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Sascha und Kerstin: Niemals aufgeben

GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Alexandra "Sascha" Mehring Kerstin Herzog
28.01.2010
28.01.2010
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78.442
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28.01.2010 37.564
 
Teil 1

Sascha erwachte von einem lautstarken Streit zwischen Mel und Jeanette. Es schien um die Benutzung des Badezimmers zu gehen, so ganz drangen die Worte noch nicht in Saschas Verstand. Und sie wollte auch gar nicht wissen oder hören warum die beiden sich wieder stritten. Innerlich seufzend drehte sie sich auf die andere Seite und versuchte weiterzuschlafen.
„Mann, könnt ihr nicht die Schnauze halten?“ Walter schien es ebenfalls zu laut zu sein „Ich will schlafen.“
„Sag das Mel, die muss immer anfangen.“
„Ich hau dir gleich eine, Bergdorfer.“ Mel hob drohend die Faust. Sascha zog sich das Kissen über den Kopf, aber es war zu spät. Mel und Jeanette verfielen in einen ihrer lautstarken morgendlichen Streits und keine Minute später stand Kittler auf der Matte um sie zum Aufstehen zu bringen.
„Irgendwann erschlage ich die beiden“, knurrte Walter als sie mit Sascha zum Badezimmer ging.
„Sag mir Bescheid wenn du Hilfe willst, ich halte sie gerne fest.“ Saschas Laune war seit Wochen nicht die Beste. Zuerst hatte man ihr das Studium nicht erlaubt, dann hatte sie aufgrund des Förderunterrichtes weiterstudieren dürfen, konnte sich jedoch nicht so auf das Studium konzentrieren wie sie wollte und dann hatte sie Kerstin seit einer Ewigkeit nicht gesehen. Genauer gesagt, seitdem Kerstin entlassen worden war, hatte sie nichts mehr von sich hören lassen. Und das waren nun zwei Monate, drei Wochen, sechs Tage und etwa achtzehn Stunden. Nicht dass Sascha das irgendwie mitzählen würde…Sie verstand nicht wieso Kerstin nicht wenigstens einen Brief schickte um ihr mitzuteilen, wie es ihr ging. Ob sie Sascha vergessen hatte? Sicherlich, sie war nun zurück in „ihrer“ Welt, da war wohl kein Platz für Sascha, aber ein Lebenszeichen, fand Sascha war nicht zuviel verlangt. Immerhin hatten sie zusammen im Knast einiges mitgemacht und Sascha hatte Kerstin immer geholfen und unterstützt. Sie war die einzigste gewesen, die Kerstin nicht vorverurteilte und ihr eine Chance gab als diese neu nach Reutlitz gekommen war und so ziemlich alles falsch gemacht hatte, was man falsch machen konnte. Sie hatte Kerstin vor den anderen verteidigt, ihr nicht nachgetragen, dass diese ihre Prüfungsunterlagen zerstört hatte und hatte ihr aktiv geholfen aus Reutlitz herauszukommen. Alleine dir Aktion während der Geiselnahme hätte Sascha um haaresbreite zurück nach Preekow gebracht. Und nun ließ Kerstin nichts von sich hören, Sascha wusste nicht einmal ob es ihr gut ging. Vielleicht steckte Michael hinter allem. Er hatte bereits damals erfahren, dass Sascha mehr als interessiert an Kerstin war, er könnte sie davon abhalten mit Sascha in Kontakt zu treten. Oder Kerstin war etwas zugestoßen und sie lag in einem Krankenhaus. Oder sie hatte wirklich Michael geheiratet und beide waren nun seit Wochen in den Flitterwochen. Sie hatten viel an Zeit nachzuholen, die ihnen Reutlitz gestohlen hatte. Wie auch immer, Kerstin schien nicht an Sascha zu denken oder zumindest schienen diese Gedanken nicht so stark zu sein, dass sie mit Sascha in Kontakt trat.
„Frau Mehring?“ Jonathan Müller, der neue Schließer, holte Sascha in die Wirklichkeit zurück. Während Sascha all ihren Gedanken nachgehangen hatte, hatte sie das Frühstück beendet und war auf dem Weg in die Bibliothek, den Förderunterricht vorbereiten und für ihr Studium lernen.
„Ja?“ Jonathan Müller war für Hendrik Jansen nach Reutlitz gekommen. Jansen hatte aufgrund der Prozesse, die er in der letzten Zeit mitgemacht hatte, psychische Schwierigkeiten bekommen und war bis auf weiteres beurlaubt. Genauer gesagt hatte Reutlitz ihm das beschert, was er bereits in Dahlstedt erlebt hatte: Panikattacken. Sascha war sich nicht sicher ob es an ihrem Prozess oder den Prozessen wegen des Medikamentenversuchs beziehungsweise der Vergewaltigung oder allen drei gelegen hatte, dass er diese Anfälle wiederbekommen hatte. Es war ihr ehrlich gesagt auch egal. Sie war sogar froh Jansen nicht sehen zu müssen.
„Sie haben Ausgang.“
„Was? Ich habe gar keinen beantragt.“ Sascha war perplex. Wieso hatte sie Ausgang? Das musste eine Verwechselung sein.
„Sie dürfen ab dieser Woche die Universitätsbibliothek mitnutzen. Frau Schnoor meint, es wäre billiger wenn Sie dort lernen als wenn Reutlitz all die Bücher anschafft, die außer Ihnen niemand benutzt. Wegen guter Führung bekommen dazu Ausgang.“
„Wow.“ Mehr fiel Sascha spontan dazu nicht ein.
„Ich werde Sie heute begleiten, ab morgen können Sie alleine gehen. Gehen Sie sich umziehen, ich hole Sie in fünf Minuten ab.“ Sascha verschwand in ihre Zelle. Sie hatte Ausgang zum Lernen. Vielleicht würde sie Kerstin auf dem Weg zur Universität sehen. Nein, das war purer Blödsinn. Berlin alleine hatte fünf Millionen Einwohner, wieso sollte ihr gerade Kerstin übern Weg laufen? Was sollte sie an der Universität wollen? Sie hatte ihr Studium bereits abgeschlossen. Und selbst wenn sie an der Universität wäre: Sascha war sich sicher, dass die Universität so groß war, dass man dort zufällig niemanden begegnete. Die Bereiche Literatur und Medizin würden auch in völlig verschiedenen Gebäuden liegen. Sie hatte keine Chance Kerstin zu treffen, egal wie sehr sie sich Hoffnungen machte. Es wäre besser wenn sie der Wahrheit sofort ins Auge sah.

Ein paar Minuten später verließ sie mit Jonathan Müller die JVA Reutlitz. Man hätte sie für Besucher halten können, denn nichts erinnerte daran, dass Sascha eine Insassin und Jonathan Müller ein Schließer war. Sie fuhren mit der U-Bahn direkt zur Universität. Sascha musste schlucken als sie das riesige Gebäude sah. Da würde sie sich nie zu Recht finden.
„Das ist nur ein Komplex“, sagte Jonathan Müller als wenn er Saschas Gedanken erraten hätte.
„Und wie sollen wir da die Bibliothek finden?“
„Nun, zu meiner Zeit war die Bibliothek im Bereich „B“ und der Teil des Gebäudes war mit einem BIBL gekennzeichnet.“
„Sie haben studiert?“
„Ja, für drei Semester in Hamburg, aber das ist lange her. Ich habe einen Plan der Universität, die Bibliothek müsste leicht zu finden sein.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr.“ Sascha folgte ihm. Er war ein netter Schließer, der nie ausfällig wurde oder die Gefangenen von oben herab behandelte. Sascha hätte nichts dagegen gehabt wenn er Jansen für immer ersetzen würde.
„Et voila, da wären wir.“ Tatsächlich hatten sie innerhalb von fünf Minuten die Bibliothek gefunden. Sascha griff sich einen der Führer, die wohlweißlich am Eingang auslagen. Der Bereich, der für ihr Studium interessant war, befand sich im vierten Stock. Zusammen fuhren sie mit dem Fahrstuhl hoch. Sascha konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal Fahrstuhl gefahren war. Doch! Als sie in das Büro von der Baal eingebrochen war um für Kerstin die Unterlagen zu stehlen. Allerdings war das ein Lastenaufzug gewesen. Im vierten Stock erwarteten sie reihenweise Bücherregale. Vom Boden bis hoch zur Decke war alles voller Bücher. Sascha warf ein Blick auf einige Exemplare. Ein wahres El Dorado. Alle Werke, die sie in Reutlitz nie bekommen hatte, waren hier. Sascha hätte sich am Liebsten sofort über die Bücher hergemacht.
„Ich bin beeindruckt.“
„Das ist etwas anderes als die Bibliothek, die Sie gewohnt sind, oder?“
„Definitiv. Es wird eine Ewigkeit dauern bis ich mich hier zu Recht gefunden habe.“
„Das glaube ich nicht. Sie können übrings die Computer benutzen. Dann sparen Sie sich das tippen auf der alten Schreibmaschine. Hier.“ Er zog eine Diskette aus der Tasche.
„Geil!“ Sascha war kurz davor Jonathan Müller zu umarmen. Das war alles zufiel auf einmal. Wer hätte das gedacht? Sie sicherlich nicht. Noch vor ein paar Stunden schien das ein Tag wie jeder andere zu werden und dann schien ein neues Leben für sie zu beginnen.
„Hallo.“ Sascha sah auf. Eine junge Frau stand neben ihnen.
„Hi“, begrüßte Jonathan Müller die Frau freudig. „Sascha, ich habe Ihnen eine ortskundige Führerin besorgt. Das ist Nathalie.“
„Hallo.“ Sascha musterte die junge Frau. Sie musste Mitte zwanzig sein, war etwas kleiner als Sascha und hatte kurzes rotblondes Haar. Hoffentlich war sie nicht eine Art Ersatzschluse für die Zeit in der Bibliothek.
„Hi, ich bin Nathalie.“
„Sascha.“
„Dann kann ich ja gehen. Sascha, Sie müssen um 16 Uhr zurück sein. Finden Sie den Weg alleine?“
„Ich denke ja. Es war nur eine U-Bahn-Linie.“
„Die U-Bahn fährt um 15 Uhr 30“, informierte Nathalie. Sie schien zu wissen woher Sascha kam. Alles andere wäre allerdings auch verwunderlich gewesen. Die Leute hatten ein Recht darauf zu erfahren, mit wem sie sich abgaben.
„Gut, dann bis heute Nachmittag. Machs gut Nathalie“
„Ciao Jonny“ Nathalie wandte sich Sascha zu. „Dann wollen wir mal. Jonathan sagte, Sie studieren Literatur?“
„Ja. Sind Sie seine Freundin?“ Man musste es einfach mal direkt versuchen. Sascha hatte wenig Lust ewig kontrolliert zu werden.
„Gott bewahre, nein!“ Nathalie lachte „Wir sind nur Freunde. Er hat darum gebeten Sie ein wenig herumzuführen und das war’s.“
„Und Sie haben keine Probleme damit eine...“
„Mörderin?“ Nathalies Worte waren so leiste, dass niemand ihre Unterhaltung mitbekam. Sascha nickte.
„Ich will gar nicht wissen wie viele Mörder frei in Berlin herumlaufen, bei denen man nicht weiß, dass sie Mörder sind. Außerdem haben Sie Ihre Strafe abgesessen; zumindest so gut wie, sonst würden Sie wohl kaum unbeaufsichtigten Ausgang bekommen. Und ich vertraue darauf, dass Jonathan mich nicht wissentlich in Gefahr bringen würde.“ Sascha lächelte. Das war mal eine sympathische Ansicht. Ob die beiden Geschwister waren? Spontan war keine Gemeinsamkeit festzustellen, aber nicht jedes Geschwisterpaar sah sich ähnlich.
„Also los, die Etage für Ihre Bücher kennen Sie, jetzt zeige ich Ihnen wo die Computer stehen.“ Nathalie führte Sascha über die Etage. Am Ende war ein großer Raum mit einem Dutzend Computer. Sie setzten sich an ein Gerät am Rand.
„Hier können Sie nach Literatur suchen. Sie gehen einfach auf INDEX und geben den Titel, Autor, oder ein Suchbegriff an, dann schmeißt der PC Ihnen alle Ergebnisse auf den Bildschirm. Sie schreiben sich die Kennziffern und Buchstaben auf und dann geht die Suche los. Die Zahl vorne bedeutet die Etage, dann die Buchstaben, die in alphabetischer Reihefolge von der Haupttür ausgehen und schließlich die Zahlen. Ganz logisch und einfach wenn man es begriffen und mehrmals gemacht hat. Ins Internet kommen sie mit einem persönlichen Code, den Sie an der Information erhalten. Allerdings haben Sie kein Zugriff darauf, denn man hat ihn Ihnen verwehrt.“
„Schade.“ Das hätte sich Sascha denken können, dass sie nicht wild im Internet surfen durfte. Das würde wohl alleine aus sicherheitstechnischen Gründen nicht gehen.
„Jedenfalls können Sie hier auch Bücher vorbestellen.“ Nathalie erklärte Sascha geduldig wie man Bücher aus anderen Universitäten per Fernleihe vorbestellte oder wie man Bücher auf eine Liste setzen konnte, die von der Universität angeschafft werden sollten. Gab es genug Interessenten für ein Buch, wurde es gekauft. Sogar an ausländisches Material konnte Sascha herankommen.
„Ich bin beeindruckt“, sagte sie am Ende ihrer Führung.
„Das ist jeder wenn er das erste Mal hier war. Kann ich Ihnen sonst noch etwas zeigen?“
„Wo bekommt man hier etwas zu essen und zu trinken?“
„Die Mensa ist im Gebäude M, aber da bekommen Sie nur unter vorweisen des Studentenausweises Essen und Trinken. Sonst stehen unten am Eingang Automaten, die allerdings überteuert sind.“
„Danke.“ Sascha würde sich etwas auf dem Weg kaufen.
„Dann werde ich Sie jetzt mal den neuen Eindrücken überlassen.“
„Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und Geduld. Das hätte nicht jeder gemacht.“
„Kein Problem.“ Nathalie schüttelte Sascha die Hand „Ich bin mir sicher, wir werden uns hier des Öfteren sehen.“
„Das wäre schön.“
„Tschüß.“ Nathalie ging zum Aufzug. Sascha sah sich die Regale an. Das war wie im Schlaraffenland. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass ihr noch zwei Stunden blieben bis sie sich auf den Heimweg machen musste. Bis dahin würde sie sich einen groben Überblick über die Bücher machen. Und alle Schritte am Computer wiederholen, die Nathalie ihr eben gezeigt hatte. Bei all den neuen Dingen hatte sie Kerstin völlig vergessen...

„Und? Wie war es?“ Walter erwartete Sascha am Nachmittag bereits. Dass Sascha Ausgang hatte, hatte sich schnell herumgesprochen und alle wollten wissen wie es war.
„Einfach umwerfend.“
„Hast du schon einen Fluchtplan?“, fragte Mel. Sascha sah sie verständnislos an.
„Na, ich meine, wenn du stundenlang in Berlin herumlaufen kannst, dann ist das der ideale Zeitpunkt um abzuhauen. Ab in den Zug, Polen ist nicht weit. Und von da aus, kannst du deine Spuren ganz einfach verwischen.“
„Mel, ich werde innerhalb der nächsten Monate bis ein Jahr entlassen und habe die Chance bis dahin mein Studium zu beenden. Da werde ich sicherlich keinen Blödsinn bauen.“
„Wozu ein Studium und lange warten wenn man sofort die Freiheit haben kann?“
„Das ist der Grund wieso dich keiner raus lässt“, meinte Ilse.
„Das sagt die Richtige: wer hat denn hier die Leichen bestohlen als sie raus war? Das würde nicht einmal ich machen.“
„Nee, weil du nicht raus kommst.“ Walter nahm Sascha am Arm und zog von den anderen weg in ihre Zelle.
„Und? Hast du schon geguckt wo der Hauptmann wohnt?“, fragte sie ohne große Umwege.
„Nein, warum auch? Sie hat sich nicht mehr gemeldet, also will sie keinen Kontakt mehr mit mir. Warum sollte ich ihr hinterherlaufen? Da riskiere ich nur meinen Ausgang. Und das ist sie nicht wert.“ Walter sah Sascha ungläubig an und drückte ihr einen Zettel in die Hand.
„Was ist das?“
„Das ist der Weg zu deinem Hauptmann. Wie du am schnellsten von der Uni hinkommst. Sie wohnt gar nicht weit weg. Ich habe dir sogar die Adresse aufgeschrieben.“ Sascha war sprachlos. Wie hatte Walter das geschafft?
Wie hast du…?“
„Ganz einfach“, erklärte sie „Ich war in Möhrchens Büro, habe mir einen Stadtplan ausgeliehen, den ich angeblich für ein Spiel brauchte und in einem unbeobachteten Moment habe ich die Adresse vom Hauptmann herausgesucht. Wusstest du, dass sie in der Wohnung der Baal wohnt? Finde ich ziemlich krass. In die Wohnung zu ziehen, in der die Frau wohnte, die ihr das Leben in Reutlitz zur Hölle gemacht hat.“
„Woher...“
„Ich habe meine Quellen. Erzähl mal, wie es sonst war.“ Sascha erzählte von den ganzen Etagen voller Bücher, dem Computer, den sie nutzen konnte, dass sie Bücher von anderen Unis bestellen konnte und dass sie eine persönliche Führerin vom Müller bekommen hatte.
„Interessant. Sieht sie wenigstens gut aus?“
„Mhm...ich denke“
„Wie? Ich denke?“
„Du weiß genau...“
„Für dich gibt es nur den Hauptmann. Aber mal davon abgesehen. Sah sie gut aus?“
„Ja.“ Jetzt musste Walter grinsen.
„Nein, führ den Gedanken erst gar nicht zu ende“, versuchte Sascha von ihrer aufkommenden Idee abzubringen „Da wird nichts laufen, ich bin da zum Studieren und wie gesagt, ich liebe Kerstin.“ Walters Grinsen blieb und Sascha knuffte ihr in die Seite. Alles was sie wollte war in der Universitätsbibliothek studieren, nicht mehr. Sie fand es nett von Walter ihr den Weg zu Kerstin besorgt zu haben, aber sie wollte wirklich nicht ihr Privileg aufs Spiel setzen. Hätte Kerstin in all den Wochen nur einmal Kontakt zu Sascha aufgenommen, dann wäre es etwas anderes gewesen, aber so...
„Und wie ist der Müller so außerhalb vom Knast?“
„Freundlich, zuvorkommend und eine Wohltat gegenüber Jansen. Wenn es nach mir geht, dann muss Jansen nie wiederkommen. Ich kann mich mit dem Müller sehr gut anfreunden.“
„Interessant. Wenn ich nicht genau wüsste, dass dich Männer nicht interessieren, dann würde ich sagen, du hast ein Auge auf unseren Neuen geworfen.“ Sascha pustete empört eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Mehr Reaktion war auf so eine dumme Idee von Walter nicht nötig.

„Sag mal, darfst du auch Bücher mit nach Reutlitz nehmen?“ Ilse hatte sich neben Sascha gestellt bevor es zur Arbeit ging.
„Ja klar.“
„Könntest du mir vielleicht eine Biografie von den Windsors mitbringen? Hier bekommt man ja nichts.“
„Ich kann gucken was ich machen kann.“
„Frau Mehring?“ Frau Schnoor kam auf sie zu „Ich bringe sie heraus.“ Sascha folgte ihr.
„Wie war es gestern?“
„Sehr gut. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass ich die Universitätsbibliothek mitbenutzen darf. Das ist wie ein sechser in Lotto. Die scheinen alle Bücher zu haben, die ich brauche.“ Sascha hätte ewig von der Bibliothek schwärmen können.
„Und die Kassen von Reutlitz werden geschont. Ich hoffe nur, Sie machen uns keinen Kummer. Um einen Kollegen zu Ihrer Begleitung abzustellen fehlt uns das Personal. Was das bedeutet können Sie sich sicherlich denken.“ Sascha nickte. Beim kleinsten Zwischenfall würde sie ihren Ausgang zur Universitätsbibliothek verlieren.
„Dann wünsche ich Ihnen frohes schaffen.“ Frau Schnoor schloss ihr die Tür zur Freiheit auf.
„Danke.“ Sascha verließ Reutlitz. Jedes Mal wenn sie auf der anderen Seite der Gefängnismauern stand überkam sie das Gefühl von grenzenloser Freiheit. Egal ob sie in Begleitung oder alleine hier stand, es war wie in einer anderen Welt. Beschwingt ging sie zur nächsten U-Bahn-Station um zur Universität zu fahren. Als sie sich auf einen freien Platz gesetzt hatte, streifte sie mit ihrer Hand ihre rechte Hosentasche, in der sich etwas befand. Sascha zog den Gegenstand heraus, der sich als Walters Wegbeschreibung zu Kerstin entpuppte. Sie schien wirklich nicht weit weg von der Universität zu wohnen. Saschas Gedanken wanderten wieder zu Kerstin. Wie es ihr wohl ging? Was sie wohl machte? War sie nun verheiratet oder nicht? Hatte sie Sascha wirklich vergessen? Sascha war so in ihren Gedanken versunken, dass sie um haaresbreite ihre Haltestelle verpasst hätte. In letzter Sekunde sprang sie auf und schlüpfte durch die sich bereits schließenden Türen. Das war knapp. Langsam bummelte sie zur Universität. Sie freute sich darauf endlich mit all den Büchern zu studieren, die sie benötigte, aber das Gefühl frei durch Berlin zu laufen hatte ebenfalls seinen Reiz. Sascha genoss jeden Atemzug. Es kam ihr vor, als wenn man die Freiheit mit jedem Einatmen richtig spüren konnte, was natürlich Quatsch war, denn die Luft war hier die gleich wie in Reutlitz. Trotzdem schien sie ein wenig anders zu sein als hinter Gittern. Auch der Himmel kam ihr näher vor als in Reutlitz auf dem Hof und die Blätter an den Bäumen waren grüner. Alles war schöner als in Reutlitz. Glücklich über ihr neues Schicksal ließ Sascha sich auf einer Bank vor der Universität nieder. Sie wollte kurz noch die Luft genießen bevor sie in der Bibliothek hinter riesigen Bücherregalen verschwand. Wahrscheinlich verstanden es Menschen, die frei waren nicht, aber für Sascha war das Gefühl hier an der frischen Luft zu sitzen und selber zu entscheiden wann sie ins Gebäude ging, ein neues und schönes Gefühl, das sie auskosten wollte.
„Guten Morgen.“ Sascha sah auf. Vor ihr stand Nathalie.
„Oh, Guten Morgen, das nenne ich einen netten Zufall.“ Sascha musste ihre Augen zusammenkneifen um gegen die Sonne gucken zu können.
„Nun, der Zufall war nur eine Frage der Zeit. Wir haben denselben Weg, ich muss auch in die Bibliothek. Trauen Sie sich nicht herein?“
„Doch“, lachte Sascha „Ich wollte nur den schönen Morgen noch kurz genießen. Die Luft hier ist eine ganz andere als die in der Bibliothek.“
„Da haben Sie Recht. Darf ich?“ Nathalie deutete auf den freien Platz neben Sascha.
„Natürlich. Warum nicht?“
„Es könnte sein, dass Sie keinen Wert darauf legen den Morgen mit einer Freundin von Jonathan zu beginnen.“
„Ihr Freund gehört zu den wenigen freundlichen Schlu…Schließern.“ Sascha wollte den Knastjargon für die Zeit, die sie außerhalb von Reutlitz verbrachte ablegen.
„Das freut mich. Er ist eigentlich ein umgänglicher Typ. Wie hat es Ihnen gestern gefallen? Haben Sie sich in Ruhe die Bibliothek angesehen?“
„Ja und ich habe mich mit dem Computer vertraut gemacht. Ich glaube, wir beiden könnten Freunde werden. Es war sehr umgänglich.“ Sascha und Nathalie lachten.
„Lassen Sie sich nicht von ihm reinlegen. Diese Biester können von einer Sekunde zur anderen grundlos abstürzen und einem so die Arbeit von Stunden zerstören. Mir hat so ein Teil mal eine ganze Hausarbeit, die beinahe ein Dutzend Seiten betrug, gelöscht. Ich hatte versäumt sie zu sichern, da ich mich in einem Schreibfluss befand und nicht daran gedacht hatte und dann war alles weg. Inklusive meiner kreativen Ader. Die Hausarbeit neu zu schreiben hat mich drei Nächte gekostet.“
„Autsch, das ist ärgerlich.“ Sascha nahm sich vor, spätestens nach jeder Seite die Daten zu sichern. Schließlich hatte sie keine Nächte um etwas neu zu schreiben. Nicht einmal Abende. Ihr blieben maximal sechs Stunden am Tag.
„Wollen wir hereingehen?“, fragte Sascha.
„Ja.“ Sie standen auf und betraten die Universitätsbibliothek.
„Müssen Sie auch in den vierten Stock?“
„Nein, ich muss in den Keller, wo die ganzen Diplom- und Doktorarbeiten gelagert werden. Man kann nie früh genug anfangen sich diese Dinger anzusehen um zu erfahren was man später selber schreiben muss.“
„Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg.“
„Ich Ihnen bei Ihrem ersten Tag auch. Sollten Sie Probleme haben, ich werde sicherlich die nächsten zwei Stunden im Keller sein, aber es gibt auch auf jeder Etage einen Informationsstand, wo Ihnen geholfen wird.“
„Danke.“ Sascha beschloss die Treppe zu nehmen um sich so einen besseren Überblick über die Universitätsbibliothek zu verschaffen. Außerdem würde sie in den nächsten Stunden genug herumsitzen, da konnte ein wenig Bewegung jetzt nicht schaden.

Sascha hatte das Buch für Ilse nicht gefunden, anscheinend schien die Universität kein Interesse am Leben der englischen Königsfamilie zu besitzen, was Sascha ihr nicht einmal verübeln konnte. Allerdings hatte sie für Mel ein Buch gefunden. Ein Lexikon über Rock – und Metallbands. Das war das erste Mal, dass Sascha Mel in ein Buch vertieft sah.
„Ich bin beeindruckt“, meinte Walter als sie Mel mit dem Buch sah „Sie kann wirklich lesen oder sind da Bilder drin?“ Mel beachtete Walter gar nicht. Die selbe Situation hatte sie vor einigen Minuten mit Jeanette gehabt, die sie kurzum im Badezimmer eingesperrt hatte bis Sascha das Geschrei nicht mehr hatte ertragen können und sie heraus gelassen hatte.
„Sag mal, kannst du mir morgen eine Currywurst mitbringen?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher ob man mich damit hier herein lässt“, meinte Sascha.
„Stimmt. Kittler würde die selber fressen wenn er an der Schleuse ist. Wo er jetzt nur noch Thaifraß bekommt.“
„Seine Frau soll sehr gut kochen“, antwortete Mel „Zumindest sagen das die Brainless Wankers.“ Mels Hochzeitsband, denen ihr trotteliger Ehemann vergessen hatte abzusagen und die dann vor den Toren von Reutlitz ihr Konzert gegeben hatten. Sascha konnte sich mit Schadenfreude daran erinnern wie Kalle und Nancy versucht hatten unbemerkt aus dem Gully zu entkommen, der in unmittelbarer Nähe des Konzertes war. Und dann war nicht nur Nancy steckengeblieben, nein, sie hatten sich sogar von Kittler erwischen lassen. Wäre es nach Sascha gegangen, hätten die beiden entweder auf nie mehr Wiedersehen verschwinden oder in ein anderes Gefängnis verlegt werden können.
„Und? Hast du die Freundin vom Müller wiedergesehen?“, fragte Walter nicht ohne Hintergedanken.
„Walter, da studieren Tausende von Menschen und die Universität ist so groß, dass ich nicht einmal sagen wie viel sie größer als Reutlitz ist.“
„Also ja.“ Walter hatte Sascha sofort durchschaut.
„Ja“, gab Sascha seufzend zu. Wozu leugnen?
„Und?“
„Kein und. Wir haben uns kurz unterhalten, dann ist jeder in einer anderen Etage verschwunden. Walter, ich bin da um zu studieren, sonst nichts. Hör auf dir irgendwelchen Schwachsinn auszudenken.“
„Zu spät.“
„Das habe ich bereits befürchtet.“ Sascha ließ sich auf ihr Bett fallen und schloss die Augen. Gut dass Jeanette nicht da war, die würde alles über die ganze Station tratschen und Sascha wollte nicht, dass Jonathan Müller eventuell Ärger bekam. Er hatte ihr nur einen Gefallen tun wollen und Sascha wusste nicht wie die Gefängnisleitung auf ihre persönliche Führerin reagieren würde. Sie mochte Nathalie, sie schien Sascha nicht wegen ihrer Tat in eine Schublade zu stecken, sondern schien sie erst einmal kennen lernen zu wollen bis sie sich eine Meinung bildete. Das hatte man selten draußen, die meisten Menschen würden sicherlich anders reagieren und Sascha konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Wer machte sich heutzutage schon die Mühe um hinter die Fassade zu blicken wenn es viel einfacher war dem Klischee oder dem ersten äußerlichen Eindruck zu folgen.

Jedes Mal wenn Sascha sich in die U-Bahn setzte spielte sie in ihrem Unterbewusstsein mit dem Gedanken einfach ein paar Stationen weiter zu fahren und dann bei Kerstin auszusteigen. Dass diese Linie zu Kerstin fuhr hatte sie bereits herausgefunden. Alles was fehlte um diesen Schritt zu wagen ein Grund oder ein Wink des Schicksals, der Sascha deutete weiterzufahren und es zu versuchen. Dieser Wink schien jedoch alle Zeit der Welt zu haben denn er ließ auf sich warten.
Es war ein warmer Julitag als Sascha beschloss sich mit zwei ihrer Bücher, die sie derzeit bearbeitete nach draußen zu setzen. Vielleicht fand sie in der Nähe der Universität ein kleines Cafe, in dem sie etwas trinken konnte und in Ruhe weiterlesen konnte. Es war früh am Morgen, da musste es einen ruhigen Platz geben. Mit der Sonne im Nacken machte sie sich auf den Weg. Bereits nach einigen Minuten fand sie ein Cafe, das ihren Vorstellungen entsprach. Sascha setzte sich an einen Tisch am Rand unter einem Baum und schlug ihre Bücher auf. Hier war es schön.
„Kann ich Ihnen etwas bringen?“ Sascha sah auf. Die Kellnerin stand vor ihr. Wieso hatte sie sogar da die Hoffnung gehabt, es könnte Kerstin sein. Kerstin war Ärztin, die würde sicherlich nicht als Kellnerin arbeiten. Selbst wenn sie keinen Job bekam, dann würde Michael genug für beide verdienen.
„Einen Kaffee mit Milch, bitte.“
„Sehr gerne.“ Sascha las weiter und machte sich nebenbei Notizen. Wenn es wieder regnete oder kälter war konnte sie alles in den Computer eintippen. Dieses schöne Wetter musste sie einfach genießen. Die Kellnerin brachte ihr den Kaffee, dann war Sascha wieder alleine. Sie rechnete schnell aus wie viel Geld ihr zur Verfügung stand und kam zu dem Ergebnis, dass mehr als ein Kaffee nicht drin war. Man bekam keine Reichtümer in einer JVA, da musste sie mit ihrem Geld gut haushalten. Und hier draußen gab es niemanden, der ihr aushelfen konnte. Ein Schatten legte sich auf ihr Buch. Sascha sah auf und ihr Atem stockte ihr. Das konnte nicht wahr sein, das musste sie träumen. Ja, es konnte nur so sein, dass ihre Phantasie ihr einen Streich spielte.
„Hi Sascha.“ War das wirklich keine Fatahmorgana? Konnte das die Realität sein?
„H – hi.“ Saschas Mund war plötzlich trocken und sie hatte Mühe überhaupt einen Buchstaben übe die Lippen zu bekommen.
„Darf ich mich zu dir setzen?“
„J – ja, k – klar.“ Oh man, wann hörte das endlich auf? Sie kam sich vor wie ein Teenager beim Rendevouz. Das war wirklich Kerstin. Und sie sah umwerfend aus. Ihre Haare hatte sie etwas gekürzt, was sie heller erschienen ließen und kleine, beinahe zarten Löckchen hatten sich gebildet, von denen Sascha nicht sagen konnte ob sie von einer Dauerwelle stammten oder Naturkrause waren. Bei kürzerem Haar kam die Naturkrause leichter zur Geltung. Auf Kerstins Kopf war eine Sonnenbrille und sie war ganz leger in Blue – Jeans und schwarzen T-Shirt gekleidet. Aber ganz egal wie sie ihre Haare trug oder was sie anzog: Kerstin war für Sascha die schönste und begehrenswerteste Frau der Welt. Und ihr Auftauchen änderte nichts an dieser Tatsache; eher im Gegenteil. Sie sah einfach zum Anbeißen aus. Kerstin musterte Sascha schweigend und schien auf eine Reaktion von Sascha zu warten.
„Was machst du hier?“ Nicht gerade eine sehr intelligente Frage und sicherlich nicht die Frage, die Sascha ihr gestellt hätte wenn sie mehr Zeit gehabt hätte und Kerstins Auftauchen nicht so überraschend gewesen wäre, aber besser als sie weiter wortlos anzustarren.
„Ich wollte einen Kaffee trinken. Sascha, du bist doch nicht etwa abgehauen, oder?“ Kerstin sah sie besorgt an.
„Was denkst du von mir?“, fragte Sascha beleidigt. Hielt Kerstin sie für so dumm, dass wenn sie abhauen würde, sie sich hierher setzen würde und in Ruhe Kaffee trinken und lesen würde?
„Hast du…hast du Ausgang?“
„Ja, ich darf die Universitätsbibliothek mitbenutzen und kann seit einiger Zeit jeden Tag herkommen.“ Einiger Zeit war seit gestern, aber das verschwieg Sascha einfach mal. „Weil heute so schönes Wetter ist wollte ich bei einem Kaffee im Freien lernen.“ Sascha gefiel die verkrampfte Atmosphäre gar nicht. Allerdings wusste sie auch nicht wie sie diese abschaffen konnten.
„Das freut mich für dich.“ Kerstin sah Sascha ausdruckslos an. Sascha konnte bei aller Anstrengung nicht erkennen was Kerstin jetzt dachte. Die Kellnerin kam zu ihnen.
„Darf ich Ihnen etwas bringen?“, fragte sie Kerstin.
„Nein, ich muss weiter“, sagte Kerstin ohne sich zu rühren. Die Kellnerin ging wieder.
„Du wolltest doch einen Kaffee trinken“, erinnerte Sascha Kerstin.
„Ich kann nicht. Tut mir Leid.“ Sie stand auf und ging wortlos. Sascha sah ihr nach. So plötzlich wie Kerstin aufgetaucht war, verschwand sie wieder. Sascha wollte aufspringen und ihr nachlaufen, jedoch spürte sie, dass das nichts bringen würde. Sie konnte Kerstin nicht aufhalten. Wieso war sie einfach gegangen? Wieso hatte sie sich erst hergesetzt wenn sie nach einer Minute wieder gehen wollte? Wozu all das? Um Saschas Leben erneut aus der Bahn zu werfen und die alten Wunden aufzureißen? Ihr erneut aufzuzeigen, dass sie keine Chance bei Kerstin hatte, niemals hatte. Sascha musste schlucken und als sie auf ihr herabsah stellte sie fest, dass sie weinte.

„Was ist los mit dir?“ Walter sah Sascha durchdringend an. Sie hatte seit Tagen das Gefühl, dass etwas mit Sascha nicht stimmte. Sie war ruhiger als sonst und irgendwie verschlossen. Es musste etwas vorgefallen sein, dass Sascha ihr bisher verheimlichte.
„Nichts“, wich Sascha der Frage aus.
„Erzähl mir nichts, du hast etwas. Ist etwas in der Uni passiert? Hattest du Probleme? Wissen die, dass du ein Knacki bist?“
„Nein, die denke alle, ich wäre eine Studentin wie sie. Es ist alles in Ordnung.“
„Der Hauptmann.“ Walter sah Sascha tief in die Augen „Sie ist es. Hast du sie in der Bibo getroffen?“
„Nein.“ Und das war nicht gelogen. Es war nicht die Bibliothek gewesen. Walter merkte jedoch, dass sie richtig lag.
„Sascha mach mir nichts vor. Es hat mit  ihr zu tun. Was ist los? Was hat der Hauptmann gemacht?“ Nichts, das war ja das Problem gewesen. Jeder Fremder wäre wahrscheinlich freundlicher und kooperativer als Kerstin gewesen. Sie hatte Sascha behandelt als wäre niemals etwas zwischen ihnen gewesen. Nicht einmal Freundschaft. Als wäre die Zeit im Knast, in der sie sich gegenseitig unterstützt hatten, nur ein schlimmer Alptraum gewesen, den sie beide geträumt hatten, der dann aber unterschiedlich ausging.
„Ich habe sie in einem Cafe getroffen, aber das bleibt unter uns.“
„Wo ist das Problem?“
„Erstens bin ich mir nicht sicher, ob ich mich in einem Cafe herumtreiben darf während ich eigentlich in der Universitätsbibliothek sein sollte, zweitens muss keiner wissen, dass ich Kerstin gesehen habe und drittens war das Treffen nicht der Rede wert. Sie hat sich kurz zu mir gesetzt und unser Gespräch bestand vielleicht aus fünf Sätzen. Nicht einmal einen Kaffee wollte sie in meiner Gegenwart trinken, dafür dachte sie, ich wäre abgehauen. Sie hält mich für so blöd abzuhauen und dann am hellen Tage einen Cafe in Berlin zu trinken.“
„Kurz gesagt: es war ein Reinfall“, fasste Walter zusammen und nahm Sascha in den Arm.
„Wenn man untertreiben will.“ Sascha schloss die Augen um die Tränen besser unterdrücken zu können. Wieso schaffte es Kerstin immer wieder sie so zu berühren? Wieso konnte sie ihr nicht egal sein, so wie Sascha ihr egal war.
„Ich hätte nie gedacht, dass nach all dem, was zwischen euch war, sie sich so benehmen würde. Nach all den Dingen, die ihr zusammen ausgestanden habt. Ist ihr nur eine Sekunde der Gedanke gekommen, dass sie ohne dich eventuell noch in Reutlitz sitzen könnte?“, grollte Walter.
„Sie hat anscheinend mit dem Leben hier komplett abgeschlossen und sie wollte sich wahrscheinlich gar nicht zu mir setzen. Sie wird selber nicht wissen wieso sie das gemacht hat.“ Verdammt, warum konnte Sascha ihre Tränen nicht zurückhalten? Warum brachte Kerstin sie immer wieder zum Weinen? Sascha musste sie endlich aus ihrem Herzen, aus ihrem Leben, aus ihren Gedanken streichen.
„Frau Mehring, Frau Walter, alles in Ordnung?“ Sie hatten nicht bemerkt wie Jonathan Müller in die Zelle getreten war.
„Alles Bestens“, antwortete Walter schnell. Das ging die Schlusen nichts an.
„Wirklich?“
„Ja, es ist nichts wobei wir die Hilfe einer Schluse gebrauchen könnten.“ Jonathan Müller sah Sascha an.
„Frau Mehring?“
„Alles okay, ich habe nur etwas…“ Etwas ins Auge bekommen war eine sinnlose Ausrede in einem geschlossenen Raum. Es war sehr unwahrscheinlich, dass ihr hier etwas ins Auge flog „…Trauriges in meinem Roman gelesen und Walter musste mich kurz trösten. Das Buch geht mir ziemlich nahe. Liebesgeschichte ohne Happy – end.“ Sascha ließ Walter los und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Jonathan Müller sah sie noch einmal prüfend an.
„Sie sollten leichte Kost lesen, die sie aufmuntert. Der Knast ist traurig genug.“ Damit verließ er die Zelle. Sascha und Walter setzten sich auf Saschas Bett.
„Besorgt ist er um dich“, stellte Walter fest.
„Ja, ich finde, er ist die beste Vertretung für den Jansen, die sich die Justizverwaltung hätte einfallen lassen können. Ich habe ihn nicht einmal ausfallend oder zynisch uns gegenüber erlebt.“
„Anfängeridealismus.“
„Den verlieren sich meistens nach einer Woche. Nein, es scheint ihm wirklich was an uns zu liegen.“
„Sascha, diese Schwärmerei macht mir Sorgen.“ Walter zündete sich eine Zigarette an und sah Sascha nachdenklich an „Du wirst mir nicht die Seiten wechseln, oder?“
„Nein“, lachte Sascha „Ich bin nur froh zur Abwechselung mal eine nette Schluse zu erleben. Wir sollten der Schnoor klar machen, dass sie Jonathan Müller behalten sollte und den Jansen in die Wüste schickt.“ Der Idee hatte Walter nichts entgegenzusetzen. Schon Sascha zuliebe würde sie es begrüßen den Jansen nie wieder zu sehen.

Teil 2

Sascha kam in der Universitätsbibliothek inzwischen sehr gut zurecht. Sie hatte sich auch mal angesehen was es auf den anderen Etagen für Bücher gab und hatte dabei mehrere Bücher über die Atlantikküsten gefunden. Da hatte Kerstin mit ihr hingewollt als sie zusammen im Knast waren. Oder war es nur der Alkohol gewesen, der damals aus Kerstin gesprochen hatte? Den Kuss hatte sie hinterher ebenfalls revidiert. Wahrscheinlich war nichts, was an dem Abend zwischen ihnen gewesen war, real und gewollt gewesen.
„Sascha?“ Sascha sah auf. Hatte Nathalie sie gefunden? Sie hatten sich bereits einige Male hier getroffen. Sascha sah auf. Nein, das war nicht Nathalie, das war KERSTIN! Und diesmal konnte es kein Zufall sein. Was sollte Kerstin zufällig in der Universitätsbibliothek wollen? Und dann bei den Literaturwerken?
„Kerstin.“ Mehr brachte Sascha nicht heraus. Ihre Stimme hatte sich wie beim letzten Mal verabschiedet. Sie war wohl doch ein verliebter Teenager. Kerstin setzte sich Sascha gegenüber.
„Was machst du denn hier? Interessierst du dich seit Neusten für Literatur?“ Das Reden klappte doch. Kerstin schüttelte den Kopf.
„Nein, das ist es nicht. Ich bin wegen…hier gibt es auch eine Abteilung mit Medizinbücher, sehr guten…Sascha, ich bin wegen dir hier!“ Sascha traute ihren Ohren nicht. Kerstin war wirklich wegen ihr hergekommen? Nachdem sie im Cafe so unelegant abgehauen war? Das musste ein schlechter Scherz sein.
„Wegen mir?“ Sascha schluckte. Kerstin nickte.
„Aber wieso?“ Sascha verstand das alles nicht.
„Ich habe mich neulich im Cafe wie ein Idiot benommen. Es tut mir Leid, dass ich einfach aufgesprungen und weggelaufen bin. Das war kindisch. Ich war nur so…verwirrt dich wiederzusehen. Das kam so überraschend.“ Das war es für Sascha auch gewesen. Sie hatte trotzdem versucht höflich zu sein.
„Ich meine, ich bin durch die Stadt gebummelt und plötzlich sah ich dich an diesem Tisch in einer Ecke eines Cafes sitzen. Ich dachte wirklich du wärst abgehauen…“
„…Und hattest Angst ich könnte dich Zuhause belästigen“, fügte Sascha bitter hinzu.
„Nein, ich…ich weiß, dass du wegen dem Angriff auf Jansen zehn Monate mehr bekommen hast und deine Bewährung weg ist.“ Sascha sah Kerstin überrascht an. Woher wusste sie das?
„Woher…?“
„Ich war im Gericht.“ Das war etwas ganz Neues für Sascha. Sie konnte sich nicht daran erinnern Kerstin gesehen zu haben. Kerstin hatte ihrer Verhandlung beigewohnt? Hieß das nun, dass ihr Sascha nichts ganz egal war oder hieß dass, dass sie Beweis für Saschas angebliche Brutalität haben wollte?
„Wieso war Jansen damals bei dir?“ Diese Frage brannte Sascha auf der Seele seitdem Jansen ihr erzählt hatte, dass er bei Kerstin zum Essen war und sie ihn danach mit dem Stuhl verprügelt hatte, was ihr die „C“ eingebracht hatte. Nur dank eines Attests von Doktor Strauß war sie da wieder heruntergekommen.
„Ich war kurz für den Job als Ärztin in Reutlitz in Gespräch. Michael und Jansens Frau haben das Treffen organisiert. Jansen und ich waren davon nicht begeistert gewesen.“ Wenigstens etwas. Michael. Sascha traute sich nicht zu fragen was aus Kerstin und Michael geworden war. Sie fürchtete die Antwort, dass beide inzwischen ein Ehepaar waren und Kerstin womöglich schwanger. Das würde Sascha nicht verkraften. Nicht nach all dem was passiert war.
„Und?“
„Doktor Strauß wird weiterhin die ärztliche Leitung innehaben. Ich bin hier an der Universität als Gastrednerin. Ein kleiner Job, der nicht einmal als Halbtagsjob durchgeht, aber die Angebote für Ärzte, die im Knast gesessen haben, sind gering.“ Kerstin schluckte und sah Sascha schüchtern an. „Und du hast Ausgang wegen guter Führung?“ Sascha nickte.
„Das freut mich. Hier kannst du dein Studium bestimmt besser beenden als in…in Reutlitz. Schon alleine weil dir hier ein Computer zur Verfügung steht.“ Kerstin schwieg und sah aus dem Fenster. Man konnte auf einen der zahlreichen Parkplätze sehen, wo pausenlos Menschen herumliefen, mit ihren Wagen nach einem Parkplatz suchten oder sich unterhielten. Es war wie im Knast. Man saß drinnen, konnte nur beobachten und nicht teilnehmen.
„Warum bist du hergekommen?“, fragte Sascha plötzlich „Wieso tust du mir das an?“ Okay, die zweite Frage war nicht ganz nett gewesen, aber die traf perfekt auf Saschas Gemütszustand zu.
„Was? Was tu ich dir an? Ich dachte, ich entschuldige mich für mein Verhalten im Cafe, mehr nicht.“
„Mehr nicht? Kerstin, ist dir eigentlich klar, was so ein Treffen in mir auslöst? Wie ich mich fühle wenn ich dich „zufällig“ sehe? Ich habe monatelang auf ein Lebenszeichen vor dir gewartet. Du hast mir versprochen dich zu melden und nichts ist passiert. Ich habe jeden Tag vergeblich auf einen Brief oder einen Anruf von dir gewartet. Weißt du was das für ein Gefühl ist wenn man monatelang wartet und nur enttäuscht wird? Nicht ein verdammtes Wort, nicht eine Zeile hast du geschrieben. Du bist einfach aus Reutlitz, aus meinen Augen, ja, wenn es geklappt hätte, einfach aus meinem Leben verschwunden, hast ein riesiges Loch in meinem Herzen hinterlassen, das mir heute noch zu schaffen macht. Hast du eine Ahnung wie fertig ich war als ich dich in dem Cafe getroffen habe und du nach einigen Augenblicken grundlos abgedüst bist? Ich hatte gehofft, ich wäre über dich hinweg. Dass das eine Lüge war, war mir selber klar, aber ich wollte es nicht wahr haben. Und dann tauchst du auf und reißt all die Wunden wieder auf, die ich seit Monaten versuche zu schließen. Vergeblich versuche zu schließen. Kerstin, du kannst nicht einfach mal so kurz wieder in mein Leben treten nachdem du dich aus meinem Leben herausgestohlen hast und mir mehr als einmal klar gemacht hast, dass ich in deinem Leben nichts mehr zu suchen habe. Sonst hättest du dich nicht so verhalten.“ Sascha hatte es geschafft all diese Worte auf einer Lautstärke aus sich herauszupressen, die für die anderen Studenten nicht hörbar war. Es würde Sascha gerade noch fehlen, Kerstin eine Szene mitten in der Bibliothek hinzulegen. Kerstin hatte jedoch jedes einzelne Wort erreicht.
„Was soll ich dazu sagen?“, sagte Kerstin schließlich leise und senkte den Kopf „Ich habe versucht den Knast zu vergessen, mein altes Leben wiederzufinden und weiterzuleben. Und als ich bei deinem Prozess war, da wurde mir klar, ich kann mein altes Leben nicht wiederbekommen, ich habe es in Reutlitz verloren. Und wenn ich nun weiter in der Vergangenheit herumstochere, dann werde ich niemals zurück in die Gegenwart finden. Sascha, ich muss versuchen hier draußen mein Leben wieder in den Griff zu bekommen und das ist verdammt schwer. Alles ist anders wenn man erst einmal im Knast gesessen hat. Die Leute interessiert es nicht, dass man unschuldig war, sie sehen nur: Knast und dann hat man einen Stempel auf der Stirn, der es einen unmöglich macht ein normales Leben zu führen. Ich weiß, ich hätte mich melden sollen, aber ich hatte Angst dann nie wieder von Reutlitz wegzukommen.“
„Und wieso bist du dann hierher gekommen? Deine Medizinbücher sind sicherlich nicht auf dieser Etage.“
„Weil ich mit dir reden wollte. Ich habe…ich meine…bei deinem Prozess…was du da gesagt hast…als Grund wieso du Jansen angegriffen hast…und das ich nicht deine Gefühle…ich wusste ja nicht dass er…“
„Was? Das er meine Gefühle für dich eiskalt ausnützt? Du hast ernsthaft geglaubt, ich wäre grundlos auf ihn losgegangen?“ Dass Kerstin so etwas von ihr dachte verletzte Sascha mehr als alles andere zuvor. So einen Eindruck hatte Kerstin von ihr? Sascha konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Kerstin wollte ihr ihre Hand auf die Schulter legen, doch Sascha stieß sie weg. Sie brauchte keinen Trost von jemand, der sie für ein gewalttätiges Monster hielt.
„Sascha, es tut mit Leid.“
„Das fällt dir früh ein. Wieso gibst du dich mit einem gewalttätigen Knacki ab? Was anderes bin ich für dich doch nicht.“ Es wurde immer schwerer nicht laut zu werden.
„Das ist nicht wahr. Sascha du bist…“ Kerstin stockte. Ja, was war Sascha für sie?
„…du bist kein gewalttätiger Knacki für mich. Ich bin dir unendlich dankbar für all das, was du damals für mich getan hast…“
„Und du hast mich eiskalt fallen lassen.“
„Entschuldige, es war alles so…ich weiß, es ist nicht entschuldbar, was ich gemacht habe. Ich hätte wissen müssen, dass du nicht grundlos auf Jansen losgehen würdest…und ich hätte mich melden sollen. Ich kann nicht vor meiner Vergangenheit flüchten, sie ist ein Teil von mir. Das wurde mir klar als ich dich im Cafe getroffen habe.“ Kerstin stand auf. „Es tut mir alles so Leid, ich hoffe, du wirst mir eines Tages verzeihen.“ Dann verließ sie Sascha, die starr auf ihrem Stuhl sitzen blieb. Sie war nicht in der Lage sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Zu viele Emotionen hatten sie in den letzten Minuten erreicht, hatten die Kontrolle von ihrem Körper übernommen. Sie konnte nicht mehr tun als auf ihrem Stuhl zu sitzen und zuzusehen wie Kerstin hinter den Regalen verschwand. Sie wollte hinterherlaufen, sie aufhalten, aber es ging nicht. Nichts ging mehr.

Teil 5

Sascha konnte nicht sagen wie lange sie regungslos auf ihrem Stuhl gesessen hatte und in die Richtung geguckt hatte, in der Kerstin verschwunden war. Irgendwann legte sich eine Hand auf ihre Schulter und Sascha zuckte zusammen. Sie sah auf und blickte in Nathalies Gesicht.
„Hallo.“
„Hi.“
„Alles okay? Darf ich?“ Nathalie deutete auf den Stuhl, auf den eben noch Kerstin gesessen hatte. Wann genau eben war wusste Sascha nicht. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren. Wenn ihr einer gesagt hätte, dass es inzwischen Abend geworden war, dann hätte sie das geglaubt. Kerstin hatte mal wieder ihr Leben aus den gewohnten Bahnen geworfen.
„Sicherlich.“
„Ist wirklich alles in Ordnung?“ Nathalie machte sich Sorgen um Sascha. Sie war so bleich und sah gar nicht gut aus.
„Ja, ich war bloß im Gedanken. Was macht Ihr Studium?“
„Das plätschert so vor sich hin. Ich habe dieses Semester weniger Kurse belegt um mehr Zeit fürs Geldverdienen zu haben. Leider habe ich letzten Monat meinen Job verloren und habe nun jede Menge Zeit, die ich zumeist in der Bibliothek totschlage. Es kann nie schaden zu wissen wo welche Literatur steht. Spätestens zur Abschlussarbeit braucht mal all diese Informationen.“
„Ja, das stimmt.“
„Und was macht Ihr Studium?“
„Seit ich hier die Bücher benutzen kann, geht es stetig aufwärts. Wenn alles gut geht, dann hole ich das verlorene Semester wieder auf.“ Nathalie sah Sascha nachdenklich an. Sie hätte gerne gewusst, was sie gerade beschäftigte, aber sie kannten sich nicht gut genug, dass Nathalie es wagte sie zu fragen. Sascha wollte anscheinend nicht darüber reden. Zumindest nicht mit ihr.
„Es ist nicht einfach im Gefängnis zu studieren, oder? Ich stelle mir das mit den Büchern schwer vor und auch die Kommentare der anderen. Studieren ist da sicherlich nichts Alltägliches.“
„Nein, das ist es nicht. Den Spitznamen „Professor“ habe ich ziemlich schnell bekommen und die anderen Frauen haben mich etwas seltsam angeguckt wenn ich ihnen erzählt habe, dass ich studieren würde.“
„Das kann man zum Außenseiter werden, oder gab es jemanden, der Sie sofort verstand?“ Sascha musste an Kerstin denken. Sofort hatten sie sich nicht verstanden, aber im Endeffekt waren sie sich so ähnlich gewesen, dass sie sich verstanden. Und Kerstin hatte sie bei ihrem Studium unterstützt. Sascha musste innerlich lächeln als sie daran dachte, dass Michael ihr Bücher mitgebracht hatte.
„Es gab jemanden, der mich unterstützte“, sagte Sascha und Nathalie konnte die Traurigkeit, die Sascha bei diesen Worten überkam, deutlich hören.
„Es gab?“ Nathalie wollte es einfach einmal versuchen.
„Sie ist entlassen worden, bereits vor einigen Monaten. Von Anfang an hat sie gesagt, sie sei unschuldig und sie war es auch. Nachdem sie es beweisen konnte ist sie rausgekommen.“
„Und sie hat sich nicht mehr bei Ihnen gemeldet?“
„Nein.“ Sie waren sich begegnet und Kerstin hatte sie heute hier aufgesucht, aber von sich aus gemeldet hatte sie sich nicht.
„Schade. Es ist traurig, wenn man feststellt, dass es jemanden gibt, bei dem man meint, man kann sich drauf verlassen und man dann enttäuscht wird. Wahrscheinlich wollte Ihre Freundin mit dem Leben im Gefängnis abschließen. Wenn man unschuldig saß...ich kann mir vorstellen, dass nimmt einen mehr mit als wenn man etwas getan hat. Alleine die Ungewissheit ob die eigene Unschuld jemals aufgeklärt wird...“
„Jeder verkraftet den Knast anders.“ Sascha sah aus dem Fenster. Kerstin schien den Knast nur so zu verkraften, dass sie Sascha und alles was passiert war, aus ihrem Leben strich oder dies zumindest versuchte.

„Frau Mehring?“ Jonathan Müller passte Sascha ab kurz bevor diese Reutlitz verlassen wollte.
„Ja?“
„Wie läuft es in der Universität? Haben Sie alles, was Sie brauchen?“
„Ja, Ihre Freundin hat mir alles gezeigt und auch mit den Computern habe ich keine Probleme mehr.“ Anfangs waren Sascha und der Computer alles andere als Freunde gewesen. Wenn sie etwas suchte, dann warf er garantiert die falschen Ergebnisse auf den Bildschirm und wenn sie etwas tippte, hängte er sich mit Vergnügen auf oder stürzte ab. Seine Freundlichkeit des ersten Tages war bereits am dritten Tag verschwunden. Sascha kam zu dem Ergebnis, dass Computer auch nur Menschen waren.
„Mit der Zeit merken diese Teile, dass man der Chef ist“, lachte Jonathan Müller „Das ist ganz normal.“ Er schloss Sascha die Tür auf.
„Ich habe einfach alle fünf Sätze gespeichert, dann war der Verlust der nicht so hoch.“ Ob Nathalie ihm gesagt hatte, dass Sascha letztens so seltsam war?
„Sie machen das schon. Ich wünsche Ihnen einen schönen und erfolgreichen Tag.“
„Danke, Ihnen auch.“ Jonathan Müller schloss die Tür hinter Sascha, die sich langsam auf den Weg zur U – Bahn machte. Das Wetter war heute nicht so schön wie in den letzten Tagen. Es regnete andauernd und der Wind war unangenehm frisch. Sascha zog ihre Jacke fester um sich und beeilte sich zur U – Bahn – Station zu kommen. Plötzlich hielt ein silberfarbenes Auto neben ihr und das Fenster auf der Beifahrerseite wurde heruntergelassen. Sascha versuchte das Auto zu ignorieren und ging weiter. Sie kannte niemanden mit Auto, sie kannte sowieso niemanden in Berlin und auf Wegerklärungen hatte sie keine Lust. Wahrscheinlich waren die Wege, die sie von früher kannte, längst verschwunden oder endeten anders. Sie saß fast fünfzehn Jahre, da war viel passiert. Alleine wegen dem Mauerfall.
„Sascha?“ Sascha blieb stehen. Das war doch Kerstins Stimme. Sie sah in das Wageninnere, und tatsächlich, da saß Kerstin.
„Was willst du?“ Sascha hatte keine Lust auf das Spiel, das Kerstin anscheinend spielte.
„Komm, steig ein, ich bringe ich dich zur Universität.“
„Ich habe eine Fahrkarte für die U  - Bahn, danke.“ Sascha wollte weitergehen.
„Sascha bitte!“ Kerstin stoppte den Wagen und stieg aus. Ihre Haare wurden vom Wind noch mehr verwuschelt als sie es schon waren. Sascha fiel es schwer weiter einen Groll auf sie zu hegen wenn sie sie so ansah. Diese Frau war so wunderschön.
„Was? Kerstin, du hast mir eindeutig klar gemacht, dass du mit Reutlitz und mir abgeschlossen hast. Wieso bist du hier? Willst du mich quälen? Macht es dir Spaß mich leiden zu sehen? Du hast ein neues Leben, lass mich meins zu Ende bringen.“
„Sascha, bitte steig ein.“ Kerstin sah Sascha bittend an. Sascha seufzte. Sie würde Geld sparen und es wäre bequemer, wieso eigentlich nicht? Sie stieg in den Wagen. Kerstin atmete erleichtert auf und stieg wieder ein. Sascha schnallte sich an und starrte schweigend nach vorne. Sie würde Kerstin den Anfang überlassen. Sie hatte sie abgefangen, sie musste etwas wollen und sollte dann auch anfangen. Und Sascha würde es ihr nicht leicht machen, da war sie sich sicher. Kerstin fuhr an und eine unangenehme Stille erfüllte den Wagen.
„Sascha, ich möchte…ich muss…ich meine…ach verdammt.“ Kerstin blinkte und fuhr rechts ran. „So geht das nicht. So geht das nicht mit uns weiter.“ Sie sah Sascha an.
„Uns? Hast du allen Ernstes „uns“ gesagt? Seit wann gibt es ein „uns“?“, fragte Sascha bitter „Du hast dein Leben draußen, ich meines im Knast, mit dem kleinen Ausschnitt Universitätsunibibliothek. Wir haben nichts gemeinsam, es gibt kein „uns“. Zumindest wäre mir das neu.“ Sie sah Kerstin wütend an.
„Sascha, bitte. Können wir das nicht normal regeln?“
„Regeln? Ich weiß nicht was. Und warum sollten wir irgendwas regeln? Wir haben verschiedene Leben.“
„Sascha, warum bist du so…?“
„…so was?“
„Abweisend.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“ Sascha schnallte sich ab. Kerstin hielt ihr vor, sie sei abweisend? Sascha wollte aussteigen, aber Kerstin hielt sie fest.
„Geh nicht, bitte. Bitte geh nicht.“ Kerstin sah Sascha flehend an. Sascha wurde alleine von dem Gefühl von Kerstins Hand auf ihrer ganz schwach. Verdammt, sie wollte das doch nicht. Sie konnte nicht jedes Mal weich werden wenn sie Kerstin sah. So würde sie sich nur zum Affen machen.
„Bitte“, bat Kerstin erneut. Sascha ließ sich wieder in den Sitz zurückfallen.
„Ich weiß, ich habe Fehler gemacht. Es war falsch mich nicht zu melden und ich kann verstehen wenn du sauer bist. Und ich kann dich verstehen.“ Hört, hört!
„Das ist ja mal ganz was Neues.“
„Sascha, ich weiß, alles was ich sagen werde wird kein wirklicher Grund für dich sein, wie ich mich verhalten habe. Aber ich konnte einfach nicht nach Reutlitz kommen. Ich…ich wollte endlich wieder ein normales Leben. Die Zeit in Reutlitz hat mich verfolgt, ich habe jede Nacht von Reutlitz geträumt, war in Dunkelhaft, von Eva Baal bedroht. Ich…ich konnte einfach nicht…“ Das Übliche, das sie ihr bereits erzählt hatte.
„Du hättest anrufen können wenn du nicht vorbeikommen wolltest. Oder schreiben. Aber da war nichts.“ Sascha kämpfte mit den Tränen. Wo ein Wille war, da war auch ein Weg. Kerstin schien keinen Willen gehabt zu haben.
„Ich weiß, es tut mir Leid.“
„Hast du alles vergessen wollen was in Reutlitz war?“ Sascha sah Kerstin traurig an.
„Fast alles.“ Kerstin nahm Saschas Hand.
„Kerstin, ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe nicht wieso du dich nie gemeldet hast? Hat es etwas mit…mit meinen Gefühlen zu tun? Meinen Gefühlen für dich?“ Sascha wusste, mit dieser Frage würde sie viel riskieren. Es konnte sehr gut passieren, dass Kerstin abblockte und sie wieder da waren, wo sie eben angefangen hatten. Aber sie musste es wissen. Sie wollte wissen ob ihre Gefühle etwas mit Kerstins Verhalten zu tun hatte.
„Sascha…“ Kerstin senkte ihren Blick und Sascha bereute die Frage bereits.
„Schon okay.“
„Nein! Nein!“ Kerstin sah ihr in die Augen. „Ja, deine Gefühle hatten etwas damit zu tun. Ich wollte nicht, dass du dir Hoffnungen machst…ich wollte meinetwegen nicht zurück. Ich…ich empfinde nicht das Gleiche für dich wie du für mich und ja, ich habe mit deinen Gefühlen Probleme. Deswegen…das war mit ein Grund wieso ich nicht zu dir gekommen bin.“
„Und was ist der andere Grund? Das ist nicht alles, oder?“ Sascha sah Kerstin ausdruckslos an.
„Ich habe Michael geheiratet!“

Teil 6

Sascha war wortlos ausgestiegen und blindlings in den Regen gelaufen. Kerstin hatte Michael geheiratet. Sie hätte es sich denken könne. Deswegen hatte sie sich nicht gemeldet und war nicht vorbeigekommen. Es hatte nichts mit Reutlitz zu tun, es hatte mit Michaels und Kerstins Hochzeit zu tun. Das war der Grund. Sascha liefen Tränen über das Gesicht und sie machte sich nicht die Mühe diese wegzuwischen. Die Tränen vermischten sich mit den Regentropfen und fielen, in die sich inzwischen gebildeten Pfützen, auf dem Gehweg. Ziellos irrte sie herum bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte. Dann orientierte sie sich an einem Stadtplan, der an einer Straßenecke angeschlagen war und machte sich auf den Weg zur Universitätsbibliothek. Dass ihre Klamotten vor Nässe trieften und an ihr klebten bemerkte sie nicht. Zu tief saß der Schock über Kerstins Hochzeit. Wahrscheinlich würde Kerstin an der Bibliothek auf sie warten, aber das war Sascha egal. Sie würde an ihr vorbeigehen.
„Sascha?“ Sascha blieb stehen. Nathalie kam aus einer Bäckerei und sah Sascha erschrocken an. „Was ist passiert? Du bist klitschnass.“ Sie hielt ihren Schirm über Sascha.
„Ich bin etwas nass geworden.“ Klitschnass? Wirklich? Und wenn? Wen störte es schon? Es gab schlimmeres.
„Du bist gelaufen? Bei diesen Wetter?“
„Was einem nicht umbringt macht einen nur härter“, versuchte Sascha zu witzeln und hoffte, dass Nathalie nicht bemerkte, dass Saschas Gesicht nicht nur Regentropfendurchzogen, sondern auch Tränenüberzogen war.
„Los, komm mit, du musst dringend ins Warme. Ich wohne gleich hier.“ Sie nahm Saschas Arm.
„Ich muss zur Bibliothek, mein Ausgang gilt nur dafür“, versuchte Sascha abzuwehren. Dabei wäre eine Heizung genau das, was sie nun brauchte.
„Die werden verstehen, dass du zuerst trocknen solltest sonst holst du dir eine Lungenentzündung.“ Nathalie nahm Saschas Arm und zog sie ein paar Häuser weiter. An einem der großen Hochhäuser schloss sie eine Tür auf und schon Sascha in den Hausflur. Im dritten Stock schloss sie eine Wohnungstür auf.
„Mein bescheidenes Heim. Nicht erschrecken, ich lebe in einer WG mit drei anderen Studenten. Dementsprechend chaotisch sieht es aus. Sascha betrat die weiträumige Altbauwohnung. Aus einem Zimmer kam laute Technomusik. Der Flur war in einem hellen gelb gestrichen und  beklebt mit lauter Plakaten von Universitätsfesten. Nathalie führte Sascha in die Küche, die am Ende des Flures war. Außer einem großen Tisch mit etwas zehn Stühlen, zwei Schränken und der Küchenzeile befand sich nichts in der Küche. Nicht einmal Bilder oder ein Kalender. Es sah aus wie in einer Küche im Katalog. Von dem angekündigten Chaos war nichts zu sehen.
„Ich mache uns einen Tee. Schwarz, grün, Pfefferminz, Kamille oder Früchtetee?“
„Früchtetee bitte.“ Nathalie deutete Sascha, sich vor die Heizung zu setzen. Sascha bemerkte jetzt erst wie sehr sie fror. Sie zog sich einen Stuhl heran, legte die Hände auf die Heizung, die überraschenderweise  angeschaltet war und sah sich um. Bis auf den Mitbewohner, dessen Musik man hörte war anscheinend niemand Zuhause.
„Sind alle ausgeflogen?“
„Benni und Tina sind in der Universität und Timo, der die laute Musik in Schuld ist, hat entweder vergessen seine Anlage auszustellen oder er macht blau. Er ist unser Künstler, von ihm sind die Plakate im Flur. Leider hat er ein paar Allüren.“ Nathalie stellte einen Becher mit Tee vor Sascha und setzte sich ihr gegenüber. Sascha legte ihre Hände um die heiße Tasse. Das tat gut.
„Besser?“
„Ja, danke. Der Tee und die Heizung waren genau das, was ich jetzt brauche.“
„Naja, so durchnässt wie du, Sie sind…“
„Ich glaube, wir können beim Du bleiben, oder? Das hat ja eben auch geklappt“, meinte Sascha lächelnd. Nathalie war wirklich nett.
„Okay, ich bin Nathalie.“
„Sascha.“ Sie stießen mit ihren Teetassen an.

Eine Stunde später als Saschas Sachen etwas getrocknet waren und es aufgehört hatte zu regnen, machten sie sich auf den Weg zur Universität.
„Wieso bist du im Regen herumgelaufen? Du sahst ein wenig verloren aus. Oder sollte ich das lieber nicht fragen?“ Nathalie sah Sascha vorsichtig an. Sascha seufzte.
„Das bleibt unter uns, oder? Der Müller erfährt nichts.“
„Von mir sicher nicht.“
„Ich dürfte nicht einmal hier sein. Das kann mich meinen Ausgang und mein Studium kosten.“
„Hey, ich schweige. Versprochen.“
„Ich habe die Frau getroffen, von der ich dir erzählt habe. Die, mit der ich in Reutlitz befreundet war, die unschuldig saß.“
„Und deswegen läufst du im Regen herum?“
„Wir hatten…eine kleine Meinungsverschiedenheit. Sie wollte…sie hat mich vor Reutlitz aufgegabelt und wollte mich zur Uni bringen. Dann hatten wir diese Meinungsverschiedenheit und ich bin ausgestiegen. Deswegen meine nasse Erscheinung.“ So mehr oder weniger stimmte diese Version.
„Wow, also wenn mich einer bei dem Wetter eben so ärgern könnte, dass ich freiwillig ohne Schirm aus dem Auto stürme, dann hätte er sich etwas ausdenken müssen.“
„Der Nachteil wenn man impulsiv ist, dass man in solche Situationen kommen kann“, seufzte Sascha.
„Meinst du, deine Freundin sucht dich?“
„Ich glaube nicht. Warum auch? Sie weiß wo ich hingehen werde.“
„Keine Fluchtgedanken?“
„Nein. Warum sollte ich abhauen? Was hätte ich davon?“
„Freiheit.“
„Eine Freiheit, in der ich mich verstecken müsste und mich alle zehn Meter umdrehen könnte um sicher zu gehen, dass niemand hinter mir herläuft. Nein, da warte ich ab bis ich raus komme und dann kann ich die Freiheit in ganzen Zügen genießen. Reutlitz gibt mir die Möglichkeit zu studieren und diese Möglichkeit will ich nicht riskieren oder verlieren. Ich habe so viel verloren, die Literatur halte ich fest.“ Nathalie sah Sascha nachdenklich an. Es gab vieles, was sie Sascha fragen wollte, aber alles auf einmal würde zuviel sein. Da Sascha jedoch vorhatte weiter zu studieren konnte sie sicherlich später weiter fragen oder die Fragen lösten sich von alleine.
„Und du? Verrätst du mir etwas von dir?“, fragte Sascha.
„Was soll ich dir da erzählen? Ich bin sechsundzwanzig und habe es weder geschafft mein Studium abzuschließen, noch zu arbeiten oder in einer eigenen Wohnung zu leben. Meine Eltern, die in einem kleinen Kaff in der Nähe von Madgeburg wohnen, bekommen regelmäßig die Krise wenn sie erfahren, dass ihre älteste Tochter es nicht schafft ein „ordentliches“ Leben zu führen. Sie haben mich seit Jahren nicht mehr besucht weil sie alle meine Mitbewohner für schrecklich halten“, lachte Nathalie.
„Und? Sind sie es?“
„Nein, sie sind sehr nett und für mich wie eine zweite Familie. Timo, aus dessen Zimmer eben der Krach kam, ist ein kleiner Chaot. Er vergisst alles wenn er an seiner Staffelei steht und malt. Wir müssen ihn teilweise daran erinnern zu essen oder zur Uni zu gehen. Sein Prof, der auch sein Mentor ist, ist inzwischen dazu übergegangen ihn zu den wichtigen Seminaren anzurufen damit Timo sie nicht verpasst.“ Sascha musste lachen. Das war auf jeden Fall ein netter, besorgter Professor und ein chaotischer Student. Aber die Plakate in der WG sahen sehr gut aus.
„Benni ist Musiker. Er und sein bester Freund sind „Affirmation“ und es gibt keine besseren Abende als die, wo beide in der WG in der Küche sitzen und ein kleines Konzert geben. Ich würde glatt sagen, du musst dir das mal ansehen, aber das könnte schwierig werden.“
„Wohl wahr. Was machen sie denn für Musik?“
„Popmusik. Ihre Musik rührt mich jedes Mal zu Tränen.“
„So schnulzig?“
„So traurig. Sie haben eine Gabe, traurige Texte noch trauriger zu singen als sie sind. Aber ihre Balladen sind auch super. Alles in einem würde ich ihre Musik als leicht depressiv, verträumt und mystisch beschreiben. Das könnte daran liegen, dass sie sich gerne von solchen Dingen beeinflussen lassen. Und Tina ist neben mir die Einzigste, die regelmäßig die Uni aufsucht. Sie ist unser großes Vorbild. Morgens Uni, nachmittags arbeitet sie und abends lernt sie. Ohne sie würden wir anderen drei wahrscheinlich öfters fehlen. Sie ist unser Gewissen. Aber was will man von einer angehenden Ärztin erwarten? Die müssen die Disziplin in Person sein.“ Sascha musste unweigerlich an Kerstin denken. Was sie wohl in diesem Augenblick machte? Vielleicht stand sie vor der Universitätsbibliothek und wartete auf sie. Oder suchte sie. Wieso hatte sich Sascha so aus der Ruhe bringen lassen? Wieso konnten sie und Kerstin nicht normal miteinander reden?

Teil 7

Walter hatte den Abend über versucht Sascha auszuquetschen was am Tag über passiert war, denn sie merkte, dass etwas nicht so gelaufen war, wie es hätte sein sollen. Sascha blockte jedoch beim Abendessen und auch beim Fernsehen ab. Sie wollte nicht darüber reden, den Klatsch brauchte sie nicht. Ebenso wenig wie den Ärger für ihren kleinen Ausflug zu Nathalie und Jeanette hatte ihre Ohren überall. Und was Jeanette wusste, das wusste kurze Zeit später die ganze Station und somit die Schlusen.
„Butter bei die Fische.“ Walter passte Sascha kurz vor Einschluss ab und zog sie in eine Ecke, wo sie niemand hören konnte „Was ist passiert? Ich sehe dir an, dass etwas war. Mann Sascha, du weißt, dass du mir vertrauen kannst.“ Ja, das wusste Sascha.
„Ich habe Kerstin getroffen.“
„Das ist doch cool. Hat sie sich für die Szene im Cafe entschuldigt?“ Sascha schüttelte den Kopf.
„Sie hat mich vorm Tor abgefangen um mich zur Uni zu bringen. Ich bin zu ihr ins Auto und von da an ging es bergab. Wir haben uns nur gestritten und als sie mir sagte dass sie…sie und Michael geheiratet haben, da bin ich aus dem Auto raus und ab in den Regen. Irgendwann, als ich mich beruhigt hatte, wollte ich zur Uni und bin Nathalie übern Weg gelaufen, die mich mit in ihre WG nahm damit ich trocknen konnte.“
„Oho, das hört sich vielversprechend an“, meinte Walter grinsend.
„Sie hat mir einen Tee gemacht, vor die Heizung gesetzt und das war es. Vergiss all deine dreckigen Gedanken.“
„Und der Hauptmann? Hat der wenigstens vor der Uni gewartet?“ Sascha schüttelte den Kopf. Sie hatte den ganzen Tag gehofft, dass Kerstin auftauchen würde und sie noch einmal reden konnten. Aber wahrscheinlich hatte sie sich diese Chance mit ihrer unüberlegten Flucht am Morgen verspielt. Sascha spielte mit den Gedanken Kerstin in der Universitätsbibliothek zu suchen. Sie würde sicherlich öfters im Medizinbereich sein.
„Scheiße“, kommentierte Walter treffend „Und jetzt?“
„Ich weiß es nicht.“
„Und diese Nathalie? Wie viel weiß sie?“
„Genug um meinen Ausgang und mein Studium zu ruinieren.“ Walter sah Sascha erschrocken an.
„Du erzählst der Freundin einer Schluse etwas, was dir den Arsch kosten könnte? Ich hatte dich für schlauer gehalten.“ Walter war entsetzt wie leicht Sascha ihren Ausgang aufs Spiel setzte.
„Sie sagt nichts.“
„Und das glaubst du?“ Sascha nickte. Was blieb ihr anderes übrig? Selbst wenn sie Nathalie nichts von Kerstin erzählt hätte, die Tatsache, dass sie in der WG war, würde ausreichen um Sascha erhebliche Probleme zu machen. Sie hatte keine andere Wahl als zu hoffen, dass Nathalie ihr Versprechen hielt und nichts verriet.
„Dann hoffe ich mal, du täuscht dich nicht in ihr. Aber woher kommt dieses Vertrauen? Kann es sein, dass du was von ihr willst? Dass du deswegen ein wenig, sagen wir mal, risikofreudiger bist?“
„Nein, mein Herz gehört Kerstin…leider. Ich wünschte, ich könnte mich in Nathalie verlieben, das würde vieles wahrscheinlich einfacher machen, selbst wenn sie mir einen Korb geben würde. Kerstins Hochzeit hat…hat mich sehr getroffen.“
„Sie hat einen großen Fehler gemacht“, meinte Walter überzeugt. „Sie hätte eine wunderbare Frau haben können und hat stattdessen diesen langweiligen Idioten genommen. Einen Anwalt. Ich bitte dich, so etwas langweiliges. Nein, Kerstin hätte sich für dich entscheiden sollen.“ Walter legte ihren Arm um Sascha. Sascha war sich nicht ganz sicher, ob sie Kerstin hätte so glücklich machen können wie es Michael tat. Immerhin hatte sie ihn geheiratet, da musste er ihr viel bedeuten. Kerstin würde niemals eine impulsive, unüberlegte Handlung machen. Jeder, aber nicht Kerstin.

Auch an den folgenden Tagen tauchte Kerstin nicht bei Sascha auf. Sascha war einige Male im Medizinbereich gewesen, aber von Kerstin war nichts zu sehen gewesen. Dafür traf sie sich jeden Tag mit Nathalie und hatte inzwischen sogar zwei der WG Bewohner kennen gelernt: Benni und Timo. Letzterer hatte sie gefragt, ob er sie malen dürfe. Sascha war zuerst sprachlos gewesen, hatte dann allerdings abgelehnt. Sie war hier um zu lernen und nicht um sich malen zu lassen.
Es war ein Mittwoch als Sascha sich auf den Weg nach draußen machte um etwas im Schein der Mittagssonne zu essen. Sie hatte sich auf die Lehne einer der Bänke gesetzt und aß ihren Apfel als sich eine Hand auf ihre linke Schulter legte. Erschrocken fuhr sie herum.
„Kerstin!“
„Hi Sascha.“ Kerstin stellte sich vor Sascha, so dass sie einen Schatten auf Saschas Gesicht warf. Das erleichterte es Sascha sie anzusehen.
„Ich dachte schon…es tut mir leid, dass ich neulich einfach abgehauen bin. Das war kindisch.“ Wieso entschuldige sie sich? Kerstin hatte sie verletzt. Aber sie hatte sich kindisch benommen.
„Ich bin ja selber schuld, mein Taktgefühl ist nicht sehr gut gewesen. Gehen wir ein paar Meter?“ Im Gehen ließ es sich besser reden. Sascha nickte und stand auf. Außerdem würde sie besser mit Kerstin reden können wenn sie ihr nicht direkt gegenüber stand.
„Ich hoffe, du bist nicht zu nass geworden.“
„Bis auf die Knochen“, gab Sascha lächelnd zu.
„Mist. Und das bei dem Weg, den du noch bis hierher vor dir hattest. Da grenzt es an ein Wunder, dass du nicht krank geworden bist.“ Sascha blieb stumm. Kerstin musste von ihrem Aufenthalt in der WG nichts wissen. Es würde nichts an der Situation ändern.
„Ich wollte mit dir reden, aber habe dich nie gefunden.“
„Ich war die letzten Tage nicht in der Universität“, sagte Kerstin. Sascha schluckte die Frage nach dem Grund herunter. Es ging sie nichts an. Kerstin würde es sagen, oder sie ließ es sein. Keine der beiden schuldete der anderen Rechenschaft.
„Wie kommst du sonst voran?“ Eine einfache, unverfängliche Frage. Das war immer gut um ein Gespräch im Laufen zu halten oder es anzukurbeln.
„Sehr gut, ich habe bereits eine Prüfung bestanden. Wenn nichts dazwischen kommt, dann habe ich mein Studium zeitgleich mit der Haft fertig“
„Ich wünsche dir alles Gute.“ Kerstin sah Sascha an.
„Kerstin, was ist passiert?“ Sascha blieb unvermittelt stehen und sah Kerstin in die Augen.
„Wie meinst du das?“ Auch Kerstin sah Sascha an.
„Ich meine uns. Wir haben uns früher so gut verstanden. Was ist passiert, dass wir uns jetzt…das es zwischen uns laufend zu Krach kommt? Ich verstehe das nicht.“
„Ich weiß es nicht“, sagte Kerstin und ihr Blick wurde traurig.
„Es kann doch nicht nur daran liegen, dass wir…dass sich unser Weg getrennt hat. Klar, du bist jetzt draußen und ich bin weiterhin in Reutlitz, dass wir uns da nicht mehr so sehen wie früher ist klar, aber wieso müssen wir uns immer Vorwürfe machen wenn wir uns sehen? Ich weiß ja nicht wie es dir geht, aber ich will das nicht. Aber irgendwie…ich kann es nicht verhindern.“ Sascha schluckte. Vielleicht halfen diese Worte Kerstin, Sascha besser zu verstehen.
„Ich will auch nicht dass wir uns streiten…“ Kerstin sah Sascha mit demselben traurigen Blick an „Sascha…ich…“ Kerstin schwieg. „Ach verdammt, wir sind schon zwei Bescheuerte.“ Kerstin nahm Sascha in den Arm und drückte sie an sich. Sascha war völlig perplex. Mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Kerstin hatte den ersten Schritt gemacht. Dass der gleich eine Umarmung war, damit hätte Sascha nie gerechnet. Allerdings war diese Umarmung besser als jedes Wort, dass sie hätte sagen können. Sascha genoss Kerstins Nähe, ihre Hand auf ihrem Rücken und den leichten Atem an ihrem Hals. Das war genau das, was sie seit Monaten vermisste.
„Es tut mir Leid“, murmelte Kerstin.
„Schon okay.“ Sascha wollte sie einfach nie wieder loslassen. Wenn die Zeit jetzt stehen blieb, Sascha wäre der glücklichste Mensch der Welt. Aber sie musste sie loslassen. Wenn sie sich zu lange im Arm hielt, dann würde sie sich wieder oder noch mehr in Kerstin verlieben und das  wäre nicht gut. Gar nicht gut.

„Also, was ist den letzten Monaten passiert?“ Sie hatten sich in eine ruhige Ecke in der Bibliothek zurückgezogen, weit weg von den anderen Studenten, die an den Tischen saßen und lasen oder in den Regalen stöberten. Sascha sah Kerstin erwartungsvoll an. Sie wollte wissen, wie es Kerstin in den letzten Wochen und Monaten ergangen war, auch auf die Gefahr hin, Informationen zu der Hochzeit zu erfahren, die schmerzen würden. Es war passiert und Sascha konnte nichts mehr daran ändern. Wenn sie Freundinnen sein wollten, dann musste Sascha lernen, mit Kerstin über ihre Beziehung zu Michael zu reden. Egal wie schwer es fallen würde.
„Naja, als ich aus Reutlitz raus war bin ich erst einmal in den Urlaub. Ich wollte nichts mehr sehen was mit Reutlitz, Berlin oder Gitterstäben zu tun hatte. Deswegen musste ich an einen Strand, wo ich unendlich weit gucken konnte; ohne Einschränkung.“
„Und dann hat dir Michael einen Heiratsantrag gemacht.“ Sascha wollte das Thema selber zur Sprache bringen.
„Ja.“ Kerstin sah Sascha vorsichtig an um ihre Reaktion festzustellen. Nachdem sie sah, dass Sascha ruhig blieb, fuhr sie fort:
„Wir haben dann im Urlaub geheiratet, ohne viel Tamtam. Als wir wieder zurück waren ist er wieder in die Kanzlei und ich habe versucht mein altes Leben wiederherzustellen. Das hat allerdings nicht geklappt. Die Monate in Reutlitz haben mein Leben grundlegend verändert. Ich gehe viel intensiver mit meiner Freiheit um, nehme die Umwelt stärker wahr als vorher und ein Spaziergang im Park hat eine völlig neue Bedeutung für mich.“
„Du hast das Leben schätzen gelernt“, stellte Sascha trocken fest.
„Ja, das habe ich. Die Möglichkeit am Morgen selber zu bestimmen was man wann macht und wo man hingeht hat eine völlig neue Bedeutung für mich.“ Kerstin sah aus dem Fenster und beobachtete die Bäume. „Wie ist es für dich Reutlitz jeden Tag für ein paar Stunden zu verlassen und quasi frei zu sein?“
„Ich habe mich viel zu schnell daran gewöhnt. Am Wochenende bekomme ich beinahe einen Knastkoller weil ich nicht raus kann. Das macht mir Sorgen. Was ist wenn, ich plötzlich wieder in Reutlitz bleiben muss?“
„Warum solltest du? Man hat dir die Chance nicht gegeben um sie dir ein paar Wochen später wieder abzunehmen.“
„Du weißt genau, dass nur etwas vorfallen muss für das alle verantwortlich gemacht werden und schon sitze ich wieder in Reutlitz fest. Im schlimmsten Fall sogar mit Studiumsverbot.“ Sascha sah Kerstin traurig an.
„Willst du wieder als Ärztin arbeiten?“, fragte sie unvermittelt.
„Wollen ja, auf jeden Fall. Nur bisher hat sich nichts ergeben. Michael versucht derzeit einige Kontakte zu alten Schulfreunden aufleben zu lassen, die inzwischen Ärzte in leitenden Positionen sind. Vitamin B ist zuverlässiger als das Arbeitsamt.“
„Hast du die Möglichkeit nach Reutlitz zurückzugehen? Als Ärztin natürlich.“ Das wäre die einzigste Chance wie Sascha regelmäßig sehen konnte wenn sie nicht mehr studieren durfte.
„Sascha, ich will nicht zurück. Da sind zu viele Erinnerungen, die ich ganz schnell vergessen will und das geht schlecht wenn ich jeden Tag da bin daran erinnert werde. Ich kann einfach nicht zurück.“ Kerstin sah Sascha fest an. Sascha senkte den Blick.
„Schade.“
„Hey.“ Kerstin nahm ihre Hand „Das hat nichts mit dir zu tun“, erriet sie Saschas Gedanken. „Es geht um solche Sachen wie Dunkelhaft oder die Erniedrigungen, die mir Eva Baal zugeführt hat. Glaub mir, wenn ich…wenn ich danach entscheiden würde, wie die Zeit mit dir war…dann würde ich zurückkommen. Aber…aber ich denke, es ist besser wenn ich fortbleibe. Auch für uns.“ Kerstin suchte Saschas Blick. „Ich weiß, was du für mich empfindest und ich will dir nicht wehtun nur weil…weil ich nicht das Selbe für dich empfinden kann. Deswegen werde ich dich auch nicht bitten, dass wir Freunde sein können.“ Sascha sah Kerstin erstaunt an. Sie hätte eher gedacht, dass Kerstin keinen Kontakt wegen der Hochzeit wollte. Das mit der Rücksicht auf Saschas Gefühle konnte zwar genauso gut eine faule Ausrede sein, aber Sascha glaubte nicht, dass Kerstin sie anlog. Warum sollte sie? Wenn Kerstin wollte, dann würde sie Sascha nie wiedersehen.
„Ich weiß, dass es mit der Freundschaft schwer werden könnte, aber könnten wir es schaffen normal miteinander umzugehen? Ich…es wäre mir sehr wichtig wenn wir beide Freunde werden oder wieder werden könnten. Bitte. Kannst du dir vorstellen, uns eine Chance zu geben? Rein Freundschaftlich?“
„Ich würde mich darüber freuen wenn es klappt.“ Kerstin lächelte Sascha glücklich an. Das war eine Perspektive, auf die Sascha bauen konnte.

Teil 8

Saschas Laune war so gut wie seit Langem nicht mehr als sie sich am Abend ins Bett legte. Endlich hatten sie und Kerstin es geschafft normal miteinander zu reden. Endlich war keine von beiden ausfallend geworden. Endlich hatten sie einen gemeinsamen Nenner gefunden um in Zukunft weiterhin in Kontakt zu bleiben. Und Sascha hatte erfahren wie es Kerstin in den Monaten in Freiheit ergangen war. Gut, die Hochzeit versetzte ihr weiterhin Stiche im Herz, aber im Prinzip hatte sie damit rechnen müssen. Mal von dem Moment abgesehen, in dem sie sich beide geküsst hatten, hatte Kerstin ihr nie das Gefühl gegeben, wichtiger als Michael zu sein. Und sie hatte ihr nie gesagt, dass es eine gemeinsame Zukunft gab. Auch wenn Sascha manchmal die leise Hoffnung hatte, dass der Zufall ihr und Kerstin zur Seite stehen würde und sie zusammenführen würde. Die Hochzeit hatte ihrer Hoffnung einen gewaltigen Knick verpasst.
„Wie geht es jetzt mit euch weiter?“ Sascha hatte Walter von ihrem Gespräch mit Kerstin erzählt. Walter hatte sich auf ihre Ellebogen gestützt und sah zu Sascha herüber. Sie vergewisserte sich, dass Mel und Jeanette leise und gleichmäßig vor sich hin schnarchten und meinte dann:
„Ich hoffe, dass wir uns regelmäßig sehen werden und uns eines Tages wieder so verstehen wie früher.“
„Willst du das wirklich? Oder ist das die Hoffnung, sie doch von Michael loszueisen und von dir zu überzeugen?“ Wieso musste Walter immer Fragen stellen, die Sascha in Gedanken warfen, die sich gar nicht machen wollte?
„Ich würde lügen wenn ich sage, dass ich die Hoffnung aufgegeben habe oder dass es mir egal ist, dass sie Michael geheiratet hat. Aber im Moment ist das höchste der Gefühle eine möglichst normale Freundschaft. Alles andere wäre Phantasie und nicht realisierbar. Michael hat definitiv die besseren Chancen.“
„Aber das kann sich ändern. Sie haben im Urlaub geheiratet, das war bestimmt überstürzt. Der Hauptmann hat einige Monate hier gesessen, da ist man nicht mehr wie früher. Das wird ihr toller Rechtsfuzzi noch herausfinden und dann gibt es Ärger. Er wird seine alte Kerstin wiederhaben wollen und die kann sie nicht mehr sein. Und dann ist deine Zeit gekommen. Kerstin wird eine Schulter zum Ausweinen brauchen und in dieser Situation sind Frauen am leichtesten zu beeinflussen. Glaub mir, ich habe da einige Erfahrungen mit. Frauen, die nie etwas von mir wissen wollten, weil sie ja sooo verliebt in ihren Freund waren, waren wie Butter in meiner Hand wenn er sich als Arsch herausstellte. Du hörst ihnen zu und kannst ernten, was der Typ für dich gesät hat als er es versemmelte.“ Sascha sah skeptisch zu Walter herüber. Sie war sich nicht ganz sicher ob das alles wirklich so einfach war. Außerdem wollte sie nicht wieder so etwas erleben wie nach ihrem Kuss. Sollte es jemals wieder zu einer Annäherung zwischen ihr und Kerstin kommen, dann wollte Sascha nicht riskieren, dass Kerstin am nächsten Tag alles zurücknahm oder abstritt, dass jemals etwas passiert war. Einmal hatte ihr völlig gereicht. Und Kerstins Gefühle ausnutzen wollte sie erst recht nicht. Das wäre gemein, dazu bedeutete Kerstin ihr zuviel.

„Frau Mehring?“ Frau Schnoor kam aus dem Aquarium und ging zu Sascha. Es war Morgen und die Frauen machten sich für ihre Arbeit  bereit. Sascha hatte ihre Tasche für die Universitätsbibliothek bereits gepackt.
„Ja?“
„Haben Sie noch fünf Minuten Zeit? Ich würde gerne mit Ihnen reden.“ Sascha nickte. Sie gingen ein paar Schritte.
„Ich habe Post von der Universität bekommen.“ Sascha erschrak. Hoffentlich nichts Negatives.
„Und?“ Sie sah Frau Schnoor erschrocken an.
„Ich muss sagen, ich war erst gar nicht begeistert von der Idee Sie den ganzen Tag in der Universitätsbibliothek herumlaufen zu lassen. Alleine weil das Ärger gibt mit den Mitgefangenen. Seit Sie draußen sind bekomme ich laufend Anträge anderer Insassinnen, die ebenfalls studieren und somit Tagsüber raus wollen. Hinzu kommt, dass die Justizverwaltung Ihren Fall genausten überprüft und nur unter Vorbehalt genehmigt hat…“ Sascha sah Frau Schnoor verständnislos an. Sie hatte doch die Genehmigung bekommen, wieso traten plötzlich all die Probleme auf? Hatte sie etwas falsch gemacht?
„…Sie sitzen immerhin wegen Mordes und die Bewährung ist wegen des Angriffes auf Herrn Jansen weg…“
„Frau Schnoor, Sie wissen, es war kein Mord, es war ein Unfall. Und das Urteil ist in „Tötung in Affekt“ umgewandelt worden. Glauben Sie mir, wenn das Geschehene rückgängig machen könnte, ich hätte es getan. Ich…ich habe die Frau geliebt, die wegen mir gestorben ist.“ Der Gedanke an Doreen trieb ihr Tränen in die Augen. Sie durfte nicht vor Frau Schnoor weinen. Nicht vor der Direktorin.
„Ich weiß und weil die Umstände bekannt sind, haben Sie diese Chance bekommen...“ Sascha sah sie gequält an. War das der Versuch ihr klarzumachen, dass sie ihr Studium aus irgendeinem Grund aufgeben musste?
„…auf jeden Fall habe ich gestern einen Brief von der Justizverwaltung erhalten, in der Frau Doktor Kaltenbach sich sehr positiv über Ihre Entwicklung auslässt. Sie haben den Zeitverlust, den Sie wegen den Turbulenzen wegen der Flucht und Ihrem Aufenthalt auf Station C, erlitten haben, sehr gut aufgeholt und entwickeln sich zu eine mustergütigen Studentin. Ihre Note fallen allesamt im oberen Drittel aus. Die meisten sind sogar Bestnote.“ Langsam dämmerte es Sascha, dass das, was Frau Schnoor ihr sagen wollte, nichts Negatives war, sondern ein Lob für ihre Bemühen von der Justizverwaltung. Sascha hätte nie gedacht, dass ihr Studium so genau beobachtet werden würde.
„Danke. Dann bereuen Sie auch nicht mich gehen zu lassen?“
„Nein, ich sehe, Sie machen das, was wir von Ihnen erwarten. Und nebenbei ist Ihr Ausgang ein Schritt zur Wiedereingliederung. Ich gehe davon aus, dass Sie Kontakt zu Mitstudenten geknüpft haben?“
„Zu ein paar. Die meisten wundern sich, dass ich den ganzen Tag in der Bibliothek sitze und fragen danach. Lediglich mit einer Person, die Frau, die mich damals herumgeführt hat, verbringe ich die Mittagspause. Oder ist das ein Problem?“
„Nein, natürlich nicht. So lange wie Sie auf dem Universitätsgelände bleiben oder auf dem Weg zwischen Universität und Reutlitz ist das in Ordnung. Nur bei einem Ausflug in die Stadt sollten Sie sich nicht erwischen lassen, das würde gegen Ihre Auflagen verstoßen.“
„Keine Angst, das weiß ich. Meine einzigsten Ausflüge sind, wenn das Wetter schön ist, dass ich die U – Bahn stehen lasse und zu Fuß gehe. Es sind ja nur zwanzig Minuten.“
„Ich denke, das ist okay.“
„Danke Frau Schnoor…für den Ausgang und das Studium.“ Frau Schnoor lächelte Sascha an.
„Sie können sich vor allem beim Kollegen Müller bedanken. Der hat den Antrag bei der Justizverwaltung durchgesetzt.“
„Wieso?“ Sascha war überrascht. Jonathan Müller war nicht einmal ihr Bezugsbeamter.
„Er ist von der Justizverwaltung hergeschickt worden um den Gefangenen bei der Reintegration in die Gesellschaft zu helfen und neue Projekte dazu zu entwickeln. Sie sind so etwas wie seine Doktorarbeit. Wenn das Projekt – Ihr Studium und Reintegration – klappt, dann hat er die besten Chancen befördert zu werden. Allerdings legt er sich um einiges mehr ins Zeug als er das müsste. Es scheint, als wenn es ihm Spaß machen würde.“
„Umso besser für mich. Und ich garantiere Ihnen, das Verhältnis zwischen Herrn Müller und mir ist rein beruflich.“
„Das weiß ich, da mache ich mir keine Sorgen bei Ihnen“, lachte Frau Schnoor. Sascha grinste. Wenigstens blieben ihr die Unterstellungen, sie und Jonathan Müller könnten ein Verhältnis haben, erspart. Jetzt würde sie nur gerne herausbekommen was ihn dazu brachte sich so für sie einzusetzen. War es reine Nächstenliebe oder wollte er sich oder der Justizverwaltung etwas beweisen? Aber im Prinzip, war das Sascha egal so lange wie sie studieren konnte.

„Du siehst heute richtig gut gelaunt aus. Was ist passiert? Hast du eine Begnadigung bekommen?“ Nathalie ließ sich vor Sascha auf den Stuhl fallen und sah sie interessiert an. Sascha strahlte bereits den ganzen Morgen in unterschiedlicher Stärke. Sogar beim Lernen lag ein Lächeln auf ihren Lippen und sie hatte Mühe nicht vor Freude laut aufzuschreien.
„Begnadigung? Ich bin doch keine Kandidatin für den elektrischen Stuhl oder den Galgen“, lachte Sascha.
„Sind deine Prüfungsunterlagen abhanden gekommen und man dich bestehen lassen weil ein Prof daran schuld ist?“
„Jetzt wirst du komisch. Nein, ich habe meine Prüfungen bestanden und zwar so gut, dass die Verwaltung sich an die Direktorin gewand hat, um ihr mitzuteilen, wie gut ich bin.“ Sascha wählte bewusst Worte, die man als zufälliger Zuhörer nicht sofort mit einem Gefängnis in Verbindung bringen würde.
„Hey, gratuliere. Das müssen wir feiern. Ich lade dich in der Mittagspause ein. Was willst du essen?“
„Ich darf hier nicht weg, das weiß du“, sagte Sascha leise.
„Deswegen werde ich Essen holen. Du darfst einen Wunsch äußern.“
„Chinesisch.“
„Bekommst du. So etwas muss gefeiert werden. Was sagt Jonathan dazu?“
„Ich habe ihn heute noch nicht gesehen. Weißt du wieso er sich all die Strapazen aufgebunden hat um mir das Studium in dieser Form zu ermöglichen?“
„Sascha.“ Nathalies Strahlen verschwand aus ihren Augen „Das muss er dir selber sagen. Ich kann mir denken wieso, aber es wäre unfair darüber zu spekulieren. Frag ihn, wenn er es dir sagt, okay, ansonsten ist es nur fair wenn ich dazu nichts sage. Okay?“
„Klar. War auch nur eine Frage. Ich wollte ihn sowieso fragen. Und dann schreibe ich an die Verwaltung und bestelle ein Dutzend Männer wie ihn. Er ist ein echter Glücksgriff gewesen.“
„Na, das will ich meinen. Mit einem Idioten bin ich nicht befreundet. Aber nicht, dass du dich jetzt in deinen Studiumsretter verliebst“, meinte Nathalie belustigt.
„Keine Angst, das wird nicht passieren, den überlasse ich dir.“
„Ich und in Jonathan verliebt? Nicht wirklich. Wir sind seit Jahren die besten Freunde, mehr nicht.“
„Dafür dass er so einen scheiß Job hat, ist er ein toller Typ. Schade dass er kein Anwalt ist. Pflichtverteidiger.“
„Ich kann ihn ja mal fragen ob er nicht umsatteln will.“ Nathalie sah auf ihre Uhr „Ich muss los, mein Seminar beginnt. Treffen wir uns um dreizehn Uhr vor der Bibliothek? Ich bringe Essen mit und dann feiern wir deinen Erfolg.“
„Okay, danke.“
„Kein Problem. Bis gleich.“ Nathalie verließ die Bibliothek. Sascha seufzte glücklich. Wenn sie jetzt noch Kerstin sehen würde, dann wäre der Tag perfekt. Aber soweit Sascha wusste, hatte Kerstin an diesem Tag leider kein Seminar und Michael würde wahrscheinlich misstrauisch werden wenn sie sich an ihrem freien Tag in der Universität aufhielt. Aber morgen wieder, da würde Sascha Kerstin bestimmt wiedersehen.


Teil 9

Als Sascha um dreizehn Uhr aus der Bibliothek trat erwartete sie neben Nathalie auch Benni, der mit seiner Gitarre in der Hand auf der Lehne einer Bank saß, spielte, sang und einige Zuhörer um sich herum versammelt hatte. Als er Sascha sah stoppte er und meinte:
„Mittagspause. Wer mehr hören will, heute Abend geht es im „Oxidend“ weiter. Ab einundzwanzig Uhr sind wir auf der Bühne.“ Die Zuhörer applaudierten und verstreuten sich in alle Richtungen.
„Du hättest nicht wegen mir aufhören müssen“, sagte Sascha „Die schienen alle sehr interessiert.“
„Sie können wie gesagt heute Abend weiterzuhören. Außerdem gibt es jetzt essen und das lasse ich ungern warten. Was hast du geholt, Nat?“
„Reis, Hähnchen süß-sauer, gebratenen Bambus, gebratene Nudel und eine gemischte Gemüseplatte. Chang hat sich selber übertroffen. Und er meinte, das nächste Mal sollten wir zu ihm kommen, dann gibt es einen Reisschnaps dazu.“
„Chang ist unser Stammchinese“, erklärte Benni „Mindestens einmal die Woche sind wir bei ihm.“
„Da ist man zu viert in der WG und keiner kann oder will kochen. Ein Jammer.“ Nathalie verteilte Pappteller und zauberte Löffel aus ihrem Rucksack.
„Wow, das sieht gut aus.“ Sascha konnte sich nicht daran erinnern wann sie das letzte Mal chinesisches Essen bekommen hatte. Eigentlich fiel ihr nicht ein ob sie jemals chinesisches Essen bekommen hatte. Aber da sie ein Fan von Reis und gebratenen Sachen war, würde es ihr schmecken.
„Das nennst du studieren?“ Sascha drehte sich überrascht um.
„Kerstin!“ Sie sprang auf und umarmte Kerstin freudig ohne länger darüber nachzudenken. Während sie dieses tat fiel ihr ein, dass Kerstin das eventuell gar nicht wollte. Schnell ließ sie sie los und sah Kerstin vorsichtig an. Diese lächelte aber. Erleichtert ließ sie Sascha wieder nieder.
„Setz dich.“
„Danke.“ Kerstin setzte sich neben Sascha.
„Reis?“
„Nein danke, ich habe bereits gegessen.“
„Ach, das sind Übrings Nathalie und Benni. Und das ist Kerstin, eine…“ Ja, was war Kerstin eigentlich? Durfte Sascha Freundin sagen? War Kerstin eine Bekannte? Ehemalige Mitgefangene?
„Ich habe mit Sascha gesessen“, half Kerstin ihr aus.
„Allerdings unschuldig“, fügte Sascha hinzu „Deswegen darf sie die Freiheit wieder ganz und uneingeschränkt nutzen.“
„Die Abgründe der deutschen Justiz“, meinte Benni.
„Besser hätte ich es nicht sagen können.“ Sascha sah Kerstin glücklich an. Sie war hier und Sascha ging stark davon aus, dass sie, Sascha, der Grund für dieses Herkommen war. Trotzdem konnte man mal nachfragen, eine Bestätigung wäre natürlich schön.
„Was treibt dich eigentlich her? Du hast doch keine Seminare heute, oder?“
„Nein, ich…ich dachte, ich gucke mal wie es dir geht, frage dich ein wenig ab…wir haben uns ja lange genug nicht gesehen.“ Kerstin wurde leicht rot, was Sascha extrem süß fand. Überhaupt fand sie Kerstin heute noch schöner als sie es sowieso war. Vielleicht lag es an der Sonne, die auf Kerstins hellbraunes Haar schien und es beinahe Gold leuchten ließ. Oder die kleinen Grübchen wenn sie lachte. Sascha hätte die ganze Zeit über Kerstin ansehen können. Benni und Nathalie tauschten vielsagende Blicke. Was Sascha für Kerstin empfand war nicht zu übersehen; wie der Ehering an Kerstins rechten Ringfinger.
„Wow, ganz viele Fans.“ Die vier sahen auf. Ein junger Mann, der ein Keyboard unterm Arm trug war aus der Eingangshalle getreten,
„Chris.“ Benni und er klatschten sich ab. „Darf ich vorstellen, mein Bandkollege Chris. Chris, diese beiden schönen Frauen sind Sascha und Kerstin.“
„Hi, du bist also Bennis bessere Hälfte“, meinte Sascha.
„Yeah, das bin ich. Ohne mich wäre der Typ nur halb so gut.“ Chris setze sich neben Benni, der lachte. Er schien die Aussage seines Bandkollegen nicht zu teilen.
„Du größenwahnsinniges Arsch, sollen wir den Ladies zeigen was wir können?“
„Das ist normaler Umgangston zwischen den beiden“, sagte Nathalie erklärend. Manchmal fragten sich die Leute, ob Benni und Chris wirklich Freunde waren, da sie einen teilweise sehr rohen Umgangston untereinander hatten.
„Das dürft ihr nicht so ernst nehmen. Die mögen sich zu sehr um es in normale Worte zu fassen“ Benni stieß ihr in die Seite und nahm seine Gitarre in die Hand während Chris sein derzeit mit Batterien betriebenes Keyboard anstellte. Sascha lehnte sich an Kerstins Schulter. Ganz unauffällig, geradezu nebenbei. Kerstin lächelte Sascha an und legte ihren Arm um Sascha. Das reichte aus um bei Sascha ein Wechselbad zwischen heißen und kalten Schauer auszulösen. Der Tag schien sich sehr gut zu entwickeln. Erst die positiven Worte von Frau Schnoor, dann das leckere Essen, plötzlich war Kerstin wegen ihr da und nun hatte sie Körperkontakt zu Kerstin, die das mit einem Lächeln bedachte. Unter diesen Umständen würde Sascha ihre Mittagspause gerne verlängern. Benni und Chris begannen ihre Instrumente zu spielen und Benni sang mit trauriger Stimme:
„Love is just an unneeded superfluously thing for fools
Confide is the world biggest mistake, which makes fools
Everlasting faith is just a joke, in that believe just fools
The world is bad
Happiness has to go, welcome sadness
The world is boring
‘Cause there’s no interesting story”
Chris’ Keyboard wechselte von Klavierklängen zu mystischen Geräuschen, die direkt aus einem Gruselfilm stammen könnten während Benni weitersang:
“I accept my life but I can’t promise
That I take it for a long time
I accept the world but I can’t promise
That I don’t flee out of it
There’s no reason ‘cause no one can only do what he wants
There’s no reason ‘cause in the sky are more clouds than sun
Love is just a passer-by phenomenon for blind fools
Confide is the biggest faults which always do fools
Everlasting faith is worthless ‘cause nothing is everlasting”
Sascha sah Nathalie an, die den traurigen Text ohne die Miene zu verziehen hinnahm. Sie hatte Sascha ja gesagt, dass die beiden jungen Männer depressive Musik machen würden. Und sie kannte das Lied. Nun kam anscheinen der Refrain, denn Chris übernahm den Gesangspart.
„I’m going down for dying
‘Cause I’ve found no reason for stay
I’m going down for dying
‘Cause I hear my soul shouts out of the water
I’m going down for dying
‘Cause I wanna hear all people called friends cry”
Benni übernahm wieder den Gesang. Sascha hatte sich unbewusst näher an Kerstin gekuschelt, die dies allerdings nicht mitbekam. Wie praktisch Musik sein konnte. Fast wie ein Kino. Dort konnte man rein zufällig den Arm um die Liebste legen.
„The world is bad
Find no happiness so I’m sad
The world is boring
‘Cause I’m not allowed to do what I want
I accept the world but I’ll flee out of it
I accept the death ‘cause it will be my rescue
I’m waiting for the death ‘cause I see in him a friend
My hope has left me
On the day when I was born”
Zum letzten Mal übernahm Chris wieder den Gesangspart um den Refrain zu singen und dann ließen sie ihre Instrumente langsam ausklingen. Inzwischen hatte sich – wie bereits am Anfang als Sascha aus der Bibliothek gekommen war – eine kleine Menschenmenge um die beiden Musiker versammelt, die nun applaudierten. Benni verwies sie auf den Abendtermin und legte seine Gitarre zurück in den Gitarrenkoffer.
„Und? Hat es den Damen gefallen?“, fragte Chris während sein Keyboard in einer Plastiktüte verschwand. Sascha fand dass das eine sehr unsichere Art das Instrument zu transportieren. Das Keyboard war sicherlich teuer gewesen.
„Die Ärztin in mir ist kurz davor euch ein Antidepressivum zu verschreiben. Wenn das euer Ernst ist, dann solltet ihr dringend einen Arzt aufsuchen. Vor allem wenn ihr das Öfters habt.“
„Das ist nur unser Musikstil“, lachte Benni „Wenn wir keine Musik machen sind wir ganz fröhliche Menschen, aber diese Art von Musik hat uns zugesagt. Der Titel des Liedes ist „Going down for dying“ und von dieser Sorte haben wir viele auf Lager. Das ist völlig normal.“
„Ich weiß ja nicht. Was sagst du, Sascha?“
„Ich fand es schön.“ Wobei Sascha am meisten die Tatsache meinte, dass sie Kerstin ganz nahe gewesen war. So nahe war sie ihr lange nicht mehr gewesen. Oder vielleicht noch nie? Nathalie sah auf ihre Uhr.
„Sascha, du musst wieder.“ Sascha warf einen Blick auf ihre Uhr und stellte fest, dass sie bereits fünfzehn Minuten länger draußen gesessen hatte als sie eigentlich sollte.
„Tja, dann werde ich mich mal wieder an mein Studium machen, so gerne ich hier geblieben wäre.“
„Komm heute Abend zu unserem Konzert“, schlug Chris vor.
„Sorry, das geht leider nicht.“ Sascha hatte keine Lust ihm groß zu erklären wieso, sondern wandte sich an Kerstin „Kommst du mit?“
„Klar.“ Kerstin stand auf „Es war sehr nett mit euch. Vielleicht können wir das mal wiederholen.“
„Da bin ich sicher“, sagte Nathalie „Viel Spaß beim Lernen.“ Sie zwinkerte Sascha zu.
„Danke, das werden wir haben.“

„Ich hoffe, du bekommst keinen Ärger mit Michael.“ Sascha sah Kerstin besorgt an. Kerstin hatte aus den geplanten zwei Stunden, die sie mit Sascha verbringen wollte, vier werden lassen.
„Ach, ich bin ihm keine Rechenschaft schuldig und kann sehr gut selber bestimmen wenn ich irgendwo etwas länger bleiben will. Wahrscheinlich ist er noch in der Kanzlei und durchforstet Akten.“ Kerstin sah Sascha an und machte einen sehr glücklichen Eindruck. Es war so, als wenn nicht Sascha in Kerstins Gegenwart sondern auch Kerstin in Saschas Gegenwart förmlich aufblühte. Sascha registrierte das mit einem wohlwollenden Gefühl.
„Wie du eigentlich an Nathalie und Benni gekommen?“
„Naja, Nathalie haben ich durch Jonathan Müller, den neuen Schließer, kennen gelernt, der sie als meine persönliche Führerin herbestellt hatte und Benni…als ich aus deinem Auto abgehauen bin, da bin ich Nathalie in die Arme gelaufen und sie hat mich zum Aufwärmen in ihre WG mitgenommen. Ein paar Tage später hat sie mir dann ihre Mitbewohner vorgestellt und so kam es dann, dass ich des Öfteren meine Mittagspausen mit ihnen verbringe. Das ist schöner als alleine auf einer Bank zu sitzen. Und Kontakt zu Menschen zu haben, die nicht in Reutlitz sind, ist sowieso eine willkommene Abwechselung. Kannst du dir ja vorstellen.“
„Ja, stimmt.“ Kerstin musterte Sascha eindringlich „Du siehst viel gelöster und glücklicher aus als damals, wo wir uns in dem Cafe begegnet sind. Die drei scheinen dir wirklich sehr gut zu tun.“ Eigentlich war es Kerstins Gegenwart, die Sascha so aufblühen ließ, aber das sagte Sascha ihr lieber nicht. Sie war was Kerstin ihre Gefühle gestehen anging, vorsichtig geworden. Sascha wollte nichts kaputt machen. Vielleicht würde sie bald wieder eine Mittagspause wie heute erleben.
„Im Moment ist es für mich ganz okay, trotz meiner hinfälligen Bewährung und den zehn Monaten extra. Ich kann studieren und der Krach, den es immer in Reutlitz gibt, geht an mir vorbei. Es ist beinahe so als wäre ich frei und müsste nur die Nächste dort verbringen. Offener Vollzug.“
„Viel anders ist es nicht. Du verlässt Reutlitz nach dem Frühstück und kehrst vorm Abendessen wieder zurück. Ich würde sagen, du hast den perfekten Vollzug.“ Kerstin stellte das letzte Buch zurück ins Regal und strich sich eine Haarsträhne aus den Augen. Ein Bild, bei dem Saschas Knie sofort weich wie Butter in der Sonne wurden. Was würde sie nicht alles machen um mit Michael zu tauschen? Hatte der eigentlich eine Ahnung was für eine wunderbare Frau er hatte?
„Soll ich dich zurückbringen?“, meinte Kerstin plötzlich „Es ist schon spät, es könnte knapp werden mit deiner U – Bahn.“ Sascha sah auf ihre Uhr. Tatsächlich. Es würden ihr fünf Minuten bleiben um zur U – Bahn – Station zu laufen, was zu wenig Zeit war.
„Das wäre schön.“ Nicht nur wegen dem Zeitplan, den Sascha dann einhalten könnte sondern auch weil ihr dann ein paar Minuten mehr mit Kerstin blieben. Und jede Minute war kostbar. Zusammen schlenderten sie zu Kerstins Wagen.
„Und diesmal wirst du mir nicht weglaufen“, drohte Kerstin lachend. Sascha hob die Hand zum Schwur.
„Versprochen.“ Ohne Hektik und bei jeder Ampel, die einen Anflug von orange zeigte, bremsend, fuhren sie nach Reutlitz zurück. Fünf Minuten vor Ende von Saschas Ausgang hielten sie vor dem großen Tor.
„Danke“, sagte Sascha.
„Kein Problem, das habe ich gerne gemacht.“ Sie stiegen aus. Sascha wäre am Liebsten die letzten fünf Minuten bei Kerstin geblieben, aber sie hatte keinen guten Grund wieso sie das machen sollte. Zumindest keinen guten Grund, den Kerstin akzeptieren würde.
„Frau Herzog.“ Andy Wagner trat aus dem Tor heraus. „Das ist ja eine Überraschung. Was machen Sie den hier?“
„Halle Herr Wagner, ich habe Sascha gefahren. Wir haben uns in der Bibliothek getroffen und es wurde knapp mit der U – Bahn. Ich hoffe, das ist kein Problem.“
„Ich denke nicht. Sie studieren?“
„Ich gebe Gastseminare im Medizinbereich. Deswegen sind wir uns auch vor der Bibliothek begegnet.“ Sascha musste grinsen. So ganz stimmte das nicht, aber wozu die ganze Wahrheit erzählen? Das konnte im schlimmsten Fall nur Ärger geben.  
„Das nenne ich einen schönen Zufall. Wie geht es Ihnen sonst?“
„Mal davon abgesehen, dass es verdammt schwer ist einen Job zu finden wenn man im Knast war, ganz gut. Und bei Ihnen?“ Sie erwähnte nicht die Hochzeit. Sascha atmete erleichtert auf. Bei dem Thema wäre ihre gute Laune verschwunden gewesen.
„Nina ist Mutter geworden und ich habe zum nächsten ersten gekündigt um für meine Familie dazusein.“ Ja, das war eine Sache, die Sascha bedauerte. Andy Wagner war ebenfalls ein netter Schließer. Kein Wunder, dass Nina sich in ihn verliebt hatte. Und er würde ihr zu liebe sein ganzes Leben ändern. Das musste Liebe sein.
„Gratuliere. Das ist schön. Dann können Sie beide endlich Zeit miteinander verbringen. Grüßen Sie sie von mir.“
„Mache ich. Frau Mehring, es wird Zeit.“
„Ja.“ Sascha sah Kerstin traurig an „Danke noch mal fürs bringen und bis zum nächsten Mal. Ich denke, wir werden uns mal wiedersehen wenn du ein Seminar hast.“ Sascha schenkte Kerstin zum Abschied ein Lächeln.
„Davon gehe ich aus. Tschüß Sascha. Machen Sie es gut, Herr Wagner.“
„Tschüß Frau Herzog.“ Andy Wagner schloss die Tür auf und ließ Sascha herein. Im Hintergrund hörte sie wie Kerstin den Motor anließ und abfuhr. Wie gerne würde Sascha jetzt neben ihr sitzen und mit ihr zu einem Zuhause fahren, das ihr gemeinsames war und an dem es keinen Michael gab.

Teil 10

Sascha wartete nervös auf dem Hof von Reutlitz. Heute würde Evelyn Kaltenbach, ihres Zeichens Staatssekretärin, hier aufkreuzen und mit ihr über ihren Ausgang und ihr Studium sprechen. Sascha hatte keine Ahnung was die Kaltenbach wollen könnte, denn eigentlich hatte Frau Schnoor ihr alles gesagt; zumindest dachte Sascha das.
„Nun mach dir nicht ins Hemd“, versuchte Walter sie zu beruhigen „Die Kaltenbach ist – für ne Oberschluse – okay. Wahrscheinlich wird sie dir gratulieren, dass du so gut bist.“ Walter dachte an die Liebeszelle, die sie und Vivi bekommen hatten. Das waren Zeiten gewesen. Walter war der Boss und hatte eine schöne Frau an ihrer Seite.
„Das hat sie mir letztens schriftlich ausrichten lassen. Was ist wenn sie mir meinen Ausgang nimmt? Das ist meine einzigste Chance Kerstin zu sehen.“
„Dann muss der Hauptmann herkommen, dabei wird ihr schon kein Anzeichen von der Jacke fallen. Außerdem schuldet sie dir sowieso noch einen Besuch.“
„Ach Walter, es ist schöner wenn ich sie in der Uni sehen kann. Hier wird man permanent überwacht und man darf sich nicht umarmen.“
„Sie umarmt dich? Wow. Sie muss ganz schön aufgetaut sein.“ Sascha warf Walter einen bösen Blick zu. Sie würde Walter nicht mehr alles erzählen wenn diese Kerstin beleidigte.
„Frau Mehring? Kommen Sie.“ Jonathan Müller kam auf sie zu. Walter schlug Sascha aufmunternd auf die Schulter.
„Das wird schon. Bis gleich.“ Sascha seufzte und folgte Jonathan Müller übern Hof. Doktor Evelyn Kaltenbach würde sie im Direktorat empfangen, einen Raum, den Sascha von vielen Auseinandersetzungen mit dem Jansen in schlechter Erinnerung hatte.
„Alles in Ordnung mit Ihnen?“, erkundigte sich Jonathan Müller „Sie sehen ein wenig bleich aus.“
„Was will die Kaltenbach von mir?“
„Ich habe keine Ahnung. Haben Sie etwas angestellt?“
„Nein!“, empörte sich Sascha. Sie hielt sich aus allem raus was Ärger bringen konnte wegen ihres Ausganges.
„Dann wird es etwas Positives sein. Kopf hoch, Sie sind eine vorbildliche Insassin, Frau Doktor Kaltenbach wird Ihnen nicht den Kopf abreißen.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr.“ Jonathan Müller öffnete die Tür zum Sekretariat. Frau Mohr saß hinter ihrem Schreibtisch und tippte an ihrem Rechner. Als sie kurz aufsah meinte sie:
„Gehen Sie ruhig rein, Frau Mehring. Sie werden erwartet.“ Jonathan Müller lächelte Sascha aufmunternd zu. Sascha klopfte an die Tür, holte tief Luft und trat nach einem „Herein“ ein. Außer Evelyn Kaltenbach war Frau Schnoor anwesend.
„Guten Tag Frau Mehring, setzen Sie sich.“
„Guten Tag.“ Ein wenig verschüchtert ließ Sascha sich auf dem Stuhl gegenüber dem Schreibtisch nieder.
„Frau Mehring, Ihre Erfolge im Studium sind beachtlich“, begann Frau Kaltenbach. Sascha wartete auf ein „Aber“, das meistens auf solche positive einleitende Sätze folgte. Deswegen konnte sich Sascha noch nicht entspannen.
„Ich habe mit Ihrem Professor gesprochen und er ist ebenfalls begeistert von Ihnen.“ Vielleicht folgte doch kein „Aber“.
„Ein weiteres Gespräch habe ich mit den Angestellten in der Universitätsbibliothek geführt. Da ich dort selber einst studiert habe, kannte ich einige der Angestellten persönlich und sie versicherten mir, dass Sie eine vorbildliche Nutzerin der Bibliothek sind; wenn es so etwas dann gibt.“ Sascha war die ganze Zeit über beobachtet worden? Hoffentlich hatten die Bibliothekarinnen nichts Außergewöhnliches an ihrem Nachmittag mit Kerstin gefunden. Den würde sie ungern hier erläutern.
„Und Sie haben bereits Kontakt zu anderen Studenten geknüpft, ist das richtig?“
„Ja“, sagte Sascha „Die Frau, die mich damals herumgeführt hat, mit der treffe ich mich manchmal in der Mittagspause.“
„Wussten Sie, dass Ihre Bekannte dasselbe wie Sie studiert?“ Sascha schüttelte den Kopf. Sie hatte Nathalie nie gefragt was sie studierte, was Sascha nie so bewusst geworden war. Sie musste in Unterbewusstsein angenommen haben, dass es etwas ähnliches sein musste wie das, was Sascha studierte, denn sonst hätten sie sich nicht so oft auf dem Bibliotheksflur getroffen.
„Sie ist eine Bekannte von Herrn Müller, nicht wahr?“
„Ja, Herr Müller hat sie vorgestellt.“ Sascha war unbehaglich bei diesem Thema. War das relevant woher sie Nathalie kannte?
„Das dachte ich mir. Er erwähnte etwas davon in seinem Bericht. Der Grund wieso ich hier bin, ist dass ich Ihnen anbieten möchte den regulären Seminaren und Vorlesungen beizuwohnen. Aus Ihrem Fernstudium ein richtiges Studium zu machen.“ Sascha war sprachlos. Sie hatte die ganze Zeit mit etwas Negativen gerechnet und nun sollte sie sogar an den Seminaren und Vorlesungen in der Universität teilnehmen. Das war mehr als sie sich jemals erhofft hatte.

Nach diesem aufmunternden Gespräch machte sich Sascha beschwingt auf den Weg zur Universität. Alles verlief derzeit bestens. Sie bekam immer mehr Freiheiten und Kerstin war in ihr Leben zurückgekehrt und sie verstanden sich wieder. Im Prinzip war Sascha mehr als glücklich. Vor der Universitätsbibliothek fand sie gleich einen weiteren Grund ihre Laune hoch zu halten: Kerstin saß dort auf einer Bank.
„Hi, traust du dich nicht rein?“, fragte Sascha gutgelaunt? Kerstin sah sie lächelnd an.
„Ich darf nicht rein.“
„Warum das?“
„Wir müssen draußen bleiben.“ Erst jetzt fiel Sascha auf, dass Kerstin ein Band in der Hand hielt, das sich als Leine erwies. An deren Ende lag ein kleiner schwarzer Fellknäuel zusammengerollt im Gras.
„Oh, wie süß.“ Sascha kniete sich sofort neben den Hundewelpen.
„Fand ich auch.“
„Wo hast du denn her? Oder die?“
„Die. Von einer Freundin, die Hundetrainerin ist. Sie meinte, ich könnte mir einen Hund anschaffen. Als ich skeptisch auf den Vorschlag reagierte hat sie mich zu sich eingeladen und dann war es um mich geschehen. Die junge Dame heißt Napsütés, das bedeutet so viel wie…“
„…Sonnenschein“, sagte Sascha.
„Genau. Woher weißt du das?“
„Eine der Vorteiler von Eltern, die SED Funktionäre waren, war dass wir Urlaub in Ungarn machen durften. Zwar nur zwei oder dreimal, aber es hat gereicht um mich dazu zu bringen mich mit der Sprache zu beschäftigen. Wir hatten einen sehr fürsorglichen Vermieter, der mir jeden Tag nahe legte, ich solle mich nicht zu langen im Napsütés aufhalten.“ Sascha kraulte dem Hundewelpen den Bauch. Napsütés öffnete die Augen und ließ sich auf den Rücken rollen damit Sascha an alle Stellen kam.
„Sie mag dich“, schlussfolgerte Kerstin zufrieden.
„Kunststück. Hundewelpen mögen jeden der sie krault und nett zu ihnen ist.“
„Also, Michael hat sie angeknurrt.“ Sascha sah erstaunt auf, meinte jedoch dann ganz leise, so dass Kerstin es nicht hören konnte:
„Guter Hund.“ Dann wandte sie sich wieder Kerstin zu „Wieso?“
„Sie muss gemerkt haben, dass er alles andere als begeistert über ihr Auftauchen ist. Ich habe Napsütés vorgestern Nachmittag zu uns geholt und er sagte, ich solle sie zurückbringen. Hunde würden nur Ärger, Arbeit und Dreck machen.“
„So ein Idiot“, sagte Sascha zu Napsütés „Du bist eine ganz Liebe, oder? Du behältst sie trotzdem, oder?“
„Auf jeden Fall. Ich habe ihm gesagt, so lange wie ich keinen ordentlichen Job habe werde ich nicht den ganzen Tag über untätig in der Wohnung herumsitzen und später kann ich Napsütés jederzeit zu meiner Freundin bringen damit sie den Tag über nicht alleine ist. Die Andrea wohnt am Rande von Berlin und hat einen großen Garten, da kannst du schön mit den anderen Hunden spielen, nicht wahr, Naps?“ Kerstin tätschelte der Hündin liebevoll den Kopf.
„Und was hat Michael dazu gesagt?“
„Bis zum Wochenende soll ich vernünftig werden, sonst müssten wir uns ernsthaft unterhalten.“
„Oh.“
„Ach.“ Kerstin machte eine wegwerfende Handbewegung „Wir haben uns am letzen Wochenende noch ernsthaft unterhalten. Es hat dem Herrn nicht gepasst, dass ich so lange in der Bibliothek war und dass wir zwei zusammen in der Bibliothek waren hat ihm noch weniger gefallen.“ Kerstin sah spöttisch drein. Sascha verzog keine Mine, freute sich innerlich jedoch wie ein Schneekönig. Kerstin hatte sie nicht verschwiegen und war der Auseinandersetzung mit Michael nicht aus dem Weg gegangen. Und da sie heute hier war, schien sich nicht davon abbringen zu lassen sich weiterhin mit ihr zu treffen. Es stand eins zu null für Sascha. Vielleicht sogar zwei zu Null, denn Sascha war nicht gegen Napsütés, in Gegenteil.
„Männer. Ich freue mich jedenfalls, dass du dich nicht unterbuttern lässt. Aber leider muss ich langsam in die Bibliothek. Machs gut, kleiner Sonnenschein. Pass gut auf dein Frauchen auf.“ Sascha stand auf. „Werde ich dich in der Bibliothek noch mal sehen?“
„Heute Nachmittag. Wir gehen gleich zum Training, dann lasse ich sie bei Andrea und komme zur Uni. Ich habe auch heute Abend ein Seminar. Ich denke, ich werde so um fünfzehn Uhr hier sein, dann können wir uns noch ein wenig unterhalten bevor du weg musst.“
„Okay, dann bis gleich.“ Sascha lächelte. Der Tag verlief sehr gut. Und Kerstin sah mit der kleinen Hündin einfach goldig aus.

Kerstin hatte nicht im Geringsten vor sich von Michael unter Druck setzen zu lassen. Im Gegenteil: Wenn er wegen ihres längeren Aufenthaltes in der Bibliothek und wegen Napsütés so einen Aufstand fuhr und ihr drohte, sie solle beides unterlassen, beziehungsweise Napsütés wieder abgeben, dann war sie auf Konfrontation aus. Am Abend, als Michael aus der Kanzlei zurück kam, lag Napsütés auf ihrer Decke vor der Couch, Kerstin auf der Couch und auf ihrem Bauch hatte sich eine Kätzchen zusammengerollt.
„Was ist das?“, fragte Michael ohne Umschweife oder Begrüßung.
„Was?“, fragte Kerstin zuckersüß zurück und streichelte das Kätzchen dabei weiter als wäre es das Natürlichste der Welt.
„Die Katze.“
„Das Válás, unser neuer Hauskater.“
„Sag mal, spinnst du langsam richtig? Erst schleppst du diesen Köter an und jetzt noch eine Katze? Wir sind kein Tierheim oder Bauerhof.“ Er näherte sich gereizt der Couch. Napsütés begann leise zu knurren.
„Halts Maul, Kläffer. Morgen werde ich dich rauswerfen und dahin zurückbringen, wo du herkommst, und diese Katze nehme ich mit. Was macht das Vieh überhaupt auf der Couch? All die Haare, die bekommt man nie wieder weg. Kerstin, du spinnst wohl.“ Kerstin legte Válás auf die Decke neben Napsütés, streichelte beide Tiere sanft und sah Michael dann kalt an:
„Die bleiben beide hier. Wenn du erinnern möchtest: das ist MEINE Wohnung, ich habe sie gemietet. Beide Tiere sind mit dem Vermieter abgesprochen und sie werden bleiben.“ Was spielte er sich auf wie der Platzhirsch?
„Und wer bezahlt die Miete?“
„Das kann ich gerne alleine machen.“
„Von welchem Geld? Seit wann hast du einen Job? Oder lässt du deine guten Kontakte nach Reutlitz spielen? Da gibt es genug Kriminelle, wahrscheinlich haben sie dir beigebracht wie man an Geld kommt ohne zu arbeiten.“
„Ich glaube, es ist besser wenn du gehst“, sagte Kerstin tonlos.
„Kerstin, wenn ich gehe, dann komme ich nicht wieder“, drohte Michael „Entweder die Viecher oder ich!“ So einer war er also. Er setzte ihr sofort die Pistole auf die Brust wenn mal etwas nicht nach seinem Willen lief. Er hatte sich sehr verändert, früher hätte er so etwas nicht gemacht. Kerstin war jedenfalls nicht bereit sich erpressen zu lassen.
„Viszontlásrá!“ Das war gleichzeitig für Napsütés ein Zeichen sich zu erheben. Andrea brachte ihren Hunden alle Befehle in Ungarisch bei um zu verhindern, dass fremde Menschen ihnen einfach Befehle geben konnten. Viszontlásrá bedeutete auf Wiedersehen und für Napsütés bedeutete es, dass der Eindringling gehen sollte.
„Auf Wiedersehen, Michael. Ich lasse dir die Scheidungsunterlagen zukommen.“ Michael starrte Kerstin an. Er hatte nicht mit dieser Entschlossenheit seiner Frau gerechnet. Die knurrende Napsütés nicht beachtend ging er ins Schlafzimmer um seine Sachen zu packen. Kerstin nahm ihre Hündin auf den Schoß und beruhigte und lobte sie. Noch war sie nicht der Hund, vor dem ein ausgewachsener Mann Angst hatte, aber das wäre in einigen Monaten anders.
„Ihr beide seid meine kleinen Schnuffels.“ Kerstin nahm den Kater ebenfalls hoch. „Und ihr versteht euch. Von wegen wie Hund und Katz. Ihr seid verträglicher als die Menschen.“ Mit je einer Hand streichelte sie die Tiere. Fünf Minuten später stand Michael mit zwei Koffern vor ihr.
„Deine letzte Chance dich richtig zu entscheiden.“
„Das habe ich bereits. Lass mir den Schlüssel hier, du wirst ihn nicht mehr brauchen.“ Michael zog sein Schlüsselbund aus der Tasche, machte den Haustürschlüssel ab und warf ihn auf den Boden.
„Du machst einen großen Fehler.“ Dann verließ er wütend die Wohnung. Kerstin seufzte. So ganz glücklich war sie nicht. Was war, wenn ihr spontanes Verhalten nun alles andere als gut gewesen war? Hätte sie nicht lieber etwas länger darüber nachdenken sollen über das, was sie heute Abend getan hatte? War das die richtige Entscheidung gewesen?
„Was sagt ihr beiden dazu? Werden wir das alleine schaffen?“ Válás schnurrte zur Bestätigung und Napsütés leckte Kerstin über die Hand. Jetzt musste sie sich überlegen was mit der großen Wohnung anstellen sollte. Drei Zimmer waren für einen alleine zuviel. Sie brauchte einen Mitbewohner oder eine Mitbewohnerin. Als erstes kam ihr Sascha in den Kopf, aber das war ein Ding der Unmöglichkeit. Aber wo sie schon mal an Sascha dachte, da konnte sie ihre Gedanken ruhig weiterspinnen…

Teil 11

„Guten Morgen, schon wieder eifrig am Blättern?“ Nathalie lehnte sich entspannt an das Regal. Sascha saß bereits eine ganze Ewigkeit auf dem Boden vor einem riesigen Regal und las in einem Buch. Es passte nicht ganz zu ihrem Literaturstudium, denn es handelte von Archäologie, aber sie fand das Thema trotzdem interessant. Und ab und zu tat es gut etwas zu lesen, das nicht mit dem Studium zu tun hatte.
„Morgen.“ Sie blinzelte zu Nathalie hinauf. „Einer muss ja den Büchern Gesellschaft leisten. Du steht ja nie vor der Mittagspause auf.“
„Hey, ich bin erst gegen vier Uhr ins Bett gekommen, da habe ich das Recht ein wenig länger zu schlafen.“
„Vier Uhr? Studenten und ihre Partys. Schrecklich.“ Sascha war ein wenig wehleidig. An einer Studentenparty würde sie wohl nie teilnehmen.
„Nix Party, ich habe gearbeitet. Ich hatte mich gestern spontan um einen Job als Kellnerin in einem neuen Club beworben und konnte sofort gestern Abend meine erste Schicht schieben. Von zweiundzwanzig Uhr bis drei Uhr dreißig. Der totaler Hammer, aber hat mir einhundert Euro gebracht inklusive Trinkgeld. Ich fand, das war es wert. Außerdem kann ich mit meinen Kollegen die Zeiten absprechen. Alles was der Chef will, ist dass immer mindestens zwei Bedienen und einer hinter der Theke steht. Zu den gutbesuchten Zeiten das ganze in doppelter Besetzung. Wenn ich jeden Tag, den ich arbeite, einhundert Euro bekomme, dann schmeiße ich mein Studium.“ Sascha sah Nathalie entsetzt an. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es eine Lebensaufgabe war Kellnerin in einem Club zu sein. Vor allem wo die Besitzer die Frauen sofort vor die Tür setzen wenn sie nicht mehr dem gängigen Kellnerinnenideal entsprachen: Also ab Mitte dreißig und mit drei Gramm Fett auf den Rippen.
„Was hast du vor? Willst du ausziehen?“
„Och, eine eigene Wohnung wäre schon cool, aber ich denke, dazu reicht das Geld nicht. Ich denke, ich werde mir das Geld sparen bis ich meine Abschlussarbeit schreibe. Dann kann ich nämlich nicht in der WG bleiben, dazu ist es da zu laut. Das hat allerdings noch ein Jahr Zeit.“
„Wenn du jeden Monat hundert Euro zur Seite legst, hast du eine gute Basis. Oder du kommst in den Knast. Wir haben da einen Ort, die Isolationszelle, da hast du deine absolute Ruhe vor Allem. Mehr als dir lieb ist.“ Nathalie verzog das Gesicht. So viel Ruhe wollte sie dann nicht haben.
„Kommst du mit in die Vorlesung der Meier?“
„Nee, die Prüfung bei der habe ich bereits geschrieben. Ich werde den Vormittag hier verbringen und dann nach der Mittagspause ins Seminar der Grit gehen.“
„Da leiste ich dir Gesellschaft. Das Seminar habe ich bereits vor drei Semestern angefangen und nie beendet. Das wird langsam mal Zeit.“
„Ja, könnte man so sagen“, lachte Sascha.
„Okay, dann sehen wir uns in der Mittagspause auf unserer Bank. Bis gleich.“ Mittagspause. Hoffentlich war Kerstin wie verabredet da.
„Machs gut und schön aufpassen.“ Nathalie streckte Sascha die Zunge raus und verschwand. Sascha legte das Archäologiebuch zurück und schlenderte zu ihren Büchern zurück. So richtig Lust hatte sie nicht jetzt zu lesen, aber sie wusste, dass die Bibliothekarin eine Bekannte von Dr. Kaltenbach war und da wollte sie es nicht riskieren den Rest des Morgens draußen zu verbringen.

„Du siehst angespannt aus.“ Sascha sah Kerstin prüfend an. Sie hatten sich für die Mittagspause verabredet. Napsütés sprang freudig an Sascha hoch, die sie auf den Schoss nahm und kraulte.
„Du bist schwerer als du aussiehst.“
„Warte bis sie groß ist, dann wirst du sie nicht nur annähernd auf den Schoss nehmen können.“
„Was ist sie eigentlich für eine Rasse?“
„Rotweiler.“
„Du bist ein Kampfhund? Den Angriff musst du dringend verbessern. Und wenn du weiterhin so putzig dreinschaust, dann werden dich alle knuddeln und keiner fürchten.“
„Sie ist bereits ein Monster, sie hat Michael vertrieben.“
„Bitte?“ Sascha sah Kerstin verständnislos an um zu sehen ob diese scherzen würde. Kerstin sah Sascha jedoch ernst in die Augen.
„Michael hat mir das einmalige Angebot gemacht, mich zwischen ihm und den Tieren zu entscheiden. Und als er mir zu nahe kam, da hat Napsütés sich vor ihm aufgebaut. Es hatte noch nicht ganz die Wirkung, die sie in ein paar Monaten haben wird, aber sie weiß, was sie machen soll.“
„Du hast Michael in die Wüste geschickt?“ Sascha konnte ihr Glück gar nicht fassen. Sollte sie wirklich ihren Konkurrenten los sein? Immerhin hatte sie die Hoffnung auf Kerstin nicht aufgegeben; nicht seitdem sie so oft bei Sascha vorbei kam um mit ihr Zeit zu verbringen. Und wenn sie nun Michael in die Wüste geschickt hatte, dann war das ein weiterer Punkt für Sascha. Damit wären sie bei drei zu null.
„Das hat er selber gemacht. Er wollte Napsütés nicht und über Válás war er ebenfalls unerfreut. Sprach von Tierheim und Bauernhof.“
„Válás?“
„Mein kleiner Kater. Einen Mann brauch ich im Haus. Und Michael sah ihn anscheinend als Konkurrent an…oder so…“
„Na, dann hast du deinem Kater ja den richtigen Namen gegeben.“ Kerstin sah Sascha fragend an. Sie hatte keine Ahnung was Válás bedeutete. Andrea hatte ihr den Namen und einige andere per SMS vorgeschlagen und Kerstin hatte völlig vergessen zu fragen, wie er auf Deutsch hieß.
„Válás bedeutet Trennung. Wer gibt dir die ganzen Namen?“
„Andrea…sie muss hellseherische Fähigkeiten besitzen…egal, ich habe seine Schlüssel und wenn mir danach ist, schicke ich ihm diese Woche die Scheidungsunterlagen.“
„Meinst du nicht, du solltest dir das in Ruhe durch den Kopf gehen lassen?“ Hatte sie das wirklich gesagt? Sascha war entsetzt. Wie konnte sie Kerstin bremsen? Sie tat gerade das, was sich Sascha seit Monaten wünschte und sie fragte sie, ob sie sich das nicht lieber überlegen wolle. Was für eine dämliche Frage für eine Person in ihrer Position.
„Ja, das sollte ich, aber ich will nicht. Wieso sollte ich mit einem Mann verheiratet sein, der mich erpressen will? Wusstest du, dass er dagegen war, dass ich wieder arbeite? Ich könne doch Zuhause bleiben und Kinder bekommen, er verdiene genug Geld. Ich liebe meinen Job.“ Aha, wieder ein Fehler seinerseits. Sascha macht innerlich einen Luftsprung. Vier zu null. Oder weil es so viel Freude machte: wie viele Pluspunkte hatte Sascha? Vier! Und wie viele waren auf der Seite des bösen Michaels? Null! Spiel, Satz und Sieg für Sascha. Michael schien sich in den letzten Wochen einige Böcke geleistet zu haben. Wie schön! Sascha konnte sich Kerstin als Mutter sehr gut vorstellen. Sie wäre eine zauberhafte Mutter. Und die Schönste der Welt.
„Hast du eigentlich etwas Neues in Aussicht?“
„Jein. Ich kann ab nächster Woche bei einem ehemaligen Studienkollegen für vier Wochen anfangen und seinen Praxiskollegen vertreten. Danach muss ich etwas Neues gefunden haben; alleine schon um die Miete, Hundesteuer und das Tierfutter zu bezahlen. Mit dem Geld, das ich hier bekomme, werde ich nicht weit kommen.“
„Ich wünschte ich könnte dir helfen, aber die paar Cent, die ich habe, die werden dir nicht einmal eine Woche Hundefutter bescheren.“ Sascha streichelte Napsütés nachdenklich.
„Danke für das Angebot, ich werde schon etwas Passendes finden. Notfalls…“ Kerstin stockte.
„Notfalls was?“, fragte Sascha vorsichtig.
„Notfalls werde ich das Angebot aus Reutlitz annehmen und die Stelle von Doktor Strauß übernehmen. Das ist zwar nicht das, was ich mir für meine Zukunft vorgestellt habe, aber besser als Nichts. Alleine mit dem Träumen von einem Beruf kann ich keine Rechnung begleichen.“ Kerstin sah seufzend an dem Universitätsgebäude hoch. Sascha fand die Idee, dass Kerstin wieder in Reutlitz sein konnte, mehr als super. Allerdings konnte sie verstehen, wenn Kerstin nicht dorthin zurückkehren wollte. Sie hatte ein halbes Jahr unschuldig gesessen, hätte beinahe Selbstmord begangen und war vom Clan der Baals terrorisiert und schikaniert worden. Und wenn Sascha genauer darüber nachdachte, dann würde sie von Kerstin als Ärztin kaum etwas haben, denn sie war den ganzen Tag draußen, während Kerstin in Reutlitz sein würde. Es sei denn, Sascha würde des Öfteren „krank“ sein und so auf der Krankenstation liegen. Dann würde allerdings ihr Studium leiden, was sie auch nicht wollte.

„Hi.“ Nathalie legte ihre Hand auf Saschas Schulter und setze sich neben sie an den Lesetisch. Vor Sascha lagen drei dicke Literaturwerke und ein vollgeschriebener Block. Die Zusammenfassung aller wichtigen Kapitel aus zwei dieser Bücher, sauber und ordentlich in die fünf Millimeter kleinen Rechenkästchen gezwängt und ordentlich mit Literaurangabe und Seitenverweis versehen.
„Na, schon wieder frei?“
„Ich muss gleich zum Job. Kannst du Jonathan sagen, dass ich bis Mitternacht Dienst hab und er mich abholen soll?“
„Interessant“, grinste Sascha.
„Nicht was du wieder denkst, von meinen WGlern kann mich keiner abholen und so gut gefällt mir der Gedanken, nachts alleine durch Berlin zu laufen, nicht. Und Jonathan schuldet mir was.“
„Ich weiß nicht ob er noch da ist, er hat uns heute Morgen schon geweckt; und das nicht gerade sensibel.“ Sascha erinnerte sich an lautes Klopfen mit dem Gummiknüppel an ihrer Tür. Oder war ihr das nur so laut vorgekommen weil sie die halbe Nacht kein Auge zugemacht hatte?
„Dann rufe ich ihn lieber an. Wie groß sehen deine Chancen aus wenn du abends Ausgang haben willst?“
„Minus unendlich. Abends gibt es keinen Ausgang. Die einzigste Chance abends aus Reutlitz rauszukommen, und das nicht bei einer Flucht, ist wenn man Hafturlaub hat. Wieso?“
„Chris und Benni wollen dich zu einem ihrer Konzerte einladen.“
„Ich befürchte, das wird nichts. Spätestens sechzehn Uhr muss ich zurück sein. Leider. Ich würde sie mir gerne mal ansehen.“
„Dann werden sie dir wohl ein persönliches Konzert in der Mittagspause geben müssen. Wie letztes Mal.“
„Das würde gehen, aber sie sollen sich wegen mir keinen Stress machen.“
„Wenn Jonathan einen größeren Gefallen schulden würde…“, dachte Nathalie laut weiter. Sascha schüttelte den Kopf.
„Du solltest niemals verlangen, dass er seinen Job aufs Spiel setzt, er ist der beste Schließer, den wir derzeit haben.“
„Höre ich da so etwas wie eine kleine Schwärmerei?“, fragte Nathalie neckisch.
„So nett er ist, er ist eine Schluse und mit denen wird nichts angefangen. Mal ganz davon abgesehen, dass mich Männer sowieso nicht interessieren. Nein, mein Herz ist vergeben und wenn du den Typen kennen würdest, für den er nach Reutlitz gekommen ist, dann würdest du mich noch besser verstehen.“
„Okay, dann vergesse ich den Plan der heimlichen Affäre, wegen der er dich rausholt und lasse mir etwas Neues einfallen. Irgendwie muss ich es schaffen, dich mal zu einem lustigen Abend mitzunehmen.“
„Gib mir noch ein paar Monate, dann komme ich raus. Sollte nichts dazwischen kommen, bin ich in einem Jahr raus und frei. Dann können wir in jeden Club gehen, den es gibt, und ich werde mir die Konzerte der Jungs ansehen. Bis dahin müsste mein Studium auch fertig sein.“
„Na schön, dann warte ich eben.“ Nathalie sah Sascha verträumt an. „Aber ich kriege dich schon.“ Sie zwinkerte Sascha zu und verschwand. Sascha musste grinsen und sah ihr nach. Wie sie das wohl meinte, dass sie sie noch kriegen würde. Und konnte sie sich nicht an ähnliche Worte ihrerseits erinnern, die sie Kerstin gewidmet hatte? Sascha schüttelte den Kopf. Sie wollte gar nicht länger darüber nachdenken.


Teil 12

Sascha hatte extra eine halbe Stunde eher aufgehört in ihren Büchern zu lesen um die warmen Sonnenstrahlen für einen gemütlichen Abendspaziergang nach Reutlitz zu nutzen. Einen ähnlichen Gedanken musste Kerstin gehabt haben. Sie saß mit Napsütés vor der Universität auf einer Bank und strahlte Sascha an.
„Ich wusste, dass du früher gehen würdest.“ Kerstin stand auf und umarmte Sascha. Napsütés sprang freudig an ihr hoch und leckte ihr über die Hand. Sascha kniete sich zu dem Rotweilerwelpen und kraulte ihm hinterm Ohr.
„Woher wusstest du das?“
„Na, bei dem schönen Wetter, was sollte man da lieber machen als einen Spaziergang, wenn man den ganzen Tag in der Bibliothek gesessen hat? Und da dachte ich mir, wir beiden werden dich begleiten, wenn du willst.“
„Klar.“ Sascha stand auf „Ich freue mich.“ Und das war stark untertrieben. Kerstin sah so bezaubernd aus in ihrem dunkelblauen Jeans, dem schwarzen, enganliegenden T-Shirt und ihrem Sportschuhen. Dazu ihre dunkelblonden Haare, die das schönste Lächeln aller Zeiten umrahmten. Und dieses Zauberwesen wartete auf sie, wollte mit ihr nach Reutlitz gehen und ihre Zeit mit ihr, Sascha, verbringen.
„Darf ich Napsütés nehmen?“
„Natürlich.“ Kerstin gab Sascha die Leine. Napsütés sah kurz auf als seine Leine die Hände wechselte.
„Ihr seid ein schönes Paar“, meinte Kerstin lächelnd. Sascha grinste. Wenn das jetzt noch einer über sie und Kerstin sagen würde…
„Wie war dein Tag? Hast du den Stoff für die nächste Prüfung durch?“
„Beinahe. Irgendwie kann ich bei diesem Wetter nicht so gut lernen. Ich würde lieber draußen in der Sonne liegen, dir und Napsütés beim Trainieren zusehen oder etwas im Freien machen. Auf die Dauer kann lernen ganz schön nerven.“
„Dafür bist du bald fertig und hast dann deine Ausbildung. Passend zu deiner Entlassung.“
„Und dann? Du sagst selber, dass es verdammt schwer ist einen Job zu bekommen wenn man im Knast war. Und du warst unschuldig drin. Ich glaube nicht, dass ich einen Job bekomme, der zu meinem Studium passt. Wahrscheinlich werde ich in einer Sozialwohnung landen und Toiletten putzen.“
„Nicht so pessimistisch, bitte.“ Kerstin drückte Saschas Hand.
„Naja, rosig sieht meine Zukunftsaussichten nicht aus. Es ist niemand draußen, der auf mich wartet. Ich werde versuchen müssen mein Leben ganz von vorne zu beginnen und weiß nicht, ob das, was mich dann erwartet gut wird oder ob ich nach all den Jahren hier draußen überhaupt zu Recht komme.“
„Du wirst nicht alleine sein, wenn du raus kommst.“ Kerstin blieb stehen und nahm Saschas Hand „Ich werde dich empfangen, wenn du willst. Und ich glaube, Napsütés wird sich freuen, wenn du das ein oder andere Mal mit ihr spazieren gehst.“ Sascha sah Kerstin dankend an.
„Danke. Und du würdest wirklich…?“
„Sascha, natürlich. Ich weiß, ich war…ich habe dir…“ Sascha hielt Kerstin ihren Zeigefinger auf die Lippen.
„Vergiss es!“
„Aber ich habe mich wirklich…“
„Kerstin, lass uns das vergessen, okay?“
„Ich wollte mich nur für mein Verhalten entschuldigen, weil ich mich nicht bei dir gemeldet habe.“ So, beim dritten Mal war es raus.
„Akzeptiert und nun lass es uns vergessen. Ich habe selber auch genug Fehler gemacht.“ Während sie sich so gegenüber standen hatte Napsütés die Zeit genutzt und war um sie beide zweimal herumgelaufen und hatte sie so an den Füßen zusammengebunden. Kerstin bemerkte die „Fußfesseln“ zuerst.
„Napi, schäm dich.“ Sie stieg vorsichtig aus dem Bandsalat. Der Rotweilerwelpe sah sein Frauchen ohne Schuldbewusstsein an. „Das verrate ich Andrea. Die wird dir eine Extrastunde Benehmen verpassen.“
„Ach, lass sie doch.“ Sascha wickelte die Leine um die Hand. „Sie will doch nur spielen, nicht wahr? Wie verstehst du dich denn mit deinem Kater?“
„Super. Allerdings hat Válás das Kommando an sich genommen. Zuerst frisst der Kater, dann die Hündin. Drei Monate und schon Macho.“
„Naja, es kann nur einen Chef geben.“
„Das erklärt wieso Michael gegangen ist. Wahrscheinlich hätte Válás ihn sonst vertrieben.“ Sascha sah Kerstin vorsichtig an.
„Hat er sich gemeldet?“
„Er hat sich mit meinen Anwalt in Verbindung gesetzt. Die Scheidung läuft, wir befinden uns offiziell im Trennungsjahr.“
„Oh, das ist…“
„…schon okay. Die Hochzeit war ein Fehler. Hätte ich nicht sofort nach der Entlassung auf seinen Antrag „Ja“ gesagt, dann wären wir jetzt nicht verheiratet und könnten uns die Scheidung schenken. Aber damals…ich wollte um jeden Preis mein altes Leben wiederhaben und es so weiterführen wie ich es vor meinem Aufenthalt in Reutlitz gelebt und geplant hatte. Dazu gehörte diese Hochzeit, die Michael perfekt organisiert hatte. Leider hatte ich völlig außer Acht gelassen, dass ich mich in den Monaten in Reutlitz verändert hatte.“
„Das heißt, du kommst mit der Situation zurecht?“
„Ja, es ist so besser als wenn ich weiterhin mit Michael streite und mich quäle.“ Sascha nahm Kerstin in den Arm. Was sollte sie dazu sagen? Sie war schließlich froh wenn Kerstin von Michael weg war.

„Was muss ich machen um ähnlich glücklich auszusehen wie du?“, fragte Walter, die Sascha eine zeitlang beobachtet hatte, wie diese mit Dauergrinsen auf der Treppe saß und mehr träumte als in ihrem Buch zu lesen.
„Studieren, Walter, studieren.“
„Ich glaube nicht, dass es das Studium alleine ist. Welche der beiden Frauen ist es?“ Sascha sah Walter verständnislos an. Wieso welche der beiden Frauen? Seit wann gab es zwei Frauen in ihrem Leben?
„Mensch, der Hauptmann oder die Tussi vom Müller? Eine von beiden hat dir dieses Grinsen ins Gesicht gezaubert, das kannst du nicht leugnen.“ Sascha lachte.
„Vielleicht. Ja.“ Walter grinste. Hatte sie es doch gewusst.
„Also?“
„Lass uns in unserer Zelle gehen.“
„Das muss ja etwas ganz Großes sein.“ Walter folgte Sascha in ihre Zelle und schloss die Tür. Zum Glück war Mel am Kicker und Jeanette hatte ihre grässliche Radioshow und quälte alle mit ihrer „Wiener Melange“, die sich nicht in ihren Zellen in Sicherheit gebracht und dort die Lautsprecher abgestellt hatten. .
„Kerstin. Wir treffen uns regelmäßig in der Universitätsbibliothek. Es wird langsam wieder so wie es früher war. Wir können über alles Mögliche reden ohne zu streiten oder den anderen zu beleidigen. Und heute hat sie mich vor der Universität abgefangen um mit mir nach Reutlitz zu laufen. Keine Ahnung woher sie wusste, dass ich extra eine halbe Stunde früher aufhöre zu lesen um die Sonne zu genießen, aber sie stand plötzlich mit Napi vor der Tür.“
„Napi?“
„Napsütés, ihre Rotweilerhündin. Süße vier Monate inzwischen und einer der Gründe wieso sie und Michael sich scheiden lassen.“
„Und was der andere Grund? Du?“
„Schön wäre es“, seufzte Sascha. Wenn sie ein Scheidungsgrund gewesen wäre, dann würde das bedeuten, dass Kerstin etwas für sie empfinden würde. Etwas, das über Freundschaft hinausgehen würde. Vielleicht so etwas wie Sascha empfand, wenn sie Kerstin sah. Aber so wie es aussah waren die Gründe für die Scheidung alleine die Tiere; zumindest hatte Kerstin bisher keinen anderen Grund genannt. Oder wollte sie Sascha nur nicht in Verlegenheit bringen oder ihr wieder Hoffnungen machen? Konnte es wirklich sein, dass Kerstin etwas für sie empfand? Wohl kaum.
„Der andere Grund ist Válás, ihr kleiner Kater. Michael hat sie vor die Wahl gestellt: Entweder er oder die Tiere, und weil Kerstin sich nicht von ihren neuen vierbeinigen Lieblingen trennen wollte, musste Michael gehen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Tiere ihn wohl nicht mochten. Napsütés hat ihn angeknurrt.“ Walter musste lachen.
„Dann hatte die Kleine einen perfekten Instinkt. Wie reagiert sie auf dich?“
„Kerstin sagt, Napi würde mich abgöttisch lieben. Sie zieht immer zur Uni und begrüßt mich voller Freude.“
„Der Weg zum Herzen einer Hundebesitzerin ist über ihren Hund. Ich denke, du hast gute Chancen auf eine zweite Chance. Napsütés wird dir dabei helfen das Herz ihres Frauchens zu erobern.“
„Ich hoffe, du hast Recht.“ Sascha lächelte verträumt. Eine zweite Chance bei Kerstin wäre eine wunderbare Sache. Dann würde sie sicherlich nicht mit einem unüberlegten Kuss alles aufs Spiel setzen.

„Guten Morgen.“ Jonathan Müller lächelte Sascha freundlich an. „Einen schönen Gruß von Nathalie, sie ist sicher Zuhause angekommen und meldet sich heute offiziell für alle Kurse am Morgen ab. Sie braucht Schlaf.“
„Sie reißt Sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf und will selber lange schlafen während Sie die Frühschicht haben? Das ist unfair.“
„Wem sagen Sie das? Aber ich konnte sie nicht laufen lassen, das ist zu gefährlich. Sie sollte dringend den Führerschein machen.“
„So lange es anders geht…“
„Ich habe Sie übrings gestern gesehen wie Sie nach Reutlitz gelaufen sind. In Begleitung. War das nicht die Frau, die als Ärztin im Gespräch war oder ist?“
„Ja.“ Sascha hoffte inständig nicht rot anzulaufen und fragte sich gleichzeitig fieberhaft wann Jonathan Müller sie gesehen hatte und was er gesehen hatte. Hoffentlich verstand er das nicht falsch.
„Kerstin hat mich von der Universität herbegleitet weil ihre Hündin Auslauf brauchte.“
„Ein sehr schönes Tier. Es ist zwar jung, aber man kann bereits erkennen, dass da sehr gute Veranlagungen vorhanden sind. Sie wird eine sehr starke Dame. Ich hoffe, Ihre Bekannte geht zum Training mit ihr. Wenn so ein Hund nicht hört, dann geht der mit den Besitzern spazieren und nicht umgekehrt.“
„Sie gehen täglich zum Tiertrainer. Ich denke, Napsütés wird Kerstin keinen Ärger bereiten. Sie ist goldig.“ Verdammt. Das konnte man falsch verstehen wenn man wollte. Wobei, Sascha fand Kerstin mehr als goldig.
„Und wenn sie richtig ausgebildet ist, dann kann sie nachts alleine durch Berlin laufen Bei diesem Hund wird sich jeder Taschendieb oder Vergewaltiger dreimal überlegen ob er nicht lieber etwas anderes machen möchte.“
„Ein Grund mehr für mich nett zu Napsütés zu sein“, lachte Sascha.
„Es schien gestern so, als wenn die Hündin Sie mag, ich sehe da keine Probleme.“ Sascha war überrascht. Woher wollten das die Leute immer sehen? Und wie lange hatte Jonathan Müller sie gestern beobachtet?
„Vielleicht wären Hunde, beziehungsweise Tiere an sich, ein gutes Programm für Reutlitz.“ Jonathan Müller sah nachdenklich ins Nichts. Sascha musste grinsen. Er schien nichts unversucht zu lassen, Reutlitz für die Insassinnen angenehmer zu gestalten, aber ich war sich nicht sicher, ob Tiere so gut waren. Bei manchen Insassinnen würde sie ungern einen Hundewelpen oder ein anderes Tier in Obhut geben. Und wenn sie sich vorstellte, sie würden einen Papagei und Jeanette auf der Zelle haben, dann sah sie ihre Ruhezeiten gen Null sinken. Einer von beiden würde immer quatschen.

Teil 13

Sascha hasste die Tage ohne Kerstin. Seit diese vor zwei Tagen angefangen hatte die Urlaubsvertretung für den Kollegen eines Studienfreundes zu übernehmen, hatten sie sich nicht mehr gesehen. Was Sascha beinahe noch mehr störte war, dass sie nicht wusste wie es Kerstin ging. Sie hatte keine Chance Kerstin zu erreichen und einfach anrufen wollte sie auch nicht. Wie sehe denn das aus? Als wenn sie ihr hinterher spionieren würde. Nein, Sascha musste diese Zeit überstehen, egal wie schwer es war. Leider litt unter ihren ewigen Gedanken an Kerstin das Studium. Sascha erwischte sich selber laufend dabei wie sie mitten in einem wichtigen Abschnitt gedanklich abdriftete und dann bei Kerstin landete. Was sie gerade machte? Verarztete sie gebrochene Knochen? Verschrieb sie Medikamente? Traf sie sich mit ihrem Studienfreund nach der Arbeit? War er verheiratet? Wusste er, dass Kerstin sich von Michael getrennt hatte? Hatte er Interesse an ihr? Würde er versuchen Kerstin zu verführen? Würde Kerstin sich verführen lassen? Würde es bald einen „neuen Michael“ in Kerstins Leben geben, der Saschas Chancen, die sowieso minimal waren, noch geringer werden ließen? Würde Kerstin sie wieder aus ihrem Leben streichen wenn sie einen neuen Freund hatte? Müsste Sascha sie dann endgültig abschreiben? Besser wäre es wohl. Und wieder zum Anfang des Absatzes in ihrem Buch. So ging das den ganzen Tag über. Sogar die Mittagspause hatte Sascha verpasst weil sie ihre Gedanken bei Kerstin hatte. Was sollte sie nur machen? Sollte sie herausfinden wo Kerstin arbeitete und dann einfach dort auftauchen? Aber das konnte sie das Studium kosten. Oder sollte sie darauf hoffen, dass Kerstin zur selben Zeit Mittagspause machte wie sie und sie dann bei ihrer Wohnung abfangen? Walter hatte ihr die Adresse und die Wegbeschreibung besorgt; bereits vor Wochen. Sie musste einfach das Universitätsgelände verlassen. Und dann? Was sollte sie dann machen? Kerstin fragen ob sie sich mit ihrem Kollegen traf? Ob sie etwas von ihrem Kollegen wollte? Was ging das Sascha an? Kerstin würde sicherlich nicht begeistert sein wenn Sascha ihr nachspionierte. Schließlich war vor der Tür auflauern schlimmer als anrufen. Doch welche Alternativen hatte sie? Warten, dass Kerstin in der Universität auftauchte und ihr alles erzählte? Wohl kaum. Wahrscheinlich ging sie so in ihrer Arbeit auf, dass sie keinen Gedanken an Sascha verschwendete. Sascha seufzte und schlug ihr Buch zu. Das hatte alles keinen Sinn. Sie würde diesen Abschnitt nun zum vierten Mal anfangen und kam nie weiter als sechs oder sieben Zeilen. Sie beschloss eine Pause einzulegen. Sie musste dringend den Kopf freibekommen. In diesem Zustand konnte sie auch japanische Schriften lesen, da würde sie ähnlich viel verstehen. Betrübt und weiter über Kerstin grübelnd verließ sie die Bibliothek; eine Stunde nachdem sie eigentlich Mittagpause machte. Ihre Bank abseits vom allgemeinen Trubel, auf der sie sich immer Nathalie oder einen der anderen aus der WG traf war leer, sie waren wohl wieder alle in ihren Vorlesungen oder Zuhause. Sascha setzte sich traurig auf die Lehne der Bank und biss in ihren Apfel. Sie konnte Kerstin eine dieser lustigen Postkarten schicken, auf denen stand, dass man den anderen vermissen würde. Nur was war, wenn sie das falsch verstand? Wenn Kerstin sie nicht vermisste? Verdammt, Sascha musste dringend etwas machen sonst drehte sie durch. In dieser Verfassung war es nur eine Frage der Zeit bis sie Amok lief und Blödsinn baute. Plötzlich wurde es dunkel vor ihren Augen. Zwei Hände hatten sich vor ihre Augen gelegt. Nathalie? Hatte sie doch keine Vorlesung? Oder war gerade angekommen für ihre nächste Vorlesung? Heute hatten sie keine Kurse gemeinsam.
„Nat?“
„Falsch.“ Die Stimme kannte sie. Das war…
„Kerstin!“ Die Frau, wegen der sich Sascha den ganzen Tag den Kopf zerbrach, die ihre Welt aus den Angeln hob und Sascha entweder in den Himmel oder in die Hölle brachte.
„Ich komme nur an zweiter Stelle bei dir? Das merke ich mir“, sagte Kerstin neckisch und setze sich neben Sascha. Schon sprang Napsütés auf die andere Seite und versuchte auf Saschas Schoß zu gelangen. Sascha streichelte die junge Rotweilerhündin und schob sie von ihrem Schoß herunter.
„Es ist wahrscheinlicher Nathalie hier zu treffen als dich. Ich dachte, du würdest arbeiten.“
„Es ist Mittwoch, da hab ich nachmittags frei. Und weil wir uns diese Woche nicht gesehen haben, dachte ich mir, ich besuche dich. Eigentlich hatte ich bereits vor einer Stunde hier sein wollen, aber Válás musste zum Tierarzt, eine Impfung bekommen.“
„Ich habe die Pause verpasst.“
„War dein Buch so aufregend?“
„Mhm.“ Sascha merkte wie ihre Ohren rot anliefen. Wenn sie Kerstin erzählte, dass sie so gut wie Nichts von ihrem Buch mitbekommen hatte weil ihre Gedanken sich nur um sie drehten, wie würde Kerstin dann reagieren?
„Was ist los? Du wirkst angespannt?“ Kerstin sah Sascha durchdringend an. „Probleme mit dem Studium?“ Sascha schüttelte den Kopf.
„Sondern?“ Tja, was sollte Sascha machen? Sollte sie Kerstin erzählen was in ihr vorging? Oder wäre das ein Fehler?
„Ich habe an dich gedacht.“ Was nützte Sascha das heimliche anhimmeln wenn sie Kerstin nie ihre Gefühle gestand? Sie musste sie ja nicht gleich mit Liebe kommen, aber was konnte es schaden wenn Kerstin wusste, dass Sascha an sie dachte? Das musste sie sich eigentlich denken können. Immerhin wusste sie was Sascha für empfunden hatte. Und irgendwie musste es weitergehen sonst würde Sascha verrückt werden.
„An mich?“ Kerstin lächelte. Sascha fielen spontan Tonnen von Steinen vom Herzen. Kerstin lächelte und zeigte keine Anzeichen von Missbilligung oder Abwehr.
„Ja“, brachte Sascha leise heraus. Weil sie nicht wusste was sie machen oder sagen sollte oder wo sie hinsehen sollte, kraulte sie Napsütés hinter den Ohren. Was sollte sie jetzt sagen? Ich denke den ganzen Tag an dich. Ich habe tierisch Angst, dass du dich in deinen Kollegen verliebst und ich wieder mit gebrochenen Herzen dastehe. Ich habe Angst, dass meine Gefühle, wenn ich dir von ihnen erzähle, zwischen uns alles kaputt machen.
„Sascha, ich musste arbeiten und die Mittagspausen sind so kurz, da muss ich mich abhetzen um mit Napi ihr Programm zu absolvieren und spazieren zu gehen. Ich sollte nicht mit einem Hundewelpen herkommen, der auf die Wiesen scheißt. Deswegen habe ich es nie geschafft hier zu sein. Das heißt nicht, dass ich es nicht gerne gewesen wäre.“ Sascha sah Kerstin an. Sie sah ihr direkt in die Augen.
„Ich bin doch auch gerne mit dir zusammen, nur im Moment geht es leider nicht so, wie ich es gerne hätte.“ Ich wäre doch auch gerne mit dir zusammen. Hatte Kerstin das wirklich gesagt? Sascha glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.
„Das verstehe ich ja, ich meine, ich freue mich, dass du wieder arbeiten kannst…“
„Ach Sascha.“ Kerstin umarmte sie und drückte sie fest an sich. Sascha ließ ihren Kopf auf Kerstins Schulter fallen und atmete tief den Geruch von Kerstins Parfum ein. Wenn es nach ihr ginge, dann müsste Kerstin sie nie wieder loslassen. So an Kerstins Schulter liegend, ihren Duft einatmend und ihre Hände auf ihrem Rücken spürend war für Sascha die ganze Welt wunderbar.
„Weißt du was, ich gebe dir meine Handynummer und die Festnetznummer, dann kannst du mich immer anrufen wenn du willst. Okay?“ Sascha nickte. Kerstin ließ sie los und sah ihr wieder in die Augen.
„Ich will nicht, dass es dir schlecht geht.“
„Wieso?“ Eine ziemlich doofe Frage, aber Sascha war sie herausgerutscht und es war nichts anderes eingefallen.
„Weil ich dich mag, das solltest du spätestens eben gemerkt haben. Oder meinst du, ich habe das alles gesagt um dir wehzutun?“ Sascha schüttelte den Kopf. Lieber nichts mehr sagen bevor sie wieder Blödsinn redete.
„Na also. Sascha, du bist mir wichtig. Ich hatte beinahe vergessen wie schön es ist mit dir zu reden, aber in den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass ich dich brauche. Weißt du, dass du der einzigste Mensche bist seit ich mich von Michael getrennt habe, bei dem ich das Gefühl habe, mit ihm über alles reden zu können? Und dann denkst du, ich würde vergessen. Spinnerin.“ Kerstin knuffte Sascha in die Seite. Sascha musste lächeln. Sie war Kerstin wichtig. Kerstin wollte Kontakt zu Sascha. Das waren Worte, die ihrer Seele gut taten.

Es war für Sascha gar nicht mehr so schlimm die restlichen Tage auf Kerstin zu verzichten. Natürlich vermisste sie sie, aber sie telefonierten in der Mittagspause und Sascha wusste, dass Kerstin an sie dachte. Und die Gewissheit, dass Kerstin ihre Pause mit Napsütés verbrachte und nicht mit einem Kollegen, beruhigten sie zusätzlich.
„Was hat sie nur mit dir gemacht?“
„Bitte?“ Sascha sah Nathalie fragend an.
„Kerstin. Seit sie letzten Mittwoch hier war und mit dir geredet hat, bist du wie ausgewechselt. Du strahlst übers ganze Gesicht und nicht einmal der Kurs beim schrecklichen Donner hält dich von deinem Dauergrinsen ab.“ Sascha musste noch breiter grinsen. So weit käme es noch, dass sie sich vom meistgehassten Professor ihres Faches den Tag verderben lassen würde, wo Kerstin heute Nachmittag vorbeikommen wollte um sie nach Reutlitz zu fahren.
„Ich bin einfach gut drauf.“
„Ja, aber wenn ich an die ersten Tage der letzten Woche denke, da warst du ein Wrack. Entschuldige wenn ich das so direkt sage, aber es war so. Was hat Kerstin mit dir gemacht?“
„Das ist ein Staatsgeheimnis.“
„Will sie dich befreien? Nach dem Motto: du gehst morgens her und dann fährt sie mit dir zum Flughafen und ihr beiden setze euch ins Ausland ab?“
„Netter Gedanke, aber nein.“ Sascha musste noch mehr lachen. Kerstin als Fluchthelferin? Das würde nicht zu ihr passen.
„Sondern? Mensch Sascha, lass mich nicht dumm sterben.“
„Wie kommst du eigentlich auf die Idee, dass es etwas mit Kerstin zu tun hat?“
„Mit wem denn sonst?“ Sascha hob die Schulter.
„Es könnte auch andere Gründe geben.“
„Klar kann es andere Gründe geben, aber ich bitte dich: Man muss sich euch beiden nur mal genauer ansehen. Du blühst auf sobald von Kerstin die Rede ist, strahlst wenn du sie siehst und deine Blicke sprechen Bände. Du bist bis über beide Ohren in sie verliebt. Dazu muss man euch beide nur ansehen.“
„Interessant was du so herausfindest. Kannst du mir auch verraten was Kerstin für mich empfindet?“
„Sie mag dich. Alles andere, wird die Zeit bringen. Ich persönlich glaube nicht, dass es nur an den Tieren gelegen hat, dass sie sich von ihrem Ex getrennt hat.“
„Du solltest Psychologie studieren.“
„Nee, lass mal. Literatur ist mir schwer genug. Und? Wie richtig lag ich mit meiner Analyse?“
„Bei mir oder bei Kerstin?“ Sascha begann es Spaß zu machen Nathalie auf die Folter zu spannen.
„Beides“
„Bei Kerstin kann ich dir das nicht sagen. Bei mir würde ich sagen, hast du ziemlich gut getroffen. Aber was nützt mir meine Liebe wenn Kerstin kein Interesse an mir hat? Wir haben uns mal in Reutlitz geküsst und sie hat alles andere als positiv darauf reagiert. Ich glaube, bis ich sie davon überzeugt habe, dass nicht irgendein Kerl die richtige Wahl ist, sondern meine Wenigkeit, vergehen mindestens noch ein paar Jahre. Ich kann schlecht mit der Tür ins Haus fallen.“
„Du kannst schon, aber bezweifele, dass du damit erfolgreich wärst.“
„Siehst du.“ Sascha seufzte. Sie brauchte Zeit und Geduld. Und Geduld und Zeit. Und noch mehr von beiden.

Teil 14

„Das ist beinahe unheimlich.“ Kerstin breitete die Decke auf der Wiese hinter der Bibliothek aus. Die ganzen letzten Tage hatte es geregnet, als stände der Weltuntergang kurz bevor, und eine riesige Flutwelle aus dem Himmel würde sie alle ertränken. Und als sie heute Morgen aufstand und mit Napsütés spazieren ging, da schien die Sonne vom wolkenlosen, tiefblauen Himmel. Als wenn Petrus wüsste, dass Kerstin und Sascha ein Picknick für den heutigen Tag geplant hatten. Zwar hatten sie es schon abgeschrieben weil es am gestrigen Abend geregnet hatte, aber als dann das schöne Wetter am Morgen ihnen zulächelte, hatte Kerstin spontan alles für ein Picknick besorgt und war sofort nach ihrem Dienst zur Universität gefahren. Ihre Bekannte hatte Napsütés am heutigen Tag mit zu einem Spezialtraining genommen, weswegen Kerstin nicht erst mit der Hündin gehen musste.
„Ich finde es super.“ Sascha ließ sich auf die Decke fallen, kickte ihre Schuhe fort und streckte sich „Es gibt doch einen Gott und sie muss uns gnädig sein.“
„Sie?“
„Klar. Ich bitte dich, wäre Gott ein Mann, dann hätte es gestern beim Länderspiel nicht geregnet. Aber weil sie mit dem super Wetter gewartet hat bis wir picknicken, muss Gott eine Frau sein.“
„Aha, aber dann müsste es eine Göttin sein.“ Kerstin ließ sich auf dem Rücken neben Sascha nieder und sah in den Himmel. „Das nenne ich einen Feierabend.“
„Weintraube?“ Sascha hatte die Weintrauben aus Kerstins Korb gezogen und naschte bereits dran.
„Gerne.“
„Mund auf!“ Eine Weintraube nach der anderen landete in Kerstins Mund, die sich mit geschlossenen Augen füttern ließ. Für Sascha hatte das den Vorteil, dass sie sich an Kerstins schönen Lippen satt sehen konnte ohne dass Kerstin es merkte. Der Anblick wie die grünen, kernlosen Weintrauben zwischen Kerstins roten Lippen verschwanden ließen Sascha beinahe schwach werden.
„Kann man dich engagieren? Das gefällt mir“, lachte Kerstin.
„Unter Umständen kann ich das öfters machen.“ Welche Umstände das waren, würde Sascha ein anderes Mal erörtern.
„Unter welchen Umständen?“ Na gut, dann eben sofort.
„Wenn du uns öfters so ein schönes Wetter mit dem dazugehörigen Picknick besorgst. Und wenn du denen in Reutlitz erklärst wieso ich jeden Mittwochnachmittag nicht in der Bibliothek verbringe sondern draußen bei dir.“ Oder wenn wir beide nach Südamerika durchgebrannt sind, fügte Sascha noch still hinzu.
„Weil sich einer um mich kümmern muss. Meine Tiere wollen nur gefüttert werden, füttern mich jedoch nie. Allerdings möchte ich auch ungern das Dosenfutter von einem von beiden haben.“
„Siehst du, du bist zu wählerisch.“ Sascha rückte ein wenig näher an Kerstin. „Schokolade?“
„Auf Weintrauben? Nein danke.“ Sascha nahm sich einen Riegel Schokolade. Das bekam sie in Reutlitz nicht; zumindest nicht die teuere. Da kombinierte sie auch mal Lebensmittel, die nicht zusammenpassten.
„Sag mal, hast du dir schon Gedanken gemacht was du machst wenn du raus kommst?“, fragte Kerstin unvermittelt „Willst du deine Familie besuchen?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher ob meine Familie mich sehen will“, sagte Sascha traurig „Sie haben mich nie besucht.“
„Oh.“ Kerstin sah Sascha entschuldigend an. „Tut mir Leid.“
„Schon okay, da kannst du ja nichts zu. Ich habe null Ahnung was ich mache wenn ich aus Reutlitz rauskomme. Wahrscheinlich werde zu Uschi ins Übergangsheim gehen. Alles andere werde ich mir nicht leisten können. Außerdem hilft Uschi einem bei der Suche nach einem Job.“
„Weißt du schon genau wann du raus darfst?“
„Wahrscheinlich im nächsten Sommer, Juni. Dank dem Prozess vom Jansen habe ich meine Bewährung weg und dafür zehn Monate mehr. Sonst hätte ich jetzt bald rausgekonnt.“ Sascha ballte die Faust. Das hatte der Jansen ihr noch versaut bevor er sich absetzte in seinen „Urlaub“.
„Wie läuft es zwischen euch beiden?“
„Er ist weg, in Therapie. Offiziell heißt es zwar Urlaub, aber er hat seine Panikattacken durch die ganzen Prozesse wiederbekommen. Deswegen ist der neue Schließer da, der Freund von Nathalie, der sich für mein Studium eingesetzt hat. Wenn es nach mir geht, dann bleibt er bei uns und Jansen bleibt in seiner Therapie.“
„Dann hoffe ich mal für dich, dass er lange wegbleibt.“
„Danke.“ Sascha legte sich neben Kerstin auf den Rücken und sah in den Himmel. Jansen. Wenn sie an dieses Arsch nur dachte, dann verschlechterte sich das schönste Wetter für sie. Er hatte ihr ihre Bewährung genommen und war damit nicht zufrieden gewesen. Nein, er musste das Urteil anfechten um mehr ihre Haftstrafe zu erhöhen. Zum Glück war der Antrag abgelehnt worden. Sascha wollte endlich raus aus dem Knast.
„Du schaffst die zehn Monate bestimmt.“ Kerstin hatte sich inzwischen auf den Bauch gedreht und beobachtete nun ihrerseits Sascha. Diese öffnete die Augen und sah Kerstin traurig an.
„Ich muss.“
„Und dann werde ich dich draußen abholen, wie wäre das?“
„Mach keine Versprechungen, die du nicht halten kannst.“
„Wieso sollte ich das nicht einhalten können?“
„Vielleicht willst du bis dahin gar nichts mehr von mir wissen weil du jemand anderes kennen gelernt hast. Einen netten, erfolgreichen Arzt, oder so.“
„Du spinnst.“ Kerstin lächelte und streichelte Sascha sanft über die Wange „Selbst wenn ich einen netten, erfolgreichen Arzt kennen lerne.“ Sie verzog das Gesicht ein wenig „Dann heißt das nicht, dass ich dich hängen lasse. Den Fehler habe ich einmal bei Michael gemacht, das passiert mir kein zweites Mal.“
„Sicher?“ Sascha sah Kerstin unsicher an. Diese lächelte.
„Ganz sicher.“

Völlig im Gedanken an den Nachmittag saß Sascha auf dem Hof in Reutlitz und träumt vor sich hin. Kein halber Meter hatten ihre Lippen von Kerstins Lippen getrennt. Und Kerstin hatte ihr sanft über die Wange gestreichelt. Das war genau umgekehrt wie es damals gewesen war. Damals hatte Sascha sanft Kerstins Wange gestreichelt, als sie angeheitert in Kerstins Zelle gesessen hatten und sich dann geküsst hatten. Diesmal hatte es keinen Kuss gegeben, aber dafür aber auch keinen Streit. Und Sascha hätte sich ewig neben Kerstin auf der Decke räkeln können. Dieser Nachmittag war der beste seit langen.
„Mein Gott, bist du tief in deinen Träumen.“ Sascha öffnete die Augen. Mel hatte sich neben sie auf die Bank gesetzt „Das müssen fantastische Bücher sein, die du liest, Professor.“
„Sind sie, sind sie. Habe ich etwas verpasst?“
„Vier Neuzugänge. Zweimal Raub, einmal Körperverletzung und einmal Drogenbesitz. Und alle wollen der neue Boss der „B“ werden. Gerda und Godzilla haben jedoch gesagt, die Station gehört ihnen und so wird es bleiben.“
„Das hört sich nach Ärger an.“
„Ja, die Schlusen werden ihre Freude haben.“
„Was für ein Glück, dass wir uns in solche Auseinandersetzungen nicht einmischen müssen“, grinste Sascha. Mel würde niemals ernsthaft ihre Besuche von Mike gefährden wegen solcher Machtkämpfe.
„Wir nicht, aber Walter. Eine der Frauen muss eine Ex von ihrem Bruder sein, wegen der er mal Ärger hatte. Sie hat ihr bereits angekündigt, ihr das Leben zur Hölle zu machen.“ Sascha verdrehte die Augen. Na super. Wann hörte Walter endlich mit den Machtkämpfen auf? Entweder sie versuchte zu fliehen oder der Boss der B zu werden. Konnte sie nicht einfach ein ruhiges Leben führen?
„Wie halten wir sie davon ab?“
„Gar nicht. Wenn Walter meint, ihre alte Herrschaft wieder an sich reißen zu müssen, und alte Rechnungen ihres Bruders zu begleichen, dann soll sie das alleine machen. Die Zeiten haben sich geändert. Damals hatte sie eine große Gang hinter sich, heute sind überall Cliquen, die um die Herrschaft kämpfen. Aber wem sag ich das? Du hältst dich sowieso aus allem raus.“
„Würdest du deinen Freigang wegen so etwas gefährden?“
„Auf keinen Fall. Sonst hätte ich Walter damals bei den S-Bahn-Schubsern geholfen. So lange sie mich in Ruhe lassen ist mir scheißegal was sie machen.“
„Ist das eine der Neuen?“ Sascha deutete auf eine junge Frau, die mit den Rücken an den Gitterstäben gelehnt auf dem Boden saß und in einem Buch vertieft war.
„Das ist die Körperverletzung. Sie weigert sich standhaft Kontakt mit den andern Neuzugängen aufzunehmen, obwohl die beiden Bankräuber die Idee hatten, dass die vier die Macht sich teilen könnten. Keine Ahnung was sie gemacht hat, aber es scheint beeindruckend zu sein.“ Sascha konnte an der lesenden Frau keine Anzeichen für Gewalttätigkeit entdecken, sie schien eher verschüchtert zu sein und ihre Ruhe haben zu wollen.

Nach dem Abendessen nahm die Frau, die neu wegen Körperverletzung saß, Kontakt zu Sascha auf.
„Du bist doch die, die sich in der Bibliothek auskennt und dreimal die Woche abends die Förderkurse anbietet, oder?“
„Ja. Wieso? Willst du mit einsteigen?“
„Nein, danke.“
„Es hört sich schlimmer als es ist. Es ist nicht wie in der Schule.“
„Ich habe bis vor ein paar Tagen Informatik studiert, ich denke, meine Schulbildung reicht. Es sei denn, du bietest Kurse im Programmieren.“
„Nein. Was willst du dann?“
„Dir helfen. Ich habe gehört, sich zu engagieren, hilft einem hier schneller rauszukommen. Und das ist doch das, was alle wollen, oder?“
„Gefällt es dir hier nicht?“, fragte Sascha amüsiert.
„Ich finde es ätzend.“ Ehrlich war sie.
„Darüber hättest du nachdenken sollen bevor du jemanden zusammengeschlagen hast.“
„Wer hat gesagt, ich hätte jemanden zusammengeschlagen?“
„Deswegen sitzt du doch.“ Sascha war überrascht. Hatte Mel sich vertan?
„Wegen Körperverletzung, oder?“
„Wegen schwerer Körperverletzung mit Tötungsabsicht. Aber ich habe niemanden zusammengeschlagen. Das ist unter meinem Niveau. Es gibt Menschen, an denen macht man sich nicht die Hände schmutzig, und die mehr verdient haben als dass man sie verprügelt. Überlege dir ob du Hilfe willst.“ Sprachs und verschwand wieder. Sascha sah ihr nachdenklich nach. Schwere Körperverletzung mit Tötungsabsicht. Also um einiges schwerer als Mel es gesagt hatte. Sascha hätte gerne gewusst was sie gemacht hatte und wieso. Trotz der anscheinenden Gewalttätigkeit konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihre Gesprächspartnerin eine gewalttätige Person war. Sie strahlte einfach keine Aggressivität aus.
„Probleme mit der Neue?“ Walter war zu Sascha getreten.
„Nee, wieso?“
„Sah beinahe so aus. Vielleicht will sie ihre Karriere hier weiterführen.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gewalttätig ist. Weißt du, was sie gemacht hat?“ Walter schüttelte den Kopf.
„Die Schlusen halten dicht und aus ihr selber ist nichts herauszubekommen. Sie redet nicht einmal mit einem. Neuzugang. Sonst rotten die sich gerne zusammen. Ich wollte wissen was sie gemacht hat, hab sie ein wenig härter angefasst als sie schwieg und alles was sie sagte war so was wie „Lass mich los oder du bist Nummer zwei“.“
„Davon lässt du dich beeindrucken?“
„Du hättest hören sollen wie sie das gesagt hat. Ohne die Miene zu verziehen, ganz leise, eiskalt. Ich sage dir, mit der sollte man sich nicht alleine anlegen. Vielleicht ist eine Art weiblicher Hannibal Lector und beißt Ohren ab.“ Sascha musste lachen. Walter sah zuviel fern.
„Dann hast du Hannibal bald im Förderkurs.“
„Was?“
„Sie hat gefragt, ob sie mir helfen kann. Meinte, mit dem Engagement dort, könnte sie schneller raus. Scheint ihr hier nicht zu gefallen.“
„Kunststück. Und? Ist sie geeignet?“
„Wahrscheinlich ist sie intelligenter als der gesamte Knast hier. Sie studierte Informatik und so wie du gesagt hast, scheint sie alles sehr gut unter Kontrolle zu haben; inklusive sich selber. Umso interessanter was sie warum getan hat.“
„Du kannst es rausfinden und mir sagen“, schlug Walter vor. Sascha hob die Augenbrauen. So etwas Ähnliches hatte sie vor.

Teil 15
"Hi, wie war die Arbeit?“ Sascha umarmte Kerstin freudig. Gleichzeitig musste sie mit einer Hand Napsütés streicheln, die auffordernd ihren Kopf an Saschas Arm stieß.
„Naja, erfreulich kann man schlecht sagen wenn man den ganzen Tag kranken Menschen hilft.“
„Nicht?“
„Nein. Erfreulich wäre, wenn keiner gekommen wäre, dann wären alle gesund.“
„Und du arbeitslos.“ Kerstin musste lächeln. Da hatte Sascha Recht. Sie befand sich in einer finanziellen – moralischen Zwickmühle.
„Drehst du eine Runde durch den Garten mit mir?“
„Wie könnte ich da ablehnen?“ Sascha schnappte sich die Leine von Napsütés und schlenderte mit Kerstin von den Gebäuden der Universität weg. Schweigend hingen sie die ersten Metern ihren Gedanken nach. Sascha war überglücklich Kerstin wieder für eine Stunde bei sich zu  haben. Die Tage vergingen sehr langsam bis es endlich wieder Mittwoch war und sie sich sehen konnten. Da machte Sascha gerne eine längere Pause.
„Ich werde umziehen“, sagte Kerstin plötzlich. Sascha blieb entsetzt stehen. Wie wegziehen? Wegziehen im Sinne von weg aus Berlin oder im Sinne von in eine andere Wohnung?
„Wie jetzt?“
„Meine Eltern werden ihre Eigentumswohnung verkaufen. Es ist eine sehr schöne, große vier Zimmer Wohnung mitten in Berlin. Von dem Geld haben sie sich ein kleines Haus auf Mallorca gekauft. Neben dieser Wohnung haben sie einen alten Bauernhof, zwischen Berlin und Potsdamm. Den wollen sie mir überschreiben. Die Pächter, ein altes Ehepaar, haben die Landwirtschaft dieses Jahr aufgegeben und werden nun nach Potsdamm ziehen. Das heißt, ab dem nächsten Monat werde ich auf einem riesigen Bauernhof wohnen können. Allerdings läuft mein Mietvertrag noch drei Monate, es sei denn, ich finde einen Nachmieter.“
„Weg aus Berlin?“ Sascha musste schlucken. Das war es dann wohl gewesen mit ihren Treffen an der Universität. Wo immer dieser Bauernhof liegen würde, Kerstin konnte sicherlich nicht einfach von dort zur Universität laufen. Das würde bedeutete, sie würden sich kaum noch sehen.
„Ja, das ist das Beste für die Tiere und ich habe die Großstadt auch satt.“ Sascha senkte den Blick. „Der Gedanke, morgens mit Vogelgesang statt mit Autohupen aufzuwachen gefällt mir. Und die Miete werde ich sparen. Wahrscheinlich muss der Hof ein wenig renoviert werden, aber wenn er erst fertig ist, dann wird er besser sein als jede Stadtwohnung.“ Kerstin sah zu Sascha, die betrübt auf den Boden sah.
„Hey.“ sanft stieß sie Sascha an. „Was ist los?“
„Dann werden wir uns wohl kaum sehen, oder?“ Sascha konnte Kerstin nicht ansehen.
„Natürlich werden wir uns sehen. Nur weil ich ein wenig weiter wegwohne, heißt das nicht, dass wir uns nicht mehr sehen. Wir werden bestimmt eine Möglichkeit finden.“
„Sicher?“ Sascha war sich alles andere als sicher.
„Sascha.“ Kerstin blieb stehen, fasste Sascha an den Schulter und drehte sie zu sich „Ich werde nicht aus deinem Leben verschwinden. Dann wäre ich ja schön blöd.“
„Wieso?“
„Weil ich bei dir sein will, du kleiner Pessimist.“ Kerstin sah Sascha in die Augen und konnte die Tränen entdecken, die sich gebildet hatten.
„Aber…du bist dann so weit weg…wir können dann nie wieder…abends zurück nach Reutlitz gehen…und dann verlieren wir uns wieder aus den Augen.“
„Ganz bestimmt nicht.“
„Wie kannst du dir da so sicher sein? Wir haben uns schon mal aus den Augen verloren. Was sagt dir, dass es diesmal anders sein wird?“
„Das hier.“ Kerstin zog Sascha in ihre Arme, nahm ihren Kopf zwischen die Hände und küsste sie sanft. Innerhalb von Bruchteilen von Sekunden war Saschas Traurigkeit verschwunden und einem Kribbeln am ganzen Körper gewichen. Ihre Haut fühlte sich abwechselnd heiß und kalt an den Stellen an, an denen Kerstin ihre Hände hatte. Ihre Härchen standen ab und Sascha hatte das Gefühl, sie würde gleich platzen von Glück. Und ihre Lippen waren von den sanften Lippen Kerstins völlig hingerissen. Etwas aus Seide zu küssen konnte nicht sanfter sein und dass es einen Menschen auf der Welt gab, der zärtlicher küsste als Kerstin konnte sie sich nicht vorstellen. So wundervoll hatte sie ihren ersten Kuss gar nicht in Erinnerung. Nüchtern war das Erlebnis um einiges besser. Ganz sanft und äußerst vorsichtig erwiderter Sascha den Kuss. Nur nichts falsch machen und diesen Augenblick, der voller Zauber für Sascha lag, ruinieren. Alles war vergessen. Die Universität, die Studenten, die Tatsache, dass Kerstin umziehen wollte. Alles war bedeutungslos gegenüber diesem Kuss. Dieser Kuss war das Leben, die Welt, alles. Alles andere war in diesem Moment uninteressant und unwichtig. Langsam trennten sich ihre Lippen und Kerstins Kopf entfernte sich von Sascha.
„Und? Zählt das Argument?“, lächelte Kerstin. Sascha konnte kein Wort herausbringen, so glücklich war sie.
„Redest du nicht mehr mit mir?“ Kerstin schmunzelte. Bisher hatten ihre Küssen niemanden die Sprache verschlagen.
„Kerstin…ich…wow…“, stammelte Sascha mühsam. Was sollte sie sagen? Sie konnte einfach nichts sagen und umarmte Kerstin wortlos.
„Und? Freust du dich jetzt ein wenig mit mir?“ Kerstin legte ihren Arm um Saschas Hüfte und zog sie nah zu sich.
„Ja.“ Sascha ließ glücklich ihren Kopf auf Kerstins Schulter fallen. „Aber ich verstehe nicht ganz wie ich zu der Ehre kam. Wieso küsst du mich? Ich dachte, du empfindest nur Freundschaft für mich.“ Das war vielleicht die falsche Frage nach diesem Kuss, aber Sascha wollte gerne Gewissheit haben. Und sie wollte wissen, ob sie sich Hoffnungen machen durfte oder lieber alles als einmalig abstempeln sollte.
„Ich dachte auch, Michael zu heiraten wäre richtig. Sascha, dass ich mich damals für Michael entschieden habe war ein Fehler. Das habe ich zwar zu spät erkannt, aber wenn ich ehrlich bin…also, ich wusste wie Michael auf die Tiere reagieren würde und es hat mit eine Freude bereitet ihn nach Napsütés mit Válás zu schocken. Wahrscheinlich habe ich unbewusst nach einer Art gesucht ihn wieder loszuwerden. Ich war mir sicher, du würdest beide mögen.“
„Naja, deinen Kater kenne ich leider nicht, aber Napi ist super.“ Sascha streichelte die Hündin übern Kopf. Kerstin hatte sie bereits seit längerer Zeit gewollt. Das war alles was zählte. Wenn es nach Sascha ging, konnte Kerstin auch Elefanten und Giraffen mit nach Hause bringen.
„Ich kann es nicht beschreiben…irgendwann…vor ein paar Wochen…da habe ich einfach gemerkt, dass es mir nur dann gut geht wenn ich bei dir bin, wenn wir zusammen sind. Und seit ich die Urlaubsvertretung mache, vermisse ich dich und freue mich auf den Mittwoch, nur um ein oder zwei Stunden mit dir zu verbringen. Naja,  da wurde sogar mir klar, dass ich wohl mehr für dich empfinde als eine normale Freundschaft.“ Sascha musste lächeln. Kerstin war süß. Und sie fühlte wie Sascha.
„Und weil ich die Hoffnung hatte, dass deine Gefühle für mich zumindest noch etwas vorhanden sind…eigentlich wollte ich das schon letzte Woche gemacht haben, beim Picknick, aber da hat mich dann der Mut verlassen…ich weiß nicht, ich kann es nicht erklären.“ Kerstin sah Sascha hilflos und doch glücklich an. Dann war das Knistern beim Picknick nicht nur Sascha aufgefallen. Sehr gut. Ganz sanft berührte Sascha mit ihren Lippen Kerstins rechtes Ohr.
„Ich empfinde noch immer das für dich, was ich damals empfunden habe. Und ich bin sehr, sehr glücklich, dass du mir eine Chance gibst.“ Ganz leicht küsste sie Kerstins Ohrläppchen, so dass Kerstin eine Gänsehaut bekam.
„Du hast gesagt, du kommst im Juli raus, ich hoffe mal, du wärst mit einer Ärztin, die auf einem stillgelegten Bauernhof lebt, zufrieden.“
„Bekomme ich eine Katze?“
„Wenn du willst, bekommst du einen Korb voller Katzen. Wenn mich nicht alles täuscht, dann haben wir so viel Platz, dass wir eine ganze Katzenfarm aufmachen könnten. Válás muss keine Einzelkatze sein.“ Kerstin und Sascha lachten. Der Gedanke mit Kerstin zusammen auf dem Bauernhof zu leben gefiel Sascha. Im Prinzip gefiel Sascha jeder Gedanke, in dem sie und Kerstin zusammen waren. Sie zog Kerstins Kopf zu sich und küsste sie sanft und lange. Sie hatte monatelang auf diesen Augenblick gewartet, da musste sie dringend noch ein paar mehr Küsse bekommen um sicher zu gehen, dass sie das alles nicht geträumt hatte. Sie hatte sich und Kerstin so oft in sanften Küssen gesehen und war dann aufgewacht. Das war jedes Mal ein Schock gewesen.
„Ihr nehmt auch nichts mehr wahr, was?“ Erschrocken ließen sich Sascha und Kerstin los. Vor ihnen stand Nathalie und grinste breit.
„Oh, sorry, wir…“, stotterte Sascha und merkte wie sie rote Ohren bekam. Seit wann wurde sie rot?
„Was ihr gemacht habt, das habe ich gesehen.“ Nathalie streichelte Napsütés. „Deswegen müsst ihr nicht gleich die Welt um euch herum vergessen.“
„Doch“, seufzte Sascha „Wenn ich diese Lippen spüre, dann kann ich an nichts anderes mehr denken. Du hast ja keine Ahnung wie lange ich von diesem Augenblick geträumt habe, da lasse ich mich nicht ablenken.“
„Wenn ich mir das Strahlen eurer Augen ansehe, dann würde ich sagen, ihr habt eine Ewigkeit auf diesen Augenblick gewartet – beide“, urteilte Nathalie trocken. „Frau Doktor, haben Sie etwa Ihren Anwalt wegen dieser Studentin verlassen?“
„Vielleicht. Schon möglich. Wahrscheinlich. Eventuell. Es war mir zwar nicht bewusst, aber…ja, ich denke schon. Kannst du das verstehen?“
„Ja. Ich denke nicht, dass es einen Anwalt in Berlin gibt, der Sascha das Wasser reichen kann. Du hast eine sehr gute Wahl getroffen. Und du? Du vernachlässigst dein Studium für diese Ärztin. Wo warst du eben im Seminar?“
„Ups.“ Das Seminar hatte Sascha ganz vergessen. Sie war so nervös gewesen weil sie zur Mittagspause mit Kerstin verabredet war, dass sie beim Träumen in der Bibliothek alles andere vergessen hatte.
„Gut dass du eine nette Mitstudentin hast, die dir alles mitgeschrieben hat und Kopien der Aufzeichnungen gemacht hat.“ Nathalie drückte Sascha einen Stapel Blätter in die Hand „Die wichtigen Dinge sind markiert. Und die angekreuzte Literatur ist Fachprüfungsrelevant. Bitte ganz genau lesen.“
„Danke.“ Sascha atmete erleichtert auf. In diesem Seminar würde sie als nächstes geprüft werden, da hätte sie sich eigentlich keine Fehlstunde erlauben dürfen.
„Seit wann werden die relevanten Bücher im Seminar erwähnt. Sonst heißt es immer, lest die Literaturangaben.“
„Du musst nicht alles wissen. Und wenn du mir nervige Fragen ersparst, verrate ich dir morgen vielleicht Genaueres zur Prüfung“, wich Nathalie der Frage aus. Allerdings war das, was sie sagt, genug für Sascha und Kerstin um sich ihre eigenen Gedanken über Nathalies Quellen zu machen und wie sie daran kam. Aber diesen Gedanken würden sie erst dann weiter nachhängen, wenn sie sich nicht mehr miteinander beschäftigten oder die Zeit damit verbrachten, an den anderen zu denken. Das konnte dauern…

„Ich liebe das Leben.“ Sascha umarmte Walter sobald sie alleine in der Zelle waren. „Es ist so wunderschön.“ Ein dicker, fetter Schmatz landete auf Walters Wangen. Diese wusste im ersten Moment gar nicht wie ihr geschah. So glücklich hatte sie Sascha nie gesehen. Sie strahlte übers ganze Gesicht und brachte mehr Helligkeit in den Raum als jede Glühbirne es hätte schaffen können. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben.
„Kerstin.“
„Sie ist so wunderbar.“
„Sie muss sehr nett zu dir gewesen sein.“ Walter sah Sascha prüfend an, die ein breiteres Grinsen hatte als es sich ein Clown jemals hätte ins Gesicht malen können.
„Ja.“
„Ja?“
„Ja.“
„Das ist alles was du dazu sagen kannst? Ja? Mensch Sascha, erzähle mir keine halben Geschichten, ich will alles wissen. Also?“
„Sie hat mich geküsst.“
„Du meinst, du bist über sie hergefallen, hast sie geküsst und sie hat dir keine gescheuert.“ Walter sah Sascha forschend an. So wie es damals ungefähr gewesen war. Diese schüttelte allerdings den Kopf.
„Wie, der Hauptmann hat dich…“ Walter war baff. Sollte die Initiative diesmal wirklich nicht von Sascha ausgegangen sein? Sondern von Kerstin? Das wäre ja mehr eine hundertachtzig Grad Wendung in der Geschichte, das wäre ja ganz ein neues Kapitel. Sollte der gute Hauptmann doch plötzlich ihre Vorliebe für Frauen entdeckt haben? Und dass, wo sie Sascha immer das Gegenteil gesagt hatte.
„Die hat dich wirklich geküsst? Oder hast du dir das eingebildet als du in einer deiner Geschichte vertieft warst. Den Literaturklassiker mit einem Märchenbuch verwechselt hast.“
„Keine Einbildung. Sie hat festgestellt, dass sie sich in meiner Nähe wohl fühlt, dass sie die Tiere geholt hat um Michael loszuwerden und dass sie Gefühle für mich hat. Seit sie die Urlaubsvertretung macht und wir uns nur einmal die Woche sehen, hat sie extrem gemerkt wie sehr sie mich vermisst und dann mal darüber nachgedacht wieso sie mich vermisst. Dabei muss ihr wohl aufgefallen sein, dass sie mehr als Freundschaft für mich empfindet. Naja, dann wollte sie mir das eigentlich letzte Woche beim Picknick sagen, aber da hat sie der Mut verlassen und so hat sie mich dann heute bei einem Spaziergang spontan und für mich völlig überraschend geküsst. Ohne Herumgezicke hinterher oder andere Spiränzchen. Sie scheint sich entschieden zu haben…zumindest hoffe ich das.“ Normalerweise wäre jetzt der Zeitpunkt für Zweifel gewesen, aber Sascha war zu glücklich um zu zweifeln. Viel zu glücklich.
„Ich hoffe mit dir.“ Walter umarmte Sascha glücklich. Endlich hatte sich Saschas Hartnäckigkeit ausgezahlt. Zumindest schien es so auszusehen.
„Das heißt, du musst aber jetzt wieder bis nächsten Mittwoch warten bis du sie wiedersehen kannst?“
„Ja, wahrscheinlich. Sie muss zur Arbeit bevor ich hier rauskomme und ihre Pause ist für Napsütés reserviert, die muss schließlich trainiert werden. Das verstehe ich. Und wenn Kerstin Feierabend hat, dann bin ich wieder in Reutlitz. Aber das Warten ist gar nicht mehr so schlimm. Und ich Trottel habe mich in den letzen Tagen mit den Fragen gequält ob sie mich vielleicht hängen lässt weil sie jetzt wieder unter Ärzten ist. Ich meine, was kann ich als Knacki ihr schon geben? Ich habe kein Haus, kein Auto, kann ihr keine Reise schenken, ich kann nicht einmal mit ihr Essen gehen.“
„Du kannst ihr dein Herz schenken und deine Liebe. Eine Liebe, die ein Jahr warten und Enttäuschungen überstanden hat und somit bewiesenermaßen stark ist. Ich denke, das ist mehr Wert als all der andere Kram. Kerstin ist keine Frau, die jemanden braucht, der sie aushält, sondern sie braucht jemanden, der sie liebt und versteht. Und da bist du die beste Person.“ Sascha knuffte Walter in die Seiten.
„Solch romantische Worte von dir? Ich bin beeindruckt.“ Sascha grinste breit. Walter, die erklärt hatte, Romantik sei was für verweichlichte Heten, die auf diese Art und Weise nur ihre Chancen jemanden flachzulegen, steigerten. Offenbarte Walter da eine Seite, die sie bisher sehr gut versteckt hatte?
„Vergiss das gleich wieder. Ich habe einen Ruf zu verlieren.“ Walter baute sich gespielt drohend vor Sascha auf. Diese tätschelte ihr den Arm, wie man es bei einem kleinen Kind macht, dass einem eine Geschichte erzählte, die nicht wahr sein konnte.

Teil 16

„Hey.“ Kerstin drehte sich um. Sie wartete seit einer Viertelstunde auf Sascha. Heute wollte sie sie in der Mittagspause überraschen und war deswegen extra früh von ihrer Arbeit weggefahren und hatte Napsütés bei Andrea gelassen. Jedoch schien Sascha entweder ihre Pause verpasst zu haben oder sie hatte sie heute früher gemacht.
„Hi Nathalie, weißt du wo…?“
„Im Seminar. Sie hat heute Morgen erfahren, dass es ein Kolloquium für ihre nächste Prüfung gibt. Der Dozent hat es erst eben gesagt. Deswegen hat sie ihre Pause ausfallen lassen. Weiß sie dass du hier bist?“
„Nein, ich wollte sie überraschen.“ Kerstin sah betrübt zu Boden. So ein Mist. Da hatte sie es geschafft, sich die Zeit freizulegen, in der Sascha Pause hatte, und dann das. Wieso konnte dieser Dozent sein Seminar nicht an einem anderen Tag anbieten? Gerade heute, wo sie hier war.
„Das ist dumm gelaufen. Ich meine, ich kann sie jetzt schlecht daraus holen. Und das Seminar ist wichtig. Kannst du später noch mal herkommen?“
„Erst wenn sie wieder nach Reutlitz muss. Ich habe heute Dienst bis 18 Uhr. Verdammt. Ich hätte sie so gerne gesehen…“
„Es ist schwer eine gerade aufkeimende Beziehung am Leben zu halten wenn man kaum Zeit miteinander verbringen kann, oder?“
„Ja.“ Kerstin ließ sich auf eine Bank fallen und stützte den Kopf auf ihren Fäusten ab. Da hatte sie endlich kapiert was Sascha für sie bedeutete und dann das. Sie konnten kaum Zeit miteinander verbringen und einfach in Reutlitz auftauchen um Sascha zu sehen ging auch nicht. Es gab schließlich Besuchszeiten und zu denen war Kerstin in der Praxis. Eine andere Frage war, was aus ihr und Sascha werden würde, wenn Kerstin wirklich nach Reutlitz gehen würde, um dort die Stelle als Ärztin anzutreten. Das würde ihre Beziehung erneut erschweren. Sie würden sich dann eventuell jeden Tag sehen, aber nur wahrscheinlich nur dann, wenn Kerstin zur Arbeit ging und wieder nach Hause musste. Was für eine Beziehung. Mal ganz davon zu schweigen, dass sie ihre Beziehung dann erst Recht geheim halten mussten.
„Kannst du es nicht irgendwie einrichten sie heute Nachmittag nach Reutlitz zu bringen? Als Entschädigung?“ Kerstin schüttelte den Kopf. Sie würde gerne, aber es ging nicht.
„Ich wollte sie doch überraschen…ihr eine Freude bereiten…verdammt.“ Nathalie legte ihren Arm um Kerstin. „Wenn sie nur abends raus könnte…oder überhaupt mal einen Tag in Freiheit verbringen dürfte…so ganz ohne Vorschriften.“
„Wann kann sie denn endlich raus? Muss sie wirklich bis zum nächsten Juni sitzen? Ich meine, sie hat Ausgang dank guter Führung, da kann man sie gleich rauslassen.“ Kerstin lächelte gequält. Sie vertrat diese Meinung mit. Nur, die Justizverwaltung würde das anders sehen.
„Ich habe keine Ahnung. Michael könnte da mehr wissen, aber wird mir sicherlich nicht helfen, Sascha früher rauszubekommen. Alles was er will, ist schnell eine gültige Scheidung zu bekommen und dann nie wieder Kontakt mit mir zu haben. Wenn ich einen festen Job hätte, dann könnte ich mir einen Anwalt nehmen, der sich darum kümmern Sascha schnell frei zu bekommen.“
„Ich frag mal meine WGler, vielleicht haben die eine Idee. Immerhin wimmelt es hier von Jurastudenten.“
„Da sagst du etwas.“ Kerstin umarmte Nathalie spontan „Ich frage Doktor Reinhard, der ist schließlich Dozent für Rechtskunde. Vielleicht fällt das in sein Gebiet.“ Eine geniale Idee. Man musste sich seine Kollegen zu nutze machen. Zumindest so lange wie sie hier noch als Gastdozentin war.
„Wer weiß. Die Welt der Juristik ist groß, doch wieso sollte er das nicht wissen oder zumindest jemanden kennen, der sich damit auskennt.“
„Ich werde es versuchen.“ Kerstin sah auf ihre Uhr. Sascha würde sie nicht sehen können, aber vielleicht konnte sie etwas für Saschas Entlassung tun. Und wenn dem so war, dann würde sie alle Mittel und Wege in Bewegung setzen.

Sascha hatte sich am Abend mal wieder Zeit für ihren Förderkurs genommen. Nachdem Nico, so war der Name der jungen Frau, die wegen schwerer Körperverletzung saß, und die ihr angeboten hatte die Kurse weiterzuleiten wenn sie nicht da war, sich als gute Nachfolgerin für Sascha entpuppte, konnte Sascha auch die Abende für ihr Studium nutzen.
„Du bist gut“, lobte Sascha sie.
„Danke.“ Kurze, knappe Antworten schienen die Stärke von Nico zu sein. Zumindest lief sie nie in Gefahr jemanden tot zuquatschen. Es wunderte Sascha, wie sie Kurse geben konnte. Sprach sie mit ihren Schülerinnen? Oder war sie nur außerhalb der Kurse so schweigsam? Es gab Menschen, die sagten im Privatleben keinen Ton, aber im Job blühten sie auf. Vielleicht war der Kurs Nicos Job.
„Die Frauen sind begeistert von dir.“
„Möglich.“ Na super, es war einfacher ein Buch zum Sprechen zu bringen als Nico.
„Frau Mehring?“ Jonathan Müller kam aus dem Aquarium zu ihnen „Haben Sie kurz Zeit?“
„Ja, natürlich.“ Mit Nico reden konnte sie später noch…beziehungsweise, Sascha würde reden und Nico einsilbig antworten.
„Es geht um Herrn Jansen.“ Sascha verzog das Gesicht. An den wollte sie nicht denken und nicht drüber reden. Dann lieber Selbstgespräche mit Nico führen.
„Wie sie wissen, ist Herr Jansen wegen seiner Panikattacken…“
„An der ich schuldig bin, ich weiß. Er hat es mir oft genug vorgehalten. Soll ich ihm jetzt einen Brief schreiben um mich zu entschuldigen oder vor ihm auf die Knie fallen und um Entschuldigung betteln?“ Saschas Laune sank sekündlich.
„Wie kommen Sie denn auf die Idee?“
„Was sollten Sie sonst wollen? Schlusen wollen immer das Gleiche.“
„Interessant. Ich weiß, Sie haben eine längere Karriere in verschiedenen Gefängnissen hinter sich, aber diesmal muss ich Sie leider enttäuschen. Sein Anwalt hat uns kontaktiert und zwar geht es darum, Gespräche zu führen. Sie beiden und ein Mediator. Das könnte Herrn Jansen helfen mit seinen Panikattacken zurechtzukommen und Ihnen könnten diese Gespräche eine vorzeitige Entlassung bescheren. Ich finde, das ist eine Überlegung wert.“ Er lächelte Sascha an. Leider hatte er da Recht. Wenn sie diesen Gesprächen zustimmen würde, dann könnte sie eher raus. Das würde bedeuten, dass sie und Kerstin sich eher sehen konnten. Immerhin waren sie gerade dabei eine Beziehung zu beginnen. Doch andererseits würde sie Jansen helfen und das passte gar nicht ihre Überzeugung.
„Sie können sich das bis morgen überlegen, eher ist der Anwalt nicht zu erreichen.“
„Meinen Sie denn, da gebe es etwas zu überlegen?“, konterte Sascha.
„Wenn ich Ihren Gesichtsausdruck richtig deute, dann ja. Überlegen Sie es sich.“ Jonathan Müller lächelte Sascha freundlich an und ging wieder. Sascha seufzte. Nachdenken. Was sollte sie da groß nachdenken? Sie würde diesen Gesprächen zustimmen um schneller hier herauszukommen. Hoffentlich versuchte Jansen nicht sie zu provozieren um ihren Aufenthalt in Reutlitz zu verlängern. Aber eigentlich sollte er auch froh sein wenn sie raus war, denn dann würden sie sich nicht mehr sehen.
„Sag bloß, du musst wirklich überlegen ob du das machst.“ Nico sah Sascha entrüstet an. „Das ist deine Chance vielleicht schon in diesem Jahr hier rauszukommen. Das kannst du unmöglich ablehnen.“ Wow, das waren drei Sätze am Stück. Nicos persönlicher Rekord seitdem sie hier war. Und sieh hatte anscheinend das Gespräch verfolgt. Demnach konnte ihr nicht alles egal sein.
„Meinst du?“
„Ja.“
„Na, mal sehen.“ Sascha ließ Nico stehen und ging zum Telefon. Vielleicht war Kerstin Zuhause, dann konnte sie mit ihr über die neue Perspektive reden. Wobei, sie war sich sicher, Kerstins Meinung zu kennen.

„Hallo?“ Kerstins Stimme war müde. Sie hatte einen anstrengenden Tag in der Praxis hinter sich, Napsütés hatte sich einen Magen – und Darmvirus eingefangen und trieb Kerstin am laufenden Band nach draußen und zu allem Überfluss hatte ihr Nachbar ihr beim Rückwärts einparken eine Macke ans Auto gefahren.
„Hi.“ Schwups, schon machte Kerstins Herz drei Extrasprünge. Wie es das immer machte, wenn sie diese Stimme hörte. Saschas Stimme.
„Sascha.“ Kerstin schmolz quasi auf ihrer Couch dahin. Sogar Válás schien sich mehr an Kerstin zu schmiegen um jedes Wort zu verstehen.
„Schön deine Stimme zu hören“, sagte Sascha glücklich.
„Dito. Du, ich war heute an der Uni…“
„Ich weiß, Nathalie hat es mir erzählt. Ich hätte meinen Dozenten erschlagen können. Du bist da und er drückt uns ein Seminar extra aufs Auge.“
„Es ist für deine Prüfung, das verstehe ich.“ Kerstin hätte Sascha jetzt gerne in den Arm nehmen „Wir holen das nach, okay?“
„Ich will es hoffen. Du, ich habe heute etwas Seltsames erlebt. Der Jansen will mit mir sprechen. Mit einem Mediator und so. Das würde bedeuten, dass ich vielleicht eher hier raus kann…“
„…und dann können wir uns jeden Tag sehen. Das wäre super.“ Kerstin musste lachen „Weißt du was das Komische daran ist? Ich habe heute mit einem Rechtdozenten gesprochen und der hat mir das Gleiche empfohlen. Ihr sollt euch zu einem Täter-Opfer-Ausgleich treffen.“ Beide mussten prusten. Das war ein Zufall.
„Wow, das nenne ich mal einen geteilten Gedanken.“
„Und? Wirst du das Angebot annehmen?“
„Tja, ich habe Bedenkzeit bis morgen bekommen.“
„Bedenkzeit?“
„Ja, der Müller meinte, ich könnte mir alles überlegen und dann morgen bevor ich gehe ihm sagen wie ich mich entschieden habe.“
„Hört sich nett an.“
„Die Bedenkzeit?“
„Der Müller.“
„Ey“, protestierte Sascha grinsend.
„Keine Angst. Also, sagst du zu? Das könnte uns sehr behilflich sein…Sascha, wenn du früher aus Reutlitz raus bekommst, dann könnte ich da anfangen.“
„Ich würde dich an deinem Job hindern?“
„Nicht an meinem Job, aber ich würde gerne…wenn wir beide zusammen…dann kann ich nicht in Reutlitz anfangen wenn du da bist.“ Sascha musste lächeln. Kerstins Satzfetzen waren zu süß. Was sie ihr eigentlich sagen wollte,  war dass sie nicht in Reutlitz anfangen konnte so lange Sascha dort Insassin war, denn dann konnten sie keine Beziehung führen. Kerstin schien wirklich an einer Beziehung interessiert zu sein.
„Ich will mich nicht mit dir verstecken müssen und vorgeben, wir beide wären – wenn überhaupt – nur Freunde.“
„Wann könntest du hier anfangen?“
„Ende des Jahres.“
„Okay, ich mach’s. Ich werde mich mit Jansen treffen und versuchen bis Januar hier herauszukommen. Dann müssen wir unsere Beziehung nicht allzu lange geheim halten.“
„Du bist ein Schatz.“
„Ich weiß. Sehen wir uns Mittwoch?“
„Klar, was sollte ich denn sonst machen?“ Sascha drehte verträumt die Schnurr des Telefons um ihren Finger. Allerdings ging das nicht gut, da es eine Eisenschnur war.
„Ich vermisse dich.“
„Ich dich auch. Und ich bin tierisch eifersüchtig auf Nathalie. Die durfte dich sehen. Das ist unfair.“
„Dafür hat sie mich auf die Idee gebracht, einen der Dozenten nach dir zu fragen. Und sie will gucken, ob sie irgendwo einen Anwalt für dich auftreiben kann, der möglichst kein Geld will. Ich hasse unsere finanzielle Lage.“
„Ich auch.“ Sascha seufzte. Und sie konnte nichts daran ändern. Wie sollte sie an Geld kommen. All ihr Geld ging für die Fahrkarten drauf. Eine schöne Miesere.

Teil 17

Saschas Laune war langsam wieder auf dem Weg der Besserung. Die letzten Tage waren zäh wie Gummi gewesen. Morgen Mittag würde sie Kerstin wiedersehen. Keine vierundzwanzig Stunden mehr. Sascha konnte sich nicht auf ihr Buch konzentrieren. Alle paar Sekunden sah sie auf ihre Uhr um festzustellen, dass es immer noch lange Zeit war bis sie Kerstin sehen würde. Die zugeschlagene Tür ließ sie aufsehen. War es schon Zeit für den Einschluss?
„Hallo.“ Überrascht sah Sascha auf. Nicht Mel, Walter oder Jeanette waren hereingekommen sondern Nico. „Was machst du denn hier?“
„Wohnen.“
„Was?“
„Jeanette ist raus, ich habe ihren Platz bekommen.“
„Aha.“ Sascha sah Nico irritiert an.
„Na ihr beiden Intellektuellen, jetzt seid ihr zusammen. Hoffentlich muss ich mir keine von diesen hochtrabenden Gesprächen anhören.“ Mel ließ sich auf ihr Bett fallen und setzte die Kopfhörer auf „Schönen Gruß von Walter, die hatte eine kleine Diskussion mit den Bankräubern und wird die Nacht im Bunker verbringen.“ Bevor einer eine Frage stellen konnte, hatte Mel das Licht ausgeknipst und ihren Walkman angestellt. Die Musik war laut genug damit Sascha mithören konnte. Mels Laune schien nicht die Beste zu sein.
„Walter ist im Bunker? Na super. Ich habe ihr gesagt, dass sie diesen dämlichen Machtkämpfe lassen soll, aber nein, sie musste ja wieder versuchen der Boss zu werden.“ Sascha knallte ihr Buch zu und ging zum Fenster. Gerade jetzt hätte sie sich gerne mit Walter unterhalten.
„Schlafwandlerin?“
„Genervt.“
„Wegen Mels Machtdemonstration?“
„Mir ist scheiß egal ob Mel das Licht ausmacht und mir Schläge androht wenn ich es wieder anmache. Wieso musste Walter gerade heute in den Bunker? Da will man mal mit der Frau reden und sie lässt sich einschließen. Typisch.“
„Ich höre dir zu.“
„Wenn es ums zuhören gehen würde, dann kann ich’s auch der Wand erzählen. Die ist ähnlich gesprächig“, meinte Sascha frustriert.
„Danke.“
„Willst du bestreiten, dass du nicht gerade zu den Gesprächigen gehörst? Bisher habe ich dich nur einmal mehr als einen Satz am Stück reden hören.“
„Wozu jeden sein Leben erzählen?“
„Keiner redet davon, dass du einem dein Leben erzählen sollst. Aber etwas mehr Interesse an den Frauen hier könnte deine Beliebtheit enorm steigern.“
„Ich bin gerührt.“
„Oder solche Kommentare.“
„Ich habe kein Problem mich mit anderen zu unterhalten. Die Kurse halte ich nicht indem ich Sätze auf Zettel schreibe und die dann hochhalte.“
„Manchmal habe ich das Gefühl.“ Sascha ließ wieder auf ihr Bett fallen. Wieder fünf Minuten weniger bis sie Kerstin wiedersah.
„Und wo ist dann das Geheimnis deines Schweigens? Wo ist der tiefere Sinn? Weißt du, dass du manchen hier ein Dorn im Auge bist und dass dein Ruf, eine extrem brutale Schlägerin zu sein, dich bisher vor Prügel bewahrt hat? Eines Tages werden die Frauen jedoch testen wie viel da wirklich dran ist.“
„Wenn es ihnen dann besser geht. Sie werden merken was sie davon haben.“ Sascha schüttelte den Kopf. Entweder war diese junge Frau wirklich ein Nahkampfass oder sie hatte eine mehr als positive Grundeinstellung.
„Oder umgekehrt.“ Sascha zog sich die Decke übern Kopf. Diese Unterhaltung hatte keinen Sinn. Sie drehten sich bereits seit Minuten im Kreis. Allerdings waren es Minuten, die nun nicht mehr zwischen Sascha und Kerstin standen.

„Hallo.“ Überglücklich fielen sich Sascha und Kerstin um den Hals und küssten sich innig. Endlich hatten sie sich wieder. Sascha musste sich zurückhalten um nicht Kerstins Rückrad zu brechen, so sehr drückte sie sich an sich. Was waren die Stunden gekrochen.
„Ich lasse dich nie wieder los“, flüsterte Kerstin leise in Saschas Ohr. Vor lauter Freude hatte sie sogar Napsütés’ Leine losgelassen. Die Rotweilerhündin hatte die Gunst der Stunde genutzt und hatte, nachdem sie Saschas Hand zur Begrüßung abgesabbert hatte, sich auf den Weg zu Nathalie gemacht um mit ihr das Mittagessen zu teilen.
„Ich nehme dich beim Wort. Oh Kerstin, ich hasse es dich nur diesen einen Nachmittag zu sehen.“
„Wir werden das ändern sobald du raus bist. Hast du schon die ersten Termine?“
„Nein.“
„Egal. Hauptsache du kommst früher raus.“ Kerstin küsste Sascha erneut.
„Haaaallloooooo, Mädels, euer Hund frisst mir mein Essen weg“, protestierte Nathalie entnervt. „Könntet ihr sie bitte zurückpfeifen?“ Schweren Herzen trennten sich Kerstins Lippen  von Saschas.
„Napsütés, lass das. Aus!“ Widerwillig ließ die Rotweilerhündin von Nathalies Broten ab und kam zu ihrem Frauchen zurück.
„So ist brav.“
„Ihr vergesst die ganze Welt wenn ihr euch seht, was?“
„Vielleicht. Zumindest ist dann alles andere erst einmal nicht so wichtig“, gab Sascha grinsend zu „Und was ist schon dein Brot gegen Kerstins Küsse? Nichts.“
„Das kann ich so nicht beurteilen, aber über etwas mehr Anteilnahme deinerseits wäre ich sehr erfreut.“
„Arme Nathalie.“ Sascha setzte sich neben sie und knuffte ihr in die Seite. Kerstin ließ sich auf Saschas Schoß nieder. Sie wollte keinen Zentimeter mehr als nötig von ihr weg sein.
„Hi Ladies.“ Chris und Benni kamen aus dem Universitätsgebäude „Wow, Frau Doktor, schön Sie zu sehen. Ich entnehme Ihres Daseins, dass heute Mittwoch ist“, meinte Benni amüsiert.
„Anders ist dir das nicht aufgefallen?“
„Nö, jeder Tag ist gleich wenn man die halbe Nacht im Studio ist und an Songs arbeitet um sie dann am nächsten Wochenende zu präsentieren.“
„Das erklärt wieso ihr die ganze Woche über in die falschen Kurse lauft“, bemerkte Nathalie trocken.
„Ja, was wissen wir denn wo wir hin müssen? Die Raumverteilung hat sich letzte Woche geändert und wir haben null Ahnung wo unserer Zettel hingekommen sind, auf denen stand, wo wir jetzt sind. Naja, ich gehe mal davon aus, dass das große Treffen wie geplant in der Aula stattfindet, dann können wir uns den neuen Plan besorgen.“ Chris legte sich lang ins Gras und starrte in den Himmel „Wenn ich bis dahin noch wach bin.“
„Wie wollt ihr Prüfungen bestehen wenn ihr in diesem Zustand seid?“, fragte Sascha.
„Mit einer eins. Nein, bis dahin sind wir wieder okay, das ist nur bis nächste Woche so, dann haben wir unsere CD aufgenommen und der Alltag hat uns wieder. Du solltest sie dir übrings besorgen, wenn du schon keine Konzerte sehen kannst.“
„Ich habe keinen CD Player.“
„Was für ein Leben, Grässlich. Ich nehme dir die Lieder auf Kassette auf“, murmelte Chris und war wenige Sekunden später eingeschlafen.
„Daher der miese Ruf der Studenten.“ Kerstin stand auf und nahm Saschas Hand „Gehen wir ein Stückchen?“
„Ja.“ Sascha nahm Napsütés’ Leine „Bis gleich in der Bibo.“ Hand in Hand schlenderte sie mit Kerstin am Universitätsgebäude vorbei.
„Weißt du, am Liebsten würde ich dich mit zu mir nehmen, da hätten wir unserer Ruhe.“ Kerstin sah Sascha traurig an.
„Ich würde gerne mitkommen, aber ich kann nicht. Wenn rauskommt, dass ich das Gelände verlassen habe und nicht auf den Weg nach Reutlitz bin, dann war es das mit meinem Studium. Aber ich habe einen Antrag auf Freigang gestellt, dann können wir den Tag so verbringen wie wir wollen.“
„Das wäre schön.“ Kerstin blieb stehen und umarmte Sascha. Es war besser als an den anderen Wochentagen wenn sie Sascha mittwochs in der Universität sah, aber sie hatten nicht viel Ruhe. Und Kerstin hasste es, wenn sie beim Küssen von Menschen angestarrt wurde. Und jetzt, wo sie Sascha küsste, starrten mehr Menschen als wenn sie Michael geküsst hatte. Allerdings sah Sascha auch besser aus als Michael. Okay, das war wohl weniger der Grund für das Starren. Trotzdem würden diese Blicks Kerstin nicht davon abhalten ihre Süße weiterhin zu küssen. Sie hatte die Wahl Sascha vor den Augen der Studenten zu küssen oder gar nicht und letzteres kam gar nicht in Frage. Dann lieber über den eigenen Schatten springen.

Teil 18

„Mehring, du hast Post“ Kittler warf Sascha ein Päckchen zu. Erstaunt sah Sascha zu Walter. Mit Post hatte sie nicht gerechnet. Ab und zu kam zwar mal ein Brief an, aber der war von der Universität. Es konnte nur ein Päckchen von Kerstin sein, wer sollte ihr sonst etwas schicken? Ihre Familie bestimmt nicht. Vielleicht war das Kerstins Art Saschas Wochenende zu verschönern.
„Soll ich raten?“, fragte Walter belustigt.
„Nein, sollst du nicht.“ Sascha riss das Päckchen auf. Eine Kassette und ein Zettel lagen drin.
„Und? Ein Tonband damit du gewisse Stimmen nicht vergisst? Oder ist das der neuste Schrei der Freiheit? Kassettensex? Telefonsex wäre hier zu unintim.“
„Ach Walter, du hast eine Meise.“ Manchmal konnte Walter sie ganz schön nerven. Sascha nahm ihre Sachen und ging in ihre Zelle.
Hi meine Schöne! Das war eindeutig Kerstins Schrift. Außerdem, wer sollte sonst so etwas schreiben?
Ich dachte mir, weil du ja nie abends raus kannst, verschaffen Nathalie und ich dir eine Kassette von Chris’ und Bennis Liedern, dann kannst du sie dir synchron mit mir anhören und es ist ein wenig, als wenn wir zusammen auf einem Konzert der beiden wären. Leider können wir nicht Händchen halten bei den (wenigen) romantischen Liedern, aber sobald du raus bist, holen wir das nach. Ich rechne fest damit, spätestens das nächste Osterfest mit dir zu verbringen. Außerdem habe ich eine Überraschung für dich, die ich dir dringend nächsten Mittwoch erzählen muss. Ich hoffe mal, es ist schönes Wetter, dann können wir eine unserer legendären Runden um die Uni drehen. Bis dahin denk an mich, denn ich denke an dich und lerne schön. Ich will stolz auf meine Vorzeigestudentin sein.
Bis Mittwoch, ich vermisse dich und denke ununterbrochen an dich.
K.
Ps.: Schöne Grüße von der WG
Sascha las den Brief gleich vier weitere Male. Endlich hatte sie etwas, das sie in die Hand nehmen konnte, das von Kerstin war. Sie nahm die Kassette und kramte ihren Walkman aus der hinterersten und untersten Ecke ihres Schrankes hervor. Zu ihrer Überraschung funktionierten die Batterien noch. Sie legte die Kassette ein, kletterte auf ihr Bett zurück und begann sich die Musik mit geschlossenen Augen anzuhören. Begrüßt wurde sie von Bennis Stimme, die ihr lachend mitteilte, dass sie die erste Person war, die die neuen Lieder zu hören bekam. Leider wäre es nicht die entgültige Version, aber es würde nicht mehr viel an den Liedern verändert werden. Er würde eine ausführliche Rezession in der nächsten Mittagspause erwarten. Sascha musste lächeln. Die Vorstellung, die er und Chris vor der Universität abgegeben hatten, spiegelte sehr genau die Richtung der Band wieder. Die Lieder waren getragen von tiefen Depressionen und Traurigkeiten, aber auch von tiefen Liebesschwüren und Liebesversprechungen. Man konnte diese Musik nicht hören wenn man eine fröhliche Party feiern wollte, aber wenn man seine Liebste vermisste oder Liebeskummer hatte, dann war auf diese Kassette genau das, was man empfand. Und so  fernab von Kerstin passte die Musik genau zu Saschas Stimmung. Kurz vor Ende der zweiten Seite meldete sich Chris’ Stimme auf dem Band. Er hoffte, Sascha wäre nicht depressiv geworden von der Musik und es hätte ihr wenigsten ein bisschen gefallen. Wenn dem nicht der Fall war, dann würde sie erstens Ärger bekommen und zweitens müsse sie dann die Kassette sofort wegwerfen. Sollte es ihr gefallen haben, dann würde sie jetzt ein Lied erwarten, dass er und Benni extra auf Kerstins Wunsch mit auf die Kassette gepackt hatten. Es war ein älteres Lied und sie hatten es extra für Sascha neu aufgenommen, weil Kerstin meinte, das Lied würde um Sascha gehen. Zumindest würde sie bei dem Text an Sascha denken. Wie hätte Sascha jemals abschalten können? Selbst wenn ihr die Musik nicht gefallen hatte, dann würde sie wissen wollen welche Lied Kerstin für sie ausgesucht hatte. Sascha konnte Bennis Stimme erkennen, der begleitet von einem leisen Piano zu singen begann:

Everybody is looking for someone
Someone who makes them happy
You can find this one in strangest countries
Countries you never knew before

Some find this in the neighborhood
Some at the place they work
Who can deny this special wish
To find someone like this
Who makes you flying with love

Some find this just for a little moment
Some for the rest of their life
You can find this one in the endless heaven
In stars, sun and moon light
You find this one in the deepest friendship
This one, who dies for you tonight
And you know what I mean
When I say I’ve found this special one
Who makes me flying with love

Nothing is impossible
When you’re in love
You can climb on every tree
And when you love
Never let it go
‘Cause it makes you happy

Well for me is it every day we grow together
To see the mystical moonlight in your faces
To know that you really love me
In every situation, in every place

All the love that you only me shows
All the love that makes you mine
We can fly without wings
‘Cause we are flying with love
Yeah we are flying with love

And with your love my life begins
Without it, it will end
We are flying with love

With all the love we give
We are flying with love

Sascha liefen Tränen übers Gesicht. Sie wünschte sich in diesem Moment sehnlicher als jemals zuvor in Kerstins Arme. Das war also das Lied, das Kerstin mit ihr in Verbindung brachte. Es war…Sascha fand keine Worte. Es war ein so einfacher Lied, das alleine von den Klängen des Pianos und Bennis Stimme, die die Liebesschwüre tief in Saschas Herz brannte. Bei diesem Lied wollte sie mit Kerstin alleine an einem Kamin sitzen. Ganz romantisch.

„Du siehst grässlich glücklich aus.“ Nico sah Sascha trocken an. Sascha hatte gerade zum wahrscheinlich dreißigsten Male heute das Lied gehört, dass Kerstin für sie ausgesucht hatte, und den Rest der Kassette bereits auch ein Dutzend mal. Eigentlich hatte sie den ganzen Sonntag über nichts anderes gemacht. Walter und Mel hatten es bereits aufgegeben etwas mit ihr zu unternehmen. Sascha und ihr Walkman waren nicht zu trennen. Das nächste Mal wollte sie die Kassette von Kerstin besprochen haben…nein, das nächste Mal wollte sie gar keine Kassette brauchen, da wollte sie draußen bei Kerstin sein. Die hatte sie gestern angerufen um ihre Stimme zu hören und heute Abend würde sie ihre letzte Telefonkarte für ein Telefonat mit Kerstin leeren.
„Du kannst gehen wenn es dich stört.“ Trotz ihrer guten Laune reagierte Sascha patzig.
„Wieso? Ist auch meine Zelle.“
„Glückwunsch.“ Sascha drehte sich auf die Seite und hörte sich ihr Lied erneut an. Wie es sich wohl anhören würde wenn Kerstin es sang? Konnte Kerstin singen? Bestimmt, Kerstin war eine tolle Frau, die konnte alles. Zumindest in Saschas Fantasie gab es nichts, was Kerstin nicht konnte. Glücklich seufzend legte sie ihren Walkman zur Seite um ihm ein paar Minuten Ruhe zu geben. Nicht auszudenken wenn er seinen Geist aufgeben würde und sie die Kassette nicht mehr hören konnte. Leise summte sie die Melodien vor sich hin während sie versuchte ihre Gedanken auf ein Buch zu lenken.
„Ich hoffe, es ist nicht das, was die Gerüchte sagen.“
„Was?“ Sascha sah irritiert auf. Nico war immer noch hier und schien ihrerseits ebenfalls in einem Buch zu lesen.
„Deine gute Laune.“ Es gab Gerüchte über ihre gute Laune? Woher wussten die anderen das? Hatten Walter oder Mel etwa…nein, wenn Sascha ehrlich war, dann konnte sie sich schnell ausrechnen woher die anderen Frauen von ihrer Laune wussten. Sie lief seit dem Erhalt des Päckchens mit einem Grinsen auf dem Gesicht herum, dass keiner übersehen konnte. Nur was interpretierten sie hinein? Von Kerstin wusste außer Walter niemand und die würde dicht halten.
„Was für ein Gerücht?“
„Du hast eine heiße Affäre.“ Das war ja interessant. Und es stimmte. Sascha setzte sich auf und sah zu Nico, die weiterhin in ihrem Buch las. Wenigstens gab sie Antworten auf Saschas Fragen.
„Und mit wem?“ Das war die interessanteste Frage zu diesem Thema. Wen hatten die Frauen als ihre heimliche Geliebte auserkoren? Sascha konnte sich sehr gut daran erinnern, wie Ilse anfangs davon ausgegangen war, dass sich eine Romanze zwischen Walter und Sascha anbahnte.
„Och, da gibt es verschiedene Meinungen.“ Sascha sprang vom Bett und nahm Nico das Buch weg.
„Wer?“ Sie wollte nicht um jeden Satz kämpfen müssen. Sie wollte endliche eine konkrete Antwort auf ihre Frage. Nico sah sie unbeeindruckt an, nahm ihr das Buch wieder ab, legte ein Lesezeichen auf die Seite, an der sie gerade war und legte dann das Buch zur Seite.
„Nun, ein paar Frauen meinen, du und Walter hättet etwas miteinander.“ Der Klassiker eben. Sascha musste bei der Einfallslosigkeit ihrer Mitinsassinnen innerlich stöhnen.
„Andere sagen, du hast was mit dem Müller weil ihr euch zu gut versteht.“ Das war wiederum eine interessante Sache. Da hatten wohl welche vergessen, dass sie nicht auf Kerle stand. Weiber.
„Und du würdest versuchen über ihn früher hier herauszukommen.“
„Ist eigentlich eine gute Idee, oder? Sollte ich mir merken.“
„Und dann sagen welche, du würdest draußen nicht studieren, sondern dich mit jemanden treffen.“
„Aha, na dann haben die Frauen ja etwas über das sie sich das Maul zerreißen können. Danke.“ Sascha sah kurz zu ihrem Bett, entschloss sich dann aber doch, ihrem Walkman ein paar Minuten mehr Ruhe zu geben und ging hinaus in den Gruppenraum. Vielleicht würde sie ja jemand mit den Gerüchten konfrontieren. Das würde ein interessantes Gespräch geben.

„Dich stören all diese Gerüchte nicht, oder?“ Walter sah Sascha forschend an. Sascha saß auf der Treppe und wartete darauf, dass sie wieder raus konnte zum Studieren. Seitdem Sascha von den Gerüchten um ihre Person wusste, hatte sie einige Bemerkungen hinter vorgehaltener Hand mitbekommen.
„Dich etwa?“
„Die zerreißen sich nicht über mich das Maul.“
„Doch, du bist ein Teil der Gerüchte. Wir beiden als Liebespaar.“
„Ich kann das nichts Negatives dran erkennen.“ Walter grinste breit und legte ihren Arm um Sascha.
„Nun, ich kann mit all den Gerüchten sehr gut leben.“
„Frau Mehring?“ Jonathan Müller kam aus dem Aquarium „Sie haben einen Termin bei Frau Schnoor.“
„Hoffentlich sagst du das gleich auch noch.“ Walter küsste Sascha auf die Wange „Wenn sie dir Ärger machen, dann schieb mich vor“, flüsterte sie Sascha schnell ins Ohr. Sascha sah sie dankbar an und folgte Jonathan Müller.
„Worum geht es denn?“
„Ich denke, um all die Gerüchte, die sich in der letzten Zeit um Sie drehen.“ Na super, jetzt wurden sogar die Schlusen mit reingezogen.
„Dann geht es ja unter anderen auch um uns“, grinste sie. Jonathan Müller sah das allerdings nicht ganz so locker.
„Das kann mich den Job kosten.“
„Naja, was soll Sie den Job kosten? Da ist nichts.“
„Ich weiß das, Sie wissen das. Es ist wichtig was die Gefängnisleitung sagt.“ Er öffnete die Tür zu Möhrchens Büro.
„Das sind Sie ja. Frau Schnoor erwartet Sie bereits. Zuerst Frau Mehring, dann sollen Sie dazu kommen, Herr Müller.“ Möhrchen wusste genau worum es ging, aber wenn sie die Worte weiter gab, die man ihr aufgetragen hatte, dann war da nicht eine Spur eines Untertons oder andere Nebengeräusche zu hören. Sascha trat in das Büro von Frau Schnoor.
„Setzen Sie sich.“ Sascha ließ sich auf dem Stuhl gegenüber des Schreibtisches fallen.
„Sie wissen warum Sie hier sind?“
„Wahrscheinlich wegen den Gerüchten.“
„Da sind Anschuldigen, die unter anderen einen Vollzugsbeamten betreffen.“
„Frau Schnoor, Sie wissen genau dass mich Männer nicht interessieren. Und das ändert sich auch nicht wenn ich dadurch angeblich bessere Chancen auf eine vorzeitige Entlassung habe. Ich meine, es gibt doch jetzt bald diese Gespräche mit Herrn Jansen, durch die ich eher hier herauskomme. Wenn ich Glück habe, bereits zum Jahresende. Wozu denn diese Chance gefährden?“
„Um eher rauszukommen?“
„Och wissen Sie, ich bin derzeit sehr zufrieden mit seiner Situation. Wahrscheinlich würde ich, wenn ich jetzt draußen wäre, mit der Situation nicht klar kommen. Ich habe mir vorgenommen, mein Studium bis zum nächsten Sommer beendet zu haben und kann ich nicht, wenn ich mich jetzt noch um eine Wohnung, Arbeit und andere Dinge kümmern müsste. Die Zeit bis Weihnachten ist studiumsentscheidend.“ Sascha sah Frau Schnoor fest an. Natürlich würde es schön sein, wenn sie jetzt raus könnte, dann könnte sie jede Menge Zeit mit Kerstin verbringen, aber wenn sie auf ihr Studium sah, dann war die es besser, sie würde in Reutlitz bleiben. Neben den laufenden Kosten, wie Miete oder Lebensmittel, sparte sie so auch das Geld fürs Studium. Und Kerstin konnte ihr derzeit finanziell auch nicht helfen, sie musste selber sehen, dass sie einen Job bekam.
„Es ist also nichts dran an der Geschichte, dass Sie eine Affäre mit Herrn Müller haben oder draußen ihre Studium vernachlässigen?“
„Frau Schnoor, ich gebe Ihnen jede Woche meinen Stundenplan, liefere alle Prüfungsunterlagen ab und bestehe meine Prüfungen mit eins oder zwei. Glauben Sie ernsthaft, das würde klappen, wenn ich nicht studieren würde? Ich halte mich die ganze Zeit auf dem Universitätsgelände auf und habe auch keine Affäre mit einem Dozenten oder einer Dozentin. Das einzigste, was ich nicht für mein Studium mache, ist mich mit ein paar Studienkollegen in der Pause treffen. Und mit Frau Herzog.“ Sascha hatte kurz überlegt, ob sie Kerstin nicht lieber außen vor halten sollte, aber was war, wenn es herauskam dass sie sich regelmäßig trafen?
„Frau Herzog?“
„Ja, wir haben uns dort wiedergesehen. Frau Herzog hat einen Lehrstuhl an der Universität angenommen und wir verbringen ein wenig Zeit miteinander. Oder ist das ein Problem?“
„Nein, natürlich nicht. Niemand will Ihnen Sozialkontakte aberkennen, wenn diese nicht gegen irgendwelche Vorschriften verstoßen.“
„Danke. Ich verspreche Ihnen, dass mein Studium an erster Stelle steht und ich gegen keine Verordnung verstoße.“ Das würde sie allerdings machen wenn Kerstin als Ärztin in Reutlitz arbeiten würde. Aber bis dahin hatten sie sich nichts vorzuwerfen.
„Gut. Frau Mohr, schicken Sie Herrn Müller herein?“ Ein paar Sekunden später war Jonathan Müller im Raum.
„Frau Mehring hat bestätigt, dass die Gerüchte um sie beiden erfunden sind. Haben Sie eine Idee wie die Frauen auf eine solche Idee kommen?“
„Nein, es sei denn, sie deuten mein Engagement um Frau Mehrings Studium falsch. Alles was uns verbindet, und nicht beruflicher Natur ist, ist die gemeinsame Freundschaft mit Nathalie, Frau Mehrings Studienkollegin.“
„Allerdings haben wir uns nie außerhalb von Reutlitz getroffen oder etwas Privates unternommen.“ Eine klitzekleine Lüge.
„Gut, ich werde das an die Justizverwaltung weitergeben. Und dann werden wir Ihr Projekt öffentlich machen damit diese Gerüchte aufhören.“ Frau Schnoor sah Jonathan Müller an. Dieser nickte.
„Gut. Frau Mehring kann gehen.“ Sascha stand auf. Es wurde Zeit, dass sie gehen konnte, ihre U-Bahn kam gleich und sie hatte ein wichtiges Seminar, das sie nicht verpassen wollte.
„Frau Mehring?“ Sascha drehte sich um. Was wollte Frau Schnoor noch?
„Enttäuschen Sie uns bitte nicht.“
„Mache ich nicht.“ Sascha lächelte und ging.

Teil 19

„Meine Güte, da hat es aber jemand eilig in die Pause zu kommen.“ Nathalie hielt Sascha die Tür auf, die aus der Bibliothek gestürmt kam. Keine Sekunde wollte sie von Kerstins und ihrem letzten Mittwochstreffen verpassen.
„Ja-a.“ Sascha sah sich um. Nichts zu sehen. Kunststück. Sascha war beinahe eine Viertelstunde zu früh dran.
„Lieber ein paar Minuten zu früh als eine Sekunde zu spät, oder?“ Nathalie reichte Sascha ein belegtes Brötchen, denn ans Essen war bei Sascha nicht zu denken gewesen. Deswegen hatte Nathalie ihr ein Brötchen mitgebracht.
„Danke.“ Sascha biss in ihr Brötchen und sah sich nach Kerstin um. Sie mussten unbedingt klären was ab nächster Woche mit ihnen los war. Sascha hatte keine Ahnung ob Kerstin sofort in der nächsten Wochen einen neuen Job antreten würde; gegebenenfalls sogar in Reutlitz. Da war sie ja. Wie immer wurde sie von Napsütés gezogen, die Kurs auf Sascha genommen hatte, und sie bereits freudig begrüßte bevor Kerstin nur den Hauch einer Chance hatte Sascha zu küssen.
„Hi“, lächelte Kerstin.
„Hi.“ Sascha umarmte sie und küsste Kerstin sanft ohne Napsütés zu vernachlässigen, die eifrig den Rest von Saschas Brötchen fraß und dann Saschas Hände so lange ableckte bis wirklich nicht einmal mehr der Hauch vom Brötchengeruch an ihnen klebte. Dann wandte sich Napsütés um. Vielleicht konnte sie bei Nathalie erneut etwas zu Essen stibitzen. Vorsichtig versuchte Napsütés die Leine aus den Händen ihres Frauchens zu ziehen, doch diese hielt dagegen.
„Napi, nein. Sitz.“ Den strengen Worten folgend ließ sich Napsütés seufzend neben Kerstin nieder und sah leidend zu Nathalie, die gerade ein Salamibrot auspackte.
„Meine Telefonkarten sind leer, ich konnte dich leider nicht anrufen“, sagte Sascha entschuldigend.
„Schon okay. Wie war deine Woche?“
„Naja, man unterstellt mir, ich hätte ein Verhältnis mit einer Schluse weil ich raus darf. Dann kamen meine Mitgefangenen auf die Idee, ich könnte etwas mit Walter haben und dann meinten sie, ich würde gar nicht studieren, sondern mich all meinen Liebhaberinnen hingeben. Wenn die wüssten, dass sich das auf einen Nachmittag in der Woche beschränkt.“
„Weiß die Gefängnisleitung von uns?“
„Nein, ich wusste nicht was mit dir und dem Angebot ist. Ich habe zwar zugegeben, dass wir uns sehen, aber mehr nicht. Du hast schließlich einen Stuhl als Gastdozentin hier und wir kennen uns. Wieso sollte es verboten sein wenn wir beiden Kontakt haben…?“
„Hallo Kerstin“, rief Nathalie, die es aufgegeben hatte darauf zu warten bis Sascha oder Kerstin etwas anderes als sich wahrzunehmen.
„Oh, hi.“ Kerstin grinste. Sobald sie Sascha sah, vergaß sie den Rest der Welt.
„Halli – hallo – hallöle.“ Benni und Chris tauchten ebenfalls auf „Ladies, wir haben fertig. Unsere CD ist im Computer.“
„Dann könnt ihr endlich wieder ordentlich studieren“, bemerkte Nathalie.
„Zuerst gönnen wir uns einen freien Tag.“ Benni ließ sich lang ins Gras fallen „Ich fühle mich kaputt. Wie eine Flasche leer, um ein Zitat zu benutzen.“
„Wie hat dir die Kassette gefallen?“, fragte Chris Sascha.
„Super. Ich habe sie das ganze Wochenende gehört. Wahrscheinlich wird sie spätestens in einem Monat den Geist aufgeben. Danke für das bestimmte Lied.“
„Da kannste dich bei der schönen Frau neben dir bedanken“, zwinkerte Chris. Sascha legte ihre Arme um Kerstins Hals. Das hatte sie auch noch vor.
„Sag mal, wie geht das jetzt mit dir weiter? Wirst du ab nächster Woche in Reutlitz zu sehen sein?“ Kerstin schüttelte den Kopf. Sascha atmete auf. Sie hatte gehofft, ein wenig Zeit zu haben bevor Kerstin nach Reutlitz kam.
„Ich werde in den nächsten Wochen umziehen. Die Mieter des Bauernhofes sind letzte Woche ausgezogen, jetzt werde ich in aller Ruhe gucken wo was repariert werden muss und das machen.“
„Du ziehst auf einen Bauernhof?“ Benni öffnete die Augen und sah Kerstin interessiert an.
„Ja, meine Eltern hatten jahrelang einen vermietet und ich werde dort nun einziehen. Das spart Miete und wer würde nicht ein Haus im Grünen gegen den Großstadtmief eintauschen?“
„Das hört sich gut an…und teuer.“
„Ja, ich denke, die Renovierung wird einiges an Geld verschlucken, deswegen werde ich mich zuerst auf die relevanten Teile beschränken. Und weil die ehemaligen Mieter so nett waren und Pächter für beinahe alle Wiesen gefunden haben, bekomme ich wenigstens ein wenig Geld. Deswegen muss ich nicht sofort nach Reutlitz.“
„Man könnte fast meinen, du wolltest nicht“, meinte Sascha.
„Wen wunderts?“ Kerstin küsste sie. Sobald sie in Reutlitz war, wäre es Essig mit ihrer und Saschas Beziehung. Da versuchte sie lieber so lange es ging etwas anderes zu machen. Und dann war da die Sache mit ihrer Vergangenheit.
„Hast du ein Zeitlimit bekommen bis wann du dich entscheiden musst ob du zurück willst?“
„Ja, bis Weihnachten. So lange wird die Vertretung sowieso da sein. Und wer weiß, ich habe immer noch die Hoffnung, dass du dann bald frei bist. Außerdem…“ Kerstin biss sich auf die Lippen und schwieg.
„Außerdem was?“, harkte Sascha nach.
„Sascha, ich muss dir noch etwas sagen, etwas Wichtiges, sehr Wichtiges.“ Kerstin sah Sascha ernst an. Sascha sah ihre Freundin an.
„Was denn? Ist etwas passiert? Gibt es Probleme?“ Kerstin schüttelte mit dem Kopf.
„Das heißt, ich hoffe, es gibt keine Probleme“
„Was ist es denn? Etwas mit dem Job?“ Sascha begann leicht panisch zu werden. Wieso sagte Kerstin ihr nicht endlich was los war?
„Es hat nichts mit dem Job zu tun. Es geht…es geht um mich…im weiteren Sinne…na ja, oder eher, im engeren Sinne…sehr engeren Sinne…“ Kerstin brachte jedes Wort mit ganz besonderer Vorsicht heraus als wenn sie Angst hätte, dass sie die Worte beschädigen oder verändern würde wenn sie sie schneller aussprach. Sie nahm Saschas Hände und sah ihr in die Augen.
„Das, was ich dir jetzt sage, das hat nichts mit uns zu tun. Ich hoffe, dass es nichts zwischen uns ändert. Es ist wahrscheinlich jetzt der falsche Zeitpunkt für so etwas, nein, das ist es ganz bestimmt sogar, aber ich kann es nicht ändern und wenn ich ehrlich bin, dann will ich es auch  nicht ändern.“ Sie sah sich kurz um ohne etwas Bestimmtes zu sehen. Einfach eine Sekunde Zeit zu bekommen um sich und ihre Worte zu sammeln und neu zu ordnen.
„Sascha, ich…ich bin schwanger! In der elften Woche!“
Die Zeit schien stillzustehen. Hatte Kerstin wirklich das gesagt, was Sascha verstanden hatte? Hatte sie wirklich gesagt, dass sie schwanger war? Das würde ja bedeuten, dass Kerstin und Michael…Michael, er würde Kerstin jetzt sicherlich nicht mehr so einfach gehen lassen. Er würde ihr Probleme machen oder versuchen sie zurückzugewinnen. Was sollte Sascha jetzt tun? Kerstin war schwanger. Schwanger. Elfte Woche. Das heiß, wenn sie abtreiben wollte, dann müsse das innerhalb der nächsten Woche geschehen. Aber Kerstin würde niemals ihr Baby abtreiben wollen, auch wenn es von Michael war. Michael. Was war, wenn sie zu ihm zurück wollte? Eine richtige Familie. Was war, wenn sie wollte, dass ihr Kind einen Vater hatte und nicht nur einen Erzeuger? Was würde dann mit Sascha passieren? War das das Ende ihrer Beziehung? Hunderte von Gedanken gingen gleichzeitig durch Saschas Hirn, keinen konnte sie ordentlich zu ende führen. Kerstin war schwanger. Das würde alles ändern. Alles, was gestern war, war heute ganz anders.
„Sascha?“ Kerstin sah Sascha besorgt an. Sie war ganz bleich geworden „Sag doch was, bitte.“
„Kerstin…ich…“ Tränen stiegen in Saschas Augen. Kerstin nahm ihre Freundin in die Arme und streichelte ihr beruhigend über den Rücken. Was war nur mit Sascha los?
„Hey, was ist denn? Nicht weinen, bitte.“ Sanft küsste sie Sascha an den Hals. „Ist doch alles gut.“
„Du bist schwanger.“
„Ja, das wird mich nicht umbringen.“
„Du wirst...wieder…zurück zu…Michael…..und ich…“ Der Rest des Satzes ging in Tränen unter. Kerstin streichelte weiter über Saschas Rücken. Deswegen war sie so fertig. Sie dachte, jetzt wo Kerstin schwanger war, würde sie zu Michael zurück wollen.
„Sascha, hey.“ Kerstin schob Sascha von sich weg „Hey, sieh mich an.“ Sie hob Saschas Kopf, so dass sie sich in die Augen gucken konnten „Ich werde nicht zu Michael zurückgehen nur weil ich schwanger bin. Okay? Wir haben uns getrennt, das ist so und das wird so bleiben. Ich würde ja sagen, dass meine Schwangerschaft nichts ändern wird, aber das ist unwahrscheinlich. Hör zu, ich will das Kind behalten. Und ich würde mich sehr freuen wenn du es mit mir aufziehst. Hörst du? Ich will es mit dir, nicht mit Michael.“
„Aber…“
„Kein aber. Ich will eine gemeinsame mit dir und dem Kind.“
„Aber Michael…“
„Michael ist Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft bist du; wenn du das überhaupt willst.“ Kerstin sah Sascha ernst in die Augen.
„Wie könnte ich das nicht wollen?“ Sascha umarmte Kerstin. Kein Michael. Kerstins Entscheidung für sie blieb bestehen, trotz Schwangerschaft. Saschas Herz verlor wohl in diesem Moment einen tonnenschweren Stein.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie Kerstin ins Ohr.
„Ich dich auch.“ Kerstin küsste Sascha sanft auf die Lippen.
„Meinen herzlichen Glückwunsch“, meinte Nathalie.
„Danke.“ Kerstin lächelte vorsichtig und ließ Sascha nicht einen Millimeter aus ihrem Arm. Sie hatte die drei völlig vergessen.
„Jau, alles Gute“, kam es gleichzeitig von Benni und Chris. „Auf dass das Kind nach der Mutter kommt.“ Diesem Wunsch schloss sich Sascha an. Es würde das wunderbarste Kind der Welt werden wenn es nach Kerstin kam.
„Dann musst du auf jeden Fall ein Kinderzimmer auf deinem Bauernhof einrichten“, stellte Chris fest.
„Ja, das habe ich mir beinahe gedacht. Im Stall sollte mein…“ Sie sah Sascha an „…unser Kind nicht schlafen.“
„Was für ein Zufall, dass ich der weltbeste Kinderzimmergestalter bin.“
„Seit wann?“, fragte Nathalie skeptisch.
„Immer schon. Ich habe viele Talente.“
„Und die meisten sind verborgen. Ganz tief. Kerstin, wenn du willst, dann helfe ich dir beim Umzug…und dabei den Schaden zu beseitigen, den unser Möchtegernzimmermann anrichtet.“
„Ich würde dir auch gerne helfen“, seufzte Sascha traurig. Aber das war wohl Utopie und Fantasie.
„Wenn du mich liebst, dann hilfst du mir.“ Kerstin küsste Sascha auf die Nasenspitze. „Und sobald du draußen bist, dann darfst du jede Menge Babysitten, kochen, putzen, waschen, mich bedienen.“
„Das hört sich schlimmer als im Knast“, lachte Sascha und kuschelte sich in Kerstins Arm. Sie würde alles für ihre Freundin machen. Was immer die wollte.
„Bitte, du musst nicht.“ Kerstin tat beleidigt.
„Als wenn ich dich alleine lassen würde. Du kommst auf Ideen. Und ich hoffe, der wilde Haufen hier wird mich die erste würdig vertreten – was das Renovieren und helfen angeht.“ Sascha sah Benni, Chris und Nathalie an.
„Und ich dachte, ich dürfte jetzt in Kerstins Bett und ein Liebespaar mit ihr sein bis du raus bist“, meinte Benni bedauernd „Schade. Die Aufgabe hätte mir gefallen.“
„Du, schaufele dir nicht dein Grab“, drohte Sascha lachend. Kerstin war ihre Freundin und die würde sie nicht teilen. Mit keinem.

Teil 20

„Okay, ich werde dann mal ins Seminar gehen, einer sollte da sein und mitschreiben und du hast die beste Ausrede der Welt um diese Person nicht zu sein“, zwinkerte Nathalie Sascha zu. „Los Jungs, ihr müsst auch los. Pflichtseminar. Hob, hob.“ Sie scheuchte Chris und Benni auf und trieb sie zum Universitätsgebäude.
„Wir sehen uns spätestens morgen, Sascha. Und Kerstin, ich rechne mit deinen Anruf am Wochenende.“
„Mach ich. Ciao.“ Kerstin sah Sascha verliebt an. „Und du bleibst wirklich hier? Wenn das Seminar wichtig ist, solltest du es nicht verpassen.“
„Es gibt Wichtiges.“
„Was da wäre?“ Beide Frauen drehen sich erschrocken um. Diese männliche Stimme kam zumindest Sascha sehr bekannt vor. Sie hatte allerdings nicht erwartet diese Stimme hier zu hören“
„Herr Müller?“ Sascha sah den Schließer entsetzt an. „Was machen Sie denn hier?“
„Dasselbe könnte ich Sie fragen. Sollten Sie nicht in Ihrem Seminar sein?“
„Öhm…das Seminar…“
„Seit wann wird den Gefangenen hinterherspioniert?“, fragte Kerstin. Diese Methoden waren ihr völlig neu.
„Anordnung von oben. Verdacht auf Missbrauch des Studiums und wie ich sehe, ist der Verdacht nicht ganz unbegründet. Und wer sind Sie?“ Bevor Sascha Kerstin davon abbringen konnte, Jonathan Müller zu sagen wer sie war, meinte Kerstin freundlich.
„Herzog. Doktor Kerstin Herzog“ Manchmal konnten Doktortitel helfen sich Respekt zu verschaffen.
„Ach, dann Sie sind ja die zukünftige Ärztin. Interessant.“
„Herr Müller…“ Sascha versuchte die Situation zu retten. Sie hatte versprochen, dass zwischen ihr und Kerstin nicht mehr als eine Freundschaft war und nun das.
„Ich denke, Sie gehen in Ihr Seminar, so wie es vorgesehen ist, und Frau Herzog und ich werden uns mal unterhalten“, meinte Jonathan Müller. Sascha seufzte. Was sollte sie da sagen?
„Okay.“ Traurig sah sie Kerstin an.
„Ich komme dich morgen in der Pause besuchen.“ Kerstin küsste Sascha auf die Wange.
„Bis morgen.“ Traurig warf Sascha Kerstin einen letzten Blick zu und ging dann zum Universitätsgebäude. Sie war erwischt worden. Allerdings machte sie sich mehr Sorgen um Kerstin und ihren Job als um ihr Studium. Jedoch wurde ihr klar, dass sie nicht nur ihr Studium verloren haben konnte, sondern ebenfalls die Chance auf eine frühzeitige Entlassung. Und damit die Chance, schnell bei Kerstin zu sein.

Sascha hätte an diesem Abend alles für eine Telefonkarte getan um Kerstin anzurufen um zu erfahren was sie und Jonathan Müller besprochen hatten. Sie wollte Walter anschnorren, aber diese hatte selber keine Telefonkarte mehr, da sie ein längeres Gespräch mit Nina geführt hatte. Also musste Sascha warten…spätestens in der Universität würde sie Nathalie ihr Handy abschwatzen und Kerstin anrufen. Oder vielleicht wusste Nathalie bereits was die Unterhaltung ergeben hatte.

Am Morgen hielt sie es nicht mehr aus.
„Herr Müller, kann ich Sie einen Augenblick sprechen?“ Sascha musste einfach wissen was los war. Bisher hatte sie keiner ins Direktorenbüro gerufen.
„Ja, bitte?“
„Wegen gestern, könnten wir das in Ruhe besprechen?“
„Gerne. Herr Kittler, ich bringe Frau Mehring zur Schleuse.“ Jonathan Müller begleitete Sascha aus dem Gefängnisgebäude.
„Also, wegen gestern…das mit Kerstin…ich…“
„Ich habe ein sehr interessantes Gespräch mit Frau Herzog geführt. Sie hat mir einiges von Ihnen erzählt.“ Hoffentlich nur Gutes, dachte Sascha.
„Und?“
„Sascha, lassen Sie uns zum Punkt kommen. Ich weiß inzwischen, dann sie die letzten vier Mittwochnachmittage nicht in den Seminaren oder der Bibliothek verbracht haben; zumindest nicht effizient.“ Verdammt, Kerstin hatte zuviel verraten. Wieso?
„Stattdessen waren Sie mit Frau Herzog zusammen, mit der Sie keine engere Beziehung haben dürften wenn diese in Reutlitz anfängt.“
„Ich weiß…“ Jonathan Müller machte eine Handbewegung um Sascha zum Schweigen zu bringen.
„Allerdings ist sie derzeit keine Ärztin in Reutlitz und wie es sich gestern angehört hat, wird sie diesem Beruf in den nächsten Monaten nicht nachkommen, weil sie erst nach der Geburt des Babys wieder arbeiten will…“ Das war neu für Sascha, würde jedoch bedeuten, dass…
„…und deswegen werden Sie sich hier nicht zu sehen bekommen. Ich rechne fest damit, dass Sie Reutlitz bis dahin verlassen haben.“
„Sie haben Frau Schnoor nicht…?“
„Ich habe keinem etwas gesagt. Allerdings denke ich, dass Sie sich einen freien Tag besorgen sollten. So wie Frau Herzog gestern erzählte, hat sie einen Bauernhof zu renovieren und da könnte sie bestimmt Ihre Hilfe gebrauchen; vor allem wenn sie im fortgeschrittenen Monat ist.“ Sascha traute ihren Ohren nicht. Jonathan Müller hatte sie nicht verraten und er legte ihr ans Herz sich Ausgang zu beschaffen um Kerstin zu helfen.
„Wären Sie keine Schluse würde ich Sie umarmen“, entfuhr es Sascha.
„Das wäre nicht gut, das würde den Gerüchten um uns nur neue Nahrung geben. Nur tun Sie mir einen Gefallen: passen Sie ein wenig auf und lassen Sie lieber keine Seminare ausfallen. Ich weiß nicht, ob es nicht noch einmal einen Überprüfungstag geben wird. Treffen Sie Frau Herzog lieber im Gebäude, das ist sicherer.“
„Okay, danke.“
„Keine Ursache.“ Jonathan Müller lächelte „Grüßen Sie Nathalie.“
„Mache ich.“ Ob sie die treibende Kraft hinter seiner Entscheidung war? Sie würde sicherlich nicht wollen, dass Sascha und Kerstin Ärger bekamen und sie und Jonathan Müller standen sich nahe…Sascha war sich nicht immer sicher wie nahe, aber nahe.

Statt Nathalies Handy hatte sich Sascha eine Telefonzelle für den Anruf ausgesucht und wartete nun, dass das Tuten sich in Kerstins Stimme verwandelte. Nervös klopfte Sascha mit dem Zeigefinger auf dem Telefon herum. Sie konnte unmöglich bis zur Mittagspause warten. Und was war, wenn Kerstin etwas dazwischen kommen würde? Dann müsste sie noch länger warten, das konnte sie nicht.
„Praxis Doktor Becker, guten Tag, was kann ich für Sie tun?“ Sollte sie sich mit ihrem richtigen Namen melden? Oder lieber ein Pseudonym vorschicken?
„Sonnenschein, Alexandra Sonnenschein. Ist Frau Doktor Herzog zu sprechen?“ Wozu gab es eine Hündin mit einem schönen Namen?
„Einen Moment, ich verbinde.“ So einfach hatte sich dass Sascha nicht vorgestellt.
„Herzog.“
„Hi, ich bins.“
„Dachte ich mir schon. Ich kenne nämlich keine Alexandra Sonnenschein. Wie geht es dir? Hat der Müller etwas gesagt?“
„Ja, ich soll dir helfen wenn du hochschwanger bist. Was hast du dem erzählt?“
„Och, so ziemlich meine ganze Leidensgeschichte und dass du im Moment meine einzigste Konstanze bist. Dass ich jetzt deine Hilfe brauche, wo ich gestern erst erfahren habe, dass ich schwanger bin und dass du da warst nachdem Michael mich wegen der Tiere verlassen hat. Dann haben wir ein wenig über dich und Nathalie gesprochen und dass er sich gedacht hat, dass du dir die eine oder andere Freistunden nimmst, denn Nathalie verweigert hartnäckig jeden Kommentar dazu. Er würde es allerdings nicht anders machen, wir sollten uns nur nicht erwischen lassen. Das nächste Mal könnte ein anderer Kollege abgeordnet werden dich zu überprüfen.“
„So was Ähnliches hat er mir heute Morgen auch gesagt. Und dass du nicht vor der Geburt nach Reutlitz kommen willst.“
„Ja, das ist besser. Stell dir vor, es kommt raus, dass wir beide eine Beziehung haben, dann bekommen wir beide große Probleme.“
„Mhm.“ Da war etwas Wahres dran. „Sag mal, störe ich dich gerade?“
„Nein, wir machen gerade Pause.“
„Wir?“ Kerstin war nicht alleine? Und dann sprach sie offen über ihre und Saschas Beziehung?
„Ja, Bernd und ich. Zehn Minuten bevor die nächsten Patienten an der Reihe sind. Ah, jetzt hebt er die Hände, fuchtelt damit herum und flüchtet.“ Sascha bekam einen kleinen Anfall von Eifersucht weil Kerstin sich so gut mit dem Arzt verstand, aber dann war ihr klar, dass sich beide verstehen mussten, sonst hätte er sie nicht in die Praxis geholt. Sie waren Studienfreunde und Kerstin hatte ihr gestern noch gesagt, dass sie nur sie will.
„Der weiß von uns?“
„Ja, er hat ziemlich schnell bemerkt, dass es jemanden in meinem Leben gibt. Und weil er versteht wie kompliziert unsere Beziehung derzeit ist, hat er mit eine verlängerte Mittagspause gegeben. Das heißt, ich kann Napi holen, mit ihr eine kleine Runde drehen und bin pünktlich zu deiner Pause da. Außerdem habe ich ab jetzt immer dann Vertretung wenn er oder sein Kollege weg sind.“ Das hieße, Kerstin hatte einen kleinen Job, den sie auch während der Schwangerschaft nachgehen konnte.
„Einen dieser 400 Euro Jobs?“
„Ja, genau. Entweder leiste ich meine Stunden als Vertretung oder ich mache den liegengebliebenen Papierkram, der zu sehr Fachchinesisch ist als ihn von den Krankenschwestern erledigen zu lassen.“
„Das hört sich gut an.“
„Ja, das ist es. Sascha?“
„Ja?“
„Ich vermisse dich. Es wird verdammt noch mal Zeit, dass du rauskommst.“ Sascha musste lächeln. Kerstin fluchte? Wie süß. Das war so gar nicht ihre Art.
„Ich gebe mir alle erdenklichen Mühen.“
„Ich weiß. Du, weißt du was? Ich bringe uns etwas zu essen mit. So zur Feier des Tages. Weil es gestern gut ausgegangen ist.“
„Okay, darf ich mir etwas wünschen oder überraschst du mich?“
„Wie du willst.“
„Überrasche mich. Ich habe keine Ahnung was ich mir wünschen soll, es gibt so viele Dinge, die ich gerne essen würde.“
„Dann suche ich uns etwas aus.“
„Du wirst das Richtige nehmen, davon bin ich überzeugt. Dann lasse ich dich mal wieder an deine Arbeit.“
„Bis gleich.“
„Ciao.“ Sascha legte auf uns seufzte glücklich. Kerstin würde zu ihr kommen. Heute. In nicht einmal drei Stunden. Sascha strahlte. Jetzt musste sie sich aber beeilen um pünktlich zu ihrem Seminar zu kommen. Und mit Nathalie wollte sie auch noch reden.


Teil 21

Saschas erstes Gespräch mit Jansen war ein Desaster. Sie hatten es keine fünf Minuten geschafft sich normal zu unterhalten. Jansen vergaß nie zu erwähnen, dass er all das nur machen würde wegen seiner Panikattacken und nicht weil er Sascha helfen wolle. Sascha hatte sich das zuerst angehört, aber irgendwann platzte auch ihr Kragen und alles was sie noch machen konnte, war ihm nicht an den Kragen zu gehen. Somit scheiterte das Gespräch nach einer Viertelstunde und Sascha musste zurück auf ihre Zelle.
„Na, wie war es?“ Walter sah Sascha neugierig an.
„Naja, war nicht der Rede wert. Wir werden nie normal miteinander reden können.“
„Wann ist das nächste Gespräch?“
„Morgen. Und wenn wir das einigermaßen auf die Reihe bekommen, dann werden wir uns einmal die Woche in den nächsten sechs Wochen treffen. Also eher nicht.“
„Das wird schon. Denk an Kerstin, deine Freiheit und daran, dass du ihn danach nie wiedersehen musst. Was sind sechs Wochen wenn sie dir die ewige Freiheit bringen können? Ich würde mich sogar mit allen Schlusen treffen für diese Chance.“
„Ich weiß, es ist ein Privileg.“ Sascha ließ sich zurückfallen und schloss die Augen. Sie wollte ja die Chance wahrnehmen. Sie musste sich zusammenreißen, Kerstin brauchte sie draußen.
„Walter, dein Typ wird draußen verlangt.“ Nico kam in die Zelle und sah Walter ausdruckslos an.
„Danke, mein gesprächiges Vögelchen. Ich finde es sehr nett, wie du inzwischen mit uns redest. Hast du eingesehen, dass du nichts Besseres als wir sind?“ Walter stand auf und grinste Nico an. Diese warf einen Blick zu Sascha und meinte:
„Sie sind zu dritt, bei den Duschen.“ Walter hielt inne. Das hörte sich nach Ärger an.
„Wer?“
„Gerda, Godzilla und Gundula.“ Das bedeutete, Walter sollte Prügel bekommen, weil sie den dreien in der letzten Woche ein Drogengeschäft versaut hatte. Sascha sah Walter durchdringend an.
„Bleib hier. Die sind in der Überzahl.“
„Ja, und? Das mache ich schon. Beziehungsweise ich stecke unseren beiden Bankräubern, dass jemand im Bad dealt und ihnen den Platz streitig machen will. Die beiden wollen nämlich die Drogengeschäfte der Station in der Hand haben.“ Walter grinste und verließ die Zelle. Sascha haderte kurz mit sich ob sie ihr folgen sollte, ließ es aber dann bleiben. Sie durfte nicht einmal ansatzweise in der Nähe von Ärger sein. Und Walter musste für das, was sie tat, die Konsequenzen tragen.
„Was sollen diese Machtspielchen?“, fragte Nico.
„Was weiß ich. Ich halte mich da raus.“
„Ich dachte, du und Walter wärt Freunde“
„Sind wir, aber sie weiß genau, wo meine Grenzen liegen und sie würde mich nie darum bitten, sie in einer Schlägerei zu unterstützen. Wenn es darum geht, sie aus einer Schlägerei zu befreien, wäre ich die Erste, die ihr hilft. Aber ich werde kein Risiko für Machtkämpfe eingehen. Außerdem sollte sie langsam aus dem Alter raus sein, sich laufend zu schlagen.“
„Manche kommen da nie raus.“ Nico legte sich auf ihr Bett.
„Eigene Erfahrung?“ Sascha wollte die anscheinende Gesprächigkeit ihrer Zellengenossin ausnutzen um herauszufinden, was genau sie gemacht hatte.
„Nö, Allgemeinpsychologie.“ Nico drehte sich zur Seite. Tja, das würde wohl nichts werden mit dem unauffälligen Aushorchen. Sascha musste ihre Taktik ändern oder überdenken.

Walters Plan war nicht ganz aufgegangen und sie landete mit einer gebrochenen Rippe auf der Krankenstation. Sascha hatte sich für den nächsten Morgen eine Besuchserlaubnis geholt und saß nun an Walters Bett.
„So ein Mist.“ Walter schien sich weniger über die gebrochene Rippe zu ärgern als darüber, dass ihr Plan nicht aufgegangen war.
„Ich habe dir gesagt, du sollst es sein lassen.“
„Ja, ja.“
„Walter…was hast du davon wenn du dir Ärger einhandelst? Für nichts und wieder nichts. Boss der B, die Zeiten sind vorbei. Es gibt keinen Boss mehr.“
„Sascha, das ist wie bei dir und Jansen. So einfach gibt man nicht auf, auch wenn man weiß, dass es einen nichts bringt. Der Kampf ist mein Jansen.“
„Dann arrangier dich, das versuche ich auch.“
„Für Kerstin“, konterte Walter. Sascha lächelte. Wohl war.
„Wie geht es ihr?“
„Gut. Sie ist schwanger.“
„Was?“ Walter sah Sascha entsetzt an „Schwanger? Ich dachte, sie hätte dieses Weichei abgesägt.“
„Ja, hat sie. Allerdings hatte sie das vor drei Monaten noch nicht. Und wieso sollte eine Ehefrau verhüten?“ Und welcher Mann würde kein Kind von so einer tollen Frau haben wollen?
„Na super. Und jetzt?“
„Sie wird es bekommen.“
„Und wie siehst du das?“
„Es ist ihre Entscheidung.“
„Nicht wenn ihr zusammen seid.“
„Walter, ich werde Kerstin bestimmt nicht dazu nötigen das Kind abzutreiben. Sie will es ohne Michael aufziehen, dafür mit mir. Das ist wahrscheinlich die einzigste Chance für uns ein Kind zu bekommen.“ Walter seufzte. Wohl wahr. Wenn sie daran dachte was für einen Stress sie und Vivi wegen eines Kindes gehabt hatten. Zuerst verlor Vivi ihr Kind, dann Walter ihres. Zu guter Letzt hatte Vivi Walter dann verlassen und war zu Matthias gezogen, einem Handwerker mit Kindern. Walter war sich sicher, wenn eine von beiden ein Kind bekommen hätte, dann wäre ihre Beziehung nicht so einfach zerbrochen. Beweisen konnte man das hinterher nicht, aber Walter ging davon aus.
„Das heißt, wenn du raus kommst, wirst du „Mama Nummer zwei“ für einen Hosenscheißer?“ Sascha nickte. Ein wenig freute sie sich auf diese Situation.
„Wenn Kerstin im dritten Monat ist, dann wird es ein Frühlingskind. Bei Katzen sagt man dem Nachwuchs nach, dass sie die Besten wären.“ Sascha knuffte Walter in die Seite. Sie konnte ein Baby doch nicht mit einem Kätzchen vergleichen.
„Und wie ist es ohne mich auf der Zelle?“, wechselte Walter abrupt das Thema. Sascha lächelte.
„Still. Mel hört die ganze Zeit Musik und Nico…du weißt ja, sie redet nicht viel. Aber ich arbeite daran.“
„Wir kriegen die Kleine noch zum Reden.“
„Meinetwegen kann sie weiter schweigen. Wir schicken Mel zu den Akten wenn sie das nächste Mal im Büro zu tun hat.“
„Niemand wird Mel alleine im Büro lassen, wir müssen schon selber nachforschen. Und ich glaube, du wärst genau die Richtige für den Job.“
„Ich?“ Sascha sah Walter verständnislos an. Wieso gerade sie? Sie war den Tag über nicht da und sah Nico nur am Abend.
„Ja, mit dir redet sie seltsamerweise in zusammenhängenden Sätzen. Sogar mit anderen redet sie relativ viel wenn du in der Nähe bist. Entweder bist du ihre Muse oder sie ist ein Professor wie du, der nur in intellektueller Gesellschaft funktioniert.“ Sascha verzog das Gesicht. Eine sehr unwahrscheinliche Theorie, die Walter da aufstellte.
 
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