabi. Stolze sechsundzwanzig PS. Was hat dein Golf?“
„Fünfundsiebzig“
„Damit hast du deine Antwort.“ Sascha schüttelte sich. Von sechsundzwanzig auf fünfundsiebzig PS mit vierzehn Jahren Pause, das würde eine Tortur.
„Was hältst du davon, wenn du deine Fahrkünste wieder auffrischt? Ich meine, der Führerschein ist gültig, doch würde ich empfehlen, deine Kenntnisse wieder aufzufrischen. Der Berliner Stadtverkehr ist nicht ohne. Und mit dem Führerschein kannst du auf jeden Fall einfacher einen Job bekommen.“
„Wenn du meinst.“ Sascha seufzte. Sie war sich nicht sicher, ob alles so einfach werden würde wie Kerstin es sich vorstellte.
„Oder wir werden Stammkunde auf dem nächsten Verkehrsübungsplatz. Da kannst du dich dann in Ruhe an mein Autochen gewöhnen. Mit mir als Beifahrerin.“ Sascha war sich nicht sicher, ob sie Kerstins Gesundheit mit ihren miesen Fahrkünsten gefährden wollte. Vor allem jetzt, wo diese schwanger war.

Teil 30

Kerstin hatte ein längeres Telefonat mit Eduard hinter sich und hatte zur Entspannung einen Spaziergang mit Napsütés und Nathalie begonnen. Es wurde Zeit, dass sie sich mal ansah wo sie jetzt eigentlich wohnte. Die junge Rottweilerin lief freudig über die langen Wiesen und Feldern.
„Und Saschas Chancen stehen wirklich gut?“, fragte Nathalie.
„Laut Eduard, ja. Und jetzt fängt sie an ihrer Zukunft zu zweifeln und sieht alles schwarz. Ich habe ihr gesagt, sie soll in Ruhe ihr Studium beenden, dann kann sie weitersehen. Sie wird einen Job finden.“
„Bei ihren Zensuren wird sie von jedem Chef mit Kusshand genommen.“
„Wenn sie sehen, dass sie vierzehn Jahre gesessen hat werden die Chefs ihre Hand wieder zurück nehmen. Nee, sie brauchte etwas, mit dem sie auftrumpfen könnte. So eine Art Entfehlung. Nur, wo soll sie die herbekommen?“
„Gute Frage.“ Beide Frauen sahen nachdenklich drein. Es musste doch eine Möglichkeit geben Sascha einen Job zu verschaffen. Einen, der ihr das Gefühl geben konnte, gleichberechtigt zu sein. Denn, auch wenn Kerstin jetzt noch einen vierhundert Euro Job hatte, ab dem nächsten Herbst würde sie Vollzeit in Reutlitz arbeiten und dann würde es große Einkommensunterschiede geben. Für Kerstin kein Problem, für Sascha schon. Irgendwie konnte Kerstin ihre Freundin sogar verstehen.
„Kann Sascha schreiben?“
„Häh? Natürlich kann sie schreiben, wie sollte sie sonst ihre Prüfungen machen?“
„Ich meine das anders. Könnte sie ein Buch schreiben? Biografien?“
„Ich weiß nicht…wieso?“
„Ich hätte da eventuell eine Idee.“
„Welche?“
„Keine Versprechungen bevor ich Sicherheit habe. Aber auch wenn das nicht klappt, dann wird sie etwas finden. Und ich finde, sie könnte sich perfekt um…was auch immer es in deinem Bauch wird. Du arbeitest in Reutlitz, Sascha kümmert sich um das Kind und geht einem kleinen Job nach. Mir würde das gefallen.“
„Ich glaube, Sascha möchte arbeiten, richtig arbeiten. Sie will mir nicht auf der Tasche liegen. Wahrscheinlich hat sie das Gefühl mir etwas zurückgeben zu müssen. Im Moment mache ich alles für sie. Richte unser Haus ein, beschaffe ihr einen Anwalt und so. Sie will wohl einfach das Gefühl haben gebraucht zu werden.“
„Wer will das nicht?“ Nathalie seufzte traurig.
„Hey, hier wirst du gebraucht.“
„Ja, aber beziehungstechnisch…lassen wir das.“
„Wie beziehungstechnisch?“ Jetzt war Kerstins Neugierde geweckt. Offiziell war Nathalie solo. Mit wem war sie zusammen? Der Professor? Jonathan Müller? Ein ganz anderer Mann? Wer war es?
„Was hat Sascha dir erzählt?“
„Nicht viel. Wir sind uns beide einig, dass wir durch deine Beziehungen nicht durchblicken. Eigentlich sind wir der Meinung, du und Jonathan Müller, aber irgendwie…habt ihr beide das nicht mitbekommen. Allerdings weiß ich, dass du dich mit jemanden triffst.“
„Der Dekan.“
„Was?“ Kerstin war platt. Dann hatten Saschas Vermutungen in der richtigen Richtung gelegen. Kein Dozent, nein, der Dekan.
„Du hast etwas…“
„Ja, nein, ich meine, wir treffen uns ab und zu. Er ist verheiratet und ich denke, er wird bei seiner Familie bleiben, deswegen hat das alles keinen Sinn. Außerdem ist er zu alt. Es ist…keine Ahnung, das kann man schwer beschreiben. Es ist keine Liebe, es ist so etwas wie Zeitvertreib, der mir kleine Vorteile einbringt.“
„Schäm dich.“ Kerstins Grinsen verriet, dass sie es nicht böse meinte. „Wozu machst du das? Wegen dem Studium?“
„Keine Ahnung, vielleicht wollte ich einfach mal eine Affäre haben. Tu mir nur einen Gefallen und sag Jonathan nichts davon. Der rastet aus. Freundschaft hin oder her, das würde er nicht verstehen.“
„Okay, von mir erfährt er kein Wort.“
„Und Sascha?“
„Wird schweigen.“
„Danke.“

Nach dem entspannten Spaziergang machte Kerstin sich daran ein wenig mehr Ordnung in ihr neues Zuhause zu bringen. Ihr Schlafzimmerschrank stand, das neue große Himmelbett wartete darauf von ihr und Sascha benutzt zu werden und in ihrem zukünftigen Arbeitszimmer waren neben der Arbeitsecke bereits vier Regale aufgestellt. Hier räumte Kerstin ihre Bücher ein. Ein Regal für Romane, der Rest für Fachliteratur. Auf die Kommode stellte sie einen leeren Bilderrahmen. Sie brauchte dringend ein Foto von Sascha. Oder zwei oder drei. Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Plänen. Neun Uhr. Sascha!
„Hallo, ich habe dich erwartet“, flötete sie in den Hörer.
„Das wäre mal eine Abwechselung.“ Scheiße! Schon wieder ihre Mutter. Eine Woche Ruhe, jetzt hatte sie sie am Apparat. Damit konnte sie ihren Anruf von Sascha vergessen.
„Seit Tagen versuche ich dich zu erreichen. Kannst du mir sagen wo du dich herumtreibst? Und wen hast du erwartet?“ Kerstin kam sich vor wie mit vierzehn. Sie musste ihrer Mutter keine Rechenschaft ablegen.
„Mama, schön dich zu hören“, log sie prompt um abzulenken. „Entschuldige, ich war in den letzten Tagen beschäftigt. Die Wohnung in Berlin wurde an den neuen Mieter übergeben und ich musste einiges für den Arzt erledigen, für den ich arbeite. Deswegen war ich meistens abends in seiner Praxis, denn dann kann ich in Ruhe arbeiten.“ Hoffentlich klang das plausibel. Auf jeden Fall hörte es sich besser an als ein „Ich wollte nicht mit dir reden“. Kerstin ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen und schaltete die Lautsprecheranlage an.
„Es ist dieser Arzt, oder?“
„Bitte?“
„Der Grund wieso du dich von Michael scheiden lässt.“
„Den habe ich erst nach der Trennung wiedergesehen. Du kennst ihn, es ist Marco, wir haben zusammen studiert, er hat mich gelegentlich besucht.“
„Eine alte Jugendliebe.“
„Wir waren nur Freunde.“ Was war das? Ein Verhör? Was ging ihre Mutter Kerstins Liebschaften an? Bereits damals hatte sie Kerstin eine Beziehung zu Marco unterstellt. Typisch ihre Mutter. Von nichts eine Ahnung, aber überall mitreden wollen.
„Wir haben einen Flug gebucht, am dreiundzwanzigsten Dezember sind Papa und ich in Berlin. Fünfzehn Uhr, Gate sieben. Schreib es dir auf, sonst vergisst du es wieder.“ Widerwillig schrieb Kerstin die Daten auf, die ihre Mutter wiederholte. Was sollte sie anderes machen? Es blieben ihr knapp sechs Wochen bis ihre Eltern hier waren. Sechs Wochen, in denen sie ein weiteres Zimmer bewohnbar machen und ihnen von Sascha erzählen musste.
„Triffst du dich mit jemanden?“ Hallo? Merkte ihre Mutter wie penetrant sie war?
„Ja Mutter, ich treffe mich mit vielen Menschen. Falls du es vergessen hast, ich habe hier drei Mitbewohner. Und ja, wir unternehmen einiges zusammen.“
„Da waren zwei junge Männer bei, oder? Ich weiß nicht was ihr Frauen heute alle an den jüngeren Männern findet. So wie diese Schauspielerin, wie hieß sie gleich…“ Ein langer Epilog über verschiedene Prominente und ihrer Partner erklang aus dem Hörer. Inzwischen war Napsütés eingetroffen und hatte Kerstin ein Seil gebracht, mit dem beide Tauziehen spielten. Válás hatte es sich wie gewöhnlich auf einem Regal gemütlich gemacht. Hier hatte er die komplette Übersicht. Kerstin würde ihm morgen ein Kissen hinlegen, dann hatte er es weicher.
„Lernen wir ihn kennen?“
„Bitte?“ Kerstin hatte den Ausführungen in den letzten Minuten kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Wo war ihre Mutter thematisch?
„Dein Freund.“
„Wen meinst du? Benni oder Chris?“
„Wie? Es sind zwei? Großer Gott….“ Kerstin musste leise lachen. Das war ein Schock für ihre Mutter. Diese Art von Gespräch gefiel ihr. Überhaupt hatte sie ihre Mutter immer gerne kleine Schocks versetzt.
„Mama“, bremste sie das Gejammer um die verlorene Moral „Benni und Chris sind nur Freunde. Okay? Ich bin nicht mit ihnen zusammen.“
„Du brauchst jemanden, der sich um dich und das Kind kümmert. Eure Kommune…“ Ihre Mutter sagte nie WG, es war eine Kommune, so wie in den sechziger Jahren. „…die kann dir nicht so helfen wie ein Partner.“ Kerstin war sich sicher, dass die WG ihr hilfreicher war als Michael es hätte jemals sein können.
„Ich weiß.“ Keine unnötigen Diskussionen übers Knie brechen. So lange wie es ging, musste sie ihrer Mutter einfach zustimmen. Das verringerte die Gesprächsdauer.
„Wenn du erst einmal im neunten Monat bist, dann bist du froh über jede Kleinigkeit, die dir abgenommen wird. Und nach der Geburt brauchst du jemanden, der sich um euch beide kümmert. Und um deine Viecher. Das kannst du dann nicht machen.“ Das Viecher überhörte Kerstin großzügig.
„Keine Angst Mama, das wird schon klappen.“
„Das sagst du jetzt. Der Papa und ich, wir können nicht ewig bei dir bleiben…“ Was für ein Glück. Alles andere würde Kerstin wohl kaum ertragen. Schlimm genug, dass sie den Besuch um Weihnachten nicht ändern konnte…obwohl…wer sagte, dass das nicht klappen könnte? Sie hatte eine Idee, was ihre Eltern davon abhalten konnte herzukommen. Damit würde sie sogar zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen.
„…du musst Hilfe haben. Was ist mit diesem netten Anwalt?“
„Eduard? Mama, der ist verheirate.t“ Auf was für Idee sie kam.
„Es muss in Berlin doch einen Mann geben, der sich um dich kümmern kann.“
„Den gibt es bestimmt.“ Doch das interessierte Kerstin wenig.
„Ich verstehe nicht, wie du noch Zuhause sitzen kannst, du solltest unterwegs sein. Wenn du erst einmal ein Kind hast, wird es schwer einen Mann zu finden.“ Wozu sollte sie einen Mann finden?
„Mama, ich bin nicht auf der Suche.“
„Aber das Kind…die Schwangerschaft…die Hilfe…“
„Mama, ich habe bereits jemanden, der mir  hilft.“ Okay, ging sie es an. Dann hatte sie es hinter sich.
„Ich dachte, du hättest keinen Freund. Oder meinst du wieder diese Leute aus der Kommune?“
„Nein, meine ich nicht. Und nein, ich habe keinen Freund.“
„Wen meinst du dann, Kind?“ Seltsam, plötzlich hörte ihre Mutter ihr zu. Vielleicht sollte sie demnächst immer sagen, es gebe jemanden in ihrem Leben, dann war das Interesse der Mutter geweckt und sie schenkte Kerstin ihre Aufmerksamkeit und ließ sie sprechen.
„Mutter, als ich in Reutlitz war…“
„Eine schreckliche Zeit…“ Okay, das mit dem ausreden mussten sie noch üben.
„Ja, aber ich habe da jemanden kennen gelernt. Genauer gesagt, ich habe Sascha kennen gelernt.“
„War das der Arzt?“ Natürlich dachte ihre Mutter an den Arzt. Auf einem gemeinsamen Beruf konnte man herrlich aufbauen.
„Nein, der heißt Lorenz Strauß.“
„Dann einer dieser Wärter…“
„Beamte oder Schließer, bitte. Nein.“
„Der Direktor?“
„Nein Mama. Mal davon abgesehen, dass es eine Direktorin war und ihr Vater Schuld daran war, dass ich im Gefängnis gewesen bin.“ Hatte sie bald alle durch? Und wie konnte ihre Mutter vergessen, wer ihr Reutlitz eingebrockt hatte?
„Ja wer denn? Der Anwalt kann es nicht gewesen sein, das war Michael. Oder ist es der Anwalt von einer anderen Frau gewesen?“
„Nein.“
„Wer denn?“ Nun gab es kein Zurück mehr. Kerstin musste wohl oder übel sagen wer Sascha war. Aber wieso machte sie sich solche Gedanken darum? Was sollten ihre Eltern großartig unternehmen? Sie konnten Kerstin schlecht den Umgang mit Sascha verbieten. Kerstin war erwachsen und lebte ihr eigenes Leben; es sei denn, ihre Mutter rief an.
„Sascha ist eine Insassin.“ War gar nicht so schwer gewesen wie sie gedacht hatte. Gespannt wartete sie auf die Reaktion der Mutter…


Teil 31

„Wie bitte? Kerstin, da ist ein Scherz, oder? Ein Karnevalsscherz.“ Ihre Mutter klang deutlich überrascht. Mehr konnte Kerstin aus der Stimme nicht erkennen.
„Nein, ist es nicht.“
„Du hast eine Affäre mit einer Verbrecherin?“
„Es ist keine Affäre.“
„Bitte, Kerstin, ich kann verstehen, dass ihr jungen Leute meint experimentieren zu müssen, doch du und eine Frau, das ist ein Scherz. Und ich wäre beinahe darauf reingefallen.“ Ihre Mutter versuchte zu lachen.
„Mama, Sascha ist keine Affäre. Wir lieben uns.“
„Du liebst Männer.“ Die Stimme der Mutter wurde immer unsicherer.
„Ich liebe Sascha. Ja, ich weiß, es ist ungewohnt weil ich bisher nur Männer hatte, aber das mit Sascha das ist so…ich kann es nicht beschreiben. Sie hat mich voll erwischt. Mir ist egal dass sie eine Frau ist, die im Gefängnis sitzt, ich liebe sie weil sie ist wie sie ist.“
„Du machst Scherze.“ Ja, ihre Mutter realisierte langsam was Kerstin sagte, wollte es jedoch nicht wahrhaben.
„Nein Mama, mach ich nicht. Und wenn Sascha bald rauskommt, dann wird sie bei mir einziehen. Wir werden das Kind zusammen aufziehen. Es wird unser Kind.“ Damit war alles gesagt, was ihre Mutter wissen musste. Kerstin hatte es geschafft. Sie hatte von der Scheidung, der Schwangerschaft, der Jobsuche und Sascha erzählt. Nun lag es an ihrer Mutter die Sache zu beenden.
„Kerstin…“ Die Verbindung brach ab. Das war wohl das erste Telefonat, das ihre Mutter beendet hatte. Kerstin legte auf.
„Tja Napi, so wie es aussieht, ist meine Mutter nicht ganz so begeistert von Sascha. Schade, ein wenig von deiner Freude hätte gereicht. Naja, sie wird sich daran gewöhnen müssen. Meinst du, sie ruft noch mal an? Also, dank Mama wird Sascha es wohl heute nicht mehr schaffen.“ Kerstin sah auf ihre Uhr. Halb zehn. Nein, Sascha würde nicht mehr anrufen. Jedoch konnte es passieren, dass ihre Mutter anrief sobald sie sich gefasst hatte. Für heute hatte Kerstin aber eigentlich genug von Telefonate mit ihrer Mutter. Sie beschloss, das Telefon auf lautlos zu stellen und ins Bett zu gehen. Als sie ihr Handy ausschalten wollte, sah sie, dass sie einen verpassten Anruf hatte. Sie rief ihre Mailbox ab.
„Hi, ich bins.“ Saschas Stimme. Kerstin musste lächeln und ihr wurde ganz warm ums Herz „Bei dir ist besetzt, ich gehe mal davon aus, dass deine Mutter dich erwischt hat. Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich liebe und mich auf Montag freue. Schlaf schön.“ Ja, das waren Worte, die sie zum einschlafen hören wollte. Saschas Worte.

„Eine letzte Frage: Was würden Sie machen wenn Sie Herrn Jansen auf der Straße sehen?“ Der Mediator sah Sascha an. Diese schloss die Augen.
„Ihn ignorieren.“ Und das war nicht gelogen. Warum sollte sie sich die Hände an ihm schmutzig machen? Oder war das die falsche Antwort? Es war ihre letzte Sitzung, vielleicht hatte ihr Mediator so etwas wie Verbrüderung auf seinem Programmzettel stehen. Doch dafür war Sascha die Falsche. Irgendwann hatte sie ihre Grenze erreicht.
„Und Sie, Herr Jansen?“
„Ignorieren. Alles andere wäre Zeitverschwendung.“ Jansen war Sascha einen selbstgefälligen und überlegenden Blick zu. Seine Antwort auf jeden Fall negativer als Saschas gewesen. Ein Teilerfolg.
„Gut, dass Sie Freunde werden war von vorneherein unwahrscheinlich und nicht Ziel dieser Sitzung. Sie scheinen Ihren Hass aufeinander so weit in Griff zu haben, dass Sie wieder aufeinander treffen können ohne dass einer von Ihnen zu Schaden kommt. Damit ist die Sitzung beendet.“ Was für erlösende Worte. Endlich musste sie Jansen nicht mehr stundenlang gegenüber sitzen und mit ihm reden. Sie war ihm los; zumindest so lange bis er wieder nach Reutlitz zurückkam. Dann tat Sascha etwas, was sie selber überraschte. Sie reichte Jansen die Hand. Ob es die Erleichterung über das Ende der Sitzungen oder Reflex war konnte sie nicht mehr sagen, aber sie streckte ihre Hand wirklich über den Tisch zu ihm. Überrascht und überrumpelt nahm Hendrik Jansen nach kurzem zögern die Hand und schüttelte sie.
Beschwingt durch diesen Teilerfolg ließ Sascha sich von Kittler auf ihre Zelle zurück bringen. Sie musste ihre Sachen packen und dann ging es nach dem Mittagessen auf zur Universität. Zu Saschas Überraschung war Nico in ihrer Zelle .Sie lag auf ihrem Bett und las.
„Hi, was machst du denn hier? Solltest du nicht arbeiten? Bist du krank?“ Ihr Arm war eigentlich wieder heile.
„So viele Fragen auf einmal. Ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit einer anderen Frau und Herr Müller hielt es für besser wenn ich heute Zwangsurlaub nehme und in der Zelle bleibe.“
„Mein Gott, das kenne ich gar nicht von dir.“
„Wenn man mir zu blöde kommt, dann gibt es einen aufs Maul. Ganz einfacher Knastregel. Und bei dir? Alles gut verlaufen?“
„Ich habe es hinter mir. Nie wieder Jansen. Zumindest was Gespräche angeht. Endlich. Der Mediator wird in den nächsten Tagen ein Gespräch mit der Schnoor und der Kaltenbach haben, da wird entschieden ob und wann ich raus komme. Wenn es einigermaßen gut verläuft, kann ich Weihnachten in Freiheit verbringen. Uschi hat mir bereits ein Zimmer im Übergangsheim versprochen.“
„Uschi?“
„Die Frau vom Strauß. Sie hat ein Übergangsheim für Knackis. Ilse war da drin bis sie die Leichen beklaut hat.“
„Sie hat Leichen bestohlen?“ Nico verzog das Gesicht.
„Ja, um damit die Beerdigung von Raffi zu bezahlen. Leider sah außer ihr keiner den guten Zweck und deswegen durfte sie nach einigen Wochen draußen wiederkommen.“
„Hoffentlich machst du nicht ähnliche Fehler. Aber so wie ich die kenne, wirst du das schaffen. Schließlich konntest du während des Studiums ein paar Kontakte aufbauen. Und wenn ich das richtig deute, dann bist du draußen nicht alleine.“ Nico grinste. Damit war klar, dass Saschas und Kerstins Beziehung in Saschas Zelle kein Geheimnis mehr war.
„Das deutetest du richtig. Ich werde sogar regelmäßig den Müller sehen. Es sei denn, ich werde meinen Kontakt zu Nathalie abbrechen. Das hatte ich allerdings nicht vor. Wann kommst du hier raus?“
„Das dauert. Ein paar Jahre sind es noch. Allerdings kann ich es auch mal mit einen Täter – Opfer – Ausgleich versuchen.“
„Wäre ich das Opfer, ich würde dich nie wieder sehen wollen.“, meinte Sascha trocken. Nico sah sie überrascht an.
„Du weißt was…“
„Es war gar nicht schwer rauszufinden wenn man ein wenig nachhilft. Dein Prozess war schließlich nicht ganz gewöhnlich. Wann schneidet eine Frau schon mit einer Brotmaschine…“
„Danke, erspar mir das.“
„Nachträglich sensibel geworden?“, lachte Sascha.
„Nee, aber du kannst dir gar nicht vorstellen wie oft ich mir das bisher anhören durfte. Deswegen bin ich so erpicht darauf, dass es hier keiner weiß. Es wäre schön wenn du…“
„Ich sage nichts. Versprochen.“
„Danke. Verdient hatte der Typ es trotzdem.“
„Das glaube ich dir. Und es war eine Tötungsabsicht?“
„Nö, gar nicht. As Gericht hat mich da völlig falsch verstanden. Das Schwein sollte leiden und zwar jahrelang. Hätte ich ihn killen wollen, hätte ich keine Bullen gerufen. Nein, er sollte leiden, während und nach der Tat. Außerdem sollte die ganze Stadt, das ganze Land, wissen dass er schwanzlos ist. Der traut sich so schnell an niemanden mehr ran.“ In Nicos Gesicht lag nicht der Hauch von Bedauern. Sascha musste grinsen. Der Mann würde so schnell wirklich niemanden mehr nahe kommen. Wahrscheinlich war er längst aus Berlin weggezogen, eventuell sogar aus Deutschland raus.

„Das Ergebnis Ihrer Gespräche mit Herrn Jansen liegt vor.“ Sascha hatte einen Termin mit ihrem Anwalt.
„Und?“
„Sie haben ganze Arbeit geleistet.“ Als man ihr das das letzte Mal gesagt hatte, hatte sie danach eine Strafe über sich ergehen lassen dürfen. Hoffentlich war es diesmal anders.
„Ihre Bewährung ist durch. Sie werden am zweiundzwanzigsten Dezember die Haftanstalt verlassen. Es sei denn, Sie machen bis dahin einen Fehler. Schaffen Sie es die letzen vier Wochen hier auszuhalten ohne Ärger zu machen? Herr Jansen tritt seinen Dienst am Montag wieder an.“
„Ich gebe mir Mühe. Immerhin werde ich draußen erwartet.“
„Ja, das werden Sie.“ Eduard Manson lächelte „Und sie wartet sehnsüchtig.“
„Geht es Kerstin gut?“ Das war die Chance mal eine Meinung von jemanden einzuholen, der Kerstin in anderen Situationen sah als Sascha.
„Wir haben derzeit ein wenig Ärger mit Michael, der weiterhin das alleinige Sorgerecht für das Kind will, aber so wie ich die Indizien deute, hat er keine Chance darauf. Praktisch wäre es, wenn er einen Fehler machen würde, dann könnte wir ihn aus dem Leben des Kindes raushalten.“ Sascha seufzte. Sie hoffte so sehr, dass Kerstin und sie das Kind behalten durften. Es sprach doch nichts dagegen. Oder würde es wegen ihr Probleme geben? Ein Exknacki war sicherlich nicht das, was ein deutsches Gericht als empfehlenswert für einen Säugling hielt.
„Wenn Sie es schaffen mich hier rauszuholen, dann schaffen Sie es auch das Kind von Michael fernzuhalten.“
„Vielen Dank für das Vertrauen. Ich gebe mir Mühe. Michael platzt fast jeden Tag vor Gift. Ein schöner Anblick.“ Eduard Manson war amüsiert.
„Ich verstehe nicht wieso Sie sich eine Kanzlei teilen.“
„Weil wir zusammen an einem Fall unschlagbar sind. Das bringt einem sehr viel und sehr gutes Geld.“
„Was bei meinem Fall nicht wirklich so war“, meinte Sascha entschuldigend. Sie wollte sich gar nicht vorstellen was für Gehaltsvorstellungen Eduard Manson seinen Klienten so mitteilte. Wahrscheinlich verdiente er pro Stunde das, was sie in all den Jahren bekommen hatte. Oder sogar noch mehr. Und dieses Mal bekam er keinen Cent und hatte trotzdem genug Arbeit und Ärger.
„Dafür habe ich mehr Spaß als in all den Jahren zuvor.“ Es schien ihm wirklich Spaß zu machen Michael zu foppen.
„Wie weit ist Kerstin mit dem Hof?“, wechselte Sascha das Thema.
„Erstaunlich weit. Sie hat diese drei Studenten inzwischen bei sich, was ich sehr beruhigend finde. Eine schwangere Frau sollte nicht alleine auf einem einsamen Bauernhof wohnen. Und das Haus ist von außen fertig renoviert. Sie ist derzeit eifrig dabei die restlichen Zimmer bewohnbar zu machen. Eigentlich sollte das im Frühjahr passieren, doch ihre Eltern müssen irgendwo schlafen.“ Kerstins Eltern. Seitdem Kerstin ihnen gesagt hatte, dass sie mit Sascha zusammen war, hatten diese nicht mehr von sich hören lassen. Allerdings konnte Kerstin seitdem ans Telefon gehen ohne einen endlosen Redemarathon zu befürchten. Und irgendwann würden die sich wieder einkriegen.
„Ja, ihre Eltern. Kerstin ist wenig begeistert davon, dass sie Weihnachten vorbeikommen wollen.“
„Hat sie mir bereits gesagt. Wenn ich geahnt hätte, dass sie ihr so einen Ärger machen, dann hätte ich ihnen niemals die Telefonnummer gegeben.“
„Es kann ja keiner wissen was für eine Person Kerstins Mutter ist. Da freut mich sich direkt, dass man in Reutlitz nicht angerufen werden kann.“
„Leider kann Kerstin die Nummer ihrer Mutter schlecht sperren lassen, das würde ihr zusätzlichen Ärger einbringen. Aber ich denke, die Eltern werden sich wieder beruhigen. Es gab eben viele Neuigkeiten, die Kerstin ihnen erzählen konnte, musste, sollte.“
„Und ich war nicht unschuldig dran“, seufzte Sascha. Hoffentlich wandten sich Kerstins Eltern nicht von ihrer Tochter ab nur weil diese jetzt mit Sascha zusammen war. Das hatte Sascha nicht gewollt.

Teil 32

„Dann bleiben dir knappe vierundzwanzig Stunden zum Eingewöhnen bevor du meine Eltern kennen lernst.“ Kerstin sah Sascha glücklich an. Sascha hatte es endlich geschafft Kerstin persönlich von dem Termin ihrer Entlassung zu erzählen. Die letzten Tage hatten sie nur telefonieren können.
„Du meinst, ich sollte mir Schutzkleidung anlegen?“
„Nein, wieso?“
„Weil sie keine Schwiegertochter, sondern einen Schwiegersohn haben wollen. Oder meinst du, deine Mutter lässt dich in Ruhe weil sie ihre Stimme verloren hat?“ Sascha sah Kerstin traurig an. Sie wollte nicht, dass Kerstin ihre Eltern wegen ihr verlor.
„Nun, wenn sie wollen, dass ich glücklich bin, dann müssen sie akzeptieren, dass ich dich liebe. Wenn sie das nicht können, wollen oder sonst was, dann ist es besser wenn sie Weihnachten auf Mallorca verbringen weil ich werde dieses Weihnachten mit der Frau verbringen, die ich liebe.“ Kerstin küsste Sascha.
„Sicher?“
„Ja, mehr als sicher. Ich liebe dich, da werde ich sicherlich nicht wollen, dass du nicht bei mir bist. Außerdem haben wir noch ein paar Leute, die mit uns mitfeiern falls meine Eltern wegbleiben. Wusstest du, dass Chris einen Weihnachtsbraten machen kann?“
„Nein.“ Sascha musste lächeln.
„Er macht uns eine Gans. Zusammen mit Nathalie, denn ausnehmen kann er den Vogel nicht. Zu sensibel. Benni wird uns die passenden Getränke suchen und wir beide sind für die Beilagen zuständig. Sollte Nathalie bis dahin ihr Herz an Jonathan verloren haben und der mit uns feiern, dann darf er den Nachtisch mitbringen. Allerdings steht das noch in den Sternen.“
„Die Frau und ihre Liebesgeschichten.“ Sascha stöhnte. „Hat sie den Dekan endlich…?“
„Ja, hat sie. Sie ist in sich gegangen und hat festgestellt, dass sie sich zu schade ist für eine Affäre mit dem Typen.“
„Gott sei dank“, atmete Sascha auf.
„Und wie ist das Leben mit Jansen?“
„Wir gehen uns aus dem Weg. So lange ich studiere geht das ganz gut und wenn er mich zur Schleuse bringen muss – so wie heute – dann schweigen wir. Dein Mediator hat ganze Arbeit geleistet.“
„Das war euer Mediator. Und ich bin sehr froh, dass er es geschafft hat euch zu bändigen. Ich will nicht länger warten müssen um das Bett einzuweihen.“ Kerstin grinste schelmisch.
„Erzähl mir von dem Bett.“ Sascha lehnte sich an ihre Freundin und schloss die Augen.
„Nun, es ist zwei mal zwei Meter groß, besteht aus einer Matratze, die verdammt schwer zu finden und sauteuer war. Dann habe ich uns die Komfortbettwäsche gekauft, du hast also eine eineinhalb Meter breite und zweimeterzwanzig lange Bettdecke, so dass es gar nichts machen wird wenn ich zu dir unter die Decke kriechen, denn wir werden genug Platz haben. Dann sind da vier normale Kopfkissen und eine Reihe kleinerer flauschiger Kissen, so dass dein kluges Köpfchen gut gebettet ist. Der Rahmen ist aus rustikalen Kieferholz, knarrt nicht und ohne Splitter.“
„Das hört sich nach besten Schlafkomfort an; vor allem wenn du neben mir liegst. Das nehme ich“, meinte Sascha zufrieden. Dagegen war ihr Bett in Reutlitz unbequem und eine Zumutung.
„Keine fünf Wochen mehr, dann wirst du es persönlich kennen lernen.“
„Wen wird sie kennen lernen?“ Nathalie gesellte sich zu ihnen. „Deine Eltern?“
„Die auch, aber eigentlich reden wir gerade über das Bett.“
„Ach so, sehr bequem kann ich nur sagen.“
„Wie? Du warst in Kerstins Bett? Möchtet ihr mir etwas erzählen?“ Sascha sah beide Frauen auffordernd an.
„Einer musste Probeliegen neben Kerstin machen, du warst nicht da, da habe ich mich erbarmt.“
„Napsütés“, schlug Sascha vor.
„Kein Hund im Bett“, widersprach Kerstin.
„Es ist bewundernswert wie sehr du deiner Freundin und mir vertraust.“
„Kerstin vertrau ich, dir nicht. Erst wenn du eine funktionierende Beziehung vorzeigen kannst, die länger als ein halbes Jahr andauert.“
„Dann wird das dieses Jahr nichts mehr. Schade.“ Nathalie grinste. Sascha warf ihr einen bösen Blick zu und schmollte ein wenig. Sie wollte mit Kerstin das Bett ausprobieren. Es war ihr gemeinsames Bett, da sollten keine anderen Frauen rein. Das schloss Nathalie mit ein.

„Hast du die neue Braut gesehen?“ Walter sah Sascha breit grinsend an. Sascha sah irritiert von ihrer Lektüre auf und schüttelte den Kopf.
„Och Sascha, kannst du dich mal auf die normalen Dinge des Lebens konzentrieren? Entweder du bist bei deiner Frau oder bei einem Buch. Bekommst du überhaupt mit wo du bist, was um dich herum passiert und wer sich in deiner Nähe aufhält?“ Walter war leicht sauer. Sascha hatte völlig den Bezug zum Knast verloren seitdem sie studierte und seitdem sie wusste, dass sie bald hier raus war, schien sie Reutlitz gar nicht mehr zu interessieren.
„Ich bin in Reutlitz, Mel baut wieder Dope in der Werkstatt an, Nico redet inzwischen sogar mit dir und du hast ein Auge auf eine der Neuzugänge geworfen und machst dir Hoffnung weil sie dich angelächelt hat und dir schöne Augen macht. Walter, du bist berechenbar wie ein Kerl. Sobald eine Frau das arme, hilflose Weibchen raushängen lässt und dir das Gefühl gibt, du wärst ihre einzigste Rettung, bist du Feuer und Flamme.“
„Lies weiter“, grummelte Walter. So genau wollte sie das alles gar nicht wissen. Wobei…
„Wie? Mel baut wieder Dope an?“
„Was meinst du wieso die in letzter Zeit laufend bekifft ist? Wer hat seine Augen und seine Wahrnehmung nur auf diverse Dinge? Wie heißt die Glückliche denn?“
„Christina.“ Walter verzog das Gesicht. Sascha musste lachen.
„Christina und Christine. Das nenne ich…“
„Halt den Mund, ich will da kein Wort drüber hören.“
„Du musst zugeben, das ist ein lustiger Zufall. Auf welcher Zelle ist sie?“
„Nebenan. Wir könnten uns die ganze Nacht unterhalten…schenk dir dein Grinsen. Wolltest du das Kapitel heute nicht durchbekommen?“
„Hast du mir nicht eben vorgehalten ich sollte mich mehr um dich, Reutlitz und meine Umgebung kümmern?“
„Seit wann hörst du auf mich?“
„Walter, geh. Das ist deine Angebetete.“ Sascha zeigte auf Christina. Diese stand bei den beiden Bankräubern.
„Die sollen ihre Finger von…“ Walter zog schimpfend ab zu den drei Frauen. Sascha schüttelte fassungslos den Kopf und sah wieder in ihr Buch.
„Eifersucht?“
„Bitte?“ Sascha sah auf. Jonathan Müller stand neben ihr und deutete auf Walter.
„Walter und die Neue.“
„Keine Ahnung, geht uns auch nichts an.“
„Nicht?“
„Nein, das muss Walter alleine schaffen. Oder versuche ich Nathalie in irgendeiner Form von Ihnen zu überzeugen?“, fragte Sascha belustigt. Okay, vielleicht wäre der Gedanke gar nicht so übel.
„Ich würde es Ihnen nicht verübeln wenn Sie das machen würden. Im Gegenteil. Sie dürfen mich gerne in allen Formen der Kunst loben und sie davon überzeugen, dass ich der perfekte Mann für sie wäre.“ Er war eine Schluse, er konnte nicht perfekt sein.
„Wieso sagen Sie ihr das nicht selber?“
„Wann? Wenn sie lernt? Wenn sie arbeitet? Wenn sie am umziehen ist? Sie hat keine Zeit, zumindest wenn es darum geht in Ruhe mit mir zu reden. Das hat sie mir mehr als deutlich gezeigt.“
„Wieso kommen Sie nicht Weihnachten zu…Nathalie und den anderen.“ Sascha wollte zuerst „uns“ sagen, aber schließlich waren sie in Reutlitz und da konnte/wollte sie ungern von ihrer gemeinsamen Zukunft mit Kerstin reden.
„So wie ich das verstanden habe, sind Sie sowieso eingeplant. Zumindest was…“
„Frau Herzog?“ Jonathan Müller lächelte als er leise Kerstins Namen aussprach. Sascha nickte.
„Sie meint, sie wären für Weihnachten eingeplant. Ich glaube für den Nachtisch. Und wenn Sie Silvester nichts vorhaben…ich denke, da wären Sie ebenfalls willkommen.“ Hatte Sascha das wirklich gesagt? Hatte sie gerade eine Schluse eingeladen? Hatte sie jetzt endgültig den Verstand verloren? Sie musste etwas gegessen haben, das ihr nicht bekommen war. Oder das Buch hatte Nebenwirkungen.
„Und Sie wollen eine Schluse sehen wenn Sie endlich hier raus sind?“ Manchmal konnte Jonathan Müller Gedanken lesen.
„Keine Schluse, Nathalies Freund.“ Das hörte sich besser an. Unter diesen Voraussetzungen war der Gedanke, Jonathan Müller über die Feiertage bei sich und Kerstin zu sehen, angenehmer. Viel angenehmer. Nur, was würde Nathalie dazu sagen?
„Danke für die nette Einladung. Nur, was wird Nathalie dazu sagen? Kennt die Ihren Plan?“ Jonathan Müller sah Sascha zweifelnd an.
„Noch nicht, aber das kriege ich hin. Lassen Sie mich mal machen. So schlecht stehen Ihre Chancen nicht.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr.“
„Kein Problem, zu dem habe ich einen sehr guten Draht. Anders kann ich mir nicht erklären wieso ich hier raus darf.“
„Weil Sie es verdient haben.“ Ja, so wünschte sich Sascha Schlusen. Das waren Worte, die ihr gut taten.

Teil 33

„Schatz, ich habe keine Ahnung was ich dir zu Weihnachten schenken soll.“ Sascha sah Kerstin verzweifelt an. Sie hatte sich die ganzen letzten Tage Gedanken darüber gemacht was sie Kerstin schenken sollte. Sie hatte keine Ahnung was Kerstin fehlte, was sie sich wünschte, was sie brauchte. Mal davon abgesehen, dass sie gefälligst auf jede dieser Fragen mit ihrem Namen antworten sollte.
„Wie wäre es mit einem Abend in unserem Bett? Der Weihnachtsabend, zum Beispiel.“
„Kerstin, ich meine es ernst. Was kann ich dir schenken?“
„Ich will keine Geschenke von dir. Alles was ich will, ist dich bei mir zu haben.“
„Irgendetwas möchte ich dir schenken. Ich meine, meine finanzielle Lage ist…nicht gut, aber für eine Kleinigkeit würde es reichen“ Sascha hatte in den letzten Wochen auf ihr Mittagessen verzichtet und das Geld dafür gespart. Ebenso war sie öfters nach Reutlitz gelaufen um auch das Geld für die U-Bahn zu sparen. Reichtümer waren nicht entstanden, doch für ein kleines Geschenk konnte es reichen. Kerstin musste nur einen Wunsch äußern.
„Sascha, ich bin wunschlos glücklich wenn du bei mir bist. Wirklich. Mehr möchte ich nicht.“
„Schenkst du mir etwas?“ Wenn Kerstin ja sagen würde, hatte Sascha ein Argument warum sie ihr etwas schenken wollte.
„Ja, werde ich.“
„Na, also.“ Da hatten sie es. Sascha wollte gleichberechtigt sein. „Kannst du mir…“ Kerstins Handy klingelte. Das Display zeigte an, dass es ein Anruf war, der von ihrem Telefon Zuhause weitergeleitet wurde.
„Hallo, Herzog?“
„Kerstin, ich  bin es.“ Ihre Mutter. Am helligsten Tage. Der erste Anruf seitdem sie von Sascha wusste. Würde sie ihren Besuch bei Kerstin über Weihnachten absagen?
„Hallo Mama.“ So wusste Sascha wer dran war. Interessiert setzte sich Sascha gerade hin. Nun war die Stunde der Wahrheit. Wie würden Kerstins Eltern auf sie reagieren?
„Es geht um Weihnachten.“ Das hörte sich ganz nach einer Absage an. Im Stile von einem kranken Nachbarn, um den man sich kümmern musste oder einer anderen kleineren Eskapade, die jedoch erzwang, dass Kerstins Eltern die Insel nicht verlassen konnten.
„Du und diese Frau…“ Aha.
„Sascha“, half Kerstin aus und nahm Saschas Hand.
„Ja. Es ist…ist es…dir ist das ernst…also, dass du und sie…“ Ihre Mutter fand keine Worte. Eine schöne Situation. Konnte man die nicht ausbauen und auf andere Lebensbereiche übertragen?
„Ja Mama, mir ist das sehr ernst mit Sascha. Ich liebe sie, sie macht mich glücklich und ist mir sehr, sehr wichtig.“ Sascha gingen diese Worte runter wie Öl. Gab es eine schönere Bestätigung für Kerstins Gefühle als das? Sie verteidigte sie vor ihren Eltern.
„Es tut mir leid wenn du und Papa damit Probleme habt, aber das sind meine Gefühle und mein Empfinden und das ist wichtiger wenn es um meine Beziehung geht. Sascha wird am zweiundzwanzigsten Dezember entlassen, ab dann wird sie bei mir wohnen, es wird unser Haus sein und wir werden zusammen das Kind aufziehen. Sie ist die Person, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will. Nicht Michael oder irgendein anderer Mann. Sascha wird an meiner Seite sein. Entweder ihr akzeptiert das oder wir werden uns wohl nicht mehr wiedersehen. Ich werde sie auf keinen Fall aufgeben. Tut mir leid.“ Kerstin holte Luft. So lange hatte sie nie mit ihrer Mutter geredet. Zumindest nicht was die zusammenhängenden Sätze ohne Unterbrechung anging. Am anderen Ende der Verbindung war Totenstille.
„Sie bedeutet dir viel.“
„Sie bedeutet mir alles.“ Sascha hätte Kerstin am liebsten hier und jetzt geküsst. Schönere Worte konnte man seiner Freundin nicht sagen, oder?
„Okay, dann werden wir uns sicherlich mit ihr arrangieren.“ Kerstin wollte klarstellen, dass ihr arrangieren zu wenig war doch ihre Mutter fuhr bereits fort.
„Wenn du sie wirklich liebst, dann muss sie etwas gang Besonderes sein und wir würden uns freuen wenn wir sie kennen lernen dürfen. Sind wir Weihnachten noch willkommen?“
„Ja, natürlich.“ Kerstin strahlte über das ganze Gesicht. Ihre Eltern wollten Sascha eine Chance geben. Das machte ihre Anwesenheit und die Störung von Saschas und Kerstins Zweisamkeit wieder wett.
„Gut, dann werden wir uns Weihnachten sehen. Und…grüß Sascha.“
„Das mache ich. Ciao Mama.“ Kerstin schaltete ihr Handy aus und umarmte Sascha überglücklich.
„Hast du das gehört? Sie wollen dich kennen lernen.“
„Immerhin etwas.“ Sascha musste schmunzeln.
„Etwas? Das ist mehr als ich mir je erträumt hätte. Meine Eltern sind eigentlich erzkonservativ. Du weißt was sie für einen Aufstand gemacht haben als ich ihnen gesagt habe, dass ich das Kind ohne Michael aufziehen werde. Oder ihre Panik, ein fremder Mann wäre der Vater. Und jetzt wollen sie dich kennen lernen. Ich bin sprachlos.“ Kerstin küsste Sascha erneut. Das waren die besten Neuigkeiten, die man ihr heute machen konnte, die Besten seit sie wusste, dass Sascha entlassen wurde. Vielleicht würde es doch ein großes, familiäres Weihnachtsfest.

„Wo sind Mel und Walter?“ Sascha sah Nico fragend an. Es war Samstag und weder in der Zelle noch draußen waren beide aufzufinden.
„Mel ist bei ihrem Mann, sie haben ein Sondertreffen genehmigt bekommen. Walter hat sich in der Zelle nebenan mit ihrer Tusse eingesperrt. Sobald die Schlusen rausbekommen, dass sie die Tür verbarrikadiert haben, wird es Ärger geben. Und du? Wieso bist du nicht am Telefon? Ist deine Geliebte nicht Zuhause?“
„Ich habe keine Ahnung wovon du redest.“ Leugnen, leugnen, leugnen.
„Deine Ärztin, die du abends anrufst. Denkst du, man kann auf dieser Zelle sein ohne davon Wind zu bekommen? Du triffst sie wenn du draußen bist und sobald du hier raus kommst, wirst du zu ihr ziehen. Kein Übergangsheim.“ Nico sah Sascha trocken an. Sascha seufzte. Ja, das traf die Sache sehr genau. Okay, bei all diesen Informationen war leugnen zwecklos. Außerdem sprach nichts gegen ihre und Kerstins Beziehung. Kerstin arbeitete nicht hier und keiner hatte Sascha verboten sich beim Studium zu verlieben.
„Glückwunsch Sherlock. Und? Wen hast du dir ausgesucht?“
„Niemanden. Beziehungen sind nur Zeitverschwendung. Dieses Gefasel von Liebe und Treue. Totaler Schwachsinn. Alles Erfindungen von irgendwelchen Organisationen. Ich glaube nicht, dass ewige Liebe und Treue in der Natur des Menschen liegen. Das wurde ihm nur eingeredet als er kulturviert wurde. Deswegen ist die Ehe ein Kulturprodukt.“ Interessanter Anthropologischer Ansatz.
„Irre ich mich oder ist der Mensch nicht ein Kulturwesen? Zumindest hat Gehlen so etwas gesagt.“
„Und waren es nicht auch die Anthropologen, die behaupteten, der Mensch sei ein Vernunftwesen? Ich weiß ja nicht wie du das empfindest, aber ich denke, diese Beschreibung passt nicht einmal auf fünfzig Prozent der Menschen. Der Mensch ist genauso Trieb- und Machtgesteuert wie ein Tier, vielleicht sogar schlimmer.“
„Seit wann studiert man Anthropologie im Informatikstudium?“, konterte Sascha lachend. Die Unterhaltung begann seltsam zu werden.
„Seitdem man Hobbys haben darf und sich auf Computerspiele spezialisiert hat, die den Bedürfnissen des Menschen gerecht werden sollen. Da kann ein kleiner Exkurs über die Anthropologie nicht schade. Und du? Literaturschwerpunkt Anthropologen der deutschen Gesellschaft?“
„Eine gute Allgemeinbildung kann nicht schaden.“
„Sehe ich ähnlich. Wobei das hier nicht gefragt zu sein scheint. Ich meine, du hast sicherlich gute Vorarbeit geleistet, aber was die Rechtschreib- und Lesekenntnisse einiger Frauen hier angeht, da wird einem ganz anders. Ich traue mich kaum etwas Anspruchsvolles zu machen. Von der höheren Mathematik ganz zu schweigen. Unter höherer Mathematik verstehe ich hier alles, was über das kleine einmal eins hinausgeht. Hast du dir mal Gerda Mathekenntnisse angesehen?“ Sascha schüttelte den Kopf. Sie bezweifelte jedoch, dass es hier irgendeine Person gab, die die Mathematikkenntnisse von Nico hatte. Sie war, was Sascha gehört hatte, sehr gut in ihrem Studium gewesen und da waren Mathematikkenntnisse gefordert. Und Sascha selber war nie ein Fan von Mathe gewesen.

Kerstins neues Zuhause nahm langsam Formen an. Die Küche war komplett eingerichtet, sie hatte bereits die Wände dekoriert und auch die beiden Badezimmer waren angenehm eingerichtet. Derzeit schuftete sie an zwei der leerstehenden Räume im Obergeschoss. Tapete und Teppich waren ihrem Platz, jetzt mussten Betten, Schränke und andere Dinge herein gebracht werden. Allerdings hatte sie derzeit nicht so viel Geld um alles komplett auszustatten. Das alte Bett aus ihrer Berliner Wohnung musste es tun und im zukünftigen Kinderzimmer gab es statt der lustigen – und teueren – Kindertapete aus dem Baummarkt die Standarttapete in weiß mit bunten Bildern, die sie aus der Zeitung ausgeschnitten hatte und aufhängen wollte. Wenn es finanziell besser aussah gab es eine ordentlich Tapete und wenn sie drei Jahre warten würde, konnte das Kind mitentscheiden.
„Hallo schöne Frau, kann ich helfen?“ Benni kam herein.
„Wie hast du es geschafft an Napsütés vorbeizukommen?“
„Leberwurst und Nathalie, die mit ihr spazieren geht. Du könntest deinem Kampfhund erlauben deine untergebenden Mitbewohner hereinzulassen.“ Letzte Woche hatte Benni eine halbe Stunde lang versucht in Kerstins Haus zu kommen, scheiterte jedoch an der knurrenden Napsütés. Wenn Kerstin ihn herein ließ, was es kein Problem, dann war Napsütés der verspielteste Hund der Welt, aber ohne die offizielle Erlaubnis des Frauchens konnte niemand das Haus betreten. Sogar den Postboten hatte die acht Monate alte Rottweilerhündin bereits verscheucht. Er hatte in ihrem Sinne keine Erlaubnis den Hof zu betreten. Kerstin musste nun dafür Sorgen, dass Napsütés morgens nicht mehr frei herumlief oder sie musste sich ihre Post aus dem Nachbarort abholen.
„Was machst du, wenn Naps Sascha nicht ins Haus lässt?“
„Ich denke, das passiert nicht. Die beiden sind ein Herz und eine Seele. Ansonsten muss Naps lernen Sascha reinzulassen. Immerhin wohnt sie dann hier.“ Kerstin reichte Benni die Gardinenstange. Klettern wollte sie ungern. Benni nahm den Stuhl und schob die Gardinenstange in die Vorrichtung.
„Wollen wir das mal hoffen. Sonst nehmen wir Sascha nebenan auf. Wozu haben wir zwei Zimmer frei?“
„Wenn Napsütés Sascha nicht reinlassen will, dann werde ich sie in den Stall sperren.“
„Lass das Michael hören und er dreht durch. Ihn wirfst du wegen den Tieren raus und Sascha darf die Tiere vertreiben.“ Benni machte die andere Seite der Gardinenstange fest und nahm dann Kerstin die Gardine ab. Stück für Stück wurde sie in die Schiene geschoben. Noch ein altes Erbstück, das reichen musste bis es wieder mehr Geld gab.
„Man muss Prioritäten setzen. Aber wie gesagt, ich denke, Naps wird Sascha keine Probleme machen. Wenn ich sie mitnehme zu Uni bin ich immer abgemeldet sobald sie Sascha sieht. Die beiden verbindet eine tiefe Liebe. Beide mochten Michael nicht, beide sind froh, dass ich mich scheiden lasse.“
„Diese berechnenden Biester“, lachte Benni.
„So sind Frauen eben.“
„Deswegen widme ich mich der Musik. No woman, no cry. Meine Musik würde mich nie enttäuschen.“ Kerstin sah ihn grinsend an. Ein netter Grund, sie hegte jedoch einen anderen Verdacht.
„Da fällt mir ein: Willst du heute Abend mitkommen? Wir haben einen Auftritt im DaSaLoHe. Du könntest ein wenig Abwechselung vertragen.“
„Danke, aber ich glaube nicht, dass das Baby Lust auf Krach und Qualm hat. Ich werde mir einen gemütlichen Abend auf der Couch machen und dann morgen früh die Schreibarbeiten für die Praxis erledigen. Das ist vor Weihnachten jede Menge. Nimm mir eine CD von eurem Auftritt auf.“
„Prinzipiell gerne, aber dafür bräuchte ich eine Genehmigung des Clubbesitzers. Ich gucke mal was sich machen lässt. Spätestens Weihnachten wirst du in den Genuss unserer Musik kommen.“
„Ich hoffe, ihr lasst sie in ihrer ursprünglichen Form und macht keine Weltuntergangslieder raus. Es sollen fröhliche Weihnachten werden und keine, die Suizid vorantreiben. Dafür haben wir meine Eltern.“
„Ich höre merkliche Vorfreude.“
„Naja…“ Kerstin verzog das Gesicht.
„Sie wollen Sascha eine Chance geben“, erinnerte Benni sie.
„Ja, nur was ist, wenn sie beschließen Sascha nicht zu mögen?“ Kerstin war sich alles andere als sicher, dass es keine Komplikationen gab. Ihre Mutter war eine nette Frau, jedoch nicht ganz einfach. Bei ihrem Vater wäre das einfacher.
„Kann man Sascha nicht mögen?“
„Was würden deine Eltern sagen wenn du ihnen zu Weihnachten einen Schwiegersohn präsentieren würdest während sie sich auf ein Enkelkind freuen?“
„Das gehört zu den Dinge, die hoffentlich ewig ein Geheimnis bleiben. Mal ganz davon abgesehen, habe ich meine Eltern seit Jahren nicht mehr an Weihnachten gesehen. Ich stehe nicht auf diesen Kitsch und diesen Hype, der um das Fest der Liebe gemacht wird. Ich feiere gerne mit euch, Familie muss nicht sein. Wir sehen uns das ganze Jahr nicht, warum dann an Weihnachten?“
„Manche nehmen genau das als Grund.“
„Was interessiert mich das gemeine Volk?“ Benni lachte und Kerstin musste grinsen. Seit wann war Benni unter die Könige gegangen? Das gemeine Volk. Musiker bekamen einen Knall wenn sie in einem angesagten Club auftreten durften.

Teil 34

„Ihre Entlassung ist in greifbare Nähe gerückt, Mehring. Wollen Sie sich es nicht noch mal in letzter Sekunde versauen? Das sehe Ihnen so ähnlich.“ Hendrik Jansen lehnte sich herablassend grinsend vor Sascha an den Türrahmen.
„Ich kann verstehen, Herr Jansen, wenn Sie mich ungern gehen lassen, denn ich bin wohl die einzigste Person der Welt, die weiß wie Sie wirklich sind, aber ich lehne Ihr Angebot dankend ab. Auch in Ihrem Sinne. Es ist das Beste für uns beide wenn sich unsere Wege trennen, oder sie sehen sie das anders?“
„Nein, da haben Sie ausnahmsweise Recht. Wobei ich nichts dagegen hätte, wenn Ihr Weg nach Preekov wäre.“
„Oder Ihrer in ein anderes Gefängnis. Ich habe gehört, im Männerknast stehen die auf Schlusen unter vierzig. Und da würden Sie keine „Probleme“ mit den Frauen haben…oder die Frauen mit Ihnen.“ Sascha hob eine Augenbraue und sah Hendrik Jansen unbeeindruckt an. Der würde sie zu keiner unüberlegten Tat treiben.
„Legen Sie es darauf an hier zubleiben? Ich kann Ihnen die Bewährung versauen. Das wäre mir eine große Ehre.“ Hendrik Jansen sah Sascha drohend an.
„Mir wäre das keine Ehre.“ Jonathan Müller trat plötzlich aus dem Hintergrund auf. Hendrik Jansen sah seinen neuen Kollegen hasserfüllt an.
„Ich habe bereits gehört, dass Ihr Verhältnis zu Frau Mehring sehr innig sein soll. Wenn ich nicht wüsste, dass sie eine dreckige Lesbe ist, dann würde ich mir darum Gedanken machen. Wobei, man weiß ja, dass Knackis alles machen um rauszukommen.“
„Möchten Sie ein Disziplinarverfahren am Hals haben? So weit ich weiß, wäre das nicht Ihr erstes dieses Jahr. Das könnte irgendwann ein schlechtes Licht auf Sie werfen.“
„Weswegen sollte man mir ein Verfahren machen? Weil die Theorien über die Mehring aufgestellt habe? Sie sind jung, Sie wissen nicht zu was die Frauen fähig sind.“
„Ich rede weniger von Frau Mehring als von mir. Wenn ich das richtig verstanden habe, haben Sie mir indirekt unterstellt eine unerlaubte Beziehung zu Frau Mehring zu unterhalten. Solche absurden Theorien gefallen mir ganz und gar nicht. Sollte mir jemals wieder so etwas zu Ohren kommen, dann können Sie mit einer Klage wegen Verleugnung und Rufmord rechnen, Herr Jansen.“ Jonathan Müller sah Hendrik Jansen fest und entschlossen an. Jansen verzog das Gesicht und ging. Sascha sah ihm nach. Ein wirklich interessantes Schauspiel was das gewesen.
„Danke.“
„Wofür?“
„Normalerweise halten Schlusen zusammen und schlagen sich nicht auf unsere Seite.“
„Es geht hier weniger um Seiten als um Gerechtigkeit. Ich hatte gedacht, die Geschichte, die über Herrn Jansen erzählt werden, sein übertrieben. Langsam denke ich jedoch, sie könnten wahr sein.“
„Glauben Sie mir, sie sind wahr. Ich kenne ihn ein paar Jahre. Unsere Beziehung war zwar immer sehr problematisch, aber er war nie ein Musterbeamter.“
„Ich habe gelesen dass Sie mit einer Flasche und einem Stuhl auf ihn losgegangen sind.“
„Nicht grundlos.“
„Sondern?“
„Steht das nicht in den Akten?“
„Meistens kann man da die eine Seite der Geschichte nachlesen, nie die zweite. Mich würde interessieren, wie Sie die Angriffe gesehen habe.“
„Jansen hat es verdient beim ersten, beim zweiten hat er mich provoziert.“
„Womit?“
„Meinen Gefühlen zu Frau Herzog. Er hat mir erzählt, er wäre bei ihr Essen gewesen, sie würde Herrn Lehnhardt heiraten, seien überglücklich und ich könnte sie endgültig vergessen. Dann meinte er, sie in Zivil richtig sexy aussehen und er fände es interessant wenn wir beide in direkter Konkurrenz stehen würden.“
„Das hat er so gesagt?“
„Ja. Und dann hat er mich geküsst. Glücklicherweise nicht auf den Mund sondern so zwischen Wange und Schläfe.“ Sascha schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken an diese Szene. Widerlich.
„Sexuelle Belästigung.“
„Ja, eine ohne Beweise.“ Sonst hätte sie Jansen bereits während der Verhandlung damit konfrontiert. Diesen kleinen Erfolg hätte sie sich mit Freude gegönnt. Vor allem wo seine Frau anwesend war.
„Das erklärt einiges. Haben Sie das so dem Richter erzählt?“
„Mehr oder weniger. Für all das habe ich keine Beweise, deswegen bringt es mir recht wenig. Ich hoffe einfach, dass die letzten Tage schnell vergehen, dann bin ich ihn los.“
„Ich bin mir sicher, dass Sie das schaffen. Und um Herrn Jansen werde ich mich gerne kümmern. Scheint mir ein wirklich netter Bursche zu sein. Das erklärt wieso seine Frau ihm so lange zappeln lässt mit der zweiten Chance.“ Jonathan Müller grinste und verließ die Zelle. Sascha musste ebenfalls grinsen. So viel zu Jansens Beliebtheit unter den Kollegen. Anscheinend war er im Kurs gesunken. Ihr konnte es nur Recht sein.

„Kerstin, ich habe mir deine Unterlagen ganz genau angesehen.“ Eduard saß Kerstin in seinem Büro gegenüber. Sie hatte ihm vor einigen Tagen ihre Unterlagen gegeben um sicher zu sein, dass sie alles, was sie verpachten konnte, verpachtet hatte. Es machte sich nämlich auf ihrem Konto eine Geldarmut breit und die Bank gewährte ihr keine Kredite mehr da sie kein größeres regelmäßiges Einkommen aufweisen konnte. Mit vierhundert Euro im Monat macht man keine großen Sprünge.
„Und?“
„Naja, die Wiesen sind alle verpachtet bis auf die beiden, die um den Hof herum liegen. Jedoch frage ich mich, ob du dir deine Urkunden richtig angesehen hast?“
„Nein.“ Kerstin schüttelte den Kopf. Das sagte ihr alles nichts. Alles was feststellen konnte, was, dass sie ein Dutzend Weideflächen hatte, die sie dann verpachtet hatte.
„Habe ich etwas falsch gemacht? Übersehen?“
„Nein und ja. Also, ich habe hier ein Waldgebiet gefunden, das deinen Eltern gehört. Nicht groß, vier Quadratkilometer. Wir könnten das veräußern wenn es keine Verwendung dazu hast.“
„Was soll ich damit anfangen? Ich werde sicherlich nicht mit einer Axt in den Wald gehen und Bäume umschlagen. Nein, lass uns das verkaufen.“
„Gut. Viel Geld wird das nicht bringen. Doch es wird reichen um deine Schulden zu bezahlen. Dann habe ich…“ Es klopfte und Michael kam herein. Irritiert sah er Kerstin an. Er hatte wohl nicht gewusst mit welchen Klienten Eduard einen Termin hatte.
„Hallo…“
„Hallo Michael.“ Kerstin musste schlucken. Er sah schlecht aus. Übernächtigt und überarbeitet.
„Wie geht es dir?“
„Gut, danke. Und selber?“ Belangloser, pseudofreundlicher Smalltalk. Mehr bekamen sie nicht mehr auf die Reihe. Das war der Mann, mit dem sie verheiratet war. Vor einem halben Jahr hatten sie gemeinsame Zukunftspläne, heute konnte sie kein ordentliches, unverkrampftes Gespräch führen.
„Ganz gut.“ Eine glatte Lüge. Michael wandte sich an Eduard „Der Firmentermin ist um eine halbe Stunde nach hinten verschoben worden.“
„Gut, dann haben wir genug Zeit für eine Mittagspause. Danke.“
„Auf Wiedersehen, Kerstin.“
„Tschüß Michael.“ Kerstin sah zu wie Michael die Tür hinter sich schloss. Traurig sah sie Eduard an.
„Du wirst deinen Entschluss doch nicht etwa bereuen?“, fragte dieser als er Kerstins Gesichtsausdruck sah.
„Nein, es ist nur…er sieht mies aus.“
„Er ist den ganzen Tag im Büro bis in die Nacht, geht dann in irgendwelche Clubs feiern um dann morgens wieder als erster hier zu sein. Sein Schlaf wird im Moment so bei drei Stunden liegen. Du als Ärztin weißt was das bedeutet. Er ist chronisch übermüdet.“
„Er ist früher nie in Clubs gegangen.“
„Das ganz normale Verhalten eines gekränkten Mannes. Er muss sich beweisen, dass er begehrenswert ist und mit den jungen Hüpfern mithalten kann. Habe ich auch alles schon durchgemacht. Aber lassen wir das. Michael ist bald dein Exmann und ich muss sagen, Sascha ist eine tolle Frau. Du hast eine gute Wahl getroffen.“ Kerstin musste innerlich lächeln. So, so, Sascha hatte bei Eduard Eindruck hinterlassen. Interessant. Kerstin musste sie mal fragen wie sie das geschafft hatte.
„Lass uns wieder zu deinen Finanzen kommen.“
„Also, ich habe mir etwas überlegt. Du hast diesen riesigen Stall, den du nicht nutzt außer um dein Auto hereinzustellen. Du könntest nach der Geburt mit Sascha zusammen eine Anzeige in der Zeitung aufgeben, dass ihr Pferde von Städtern aufnehmt. Platz habt ihr jede Menge und wenn es genug Interessenten gibt, löst du die Pachtverträge einiger Wiesen, mit vier Wiesen sollt genug haben, sonst habt ihr zu viele Pferde. Ich nehme mal an, dass du nach der Geburt wieder Vollzeit als Ärztin arbeitest.“ Er sah Kerstin fragend an. Diese nickte.
„Gut, dann könnte Sascha, wenn sie Interesse daran hätte, sich um drei, vier Pferde kümmern. Sie studiert Literatur, oder?“
„Ja.“ Und Kerstin fand, Pferde und Literatur passten nicht zusammen.
„Wie lange noch?“
„Bis zum nächsten Sommer. Eduard, ich habe keine Ahnung was sie von deinem Vorschlag hält.“
„Das kannst du ihr in aller Ruhe erzählen. Es ist ja kein muss, es ist nur eine Idee. Ich meine, es wird schwer werden einen Job für sie zu finden. Wir kennen beide die Situation auf dem Arbeitsmarkt und mit ihrer Vergangenheit wird sie es zusätzlich schwer haben.“
„Ich weiß. Ich werde ihr deinen Vorschlag mal unterbreiten. Hast du sonst etwas Interessantes in den Unterlagen gefunden? Gold- oder Diamantenminen?“
„Leider nein“, lachte Eduard „Es wäre mir auch neu, dass man so etwas in der Nähe von Berlin finden kann. Auch Ölquellen haben sich nicht aufgetan. Tut mir leid.“
„Naja, wenn der Wald meine Schulden tilgt, dann bin ich etwas beruhigt.“ Kerstin sah auf ihre Uhr.
„Willst du zu Sascha?“
„Das wird heute nichts mehr. Sie muss um sechszehn Uhr in Reutlitz sein. Nein, ich muss mit Napsütés zum Training.“
„Meinst du, der Rottweiler ist keine Gefahr für das Baby? Michael wird ihn bestimmt als Grund dafür anführen, dass der Hund eine Gefahr darstellt.“
„Napsütés war beim Wesenstest und hat Anstandslos bestanden. Bisher hat sie keine Probleme gemacht, wenn man mal von dem vertriebenen Postboten absieht. Aber sie ist keine Gefahr, sie ist ein ganz normaler Wachhund. Ich meine, sie lässt sich vom Kater vertreiben. Wenn Válás auf die Hundedecke will, dann vertreibt er Napsütés. Ich denke, das spricht gegen die Kampfhundtheorie.“
„Ja, das hört sich nach einem Hund unterm Pantoffel an. Oder unter der Pfote, in diesem Fall“, lachte Eduard. Das war bestimmt ein lustiges Bild, wenn der Kater die große Hündin vertrieb. Vielleicht konnte Kerstin so etwas filmen, das wäre wunderbares Beweismaterial für die Ungefährlichkeit des Hundes.
„Meinst du, der Richter wird Sascha und ihre Vergangenheit negativ beim Sorgerechtsstreit bewerten?“
„Er sollte es nicht, sie hat ihre Strafe verbüßt und hat ein Recht, wie jeder andere Mensch behandelt zu werden. Und sie hat mit dem Studium bewiesen, dass sie sehr wohl in der Lage ist sich zu integrieren.“
„Ich hoffe, dass geht alles gut.“ Kerstin seufzte, Eduard nahm ihre Hand.
„Das wird schon. Ich werde bestimmt nicht zulassen, dass Michael dir dein Kind wegnimmt. Er ist im Moment in einer denkbar schlechten Verfassung und das wird auch der Richter merken.“ Kerstin hoffte, dass Eduard da Recht hatte. Sie wollte Michael nichts Schlechtes wünschen, aber sie wollte ihr Kind nach an ihn verlieren.

Teil 35

Die letzte Woche in Reutlitz war angebrochen. Keine sieben Tage mehr, dann würde Sascha hier herausgehen und nie wiederkommen müssen. Nie wieder Gitterstäbe, nie wieder Schlusen, nie wieder eingesperrt, nie wieder Reutlitz. Dann würde sich ihr ein neues, ein zweites Leben, eröffnen. Sie und Kerstin würden zusammen sein.
„Wie feiern wir deinen Abschied? Soll ich uns eine Flasche von Ilses Aufgesetzten besorgen?“, fragte Walter am Abend als sie in ihren Zellen waren und über Saschas baldige Entlassung redeten.
„Für mich nicht, ich trinke nicht mehr.“
„Was? Bist du krank? Du rauchst auch seit einer Ewigkeit nicht mehr. Oder sehe ich das nie?“
„Ich bin solidarisch mit Kerstin. Wir sind quasi zusammen schwanger. Keine Genussgifte bis zur Geburt des Kindes.“ Sascha grinste breit. Dieses Versprechen hatte sie Kerstin gegeben als diese gejammert hatte wie anstrengend es wäre, auf ein gutes Glas Wein beim Essen zu verzichten.
„Du hast ja einen Vogel. Solidarisch schwanger. Willst du auch einen dicken Bauch bekommen? Dann könntet ihr euch die Umstandskleider teilen.“
„Eine nette Idee, aber du weißt ja dass ich essen kann was ich will ohne zuzunehmen. Das würde nicht klappen. Und du darfst dich in keiner Weise über Solidarität beschweren. Wer ist denn für seine Freundin schwanger geworden? Wenn mich nicht alles täuscht und die Geschichten stimmen, dann warst du das mit dem Handwerker.“ Walter verzog das Gesicht. An diese Sache wollte sie gar nicht denken. War das eine schreckliche Erfahrung gewesen. Nie wieder.
„Das heißt, ihr beiden werdet eine romantische Ehe führen? Eine Ehe ohne Trauschein. Oder gibt es bereits einen Hochzeitstermin? Für die Bilderbuchfamilie. Frau Doktor und Frau Professor Literatur. Wie spießig.“
„Eifersüchtig?“, schaltete sich Nico ein, die bisher schweigend auf ihrem Bett gelegen hatte und in einem Buch über Computer vertieft gewesen war. Mel war in die Welt der Rockmusik abgetaucht. Mike hatte ihr eine neue Kassette schicken lassen, die musste sie rauf und runter hören. Aber Sascha kannte das ja von ihrer Kassette, die Kerstin ihr geschickt hatte. Jeden Abend hörte sie diese.
„Ich? Nee. Kümmere dich um deine Bücher.“
„Hoffentlich geht ihr euch nicht an den Kragen wenn ich weg bin“, meinte Sascha skeptisch. Walter und Nico war immer noch ein Pulverfass, das jederzeit explodieren konnte.
„Und wenn, dann steht die Siegerin von vorneherein fest“, gab Walter sich siegessicher. Nico bedachte sie mit Missachtung.
„Keine Angst, ich lasse unsere Christine leben.“
„Du!“ Walter wollte aus ihrem Bett springen und sich auf Nico stürzen doch Sascha konnte sie im letzten Moment am Arm fassen und zurückziehen.
„Lass das!“
„Ich mache die fertig.“
„Was ist denn hier los?“ Von dem Theater aufmerksam geworden nahm Mel die Kopfhörer ab.
„Ein kleiner Streit. Gewöhne dich dran, die werden das öfters machen. Ich hoffe mal, du gehst dazwischen.“
„Von mir aus können die sich die Köpfe einschlagen, dann habe ich meine Ruhe. Ich würde unserm Frischfleisch jedoch raten Walter keinen Ärger zu machen sonst gibt es wieder weiße Arme.“
„Frag sich nur für wen“, knurrte Nico.
„Hoho, hört euch das an. Sie wird mutig“, höhnte Walter. Sascha warf Nico einen bittenden Blick zu und diese wandte sich wieder ihren Büchern zu.
„Seid ihr beiden mal auf die Idee gekommen zusammen statt gegeneinander zu arbeiten?“
„Ich? Mit der? Vergiss.“ Walter legte sich beleidigt in ihr Bett.
„No way.“ Nico blätterte um.
„Na super.“ Sascha stöhnte und ließ sich in ihr Kissen fallen. Die beiden benahmen sich wie kleine Kinder. War das die inoffizielle Vorbereitung für Kerstins Nachwuchs? Wie schaffe ich es nicht die Nerven zu verlieren wenn ein Dickkopf das versucht.

„Kann ich dir helfen?“ Nathalie sah Kerstin zu wie sie die Umzugskartons, die sich noch immer stapelten, ausräumte.
„Ja, kannst du den Inhalt aus...“ Sie sah sie suchend um und zeigte dann auf einen Karton mit einem gelben K „...dem Karton in den Küchenschrank räumen?“
„Klar.“ Nathalie nahm den Karton und öffnete ihn. Kerstin wischte der derweil über einige Teller, die sie über die Spüle stellte.
„Bist du sicher, dass ich das hier einräumen soll?“ Nathalie hob ein Handtuch aus dem Karton. „Das sieht mir eher nach Badezimmer oder so aus“
„Verflucht, ich dachte, es wäre das gute Geschirr, das meine Mutter mir zur Hochzeit geschenkt hat. Wo ist das nur?“ Wenn ihre Mutter Weihnachten hier auftauchte, dann würde sie das Geschirr sehen wollen. Und zwar nicht nur eingepackt, sondern benutzt. Sonst würde sie wieder einen Aufstand fahren.
„Pass auf, ich räume die Handtücher erst einmal in den Badezimmerschrank und dann packen wir einfach einen Karton nach den anderen aus. Egal wo die Sachen hingehören. Sonst bekommst du das Gästezimmer nie frei und im Kinderzimmer steht auch noch aller Hand Zeug.“
„Ich weiß, ich hasse ausräumen. Aber wenn meine Eltern hier auftauchen, dann sollte ich fertig sein. Sonst wollen die das machen und ich finde nie etwas wieder. Verdammt. Ich hätte nie gedacht, dass ich so viele Sachen habe. Wie hast du es geschafft innerhalb von einem Tag alles einzupacken und wieder auszupacken? Kannst du zaubern?“
„Nee, ich habe Übung im Umziehen und weniger Sachen. Du schaffst das schon.“ Nathalie verschwand mit dem Karton. Kerstin stellte weiter Geschirr in den Schrank über der Spüle. Sie brauchte dringend einen zusätzlichen Schrank. Sonst konnte sie in der Küche keine Lebensmittel aufbewahren. Oder sie musste Regale aufstellen, doch da kam zuviel Staub dran. Naja, groß genug war die Küche, da konnte sie weitere Schränke aufbauen, Geld hatte sie allerdings dafür nicht.
„Ich könnte gucken was auf dem Speicher steht. Vielleicht sind einige Sachen zu gebrauchen“, murmelte sie vor sich hin. Das Telefon riss sie aus den Gedanken.
„Herzog.“ Nicht ihre Mutter, nicht ihre Mutter, betete sie still in sich hinein. Dazu war keine Zeit.
„Hi, ich bins.“ Gott sei dank.
„Sascha, schön.“ Schon ging in Kerstins Gesicht ein Lächeln auf, so als ob jemand auf einen Knopf gedrückt hätte.
„Was machst du schönes?“
„Einräumen. Immerhin sind meine Eltern bald da. Die kriegen die Krise wenn ich die vollen Kartons hier stehen habe.“
„Und deine Freundin? Zählt die nicht?“
„Doch, aber ich denke, die stört sich weniger an Umzugskartons. Unser Schlafzimmer ist fertig. Inklusive Nachtschrank, auf dem ein Foto von dir steht. Wenn du willst, kannst du sofort einziehen.“
„Klar, nicht leichter als das. Ich sage der Brehme kurz bescheit, dass ich meinen Aufenthalt in Reutlitz beende und zu dir gehe. Ich bin mir sicher, die sagt ja.“
„Na also. Was macht Jansen?“
„Geht mir aus dem Weg. Kerstin, ich bin so nervös. Keine Woche mehr, dann bin ich raus. Das ist unbeschreiblich.“
„Ich kann mir ungefähr vorstellen wie du dich fühlst.“ Kerstin dachte daran wie sie aus Reutlitz entlassen wurde. Allerdings hatte sie bedeutend kürzer eingesessen. Und doch war die Welt eine ganz andere gewesen als zuvor. Wie es für Sascha sein würde konnte sie sich gar nicht vorstellen. vierzehn Jahre. Dazu einen Mauerfall und jede Menge Umstrukturierungen. Das Berlin heute war nicht mehr das Berlin von damals. Wahrscheinlich war kaum etwas so, wie es zu DDR Zeiten gewesen war. Sascha würde in eine völlig neue Welt entlassen.
„Holst du mich ab?“
„Wie könnte ich mir das entgehen lassen? Ich habe deinem Lieblingsschließer beauftragt dich herauszubringen.“
„Hauptsache nicht der Jansen.“ Der würde Sascha sogar ihre Entlassung versauen. Wobei, dann hätte er wenigstens eine gute Tat in seinem Leben getan.
„Ich mache mir ein wenig Sorgen wegen deinen Eltern. Was ist, wenn sie…“
„Sascha, vergiss das. Sie werden dich mögen oder sie können fahren. Ich wüsste aber keinen Grund warum sie dich nicht mögen sollten.“ Kerstin warf ihre Haare energisch zurück. Zum Friseur musste sie vor Weihnachten auch.
„Weil ich eine Frau bin.“
„Michael ist ein Mann und sie waren nie sehr begeistert von ihm. Ich bin mir sicher, sobald sie dich kennen, werden sie von dir begeistert sein. Ich war es auch.“
„Ja, später. Viel später.“ Sascha war weiterhin skeptisch was Kerstins Eltern anging. Und sie wollte nicht, dass Kerstin ihretwegen Ärger mit ihren Eltern bekam.
„Besser als gar nicht.“ Sie musste lächeln. Sie konnte sich genau vorstellen wie Sascha aussah, wenn sie an die Wand gelehnt neben dem Telefon stand. Sie würde genau jetzt diesen unwiderstehlichen Blick draufhaben, eine Mischung aus verlorenen Kind und traurigem Hund. Dann musste man sie einfach lieben und in den Arm nehmen. Vielleicht drehte sie die Schnur um ihren Finger oder streichelte sanft über den Hörer mit ihren wunderbaren zarten Händen.
„Sehe ich dich morgen in der Universität?“
„Klar, inklusive Hund. Napi vermisst dich.“
„Und ich ihr Frauchen. Ich freu mich darauf die Nächte neben dir zu verbringen“, sagte Sascha traurig in den Hörer. Es war nur noch eine Woche, aber wenn man verliebt war, dann war eine Woche wie eine Ewigkeit.
„Hey, bald ist das Realität. Ich liebe dich“, versuchte Kerstin sie aufzumuntern. Sie wollte nicht, dass Sascha traurig war.
„Ich dich auch.“

Teil 36

„Du hast es wirklich geschafft.“ Walter umarmte Sascha und drückte sie fest an sich. Das war das letzte Mal für eine lange Zeit bis dass sie sich umarmen würden. Saschas Sachen lagen gepackt in ihrer Tasche auf dem Bett. Es war Zeit für sie Reutlitz zu verlassen. Sie hatte es wirklich geschafft. Die letzte Woche war vorbei, Jansen hatte es nicht geschafft sie zu einem Fehler zu verleiten und sie konnte endlich hinaus in die Freiheit, hinaus zu Kerstin und ihrer gemeinsamen Zukunft.
„Lass  mich erst einmal draußen sein“, wehrte Sascha ab.
„Sascha, das kann dir jetzt nicht einmal mehr der Jansen versauen. Mal davon abgesehen, dass er Urlaub hat. Du bist so gut wie frei.“ Auch wieder wahr. Jansen war nicht da, wer sollte ihr sonst dazwischen funken?
„Walter, wie oft warst du so gut wie frei und hast es dann versemmelt?“, fragte Mel mit ihrem unwiderstehlichen Charme.
„Ach, das ist etwas ganz anderes, Sascha darf offiziell raus. Und ich will dich hier nie wieder sehen. Es sei denn, du besuchst jemanden, den wir beide kennen.“
„Den Hauptmann“, schaltete sich Mel wieder ein „Haltet ihr mich für blöd? Ich weiß doch wohin Sascha gehen wird. Nicht Uschi, nein, zum Hauptmann.“ Musste Mel das so laut herausposaunen? Es mussten ja nicht gleich alle mitbekommen. Aber was sollte es? Jetzt war es egal.
„Vielleicht.“ Ein unsinniger Versuch die offensichtliche Tatsache zu leugnen.
„Frau Mehring, können wir?“ Jonathan Müller kam in ihre Zelle.
„Gerne, sehr gerne.“ Sascha schnappte sich ihre Tasche. Walter und Mel begleitete sie durch den Raum vor dem Aquarium. Sie hatten gestern Abend eine Flasche von Ilses Aufgesetzten geleert und waren heute ein wenig verkatert, doch wen störte das schon? Wenn Jonathan Müller es bemerkte, sah er darüber hinweg.
„Machs gut, grüß mir die Freiheit.“ Walter umarmte Sascha ein letztes Mal „Du brauchst mich nicht zu besuchen.“
„Aber schreibe mal. Am Besten Postkarten mit Bildern aus der Karibik“, fügte Mel hinzu.
„Mach ich. Aber wahrscheinlich wird es eher der Wannsee. Woher soll ich das Geld für einen Karibikurlaub nehmen? Und ich kenne keinen, der das Geld hat.“ Sie warf einen Blick über die Station „Versucht wenigstens halbwegs kein Chaos zu verursachen.“
„Wir? Nie!“, gaben Mel und Walter gleichzeitig zurück. Jonathan Müller schloss die Tür auf und ließ Sascha auf den Flur. Einen letzten Blick zurück zu Walter und Mel. Noch durfte sie sich umdrehen, aber sobald das große Tor geöffnet wurde, gab es nur Blicke nach vorne, in ein neues Leben. Ein Leben mit Kerstin.
„Nervös?“ Jonathan Müller sah Sascha prüfend an während sie aus dem Gebäude traten. Sascha war ziemlich bleich im Gesicht.
„Ja, ziemlich. Nur ein paar Meter und ich bin frei. Das ist…unbeschreiblich!“
„Das glaube ich Ihnen gerne.“
„Saaaschaaa!“ Sascha und Jonathan Müller blieben stehen. Nico kam über den Hof gerannt, hinter ihr der fluchende Kittler, den Nico allerdings locker abhängte. Da half ihm auch sein tägliches Sporttraining nichts.
„Warte.“ Sie flog Sascha um den Hals und ächzte. „Scheiße, ich bin keine Sprints mehr gewöhnt. Ich wollte dir noch Tschüß sagen.“
„Schulte, was soll das?“ Kittler kam näher.
„Ruhig Peter, sie will sich nur von Frau Mehring verabschieden“, meinte Jonathan Müller belustigt. Sein Kollege sah lustig aus wenn er versuchte in seiner Uniform zu joggen. Das hätte man filmen sollen und auf der Weihnachtsfeier zeigen müssen.
„Sie ist abgehauen.“
„Ja, drück mal ein Auge zu.“ Jonathan Müller zwinkerte Nico zu.
„Danke. Sascha, versprich, mir dass du nie wieder herkommst. Zumindest nicht in diesem grauen Knastoutfit. Ich habe es dir nie gesagt, aber es steht dir nicht. Du solltest es nie wieder tragen.“
„Ich verspreche es. Und du versprich mir dich mit Walter zu vertragen und den Förderunterricht weiterzumachen.“ Das lag Sascha wirklich auf dem Herzen. Sie wollte sicher sein, dass in ihrer alten Zelle Ruhe und Frieden herrschte und nicht jeden Tag ein Unglück passieren konnte.
„Förderunterricht ja, Walter mal sehen. Jeder braucht ein Hobby.“ Nico lachte und Sascha verdrehte sie Augen.
„Haben Sie bitte ein Auge auf diese Frau, die spinnt“, meinte sie zu Jonathan Müller.
„Okay, wird gemacht.“
„Ab in die Freiheit“ Nico ließ Sascha los. „Und grüß mir die Rechner an der Uni. Vor allem meiner, Nummer zweihundertzweiundvierzig. Er hat mich durchs Studium begleitet.“
„Mache ich.“
„Und wenn du meine Aufzeichnungen darauf finden solltest, dann schick sie mir. Mal sehen, ob ich im Förderunterricht Informatik anbieten kann. Ich bin mir sicher, die Schlusen geben uns gerne ihre Rechner.“
„Übertreiben Sie es nicht.“ Kittler fasste Nico am Arm und zog sie weg.
„Ciao und denk dran, seid nett zueinander.“ Sascha ging weiter, das große, grüne Tor vor Augen. Langsam öffnete sich die erste Tür. Nicht umdrehen. Obwohl sie nicht an diesen Aberglaube glaubte, wollte sie sich daran halten. An der Pforte händigte ihr Maja Brehme ihre Papiere aus. Kein Tagesausweis, nein, ihren richtigen Ausweis. Blau, aus DDR Zeiten. Sie würde einen neuen brauchen. Ein neuer Ausweis, ein neues Leben.
„Dann machen Sie es gut“, sagte Jonathan Müller.
„Danke, ich bin mir sicher, wir werden uns wiedersehen.“
„Allerdings im Grünen, nicht in Reutlitz“, fügte er hinzu. Der Türsummer erklang und Sascha nahm die Türklinke in die Hand. Das letzte Mal. Wie oft war sie diesen Weg in den letzten Wochen gegangen um dann am Abend wiederzukommen. Diesmal ging sie und musste nie wieder herkommen. Dieser Gang, war der Letzte. Und sie bereute ihn in keiner Weise. Sicher, sie würde einige Frauen hier vermissen, doch das würde niemals so sehr sein wie die Freude darüber wieder frei zu sein. Alles was an diesen Gefühl herankommen konnte, was Kerstin.

Kerstin wartete bereits seit einer Viertelstunde nervös vor dem Tor. Immer wieder stellte sie einen anderen Radiosender ein, denn egal was für Musik lief, sie konnte ihr nicht entspannt folgen. Was war, wenn in letzter Sekunde etwas dazwischen kommen würde? Was wäre, wenn es plötzlich einen Aufstand gab und Sascha deswegen nicht frei kam? Was wäre, wenn Jansen es doch geschafft hatte Sascha in letzter Sekunde zu provozieren und sie zu einem Fehler hinzureißen? Da! Die Tür ging auf. Kerstin sprang ohne zu gucken aus dem Auto. Ja, das war sie! Das war Sascha!
„Sascha!“ Kerstin stürmte so schnell ihr Zustand es zuließ zu ihrer Freundin. Sascha ließ ihre Tasche fallen und kam Kerstin entgegen. Überglücklich fielen sich beide in die Arme. Es fühlte sich merklich besser sich zu umarmen wenn beide frei waren. Und jetzt konnte niemand mehr etwas gegen ihre Beziehung sagen. Endlich konnten sie sich küssen wann und wo sie wollten.
„Lass uns von hier verschwinden“, flüsterte Kerstin Sascha ins Ohr. Es gab so viele Orte, an denen Kerstin Sascha lieber küssen wollte.
„Gerne, sehr gerne.“ Sascha nahm ihre Tasche, warf sie auf dem Rücksitz und ließ sich neben Kerstin auf dem Beifahrersitz nieder. All das ohne Reutlitz auch nur mit dem Augenwinkel anzusehen. Kerstin fuhr mit quietschenden Reifen davon. Ganz schnell von hier.
„Ich kann es gar nicht fassen, du bist endlich frei. Wir müssen uns nie wieder in der Uni treffen.“
„Heißt das, du wirst mich nicht besuchen wenn ich lerne?“, fragte Sascha mit gespielter Enttäuschung.
„Mal sehen.“ Kerstin fuhr in eine Parklücke und stellte das Auto aus. „Ich liebe dich.“ Sie umarmte Sascha erneut und küsste sie liebevoll. Sascha schlang ihre Arme um Kerstins Hals und hielt sich fest. Ja, das fühlte sich wunderbar an. Sie war bei Kerstin und würde bei Kerstin bleiben.
„Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen“, stammelte Sascha und merkte wie sie rot wurde. Wieso? Gab es einen Grund sich zu schämen? Das war Kerstin und sie wusste was Sascha für sie empfand und wie sehr sie sich gefreut hatte endlich ein Leben in Freiheit mit ihr zu beginnen.
„Ich auch nicht. Und ich wäre am Liebsten um sechs Uhr zu dir gefahren. Das war eine Qual Zuhause das Frühstück zu machen und mit meinen Eltern in Ruhe zu frühstücken. Ich war so nervös, ich konnte kaum mein Brot beschmieren.“ Kerstins Eltern waren dann doch schon früher angekommen als geplant. Nichts war mit vierundzwanzig Stunden Eingewöhnungszeit. Naja, dann hatten sie es schnell hinter sich.
„Was sagen deine Eltern zu mir?“
„Sie warten neugierig auf dich. Ich habe sie zwar in die Stadt geschickt, aber wahrscheinlich sind sie Zuhause. Was hältst du davon, wenn wir zu ihnen fahren?“
„Alles, Hauptsache ich kann an deiner Seite bleiben.“ Dann setzte Kerstin voraus. Alles andere wäre gegen ihren Willen.
„Gut, dann geht’s los. Nächste Station, unsere kleine Farm.“ Kerstin warf das Auto wieder an und fuhr los. Sobald sie den Stadtverkehr hinter sich hatten nahm sie Saschas Hand. Sascha lächelte. Nicht nur Berlin hatte sich verändert. Sie hatte sich staunend die Stadt angesehen. Vieles war ihr bereits durch das Studium vom Sehen her vertraut, aber es gab eine ganze Menge, was sie sich noch ansehen musste. Angefangen von dem Brandenburger Tor, das sie endlich durchqueren konnte bis hin zum Reichstag. Sie würde eine Touristin in ihrer Heimatstadt sein. Hoffentlich begleitete Kerstin sie, sonst wäre sie wahrscheinlich hoffnungslos aufgeschmissen. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie Berlin nach all den Jahren nun aussehen mochte.
„Werden wir mal auf dem Alex frühstücken?“
„Geht das?“
„Das ging mal, ich habe keine Ahnung ob das noch so ist. Aber die Aussicht muss phänomenal sein. Es sei denn, die ganzen Wolkenkratzer stehen im Weg.“
„Was hältst du davon wenn wir uns morgen früh in den Weihnachtstrubel stürzen? Bis Mittag haben die Geschäfte auf.“
„Okay. Ich war seit Jahren nicht mehr einkaufen. Ist das nicht unheimlich teuer?“
„Alles ist teuer geworden. Aber das macht nichts, morgen nehmen wir darauf ausnahmsweise keine Rücksicht.“ Kerstin beugte sich rüber und küsste Sascha. Das war ein eindeutiger Verstoß gegen die Verkehrsordnung.
„Was haben die anderen gesagt als du gegangen bist?“
„Meine ganze Zelle…Exzelle, weiß von uns.“ Es war nicht mehr ihre Zelle und würde es nie wieder sein „Keine Ahnung wie die das alles herausbekommen haben. Walter und Mel wollen Postkarten aus der Karibik, ich habe sie auf den Wannsee heruntergehandelt.“
„Schlechter Tausch. Aber machbar.“
„Nico will mich nie wieder sehen; zumindest nicht in Gefängnisoutfit. Und Jonathan Müller geht davon aus, dass wir uns wiedersehen.“
„Kunststück. Wenn mich nicht alles täuscht, warst du es, der ihn zum Weihnachtsessen eingeladen hat.“ Sascha musste grinsen. Was für eine Unterstellung.
„Ja, vielleicht. Er muss mehr Zeit mit Nathalie verbringen, sonst kommen die nie zusammen. Und Weihnachten ist das ideale Fest dazu. Romantik, Kerzen, fröhliche Menschen, Kitsch…“, zählte Sascha belustigt auf.
„Romantikerin.“ Kerstin grinste.
„Manchmal.“ Sascha sah aus dem Fenster „Hey, das ist hier wirklich im Grünen. Cool.“
„Ja, wir haben nur grün um uns herum. Ideal um abzuschalten.“ Inzwischen hatte es sogar etwas angefangen zu schneien, allerdings blieben die Schneeflocken nicht liegen. Doch es verlieh der Situation einen zusätzlichen romantischen und winterlichen Touch. Kerstin bog auf eine kleine Straße ab und kam einige Minuten später zum stoppen.
„Unser neues Zuhause.“ Sascha sah aus dem Fenster. Es war wie Kerstin es ihr beschrieben hatte und wie es auf den Fotos ausgesehen hatte. Ja, hier würde Sascha sich wohlfühlen. Und hier konnte sie sich langsam wieder auf ein Leben zwischen Millionen von Menschen einstellen.
„Wow.“ Sie öffnete die Tür und stieg aus. Sofort kam Napsütés aus dem Stall angelaufen und begrüßte Sascha freudig. So viel zum Thema, Napsütés könnte Sascha als Eindringling sehen. Die Sorge war unbegründet.
„Napi.“ Sascha kniete sich zu der Rottweilerhündin und streichelte sie. Kerstin beobachtete die Szene lächelnd. Sie hatte gewusst, dass Napsütés Sascha problemlos hier akzeptieren würde. Sascha war nicht der Postbote. Sascha war ihre Freundin und ihre Hündin bemerkte die enge Bindung ihres Frauchens zu Sascha.
„Und das ist ein Wachhund?“ Sascha kraulte Napsütés, die sich inzwischen auf den Rücken geworfen hatte, den Bauch. Zufrieden streckte Napsütés alle Pfoten von sich. Sie machte eher den Eindruck eines lebendigen Stofftieres.
„Ja, wenn du ein anderer wärst, dann wäre sie weniger freundlich. Dir kann sie jedoch nicht wiederstehen, das muss sie von mir haben.“
„Tatsächlich?“ Sascha stand auf und nahm ihre Tasche vom Rücksitz. Kerstin lächelte und harkte sich bei Sascha ein. Bisher war nichts von ihren Eltern zu sehen und das konnte ruhig so bleiben. Sie wollte Sascha in Ruhe das Haus zeigen. Schließlich war das ihr gemeinsames neues Zuhause.
„Dann lass uns mal reingehen.“ Kerstin schloss die Tür auf. Saschas erster Eindruck des Hauses war besser als Kerstins damals. Renoviert sah es hier gemütlich, freundlich und hell aus. Kerstin nahm Saschas Hand und führte sie die Treppe herauf.
„Unser Schlafzimmer.“ Das wichtigste Zimmer zuerst. Ihr gemeinsames Reich. Sascha pfiff anerkennend.
„Wow, wow, wow, das Bett gefällt mir. Wobei, ich denke, wir wären mit einem Drittel der Größe bedient gewesen. Ich habe nicht vor mich nur einen Zentimeter von dir wegzubewegen. Das war ich lange genug.“
„Okay, damit kann ich leben. Ich habe dir den linken Teil des Kleiderschrankes freigehalten.“ Kerstin zeigte auf den großen Kleiderschrank.
„Ähm.“ Sascha sah Kerstin zweifelnd an. Wie oft sollte sie ihre Tasche denn da reinstellen um den Platz zu gebrauchen? Oder konnte sie gleich mit im Kleiderschrank schlafen? Platz war sicherlich genug da.
„Du wirst neue Klamotten kaufen, dann passt das irgendwann. Glaub mir. Frauen können problemlos jeden Schrank füllen wenn man ihnen etwas Zeit gibt. Und wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, in der man seinen Kleiderschrank füllen kann, dann ist es Berlin.“ Kerstin nahm Sascha die Tasche ab, stellte sie auf den Boden, schlang die Arme um Sascha und schob sie zum Bett.
„Probeliegen.“ Und schwups, lagen beide auf den Matratzen. Die hatte eine ganz andere Liegequalität als die in Reutlitz.
„Hier bleibe ich“, urteilte Sascha zufrieden und streichelte Kerstin über den runden Bauch. Sie lag mit ihrer Freundin und ihrem Kind im Bett. Das war ein unbeschreiblich gutes Gefühl, das sich in Sascha ausbreitete. Auf diese Weise würde sie Reutlitz in Rekordzeit vergessen können.
„Wirst du müssen.“ Kerstin küsste sie sanft und zärtlich. Das hatte sie sich lange gewünscht. Endlich konnte sie Sascha auf ihrem gemeinsamen Bett küssen. Keiner beobachtete sie, keiner rief ihnen dumme Kommentare zu und sie mussten nicht befürchten, dass jede Sekunde ein Schließer aus Reutlitz hinter ihnen stand und Sascha Ärger bekam. Sie waren alleine, in ihrem Schlafzimmer, in ihrem Bett. Und nichts konnte sie davon abhalten mit Sascha für immer hier zubleiben.

Teil 37

Okay, Kerstin hatte sich getäuscht! Es gab etwas, was sie davon abhalten konnte für immer mit Sascha auf ihrem Bett zu liegen und zu schmusen: Die Haustür. Genaugenommen die Klingel. Nach genauer: Ihre Eltern, die wiedergekommen waren und wegen Napsütés lieber klingelte als dass sie es riskierten von der Rottweilerhündin aus dem Haus gejagt zu werden. Seufzend lösten sich Sascha und Kerstin voneinander. Nie konnten Eltern das machen, was man ihnen gesagt hatte.
„Die gute Nachricht ist, dass sie am anderen Ende des Flures schlafen“, meinte Kerstin entschuldigend.
„Ich liebe dich auch mit deinen Eltern auf der gleichen Etage.“ Sascha stand auf und strich sich ihre Sachen wieder zurecht. Sie musste es sich nicht gleich beim ersten Anblick mit ihren zukünftigen Schwiegereltern verspaßen.
„Lassen wir sie rein.“ Kerstin und Sascha gingen die Treppe herunter. Kerstin drückte Sascha einen Kuss auf die Nase und öffnete die Tür. Ja, es waren ihre Eltern. Wer hätte sonst so ein Talent zum Stören gehabt?
„Mama, Papa“, übernahm Kerstin sofort die Initiative bevor diese etwas sagte, was die Situation weiter verschärfte. „Das ist Sascha. Sascha, das sind meine Eltern.“ Während sie das sagte, ließ sie Saschas Hand nicht los. Ihre Eltern sollten sehen, dass sie zusammen gehörten. Egal was sie davon hielten.
„Guten Tag.“ Sascha hatte sich diesen Moment mehrmals vorgestellt. Sie hatte die musternden Blicke von Kerstins Eltern bereits in der letzten Nacht gespürt. Das war also die Frau, die ihre Tochter angeschleppt hatte. Der Exknacki. Die Frau, die Schuld war, dass ihre einzigste Tochter anscheinend lesbisch geworden war.
„Guten Tag.“ Ja, Kerstins Mutter war eiskalt. Sie war wohl nicht davon überzeugt, dass Sascha und Kerstin ein schönes Paar waren.
„Schön Sie kennen zulernen.“ Kerstins Vater schien Sascha nicht ganz so negativ eingestellt zu sein wie ihre Mutter. Ein Anfang, auf den sie bauen konnten. Allerdings war klar, dass Kerstins Mutter die treibende Kraft der Ehe war und ihr Vater sich eher zurückhielt.  
„Ich bin gerade dabei Sascha das Haus zu zeigen.“ Kerstin überbrückte die aufkommende Stille „Willst du die Küche sehen?“
„Ja, bitte.“
„Dann mal los.“ Sie zog Sascha mit sich. Sascha spürte die Blicke der Eltern auf ihrem Rücken. Wie gut dass die beiden keine Waffen trugen. Wären sie im Mittelalter gewesen, dann hätte Sascha damit gerechnet, jeden Moment ein Schwert in den Rücken zu bekommen. Mal ganz davon abgesehen, dass sie im Mittelalter sowieso auf dem Scheiterhaufen gelandet wären...
„Im Moment habe ich...haben wir...“ Kerstin lächelte und küsste Sascha. Sie wohnte jetzt hier, es war ihre Küche. „...leider nicht alles. Mikrowelle und so fehlen noch. Aber es gibt Stühle, Tische und einen Herd. Verhungern werden wir nicht. Und das Pizzataxi findet einen hier schlecht bis gar nicht. Wir könnten allerdings noch einen Schrank gebrauchen oder wir bauen uns eine Speisekammer. Ansonsten: Wie gesagt, das Pizzataxi.“
„So lange wir einen Herd haben brauchen wir kein Pizzataxi.“
„Och, sag das nicht.“ Kerstin schloss die Küchetür hinter sich. Einerseits um die Wärme, die sich hier befand nicht herauszulassen, andererseits um zu verhindern, dass ihre Eltern sie hören konnten.
„Und? Wie gefallen sie dir?“ Sascha musste lachen. Das hörte sich an, als wenn Kerstin ihr etwas verkaufen oder anbieten wolle. Nicht so als wenn sie keine Wahl hätte. Schließlich konnte sie nicht sagen: Nee, die will ich nicht, suche dir andere Eltern.
„Ich weiß nicht ob sie mich mögen.“
„Das kommt noch. Gib ihnen ein wenig Zeit. Vor allem Mama. Sobald sie merkt wie du mich liebst, wird sie umgänglicher.“ Hoffentlich klang das überzeugend. Bei Michael war ihre Mutter nie aufgetaut. Egal was er machte.
„Das heißt, ich muss ganz lieb zu dir sein, dann sind sie lieb zu mir?“ Sascha legte den Kopf schief und grinste.
„Ja, so oder so ähnlich. Ach Sascha, ich bin so froh, dass du endlich bei mir bist. Das ist das schönste Weihnachten aller Zeiten.“ Kerstin umarmte Sascha erneut. Am Liebsten würde sie sie gar nicht mehr loslassen.
„Ich sollte dringend dem Anwalt einen langen Dankesbrief schicken. Ohne ihn wäre ich wohl jetzt in Reutlitz.“
„Naja, das Täter – Opfer – Gespräch hast du gemacht. Das wird der Hauptgrund für deine Bewährung sein.“ Kerstin konnte nicht anders als Sascha wieder und wieder in den Arm zu nehmen und küssen. Sie sollte sie einfach nur festhalten um sicher zu sein, dass das kein Traum war und niemand ihr Sascha wegnehmen würde. Wahrscheinlich würde das jetzt mindestens den Rest des Tages so weitergehen.
„Hey, ich bin hier und ich bleibe bei dir. Egal was passiert, du hast mich jetzt an deiner Seite und ich werde dir die Monate bis zur Geburt und nach der Geburt jede Arbeit abnehmen und alles tun damit es dir gut geht.“ Sascha küsste Kerstin.
„Kerstin.“ Ihr Vater kam räuspernd in die Küche. Sascha wollte sich aus der Umarmung lösen, doch Kerstin hielt sie weiterhin fest. Sie würde sicherlich nicht damit anfangen Sascha loszulassen weil einer ihrer Eltern hereinkam. Und ihr Vater bestimmt die letzten Sätze mitgehört.
„Ja?“
„Wir wollen nach Berlin. Wollt ihr beiden mit?“
„Nein, ich denke, ich denke, ich werde Sascha erst einmal den Hof zeigen. Oder willst du shoppen?“
„Nein, lass mal, mir gefällt es hier sehr gut. Und zu viele Neuigkeiten an einem Tag wären zu viel.“
„Gut, wir werden in unserer alten Kneipe essen, ihr müsst also nicht auf uns warten.“
„Okay, fahrt vorsichtig.“ Kerstins Vater verließ die Küche.
„Na, sollen wir beide mal gucken ob die WG komplett ist?“, schlug Kerstin vor.
„Klar, ich bin gespannt ob sie sich verbessert oder verschlechtert haben. Ihre letzte Wohnung fand ich sehr schön.“
„Verbessert, sie wohnen bei uns“, lachte Kerstin. Sie zogen ihre Jacken an. Sofort war Napsütés an ihrer Seite. Sie war die ganze Zeit über immer in ihrer Reichweiter gewesen, so dass sie verhindern konnte, dass eine der beiden Frauen ihr entwischten. Arm in Arm schlenderten sie zu dem gegenüberliegenden Gebäude herüber. Kerstin erklärte Sascha, dass sie im neuen Jahr einige Bewegungsmelder anbringen wollten um den Hof abends hell zu erleuchten. Zumindest den Bereich um die Türen. Aus dem Proberaum drang Musik. Klopfen wäre eine sinnlose Aktion gewesen, deswegen öffnete Kerstin die Tür. Benni und Chris saßen mit drei anderen Musikern an einem Tisch, die Musik kam vom Band.
„Hi, euch kenne ich doch“, rief Benni als er die beiden erblickte „Meine Lieblingsfans.“ Er sprang auf und umarmte Sascha freudig „Schön dich hier zu begrüßen. Wie gefällt es dir?“
„Super. Das sind zwar im Moment so viele Eindrücke, auf mich einschlagen, aber sie sind alle positiv.“
„Dann kannst du uns endlich live sehen.“ Chris hob Sascha spontan hoch „Und etwas essen musst du Federgewicht.“
„Ich bin sicher, die Feiertage werden sehr lecker.“
„Los Jungs, lasst uns den Mädels ein kleines Willkommensständchen bringen. Die gute Sascha muss Affirmation & Co. kennen lernen.“ Chris scheuchte seine Bandkameraden an die Instrumente. Sascha und Kerstin setzten sich auf die freigewordenen Stühle. Endlich würde Sascha die Band live erleben und nicht auf dem Unigelände.
„Okay, das neue Lied. Auf drei“, rief Benni „Eins, zwei, drei.“
„Hoffentlich ist das nicht ganz so deprimierend wie die Lieder der alten CD“, flüsterte Kerstin Sascha zu. Sascha grinste. Ihr hatte es gefallen. Benni begann mit gewohnt trauriger Stimme zu singen:
„Love and faith are just meanless feelings
Of your heart
Future of love and happiness are just
Things of cheaply art
All leave you fast
‘Cause they just things for a moment.”
Damit hatte sich Kerstins Wunsch wohl nicht erfüllt. Der Band schienen freudiger Lieder nicht zu hören. Sie machte sich leichte Sorgen wegen der Weihnachtslieder am morgigen Abend. Wurde dann aus „Oh du fröhliche“ ein „Oh du traurige“?
“Love and friends are just for romantic fools
Tense and life are cruel
And you are such a fool
The bad comes early
It never announce itself
The bad comes fast
I can’t stop it for myself.”
Nun setzte Chris wieder an. Sie hatten das Schema  Benni für den Text, Chris für den Refrain beigehalten. Sascha hatte sich an Kerstins Schulter gekuschelt.
„Losing love
No one do a thing for me
Losing love
It will never be
Losing love
The reason of life is not me.”
Die beiden mussten wirklich miese Erfahrungen mit Beziehungen gemacht haben. Anders konnte Sascha sich das nicht erklären. Sie waren sonst ganz lustig und gut gelaunt. Doch zu dem traurigen Text kamen laufend lange Einspielungen von traurigen Melodien.
„Love and faith are just meanless feelings
For fools
Love and true are just empty words
Words for fools
Life I beg you
Please deliver me of me
Death I beg you
Please give me time for me
I can’t leave this planet in the kind
Death I beg you
‘Cause I can’t leave this life in such a kind.”
Benni überließ Chris wieder das Mikro und dieser Sang den Refrain. Dann endete das Lied mit leisen, mystisch-traurigen Tönen. Als die Musiker fertig waren meinte Kerstin.
„Ich bleibe bei meiner Forderung nach einem Therapeuten für euch. Wieso singt ihr keine lustigen Lieder? Etwas, zu dem man feiern kann? Fetenhits.“
„Weil das jeder kann. Außerdem muss es für jeden Geschmack etwas geben. Sascha, was sagst du dazu?“, fragte Chris.
„Ich habe eure Kassette mehrmals rauf und runter gehört. Am Besten war natürlich das letzte Lied, das diese wunderbare Frau euch aufgezwungen hat.“ Sascha küsste Kerstin.
„Weiber, alle sentimental.“
„Danke, Benni. Ist Nathalie da? Ich wollte Sascha eure WG zeigen.“
„Ja, die hängt über einer Hausarbeit und freut sich sicher über jede Ablenkung. Und nimm die reißende Bestie mit.“
„Komm Napi, der Mann hat Angst vor dir.“ Sascha nahm Napsütés am Halsband und folgte Kerstin. Über eine Treppe kamen sie in die nächste Etage. Die Tür zur WG war offen. Im Flur fehlten die Plakate, dafür hingen einige Auftrittsplakate von Affirmation, eine riesige Deutschlandkarte und eine Weltkarte an der Wand. Neben der Tür war ein großer Spiegel angebracht, an dem ein Aufkleber fragte: „Bist du dir sicher, dass du so unter Menschen willst? Bleib lieber Zuhause!“ Sascha musste schmunzeln. Sehr nett. Vom Flur gingen in jede Richtung drei Türen ab und am Ende war dank der offenen Tür die Küche zu erkennen.
„Zu unserer linken sehen wir das erste Badezimmer.“ Die Tür hatte Sascha gar nicht gesehen. Man stand genau mit dem Rücken zu ihr wenn man hereinkam. Kerstin klopfte an die erste Tür rechts.
„Herein.“ Das war Nathalies Stimme. Sie saß an ihrem Schreibtisch und markierte mit einem Textmarker wichtige Stellen in einem Buch. Quer über ihren Schreibtisch waren Zettel verteilt und auf dem Bildschirm des PCs lief der Bildschirmschoner und zeigte an, dass Nathalie seit Längerem nichts mehr am PC geschrieben hatte.
„Guck mal wen ich dir mitgebracht habe.“ Kerstin trat zur Seite.
„Sascha!“ Nathalie sprang auf um Sascha zu begrüßen.
„Hi.“ Sascha umarmte Nathalie. „Endlich sehen wir uns ganz offiziell in der WG. Und ich muss sagen, die neue Lage gefällt mir sehr gut.“
„Dachte ich mir. Cool, dann kannst du mir bei der Hausarbeit helfen. Kerstin, ich bringe sie dir nächste Woche wieder.“ Nathalie wollte Sascha an ihren Schreibtisch zerren, wurde jedoch von Kerstin daran gehindert.
„Vergiss es, die bleibt bei mir. Ich wollte ihr nur die WG zeigen, dann nehme ich sie mit rüber.“
„Zu deinen Eltern?“
„Die sind weg und kommen erst heute Abend spät wieder.“ Kerstin konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Sie hatten Sturmfrei.
„Wie haben sie auf dich reagiert?“, fragte Nathalie Sascha.
„Sie haben mir nicht den Kopf abgerissen. Begeistert waren sie aber auch nicht.“
„Das kommt alles, gibt ihnen etwas Zeit. Morgen Abend werden sie sehen wir schön wir beide harmonieren“, tröstete Kerstin ihre Freundin.
„Oder sie fragen an der Uni. Eure legendären Knutscheinlagen kennen viele.“ Nathalie erntete böse Blicke. Diese Idee war mehr als schwachsinnig und würde garantiert nicht dazu beitragen, dass Kerstins Eltern begeisterter von Sascha waren.
„Pff.“ Kerstin nahm Saschas Arm „Lern weiter, wir machen unsere Runde weiter. Knutscheinlagen. Das ist die pure Eifersucht.“
„Meinst du?“
„Ja!“ Kerstin zeigte Sascha den Rest der WG und machte dann einen kleinen Umweg durch den Stall bevor sie wieder ins Haus gingen.
„Da haben wir einiges zum pflegen, wenn ich das richtige gesehen habe. Der Stall wird eine Menge Arbeit machen.“ Vielleicht hätte Sascha nicht Literatur, sondern Architektur studieren sollen. Damit hätte sie auf dem Bauernhof mehr anfangen können. Oder eine Schreinerlehre bei Mel. Dann hätte sie alles reparieren können.
„Ich weiß, das sparen wir uns am besten für den Sommer, dann kann ich wieder helfen. Möchtest du noch etwas sehen? Keller? Wiesen?“
„Wie wäre es mit der Hausbesitzerin? Ich habe gehört, wir haben eine längere Zeit sturmfrei, da könntest du mir das Schlafzimmer noch mal zeigen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich richtig an das Bett erinnern kann.“ Sascha lächelte verführerisch.
„Nicht?“ Kerstin sah ihre Freundin lächelnd an „Dann sollten wir deinem Gedächtnis dringend auf die Sprünge helfen.“ Sie nahm Saschas Hand und führte sie den bekannten Weg die Treppe herauf zum Schlafzimmer. Und diesmal würden sie sich nicht von der Türklingel oder sonst was stören lassen. Die nächsten Stunden waren sie für niemanden zu sprechen. Egal wie dringend es sein sollte.
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