George und Caroline

von Amerna
GeschichteHumor / P6
Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy
24.01.2010
24.01.2010
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AN: So gerne ich auch behaupten wollte, dass dieser kleine Geniestreich von mir allein stammt, so muss ich doch leider zugeben, dass es sich nur um eine Übersetzung der Geschichte "George and Caroline" von zuki handelt. Sie hat mir die Erlaubnis erteilt, die Geschichte ins Deutsche zu übertragen und zu veröffentlichen. Da die Geschichte auf einer Plattform mit Erwachseneninhalten erschienen ist, gibt es keinen Link, wer aber Interesse an der Orginalgeschichte hat - denn selbst die beste Übersetzung bleibt immer nur ein schwächeres Echo - kann sich gerne bei mir melden!


Ich weiß, eigentlich sollte ich damit beschäftigt sein, meine eigenen Geschichten weiter zu schreiben, aber im Moment läuft da nichts. Die Übersetzung ist jetzt mal ein kleines Lebenszeichen von mir.

Danke an Fiora-Mirial, die an der Übersetzung ihre Rotstift-Sucht ausgelassen und damit alles besser gemacht hat *g*


George und Caroline

Sie trafen sich eines Abends in einem Club. Sie war dort mit einer Freundin hin gegangen, um sich im Selbstmitleid zu ertränken, nachdem die Schwester ihrer Schwägerin den Mann abbekommen hatte, in den sie verliebt gewesen war. Es war enttäuschend, aber sie konnte nichts dagegen tun, außer der Siegerin zu gratulieren, sich erhobenen Hauptes zurück zuziehen und sich zu erholen, um einen neuen Plan zu fassen.

Caroline hatte eingesehen, dass ihre Enttäuschung vielmehr daher kam, dass sie jetzt wieder ganz von vorne anfangen musste und nicht daher, dass sie gerade diesen Mann verloren hatte. Er war äußerlich vielleicht toll, aber sie hatten nie diesen besonderen Funken gehabt. Es war nur einfach so, dass sie es hasste, mit dieser ganzen Dating–Geschichte wieder ganz von vorne anfangen zu müssen und wieder den Ozean der ungewollten Männer durchsieben zu müssen auf der Suche nach einem Mann, der sich – wie beim letzten Mal – am Ende dann doch nicht als Mr. Right herausstellen würde.

Ihre Freundin ließ sie bald allein zurück, als sie einen Mr. Right-Now fand, der sie unterhalten würde, aber Caroline fühlte sich irgendwie erschöpft, als sie sich umblickte und hatte eigentlich keine Lust, die erforderliche Fassade für diesen Abend aufrecht zu erhalten. Und dann sah sie ihn.

George saß am anderen Ende der Bar, dort, wo diese die Wand berührte. Es war ein hervorragender Aussichtspunkt, um den ganzem Raum überblicken zu können. Er saß dort, starrte auf die Menge und schien – genauso wie sie – ziemlich abgeneigt zu sein, an der ganzen Sache hier teilzunehmen. Es hieß doch so schön „Mit seinem Schmerz ist keiner gern allein“, also nahm Caroline ihren Drink und begab sich zu dem Stuhl neben ihm.

„Hallo“, begann sie. „Haben dich deine Freunde auch im Stich gelassen?“

George sah sie einmal von oben bis unten an und schüttelte dann kurz den Kopf, bevor er seinen Blick wieder der Menge zuwandte.

„Wenn du nichts dagegen hast, dann setze ich mich neben dich, damit ich so ganz alleine nicht so erbärmlich aussehe“, fuhr sie fort, als sie erkannte, dass dieser Kerl nicht so schnell den Mund öffnen und mit ihr reden würde.

Er nickte nur und verschränkte seine Arme vor dem Körper.

Nach einer Weile, aus purer Neugier, drehte sich Caroline um, um zu sehen, was der Mann so faszinierend fand. Vielleicht wartete er auf wen? Vielleicht tanzte das Mädchen, das er mochte, dort mit irgendwem anders? Vielleicht war es auch ein Mann? Jedenfalls drehte sie sich um, um etwas sehen zu können und stützte ihre Ellenbogen auf der Bar ab. Das klappte nicht sonderlich gut, weil George viel größer war als sie und wenn er nicht zufällig auf den komischen, dicken Mann auf der Tanzfläche beobachtete, der anscheinend dachte, er könne tanzen, dann würde sie es wohl nie erfahren.

Das war aber immerhin genug, um sie abzulenken. Der dicke Mann war einfach nur lustig anzusehen, wenn er seinen Daumen aufstellte, damit Löcher in die Luft stach, dann mit dem Hintern wackelte und sich drehte, dann auf einem Bein eine Pirouette machte und dies ab und zu noch durch einen Sprung in die Luft unterstützte.

Es war einfach zu komisch, um ein Gekicher zu unterdrücken.

Wer konnte wissen, dass das alles sein würde, was es brauchte? Der groß gewachsene Fremde auf dem Stuhl neben ihr sah sie an, und dieses mal wirklich richtig. Nach einem Moment, in dem er ihr Gesicht betrachtet hatte, flog sein Blick zu dem lustigen, dicken Mann und als er ein weiteres Mal den Augenkontakt mit Caroline herstellte, grinste er erst und lachte dann leise in sich hinein.

Es dauerte nicht lange, bis die beiden Seitenstechen vor Lachen hatten. Er sah sich um, scheinbar um seine Umgebung zu kontrollieren. Vielleicht dachte er auch über seinen nächsten Schritt nach. Dann drehte er sich wieder zu ihr und sagte. „Hi, ich bin George. Hast du Lust, ihm zu zeigen, wie es wirklich geht?“

„Mein Name ist Caroline – und natürlich, warum nicht?“, antwortete sie.

Sie erinnerte sich an etwas, das sie vor kurzem gehört hatte und fügte hinzu: „Scheinbar kann ja jeder Wilde tanzen.“

So tanzten und lachten sie eine Weile zusammen und so verging die Zeit. Wenn seine Augen ab und an von seiner Tanzpartnerin abschweiften, um die Menge abzusuchen, so bemerkte sie das nicht.

Später am Abend – nachdem sie die Basisinformationen ausgetauscht und zugegeben hatten, dass sie sich trotz geringer Erwartungen an diesem Tag doch gut amüsiert hatten – steckte sie ihm ihre Nummer zu und sie trennten sich ohne irgendwelche Versprechen.

~***~


George rief sie nie an. Caroline tat es ab und suchte weiter nach ihrer schwer zu findenden besseren Hälfte. Sie fragte sich manchmal, ob es nicht besser sein würde, das unvermeidliche Singleleben zu akzeptieren, aber sie hatte immer noch die Hoffnung, dass sie eines Tages jemanden finden würde, den sie liebte und der sie auch liebte.

An diesem Abend ging sie zu einem Date mit William Collins. Es war ein Blind Date, das ihr eindeutig zeigte, wie weit sie wegen ihrer dummen Hoffnung bereit war zu gehen.

Sie sollten sich in einem teuren Restaurant treffen und bei ihrem verfrühten Eintreffen lief sie in keinen Geringeren als George hinein.

„Ach – hallo George, wie geht es dir?“, fragte sie ganz ohne Hintergedanken. Schließlich waren sie ja nur entfernte Bekannte, die einmal einen Abend miteinander tanzend verbracht hatten.

„Caroline?“, fragte er, überrascht sie zu sehen.

„Ah, du erinnerst dich!“, antwortete sie lachend.

Seine Augen huschten zum Eingang und dann wieder zurück zu ihr. „Was machst du hier?“, fragte er dann einen Tick zu ernst.

„Ich bin tatsächlich hier für ein Date“, antwortete sie und dachte mit einem sehsüchtigen Seufzer. Das hättest du sein können, aber du hast ja nie angerufen.

Es konnte niemand wissen, was er in ihren Augen sah und er sagte einfach nur: „Oh, ich hoffe, du hast eine schöne Zeit.“ Dann sah er an ihr vorbei noch einmal zum Eingang, verabschiedete sich und ging zu der Bar, wo er nach seiner Aussage einen Freund treffen würde.

Caroline blickte ihm hinterher, atmete einmal tief ein, straffte ihre Schultern und ging zum Oberkellner, um ihren Namen zu nennen, bevor sie zu seinem Tisch im Gastraum geführt wurde.

An diesem Abend erlosch Carolines kleine Flamme der Hoffnung noch ein bisschen weiter. William Collins stellte sich als Enttäuschung heraus. Es war nicht so, dass er ein Ekel oder so war, aber irgendetwas stimmte halt nicht mit ihm. Er sah auch nicht schlecht aus, aber er war einfach nicht ihr Typ. Er war besessen von seiner Arbeit, die Caroline wiederum nicht im Geringsten interessierte. Ihre Geschmäcker waren genau gegensätzlich. Und es ärgerte sie, dass er Ausdrücke wie „Püppchen“ oder „Baby“ einfach zu häufig benutzte. Sie würde definitiv bei „Süße“ ein Ende machen. Er hatte überhaupt keinen Sinn für Humor und das war eine Eigenschaft, ohne die Caroline einfach nicht auskommen würde.

Ihre Augen streiften kurz zur Bar und für einen kurzen Augenblick traf sie Georges Blick. Er brach den Augenkontakt aber schnell wieder und wandte sich wieder dem Mann zu, der neben ihm saß.

Seufzend wandte sich Caroline wieder WiIliam Collins und dem Rest ihrer absolut, quälend langweiligen Verabredung zu. Als es endlich vorbei war, begleitete Collins sie zum Eingang, wo sie sich verabschieden würden. Auf dem halben Weg dort hin, änderte er auf einmal die Richtung und sie wurde von ihm zu niemand anderem als George geführt.

„George! Was für ein Zufall dich hier zu treffen!“, sagte er gut gelaunt.

„Collins“, grüßte George ihn und sie schüttelten die Hände.

Caroline war etwas überrascht, dass die beiden sich kannten. Collins stellte sie George vor und er nickte ihr zu, ohne ihre frühere Bekanntschaft irgendwie anzumerken, und wandte sich dann wieder dem Mann neben ihr zu.

Caroline hob nur eine Augenbraue und bemerkte, dass George sie nicht seinem Freund auf dem Stuhl neben ihm vorstellte. Vielleicht hatten sie sich gerade erst getroffen oder vielleicht zeigte George auch einfach nur seine unhöfliche Seite. Wer sollte das wissen? Aber es führte dazu, dass ihre kleine Flamme der Hoffnung noch einmal ein bisschen weiter erlosch.

Die beiden Männer redeten einen Augenblick lang über das Geschäft, bevor Caroline sich verabschiedete und hinaus auf die dunkle Straße ging.

~***~


Später in der Woche machte Caroline Einkäufe, als sie George zufällig in der Obst- und Gemüseabteilung traf. Dieses Mal war sie nicht freundlich. Sie setzte nur ihr oberflächlich freundliches Lächeln auf, nickte ihm zu, sagte nur „George“ und hatte vor, einfach an ihm vorbei zu gehen und weiter die Artikel auf ihrer Liste einzukaufen.

„Caroline“, entweder ignorierte er ihre kühle Begrüßung einfach oder hatte sie gar nicht bemerkt. „Ich bin so froh dich zu treffen. Kannst du mir helfen?“

Caroline neigte ihren Kopf und dachte einen Moment lang nach, bevor sie fragte „Mit was?“ Sie wollte herausfinden, was er wollte, bevor sie ihm eine Absage gab.

Er nahm zwei Avocados in die Hand. „Wie kann man erkennen, ob sie reif sind?“, fragte er.
Sie konnte nicht umher, dieses mal wirklich zu lachen, als sie sah, wie verwirrt er wegen dieser simplen Frucht war. Sie erklärte ihm rasch, welche Farbe die Haut haben musste und wie man die richtige Härte erkennen konnte.

„Siehst du“, nachdem sie das reife Exemplar leicht gedrückt hatte, „sie sollte bei einem leichten Druck nachgeben so wie diese hier.“

„Wie lernt man so etwas?“, fragte er. „Ich meine, hast du auf der Uni zu dem Thema ‚Wie suche ich das richtige Gemüse aus?’ eine Vorlesung besucht oder was? Weißt du, so was wie Auslandsfrüchte I oder so.“

Caroline lachte leise und witzelte dann: „Nein, Avocados wurden in Außergemüsliche Angelegenheiten behandelt.“

George lachte ebenfalls, sodass seine Zähne und seine Grübchen zum Vorschein kamen. „Du hast keine Ahnung, wie dankbar ich dir in diesem Moment bin.“

„Nichts zu danken“, sagte Caroline nur lächelnd und sah ihm auf seinem Weg zur Kasse nach.

~***~


Es dauerte eine Woche bis Caroline bemerkte, dass sie George viel zu häufig begegnete als dass das reiner Zufall sein konnte. Sie hatte ihn an zahlreichen Orten in ihrer Nachbarschaft gesehen. Einmal aus der Entfernung, einmal in einem kleinen Café. Sie hielt das nicht für merkwürdig, bis sie ihm im örtlichen Waschsalon begegnete und er lächelnd auf sie zukam, um sie um Hilfe zu bitten bei der Frage, welches Waschprogramm er für welche Wäschestücke brauchte.

Caroline fragte sich insgeheim, ob es das erste Mal war, dass dieser Mann alles allein machen musste, aber sie verdrängte diesen Gedanken und konzentrierte sich lieber auf die viel wichtigere Frage.

„Wie kann es sein, dass ich dich nie zuvor hier gesehen habe und dir plötzlich scheinbar überall begegne?“, fragte sie, als sie sich hinsetzen und darauf warteten, dass die Kleidung gewaschen wurde.

„Ich bin gerade erst in die Nachbarschaft gezogen. Wenn ich gewusst hätte, dass du auch ein Bestandteil dessen bist, dann wäre ich früher hierher gezogen“, antwortete er mit einem Augenzwinkern.

„Du bist aber ein sehr glatter Redner, George“, antwortete Caroline, weil sie ihn durchschaut hatte. „Ich wette, dass du mich stalkst.“

Sie machte natürlich nur Spaß, aber für den klitzekleinsten Moment dachte sie, seinen Augen hätten sich vor Schreck geweitet, bevor er wieder zu dem intensiven Blick und dem freundlichen Gesichtsausdruck zurückkehrte.

„Ich habe es ernst gemeint“, sagte er. „Du bist eine ziemliche Attraktion hier in diesem Teil der Stadt ... jedenfalls für mich.“

„Du musst nicht mit mir flirten, George. Ich bin über deine Unfreundlichkeit an dem Abend in dem Restaurant schon längst hinweg. Lass uns einfach ganz ehrlich zueinander sein, ohne Druck. Ich habe keine Lust mehr, für jeden, den ich treffe, eine andere Rolle zu spielen oder zu versuchen, aus jedem Verhalten irgendetwas herauszulesen. Wenn wir nur freundschaftlich miteinander bekannt sind, dann müssen wir uns auch nicht gegenseitig beeindrucken.“

George entspannte sich merklich und fragte. „Wie bist du bloß so weise geworden?“

Caroline zuckte nur mit den Schultern. „Ich habe etwas gelernt, indem ich die Schwester meine Schwägerin beobachtet habe.“

~***~


Caroline begegnete George mehrere Male in der Woche und dachte ein paar Mal darüber nach, ihm zum Tanzen einzuladen, aber jedes Mal, wenn sie endlich den Mut dazu aufgebracht hatte, endete oder änderte sich das Gespräch. Im Endeffekt machte das gar nichts aus. Er war auf der Single Party –  und Collins auch.

„Nanu! Dass du hier bist“, war Collins’ erster Satz.

„Oh ja, stell dir das mal vor“, sagte Caroline nur mit gespielten Enthusiasmus.

Nach ein paar entsetzlichen Momenten kam auch noch George hinzu und alles, was Caroline denken konnte, war „Peinlich!“, während sie versuchten, höfliche Konversation auf dem „Wie geht es dir?“-Level zu machen. Glücklicherweise bekam Collins einen Anruf von seiner Chefin und befand, dass er umgehend gehen musste. George begleitete ihn nach draußen, kehrte aber schnell zu dem Platz an ihrer Seite zurück, um sich mit ihr zu unterhalten.

„Also, woher kennst du Collins?“, fragte er.

„Das gleiche habe ich mich bei dir auch gefragt“, war ihre Antwort.

„Ich bin ein Berater. Er ist einer meiner Kunden“, sagte George nur.

„Ein Berater? Ich habe mich immer gefragt, was das bedeutet. Und, worin berätst du Leute?“, fragte Caroline halb im Scherz, aber hauptsächlich aus Neugierde.

„Eigentlich berät er mich, aber das ist sehr langweilig. Ich fürchte, dein Bild von mir verliert ein wenig seinen Glanz, wenn ich alles erklären würde. Es ist eigentlich nur ein Schritt über Buchhalter auf der Spannungsskala. Lass uns den Abend nicht mit Gerede über meine todlangweilige Arbeit verbringen“, wich George gekonnt ihrer Frage aus, „ich würde gerne mehr über dich wissen. Was machst du?“

„Todlangweilige Arbeit“, witzelte Caroline, bevor sie erklärte: „Ich arbeite in einem Kaufhaus. Das bezahlt die Rechnungen.“

George runzelte die Stirn. „Das klingt auch nicht gerade sehr erfüllend. Ich meine, nichts gegen den Job selbst. Viele Menschen mögen gerade diese Art von Arbeit, aber dort zu arbeiten, nur um die Rechnungen zu bezahlen, klingt nicht so, als würdest du wirklich Freude daran haben.“

Caroline seufzte. „Es ist nicht schlecht, aber ich würde viel lieber einfach nur malen. Es ist schwer, seinen Lebensunterhalt mit professioneller Malerei zu verdienen, wenn man sich erst einen Namen machen muss oder das Geld verwendet, um die Rechnungen zu bezahlen und nicht für die teuren Materialien.“

„Also bist du eine Künstlerin?“, fragte George mit wirklichem Interesse.

„Könnte man so sagen“, antwortete sie etwas verlegen.

„Darf ich was von deinen Werken sehen?“

„Vielleicht eines Tages.“

~***~


Ihre weiteren Treffen fast überall führten zu einer tieferen Freundschaft. Carolines kleine Flamme der Hoffnung leuchtete etwas heller bei dem Gedanken, dass diese Freundschaft vielleicht etwas mehr werden könnte. Aber irgendwie machten sie nie den nächsten Schritt. Er ignorierte bestimmte Signale von ihr oder zog sich immer zurück, wenn es so schien, als sei er bereit, die Grenze zu überschreiten.

An einem Tag, als sie frustriert war wegen George, ihrer Arbeit und ihrer Kunst, die alle scheinbar ins nichts führten, entschied Caroline, einen Ausflug, weg von der Stadt, zu machen. Vielleicht würde ihr das Energie geben, vielleicht würde sie ihre fehlende Muse finden oder vielleicht würde George sie einfach vermissen. Also packte sie ihre Sachen und fuhr zum Landhaus einer Freundin.

„Carlotta!“ Caroline grüßte ihre Freundin mit einer Umarmung.

„Carrie! Du weißt, wie sehr ich diesen Namen hasse“, ermahnte ihre Freundin sie.

Caroline lächelte. „Deshalb muss ich ihn auch einfach benutzen. Wie geht es dir, Carlie?“
„Ziemlich gut. Diese Schüler dieses Jahr sind zur Abwechslung eigentlich ziemlich leicht zu nehmen“, sagte die Lehrerein einer dritten Klasse.

„Wirklich? Gut erzogene Neunjährige?“ Sie lachten. Es war ein alter Scherz zwischen ihnen und nach ein paar Stunden, in denen sie bei Eiscreme alle wichtigen Ereignisse aufholten, erwähnte Carlie ihre neuen Nachbarn.

„Sie ist eine pedantische alte Lady. Sie liebt Benimmregeln und Etikette über alles. Ich halte mich normalerweise von ihr fern, aber sie feiert heute Abend wohl eine riesige Party. Ich dachte, das sei für dich bestimmt lustig – oder wenigstens eine interessante Erfahrung. Du wirst nicht glauben, wie häufig ich schon in schallendes Gelächter ausbrechen wollte, wenn ich gesehen habe, wie sehr die Frau sich anstrengt, ‚um den Massen zu zeigen, was wirkliche kulturelle Bildung ist.’ Das sind ihre Worte!“

„Natürlich – warum nicht?“, antwortete Caroline nachdem sie zu ende gelacht hatte.

„Solange du mir ein anständiges Kostüm für so ein Affentheater leihst.“

~***~


‚Warum nicht?’, dachte sich Caroline später am Abend. ‚Weil die Person, vor der ich geflüchtet bin, genau hier ist, natürlich. Und dann auch noch Collins – et voilá! Eine absolut interessante Erfahrung!’

Es stellte sich heraus, dass diese „riesige Party“, wie Carlie sie genannt hatte, teilweise eine Firmenparty war, wo viele Menschen ihre Arbeitsbeziehungen pflegten. Anscheinend war die Nachbarin niemand geringere als Collins’ abgöttisch geliebte Chefin und George beriet Collins scheinbar immer noch.

Immerhin hielt Collins sich dieses Mal von ihr fern, weil Carlie scheinbar sein Interesse geweckt hatte. Carlie wurde aber spielend damit fertig und machte sich sogar einen Spaß daraus, den Mann den ganzen Abend zu meiden.

‚Carlie muss hier wirklich ziemlich gelangweilt sein, wenn sie denkt, dass so was hier lustig ist’, dachte Caroline, als sie ein weiteres Mal nach George Ausschau hielt.

Er war ein harter Brocken. Zu Beginn schien er sie zu meiden und war darin auch ziemlich erfolgreich, aber je später es wurde, desto näher schien er ihr zu kommen. Natürlich hatte Caroline gar nichts dagegen und als sie merkte, dass George versuchte, sie von der Menge weg zu bekommen, erleichterte sie seine Bemühungen, indem sie auf eine Bank in der am weitesten entfernten Ecke des Gartens deutete und ihren Wunsch zum Ausdruck brachte, die Rosen, die daneben wuchsen, zu sehen. Glücklicherweise war George nicht so schwer von Begriff, begleitete sie schnell dorthin und nach einem obligatorischen Blick auf die Blüten, um ihr Schauspiel aufrecht zu erhalten, bat er sie, sich hinzusetzen.

George fing auf einmal an vor ihr auf und ab zu gehen und vor sich hin zu murmeln: „Das ist ganz grauenvolles Timing, aber sie weiß von nichts, aber ich sollte nicht, aber was wenn sie meine... Und wenn das unsere einzige Chance ist? Ich kann doch nicht–“

Die ganze Szene erinnerte Caroline daran, was die Schwester ihrer Schwägerin von dem Abend erzählt hatte, an dem sie einen Heiratsantrag von dem Mann bekommen hatten, in den sie beide verliebt gewesen waren. Plötzlich brannte Carolines kleine Flamme der Hoffnung wieder etwas heller.

Deshalb stand Caroline auf und nahm seine Hand, um ihn zurück in die Gegenwart zu bringen und sein Hin und Herlaufen zu stoppen.

„Was ist los?“, fragte sie.

„Ich liebe dich“, platze er heraus. „Ich habe dich gemieden, weil es mich wie aus heiterem Himmel getroffen hat. Ich sollte mich komplett auf meine Arbeit konzentrieren und eine Beziehung ist im Moment ziemlich ungünstig. Ich sollte nicht... Normalerweise würde ich nicht... Was ist sagen will, ist, dass du einfach aufgetaucht bist und du bist perfekt. Ich liebe dich und kann dir nicht widerstehen. Ich möchte die Chance mit dir hier und jetzt nicht verpassen. Was sagst du?“

Caroline versuchte einen Moment lang, ruhig nachzudenken, aber ihre Flamme – die jetzt ein wütendes Feuer war – machte einen leidenschaftlichen Kuss zu ihrer Antwort.

~***~


Die Wochen vergingen und in der hintersten Ecke von Caroline Bewusstsein hatte sich ein kleiner, nagender Zweifel in ihr Unterbewusstsein gegraben, der langsam wuchs bis zu einem Punkt, dass er so groß geworden war, dass er jetzt auch den bewussten Teil ihrer Gedanken einnahm und sich nicht mehr länger ignorieren ließ.

Es rührte alles von Georges merkwürdigem Gemurmel an dem Abend, an dem er ihr seine Gefühle gestanden hatte, her. Seine halb ausgesprochenen Gedanken hatten zunächst nur leicht ihre Neugierde angeregt und waren schnell wieder vergessen worden, aber sie tauchten später wieder auf, wenn George begann sich merkwürdig zu verhalten, sodass in ihrem Gehirn alle roten Warnleuchten angingen.

George war genau so, wie Caroline sich ihren Märchenprinz immer vorgestellt hatte. Er war hinreißend, intelligent, gut angezogen, lustig, mochte viele Dinge, die sie auch mochte, und sorgte dafür, dass ihre Eingeweide Samba tanzten, wenn sie sich küssten. Darüber hinaus war George ein toller Mann, der bescheiden, freundlich, einfühlsam, liebevoll und stark war. Er schien sie perfekt zu ergänzen und sie waren zudem die besten Freunde.

Aber...

Es gab ein aber. Es gab immer ein aber. Caroline erinnerte sich, dass das Sprichwort „Zu schön, um wahr zu sein“ einfach zu häufig stimmte und deshalb begann sie all diese kleinen Dinge zu merken. George war all dies – aber nur privat. In der Öffentlichkeit war er ein anderer Mann. Er war still, abgelenkt und schien sich immer umzublicken und sicher zu gehen. Er schien gewandt – als würde er sich vor jemandem verstecken – und nicht schüchtern, wie sie es zunächst gedacht hatte.

Manchmal würden sie bei ihren Verabredungen zu einem bestimmten Ort gehen, aber plötzlich wollte er dann ganz woanders hingehen und kehrte nie zu dem anfänglichen Ort zurück. Andere Orte mied er wie die Pest, aber das merkte sie zunächst gar nicht, weil er es so unbemerkt machte.

Eine weitere Warnleuchte ging an, als sie merkte, dass er ihr in der ganzen Zeit, in der sie miteinander ausgegangen waren, nie erklärt hatte, was genau er wirklich machte. Es hing nicht mit mangelndem Interesse von ihrer Seite zusammen. Sie fragte und schnitt das Thema ab und zu an, aber irgendwie sagte er nie wirklich etwas über seine Arbeit und im Endeffekt redeten sie dann immer über etwas komplett anderes.

Ein weiteres Thema, über das sie nie redeten, war seine jüngere Vergangenheit. Er hatte ihr kleine Anekdoten aus seiner Kindheit erzählt, aber nie mit Orten und ganzen Namen. Seine Mutter war „Mom“, sein Vater „Dad“, seine Schwester „Schwesterlein“ und sein bester Freund aus Kindheitstagen „Kumpel“. So wusste Caroline wie er aufgewachsen war und was er während der High-School-Zeit gemacht hatte, aber abgesehen von ein paar Erwähnungen der typischen College-Erfahrungen gab es eine Lücke zwischen damals und jetzt, von der er nie erzählte.

Caroline setzte schließlich all diese Stücke zusammen und das Unbekannte beängstigte sie. Es machte ihr Angst, weil sie begann, den Verdacht zu hegen, dass er etwas vor ihr verbarg. Vielleicht war er doch nicht all das, was er ihr sagte. Das störte sie nicht allzu sehr, da sie sich sicher war, dass sie den Mann kannte, der er wirklich war. Wenn er sich also wegen seiner Arbeit oder etwas anderem schämte, dann konnte sie das akzeptieren. Vielleicht aber verbarg er auch eine weitere Beziehung. Vielleicht war er verheiratet oder schon mit jemand anderem zusammen und das war etwas, das sie wirklich niemals akzeptieren könnte.

Aber Caroline wollte das Gute, was sie hatten, auch nicht ruinieren. Abgesehen von diesen kleinen Details führte sie eine wirklich gute Beziehung mit George. Vielleicht – wenn sie nur geduldig war – würde er sich ihr schon noch weiter öffnen und alles mit ihr teilen. Vielleicht – und das war ihre schlimmste Angst – würde er sie einfach nur für eine misstrauische und eifersüchtige Person halten, was dazu führen würde, dass er ihre Beziehung noch einmal überdenken würde.

Also entschloss sich Caroline, einfach nur zu warten.

~***~


Wie es der Zufall so wollte, musste sie nicht allzu lange warten. Etwa eine Woche später machte Caroline ein paar Besorgungen in einem Teil der Stadt, in dem sie nie mit George gewesen war. Es war einer dieser Orte, die der mied, aber sie musste dort hingehen, um bei der Stadtverwaltung, die in diesem Stadtteil ansässig war, ein Knöllchen zu bezahlen. Sie würde sich mit George später am Nachmittag an einem ihrer gewöhnten Treffpunkte am anderen Ende der Stadt treffen, aber jetzt hatte sie Hunger und setzte sich in ein kleines, nahe gelegenes Restaurant.

Während sie in einer ruhigen Ecke des Geschäfts saß und vom Nachbartisch durch einen großen, breiten Pfeiler, der sie vor neugierigen Blicken schützte, getrennt wurde, konnte sie ihre Sitznachbarn zwar nicht sehen, aber ihr Gespräch mit anhören. Sie hatte ein merkwürdiges Gefühl, weil einer der Männer sehr wie George klang, aber sie war sich sicher, dass sein Freund ihn Will genannt hatte und die Sachen, die dieser Will sagte, konnten unmöglich von ihrem Freund stammen.

Der andere Mann – dessen Namen Denny war – sagte: „Wie kannst du sie nur so benutzen? Was wirst du tun, wenn sie heiraten will?“

„Ich weiß nicht“, sagte Will. „So weit habe ich noch nicht gedacht. Ich wollte einfach die Gelegenheit nicht verpassen.“

„Du kannst sie nicht heiraten. Ihr habt keine Zukunft zusammen. Wie wirst du mit diesen Fragen umgehen, wenn sie denn unweigerlich aufkommen?“, fragte Denny ihn.

„Ich weiß nicht, was ich mit ihr machen soll und ich weiß auch nicht, wie ich es Lydia beibringen soll. Sie wird mich einen Kopf kürzer machen“, sagte Will mit wirklicher Sorge.

‚Einige Männer!’, dachte Caroline und war froh, dass sie ihren George gefunden hatte. ‚Und die armen Mädchen!’

„Also“, sagte Denny seinem Begleiter, „du hast ja selbst Schuld. Du wusstest, dass es nicht von Dauer sein kann und du hast dich trotzdem nebenbei mit diesem Mädchen eingelassen. Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll, aber ich werde es Lydia auf jeden Fall nicht erzählen.“

„Danke“, kam die schwache Antwort von Will.

Nach einer kurzen Pause, sagte Denny: „Bist du bereit für das Treffen?“

Will atmete einmal tief ein und antwortete: „Ja, immerhin weiß ich dort, was zu tun ist.“

Caroline hörte, wie die Stühle zurück geschoben wurden und sah, wie die beiden Männer an ihr vorbei gingen, ohne zu bemerkten, dass sie überhaupt da war oder das sie ganz blass vor Wut wurde, als sich zuerst der eine Mann als Georges Freund von dem Abend ihres Blind Dates mit Collins herausstellte und sie dann erkannte, dass „Will“ niemand anderer als George war! Auf einmal machten all die fehlenden Teil des Puzzles Sinn. George oder Will oder was auch immer sein Name war, war ein doppelzüngiger, betrügerischer, wertloser Abschaum und er hatte sie komplett zum Narren gehalten!

Sie sah, wie er und sein Freund in einen Veranstaltungsraum gingen. Caroline war so wütend, dass alles, woran sie in diesem Augenblick denken konnte, der Wunsch war, ihren Ärger zum Ausdruck zu bringen und den Mann dann nie wieder zu sehen. Sie ging auf den Veranstaltungsraum zu und sah, dass dort ein riesiger Tisch für eine große Gruppe aufstellt war und dass dort Menschen versammelt waren, entweder saßen sie schon oder sie streiften noch herum, wie man es so tat, bevor das Meeting dann eröffnet wurde.

Die meisten schienen fette, glatzköpfige Männer im Anzug zu sein mit ein paar Frauen in Geschäftskleidung unter ihnen. Es musste also ein Geschäftstreffen sein. Einer hatte sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem lustigen, dicken Mann, aber Carolines Tunnelblick konzentrierte sich auf einen Punkt.

‚Gut’, dachte Caroline, ‚sie sollen wissen, was er mir in seinem Privatleben angetan hat. Die Leute sollen wissen, mit was für einer betrügerischen Schlange sie sich da einlassen.’

Caroline marschierte schnurstracks auf George/Will zu und tippte ihm auf die Schulter. Er drehte sich um, hatte aber noch nicht einmal Zeit, seinen Schock zum Ausdruck zu bringen, als sie ihm schon eine saftige Ohrfeige verpasste. Es wurde totenstill in dem Raum, während er versuchte, sich wieder zu fangen.

„Caroline – was machst du hier?“, konnte er zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervorstoßen, während er sich mit einer Hand die Wange hielt und mit der anderen versuchte, sie zu packen und nach draußen zu begleiten.

Sie wand sich außerhalb seiner Reichweite und schrie: „Was ich hier mache? Was hast du gemacht, du betrügerischer Hurens–“

„Caroline!“, unterbrach er sie, während er versuchte, sie aus dem Raum zu zerren. „Nicht hier, nicht jetzt, Schatz. Lass uns darüber unter vier Augen reden.“

„Auf gar keinen Fall! Jeder soll wissen, was für ein unaufrichtiger Abschaum du bist“, sie wandte sich der Menge zu, die ihnen beiden aufmerksam zuhörte. „George – oder vielmehr Will – ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Ich weiß nicht, was er Ihnen erzählt hat, aber was auch immer es ist, es ist nicht die Wahrheit und entspricht nicht dem, was er wirklich ist–“

Caroline hatte sehr schnell gesprochen und sie war soweit gekommen, bis George/Will sie endlich packen und ihr seine Hand über ihren Mund legen konnte. Sie war sich allen anderen Vorgängen um sie herum nicht bewusst, sie sah nur den Mann vor ihr, den sie unbedingt verletzten wollte. Sie sah, wie sein Gesicht weiß wurde und seine Augen rund wie Untertassen, weil er merkte, wie auf einmal die Stühle um sie herum zurück geschoben wurden und viele Stimmen gleichzeitig schrien.

„WAS!“

„Er ist ein Agent!“

„Wie kann das sein? Wer hat ihn herein gelassen? Derjenige wird dafür verantwortlich gemacht werden!“

„Stoppt ihn!“

„Legt ihn um!“

„Ich hol ihn mir, Boss!“

Erst als der erste Schuss knapp an ihrem Kopf vorbei ging, realisierte Caroline, dass ihr Leben in Gefahr war. Sie erstarrte und George/Will warf sie über seine Schulter und rannte.

~***~


Caroline hatte keine Ahnung, wie sie hierher gekommen war, als sie schließlich ihre Umgebung wieder wahrnahm. Sie waren in einem kleinen Apartment, das wie eine billige Hotelsuite eingerichtet war. Sie erinnerte sich schwach, dass Denny ihnen mit einer Waffe gefolgt war und dass George/Will sie später mit den Worten folgenden Worten abgesetzt hatte: „Tut mir leid, Schatz, aber du musst mir helfen. Wir kommen schneller voran, wenn du rennst. Komm, hier entlang.“

Caroline erinnerte sich, wie sie in ein Taxi gezerrt wurde und dann später in ein anderes geschoben wurde und dann waren sie plötzlich hier. Er hatte sie geradezu in dieses Zimmer getragen und auf dem Sofa abgesetzt und sie einfach nur fest gehalten und sie langsam hin und her geschaukelt, bis sie aufgehört hatte, zu zittern.

„Ich glaube, ich habe es jetzt verstanden“, sagte sie schließlich, obwohl sie immer noch ein bisschen geschockt war. „Du bist– Du hast mich gar nicht betrogen. Du bist in der Mafia!“

Caroline wusste nicht, ob sie erleichtert oder noch verängstigter sein sollte, denn es bedeutete, dass George im Wesentlichen wirklich der Mann war, den sie liebte und er ihr treu gewesen war. Aber die Mafia!

Er lachte kurz auf, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und umarmte sie fest, als er gestand: „Nicht ganz, Liebling. Ich bin ein Bundesagent. Ich arbeite für die Guten und daran, die Mafia zu infiltrieren.“

„Oh mein Gott! Und ich habe gerade deine Deckgeschichte enttarnt, nicht wahr!“, rief Caroline aus und dann kam ihr eine weitere Erkenntnis und die umarmte ihn ebenfalls fester. „Wegen mir wärst du beinahe gestorben!“

Er antwortete nur mit einem freudlosen Lächeln. „Nein, wegen mir wärst du beinahe gestorben. Wenn ich mich von dir fern gehalten hätte, so wie ich es hätte tun sollen, dann wäre das alles nie passiert. Du wärst nie in meine oder die Nähe dieser Männer gekommen. Ich habe dein Leben in Gefahr gebracht und jetzt...“

Er küsste ihr Gesicht und stand dann auf, um etwas Abstand zwischen sie zu bringen. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, das daraufhin zu allen Seiten abstand.

„Was jetzt?“, fragte Caroline.

„Jetzt... habe ich dein Leben, so wie du es kennst, für immer zerstört“, murmelte er und sah lieber die Wand an als sie.

„Was meinst du damit?“

„Du kannst hier nicht mehr bleiben. Sie wissen, wer du bist und sie haben eine ziemlich gute Vorstellung davon, was du mir bedeutest. Sie werden dich verfolgen, es sei denn, du gehst ins Zeugenschutzprogramm. Weißt du, was das bedeutet?“

Schockiert antwortete Caroline: „Ich glaube schon. Ich werde untertauchen müssen.“

„Und du darfst dich nie wieder hier blicken lassen“, sagte er mit schmerzerfüllter Stimme. Sein Herz zerbrach. „Es bedeutet, dass du alles und jeden, den du kennst – und liebst, zurücklassen musst... und sie niemals wieder sehen darfst. Du wirst eine andere Person werden müssen und darfst nie wieder zu deinem alten Leben zurückkehren, es sei denn, die ganze Mafia ist ausgelöscht worden. Und die Chancen dafür sind...“

George/Will spürte plötzlich wie sein Körper von hinten getroffen und er umarmt wurde. Er wäre beinahe gestürzt, konnte sich aber gerade noch halten. Er drehte sich um und hielt sie fest. Sie hatten beide Tränen in den Augen angesichts der Erkenntnis, dass sie sich nie wieder sehen würden. Er nahm sie in seine Arme und trug sie zum Sofa, wo er sie auf seinem Schoß absetzte.

„Kannst du nicht mit mir gemeinsam untertauchen?“, fragte sie mit schwacher Stimme.

„Nein Schatz. Ich weiß zu viel und ich werde höchstwahrscheinlich hinter den Kulissen weiter arbeiten. Außerdem habe ich gegen die Vorschriften verstoßen, als ich mit dir eine Beziehung angefangen habe, während ich an dem Fall gearbeitet habe und sie wollen mich wahrscheinlich hier behalten, sodass sie mich dafür bestrafen können.“

Caroline begann zu weinen. „Es tut mir leid. Das ist alles mein Fehler. Ich hätte warten sollen mit meiner Zurechtweisung.“

„Nein Liebling, ich hätte warten sollen bis mein Auftrag zu Ende war, bevor ich eine Beziehung mit dir eingehe. Ich konnte dir einfach nicht widerstehen. Ich liebe dich zu sehr und ich wollte die Gelegenheit, mit dir zusammen zu sein, nicht verpassen. Ich hatte einfach keine Selbstkontrolle“, gestand er.

Das erinnerte sie an das Gespräch, das sie überhört hatte. „In dem Restaurant, da habe ich dich über eine Lydia reden gehört. Wer ist sie?“

„Sie ist meine Chefin, die mich um einen Kopf kürzer machen wird“, sagte er mit einem weiteren freudlosen Lächeln.

„Also ist dieser Denny auch ein Agent?“

„Mein Partner, Richard. Aber das wissen sie wenigstens noch nicht und das sorgt wahrscheinlich dafür, dass dieses Versteck sicher ist, weil wir immer noch einen Mann im inneren Kreis haben“, erklärte er. Es hatte keinen Sinn, ihr jetzt noch irgendetwas zu verheimlichen und es war eine Erleichterung, dass er jetzt keine Geheimnisse mehr vor ihr haben musste. „Wir hatten Glück, dass er derjenige war, der uns gefolgt ist und absichtlich daneben geschossen hat.“

„Oh, Geo–Wi–warte, was ist dein richtiger Name? Ich kann nicht glauben, dass ich in einen Mann verliebt bin und noch nicht einmal seinen richtigen Namen kenne.“

„Er lautet Will. William, meine geliebte Caroline“, antwortete er mit einem Kuss auf die Nase.

Sie vergaß, was sie eigentlich hätte sagen wollen und brachte stattdessen ein anderes Bedenken zum Ausdruck. „Will“, sie sprach seinen Namen nur zögerlich aus. „Wie lange haben wir noch zusammen?“

„Ich weiß es nicht. Sie werden wissen, dass wir das sichere Haus erreicht haben, weil ich das Signal ausgelöst habe, als ich den Schlüssel benutzt habe. Denny wird nicht eher ankommen, bevor er Bericht bei der Boss Lady erstattet hat und sie einen neuen Plan gefasst haben.“

„Warte, die Boss Lady? Die Mafia wird von einer Frau geführt?“, fragte Caroline ungläubig.

„Ja, und du bist ihr auch schon begegnet. Sie ist bekannt als Lady C und sie ist Collins’ Chefin. Du warst auf ihrer Party in ihrem Landhaus.“ Caroline fiel die Kinnlade herunter und Will lachte über ihre Reaktion.

„Du willst damit sagen, dass Collins in der Mafia ist und diese von einer pompösen, alten Dame geführt wird?“, starrte sie ihn an.

„Aha. Sie ist vielleicht eine alte Frau, aber sie hat einen sehr guten Sinn für Verbrechen. Ich wette, dass es eines Tages ein Lied über sie geben wird, so wie über Ma Barker. Collins ist einer der Gründe, warum ich dich so gut kennen gelernt habe. Ich dachte, du seiest seine Freundin und ich habe dich überprüft und herausgefunden, was für ein süßer – und unschuldiger – Schatz du bist.“

„Du meine Güte!“, war alles, was Caroline sagen konnte.

Nach einer Weile, in der sie sich einfach nur gegenseitig gehalten hatten, durchbrach sie erneut die Stille. „Ich möchte dich nie wieder gehen lassen, G–Will.“

„Ich auch nicht“, antwortete Will.

Sie erkannten beide, dass dies ihre einzige Chance sein würde, Abschied zu nehmen, also hielten sie sich fest im Arm und küssten sich, als gäbe es kein Morgen, denn für sie beide würde es keinen geben. An irgendeiner Stelle während ihrer Küsse wurde alle Vorsicht über Board geworfen. Wenn es kein Morgen gab, dann war dieser Moment, der einzige, den sie haben würde und sie würden ihn voll auskosten, zu einer Erinnerung, die ein ganzes Leben lang bleiben würde. Und das taten sie auch – sehr leidenschaftlich.

Einige Zeit später lagen die Liebenden sich in den Armen und tauschten sanfte Zärtlichkeiten und liebende Worte aus.

„Ich werde einen Weg finden, das verspreche ich. Das hier wird nicht unser Ende sein“, sagte er.

„Auch wenn es bedeutet, mich in einem anderen Leben zu finden?“, fragte sie.

„Auch wenn es mein ganzes Leben und noch ein weiteres brauchten würde“, antwortete er.

~***~


Elizabeth Bennet Darcy saß in der Bibliothek ihrer neuen Heimatstadt. Sie war ohne ihren Ehemann hierhin gezogen, der in einer bergigen Region von Südamerika arbeitete und dort ein humanitäres Projekt leitete, das für Häuser und Trinkwasser in einer von Armut gebeutelten Region sorgen würde. Sie fühle sie allein und einsam, weil sie ganz allein in die abgelegene Stadt gekommen war, aber das war so, wie es sein musste. In der Zwischenzeit beschäftigte sie sich selbst damit, ihr Atelier zum Malen und ihr neues Zuhause einzurichten, in der Hoffnung, dass er eines Tages vor ihrer Tür stehen würde. Das Kennenlernen ihrer neuen Nachbarn brauchte auch Zeit, aber die Erklärung, dass ihr Ehemann nicht mit ihr gekommen war und warum, war mittlerweile alt.

Heute, so hatte sie entschieden, würde sie ihre Zeit damit verbringen, die Ereignisse außerhalb dieser gefängnisartigen – wenn auch sehr schönen – Stadt aufzuholen, indem sie die Ausgaben von ein paar nationalen Zeitungen, die die Bibliothek abonniert hatte, durchblätterte.

Elizabeth erstarrte und ihr wurde ganz kalt, als sie eine Nachruf las. Er lautete:

Caroline Swanson, 25

Caroline Swanson starb am Dienstag, dem 15. Juni 20__, als die unbeteiligte Passantin in eine Schießerei zwischen der Mafia und der FIA (Federal Intelligence Agency) geriet. Ein Undercoveragent der FIA wurde ebenfalls bei der Schießerei getötet. Ms. Swanson wuchs in der Vorstadt auf und besuchte die George Washington High School, wo sie ihren Abschluss als Jahrgangsbeste machte. Sie machte weiterhin einen Abschluss in Kunstwissenschaft an der BSU. Sie war bekannt für ihre freundliche Art und ihr warmes Lächeln, das ihr in der Stadt viele Freunde machte, die sie sehr vermissen werden.

Sie wird betrauert von ihren Eltern Franny und Tom Swanson aus Winchester, von ihren Schwestern Jane und Mary Swanson, ebenfalls aus Wichester, von ihrer Schwester Catherine Swanson, verheiratet mit Susan Reynolds aus Boston, und von ihrer jüngsten Schwester, Lydia Swanson aus Las Vegas.

Sie wird auch vermisst von ihrer besten Freundin Carlotta Lucas, die bei ihrer Beerdigung eine bewegende Grabrede hielt, in der sie auf die vielen Kindheitserinnerungen verwies, die die beiden miteinander geteilt hatten...

Elizabeths Augen waren zu tränengefüllt, sodass sie nicht mehr weiter lesen konnte. Es war wirklich unheimlich, von ihrem eigenen Tod zu lesen, aber sie musste alles über diesen FIA Agenten, William Darren, der ebenfalls sein Leben verloren hatte, recherchieren und lesen. Es gab nicht viele Informationen, abgesehen von einem Bild eines in einem Leichensack gepackten Körpers und eines weiteren Bildes, das wie ein unscharfes Passfoto aussah, aber dennoch erkannte sie ihn. Ihr wurde übel und sie rannte zur Toilette.

Elizabeth schwor sich, dass sie nie wieder dieser Art von Neugierde verfallen würde. Nicht, nachdem sie so stark darauf reagiert hatte. „Kein Zurückschauen mehr“, schwor sie sich. „Ich kann jetzt nur noch nach vorne blicken.“

Trotz ihres guten Vorsatzes war es doch ein holpriger Weg für sie. Als sie mit einer neuen Identität und einer neuen Geschichte in diese Stadt gebracht worden war, war ihr auch gesagt worden, dass ihr Traum, eine berühmte Künstlerin zu werden, sterben musste. Ja, sie dürfe weiterhin malen, aber sie dürfte niemals, auf keine Weise, irgendwelche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie wusste, dass ihr angeblicher Ehemann nur ein Schauspiel war und ihr wurde klar gemacht, dass das nur so war, um sie zu schützen. Sie wusste, dass sie eines Tages eine Nachricht erwarten würde, dass ihr falscher Ehemann tot war und dann würde sie noch einsamer sein. Dies waren die Sachen, die sie akzeptieren musste und sie machte einfach weiter.

So vergingen die Monate und Elizabeth lernte alle ihre Nachbarn kennen und diese mochten sie wegen ihrer freundlichen Art und ihrem warmen Lächeln, aber da war eine Traurigkeit in ihren Augen, die alle der Tatsache zuschrieben, dass ihr Ehemann so weit weg war. Zunächst fragten sie die Leute noch nach Neuigkeiten, aber nachdem sie erfahren hatten, dass er in einer sehr abgelegenen Region war, weit weg von Internet, Telefon oder gar Strom, ließen sie sie in Ruhe, besonders weil er den traurigen Ausdruck in ihren ausdrucksstarken Augen noch intensivierte.

Eines Tages war Elizabeth im Supermarkt in der Obst- und Gemüseabteilung, als die jugendliche Aushilfe merkte, wie ein komischer, bärtiger Mann auf Mrs. Darcy zuging. Er kam diesem näher, weil er vermutete, der Mann sei ein komischer Obdachloser und sah, wie der Mann eine Avocado hoch hielt.

„Wie kann man erkennen, ob sie reif sind?“, fragte der Fremde Mrs. Darcy.

Mrs. Darcy schnappte nach Luft, brach in ein riesiges Lächeln aus und machte einen Schritt auf ihn zu, stoppte sich dann aber. Sie schaute den Mann an und dann hinab. Dann ging sie einen Schritt zur Seite von dem Einkaufswagen, der ihren Mittelteil verbarg.

Dem Mann fiel die Kinnlade herunter und er ließ die Avocado fallen.

„Ist– Ist d–das – Wie lang–? Wie weit bist du?“, fragte er dann.

Elizabeth war verlegen, blieb, wo sie war, und sagte: „Ich bin im achten Monat.“

Der Mann rechnete es einen Sekunde lang in Gedanken durch und dann hatte er sie in seinen Armen, hielt sie fest und flüsterte ihr Worte zu, die nur die Frau verstehen konnte.

Da Mrs. Darcy sich nicht beschwerte, kam die pickelige Aushilfe zu der Annahme, dass das der lang abwesende Mr. Darcy sein musste und ließ die beiden alleine, um die Neuigkeiten zu verbreiten.

Nachdem sie einander losgelassen und sich erinnert hatten, wo genau sie waren, sah Elizabeth zu dem Mann vor ihr auf und sagte: „Will, ich kann nicht glauben, dass du mich gefunden hast. Ich kann nicht glauben, dass du einen Weg gefunden hast. Ich kann nicht glauben, dass sie dich zu mir gelassen haben. Ich dachte, dass sie mir eines Tages mitteilen würden, dass mein angeblicher Ehemann in Südamerika tot ist und ich von jetzt an alleine weiter machen müsste.“

„Psst, Schatz. Darüber reden wir später. Brauchst du wirklich die Sachen in diesem Einkaufswagen oder können wir einfach nach Hause gehen?“, fragte er.

Dank der jungen Aushilfe war niemand überrascht, als eine sich entschuldigende Mrs. Darcy, begleitet von einem großen, ungepflegten Mann, ihren halb vollen Einkaufswagen am Service Schalter zurück ließ.

Endlich Zuhause, nachdem sie ein anderes Leben gelebt hatten, offiziell gestorben und als Mr. und Mrs. William und Elizabeth Darcy wiedergeboren waren, fanden der Mann, den einige als George kannten, und die Frau, die einmal Caroline genannt worden war, ihren gemeinsamen Platz in diesem Universum. Das Schicksal hatte hart arbeiten müssen, um dies zustande zu bringen und den weltlichen Stellen erlauben müssen, die Regeln etwas  zu verbiegen, um es möglich zu machen, dass dieser Mann und diese Frau die Art von Liebe teilen konnten, von der man sonst nur in Büchern liest.

Tatsächlich konnte man ein Schicksal zufällig aufschnappen, wie es zu einem anderen sagte: „Ich bin so froh, dass wir es wieder geschafft haben, dass alles in Ordnung ist. Diese beiden Seelen sind einfach dazu bestimmt, sich jedes Mal zu finden. Ich kann es einfach nicht glauben, dass es dieses Mal beinahe nicht geklappt hätte, aber das passiert nun mal, wenn wir erlauben, dass sie Caroline genannt wird...“

~Finis~
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