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23 Days - L's Last Note

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
L
14.01.2010
16.09.2010
6
44.654
 
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14.01.2010 5.941
 
VORWORT

Menschen. Geschöpfe mit Gefühlen, Stärken und Schwächen. Letztere habe ich
am ehesten in Erfahrung bringen müssen. Sie scheinen schier ihren gesamten
Lebensablauf zu bestimmen. So jedenfalls war es bei Marti der Fall -
"meinem" Menschen, den ich "hatte". Dem Menschen, der sich als mein
Schicksal erkoren hatte. Ihr gegenüber wurde ich unweigerlich meiner
Berufung gerecht, die ich mir selber letzten Endes gesetzt hatte, und ich
tat mein Bestmöglichstes. Scheinbar jedoch war dies nicht ausreichend oder
einfach unmöglich. Ich weiß es nicht ...

Marti war eine junge, durchschnittlich hübsche Frau von 26 Jahren; Martina
Sakamoto, alleinlebend in einem Appartment in Tokyo, Japan. Sie war schon
immer ein Großstadtmensch gewesen. Sie war geprägt von Fantasie und einer
hohen Vielfalt an Einfallsreichtum. Zu ihren großen Stärken zählte die
Fähigkeit, nahezu alles Erdenkliche ins Illustrative umzusetzen. Ich kann
mich noch gut daran erinnern wie sie manchmal Abende lang damit verbrachte,
gewisse Auftragsbilder fertig zu stellen, die dann gegen ein spärliches
Taschengeld an interessierte Abnehmer gingen. Ich hielt viel auf Martis
Talent und sie konnte wirklich was draus machen. Zu schade, dass sie die
Chance nicht ergreifen konnte, weil sie gejagt wurde von ihren stetigen
Schwächen. Sie holten sie täglich ein und trübten die eigentlich recht
standfeste, einst lebensfrohe, etwas schrill gepolte junge Frau in ihren Lebenslagen.
Von diesen Schwächen werdet Ihr erfahren während und nachdem ich euch alle Umstände ihrer Geschichte erzählt habe. Denn alles ist zu komplex und zu tiefgehend um es in einpaar Sätzen auf den Punkt zu bringen ...

KAPITEL 1 - Taten

- Prolog -

Martina Chista Sakamoto, 26 Jahre alt, lebend in Tokyo, Japan,
freiberufliche Auftragszeichnerin, so beschrieb man die junge brünette
Japanerin, die in der Lotusgasse 127 lebte; ein etwas abgelegenes
Stadtviertel, jenseits der stark belebten Innenstadt Tokyos, in der Tag ein
Tag aus riesige Menschenmassen einher gingen und die erfüllt war von den
höchsten Wolkenkratzern. Auch Marti (so nannte man sie) war da nicht anders.
Morgens verließ sie ihre Wohnung (ein 2-Zimmer-Appartment), ging ihrer
schlecht bezahlten mickrigen Arbeit nach, kam abends wieder, ging dann
entweder noch in ihrem Stamm-Fitnesscenter trainieren oder ließ sich von
ihrem gleichaltrigen Freund Akiba aushalten und bevormunden. Marti war einst
munter, lustig und selbstsicher. Leider jedoch war sie ebenso schon immer
sehr naiv gewesen - bis heute! Sie geriet bisher nur an jene Männer, die ihr
anfangs die schönsten Augen machten, sie aber letztlich, sobald sie meinte,
nicht mehr von ihnen lassen zu können, mit Vorliebe ausnutzten, ihr alles
vorschrieben und, ja, sie halt ganz und gar zu besitzen meinten. Und Marti
war zeitlebends eine naive Seele, die das Alleinsein fürchtete. Darum
erduldete sie stets alle Demütigungen, Vorwürfe und Vorschriften als sich
entgültig loszureißen und selbst zu behaupten. Ja, sie war, was das anging,
eine sehr schwache Person und schlichtweg beklagenswert. Mit Akiba hatte es
sie nun besonders schwer getroffen: Er hatte die vollste Kontrolle über ihr
Leben. Nach dem Tod ihrer Eltern vor einigen Jahren konnte sie sich ein
Leben ganz ohne ihren Partner nicht mehr vorstellen und war der größten
Überzeugung, sich umzubringen, sollte es doch dazu kommen. Daher tat sie
alles daran, Akiba bei sich zu halten, auch wenn ihre Beziehung schon seit
einer Ewigkeit unglücklich war. Dies wusste der junge Mann, ausgebildeter
Medientechniker, gut verdienend, mit Studiumabschluss, entsprechend hoch
gebildet und mit einem nahezu peinlichen Fimmel für Ordnung und Struktur,
bestens auszunutzen. Er wusste, von seiner Marti würde er alles bekommen.
Kam sie abends nach Hause, musste sie ihn erst noch "bedienen", indem sie
ihn bekochte, ihm stets Neues zu trinken brachte, seine Sachen auf- und
wegräumte und für ihn zu waschen hatte. Natürlich war es ihr nicht
gestattet, großartig was für sich selbst zu tun. Sie durfte kein fernsehen,
keinen ihrer Freunde sehen, ja, nicht einmal mit ihnen telefonieren oder gar
chatten. In ihrem Leben hatte es nur IHN zu geben. Wehrte sie sich doch mal
dagegen oder tat sie all ihre ersehnten Dinge heimlich und es kam früher oder
später raus, so war der Ärger natürlich umso größer. Er machte sie fertig
bis ihr alles schließlich leid tat und sie um Gnade winselte. Er erniedrigte
sie, warf ihr die schlimmsten Dinge vor, beleidigte sie und drückte sie auch
gern schon mal körperlich nieder, wenn sie daraufhin einen Tobsuchtsanfall
bekam, weil ihre eh schon stark strapazierten Nerven entgültig zu zerreißen
drohten. So war ihr regulärer Alltag geprägt. Ihre einst so schönen, blauen
Augen hatten mit all der Zeit eine trübe, glasige Leere erhalten mit ganz
leichten Fältchen darunter, die durch ihre zahllosen Weinkrämpfe entstanden
waren. Sie wirkte zunehmend älter als sie es eigentlich war. Im Laufe der
ganzen letzten Jahre war sie still, nachdenklich und depressiv geworden;
konnte nur noch selten lachen ... Sie war froh, wenn sie wenigstens durch
ihre Zeichenaufträge und eigenen Bilder, die sie in eine komplett andere
Welt entführten, für eine Weile abgelenkt wurde. Doch dies war auch nur von
kurzer Dauer und oftmals fühlte sie sich aufgrund ihrer Depressionen nicht
einmal dazu in der Lage und musste ihre Sachen häufiger vernachlässigen ...

Der ausgiebige Wandel ereignete sich an einem ohnehin schon sehr trüben Tag.
Wieder einmal kam Marti erschöpft von ihrer Arbeit nach Hause. Als hätte sie
eine gewisse Vorahnung gehabt, ging es ihr seltsamerweise bereits den ganzen
Tag schon auffällig schlecht. Sie fühlte sich schwer, traurig, müde und
verzweifelt; mehr denje.
Als sie sich dann an jenem Abend an ihrem Computer begab um einfach
gedanklich ein wenig abzuschalten, fiel ihre Aufmerksamkeit auf eine frisch
erhaltene E-Mail, die ihr bester Freund Kaito Shiva geschrieben hatte. Kaito
kannte sie nun mehr seit zwei Jahren und beide besaßen sowas wie eine
Seelenverwandtschaft miteinander. Sie verstanden sich nahezu ohne große
Worte und doch verloren sie stets von diesen so viele aneinander; ganz
einfach, weil sie sich sehr mochten und gerne beisammen saßen um ausgiebig
miteinander über alles mögliche zu reden, zu lachen und zu diskutieren. Umso
mehr war diese Freundschaft Akiba ein Dorn im Auge. Er interpretierte immer
wieder eine "heimliche Liebesaffäre" in sie hinein, die er Marti böswillig
andichtete, was auch immer wieder für die schlimmsten Auseinandersetzungen
sorgte. Doch diesen Abend sollte dieser Problemfall eskalieren ...
"Wollen wir uns die Woche wieder mal treffen?" war Kaitos Frage, die er
Marti schon in so vielen Mails stellte und immer wieder mit Freuden bejaht
bekam. Sie sahen sich oft ohne des Wissens von Akiba. Doch diesen Abend war
er schneller. Mir nichts, dir nichts drehte sich jener Zweitschlüssel von
Martis Wohnung, den sie Akiba für seine dauerhaften Besuche hatte anfertigen
lassen. Akiba trat ein. Er kam ebenfalls gerade von seiner Arbeit. Wie immer
schloss Marti das E-Mailfenster eilig bevor er das Zimmer betrat. Er wirkte
diesen Abend besonders gestresst; man sah an seinem Gesicht, dass er keine
sonderlich gute Laune hatte. Marti verdrehte bei diesem Anblick schon
innerlich die Augen. Sie wusste, es würde wohl gleich mal wieder "das
I-Tüpfelchen" für ihren eh schon gefrusteten Tag geben.
Er grüßte sie mit einer müden Umarmung und einem schnellen, eher
routinemäßigen Bussi. Dann setzte er sich an den PC und ließ sich erstmal
seelenruhig fallen. Er öffnete seine täglichen Stamm-Webseiten und
durchsurfte sie geistesabwesend. Er wollte sichtlich nicht gestört werden.
Anscheinend hatte er auf der Abend ein wenig Ärger gehabt oder es war schlichtweg
mal wieder einer der stressigeren Tage dort.
Alles war ruhig. Lediglich das ungehaltene Klicken seiner Maus war zu hören.
Marti seufzte und wusste noch nicht recht, was sie jetzt mit sich anfangen
sollte. Doch sie erhielt schon gleich einen Hinweis:
"Was gibt's heute zu essen?" war Akibas kalte Frage, ohne seinen Blick von
dem Monitor zu wenden.
"Ich habe heute Baguettes mitgebracht!", sogleich Martis treue Antwort.
"Aha. Und sind die schon im Ofen?!" fragte Akiba, wobei dies auch
gleichzeitig ein Appell war. "Und zu trinken kannst du mir gleich auch was
bringen!"
Mit diesen Worten legte er seine beschuhten Füße auf den PC-Tisch und ließ
sich nach seinem höllisch anstrengenden Arbeitstag gebührend gehen. Er hatte
es ja selbstverständlich verdient...
Marti ging währendessen in die Küche und heizte den Backofen für die
Baguettes vor. Sie bereitete schon mal das Backblech mit diesen zu und
schenkte ihrem "Göttergatten" was zu trinken ein. Sie brachte es ihm und er
nahm es müde dankend entgegen ohne natürlich die Schuhe vom Tisch zu nehmen.
So ging Marti wieder in die Küche, lud die Baguettes auf dem Blech in den
Ofen und nutzte die Wartezeit um ihre Zeichensachen auszupacken und ein
wenig an ihren anstehenden Projekten weiter zu arbeiten. Ihr "Lover" schien
sie ja so oder so nicht sonderlich wahrzunehmen...
Die Baguettes fingen nach guten 15 Minuten an appetitlich zu brutzeln. Marti
"erlöste" sie nun aus dem Ofen und tischte sie Akiba auf. Sie stellte den
Teller auf den PC-Tisch, doch seine Reaktion war, im Gegensatz zu sonst,
diesmal eine überraschend andere. Er reagierte nicht drauf, sondern klickte
weiterhin mit gehobener Aufmerksamkeit am PC herum. Nachdem Marti sich
wunderte, fiel ihr Blick daraufhin auch schon gleich auf den Monitor ihres
PCs und zugleich in jene Mail ihres besten Freundes Kaito, die sie vorhin
noch mit Freuden empfangen hatte. Sie wusste genau, was nun bevorstand und
erhielt sofort einen überhöhten Puls.
"Sag mal, was soll das?" krächzte Akiba entgeistert: "Warum betrügst du
mich?"
"Wie oft denn noch?", entgegnete Marti sofort: "Da ist nix! Er ist ein guter
Freund und Kumpel - mehr nicht! Warum darf ich keine Freunde haben?"
Akiba sah Marti darauf nur wütend an und schnauzte: "Niemand verbietet dir
hier was, aber ich hasse es, wenn du dich hinter meinem Rücken dauernd mit
irgendwelchen perversen Kerlen triffst! Dir kann ich eh nicht vertrauen!!"
"Bitte, wenn du mir nicht glauben kannst, dann ist es halt so..." versuchte
Marti noch einigermaßen selbstbewusst rüberzukommen, bemerkte aber schon
jetzt, wie sonst auch immer, dass sie es nicht mehr lange aushielt und
schnell wieder in ihr typisches "sich selbst" zurück zu fallen drohte.
Akiba begann nun mal wieder auch alle anderen von Marti gesendeten Mails
durchzugucken. Unter denen waren natürlich noch einige weitere Verabredungen
mit Kaito-san und auch einpaar anderen guten Freunden von Marti. So z.B.
auch Yukozuna Mattori, der in einer Nachbarstadt wohnte und mit dem sich
Marti auch hin und wieder gern traf; wenn auch seltener. All diese
Treffen musste sie stets bewusst vor Akiba geheim halten, weil sie es von
ihm zu gut kannte, immerzu aufs Neue eine Standpauke wegen dieser Kontakte
zu erhalten. Sie durfte einfach gar nichts! Durfte schon gar nicht "Gefahr
laufen", sich bei anderen Menschen wohl oder sogar wohler zu fühlen!
"Bist mich wohl permanent am bescheißen, was?!" motzte Akiba. Marti
schmollte: "Wenn das deine Ansicht ist, dann back dir doch 'n Eis!!!"
Dieser Spruch reizte Akiba erst recht und er stand von seinem Stuhl auf um
sich nun dominant vor Marti aufzubäumen, was diese ziemlich erstaunte, weil
das nämlich sonst nie seine Art war. Meistens blieb er stumm hocken und
ignorierte sie für den Rest des Abends wenn sie mal wieder einen ihrer ja so
zahlreichen Fehler begangen hatte...
Diesmal jedoch schien Akiba wirklich absolut gereizt zu sein. Seine dunklen großen Augen blitzten Marti wütend an.
"Mir reicht's jetzt mit dir!" schrie er sie plötzlich an: "Du meinst, du
kannst hier mit mir machen, was du willst, was?! Ich schufte mich tagtäglich
von morgens bis spät abends kaputt, nur damit es uns beiden einigermaßen gut
geht und das ist dein Dank! Immer! Die ganze Zeit!"
Nun fühlte sich aber auch Marti völlig zu Unrecht beschuldigt und sie
zickte zurück: "Was hab ich denn gemacht? Was bitte ist schon wieder
alles falsch an meinem Verhalten?"
"Wenn du das nicht weißt, dann ist dir echt nicht mehr zu helfen..." meinte
Akiba nur mit seinem typischen rechthaberischen Tonfall, der immerzu auf
seine Ansicht schließen ließ, stets im Recht zu sein, weil er sich
ja als so viel gebildeter und vernünftiger empfand als es Marti jemals hätte
sein können mit ihrem mickrigen Minijob. Weshalb also sollte sie je etwas zu
melden haben?! Sie hatte nach seiner Pfeife zu tanzen und zu denken - nichts
anderes!
Da riss auch nun bei ihr der Geduldsfaden. In einem Gemisch aus packendster
Wut und gleichzeitig auch Angst, bebte sie ihren Partner an: "So lasse ich
nicht mit mir umspringen!! Halt, verdammt nochmal, endlich dein scheiß
freches Maul und lass mich tun, was ich will!!!" >:-(
Da ergriff Akiba schließlich wieder zu seiner "altbewährten Technik", die
bislang immer ein fragloser Erfolg war wenn es darum ging, Marti wieder "zur
Vernunft" zu bringen: Er ließ sie links liegen und wich aus dem Zimmer, mit
den Worten: "Nagut, dann lass ich dich eben in Ruhe!"
Schon war Marti wieder in ihre krankhafte Angst verfallen, ihn zu verlieren;
eben einfach deshalb, weil sie panische Sorgen vor dem Alleinsein hatte. So
eilte sie ihm also sogleich wieder wie ein untergebenes, winselndes
Schoßhündchen hinterher und verlangte nach einem klärenden Gespräch, welches
Akiba natürlich wieder bewusst ablehnte. Dies ließ sie nur noch panischer
werden und sie hoppste ängstlich und flehend um ihn herum. Ja, sie war
schlichtweg eine kranke, verzweifelte Seele ohne jede Spur von Selbstachtung
mehr! Nachdem Akiba darauf sichtlich immer sturer reagierte und sie immer
mehr abzuwimmeln versuchte, erlitt Marti schließlich einen erneuten,
wutgeprägten Tobsuchtsanfall. Sie fing an, körperlich gegen Akiba
vorzugehen, indem sie wutentbrannt auf ihn einschlug. So weit ging sie
bisher noch nie; aus Angst vor den Folgen, ihn wahrscheinlich wirklich nie
mehr wieder erweichen zu können, ihr zu vergeben. Doch diesmal war sie nervlich so am Ende, dass sie gar nicht mehr nachdachte, sondern nur noch handelte. Diese Maßnahme
versetzte Akiba ins Staunen. Es bereitete ihm regelrecht einen Schock. Jedoch handelte
darauf auch er blitzschnell im bloßen Affekt seiner eiskalten Wut: Er holte
aus und verpasste Marti einen kräftigen Schlag ins Gesicht, gefolgt von
wüsten Schubsereien, in deren Folge er sie barsch zu Boden drückte und so
stark festhielt, dass sie schier keine Luft mehr zu bekommen drohte. Beinahe
hätte er sie erstickt, hätte sie ihn nicht noch mit letzter Kraft durch
einen Tritt mit dem Knie in seinen Bauch außer Gefecht gesetzt. Schnell
rannte sie aus ihrer Wohnung; ohne Schlüssel, ohne Jacke, ohne irgendwas!
Sie wollte nur noch vor diesem Ungeheuer flüchten. Egal wohin! Es regnete
draußen in Strömen und es herrschte obendrein ein höllischer Sturm.
Marti schrie und wusste einfach nicht, was sie tat und was sie noch machen
sollte. Krank, wie sie war, wollte sie sogar im selben Moment erst noch
wieder bei ihrer Wohnung anklingeln und Akiba anflehen, sie wieder rein zu
lassen, doch davor hatte sie nun Angst. Weniger vor Akibas gewaltsame Wut,
sondern eher davor, ihn nun für immer "verspielt" zu haben und das in Form
seiner kalten Abfuhr zu erfahren.
Sie sackte vor ihrer Wohnungstür draußen im Regen völlig entkräftet und
heulend zusammen. Sie wollte am liebsten nur noch sterben. Sie wälzte sich
regelrecht auf dem nassen, verregneten Bürgersteig in den Fützen herum.

Wie viele Stunden nach diesem Zusammenbruch vergangen waren, konnte Marti
nicht einschätzen als sie irgendwann wieder zu sich kam. Der Regen schien
nun aufgehört zu haben. Es war stockdunkel und tiefste Nacht. Kalter Wind
bließ durch Martis klitschnasses Haar und ihre ebenso nasse Kleidung. Sie
fröstelte stark, doch war sie ganz klar bei Besinnung. Sie wusste, weshalb
sie nun hier draußen war und jede Einzelheit des sich zugetragenen
Geschehnisses. Sie fühlte einen sehr tiefen Schmerz in ihrer Seele und auch
körperlich tat ihr der Nacken weh, aufgrund des wüsten Herniederdrückens
Seitens von Akiba. Auch behielt sie spürbar ein Veilchen im Gesicht zurück
durch seinen kräftigen Schlag. Dies war das erste Mal von all ihren
schlimmen Auseinandersetzungen, dass es dermaßen eskaliert war und sogar in
körperliche Gewalt überging.
Müheselig wollte Marti sich von dem nassen Boden aufrichten als ihr zu ihrer
linken Seite auf einmal etwas Seltsames ins Auge sprang. Neben ihr lag
plötzlich ein schwarzes Heft. Sogleich schossen ihr Gedanken durch den Kopf, wie viele
Passanten, die selbst zu so später Stunde noch unterwegs waren, sie in ihrem
Elend wohl gesehen haben mussten, und sie ging davon aus, dass jemand von
ihnen wahrscheinlich aus Versehen dieses Heft verloren haben musste. Warum so
auffällig? Wahrscheinlich weil sich dieser gewisse Passant wohl besonders
neugierig über ihren qualvoll darliegenden Körper gebeugt hatte und dabei
alles andere vergaß; selbst dieses Notizheft, welches ihm aus seiner Tasche
entglitten war... Eigentlich war Marti stets davon abgeneigt, Dinge
anzufassen, die auf der Straße herum lagen. Erst recht wenn diese bereits
auch noch durch Regen aufgeweicht waren, wie es bei diesem Heft auch bereits
der Fall war. Es musste anscheinend schon ein Weilchen hier auf dem
durchnässten Bürgersteig neben Marti gelegen haben. Neugierig nahm sie es
nun trotzdem an sich. Es handelte sich um ein schwarzes Notizheft des Formates A5 und mit
etwa 40 linierten Seiten, die jedoch allesamt unbeschrieben waren.
"Hat sich das wohl grad erst gekauft..." meinte Marti zerfressen und war
schon im Begriff, diese nasse, eklig aufgeweichte Teil wieder zurück in die
nächste Fütze zu werfen als sich vor ihr auf einmal eine riesige Gestalt
auftat, in deren leuchtend helle Augen sie sofort blickte, worauf sie sich
erschrocken abwandte. Marti war ganz perplex und wusste gar nicht, was sie
nun glauben sollte. War's etwa real oder lag sie noch immer bewusstlos da
und hatte grad einen wüsten Traum? Sie blickte in zwei völlig weiß gefüllte,
scheinwerferartige Augäpfel, ohne jene Form von Pupillen, die die völlig
erschrockene Marti in einer blendend hellen Stärke anstrahlten. Gleichzeitig
fiel ihr direkt das Gesicht auf, zu dem diese Augen gehörten: Eine völlig
leblos dreinblickende Miene, deren Elemente denen eines fast vermoderten
Schädels glichen. Lediglich einpaar graue Muskelstränge zierten sich noch um
das Gesicht, die jene Ansätze von Nase, Wangen und Mund zuließen. Man sah
bereits die Zähne ein wenig hervorlugen und ihre nur noch halbwegs
erkennbaren Lippen zierte ein purpur farbener Lippenstift. Ansonsten
wirkte ihr Antlitz nahezu wie ein Totenschädel und regelrecht ausdruckslos.
Allerdings besaß diese fremde Gestalt noch auffallend fülliges Haar, welches
ihr ziemlich struwwelig über ihren ovalen Kopf wehte. Es schien ferner recht
trocken zu sein. Die Gestalt hatte einen breiten Körperbau. Ihre Brustmitte
zierte ein Kreuz, welches sich mit seiner Spitze bis zu ihrem Kinn
erstreckte. Ihre Arme waren lang und klapprig dürr. Sie besaß eine
erkennbare Oberweite, was darauf schließen ließ, dass dieses Wesen weiblich sein musste. Ihr
ganzer Körper war ledern schwarz mit einigen silbernen Nieten dran
befestigt. Ihre ebenfalls arg dürren Beine waren abwechselnd ledern und weiß gestreift. Eine Strähne ihrer spröden aber fülligen, blonden Haarpracht hing ihr im Gesicht. Ausdruckslos blitzte sie Marti an ohne etwas zu sagen. Konnte sie überhaupt sprechen? Marti stand völlig starr vor
Schreck dar und wusste gar nichts zu machen, denn wer wusste ob jede ihrer
Regungen dieses seltsame Monster nicht hätten verärgern können? Ein
Monster?... aber gab es solche überhaupt? Das konnte doch nicht sein, war
sich Marti sicher und doch wurde ihr mit einem Mal ganz unbehaglich. Die
"Unbekannte" ergriff plötzlich eine dunkelgläserne Brille aus einer ihrer ledernen Seitentaschen und setzte sie sich auf ihre kleine angedeutete Nase. Ihre scheinwerferartig leuchtenden Augen erloschen daraufhin; das Licht wurde durch die Brille in einem angenehmen hellen Blauton  gedämpft. Sie glühte dadurch leicht.
"Du hast es gefunden, Mensch?!" sprach die mysteriöse Gestalt mit einer
kratzigen weiblichen Stimme, die stark an Bonnie Tyler erinnern ließ.
Marti blickte die fragwürdige "Person" nur weiterhin erschrocken an. Sie
wusste erst gar nicht ob sie ihr antworten sollte, entschied sich aber, es
doch zu tun: "W-was denn?"
Sie fragte dies ziemlich leise und zaghaft.
"Mein Death Note", krächzte die Fremde und griff nach dem Buch, welches
Marti immernoch in ihrer Hand hielt. Natürlich überließ sie es ihr gleich.
"Danke!" sagte das fremde Wesen und nahm das Buch an sich. Sie stand
gekrümmt dar und durchblätterte das Buch nun prüfend.
"Wie ich es nur fertig bringe, es andauernd zu verlieren?!" murmelte das
Wesen kopfschüttelnd: "Ich bin wohl einfach nachlässig, unachtsam ..."
Dann schaute es Marti wieder ins Gesicht: "Jedenfalls... danke nochmals! Ich
sollte künftig wohl einfach vorsichtiger sein!"
Marti verstand noch immer rein gar nichts. Sie sah das fremde Wesen fragend
an.
"Noch was?" ging dieses auf ihren ziemlich dumm dreinblickenden
Gesichtsausdruck ein. Es merkte, dass dieses "Menschlein" offenbar reichlich
verwirrt war und das alles nur seinetwegen. Das Wesen fühlte sich nun
schuldig, Marti wohl doch lieber ein Stückchen aufzuklären.
"Na, mein Death Note..." krächzte es etwas barsch und genervt.
Dies jedoch brachte Marti nicht im Geringsten weiter. Schließlich fragte sie: "Wer oder was, um Himmels Willen, bist du?"
"Muse! Ich bin Muse und ein Shinigami!" antwortete das Wesen knapp und
bevorzugte es nun lieber schnellstmöglich wieder aufzubrechen, denn ihr
wurde es sichtlich unangenehm, einen weiteren Menschen über die Existenz
ihrer Art wissen zu lassen. Es war seit den vergangenen Geschehnissen der
letzten Jahre zwar ohnehin viel zu spät, aber wie es aussah, schien es
immernoch einige Menschen zu geben, die es nicht mitbekommen hatten. Oder
war Marti bloß eine vereinzelte Ausnahme? Jedenfalls verstand diese auch
weiterhin rein gar nichts und hakte nach: "Ein Shini-was? Du-du bist also
wirklich r-real?!?"
Sie erschauderte. Das fremde Wesen hatte auf sie eine sehr beängstigende
Wirkung. Immerhin war sich Marti immernoch nicht sicher ob es in guten oder
in bösen Absichten erschienen war.
Muse seufzte etwas genervt: "Hach... ein Shinigami! Wir sind Todesgötter!
Wir leben in einer eigenen Welt jenseits von dieser und existieren einfach
vor uns hin. Wir wachen allezeit abseits über euch, mischen uns aber
eigentlich zu keiner Zeit in eure Dinge ein. Das ist bei uns tabu!"
"Dann... bin ich also... TOT? Bist du zu meiner Erlösung gekommen??" Marti
schluckte erschrocken.
Muse konnte nicht anders und schlug sich mit einer Hand an ihre Stirn. Marti
wusste offenbar rein gar nichts.
"Mensch", begang sie: "stell dich doch bitte nicht so trottelig an! Das tut
doch verdammt weh, ey! Nein, du lebst und bist natürlich immernoch im
Diesseits! Du hast weder etwas falsch gemacht, noch habe ich auch nur
irgendetwas mit dir zu tun! Ich bin lediglich gekommen um mein Death Note
zurück zu holen, welches ich versehentlich habe in diese Welt fallen lassen;
an dieser Stelle halt zufällig! Das kann passieren! War einem anderen
von uns damals auch mal passiert, nur hatte dies verheerende Folgen. Dieses
Heft ist nichts für euch Menschen! Ihr seid dafür einfach zu
charakterschwach; ihr verfallt zu schnell der Gier und Habsucht! Das kann ich
nicht auch noch verantworten. Es reicht schon, was Ryuk für dieses
unsägliche Versehen alles zu büßen hatte ...!"
"Und was ist dieses Heft... dieses Death Note denn genau...?" Marti wollte einfach
alles wissen. Je mehr Muse erzählte, umso menschlich vertrauter kam sie ihr
plötzlich vor. Muse war drauf und dran, lieber ihren Mund zu halten und
Marti wortlos allein zurück zu lassen, jedoch hinderte sie irgendwas daran.
Sie tat sich schwer darin, einfach so loszuziehen. Sie hatte das Gefühl,
dass das einfach nicht richtig war, egal weshalb und warum. Allerdings
fragte sie sich ebenso, ob es denn wiederum richtig war, Marti wirklich von
dem Heft zu erzählen. Sie musste wieder an die damaligen Ereignisse denken,
die ursprünglich auch nur entstanden waren, weil einer ihrer Artgenossen
sein Heft versehentlich in die Menschenwelt hatte fallen lassen, worauf
dieses, wie es das Schicksal leider zum Schlechten hin wollte, von dem
falschen Menschen gefunden worden war. Dies zog, im Laufe der Zeit, ein
schweres Blutbad mit sich und noch mehr... Sollte Muse der völlig perplexen
Marti also tatsächlich alles erzählen? - Nein! Muse wendete sich ab.
Dabei vergrub sie ihr Gesicht schützend in ihrer spröden Haarmähne, die ihr
locker durch den nassen Wind wehte. "Tut mir leid, aber es ist besser, ich
gehe jetzt!"
"Warum? Was stimmt denn nicht mit diesem Heft?" wollte Marti aufgeregt
wissen.
"Mit dem Heft stimmt alles, aber weitere Einzelheiten gehen einen Menschen
nun mal nichts an!" setzte Muse nun ganz klar die Grenze. Doch Marti erhielt
ihre hartnäckige Ader. Wenn einmal ihre Neugier geweckt worden war, konnte
sie nichts mehr aufhalten und sie tat alles daran, alles zu erfahren. So nun
auch jetzt!
"Bitte, erzähl's mir!" verlangte sie frech.
Muse zischte sie genervt an: "'Nein, hab ich gesagt und dabei bleibt es!!!"
"Was kann denn so schlimm daran sein, mir kurz und knapp zu erklären, was
ein Death Note ist?!" meinte Marti verständnislos. Sie hob skeptisch eine
Augenbraue. Schließlich wendete sich Muse ihr nochmal zu. Sie musterte Marti
einen Moment lang schweigend, was ihr wiederum Hoffnung gab, dass sie ihr
doch dieses scheinbare "Geheimnis" verraten würde.
Wieder seufzte Muse: "Nun... du siehst eigentlich nicht so aus als wärst du
habgierig und danach gesinnt, alles nach deinem Ordnungssinn anzupassen. Du
wirkst stattdessen eher gequält... wenn ich mir dich mir näher
betrachte...!?"
Sie deutete auf Martis triefend nasse Kleidung und ihr Veilchen im Gesicht.
Ferner erkannte Muse eine deutliche Erschöpfung in ihrer Gestik und Mimik.
Scheinbar sehnte sich Marti nach Hilfe bzw. sie brauchte sie dringend.
"Martina Sakamoto." sagte Muse schließlich und Marti erschrak.
"Woher weißt du meinen Namen??"
"Steht da über dir...!" antwortete Muse gelangweilt: "Wir Shinigami können
über euren Köpfen sowohl eure vollen Namen als auch eure noch verbleibende
Lebenszeit sehen!"
Marti wurde wieder ganz unheimlich zumute. Das klang schon alles sehr
gruselig. Sie traute sich gar nicht zu fragen, wollte jedoch dazu ansetzen,
da sagte Muse gleich:
"Nein, ich verrate dir deine restliche Lebenszeit nicht, vergiss es! Jetzt
sag du mir lieber mal, was mit dir abgeht oder besser gesagt abgegangen
ist!"
Sie musterte Marti dabei wieder eindringlicher.
"Ach, bei mir und meinem 'Freund' geht doch jeden Tag etwas ab und damit
meine ich nicht im Bett..." antwortete Marti in einem äußerst gereizten
Tonfall.
Muse blickte etwas verwirrt auf: "Ach ja?"
"So ist es! Tag ein, Tag aus nur Qualen, Demütigungen, Motzereien,
Sklavereien, Hetzereien... schlichtweg einfach die Hölle...!" Marti hatte
schon wieder Mühe, mit den Tränen zu kämpfen.
"Was du nicht sagst..." Muse wurde nachdenklich: "So, und deshalb hockst du
hier bei der Kälte vor der Tür und hebst nasse Notizhefte auf?"
"Du hast ja keine Ahnung, was vorhin vorgefallen ist..." Marti schniefte und
erlitt schließlich einen neuen Heulkrampf. "Tut mir leid, aber..."
Sie konnte nicht mehr weiterreden.
Muse stand nur weiterhin regungslos da ohne einen Hauch von einer Emotion in
ihrem Gesicht. Da sagte sie schließlich: "Du bist also unglücklich?!?"
"Ach nee", weinte Marti nur sarkastisch.
Beide verstummten einige Sekunden lang. Muse dachte erneut nach. Sie war
wirklich hin und her gerissen. Einerseits empfand sie schon einen
klitzekleinen wenig Mitleid mit Marti, andererseits sollte sie lieber
schleunigst empor kehren, zurück ins Reich der Totengötter,
denn sie war sich sicher, dass es niemals gut gehen würde, die Menschen
erneut mit dem Death Note zu konfrontieren. Martis Anblick war allerdings zu
erbärmlich; Muse war von Natur aus kein übler Shinigami. Sie ließ sich
häufig zu leicht um den Finger wickeln, was all ihre bisherigen männlichen
Bekanntschaften stets nur auf üble Weise ausnutzten und sie daher selbst nur
allzu gut wusste, was es hieß, von einem Typen aufs Erbärmlichste
misshandelt zu werden. Sie spürte, ganz tief in ihrem Inneren, dass sie mit
Marti etwas gemeinsam hatte - etwas sehr Bedeutungsvolles! Diese Erkenntnis
hinderte sie daran, Marti einfach allein zu lassen. Muse fühlte sich mit ihr auf einer sehr mysteriösen Art verbunden, obwohl sie sich grad eben erst vor einpaar Minuten kennen gelernt
hatten. Scheinbar wollte es jenes Schicksal so, dem man sich eh nicht zur
Wehr setzen konnte. Muse ließ trübselig den Kopf hängen während sie dabei in
ihrer starren Haltung verharrte. Sie erkannte, wie dringend Marti Hilfe
nötig hatte; dass sie einen Menschen kannte, an welchem sie auf einer
unwünschenswerten Weise gebunden, nein, gefesselt war und nun einfach nicht
los konnte. In ihren Augen schien Marti nur noch als gequältes Opfer zu
existieren ohne jede Form von Selbstrespekt und Ehre. Das erkannte Muse ohne
vieler großen Worte...
Mit einem letzten Schnauben beugte sie sich zu der immer noch
kläglichst weinenden Marti hinunter und hielt ihr das geheimnisvolle Heft
entgegen. Marti registrierte dies zuerst gar nicht, denn sie konnte vor
lauter Tränen ohnehin kaum mehr aus ihren Augen gucken. Erst als Muse sie
mit dem Heft leicht anstupste, schaute sie den Shinigami fragend an. Dabei wischte sie sich die Tränen aus den Augen.
"Nimm es!" forderte Muse sie auf: "Nimm das Heft an dich und schreibe den
Namen jener Person hinein, die dein Leben zu der Hölle gemacht hat, in der
du jetzt steckst!"
Marti sah Muse nur entgeistert an: "Ich soll... aber was bringt das? Willst
du ihn dann aufsuchen und töten?"
"Hör mir zu!" forderte Muse, zögerte ein letztes Mal, erklärte aber dann:
"Es ist so:
Dies ist ein Death Note, ein Notizheft aus unserem Reich der Todesgötter! Es
ist kein gewöhnliches Heft wie es dir vielleicht erscheinen mag! Jeder,
dessen Vor- und Nachname in dieses Buch eingetragen wird und dessen Antlitz
du gesehen hast, stirbt, und das unweigerlich nach 40 Sekunden ab Zeitpunkt des Eintrags an
einem Herzversagen. Allerdings steht es dir frei, die Todesart und den
Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen, sofern dieser nicht über ein Jahr hinaus
geht. Dies kannst du innerhalb der nächsten 30 Sekunden nach Eintragung des
Namens noch mit reinschreiben und festlegen. Jede Person, deren Name jemals
in ein Death Note vollständig eingetragen worden ist, ist ihrem Schicksal
rückzugslos ausgeliefert!"
Marti hielt schockiert inne. Ein lauter, ohrenbetäubender Donner, in
Begleitung eines leuchtend hellen Blitzes, wütete auf und erhellte Muses
unheilvolles Antlitz, welches Marti wie ein totes, skelettiertes Gerippe
anstirrte. Die Worte dieses Shinigami klangen so unheimlich wie unglaublich.
"Das... ist doch nicht möglich!" meinte Marti naserümpfend: "Wie kann
denn..."
"Ihr Menschen seid eben ungläubige und naive Volldeppen!" schnauzte Muse:
"Also entweder du tust es und nimmst mein Hilfsangebot an oder ich nehm's halt
wieder und zieh endlich Leine hier! Liegt halt an dir! Du musst entscheiden,
was für dich besser ist..."
Marti überlegte:"Und wenn ich es mache, gehe ich dann einen Pakt mit dir
ein? Was verlangst du als Gegenleistung? Das Ganze hat doch bestimmt noch
einen Harken!?"
"Süße", seufzte Muse langsam nur noch genervt: "Deine Zögereien machen mich
krank und ich bin wirklich schon alles mögliche gewohnt, aber du schaffst
selbst einen Shinigami wie mich..."
Marti schwieg. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so gezögert wie in diesem
Moment, wo sich alles entscheiden würde. Andererseits war sie sich nicht mal sicher ob sie die Sache überhaupt glauben sollte. Dennoch hatte sie große Furcht, denn immerhin schien ja auch
dieses Wesen mehr als realistisch. Marti senkte den Kopf. Dann blickte sie
wieder fragend zu Muse.
"Na...?" machte diese darauf und neigte dabei erwartungsvoll ihr Haupt zur
Seite. Es begann wieder zu regnen, gefolgt von weiterem Donnern und Blitzen.
Marti schlug eine schwarze Seite des Buches auf; den Vorband, der noch
unliniert war. Dem folgte eine weitere schwarze Seite; diesmal beschrieben mit einem weißen längeren Text, der dem Leser Auskunft über alle Regeln des Death Notes gab. Doch Marti war schlichtweg zu irritiert und aufgeregt um sich jetzt alles durchzulesen. Noch dazu, wo es grad
wieder zu regnen angefangen hatte und ferner ein neuer kalter Wind die
beiden Seelen durchbließ. Marti schauderte. Was sollte sie nun tun? Muse
starrte sie immernoch erwartend an. Sie war selber froh wenn das Ganze hin
und her endlich vorbei und Martis Entscheidung gefallen sein würde. Marti
nahm nun den kleinen Kugelschreiber in die Hand, der sich an dem Buch
befestigt in einer kleinen Halterung befand, die extra dafür gedacht war. Es
handelte sich um einen solchen Kuli, der nahezu in jeder Hosentasche Platz
hatte. Er war sehr dünn und gerademal an die 5 cm lang. Marti eröffnete
seine kleine MInie nach außen als sie an seiner Hintersete leicht drehte.
Dann blätterte sie die erste linierte Seite auf. Einige Regentropfen prasselten sogleich darauf hernieder. Mit diesen auch Martis letzte Tränen. Sie zögerte noch ein allerletztes Mal als ein heller Blitz, gefolgt von tobendem Donnern, die Gasse beherrschte.
"Nun entscheide dich!" drängte Muse langsam ungeduldig: "Du weißt
eigentlich, was du willst, stimmt es?! Du kannst es nur nie durchsetzen!"
In diesem Moment verspürte Marti eine Energie in sich, die ihr bisweilen völlig
fremd war. Sie hatte mit einem Mal den Drang, entgültig etwas Entscheidenes
zu verändern. Sie schöpfte neuen Mut, neue Kraft, und wusste zugleich, dass
sie es wahrscheinlich bereuen würde und dennoch konnte sie sich diesem nicht
entziehen. Sie fühlte sich dazu berufen, den Schritt nun tun zu MÜSSEN, egal
was auch käme.
Plötzlich wendete sie ihr Gesicht ein letztes Mal zu Muse als sie schrie:
"NEIN!! ICH KANN MICH DURCHSETZEN!!!!"
Sie nahm das Death Note verstärkt an sich, setzte den Kugelschreiber an und
schrieb in gut leserlicher Schrift den Namen
* A K I B A    C H E M I T O S H I *
Die Tinte wurde sogleich von einigen Regentropfen aufgeweicht. Demonstrativ
und mit rasendem Herzen schlug Marti das Heft zu.
"Sehr gut!" sagte Muse dann: "In 40 Sekunden ist all dein Leid Geschichte!
Meinen Glückwunsch!"
Marti war zu aufgeregt um tatsächlich die Sekunden zählen zu können.
Zugleich wurde sie nun viel mehr von einem sehr mulmigen Gefühl heimgesucht.
War das jetzt wirklich richtig?, fragte sie sich in wachsender Verzweiflung.
Sie verspürte den Drang, am liebsten nun doch wieder alles rückgängig zu
machen. Muse bemerkte Martis Gewissensbisse natürlich und strich ihr neckend
durch den Kopf.
"Du hast dich halt jetzt entschieden und ich glaube, es ist gut so!" meinte
sie.
Die 40 entscheidenden Sekunden waren nun rum. Muse hob nun auf einmal vom
Boden ab und begann zu schweben als sich aus ihrem Rücken zwei große,
schwungvolle Flügel, gleichend denen eines Drachen, erstreckten. Marti
zitterte aufgeregt und nahm ihr ganzes Umfeld kaum noch für voll. Apartisch stand sie dar und hielt das Death Note dabei fest mit beiden Händen umklammert. Den Kuli ließ sie auf den nassen Asphalt fallen. Muse drang durch das Gemäuer von Martis Wohnung hindurch. "Ich gehe jetzt gucken, ob alles geklappt hat...!"
Ihr Körper schlüpfte augenscheinlich durch alle Hindernisse wie als wenn sie jenseits jeglicher Materie wäre. In gewisser Weise scheinen Shinigami dieser Eigenschaft ja gerecht zu sein!
Marti wäre beinahe ohnmächtig geworden, so dermaßen verstört hatte sie ihr
eigenes Werk zu welchem sie der Shinigami angestiftet hatte. Sie wollte das
Ergebnis, welches Muse gleich wohl verkünden würde, am liebsten gar nicht
hören. Wie von ihrer Angst gepackt, rannte sie einfach davon; mit dem Death
Note in der Hand. Den Stift ließ sie dabei außer Acht in der Fütze auf dem
Bordstein liegen. Sie wollte einfach nur noch weg und hoffte bloß, dass Muse
ihr nicht folgen würde. Sie wusste nicht, wohin sie nun flüchten sollte, nur
irgendwo, wo man sie möglichst nicht finden sollte. Der Regen wurde stärker
und stärker. Man erkannte im Zuge der Dunkelheit kaum mehr etwas von der
Umgebung. Hinzu kam ein tosendes Gewitter.
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