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Süßer als Honig

von MariLuna
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
14.01.2010
02.02.2010
20
45.121
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14.01.2010 3.272
 
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„Brave Starr, wo warst du?“
Mit funkelnden Augen stürmte J.B. ins Büro und baute sich vor ihm auf.

Beinahe sofort stellte Brave Starr die Kaffeetasse, aus der er gerade trinken wollte, wieder zurück.
Er schluckte schwer.
Sein Blick zuckte hinüber zu seinen beiden Deputies, die genau wußten, wann sie unerwünscht waren und schleunigst die Flucht nach draußen antraten. Er wünschte, er könnte sich ihnen anschließen. Da er aber wußte, daß ihm keine andere Wahl blieb, als sich seiner stocksauren Verlobten zu stellen – und, ehrlich gesagt, hatte sie ja auch irgendwie alles Recht der Welt, so wütend auf ihn zu sein – holte er nur einmal tief Luft und sah ihr gerade ins Gesicht.

„Ich mußte einfach mal raus, entschuldige.“

Es sollte zerknirscht klingen, aber selbst in seinen Ohren klang es nur lahm und alles andere als ehrlich.

„Die ganze Nacht?“ forschte sie und musterte ihn eindringlich von oben bis unten.

„Ja“, erwiderte Brave Starr.

Sehr viel mehr fiel ihm auch gar nicht ein. Die Wahrheit würde er ihr jedenfalls garantiert nicht auf die Nase binden.

„Du warst nicht in deiner Wohnung“, stellte sie klar. „Du bist also wieder in der Wüste herumgestreunt.“

„Ja.“

Ihr Blick bekam etwas Sezierendes. „Na, bis zur Hochzeit bekommst du diese Anwandlungen hoffentlich in den Griff. Oder soll dir der Doc was verschreiben?“

Brave Starr seufzte innerlich. J.B. bewies sonst immer sehr viel Verständnis, aber was diese eine ganz gewisse Sache betraf, seine nächtlichen Ausflüge in die Wüste, da zeigte sie null Toleranz. In ihren Augen war es schon genug, wenn er sich durch seinen Job Tausenden von Gefahren aussetzte – da mußte er das nicht auch noch in seiner Freizeit tun, und schon gar nicht nachts. Denn für sie – wie für viele andere hier – wimmelte es dort draußen nur vor wilden Tieren und gefährlichen Desperados, die alle nur hinter ihm her waren.
Anfangs hatte er ihre Sorge noch rührend gefunden, inzwischen fand er es nur noch absolut einengend.

„Du WEISST, daß ich es nicht gerne sehe, wenn du dort draußen bist. Alleine. Ohne mir vorher Bescheid zu geben. Ich will wenigstens wissen, wo du bist.“

„Ich war nur spazieren.“
Er war selbst erstaunt darüber, wie leicht ihm diese Lüge fiel.

„Brave Starr, wir sind bald verheiratet. Du hast VERANTWORTUNG. Da kannst du dich nicht einfach immer davonschleichen.“

Brave Starr musterte sie mit neuerwachten Interesse, schien es ihm doch, als würde er sie plötzlich in einem neuen Licht betrachten.  Und er erkannte sie nicht wieder.

„Vielleicht sollten wir die Hochzeit absagen“, hörte er sich selber sagen.

„Was?“ Entgeistert starrte sie ihn an.

„Ich bin mir einfach nicht mehr sicher, J.B. Vielleicht ist es doch noch zu früh. Können wir nicht erstmal einfach so zusammenziehen?“

Alles in ihm wehrte sich gegen die Vorstellung, mit J.B. auch nur noch einen gemeinsamen TAG zu verbringen, aber seine anerzogene Höflichkeit stand ihm im Wege, ihr das so direkt auf den Kopf zuzusagen. Er wollte sie nicht noch mehr verletzen.

„Kriegst du kalte Füße? Willst du kneifen?“

„Es geht mir einfach zu schnell.“

„Zu schnell?“ J.B. lachte spöttisch auf und schüttelte den Kopf, daß ihr feuerrotes Haar nur so flog. „Wir sind seit vier Jahren zusammen und der Termin für die Hochzeit steht seit einem halben Jahr fest. Und dir geht es auf einmal zu schnell?“

„Ich bin mir einfach nicht mehr sicher, ob ich das alles wirklich will“, murmelte er betreten, nichtsdestotrotz aber sehr entschieden.

„Oh, der Herr ist sich nicht mehr sicher.“ Sie verstummte kurz und starrte ihn unter zusammengezogenen Brauen nachdenklich an.

„Weißt du was?“ meinte sie dann mit einem Lächeln. „Ich habe das jetzt einfach mal nicht gehört. Du bekommst wirklich nur kalte Füße, das ist ganz normal.“ Sie trat zu ihm heran und hauchte ihm einen Kuß auf die Wange. „Wir sehen uns heute Abend. Meine Stiefmutter hat extra für uns gekocht. Und dann müssen wir uns endlich für ein Layout unserer Hochzeitseinladungen entscheiden.“

„J.B., ich sagte dir doch, ich WILL nicht mehr heiraten.“

„Sicher“, zärtlich strich sie ihm durchs Haar, „ich habe dich schon verstanden. Du mußt dich einfach noch an den Gedanken gewöhnen. Das können wir alles heute Abend besprechen, Liebling.“

„J.B., da GIBT es nichts mehr zu besprechen!“ Er holte einmal tief Luft und dann platzte es aus ihm heraus:
„J.B., ich mag dich sehr, aber ich weiß nicht, ob es wirklich für eine Hochzeit reicht!“

„Sicher, Brave Starr, laß uns das heute Abend in aller Ruhe besprechen.“ Sie warf einen nervösen Blick auf ihre Armbanduhr. „Ich habe gleich meine erste Verhandlung, und ich hab noch nicht einmal die Akten durchgelesen.“

Er sah ein, daß sie mit ihren Gedanken schon längst wieder woanders war und fand sich seufzend damit ab, daß ihm ein diskussionsreicher und höchstwahrscheinlich auch sehr tränenreicher Abend bevorstand.

***


„He, du da oben, alles in Ordnung?“

„Jaaa“, erwiderte Marshall Brave Starr abwesend und verzog kurz das Gesicht, als Thirty-Thirty eine etwas schnellere Gangart einlegte und ihn dadurch kräftig durchschüttelte.

Aber er verbiß sich ein schmerzerfülltes Aufstöhnen.
Es war DEFINITIV keine gute Idee gewesen, auf Patrouillenritt zu gehen. Andererseits gehörte so etwas zu seiner täglichen Routine und alles andere wäre einfach zu auffällig gewesen.
Und jetzt auch noch Thirtys neugierige Frage.
Aber mal ehrlich: Was sollte er denn schon groß sagen?
Etwa, daß ihn sein Hintern schmerzte, weil dort ein gewisser Desperado dringesteckt hatte?
Brave Starr lachte innerlich trocken auf. Nein, wohl eher nicht! Bei Tageslicht betrachtet fiel es ihm selbst ja wahnsinnig schwer, das zu glauben.
Vor drei Tagen war er noch ein wohlerzogener, treuer Verlobter gewesen, und jetzt?
Er sollte sich wirklich was schämen.
Blöd nur, daß dieses Gefühl immer noch ausblieb.
Eher im Gegenteil!

Versonnen leckte er sich einmal über die Lippen. Ja, dieser ganz spezielle Honiggeschmack war immer noch da. Und ein Teil von ihm glaubte Tex immer noch zu spüren, seine Umarmung, seine Art, ihn zu halten, als er sie vor die Stadtmauer von Fort Kerium teleportierte, und wie er sich an ihn schmiegte, bevor er sich mit einem innigen Kuß endgültig von ihm verabschiedete. Es war noch keine sechs Stunden her und er vermißte diesen Kerl so sehr, daß es regelrecht schmerzte. Und diese Sehnsucht überlagerte sogar seine unangenehme Konfrontation mit J.B. heute Morgen.

„Wir sind da.“
Thirty-Thirtys Stimme riß ihn aus seinen Gedanken.

„Was?“ verwirrt hob Brave Starr den Kopf und runzelte die Stirn, als er die große Felsformation vor sich wiedererkannte.

„Was machen wir in StarrPeak?“ fragte er alarmiert. „Ist Shaman …“

„Nein“, unterbrach ihn der Hippodroide sofort. „Mit DEM ist alles in Ordnung. Aber mit dir nicht. Ich denke, eines eurer Ziehvater-Sohn-Gespräche tut dir ganz gut.“

Brave Starr spürte, wie etwas in ihm erstarrte.
„Ich glaube nicht …“

„Ach, hör auf, den Supercoolen zu markieren“, fuhr Thirty-Thirty schnaubend auf. „Irgend etwas geht dir im Kopf herum, schon seit gestern. Und J.B. war auch schon sauer auf dich. Also rede jetzt mit Shaman, damit der dir helfen kann, bevor du es dir mit J.B. endgültig verscherzt. Ich habe mir schließlich nicht umsonst einen Smoking für eure Trauung besorgt.“

Da Brave Starr auf seinem Rücken saß, konnte er dessen zynisches Lächeln nicht sehen, und er hätte sich auch sehr darüber gewundert, neigte der junge Marshall doch sonst nicht zu solchen Anwandlungen.

***


Brave Starr fühlte sich nicht ganz wohl, befürchtete er doch zurecht, daß ihm Shaman diesmal nicht weiterhelfen konnte.
Aber er beschloß, es wenigstens zu versuchen, wo sich Thirty-Thirty doch so viel Mühe gegeben hatte.

Und so saß er jetzt in der großen Wohnhöhle, während sein Deputy und Freund unten am Fuß des Berges auf ihn wartete und die Zeit wahrscheinlich damit überbrückte, seine geliebte Waffe Sarah-Jane zu polieren.
Wie immer saß er im Schneidersitz vor dem kleinen, magischen Feuer, dessen Farbe ihn an ein ganz gewisses Augenpaar erinnerte und beinahe wieder sehnsuchtsvoll aufseufzen ließ. Ihm gegenüber hockte sein Ziehvater Shaman und musterte ihn mit seinem typischen, abwartenden Gesichtsausdruck. Und Brave Starr wünschte sich in diesem Augenblick nichts mehr als sich in der Umarmung eines ganz gewissen Schurken wieder zu finden, vor allem, als Shaman das Schweigen zwischen ihnen schließlich brach.

„Was bedrückt dich, Brave Starr?“

Eigentlich wollte Brave Starr ja seine Worte mit Bedacht wählen und das Thema nur langsam einkreisen, aber dieser väterliche, salbungsvolle Tonfall machte ihn irgendwie wütend.

„Ich weiß nicht, ob ich J.B. wirklich heiraten soll“, platzte er daher gleich mit der Tür ins Haus. „Ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal, ob ich sie noch liebe.“

Shaman nahm seinen Ausbruch gelassen hin und nickte nur.

„In jeder Beziehung gibt es Höhen und Tiefen. Hüte dich vor vorschnellen Entscheidungen, mein Junge.“

„Ich mag J.B. wirklich sehr, aber eine gemeinsame Zukunft mit ihr kann ich mir einfach nicht mehr vorstellen.“ Entschieden schob Brave Starr das Kinn vor und verschränkte die Arme vor der Brust. „Eigentlich will ich mich überhaupt nicht mehr binden, jedenfalls nicht mit einer Hochzeit. Ich befinde mich irgendwie nur auf der gebenden Seite, und dazu habe ich einfach keine Lust mehr.“

Shamans linke Augenbraue – eher gesagt, dessen Spitze – zuckte kurz, aber das war das einzige Anzeichen seiner Verblüffung, das er zugestand.

„Hast du schon mit ihr geredet? Gemeinsam findet ihr eine Lösung.“

„Nein, das bringt nichts. Sie wird ihr Verhalten mir gegenüber genauso wenig ändern wie alle anderen hier.“ Brave Starr seufzte, gab seine kämpferische Haltung auf und ließ betrübt den Kopf sinken.
„Niemand versteht das. Nicht einmal du.“

Doch, EINEN gab es, davon war er überzeugt.
Nur, war dieser jemand leider nicht hier.

„Brave Starr …“ begann der Schamane begütigend, doch der junge Mann ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.

„Nicht alles läßt sich durch vernünftige Argumente lösen, Shaman. Und egal, was ich tue oder sage, ich bin für alle hier nur der Starke, der Beschützer, der Fels in der Brandung. Dabei habe ich auch Schwächen …“

„Sicher, mein Sohn. Genau wie alle Lebewesen. Niemand ist perfekt.“

„Ich rede nicht von Perfektion. Ich rede davon, daß ich Schwächen habe, die von niemandem hier ernst genommen werden. Weil ich als hiesiger Held keine Schwächen haben darf. Ich muß immer für alle da sein, aber wer nimmt Rücksicht auf MEINE Bedürfnisse?“
Er zögerte, doch dann fuhr er mit bitterer Stimme fort:
„Würde es dich überraschen zu hören, wenn ich dir gestehe, daß ich auch mal gerne nur umarmt werde? Oder gehalten? Aber immer bin ICH derjenige, der Trost und Halt gibt und danach komme ich mir so … abgeschoben vor.“

Sekundenlang herrschte Stille, dann stellte Shaman ruhig, aber auch ein wenig verwundert fest:

„Du bist unglücklich.“

„Und wie!“

„Hast aber jemanden gefunden, der dir genau dieses Gefühl vermittelt, das du brauchst, und das ist nicht J.B.“

„Was?“ Erstaunt starrte Brave Starr seinem Ziehvater ins Gesicht. „Woher weißt du das?“

Es gelang ihm nur schwer, die Furcht aus seiner Stimme zu verdrängen. Shaman hatte manchmal Visionen und nicht auszudenken, wenn er ausgerechnet DAVON Wind bekommen hatte.

Aber Shamans nächste Worte dämmten seine Panik ein, bevor sie richtig aufflackern konnte.

„Das ist leicht zu erraten. Uns Menschen fällt nur dann auf, daß uns etwas in unserem Leben fehlt, wenn es uns auf irgend eine Art und Weise begegnet. Dabei ist es egal, ob es sich um einen Film, ein Buch oder eine persönliche Erfahrung handelt. Du mußt dir jetzt nur darüber im Klaren sein, ob das, was du gefunden zu haben glaubst, es wert ist, deine Zukunftspläne über den Haufen zu werfen. Vielleicht solltest du genau darüber mit J.B. reden, damit sie dir geben kann, was du suchst.“

„Shaman, ich habe jemanden gefunden, der mir all das FREIWILLIG, von sich aus und ohne, daß ich es sagen mußte, gibt. Verstehst du? Das ist ja das Dilemma. Das Feuer, das einst zwischen J.B. und mir loderte, ist schon längst erloschen. Und woanders aufgetaucht. Glaube ich jedenfalls“, fügte er leise, plötzlich unsicher, hinzu.

Denn niemand konnte ihm schließlich garantieren, daß Tex Hex sich genauso nach ihm sehnte wie er sich nach ihm. Ob dieses Feuer nicht genauso schnell erlosch wie es hochgelodert war.
Immerhin – Tex Hex war sein ERZfeind, oder?
Und alles andere als vertrauenswürdig.
Andererseits – privat schien er ganz anders zu sein.
Hey – er kuschelte nach dem Sex!

„Hm“, Shamans ernste, nachdenkliche Stimme riß ihn aus seinen Gedanken, „zu heiraten, nur, um einer Verpflichtung zu entsprechen stürzt beide Seiten nur ins Unglück. Ihr seid nun schon so lange verlobt und wenn es von deiner Seite aus tatsächlich so aussieht und es vorbei ist, solltest du wirklich einen ehrlichen Schnitt machen. Es tut mir nur leid um J.B., sie ist eine tolle Frau.“

„Ja“, da gab Brave Starr ihm von ganzem Herzen recht, „das ist sie.“

„Hm, Brave Starr – WER ist die Dame, die dich so glücklich macht?“

Der junge Mann zögerte mit der Antwort, aber zwischen ihm und Shaman herrschte ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis und bisher hatte er die Neuigkeiten sehr gelassen aufgenommen. Daher beschloß Brave Starr, zumindest einen kleinen weiteren Schritt zu wagen.

„Ich … tja“, verlegen kratzte er sich im Nacken, suchte den Blick seines Ziehvaters und versuchte sich in einem schiefen Lächeln, „da liegt der Hase im Pfeffer: es ist KEINE Frau.“

Shaman blinzelte einmal, dann noch einmal, während seine Gesichtszüge ganz allmählich entgleisten. Doch dann hatte er sich erstaunlich schnell wieder unter Kontrolle.

„Oh“, machte er dann nur. Für einige Sekunden musterte er den jungen Mann vor sich ratlos, dann starrte er beinahe hilfesuchend in das Feuer vor sich.

„Das“, begann er, räusperte sich einmal und fuhr dann mit etwas festerer Stimme fort:
„DAS kommt jetzt überraschend.“

Brave Starr grinste schief und entschied, ihm den Rest erst später zu erzählen, denn diese „Überraschung“ würde der alte Mann garantiert nicht mehr ganz so beherrscht aufnehmen.

„Okay“, Shaman holte einmal tief Luft, „kenne ich … ihn?“

„Ja“, gab Brave Starr unumwunden zu. „Aber bitte frag nicht weiter. Wenn es an der Zeit ist, werde ich dir alles erzählen.“

Und er sollte ihn vorsichtshalber vorher mit Baldriantee abfüllen.

Aber Shaman wäre nicht Shaman, wenn er sich mit einer solchen Antwort zufriedengeben würde. Denn jetzt hatte sein Ziehsohn ihn wirklich neugierig gemacht. Und so stellte er jene Frage, die alle liebenden Eltern ihren Kindern in einer solchen Situation schon seit Anbeginn der Zeit stellen, in der Hoffnung, daß diese sich durch ein Wort verraten und ihnen den nötigen Hinweis auf die Identität geben:

„Wie ist er denn so?“

Marshall Brave Starr antwortete jedoch genauso ausweichend wie viele, viele Generationen vor ihm, die dieses Spiel intuitiv durchschauten:

„Er ist das Beste, was mir je im Leben passieren konnte.“

***


Der Beste, der Marshall Brave Starr je im Leben passieren konnte, stand gerade in seiner Küche, vor sich auf der Anrichte ein handschriftlich geschriebenes Rezept und mußte der neben ihm einen Salat zubereitenden Vipra nicht zum ersten Mal eine Frage stellen.

„Und was soll DAS hier bedeuten?“

Die schwarzhaarige Schönheit seufzte unterdrückt, warf nur einen kurzen Blick auf den Zettel, wandte sich um und reichte ihm dann ein Schälchen mit Zitronenmelisse.
Argwöhnisch rümpfte Tex Hex die Nase.

„Sicher?“ erkundigte er sich zweifelnd. „Seit wann gehört so etwas in Küchlein?“

„Wenn es da steht“, erwiderte sie nur gelassen. „Mamba wird sich schon was dabei gedacht haben.“

Er zuckte schließlich nur mit den Schultern und begann, die Melisse unter den Teig zu rühren, während Vipra weiter ihre Tomaten zerwürfelte.
Im angrenzenden Wohnzimmer wurde plötzlich die Stereoanlage aufgedreht und laute Rockmusik dröhnte zu ihnen hinüber, die kurzfristig noch etwas an Lautstärke zunahm, als Skuzz die Tür zurückstieß und hereinwuselte.

„Sind die Küchlein schon fertig?“ erkundigte er sich ungeduldig und holte sich dabei eine der letzten von Miß Sweetess stibitzten Süßspeisen aus dem Kühlschrank.

„Nein“, entgegnete sein Boß trocken. „Und es geht auch nicht schneller, wenn du alle fünf Minuten hier reinschneist. Aber du kannst mir gerne helfen, wenn du es so eilig hast.“

„Geht nich’“, nuschelte Skuzz zwischen zwei Bissen hervor, „hab viel zu viel zu tun.“

Und bevor sein Boß ihn doch noch wieder zu irgend etwas einspannen konnte, machte er, daß er davonkam. Sein Highscore wartete darauf, geknackt zu werden.

„Wir machen jetzt aber keine Konditorei auf, oder?“ fragte Vipra vorsichtig. „Ich mag meine Schwester, aber DAS ist nun doch etwas zuviel der Liebe. Ich meine, das ist doch jetzt nur für uns, oder?“

Sie ging hinüber zum Kühlschrank, zischte leise und kam mit zwei Törtchen zurück, wovon sie eines ihrem Boß kompromißlos in den Mund stopfte.

„Das sind die letzten. Verflucht nochmal, haben wir die wirklich so schnell verschlungen? So ein Glück, daß wir von Mamba das Originalrezept bekommen haben.“

„Ein paar müssen wir deiner Schwester schon abgeben.“

„Klar, sie kann ein paar haben. So sechs Stück vielleicht…“ grinsend verschlang Vipra ihr Küchlein und leckte sich dann gar nicht damenhaft die Finger ab, bevor sie zu ihrem Salat zurückkehrte.

Dann bemerkte sie den stirnrunzelnden Blick ihres Bosses, sah ihm über die Schulter und soufflierte höflich:

„Honig und Butter.“

„Sag deiner Schwester, sie hat eine Sauklaue.“

„Das sage ich ihr schon seit Jahren. Nur interessiert es sie nicht.“

Minutenlang arbeiteten sie schweigend, aber als Tex Hex schließlich mit einem gefüllten Backblech zum Ofen ging, ruhte Vipras Blick mit einer Intensität auf ihm, die dieser sehr deutlich spürte.

„Was ist?“ fragte er, während er den Backofen programmierte.

„Du warst heute Nacht nicht allein“, stellte sie fest und deutete mit einem rotlackierten Fingernagel auf seinen Halsansatz.

Ehrlich gesagt, hatte er seit einer guten Stunde auf dieses Kommentar gewartet, so lange, wie sie hier zusammen in der Küche standen.

„Na und?“ entgegnete er gutgelaunt. „Du doch auch nicht.“

Vipra lächelte vergnügt. „Und genau deshalb weiß ich, daß es Sandstorm ja wohl nicht gewesen sein kann. Und Skuzz ist absolut unwahrscheinlich, denn SO weit geht seine Freundschaft nun wirklich nicht. Die Roboter scheiden auch aus. Also, wer war’s? Und warum haben wir nichts mitbekommen?“

Tex Hex überlegte kurz, doch dann erinnerte er sich an die Party, und daß gewisse Dinge früher oder später sowieso herauskamen – vor allem SO etwas.
Und da es ihm nicht im geringsten peinlich war …

„Brave Starr. Es war Brave Starr.“

Vipra starrte ihn für einen Augenblick aus großen Augen an, dann lachte sie schallend.

„Bei den Göttern! Gibt es das? Tex Hex verführt unseren braven, heldenhaften Marshall? Oh, was wird seine Richterin wohl dazu sagen? Und ihr Vater erst, wenn er je davon erfährt? Boß, Boß“, spielerisch tadelnd drohte sie ihm mit dem Finger, „du bist wirklich und wahrhaftig ein BÖSER Mann.“

Doch der seltsame Glanz in seinen Augen machte sie stutzig. Sie hielt in ihrem Gelächter inne und musterte ihn durchdringend.

„Du hast dich in ihn verliebt“, stellte sie dann fest, nur, um erneut in aufgekratztes Kichern auszubrechen.
„Der Boß ist ver-liiee-iiieeebt. Ver-liiee-iiieeebt“, trällerte sie vor sich hin. „In Marshall Brave Starr. DAS muß ich sofort den anderen sagen!“

Und bevor Tex Hex sie aufhalten konnte, war sie schon aus der Küche gestürmt.

Für einen winzigen Moment wollte Tex Hex ihr hinterher und sie aufhalten, doch dann zuckte er nur mit den Schultern.

Gekonnt überhörte er auch das leise Stimmchen in seinem Kopf, das ihn zaghaft fragte, WAS wohl Stampede von seinen plötzlich erwachten Gefühlen für den Marshall sagen würde.
Er vertraute da ganz auf sein Improvisationstalent. Irgend eine gute Alibi-Erklärung würde ihm schon einfallen.
Darüber konnte er sich immer noch Gedanken machen, wenn es soweit war.

Gedankenverloren nahm er einen Löffel und kratzte den restlichen Teig aus der Schüssel. Pur schmeckte das Zeug beinahe genauso gut wie im fertigen Zustand. Trotzdem – nachdenklich spürte er dem Geschmack auf seiner Zunge nach – irgendwie schmeckte es doch ein wenig anders als das von Miß Sweetess.
Nun ja, er zuckte mit den Schultern, das konnte er erst wirklich überprüfen, wenn die Küchlein fertig gebacken waren.

***
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