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23 Days - L's Last Note

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
L
14.01.2010
16.09.2010
6
44.654
 
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14.01.2010 6.864
 
Die Regentropfen des starken Graupelschauers schlugen mit ziemlichem Gewetter gegen die Fensterscheiben eines großen, geräumigen Zimmers. Kein Licht brannte und es herrschte, abgesehen von dem grollenden Donner und dem Lärm der Regentropfen, bedrückende Stille. Erst bei genauerem Zuhören bemerkte man das leise Ticken einer Wanduhr, welches aber von den aufprallenden Regentropfen stets übertönt wurde.
An seinem leer gefegten Schreibtisch saß L Lawliet, mit dem Gesicht vergraben in seinen Armen, welche ausgestreckt über dem Tisch lagen. Schlaflos auch in dieser Nacht - Schlaflos wie eh und je! Das leise Ticken der Uhr in seinem kleinen Zimmer auf einem Dachboden erinnerte ihn daran, dass er sehr bald genug Zeit zum schlafen haben würde, denn der ewige Schlaf erwartete ihn nun sehr bald. Dieses Wissen machte ihn fertig, doch es musste sein. Nur so war er vor gut einem Jahr einem zu frühen Tod entronnen. Es war der Fall KIRA, an welchem er zwei harte Jahre zu schaffen hatte und letztlich durch seine List siegte; allerdings zu einigen hohen Einbußen. Etlich viele Leben mussten gelassen werden. Viele FBI-Agenten, sämtliche Unbeteiligte, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, endlos viele Schwerverbrecher, deren gebürdige Zeit noch nicht bestimmt worden war und
letztlich auch Personen, die L einst sehr nahe waren, wie sein hochgeschätzter, ewig treuer Diener Watari. Auch für diesen gab es im Ablauf unglücklicher Geschehnisse keine andere Wahl mehr, als sein Leben einzubüßen... Und all diese schrecklichen Begebenheiten waren nur allein durch ein Death Note ausgelöst worden, welches der Shinigami Ryuk, ähnlich
wie Muse, an einem verhängnisvollen Tage versehentlich in die Menschenwelt hatte fallen lassen, worauf es ein junger Mann namens Light Yagami gefunden hatte und damit im Laufe der danach folgenden Umstände irgendwann eigene Pläne zu machen begann, mit Hilfe des Death Notes eine "neue Welt" zu erschaffen, in der es fortan keine bösen Menschen mehr geben würde, denn er würde sie alle, als neuer "Gott", auslöschen. Schließlich wurde er
irgendwann von einer Art Größenwahn regelrecht besessen und seine menschliche Seele hatte sich mit der Zeit gewandelt. Light wurde beherrscht von Machthunger und jener Gier, immer mehr zu wollen. Nur "seine Auserwählten" würden am Ende überleben. Er würde das Leben eines jeden allein bestimmen. Diese unbeherrschte Macht des Death Notes wurde sowohl von Light, als auch noch von einigen anderen Menschen tadellos ausgenutzt als dieses auch noch in manch andere Hände fiel, in welche es besser niemals hätte geraten sollen. Die Konsequenzen waren hart und hätten nahezu die ganze Welt in ihren entgültigen Abgrund stürzen können. Letzten Endes war es an L, das zu verhindern. Zu Lights treuesten Anhängern zählte die junge Frau Misa Armane, welche unsterblich in Light verliebt war und welche ebenfalls ein Death Note besaß, welches wiederum den Shinigami Rem zu ihr gebracht hatte, die in Misa soetwas wie eine Tochter sah. Sie fühlte sich stets dazu berufen, sie allezeit zu beschützen und stets nur ihr Bestes zu wollen. So hatte sie für Misa sogar letztlich ihr Leben gelassen als diese sich für Light opfern wollte. Durch einen Deal lief es darauf hinaus, dass sich Misas Lebenszeit enorm verkürzt hatte und es nun an Rem war, zwei verfügbare Menschen ins Death Note einzutragen, um Misas verlorene Lebenszeit wieder zurück zu holen. Und Rem war Light dabei einen Gefallen schuldig, L entgültig auszuschalten, wofür Light wiederum sein Wort gab, ewig für Misa da zu sein. Die Folgen waren allerdings, dass Rem, nach der Eintragung der betreffenden Menschen in das Death Note, in dessen Folge selbst dem Tode geweiht wurde, denn Shinigami war es unter Todesstrafe untersagt, Menschen zu töten. Dies jedoch hatte Rem einfach in Kauf genommen, schlichtweg weil Misa ihr alles bedeutete. So wählte sie als Todeskandidaten jene Menschen
aus, die Light am ehesten von der Bildfläche verdrängt sehen wollte, da er selbst nicht im stande war, Ls wahren Namen in Erfahrung zu bringen: Zum einen L, zum anderen seinen Diener Watari, der ebenso viele Informationen über alle Ermittlungen gegen Light alias KIRA parat hatte.Doch ging diese Aktion nur teilweise auf; zuvor war es L nämlich gelungen,
eine Seite aus dem Death Note zu entwenden und sich selber darauf einzutragen, was an dem 31. Oktober 2004 geschah. Eine Regel des Death Notes besagt, dass jemand, der bereits eingetragen ist, nicht nochmals eingetragen werden kann. Es zählt dann der erste Eintrag und alle nachfolgenden Einträge derselben Person fallen ohne Wirkung aus. So trug Rem also L und Watari in das Death Note ein. Für Letzteren kam jede Hilfe zu spät; zu Ls großer Trauer und Schock zugleich, denn das hatte er wirklich nicht kommen sehen. Dieser wiederum täuschte seinen Tod gekonnt vor und verschwand, so dass er von nun an heimlich aus dem Untergrund gegen Light weiter vorging, denn er war sich nach wie vor sicher, dass dieser der Ursprung allen Übels war. Diese Ansicht teilte, bis auf Watari, im übrigen keiner mehr mit ihm, weswegen es für ihn noch umso sinniger erschien, offiziell nie wieder in Erscheinung zu treten, sondern als verschollen und "wahrscheinlich tatsächlich verstorben" zu gelten. Die ganzen darauf folgenden Monate stellten seine überaus gehobene Intelligenz und seine Ausdauer auf eine harte Probe. Rund um die Uhr hatte er Maßnahmen anzustellen, die zur
Ergreifung von Light und zugleich auch zum Beweis seiner Schuld führen sollten. Er kommunizierte indirekt mit seinem ehemaligen Kollegium der FBI und gab verschlüsselte Hinweise, stellte Überwachungen an, beauftragte unter falschen, sich immer wieder wechselnden Identitäten, Auftragsspione und, und, und... Das alles hatte ihm nahezu seine letzten Kräfte gekostet, doch am Ende siegte dann doch noch das Gute als Light dermaßen in die Enge getrieben worden war, dass er nur noch gestehen konnte. Was dann war, darüber wurde unter den Menschen nur noch spekuliert. Wahrscheinlich waren es die drei Kugeln eines FBI-Agenten, die Light zum erliegen gebracht hatten. Andererseits jedoch trafen diese keine der lebenswichtigen Organe. Soviel konnte man feststellen. Vermutlich hatte er sich irgendwie selbst gerichtet...
Nun war der einstige, von allen ernannte "Genie-Agent" also wieder zurück in Japan. Er hatte sich in jener Villa ansäßig gemacht, die einst Watari selbst gehörte und die er ihm bereits Jahre zuvor in einem geheim aufgesetzten Testatemt zugesprochen hatte, dass er über diese nach seinem Ableben frei verfügen durfte. Noch immer hatte niemand mehr etwas von Ls immernoch verbliebenen Existenz erfahren und er hielt es, weiß Gott, für besser so. Er hatte alle seine Verpflichtungen getan und wollte sich nun zu seiner gebührenden Ruhe setzen; sich entgültig zurück ziehen. Er wusste ja, sein Tod war ihm nun näher denje. So besagte es leider nun mal jene weitere Regel des Death Notes: Hat man sich bzw. wen anders einmal in das Buch eingetragen, so kann sich der Todeszeitpunkt nicht länger als ein Jahr nach Datum des Eintrages erstrecken. Ls vorgesehener Todestag würde nun also der 31. Oktober 2005 sein und jener Tag dieser betrübenden, ereignisreichen Nacht schrieb bereits den 8. Oktober 2005... Ls Lebenszeituhr würde also schon ziemlich bald ihre letzten Sekunden zählen.
L wusste über alle Abläufe und Regeln des Death Notes genauestens bescheid, denn er hatte sich im Laufe des Falles KIRA so eingehend mit dem Buch zu beschäftigen, dass jegliche Zweifel ausblieben und er allen Fakten absolut Herr war.Er war allein, aber er liebte die Einsamkeit. Auch zuvor war zeitlebends sein Diener Watari sein einziger persönlicher Kontakt. Mit allen anderen kommunizierte er im Rahmen seiner vergangenen Fälle stets lediglich anonym über seinen Computer oder über Watari selbst, der bisweilen sein
persönlicher Nachrichtenübermittler an die Außenwelt war. Lediglich in dem Falle KIRA zeigte L sich zum ersten Mal der Öffentlichkeit und das würde auch auf ewig seine einzige Ausnahme gewesen sein. Dessen war er sich sicher und es war auch gut so. Immerhin hatte er sich über all die Jahre hinweg den gefährlichsten und kompliziertesten Fällen angenommen; die schlimmsten Straftäter konnten unter seiner Führung entlarvt und gefasst werden. Da war
es auch klar, dass er sich unter diesen, nach all der Zeit, auch eine Menge Feinde gemacht hatte. Doch niemand kannte L, wusste rein gar nichts über diese Person, die stets als Schatten eines vermeintlichen Genies in Erscheinung getreten war und sich niemand wirklich sicher sein konnte, ob es sich dabei nur um ein Gerücht oder tatsächlich einer real existenten Person handelte. Adererseits hätte es für ihn ansonsten auch so manch verhängnisvolle Folgen haben können, wenn er seine Ermittlungen, wie jeder andere, offen durchgezogen hätte. Früher oder später hätte man sich an ihm gerächt und er wäre schneller ans Messer geliefert worden als man hätte denken können. Alles, was er machte und plante, war von tiefstem Sinn geprägt und genaustens durchdacht. L hatte einen äußerst scharfen Verstand
und dachte meist immer um 10 Ecken weiter als alle anderen. Man verstand ihn daher auch nicht immer und hielt seine Vorgehensweisen auch oftmals für absurd und völlig fehl am Platze, aber letztendlich konnten alle FBI-Kollegen, die sich im Falle KIRA mit ihm verbündet hatten, auf seine Fähigkeiten vertrauen und davon profitieren. L war zeitlebends Vollwaise. Über seinen Ursprung wusste niemand etwas; nicht eimal er selbst, denn er war von Watari eines Nachts vor dessen eigener Haustür aufgefunden worden; lediglich in einem Strampler von einer weichen Decke umhüllt in einer größeren Tasche. L war damals gerademal 3 Monate alt wie man später nachweisen konnte. Mit 5 Jahren wurde er in Wataris eigens gegründetes "Wammy-Waisenhaus" gebracht, welches unter seiner Leitung bestand und selbst heute noch besteht. So war Watari auch zugleich zum großen Teil für Ls Erziehung zuständig. Er war für ihn wie ein Vater, was seinen Verlust natürlich umso schmerzvoller machte. L hatte ihm praktisch alles zu verdanken. Aus ihm war ein junger, gebildeter Mann mit einem äußerst hohen Intelligenzquotient geworden und nun stand er ganz allein dar. L spürte diese schmerzhafte Leere, den Kummer, die vollkommene Einsamkeit in dieser leeren alten Villa, die einst von Watari und zuvor von dessen Familie bewohnt gewesen war. Nichts von früher war nun mehr dort wiederzufinden. Niemand da, der sich nach seinem Befinden erkundigte, niemand der mit ihm sprach, niemand der ihm seine heißbegehrten Süßigkeiten brachte, niemand der ihn zudeckte, wenn ihn doch einmal die Übermüdung packte... L war allein! Ganz allein! Für den Rest seines noch verbleibenden Lebens allein!
Seufzend hob er seinen Kopf, was ihm äußerst schwer gelang, denn er hatte ziemlich lange in dieser unbequemen Sitzlage an seinem Tisch verweilt und sein Nacken war daher schmerzhaft steif geworden. Seine tiefschwarzen, mit dunklen Rändern versehenen Augen brannten ihm. Es fiel ihm schwer, die Uhrzeit wahrzunehmen als sein Blick auf seine Wanduhr fiel. Erst war alles verschwommen, dann jedoch erkannte er schleierhaft 4:05 Uhr - tiefe Nacht; fast schon morgens. Sein Gesicht krampfte sich zu schmerzhaftem Leid zusammen. Ihm hingen einige Strähnen seiner schwarzen, völlig durcheinander geratenen Haare im Gesicht. Langsam richtete er seinen Oberkörper von dem Tisch auf. Zusammengekauert hockte er auf seinem Drehstuhl in seiner für ihn angenehmsten Sitzlage, in der er seine Beine bis zu seiner Brust anwinkelte und dabei seine entblößten Füße auf den Stuhl aufsetzte. Dabei hielt er mit den Händen meist noch seine Knie umfasst bzw. er stützte diese darauf ab. Das verschaffte ihm seinen persönlichen Komfort, wenn auch sich das kaum jemand vorzustellen vermochte, doch er erklärte es immer damit, er könne in dieser Position am besten nachdenken und dies tat er nahezu permanent; man konnte davon ausgehen, dass er es sogar im Schlaf tat, was im übrigen bei ihm nur sehr selten mal der Fall war.
Die vergangenen letzten Monate hatten ihm stark zugesetzt. Zu niemandem hatte er Kontakt; nicht einmal mehr über seine Umwege in Form von geheimen Nachrichten über das Internet oder seiner Sprechanlage. Er ging nur selten aus dem Haus; eigentlich nur dann, wenn es wirklich nicht mehr zu vermeiden war und zwar wenn es darum ging, jene Besorgungen zu tätigen, die einst Watari immer für ihn gemacht hatte. Doch nun, wo er ganz allein auf sich gestellt war, musste er selbst für sich sorgen und das war für ihn jedes Mal eine einzige Qual, denn er hasste die Öffentlichkeit. Wollte er sich dieser doch einst auf ewig entziehen und sein Gesicht niemals jemandem zeigen mit Ausnahme von Watari, Light und später jenen FBI-Agenten, die den Fall KIRA mit ihm zusammen ermittelt hatten. Doch L musste schließlich irgendwie noch einigermaßen über die Runden kommen, wenn auch es sich, wie er selbst meinte, ja eigentlich eh nicht mehr groß lohnte, wo er doch schon bald seinem Schicksal erliegen würde... Er kam sich so elendig hilflos vor, was ihn natürlich obendrein auch manisch depressiv gemacht hatte. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst; ein einziges Wrack des einst so raffinierten, geheimnisvollen, jungen Meisterdetektives, der in diesem Jahr 2005 gerademal 26 Jahre zählte.
Seufzend stand er von seinem Stuhl auf, kratzte sich seinen wuschelhaarigen Kopf und rieb sich seine eingefallenen Augen.
"... Wie lange noch?" hauchte er leise zu sich selbst. Seine Stimme klang heiser. "Ich sollte besser heute damit beginnen, ehe es noch später wird."
Er setzte sich an seinen iMäc und rief sein E-Mailprogramm auf. 'Keine neuen Nachrichten', wie immer. In all den Wochen vor dem Fall KIRA bekam er nahezu täglich E-Mails von den verschiedensten Kommissariaten, die mit ihrem Rat bezüglich diverser schwerer Kriminalfälle nahezu am Ende waren und auf die Hilfe des "geheimnisvollen L" hofften, worauf es dann immer Watari war, der im Auftrag von L, mit ihnen näher korrespondiert hatte. Nun aber hatte L ja rein niemanden mehr und es war ihm nur allzu recht. Er wollte schließlich alles Gewesene hinter sich lassen und die letzten Tage seines Lebens allein beschreiten...
Doch eine kleine Ausnahme schien da wohl doch noch zu sein. L betätigte den Button 'Neue E-Mail verfassen', klickte in seinem Adressbuch einen Namen an - "Near", dessen E-Mailadresse nur durch die Eingabe eines Passwortes zu erreichen war. Dann verfasste er einpaar knappe Worte:
"23 Tage noch. Werde noch ein letztes Mal meinen Weg zu dir finden und du wirst alles erfahren. Warte aber nicht drauf. L."
Dann klickte er auf den 'Senden'-Button und schaltete seinen iMäc wieder aus.
Das Gewitter ließ langsam nach. L trat aus seinem gemütlich hergerichteten Dachzimmer, eine Treppe hinab und schritt in schleichenden Schritten in ein großes, geräumiges Wohnzimmer an dessen große Fenster er nun trat. Vier waren es an der Zahl und L kam an dem Dritten zum stehen. Letzte Regentropfen klatschten gegen die Scheiben, ehe der Regen dann schließlich ganz verstummte. Wortlos blickte er mit leerem Blick auf die dunkle, trübe Landschaft, außerhalb von Wataris Villa. Einige Bäume hatten inzwischen fast völlig ihre Blätter verloren und es wehte der nasse Laub auf dem Boden umher. In L machten sich so viele Gedanken breit.
"So wie die Blätter von den Bäumen fallen und als Laubreste in der Ferne zergehen, so wird mein Leben bald mit ihnen ziehen..."

An einer anderen Stelle schwirrte zur gleichen Zeit der Shinigami Musein eine alte Kirche hinein. Sie hasste eigentlich Orte dieser Art, doch war ihr daran, ihrem neu erkorenen "Schützling" Marti eine nicht ganz unerhebliche Nachricht zu überbringen. Und sie wusste, dass sie sich dort in Sicherheit gebracht hatte, nachdem sie eilig das Weite gesucht hatte.
"Hi Marti!" erschien sie dem völlig fertigen Nervenbündel vor einer Sitzbank, hinter der sie erbärmlich zusammen kauerte.
"Wie hast du mich gefunden?" fragte Marti aufgeregt. Sie zitterte immernoch.
"Shini eben! Wir sehen so einiges!" antwortete Muse lässig: "Wollte dir auch nur eben mitteilen, dass er hinüber ist und dir, bei dieser Gelegenheit, außerdem noch das hier wiedergeben! Haste nämlich vorhin in deiner Eile verloren!"
Und sie streckte Marti jenen Taschenkuli entgegen, der ihr bei ihrer hastigen Flucht runter gefallen war. Der war entsprechend noch halb nass. Doch Marti konnte nur alles andere als dankbar sein: "Was habe ich nur getan? Er ist... wirklich tot? Die Sache mit dem Buch hat echt geklappt??"
"Glaub mir doch endlich mal!" grummelte Muse langsam etwas eingeschnappt: "Du hast ihn eingetragen - in mein Death Note! Und wenne mich fragst, es war gut so! Nachdem, was du mir erzählt hast und ich geh mal stark davon aus, dass auch alles gestimmt hat...?!"
Marti schluckte. Jene Tatsache, die sie am liebsten nicht hätte erfahren wollen, hatte sich nun tatsächlich als die reine Wahrheit entpuppt: Akiba war nun tot! Marti wusste gar nicht, wie sie sich nun verhalten sollte, geschweige denn, was sie nun fühlte. Freude? Erleichterung? Gewinnensbisse? Selbstmmitleid? Stolz? Oder doch auch Trauer? Irgendwie fühlte sie im Moment alles davon... vor allem aber grenzenlose Überwältigung und im stetigen Kampf mit sich, ob das alles nicht doch nur ein böser Traum war.
"Toll. Und was soll nun werden? Was soll ich tun? Ich gehe nicht mehr in meine Wohnung zurück!!" bebte Marti ganz verzweifelt.
Muse grinste: "Musste doch auch gar nicht! Dann bleibter eben da liegen... Irgendwann werden Nachbarn schon drauf aufmerksam, hihi!"
Sie schien sichtlich amüsiert über die ganze Situation zu sein.
"Ja toll, echt klasse!" maulte Marti immer hysterischer: "Und wo soll ich bitte jetzt hin? Ihr komischen Todesgötter mögt das vielleicht nicht kennen, aber wir Menschen brauchen Obdach; einen Platz zum schlafen, was zu essen, Klamotten..."
"Schön für euch!" fiel Muse ihr ins Wort: "Wir nicht!"
Marti sah sie darauf ganz entgeistert an.
"Jetzt sag bloß, du willst dich jetzt aus der Affäre ziehen und mich mit meinem Schicksal allein lassen??" fragte sie.
"Hab ich das gesagt? - Nein!" grollte Muse.
"Ja, aber, a-a-aber..." In diesem Moment kam eine Nonne aus einem der kirchlichen Hinterräume hervor. Sie hatte Marti offensichtlich gehört und sagte ihr nun freundlich, aber bedacht: "Bitte etwas leiser, ja? Doch... mit wem redest du?"
Marti schaute die Nonne etwas überrascht an, da sie diese zuvor überhaupt nicht bemerkt hatte. "Es tut mir leid und wir verschwinden auch gleich!" war ihre rasche, beschämte Antwort.
"Wir?" Die Nonne sah sich fragend um. Sah sie etwa nur Marti allein da sitzen? Muse schwebte aber doch definitiv vor den Sitzbänken herum!? Diese kicherte nur. Leicht errötet stand Marti von ihrem Platz auf und hastete eilig aus der Kirche; Muse glitt ihr hinterher. Die Nonne schaute dieser für sie sehr merkwürdig erscheinenden jungen Frau nur verwirrt nach. "Aber... du musst doch nicht gleich... gehen?" Es schien zwecklos, Marti nachzurufen. Viel zu schnell war diese auch schon zur Kirche raus. Zum Glück regnete es nicht mehr. Eine sanfte Windbrise wehte einige Herbstblätter an Marti vorbei. Es war immer noch stockdunkel. In herbstlichen Monaten wie dem jetzigen wurde es erst spät hell und dementsprechend viel zu früh wieder dunkel. Nachdem Marti sich Richtung Innenstadt begeben hatte, rastete sie auf einer dort befindlichen Bank unter einer Laterne, welche immer noch leuchtete. Muse schwebte zu ihr hin und senkte sich zu Boden, worauf ihre prächtig großen Schwingen mir nichts, dir nichts, wieder in ihren Rücken verschwanden. Sie zückte plötzlich wieder den kleinen Kuli hervor und bot ihn Marti erneut an.
"Hier, so nimm ihn doch endlich wieder an dich! Ich trag dir den nicht durch die halbe Welt hinterher!" forderte Muse. Marti reagierte darauf jedoch gar nicht weiter, sondern fragte Muse direkt: "Wie kam das grad, dass die nur mich gesehen hat? Bist du für andere etwa unsichtbar oder doch nur ein Hirngespinst?"
"Wenn du mich als Letzteres wirklich abtun willst..." grummelte Muse wieder einmal leicht verärgert: "Ne, ne, ne, du bist schon komisch drauf! Ersteres trifft es eher! Ich bin bisher in dieser Welt nur für dich allein sichtbar! Wir Shinigami treten vor euch Menschen erst dann in Erscheinung nachdem ihr unser jeweiliges Death Note berührt habt! Vorher könnt ihr uns nicht wahrnehmen! Merke: Ich kam vor dir erst ins Bild, nachdem du mein Death Note aus der Fütze gefischt hattest..." Muse zwinkerte.
"Ach, so ist das!" Marti verstand nun, wusste aber immer noch nicht weiter.
"Und nun?" war ihre Frage.
"Ich an deiner Stelle würde, wenn du dein ersehntes Zuhause wirklich so doll brauchst, mal deinen verblichenen Göttergatten von einer ärztlichen Kraft aus deiner Wohnung schaffen lassen!" meinte Muse nun im Guten: "So 'n Herzstillstand kann jederzeit jeden treffen. Dich wird nie einer verdächtigen, damit etwas zu tun zu haben!"
"Was wenn doch?" Marti hatte einfach immer noch zu große Zweifel und machte sich selbst die größten Vorwürfe, sich zu dieser Sache überhaupt überreden gelassen zu haben.
"Nix, gar nix 'wenn doch'! Vertrau mir, auch wenn ich vielleicht nicht sonderlich vertrauenserweckend auf dich wirken mag!"
Marti schwieg und überlegte. Sollte sie es wirklich wargen? Allerdings müsste sie dann sogar persönlich bei einem Arzt vorsprechen, denn auch ihr Handy hatte sie immer noch in ihrer Wohnung. Sie entschied sich, Muses Rat zu folgen und nahm bald ihren Weg zu ihrem Hausarzt auf, um möglichst erschrocken wirkend den "plötzlichen Vorfall" zu melden. Auf dem Weg dorthin versuchte Muse es dann noch einmal: "Nimmst du jetzt endlich den Kuli?!??"
Seufzend nahm Marti ihn nun endlich an sich und steckte ihn in die dafür vorgesehene Halterung von Muses Death Note zurück.
"Na also, es geht doch!" lobte Muse frech.
Es war noch sehr früh. Marti würde noch einpaar Stunden warten müssen bis die Praxis ihre Pforten öffnete. Zu schade, dass sie ihr Handy nicht bei sich hatte...

Der Morgen graute. L verspürte ein unerträgliches Hungergefühl, wenn auch er bereits seit Wochen keinen richtigen Appetit mehr hatte. Er schaffte es daher auch prima, mal mehrere Tag gänzlich ohne Essen auszukommen. Das ersparte nur all diese lästigen Gänge an die Öffentlichkeit... Früher hatte er nahezu pausenlos und mit größter Leidenschaft etliches verputzt, was auch nur ansatzweise süß war. Tagtäglich, rund um die Uhr, genoss er den zahlreichen Konsum von Bonbons, Donuts, Schokolade, Kuchen, Plätzchen, Torten, Pralinen, Pudding, diverse speziell glasierte Backwaren, und und und... Er ernährte sich permanent ausschließlich von Süßigkeiten, denn diese verhalfen ihm stets zu seiner immer benötigten Energie, Ausdauer und der Unterstützung seines scharfen Verstands. Auch in seine mindestens 15 Tassen Kaffee am Tag gehörten locker an die 8-10 Würfel Zucker. Trotz all dem blieb er rank und schlank und es bildeten sich an ihm sogar seine Rippen ab. Er schien den besten Stoffwechsel zu haben, den man sich wünschen konnte. Viele beneideten ihn darum. Andere wiederum erklärten ihn für einen Freak. L selbst jedenfalls wusste, dass jede von den zu sich genommenen Energien sofort in seinen ewig arbeitenden Geist investiert wurde, so dass jede überschüssige Kalorie sofort verbrannt wurde. Dies war ihm von Nöten, denn nur so gelang es ihm, selbst seine kompliziertesten Fälle mit viel durchdachter Ruhe und List zu bewältigen. Daher musste er auch ständig für Nachschub sorgen.
Heute jedoch gab es nun aber keine Fälle mehr zu lösen. Warum also noch diese "Energieversorger"? Warum Genuss und Freude erleben, wenn doch eh sehr bald alles vorbei sein würde? So waren nun Ls depressionzerfressene Gedanken während der ganzen vergangenen Monate über und er aß nur noch winzige Kleinigkeiten und überhaupt auch nur noch, wenn ihm vor Unterernährung bereits dermaßen schlecht war, dass er nahezu zusammenzubrechen drohte. Exakt so war ihm auch an jenem Morgen wieder einmal zumute. Mit zittrigen Schritten schlich er vorsichtig die Treppe in den Vorratskeller hinunter um die Schränke seiner Küche mit Kleinigkeiten aufzufüllen, die für ihn jenseits von Bedeutung waren. Jedoch musste er, nachdem er etliche Kisten und Vorratsregale des Kellers nach was Essbarem durchgeschaut hatte, zu seinem Leiden feststellen, dass absolut nichts mehr da war. "Oh nein..." seufzte er nur und wusste natürlich, welch grauenerregendes Hindernis ihm mal wieder bevorstehen würde. Und dann konnte er sich obendrein auch noch kaum mehr auf den Beinen halten...
"Na, dann versuch ich mal wieder mein bescheidenes Glück, sofern ich nicht vorher schon an meinem nächsten Schwächeanfall krepiere..." stöhnte er kläglich, schaute auf seine Uhr und hielt es für angebracht, lieber gleich loszugehen. Es war grad 8:30 Uhr morgens, da würden noch nicht allzu viele Menschen unterwegs sein, dachte er in guter Hoffnung. In seinen schlabberigen Klamotten aus einem weißen, langarmigen Oberteil und einer blauen Jeans, welche ihm beide stets eine Nummer zu groß waren, taumelte er barfüßig aus der Villa hinaus. Er konnte sich kaum mehr richtig auf den Beinen halten und ihm war einfach nur noch schwindelig und schlecht. Wenn auch nur ansatzweise noch irgendetwas in seinem Magen gewesen wäre, hätte er sich garantiert jetzt erbrochen...

Inzwischen hatte auch die Praxis des Hausarztes von Marti und Akiba geöffnet. Marti tat ihr Bestes um überzeugend entsetzt und traurig rüberzukommen als sie der Sekräterin an der Rezeption den Vorfall eines plötzlichen Zusammenbruchs ihres Partners in der Wohnung schilderte. Dies fiel Marti auch nicht sonderlich schwer, denn sie stand zu diesem Zeitpunkt selbst noch genug unter Schock und war angemessen zittrig und kreidebleich im Gesicht. Die Tippse hatte alle Mühe, sie zu beruhigen. Da dies entsprechend ein Notfall war, wurde sogleich ein Notarztwagen eingeleitet, in dem Marti nun mitfahren musste. Ihr war dabei überhaupt nicht wohl als der Arzt und eine Helferin von ihm, die ebenfalls mitgefahren war, sie nach der Ankunft aufforderten, mit in die Wohnung zu kommen. Diesen Schritt konnte und wollte Marti einfach nicht gehen; sie wollte nie wieder mit Akiba konfrontiert werden und ihn erst recht nicht auch noch leblos  da in ihrer Wohnung liegen sehen, was sie ja obendrein selbst zu verantworten hatte. Wenn doch nur alles schnell vorbei sein würde, aber scheinbar gab es doch noch so einige Dinge, die geklärt und getan werden mussten. Doch Marti war geradezu einem Nervenzusammenbruch nahe als man sie erneut aufforderte, mit hoch in die Wohnung zu gehen. Sie hatte noch nicht einmal den Schlüssel zu ihrer Wohnung. So konnte der Notarzt also auch erstmal nichts machen; die Polizei musste benachrichtigt werden, um Zugang in die Wohnung zu veranlassen als sich durch mehrfaches Anklingeln nichts tat. Marti hatte ein äußerst ungutes Gefühl, wenn nun auch die Bullen kamen, doch irgendwie war auch das ja ersichtlich gewesen...
Nicht mal eine halbe Stunde später kam ein Streifenwagen vor Martis Wohnung zum halten. Zwei kräftig gebaute Polizisten stiegen aus ihm und musterten Marti sofort kritisch, worauf sie nur zitternd in dem Notarztwagen auf dessem Rücksitz kauerte.
"Dein Rat war sowas von ein Reinfall!" maulte Marti leise zu Muse, welche, für die anderen unsichtbar, neben ihr auf der Rückbank saß.
"Nun warte doch erst einmal ab, herrje!" antwortete Muse sichtlich genervt von Martis permanenten Angstzuständen.
Der Notarzt ging sogleich auf die zwei Beamten zu und schilderte ihnen den Fall und dass sich Marti schier weigerte, mit ihnen nach dem Rechten zu sehen. Die Beamten nickten und wendeten sich nun Marti zu.
"Hey Sie, so kommen Sie doch bitte mal raus!" forderte der eine von ihnen sie mit ernster Stimme auf.
"Sie bekommen mich da nicht in die Wohnung rein!" zischte Marti.
"Sie brauchen das doch auch nicht, wenn es Sie so stark belastet!" gab sich der Beamte nun überraschend verständnisvoll: "Wir brauchen lediglich einpaar Angaben von Ihnen für's Protokoll!"
Muse stupste Marti leicht von der Seite an, was als Aufforderung an sie galt, den Bullen lieber zu folgen, doch das war nun nicht mal mehr so nötig. Marti hatte durch die Worte des Beamten ein wenig Erleichterung genossen und erklärte sich nun bereit, eine Aussage zu machen. Dabei natürlich immer noch deutlich verstört und aufgeregt.
Nachdem man sie über alle Verhältnisse befragt hatte, machten sich die Beamten nun daran, Martis Wohnungstür aufzubrechen während diese mit Muse allein im Wagen zurück blieb und auf die Diagnose des Arztes wartete, der den Beamten, mitsamt seiner Helferin, mit in die Wohnung gefolgt war.
"Siehste", hauchte Muse ruhig: "War doch alles gar nit so tragical..."
"Wer weiß, was noch alles kommen wird!" wendete Marti ein: "Ich will nicht länger mit der Sache konfrontiert werden!"
"Wirste auch nicht!" beruhigte Muse: "Du hast doch nix weiter mehr mit dem Kerl am Hut! Wat meinste, wie viele meiner Kerle auffer Abschussliste stehen... Und mir sind'se auch alle wurscht! Am besten nie wieder binden und wenn, dann nur unter ganz bestimmten Einschränkungen. Ist besser für uns, glaub ma'..."
In dem Moment kamen die Beamten mit langsamen Schritten und gesenkten Köpfen wieder aus der Wohnung heraus. Marti wusste genau, was sie jetzt zu sagen hatten. Sie baten sie noch einmal aus dem Wagen hinaus. Dann begann einer von ihnen schwermütig: "Tut uns sehr leid, Frau Sakamoto-chan, aber für Ihren Partner kommt leider jede Hilfe zu spät. Absoluter Herzstillstand - ohne irgendwelche ersichtlichen Hintergründe! Wir werden zwar noch prüfen, ob eine eventuelle Gewalteinwirkung stattgefunden hat, jedich ist eigentlich schon jetzt alles offensichtlich... Er ist auch bereits seit ungefähr vier Stunden tot. Die Leichenstarre hat bereits eingesetzt.Wir haben bereits einen Leichenwagen hierher bestellt."
Marti wusste es natürlich, konnte aber dennoch nicht anders, als sich die ganze Tatsache noch einmal vor Augen zu führen und bewusst zu machen. All das nochmal so sachlich und konkret bestätigt zu hören hatte ihr stark zugesetzt. Ihre Beine begannen zu zittern bis sie schließlich nachgaben. Marti wurde schwarz vor Augen - Sie fiel in tiefe Bewusstlosigkeit.

Muses Gesicht wurde in einem verschwommenen Hauch, der umher flimmerte, langsam immer klarer.
"Na, ausgeschlafen?" scherzte sie zynisch.
Marti blinzelte benommen. "W-was ist passiert?" Sie wusste gar nicht, wo sie nun war und konnte sich für einige Sekunden an gar nichts mehr erinnern bis es ihr dann plötzlich wieder einfiel. Sie fand sich in einem strahlend weiß tapezierten Krankenzimmer wieder, in einem ebenso reinlich weiß bezogenen Krankenbett. Offenbar hatte man sie nach ihrem spontanen Schwächeanfall schleunigst versorgen können.
"Mir ist schwindelig!" stöhnte Marti und hielt sich gequält ihren Kopf.
"Dat is ambulant! Sobald'e dich besser fühlst, machen wa die Fliege!" erklärte Muse, während sie ganz unbetroffen aus dem Zimmerfenster schaute. Der Anblick draußen gefiel ihr deutlich besser als jener Sterile hier in diesem langweiligen Zimmer.
"Ist es denn nun vorbei?" fragte Marti unsicher.
"Sicher! Jetzt komm! Sach denen, du bist fit und wir sind zwei freie Damen!" lachte Muse ungeduldig. Dann zückte sie noch was Bestimmtes hervor: "Übrigens, das Death Note habe ich natürlich bewusst wieder in meinen Besitz genommen, damit'se nicht noch irgendwelche ungünstigen Fragen stellen!"
"Danke." sagte Marti nur müde: "Ich glaube, das war auch gut so!"
Plötzlich öffnete sich die Zimmertür und eine Ärztin trat ein. Sie schaute Marti sehr freundlich an.
"Wie geht es Ihnen, Sakamoto-chan?" Sie lächelte.
"Vielen Dank! Es geht mir schon wieder besser. Wenn ich also gehen darf..." leitete Marti sogleich ihren Appell zum Verlassen dieses Krankenhauses ein.
"Oh, oh, oh, warten Sie lieber noch! Immerhin sind die Umstände alles andere als gut bei Ihnen momentan und ich rate Ihnen dringendst, lieber noch einpaar Tage hier zu bleiben und die Hilfe eines unserer Psychologen hier in Anspruch zu nehmen! " wies die Ärztin Marti sichtlich besorgt zurecht. Doch Marti richtete sich in diesem Moment von ihrem Bett auf und dankte freundlich, aber direkt: "Sehr nett, wirklich, aber ich kann Ihnen versichern, dass ich schon klar komme!"
"Aber ihr Partner ist d-doch eben erst...?" die Ärztin schaute Marti ungläubig und traurig zugleich an. Sie schien großes Mitgefühl für ihre bedenkliche Situation zu haben.
"Ach, so intim war unsere Bindung nicht!" versuchte Marti sich nun gekonnt rauszureden: "Deshalb geht das schon irgendwie alles..."
Ganz verdutzt meinte die Ärztin: "Aber... er war doch Ihr Partner, oder nicht?" Sie wurde immer verdutzter.
"Trotzdem war es nicht die Welt! Gut, es ist traurig und ein großer Schock für mich, aber ich denke, ich schaff's auch künftig allein, durch das Leben zu kommen!" rechtfertigte sich Marti.
Die Ärztin hielt einen Moment lang inne. Auch Muse blickte mit deutlicher Erstaunis zu Marti auf. Diese flackse Erklärung hätte sie von der vorhin noch so schüchternen und geschockten Marti wirklich nicht erwartet.
"WOW, Marti!?" sagte sie nur und hob kurz ihre dunkelgläserne Brille an, worauf ein heller Lichtstrahl Marti zu blenden drohte.
Dann schließlich willigte die Ärztin mit einem Seufzen ein: "Na gut, es liegt halt allein in Ihrer eigenen Verantwortung! Wenn Sie wirklich meinen, dass es geht, dann soll es wohl so sein, obwohl ich Ihnen immer noch davon abrate, das Krankenhaus so frühzeitig zu verlassen..."
"Ich danke Ihnen herzlich!" beendete Marti höflich diese Diskussion und wurde nun von der Ärztin hinunter zur Rezeption gebeten, wo Marti noch einen Schein zu unterzeichnen hatte, der sie über jegliche Konsequenzen und ihrer Eigenverantwortung unterrichtete, die bei einem frühzeitigen Verlassen des Krankenhauses entstehen könnten. Dies stellte für sie jedoch überhaupt kein Problem dar, denn sie war sich über alles völlig im Klaren.
Nun lief sie, ausgehend vom Krankenhaus, Richtung Innenstadt, um dort noch einpaar übliche Einkäufe zu tätigen, ehe sie sich heimwärts begeben wollte. Das nötige Bargeld dazu hatte sie glücklicherweise noch in der rechten Tasche ihrer Jeanshose. Auch einen neuen Wohnungsschlüssel hatte man ihr für das neu eingesetzte Schloss ihrer zuvor aufgebrochenen Wohnungstür gegeben. Doch war Marti bei dem Gedanken, zurück in ihre Wohnung zu gehen, schon ziemlich mulmig zumute. Immerhin lag dort satte vier Stunden ihr toter Freund in ihrem Wohnzimmer herum. Marti wusste selber noch nicht, wie sie künftig damit umgehen sollte. Der Gedanke daran rief nahezu Übelkeit in ihr hervor. Sie überlegte nach wie vor, ob es wirklich gut war, dass alles dermaßen weit kommen musste... Zum Glück leistete Muse ihr treuen Beistand, wenn auch sie wirklich nicht immer eine richtige Hilfe war, denn sie nahm die ganze Situation stets gelassen und sprach ihr anscheinend keine sonderliche Bedeutung zu; höchstens nur insofern, dass Marti nun eine "freie Frau" war, was Muses Lebensstil doch sehr entsprach und sie befürwortete. Allerdings war Marti dies zu jenem Preis, nun als insgeheime Mörderin zu gelten und es stand für sie fortan eins fest: Sie musste unbedingt alles daran setzen, um zu verhindern, dass jemals jemand auch nur irgendwas von der Sache erfahren würde. Als klarer Vorteil galt dabei zumindest jene Tatsache, dass wahrscheinlich eh niemand glauben würde, dass sie diesen Mord lediglich durch einen Eintrag in ein sonderbares "Teufelsheft", wie sie es nannte, verübt hatte. Das war einfach zu verrückt!
Während sie so mit Muse durch die noch relativ ruhig besuchte Innenstadt spazierte, fragte diese: "Und? Was wirst du nun tun?"
"Sag du's mir!" meinte Marti nur kalt.
"Nun ja, das Death Note beliebe ich wohl besser bei mir zu behalten! Nicht weiter für für eine Seele wie dich..." sprach Muse nachdenklich und betrachtete dabei kritisch das Death Note in ihrer Hand.
"Behalte es ruhig!" stimmte Marti ihr zu: "Ich werd's sicher nicht nochmal benutzen! Bloß nicht!!"
Ja, so waren damals Martis Gedanken, die sie mit ihrer damaligen naiven Überzeugung versicherte und Muse die solche mit ihr auch teilte...

Marti verschlug es in einen Billig-Supermarkt, wo sie einige sogenannte "notwendige Einkäufe" tätigte. Muse verstand dabei nicht recht, was an denen so "überlebenswichtig" war, wenn sie dabei Dinge wie Schokoriegel, Kekse, gefüllte Getreidekissen und Tiefkühlpizza sah. Im übrigen hatte sie ohnehin mit Essen gar nichts zu tun, denn Shinigami benötigen diesen Konsum nicht zum leben. Ihre Organe hatten sich so angepasst, dass sie gänzlich ohne Nahrung auskommen. Nur manche von ihnen wollten, aufgrund des Genusses am Geschmack, nicht darauf verzichten und taten es den Menschen gleich. So waren ihre Bedürfnisse denen des Menschen manchmal auch gar nicht mal so unterschiedlich. Doch Muse gehörte zumindest nicht dazu und war auch ganz froh darum.
Marti nahm ihre gefüllte Einkaufstasche und machte sich nun auf den Heimweg. Sehr wohl war ihr dabei natürlich noch immer nicht. Ihr schnürte es förmlich die Kehle zu bei dem Gedanken, nun dorthin zurück zu kehren, aber irgendwie musste sie es... Sie bog in eine längliche Gasse ein, die eine gute Verbindung zwischen der Innenstadt und Martis Wohnung in der Lotusgasse bot. Dennoch wäre sie lieber noch so manchen Umweg gegangen. Ihre Schritte wurden zunehmend langsamer.
"Na, du lässt dir ja Zeit!" bemerkte Muse wieder in ihrem üblichen Zynismus.
"Du weißt schon, warum..." antwortete Marti scharf.
Einige wenige Passanten kreuzten ihre Wege. Es war nach wie vor kaum etwas los. Doch dann fiel Muse unter den wenigen Leuten einer auf, der sich scheinbar nach Hilfe sehnend und mit sehr wackeligen Beinen an einer der Hausmauern festhielt um nicht umzufallen. Marti hingegen war zu sehr in ihre eigenen Gedanken vertieft, dass sie jenen jungen Mann nicht zu bemerken schien, obwohl er ziemlich auffällig aus dem gesamten Umfeld hervor ging; bereits schon reinoptisch. Er war hager, wirkte völlig kränklich und schwach aufgrund seines übermüdeten Ausdrucks und extremer Blässe im Gesicht, hatte völlig zerzauste Haare, trug herunter gekommene Schlabberklamotten und schien zu nichts mehr in der Lage zu sein. Muse wusste gleich bescheid, dass mit ihm etwas nicht zu stimmen schien und wies Marti auf ihn hin: "Sieh mal dort drüben! Der's ja voll am abnippeln gleich, der arme Kerl!"
Nun würdigte auch Marti dem geschwächten Fremden eines Blickes. Sie sah einen jungen
Mann, der auf sie sogleich ziemlich entkräftet wirkte und anscheinend kaum älter als sie selber war. Mit seinen letzten verbleibenen Kräften arbeitete er sich an einer der Hausmauern vor, was ein äußerst niederträchtiges, müheseliges Bild bot. Er drohte dabei regelrecht umzukippen. Erst hielt Marti ihn für einen Betrunkenen, doch als sie sich sein Gesicht und seinen Ausdruck darin näher betrachtete, hatte sie doch erhebliche Zweifel daran. In seinem Blick spiegelte sich nichts als grenzenlose Verzweiflung und Leid wieder. Es schien um seine Gesundheit alles andere als gut bestellt zu sein. Seine schwarzen durcheinander geratenen Haare verdeckten leicht seine Augen, und dennoch konnte Marti es ihm zweifellos ansehen: Sein ganzes Gesicht war schweißdurchtränkt nass und fast völlig weiß als wäre er bereits tot. Sie merkte ihm an, wie er wild keuchte. Anscheinend hatte er grad mit einem Schweißausbruch zu kämpfen und in Folge dessen sowas wie einen Anfallzustand erlitten.
"Ohje", so Marti, die sofort Mitleid mit ihm hatte: "Was hat der denn da bloß?"
Die anderen Passanten, die noch ihre Wege kreuzten, warfen dem bedauernswerten Kranken nur einen schnellen, gleichgültigen Blick zu und setzten ihre Wege, ohne auch nur ansatzweise zu zögern, weiter fort. Manche von ihnen tuschelten sich sogar verachtendes Zeug zu wie: "So früh am Morgen schon, pah! Diese elenden Penner!"
Martis Schrecken war groß als der seltsame Unbekannte plötzlich vollkommen zusammenbrach. Dabei versuchte er sich noch mit letzten vereinten Kräften zu stützen, aber es gelang ihm nicht. Er war zu schwach und ihm schien nur noch schwindelig und übel zu sein.
"Warten Sie, nein!!" rief Marti wie aus einem Reflex raus und rannte eilig zu ihm hin als er schließlich am Boden lag. Sofort versuchte sie den armen Jungen zu stützen, indem sie ihn mit beiden Armen aufsetzte und festhielt.
"Was ist los mit Ihnen? Brauchen Sie Hilfe?" fragte die völlig besorgte Marti.
Der Fremde hustete kläglich und vergrub sein Gesicht in seine Arme.
"Es geht schon! Los, verschwinden Sie! Mir geht es bestens!" murmelte er abweisend ganz heiser.
"Ich bitte Sie! Es sieht doch ein Blinder, dass Sie dringend Hilfe benötigen!" meinte Marti entsetzt.
"Ich brauche lediglich Ruhe! So gehen Sie bitte...!" widersprach er erneut. Es schien als wollte er um keinen Preis Aufmerksamkeit erregen, geschweige denn, gesehen werden. Daher versuchte er nun sein Bestmöglichstes, um sein Gesicht zu verbergen.
Doch Marti ließ nicht mit sich reden. Mit all ihrer Kraft zog sie den Fremden hoch und stützte ihn sogleich indem sie seinen rechten Arm um ihre Schultern legte. Der Typ war dabei einfach zu schwach, um sich dagegen noch großartig wehren zu können, wenn auch er es zu gern getan hätte,denn ihm wure das alles immer unangenehmer. Innere Verzweiflung machte sich bei ihm breit. Wenigstens gelang es ihm, trotz dieser Prozedur, sein Gesicht weiterhin vor dieser fremden jungen Frau zu verbergen. Mit müheseligen Schritten schob Marti ihn stützend mit sich nach Hause; in ihrer anderen Hand ihre Einkaufstasche tragend. Der Fremde murmelte dabei nur noch unverständliches Zeug. Zuerst hinterfragte Marti dies noch, wusste dann aber recht schnell, dass es wohl zwecklos sein würde, mit ihm jetzt näher das Gespräch zu suchen. Auf einmal fiel es ihr nun gar nicht mehr so schwer, ihren Weg nach Hause in ihre Wohnung zu finden. Im Gegenteil: Plötzlich konnte es ihr gar nicht mehr schnell genug gehen, denn sie wollte diesen armen, jungen Mann in Sicherheit von sich lassen können...
Auch Muse folgte den beiden nun unauffällig hinterher und las über den Kopf jenes Fremden die folgenden Worte: "L Lawliet; verbleibende Lebenszeit: 23 Tage."
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