Turnbeutel (Tokyo Magnitude 8.0)

von Xanokah
GeschichteDrama / P6
22.01.2010
22.01.2010
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Anmerkung: Teil meiner 100 Themes Challenge.


016: Turnbeutel

Tokyo Magnitude 8.0


Mirais Blick glitt durch das Zimmer. Sie lag auf der unteren Matratze des Stockbetts, Yukis Bett. Ihr Hand befand sich neben ihr auf dem Kopfkissen, jedoch war es ausgeschaltet. Sie benutzte es nicht mehr so oft, war sie doch ein ehemaliges Handy-Alien. Sie neigte den Kopf und glaubte kurz, die schattenhafte Gestalt ihres Bruder am Schreibtisch zu erkennen, allerdings war alles, was sich dort befand, nur seine Tasche. Als sie diese wahr nahm, kam ihr eine Erinnerung an Yuki in den Kopf. Es war eine schöne und zugleich traurige Erinnerung, es war einen Abend vor dem Erdbeben, welches vor ein paar Monaten Tokio erschütterte und ihrem Bruder das Leben kostete. Jedoch war der Stuhl vor dem Schreibtisch jetzt leer und es schnürte Mirai das Herz zu, wenn sie nur daran dachte. Ihre Gedanken kreisten um diesen Moment, es tat weh, sich an ihren Bruder erinnern zu müssen. Damals saß er ebenfalls an diesem diesem Tisch...


Mirai faulenzte in ihrem Bett und versuchte die Zeit bis zum Abendessen tot zu schlagen. Ihre Mutter würde aber wahrscheinlich sowieso wieder nur Tiefkühlkost mitbringen, wie jeden Abend, weswegen es eigentlich auch keinen richtigen Grund für das Mädchen gab, sich auf das mehr oder weniger gemeinsame Essen zu freuen. Ihre Augen hingen an dem kleinen Bildschirm ihres Handys, von unten herauf vernahm sie jedoch plötzlich ein leises Wimmern. Ihr Bruder war solch ein Weichei. Das Wimmern wurde in kurzen Abständen immer lauter, bis es schließlich zu einem Schluchzen wurde und das Mädchen sich nun sichtlich genervt aufsetzte. Yuki saß schluchzend an seinem Schreibtisch, die Hände vor das Gesicht gehalten. Mirai legte das Handy beiseite und sah ihren Bruder mit zusammengekniffenen Augen an. In einem ebenso mürrischen Ton und einem anschließenden Seufzer fragte sie:

"Was ist denn jetzt schon wieder?"

Yukis Schluchzen erstarb und er drehte sich um. "Mein... mein Turnbeutel," begann er mit dünner Stimme.

Mirai musste Lächeln, als sie in das verweinte Gesicht ihres jüngeren Bruders blickte. "Was soll damit sein?" hakte sie hoffnungslos nach.

"Ich habe ihn in der Schule vergessen und nun kann ich ihn nicht mehr holen, jetzt, da die Sommerferien begonnen haben," antwortete er niedergeschlagen. Mirai bedachte dies mit einem spöttischen Grinsen, wandte ihr Gesicht wieder ihrem Handy zu und verschickte die nächste Nachricht. Yuki liefen die Tränen über das Gesicht, jedoch wurde sein Jammern langsam leiser, bis es schließlich nur noch ein stilles Weinen war. Ihr Bruder war wirklich ein Weichei.


Das Mädchen setzte sich auf. Ein leichtes Lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Was würde ihr Bruder von ihr denken, wenn er sie so sehen würde? Er würde sich wahrscheinlich zu ihr setzen und sie trösten, er würde das tun, was sie nie getan hat. Wenn Yuki noch hier bei ihr wäre, würde sie so vieles besser machen, sich für so viel entschuldigen wollen. Doch das konnte sie nicht. Niemand konnte das jetzt mehr tun.

Schließlich stand sie auf und eilte aus dem Zimmer, an ihrer Mutter vorbei.

"Mama? Ich gehe jetzt raus."

Ihre Mutter drehte sich verdutzt um und ehe sie antworten konnte, war Mirai schon an ihr vorbei geeilt. Sie schloss die Haustür hinter sich und atmete tief durch. Dann begann sie zu rennen. Ihr Ziel war Yukis Schule.

Ob er immer noch dort ist?
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