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Ein neuer Anfang

GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Eruruu Hakuoro
13.01.2010
19.01.2010
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13.01.2010 6.851
 
Hakuoro sah sich derweil im Dorf um. Es war doch so einiges passiert während seiner Abwesenheit und er wollte sich so schnell wie möglich wieder auf den neuesten Stand der Dinge bringen. Da er sich aber auch an Eruruus Warnung erinnerte, tat er das so unauffällig wie möglich. Er konnte sich zwar schlecht verkleiden, denn an der Maske würde man ihn ja doch immer erkennen, aber er konnte sich so unauffällig bewegen, dass die Meisten gar nicht mitbekamen, dass er da war.
So wie es schien, machte Benawi seinen Job gut, die Menschen waren mit ihm zufrieden und es schien auch lange keinen Krieg mehr gegeben zu haben. Sehr gut. Anscheinend waren sie aber nicht ganz so zufrieden mit ihm selbst. Wie Eruruu gesagt hatte, waren wohl einige der Meinung, dass er das Land schmählich im Stich gelassen hatte. Das war ein kleines Problem, weil Hakuoro ihnen schlecht sagen konnte wo er die letzten drei Jahre wirklich verbracht hatte. Es war zu ihrer aller Sicherheit gewesen, aber auch das würde schwer zu erklären werden, wenn man ein paar Sachen besser nicht erwähnen sollte. Leider ergab die ganze Story nun mal nur dann einen Sinn, wenn man wusste, wer Dii und er selbst wirklich waren. Und das konnte er auf keinen Fall öffentlich herumerzählen. Blieb also nur die Schmähungen und Beleidigungen einfach zu ertragen und sie mit Taten von seinen guten Absichten zu überzeugen. Es war ja nicht so, als wäre er es nicht gewohnt, schließlich hatten auch einmal alle einschließlich ihm selbst gedacht er wäre Rak-Shine und hätte halb Kucca Keccha umgebracht.
Hakuoro seufzte leise. Der Himmel wusste, es waren keine leichten Jahre in der einsamen kalten leeren Unendlichkeit gewesen. Wurde er jetzt auch noch dafür bestraft, dass er sie auf sich genommen hatte, um seinem Volk ein besseres Leben zu ermöglichen? Ach verdammt aber auch, es war wirklich nicht leicht, ein Gott zu sein! Wenigstens hatte er Eruruu, Aruru und Mukkuru an seiner Seite. Dieser Gedanke heiterte ihn wieder auf, denn auch wenn der Rest der Welt ihn für einen egomanischen Idioten hielt, konnte er es doch ertragen, solange seine Freunde und Eruruu nicht derselben Meinung waren.
Er war so in seine Gedanken versunken gewesen, dass er leicht zusammenzuckte, als hinter ihm plötzlich jemand ziemlich lautstark sagte: „Ihr seid also endlich wieder zurückgekommen.“
Hakuoro drehte sich um und musterte den jungen Mann, der hinter ihm aufgetaucht war während er leicht nickte. „Ja.“ Sein Gegenüber war ungefähr so alt wie Eruruu, hatte blonde Haare, hellblaue Augen, war ziemlich kräftig gebaut und sah aus wie ein Mädchenschwarm. Er hatte einen sehr entschlossenen und ziemlich wütenden Gesichtsausdruck aufgesetzt und Hakuoro fragte sich, was er eigentlich von ihm wollte. Er sah nämlich nicht so aus, als sei er gekommen, um ihn herzlich willkommen zu heißen.
„Und Ihr seid?“
„Mein Name ist Osugi, ich bin der Sohn des Schmiedes.“, antwortete der. Er zögerte einen Moment, dann verschränkte er die muskulösen Arme vor der Brust und sagte: „Es wäre besser gewesen, wenn Ihr geblieben wärt, wo immer Ihr die letzten Jahre wart. Eruruu ist ein sehr nettes Mädchen, sie verdient es nicht, dass ihr Herz schon wieder gebrochen wird. Und Ihr habt sie schmählich im Stich gelassen!“
„Ich hatte keine Wahl.“, sagte Hakuoro ruhig. Eigentlich hatte er sich ja denken können, was Osugi wollte. Eruruu hatte ihn schließlich gewarnt und die Stimmung im Dorf war auch kaum zu übersehen gewesen. „Ich werde sie nicht noch einmal allein lassen.“, fügte er deshalb hinzu, in der Hoffnung wenigstens ein wenig zu retten.
„So? Ihr könnt viel behaupten, ich glaube Euch nicht! Ihr habt uns und sie im Besonderen schon einmal verraten!“ Obwohl Hakuoro so etwas erwartet hatte, traf ihn die Anschuldigung doch ziemlich hart. Er hatte sie also verraten, als er sich drei Jahre der furchtbaren Leere und Einsamkeit des Siegels ausgesetzt hatte um sie vor Diis Plänen zu schützen? Es war ja nicht so, als hätte er dabei irgendwie Spaß gehabt, ganz im Gegenteil!
Osugi schien den Schatten, der über Hakuoros Gesicht huschte, nicht zu bemerken. „Kanae hatte nur zu Recht, wenn sie sagt, dass Ihr besser nie wieder hierher gekommen wärt! Sie hat Eruruu getröstet, wenn sie in den Nächten geweint hat und sie hatte ja so Recht, wenn sie Euch verflucht hat, weil Ihr ihr das angetan habt! Ihr habt Eruruu so sehr verletzt! Wie könnt Ihr es jetzt wagen hier wie aus dem Nichts wieder aufzutauchen?! Sie hat endlich begonnen Euren Verlust einigermaßen zu verarbeiten! Sie hat endlich begonnen zu verstehen, dass sie nicht ewig auf Euch warten kann! Und jetzt ruiniert Ihr alles!“
„Ach so?“ Anscheinend war Osugi nicht der Einzige im Dorf, der wütend auf ihn war, diese Kanae schien auch etwas gegen ihn zu haben. Naja, einer mehr oder weniger machte den Kohl jetzt auch nicht mehr fett... Und so langsam begann Hakuoro zu glauben, dass Osugi noch etwas ganz anderes auf dem Herzen hatte, als nur Eruruus verletzte Gefühle. Deren nächste Worte bestätigten das.
„Ich hätte sie beschützt, so wie Ihr es hättet tun sollen!“, schrie Osugi wütend und spannte sich dabei so sehr an, dass seine Knochen knackten. Anscheinend verlor er jetzt die Geduld, denn seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter. „Ich wäre ihr ein guter Mann gewesen, hätte für sie gesorgt während Ihr Euch weiß der Himmel wo vergnügt habt ohne auch nur an sie zu denken! Und jetzt, wo sie endlich auf mich gehört hätte, kommt Ihr zurück und ruiniert es! Verschwindet wieder dorthin woher Ihr gekommen seid! Wir wollen Euch hier nicht mehr! Ihr hattet Eure Chance und habt sie verspielt! Ihr habt sie verletzt und jetzt ist es zu spät um es rückgängig zu machen!“
Er musste Luft holen und Hakuoro nutzte die Gelegenheit und schüttelte den Kopf. „Es tut mir Leid für Euch, aber ich gehe nirgendwohin ohne sie, es sei denn sie selbst will es. Ihr habt Recht: ich habe sie verlassen und werde diesen Fehler nicht noch einmal machen. Ich bin endlich zurück und werde so schnell nicht wieder gehen. Und außerdem ist es Eruruus Entscheidung, wem sie vertrauen will...“
Das nahm Osugi den Wind aus den Segeln. Einen Moment lang starrte er Hakuoro nur groß an. Dann platzte er heraus: „Wie bitte?“
Geduldig aber sehr entschlossen wiederholte Hakuoro: „Ich gehe nicht freiwillig, es sei denn es ist ihre Entscheidung. Ich fürchte, das werdet Ihr akzeptieren müssen.“
Osugi schluckte und knurrte dann: „Sie will Euch nicht! Sie hat eingesehen, dass sie mit jemand anderem viel besser dran ist, als mit Euch!“
‘Und mit jemand anderen meinst du dich.’, dachte Hakuoro. Es war aber auch ziemlich offensichtlich. Laut sagte er lediglich: „Vielleicht. Das hätte ich aber gern von ihr gehört!“ Offenbar wollte Osugi so schnell nicht seine Enttäuschung überwinden, denn er knurrte: „Das ist nicht nötig! Ich weiß es!“
Hakuoro hatte genug von dieser Farce, drehte sich um und sagte: „Dennoch würde ich es gern aus ihrem eigenen Mund hören. Guten Tag, Osugi.“
Er wollte gehen, doch er hatte noch nicht zwei Schritte gemacht, als ihn jemand heftig bei der Schulter packte und herumwirbelte. „Können wir das nicht hier und jetzt nur zwischen uns Zweien klären?“, fragte Osugi aus nächster Nähe.
„Da gibt es nichts zu klären. Es ist Eruruus Entscheidung mit wem sie leben will.“
„Ihr seid also auch noch ein Feigling! Ihr habt wohl Angst, dass Ihr verlieren könntet?“, spottete Osugi und Hakuoro kam zu dem Ergebnis, dass diese Unterhaltung jetzt endgültig unterhalb der Grenze guten Benehmens angekommen war.
„Nein. Aber ich werde mich hier nicht völlig sinnlos mit Euch herumprügeln, nur weil Ihr der Meinung seid jedes Problem mit den Fäusten klären zu müssen.“, antwortete er kühl und sah ihn scharf an.
Osugi schnaubte abschätzig und Hakuoro nahm das als Signal zum Abgang.
Es war schon immer relativ schwer gewesen ihn wütend zu machen, vor allem mit eigentlich harmlosen Beleidigungen, die lediglich auf seine eigene Person abzielten. Und seit er wusste, was passieren konnte, wenn er wirklich wütend war, hielt er sich noch besser unter Kontrolle. Es reichte schließlich völlig, wenn er einmal halb Onkamiyamukai in die Luft gejagt hatte, das unschuldige Dorf musste dieses Schicksal wirklich nicht teilen. Außerdem erschreckte er sich schon selbst vor seiner göttlichen Hälfte - er wollte lieber nicht über die Reaktion der Dorfbewohner nachdenken, sollten die Witsarunemitea jemals zu Gesicht bekommen.
Auch jetzt zuckte er lediglich mental die Schultern und hakte den Vorfall damit ab. Aber Osugi war offenbar nicht so hart im Nehmen. Hakuoro wurde nur durch ein leises Rascheln hinter sich und eine schnelle Bewegung aus den Augenwinkeln gewarnt, dann musste er zur Seite springen und schaffte es gerade noch einen Angriff Osugis zu entgehen. Anscheinend wollte er unbedingt einen Kampf. Hakuoro seufzte. Nun, wenn es sich nicht vermieden ließ...
Der Sohn des Schmiedes drehte sich um und ging wieder zum Angriff über. Er versuchte Hakuoro einen rechten Haken zu verpassen, aber der sah das vorher, fing den Schlag mühelos ab und bevor Osugi wusste wie ihm geschah, beförderte er ihn mit einer eleganten Drehung auf den Boden.
‘Ein Glück, dass ich nicht vergessen habe was ich von Benawi gelernt habe.’, dachte er dabei. ‘Und dem Himmel sei dank, dass ich trotz der Jahre im Siegel immer noch in guter Form bin!’
Osugi rauchte vor Zorn und kämpfte sich etwas mühsam wieder auf die Füße. „Glaubt ja nicht, dass ich so einfach aufgebe!“, brüllte er wie ein wütender Bulle und auch sein nächster Angriff hatte eine frappierende Ähnlichkeit mit der Attacke eines solchen Tieres.
Hakuoro wich ihm knapp aus und schüttelte den Kopf. ‘Das Ganze läuft total aus dem Ruder. Anscheinend ist ihm Eruruu sehr wichtig, aber mir auch und so einfach gebe ich auch nicht auf!’, dachte er dabei.
„Wenn Ihr unbedingt wollt!“, sagte er deshalb, wirbelte herum und fegte seinem Gegner die Füße unter dem Körper weg, bevor der auch nur die Spur einer Chance hatte zu reagieren. Hakuoro hielt es für unsportlich einen Gegner, der auf dem Boden lag anzugreifen, solange es sich nicht um einen wirklich ernsten Kampf handelte und hielt sich zurück. Osugi nutzte sofort die Chance. Er machte einen Satz zur Seite und sprang in eins der Häuser dessen offene Tür zu seiner Rechten war. Hakuoro dachte schon, er wäre ihn los, doch bevor er sich aus dem Staub machen konnte, flog die Tür wieder auf und Osugi stand ihm wieder gegenüber.
Mit einem blanken Schwert in der Hand.
Spätestens jetzt liefen die Geschehnisse ABSOLUT aus dem Ruder. Hakuoro wusste, dass er ohne eine Waffe gegen das scharfe Schwert keine allzu große Chance hätte und wich eilig den wütenden Hieben, die Osugi austeilte, aus. Dabei sah er sich nach etwas um, das man als Waffe verwenden könnte, aber er konnte weit und breit nichts entdecken, dass gegen das Schwert ankommen könnte. Der Schmiedesohn jagte ihn mittlerweile im vollen Tempo durch das Dorf und erschreckte damit die Dorfbewohner. Einige feuerten ihn an, doch die meisten schienen wohl der Meinung zu sein, dass das dann doch zu weit ging und versuchten ihn zu stoppen. Allerdings waren sie auch nicht bewaffnet und konnten nicht viel tun, außer sich in Sicherheit zu bringen, wenn der Berserker an ihnen vorbei rannte.
Vor Hakuoro tauchte ein Gebäude auf, das vage nach einem Tempel aussah und in der Hoffnung dort eine brauchbare Waffe zu finden, stürzte er durch die Tür. Dabei versuchte er sich zu erinnern, was für Gegenstände man denn in einem Tempel für den Gottesdienst benötigte, aber da er bei jeder von Urotoris Reden nach kürzester Zeit eingeschlafen war, war das etwas hoffnungslos. Nun, im Notfall, würde er Osugi eben ein Weihrauchfass an den Kopf werfen müssen. Als er in der Halle angekommen war, sah er sich verzweifelt nach etwas um und entdeckte dann auf dem Altar ein längliches goldenes Zepter. Das sah doch ganz viel versprechend aus...
Mit ein paar Sprüngen war Hakuoro beim Altar, griff sich das erstaunlich schwere Zepter und stellte sich Osugi.
Der riss für einen Moment erschrocken die Augen auf, fasste sich dann aber.
„Ihr seid also nicht nur ein Feigling, sondern auch noch ein Gotteslästerer?“, höhnte er. „Umso besser, dann wird sich Witsarunemitea Eurer annehmen!“
Auf Hakuoros verdutzten Blick hin, fügte er hinzu: „Das ist das heilige Zepter des großen Gottes! Es ist ein schweres Sakrileg es zu berühren!“
„Zepter?“ Hakuoro sah nur noch verwirrter aus. Er konnte sich nicht an ein Zepter erinnern, mal abgesehen davon, dass das goldene Ding sich in Witsarunemiteas Krallen wie ein Zahnstocher ausnehmen würde. Bei der bloßen Vorstellung entschlüpfte ihm unwillkürlich ein leises Glucksen.
„Nun, er wird es überleben, wenn ich es mir mal kurz ausleihe.“, sagte er dann. „Wollt Ihr weitermachen oder lieber Vernunft annehmen?“
Osugi zögerte und schien ernsthaft zu überleben, doch bevor er sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte, hallte eine wütende Stimme durch den Tempel.
„WAS IN WITSARUNEMITEAS NAMEN SOLL DAS WERDEN?!!“
Osugi zuckte zusammen und sah schuldbewusst über seine Schulter und Hakuoro wagte es das Zepter etwas zu senken. Der Schmiedesohn schien zu abgelenkt um ihn wieder anzugreifen. Er musterte ihn dennoch wachsam, auch wenn er einen Teil seiner Aufmerksamkeit auf den Urheber der wütenden Stimme richtete. Der kam Sekunden darauf in Sicht und stellte sich als ein älterer Mann, mit einem weißen Bart und einer langen weißen Robe heraus. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Munto, auch wenn er kein Onkamiyamukai war und versah offenbar das Am des Priesters.
Als er neben ihnen stand, fegte er dem erstarrten Osugi das Schwert aus der Hand und fuhr ihn dann lautstark an: „Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen oder ist der letzte Rest von Intelligenz in deinem Kopf an Einsamkeit gestorben?! Wie kommst du dazu im Tempel unseres großen Gottes eine Waffe zu erheben und noch dazu gegen den früheren Kaiser?!“
Osugi sah aus, als wolle er etwas sagen, aber er hatte keine Chance. Der Priester ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern schrie nur noch lauter. „Wie kannst du es wagen ihn anzugreifen, egal was du in deinem unausgegorenen Gehirn auch immer für Gründe gehabt haben magst? Ist dir eigentlich klar, dass du uns alle in Gefahr gebracht hast mit deiner idiotischen Schwertschwingerei!!! Du hättest sonst wen umbringen können!“
„Aber-“, begann Osugi, wurde aber sofort wieder unterbrochen.
„KEIN ABER! Du wirst Buße für diesen Frevel tun und zwei Wochen lang den gesamten Tempel putzen! Auf den Knien! Mit einer Zahnbürste! Und WEHE ich finde hier EIN Staubkorn!!! Und danach wirst du zwei Wochen lang jeden Tag zweimal die Felder umgraben!!! Und der Himmel helfe dir, wenn du so etwas noch einmal tust! Dann werde ich dafür sorgen, dass du für den Rest des Jahres nur noch mit Holzstäbchen zu tun hast und ich werde dir höchstpersönlich eine Glatze schneiden!!!“
Hakuoro zog interessiert eine Augenbraue hoch, als Osugi bei dieser Androhung zurückzuckte und dann schuldbewusst zu Boden sah.
„Jawohl, Priester.“, murmelte er. Anscheinend wusste er, dass es besser wäre jetzt nicht zu protestieren. Trotzdem schoss er durch die Wimpern einen hasserfüllten Blick in Hakuoros Richtung, der das sehr wohl sah, aber beschloss es zu ignorieren. Auch wenn er sich zweifellos vorsehen musste. Osugi war bestimmt zur Rache aufgelegt und vielleicht würde ihn die Androhung einer Glatze nicht lange genug aufhalten um ihn daran zu hindern ihn irgendwann im Dunkeln zu überfallen.
„Schwöre, dass es nicht noch einmal vorkommen wird und entschuldige dich! Auf den Knien!“, knurrte der Priester.
Osugi sah einen Moment lang ziemlich aufrührerisch drein, doch dann fiel sein Blick auf den Gesichtsausdruck des Priesters und er beschloss, dass es Selbstmord wäre zu widersprechen. Mit einem Gesicht, als wünsche er Hakuoro alles Unglück der Welt, entschuldigte er sich schließlich.
Hakuoro nickte nur, das Zepter immer noch - nur für alle Fälle - in der Hand.
Osugi drehte sich um und trottete wie ein begossener Pudel aus dem Tempel. Kaum war er außer Hörweite, als der Priester sich Hakuoro zuwandte und fragte: „Hat der Idiot Euch verletzt, Herr?“
Hakuoro schüttelte den Kopf. „Nein. Es war ein paar Mal ziemlich knapp, aber wirklich passiert ist nichts.“
„Das freut mich. Bitte seid nicht zu hart mit ihm, er hat ein gutes Herz. Er ist nur manchmal einfach zu blöd um seine Handlungen ganz zu durchdenken. Und er hat definitiv mehr Muskeln als gut für seinen Kopf ist...“
„Schon gut. Ich denke die Strafe, die Ihr ihm verpasst habt, reicht völlig aus fürs Erste. Es ist ja nichts passiert. Und er machte sich nur Sorgen um Eruruu.“ Hakuoro seufzte. „Das kann ich verstehen. Mir geht es genauso...“
„Ich danke Euch. Ich fürchte aber, dass da trotzdem noch etwas ist. Er hatte in einem Punkt Recht: es ist ein schweres Sakrileg das heilige Zepter zu berühren, ganz zu schweigen davon es als Waffe zu gebrauchen. Unser großer Gott wird sehr zornig sein. Ihr müsst Buße tun, sonst wird Unglück über uns alle kommen.“
Hakuoro spielte einen Moment mit dem Gedanken ihm zu sagen, er solle seine Buße besser stecken wohin die Sonne nicht scheint, sonst bekäme er eine Ahnung davon, was göttlicher Zorn wirklich bedeutet - schon der bloße Gedanke an die Buße, die sich der Priester ausdenken könnte ließ ihn schaudern - aber das wäre im höchsten Grade unfair dem armen Mann gegenüber, der schließlich nur im besten Glauben handelte. Also seufzte er, legte das Zepter vorsichtig zurück auf den Altar und sagte lediglich so demütig wie möglich: „Ich werde tun, was Ihr sagt, Priester.“
Der bekam nie eine Gelegenheit darauf zu antworten, denn im gleichen Augenblick stürmte ein völlig atemloser junger Mann in den Tempel, wobei er beinahe Osugi über den Haufen rannte.
„Es brennt!“, keuchte er mühsam. „Eruruus Haus brennt und sie ist noch darin!“
Hakuoro zögerte nicht eine Sekunde. Obwohl er gerade im vollen Tempo durch das halbe Dorf gerannt war, stürzte er so schnell er konnte zurück zu ihrem Haus. Osugi und der Priester folgten ihm, aber Hakuoro hängte sie problemlos ab.
Schon von weitem sah er den Rauch, der von dem Haus aufstieg und als er um die letzte Ecke bog, konnte er das ganze Ausmaß der Katastrophe abschätzen. Hinter den Fenstern flackerten orangene Flammen und eine Reihe von aufgeregten Dorfbewohnern versuchte das Feuer mit Wassereimern zu löschen. Leider schienen sie relativ wenig Erfolg damit zu haben.
Aruru und Mukkuru waren zum Glück in Sicherheit, kaum hatten sie Hakuoro entdeckt, als sie zu ihm hinüber rannten und Aruru aufgeregt herausplatzte: „Eruruu ist noch da drin!“
„Wo genau?“, fragte Hakuoro so ruhig wie möglich, auch wenn seine Stimme leicht schwankte vor Aufregung und hielt sie fest, damit sie nicht von einer Seite zur anderen sprang und er eine ordentliche Antwort bekam.
„Im Wohnzimmer! Sie hat Sachen gepackt, als-“ Aruru kam nicht weiter, denn Hakuoro ließ sie wieder los, befahl leise: „Bleibt hier!“ und war mit ein paar Sätzen an der Tür. Ohne zu zögern, betrat er den Flur und eilte in Richtung des Wohnzimmers. Die Decke über ihm glomm, offenbar brannte das ganze Obergeschoss. Er musste sich beeilen, bevor das Dach über ihnen zusammenstürzte!
Er bemühte sich so wenig des ätzenden Rauches einzuatmen wie möglich und stand kurz darauf im Wohnzimmer.
„ERURUU!“, rief er so laut wie möglich.
„Hier!“, antwortete ihre vertraute Stimme und wurde dann von einem Husten abgelöst. Hakuoro folgte ihrem Ruf und entdeckte sie am anderen Ende des Raumes, von einem brennenden Balken an der Flucht gehindert.
Er sah sich kurz um, griff sich dann einen Tisch, der von den Flammen bisher verschont wurde und warf ihn so über den Balken, dass er eine Brücke bildete. Das Ganze war sehr instabil und der Holztisch würde den Flammen nicht lange Stand halten können, also beeilte er sich. Er balancierte über das wackelige Holz, Eruruu sprang eilig an seine Seite und er fing sie auf. Er hob sie hoch und schaffte es dann gerade noch sich von dem Tisch abzustoßen und wieder auf dem relativ sicheren Boden zu landen, bevor das dünne Holz zerbrach.
„Nichts wie raus hier!“, sagte er und musste gegen einen durch den vielen Rauch ausgelösten Husten ankämpfen. Er drückte Eruruu fest an sich und rannte dann als wären alle Dämonen der Hölle hinter ihm her durch den Flur und aus dem Haus.
Sicher draußen angekommen, atmete er erst einmal tief durch, als plötzlich ein schriller Entsetzensschrei aus dem Haus hinter ihm kam. Eruruu zuckte erschrocken zusammen und keuchte dann mit entsetzt geweiteten Augen: „Kanae ist noch da drin!“
„Verdammt!“ Hakuoro setzte Eruruu sacht ab und Aruru, die sofort an seine Seite geeilt war, hielt sie fest. Er drehte sich um und wollte ein zweites Mal in das brennende Haus eilen, doch Eruruu erwischte seinen Ärmel und hielt ihn entsetzt fest.
„Nicht! Das Dach kann jeden Moment einstürzen!“, rief sie, die Augen voller Tränen.
Hakuoro befreite sich aus ihrem Griff und warf ihr einen entschlossenen Blick zu. „Keine Sorge, ich werde aufpassen.“, sagte er sehr ernst, dann war er mit ein paar Sätzen an der Tür.
„NICHT!“, schrie Eruruu entsetzt und wollte hinter ihm her rennen, doch mittlerweile war auch Osugi am Schauplatz angekommen und er hielt sie fest. Eruruu kämpfte mit aller Kraft verzweifelt und fast panisch schluchzend gegen seinen Griff an, doch er drückte sie so energisch an sich, dass sie sich nicht befreien konnte.
„Lass mich los!“, schrie sie, doch Osugi machte gar keine Anstalten.
„Du kannst ihm nicht helfen!“, fauchte er. „Es reicht, wenn er sich in Gefahr bringt!“
„Witsarunemitea schütze sie beide...“, murmelte der Priester und Eruruu grollte: „Und der Himmel helfe ihm, wenn nicht!“
Dann fuhr sie Osugi an: „Lass mich los, ich werde nicht ins Haus rennen!“
Doch Osugi tat nichts dergleichen, sondern nutzte die gute Gelegenheit und schmiegte sich an sie. „Bleib doch bei mir...“, murmelte er in ihr Ohr.
Eruruu lief rot an vor Zorn, reagierte blitzschnell, und rammte ihm ihren Ellenbogen in die Nieren. Osugi stöhnte und lockerte seinen Griff, so dass sie sich aus seinen Armen befreien konnte.
„In deinen Träumen!“, fauchte sie wütend. Ihre Augen schossen Blitze in seine Richtung und wenn Blicke töten könnten, dann wäre er jetzt nur noch totes Fleisch. Doch dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das brennende Haus und starrte betend, dass Hakuoro es schaffte, in die Flammen. Tränen rannen über ihr Gesicht und sie wagte es nicht einen Ton zu sagen. Bitte...bitte! Komm sicher zu mir zurück!
Ich überlebe es nicht, wenn du nicht zurückkehrst!!!
Sie zuckte zusammen, als Aruru ihre Hand in ihre nahm und sie so fest drückte, dass es schmerzte. Ihre kleine Schwester machte sich natürlich genauso sehr Sorgen, wie sie. Eruruu drückte sie an sich, bemüht ihr ein wenig Halt zu geben, auch wenn es wohl eher umgedreht war.
Dann gab es einen lauten Knack und ein Teil des Daches rutschte weg und brach zusammen.
„NEIN!“, schrie Eruruu entsetzt, ließ Aruru los und stürzte in Richtung Tür, doch die Hitzewelle, die ihr entgegen schlug, ließ sie zurücktaumeln.
„Es ist vorbei.“, murmelte eine Stimme unter den entsetzten und erstarrten Zuschauern, die die Löschversuche längst aufgegeben hatten. „Darin kann niemand mehr überlebt haben...“
„NEIN!“, schrie Eruruu, ihre Stimme überschlug sich vor Angst und Panik und sie brach wo sie stand zusammen. Tränen rannen im breiten Strom über ihre Wangen und es schüttelte sie so sehr, dass sie wie Espenlaub zitterte. Der Priester trat neben sie und legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter, doch das schien sie nur noch mehr aufzuregen. Sie schlug seine Hand zur Seite und schrie verzweifelt: „Lasst mich! Lasst mich...“ Ihre Stimme ging in Tränen unter.
Die Dorfbewohner sahen unbehaglich auf die schluchzende Eruruu, doch niemand versuchte es ein zweites Mal.
Aruru hielt sich weitaus besser. Sie starrte immer noch stumm und angestrengt in die Flammen, sie hatte so schnell nicht aufgeben. Sie kannte die Fähigkeiten ihres Adoptivvaters nur zu gut und wusste, dass er so einfach nicht starb. Seine magischen Fähigkeiten waren um einiges stärker, als die der Hohen Priesterin und er hatte es schon mehrfach geschafft aus einem brennenden Haus zu entkommen. Sie hoffte, dass es auch dieses Mal so war und bis von dem Haus nur noch Asche übrig war, würde sie weiter hoffen.
Da sie so aufmerksam in die Flammen starrte, bemerkte sie auch als Einzige die Bewegung. Sie zuckte wie elektrisiert zusammen und trat einen Schritt nach vorn, damit sie einen besseren Blick hatte. Sie hatte sich nicht geirrt, da war eine Bewegung.
„Dort!“, rief sie in die Stille, die sich breit gemacht hatte und nur durch Eruruus Schluchzen, Osugis Stöhnen und das Knistern des Feuers unterbrochen wurde und zeigte in die wirbelnden Flammen.
Unzählige Köpfe schossen herum und ein kollektives Murmeln lief über den Platz als auch die Anderen sahen, was sie gesehen hatte. Hakuoro ging durch den brennenden Flur, die bewusstlose Kanae auf dem Arm. Dafür, dass er durch einen Flur ging, dessen Decke ihm zusammen mit dem Dach des Hauses jeden Moment auf den Kopf fallen konnte, ging er sehr langsam und machte auch jetzt keine Anstalten seinen Schritt zu beschleunigen. Er setzte vorsichtig und wohlüberlegt jeden einzelnen Schritt und schien sich angestrengt auf etwas zu konzentrieren. Es schien auch so, als wäre seine Silouette von feinen schwarzen Flammen umrahmt und seine schulterlangen grauen Haare und sein Kimono wurden von einem seltsamen Wind gepeitscht, doch das war bestimmt eine Einbildung, denn als er aus dem Flur nach draußen trat, war es verschwunden und er sah nur noch sehr angespannt und erschöpft aus.
Auch Eruruu hatte auf Arurus Ruf hin den Kopf gehoben und durch den Tränenschleier, der über ihren Augen lag, geblinzelt. Hakuoro hatte kaum Zeit die immer noch bewusstlose Kanae einem der Dorfbewohner in die Arme zu drücken, bevor Eruruu aufsprang, sich in seine Arme warf und ihn so fest hielt, dass er kaum noch Luft bekam.
„Du Dummkopf!“, schluchzte sie heftig. „Du verdammter sturer Dummkopf!“
„Verzeih mir.“, murmelte Hakuoro. Im gleichen Moment brach das Haus hinter ihnen endgültig zusammen und er konnte sich nicht länger auf den Beinen halten und sackte zusammen mit Eruruu, die ihn immer noch nicht losließ in den Staub.
„Ich dachte... Ich dachte...“, weinte Eruruu und Hakuoro hob die Hand und strich tröstend über ihr Haar.
„Mach dir keine Sorgen. Ich habe es doch versprochen: so lange ich zu deiner Familie gehöre, kehre ich immer wieder zurück.“
Eruruu schniefte heftig und bemühte sich ihre Fassung zurück zu gewinnen. „Ja, das hast du. Und bis jetzt hast du jedes deiner Versprechen gehalten.“, murmelte sie in seine Haare.
„Na siehst du. Und jetzt versuch bitte dich zu beruhigen. Kanae geht es nicht gut, sie braucht deine Hilfe.“
Eruruu bemühte sich seiner Bitte nachzukommen und sich wieder einzukriegen und legte die Hand auf seine. Sie zuckte erschrocken zurück als sie etwas feuchtes Warmes berührte und war fast augenblicklich wieder voll bei der Sache.
„Du bist ja verletzt!“, rief sie und musterte den langen Schnitt in seiner Hand, aus dem immer noch das Blut sickerte.
„Das ist nicht so schlimm!“, sagte er eilig, zog die Hand zurück und machte einen ziemlich erfolglosen Versuch den Schnitt zu verbergen indem er sie unter seiner anderen Hand versteckte. „Kümmere dich erst um Kanae, ihr geht es viel schlechter!“
Eruruu warf ihm einen langen Blick zu, doch er sah sehr entschlossen aus und deshalb seufzte sie schließlich und gab auf. Während sie sich um Kanae kümmerte, trat Aruru nach vorn und warf Hakuoro einen Blick zu, unter dem er unwillkürlich zurückwich. Er sah viel zu sehr nach Eruruu in ihrer schlimmsten Heilerinnen-Attitüde aus...
„Zeig deine Hand her.“, befahl Aruru und Hakuoro überlegte einen Sekundenbruchteil, entschloss sich dann aber nicht zu diskutieren - er war schließlich nicht lebensmüde - und tat, was sie gesagt hatte. Aruru fischte einige Wattebausche aus Eruruus Medizintasche und machte sich dann daran sorgfältig den Schnitt zu säubern. Hakuoro seufzte und gab jeglichen Widerstand auf.

Aruru verband gerade Hakuoros verletzte Hand, als Kanae wieder aufwachte und erst einmal heftig hustete. Eruruu half ihr sich aufzusetzen und bemühte sich sie zu beruhigen.
„Keine Angst, du bist in Sicherheit.“, sagte sie so ruhig wie möglich.
Kanae schaffte es schließlich wieder Luft zu holen und sie beruhigte sich wieder einigermaßen.
„Was ist passiert? Ich dachte, ich sterbe!“
„Das wärst du auch beinahe.“, sagte der Priester. „Hakuoro hat dich gerettet. Er hat es gerade noch so geschafft, bevor das Haus zusammengebrochen ist.“
„Hakuoro?“, fragte Kanae verwirrt und starrte ihn groß an, als sie merkte, dass er nicht weit von ihr entfernt immer noch auf dem staubigen Boden saß.
Er nickte lediglich.
Kanae lief unter den Kratzern und Rußflecken rot an und senkte verlegen den Kopf.
„Ja er hat dich gerettet und wäre dabei selbst fast noch gestorben.“, grollte Eruruu, die sich nur zu klar darüber war, warum Kanae so verlegen war und konnte sich mit einer gewissen Befriedigung nicht verkneifen noch mehr in der offenen Wunde zu bohren.
„Ich dachte schon...“, murmelte sie, doch ein schneller Blick zu ihm beruhigte sie wieder. Er war am Leben und außer dem Schnitt in seiner Hand, einigen harmlosen Kratzern und leichten Verbrennungen von herumfliegenden Splittern hatte er sich auch nichts getan. Sie hätte ihm genau wie Aruru von Anfang an vertrauen sollen, dachte sie beschämt. Aber es war einfach ein wenig viel gewesen, als die Hälfte des Hauses eingestürzt war. Sie hatte total vergessen was er war und war panisch geworden. Schon allein der bloße Gedanke ihn ein zweites Mal zu verlieren ließ sie auch jetzt noch schaudern und ihre Phantasie war mit ihr durchgegangen. Hakuoro warf ihr ein beruhigendes Lächeln zu und bedankte sich dann bei Aruru, die wirklich gute Arbeit geleistet hatte.
Kanae starrte beschämt auf den Boden und fragte dann leise: „Hast du Hilfe geholt?“
„Nein.“, antwortete Eruruu. „Ich wurde überrascht, als hinter mir einer der Deckenbalken heruntergefallen ist. Er hat meinen Ausgang blockiert, ich war eingesperrt und konnte nur nach Hilfe rufen. Du musst mich doch gehört haben?“
„Äh...“ Kanae überlegte und zuckte dann die Schultern. „Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. Es ist alles ein wenig verschwommen...“
„Das wird der Schock sein. Nun jedenfalls, draußen hat man mich gehört und Hilfe geholt. Sie haben versucht das Haus zu löschen, aber es war schon zu spät.“
„Wer hat dich gerettet?“, fragte Kanae und sah zu Osugi hinüber, der immer noch etwas kurzatmig war.
Eruruu schnaubte abschätzig, als sie ihrem Blick folgte. „Dieser Idiot? Mach dich nicht lächerlich! Er hat lediglich die Gelegenheit genutzt um sich an mich ranzuschmeißen!“
Dabei warf ihr Hakuoro einen fragenden Blick zu und sie schickte einen Blick zurück, von dem sie hoffte, dass er ‘erklär ich dir später’ sagte. Dann fuhr sie mit ihrer Erklärung fort: „Hakuoro ist in das brennende Haus gestürmt und hat mich gerettet. Und er hat auch dich gerettet, obwohl du so abschätzig über ihn gesprochen hast!“
Kanae lief noch röter an als sie ohnehin schon war und senkte den Blick.
„Entschuldige.“, murmelte sie leise.
„Entschuldige dich nicht bei mir, sondern bei ihm!“, sagte Eruruu.
Kanae nickte nach einem kurzen Zögern. „Du hast Recht. Das sollte ich wirklich tun.“
Damit stand sie auf und trat zu Hakuoro hinüber. Aruru und Mukkuru musterten sie misstrauisch und er hievte sich etwas schwerfällig auf die Beine. Die Konzentration, die er gebraucht hatte, um seine Magie zu kontrollieren als er durch das brennende Haus gerannt war, hatte ihn zusammen mit dem Schrecken und den anderen Ereignissen des Tages doch ziemlich erschöpft. Wenn es nach ihm ging, dann wollte er nur noch seine Ruhe haben.
„Es tut mir Leid, dass ich so über Euch gesprochen habe.“, sagte Kanae mit immer noch gesenkten Blick. „Und ich möchte mich entschuldigen. Ihr habt Eruruus und mein Leben gerettet und ich schulde Euch alles. Ich habe mich in Euch geirrt. Bitte verzeiht mir.“
„Da ich nicht weiß, was genau Ihr über mich gesagt habt - und so genau will ich es auch gar nicht wissen - gibt es nicht viel zu verzeihen.“, sagte Hakuoro leise. „Und was Euer Leben angeht: bitte sehr.“ Dann wandte er sich an Eruruu und fragte: „Geht es dir gut? Keine Nachwirkungen von dem Rauch?“
„Da fragst du mich? Du bist doch derjenige, dem beinahe das brennende Dach auf den Kopf gefallen wäre!“
„Aruru ist eine exzellente Heilerin geworden, sie hat mit sehr gut geholfen.“, sagte Hakuoro und Aruru lief erfreut rot an. „Also, wie geht es dir?“
„Mir geht es gut.“ Eruruu trat ein paar Schritte nach vorn, bis sie vor ihm stand. „Jetzt geht es mir wieder gut.“, murmelte sie und umarmte ihn. Hakuoro lehnte den Kopf an ihren und entspannte sich. Er war für ein paar Momente so versunken, dass er erschrocken zusammenzuckte, als der Priester plötzlich knapp neben seinem Ohr sagte: „Das hier ist ein Wunder! Dankt Witsarunemitea für diese wunderbare Rettung! Das muss gefeiert werden!“
Hakuoro vergrub das Gesicht in Eruruus Haaren und murmelte so leise, dass nur sie es hören würde: „Mir gefällt ganz und gar nicht worauf das hier hinausläuft...“
Eruruu kicherte und drückte ihn tröstend an sich. „Keine Sorge, du wirst es überleben...“
„Sicher?“, fragte Hakuoro mächtig skeptisch zurück.
„Wer ein brennendes Haus überlebt, wird auch unseren Priester überleben!“
Um sie herum brach Jubel aus, doch der Priester schaffte es problemlos die Rufe zu übertönen. „Ich werde eine Dankespredigt halten und euch dann zum Essen einladen!“
„JAAA!!“, kam der begeisterte Ruf zurück und die ganze Gesellschaft setzte sich in Richtung Tempel in Bewegung. „Nein!“, murmelte Hakuoro, allerdings so leise, dass es niemand hörte, blieb wie angewurzelt stehen und hoffte fast, dass der Priester ihn vergessen hätte und er der Mörderpredigt doch noch entkommen konnte, doch der drehte sich plötzlich wieder um, winkte ihm zu und rief: „Kommt! Ihr dürft nicht fehlen, nachdem Witsarunemitea seine schützende Hand über Euch gehalten hat! Und außerdem müsst Ihr Euch noch für die Sache mit dem Zepter entschuldigen!“
„Ihr habt Recht...“ Hakuoro seufzte abgrundtief, folgte ihm aber.
„Zepter?“, fragte Eruruu, die sich bei ihm untergehackt hatte und sah ihn verdutzt an.
„Während ich mich im Dorf umgesehen habe, ist mir Osugi über den Weg gelaufen. Er wollte sich unbedingt mit mir prügeln und als er dabei war zu verlieren hat er zu ... äh... rabiateren Methoden gegriffen...“
Eruruu verstärkte ihren Griff um ihn und fragte erschrocken: „Was hat dieser Idiot angestellt?!“
Hakuoro zuckte die Schultern. „Er hat sich ein Schwert besorgt und mich durch das halbe Dorf gejagt. Ich bin zufällig am Tempel vorbeigekommen und dachte, vielleicht gibt es dort etwas, das ich benutzen kann um ihn mir vom Hals zu halten. Und da lag der heilige Zahnstocher rum...“
„Heiliger Zahnstocher??“
„Na das Zepter...“
Eruruu kicherte heftig. „Kein Wunder, dass du Urotori in den Wahnsinn treibst! Zahnstocher!“
„Was sollte man sonst mit dem Teil machen?“
„Keine Ahnung.“, murmelte Eruruu und kicherte immer noch leise. Doch dann wurde sie wieder ernst und fragte: „Hat Osugi dich verletzt?“
„Nein. Bevor einer von uns wirklich etwas tun konnte, ist der Priester dazwischen gegangen und hat ihm kräftig die Meinung gesagt. Der kann vielleicht gruselig sein... Osugi hat klein beigegeben und dann kam schon jemand zur Tür herein und hat gerufen, dass dein Haus brennt. Und da bin ich natürlich sofort zu deiner Hilfe geeilt. Aber was hast du da vorhin von Osugi erzählt?“
„Ach das. Er ist angekommen, gerade als du wieder ins Haus gerannt bist um Kanae zu retten und er hat die gute Gelegenheit genutzt und sich an mich rangeschmissen. Ich sah mich gezwungen ihn etwas -ähem- brachial daran zu erinnern, dass er mich gefälligst loslassen soll. Der Schlag in die Nieren wird ihm noch etwas länger zu schaffen machen...“
„Eruruu, du bist ja richtig gefährlich...“
Die Heilerin kicherte. „Natürlich! Leg dich bloß nicht mit mir an!“
„Seh ich aus als wäre ich lebensmüde?“, neckte sie Hakuoro prompt.
„Bei dir kann man nie so sicher sein...“, schoss Eruruu zurück.
Kurz darauf kamen sie beim Tempel an und alle setzten sich auf ihre Plätze. Dann begann der Priester die Predigt. Er hatte noch nicht fünf Minuten geredet, da war Hakuoro neben Eruruu in einen wohligen Dämmerzustand gedriftet und bekam von seiner Predigt nichts mehr mit. Das hatte sie sich eigentlich denken können. Sie grinste lediglich und während der Priester schwungvoll redete überlegte sie, wie es jetzt weitergehen sollte. Ihr Haus war mit all ihrem Besitz abgebrannt, sie hatten nichts mehr retten können. Aber vielleicht war das ganz gut, denn sie hatte Yamamura ja sowieso verlassen wollen. Jetzt ließ sie nichts mehr zurück, dem sie nachtrauern konnte und ihre Gedanken waren bereit für die Zukunft. Blieb nur noch die Frage, wo sie die Nacht verbringen sollten. Aber vielleicht konnten sie bei Kanae unterkommen. Erstens schuldete sie ihnen etwas und es war sicher auch besser, wenn sie sie noch beobachtete. Sie schien sich zwar von ihrem Schock erholt zu haben, aber sicher war sicher. Am nächsten Morgen würden sie abreisen. Wenn der Priester Hakuoro gehen ließ...

Als die Predigt endlich zu Ende war, folgte noch das Festessen, das sie sich natürlich nicht entgehen ließen. Doch als es sich dem Ende näherte und es Abend wurde, machte sich Eruruu auf den Weg um noch einmal nach Kanae zu sehen. Ihr ging es schon wieder ganz gut, den Schock und den Rauch schien sie gut verkraftet zu haben. Sie saß bequem auf mehreren Kissen und sah die Heilerin verlegen an.
„Irgendwie ist mir die ganze Sache immer noch entsetzlich peinlich.“, sagte sie und senkte den Kopf. „Kann ich wenigstens etwas für dich tun um meine Schuld zu begleichen? Wo werdet ihr schlafen, nachdem dein Haus abgebrannt ist?“
„Tja, deswegen wollte ich dich auch schon fragen...“, sagte Eruruu.
„Dann übernachtet bei mir! Das schulde ich euch!“
„Vielen Dank.“
„Ich muss mich bei euch bedanken, das ist das Mindeste, was ich tun kann. Ihr seid herzlich eingeladen.“
Eruruu bedankte sich noch einmal und stand dann wieder auf um ihre Schwester und Hakuoro zu suchen.

Kanae machte ihnen ihre Betten in einem Raum, der nicht mehr gebraucht wurde und nachdem sie sich noch einmal bei Hakuoro bedankt hatte, dem das Ganze mittlerweile schon ziemlich peinlich war, gingen alle schlafen.
Mitten in der Nacht wachte Eruruu mit einem entsetzten Keuchen auf. Sie hatte einen Albtraum gehabt, in dem sie wieder von den Flammen umringt war, ohne Ausweg. Die Hitze kam näher und näher, sie spürte das Feuer bereits über ihre Haut lecken. Sie wusste sie würde sterben, ganz allein...
In dem Moment war sie aufgewacht und brauchte eine Weile, ehe sie sich versichert hatte, dass sie nicht mehr in den Flammen war. Sie war in Sicherheit, das Feuer war vorbei... Dennoch zitterte sie wie Espenlaub bei der bloßen Erinnerung und wimmerte leise. Sie war vor Schreck in Schweiß gebadet und innerlich so aufgewühlt, dass sie nicht glaubte wieder einschlafen zu können. Zu tief saß das Entsetzen.
Dann berührte sie jemand an der Schulter und sie zuckte zusammen und gab einen erschrockenen leisen Schrei von sich.
„Beruhige dich, Eruruu. Ich bin’s nur.“, sagte Hakuoros warme beruhigende Stimme und sie atmete erleichtert aus. Sie drehte sich um und sah ihn neben ihr auf dem Boden sitzen. Er streckte die Hand aus und zog sie in seine Arme und Eruruu war nur zu froh sich an ihn lehnen zu können und vergrub sich in seiner warmen Umarmung.
„Entschuldige, dass ich dich geweckt habe.“, murmelte sie.
„Schon gut. Hattest du einen Albtraum?“, fragte er leise und hielt sie beruhigend fest.
„Ja...ich war wieder in dem Feuer und es gab kein Entkommen...“, wisperte Eruruu und schauderte nachträglich.
„Es ist gut, du bist jetzt in Sicherheit.“, sagte er ruhig. „Niemand wird dir etwas tun, ich beschütze dich.“
Eruruu lehnte den Kopf an seinen, vergrub ihr Gesicht in seinen Haaren, hielt sich an seinem Kimono fest und schmiegte sich in seine Arme und die warme Sicherheit, die er ausstrahlte. Sie spürte seinen ruhigen Herzschlag und das beruhigte sie selbst auch. Sie konnte sich einfach nicht fürchten, wenn er bei ihr war, er hatte schließlich recht gehabt: er beschützte sie.
Sie blieb eine ganze Weile so wohlig an ihn gekuschelt sitzen und wenn es nach ihr ging, dann würde sie ihn auch so schnell nicht mehr loslassen.
Als er sich bewegte und sie losließ, verstärkte sie ihren Griff um ihn und murmelte in seine Haare: „Macht es dir etwas aus zu bleiben?“
Hakuoro lachte leise, strich durch ihre schwarzen Haare, drückte sie wieder an sich und antwortete: „Mir nicht, aber Kanae vielleicht. Ich habe sie schon wütend genug gemacht mit meinem plötzlichen Auftauchen. Ich bin mir nicht sicher ob sie das hier übersteht!“
„Kanae ist mir egal.“, murmelte Eruruu. „Aber ich kann besser schlafen, wenn du bei mir bist. Bitte?“
„Wenn du das willst, ist mir dein Wunsch Befehl...“, wisperte er, strich einen Moment mit seiner Wange über ihr wuscheliges Ohr wie eine verschmuste Katze und fischte dann nach der Decke um sie zuzudecken. Eruruu kuschelte sich an seine Brust, rollte sich in seinen Armen zusammen und schloss beruhigt und glücklich die Augen.
„Schlaf gut.“, murmelte sie.
„Gute Nacht. Und träum etwas Schönes.“
„Natürlich.“ Sie gab ihm noch einen letzten Kuss auf die Schulter, dann war sie auch schon eingeschlafen. Hakuoro warf ihr einen letzten zärtlichen Blick zu, kuschelte sich ebenfalls an sie und schlief dann gleichfalls ein.

Am nächsten Morgen würden sie sich auf den Weg in die Kaiserstadt machen um ihre alten Freunde zu besuchen. Ein neuer Abschnitt ihres Lebens würde beginnen und auch wenn er nicht nur gut begonnen hatte, würde er besser werden, als alles, was bisher gewesen war. Sie würden einen neuen Anfang machen.
 
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