Jona

von Hope0908
GeschichteAllgemein / P12
Jona Matreus Zanrelot
11.01.2010
11.01.2010
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Ich erinnere mich an vieles aus meiner Kindheit und Jugend nur verschwommen, doch diesen einen Tag habe ich nie vergessen. Er hat sich dermaßen tief in meine Seele eingebrannt, dass der Schmerz mich beinahe zerreißt.

Matreus und ich lebten seit nunmehr 13 Jahren in der Unterwelt. Ich war 25 Jahre alt und bereits seit Jahren die rechte Hand meines Vaters, des Herrschers der Finsternis. Gemeinsam wollten wir Rache nehmen an den Lübeckern und die Stadt uns Untertan machen. Ich war fest davon überzeugt, dass das alles gut und richtig war. Vater hatte mir alles genau erklärt und ich zweifelte an keinem seiner Worte.

An dem schmerzlichsten Tag meines Lebens wusste ich zunächst nicht so recht etwas mit mir anzufangen. Vater war mit seiner Glaskugel beschäftigt und Matreus kümmerte sich um seine Aufgaben. Ich hatte mein tägliches Studium der Zauberbücher bereits hinter mir. So überlegte ich, was ich nun tun wollte. Vater hatte mir untersagt, an die Oberwelt zu gehen, da dort zu viel Unruhe herrschte. Die sogenannten Wächter waren sehr aktiv und so wäre es zu gefährlich einen Ausflug zu machen. Und natürlich hatte ich mir fest vorgenommen, zu gehorchen. Zwar wurde ich nie wirklich streng oder hart bestraft, doch ich wollte Vater nur ungern enttäuschen. Seufzend nahm ich Vaters Buch in die Hand, um es zur Bibliothek zurückzubringen. Ich stelle es ins Regal und sah mich um. Beinahe alle Bücher kannte ich bereits zumindest teilweise. Meine Ausbildung schritt schnell und erfolgreich voran. Mein Vater war sehr stolz auf mich. Das wiederum machte mich sehr stolz, da ich seinen hohen Anforderungen genügte.

Trotz der großen Auswahl an Büchern hatte ich an diesem Tag keine Lust zu lesen. Ich verspürte einen inneren Drang, nach oben zu gehen. Ich wollte frische Luft atmen, andere Menschen sehen und einfach etwas Abwechslung haben. Ohne weiter groß darüber nachzudenken, drehte ich mich an die Oberwelt.

Mein erster Weg führte mich zum Markt. Es herrschte reges Treiben, unzählige Menschen waren unterwegs. Auch einige Schergen hatten sich unters Volk gemischt. Ich musste sehr vorsichtig sein und hielt mich im Hintergrund.

Plötzlich sprach mich jemand von hinten an. „Jonathan Levy, nehme ich an.“ Ich fuhr herum und hatte nur den einen Gedanken, so schnell wie möglich zu fliehen. Doch der Mann legte eine Hand auf meine Schulter und redete ganz ruhig auf mich ein. „Du musst keine Angst vor mir haben, Junge. Ich werde dir nichts tun. Ich möchte lediglich kurz mit dir sprechen. Danach kannst du sofort wieder verschwinden. Niemand wird dich aufhalten.“
Ich weiß nicht, woran es lag, doch ich fasste sofort Vertrauen in diesen Mann. Das entsprach in keinster Weise dem, was ich von Zanrelot gelernt hatte. Ich kann dieses Gefühl bis heute nicht erklären. Ich nickte dem Fremden nur kurz zu und folgte ihm in ein kleines Steinhäuschen, das sehr karg eingerichtet war. Es ähnelte meiner Kammer in der Unterwelt. Der einzige Unterschied war, dass der Raum durch zwei kleine Fenster mit Tageslicht ausreichend beleuchtet wurde. Ich fühlte mich sofort wohl dort. Der Fremde schien das zu bemerken und sah sehr zufrieden aus. Er deutete auf einen Stuhl, der an einem kleinen Holztisch stand. „Setz dich, Jonathan“, bot er mir an. Ich fand es unhöflich, abzulehnen, auch, wenn es wohl ein wenig dreist war, dass ich mich tatsächlich setzte. Kurz darauf nahm auch der fremde Mann Platz.

Er musterte mich, was ich als sehr unangenehm empfand. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, was dieser Herr von mir wollte. Ein wenig unsicher sah ich mich um, ob wir auch tatsächlich allein waren, oder doch gleich Schergen auftauchen würden, um mich abzuführen. Der Fremde sprach lange kein Wort, er schien nachzudenken. Ich wurde langsam unruhig und wollte gerade aufstehen, um zu gehen, als er sich endlich vorstellte.

„Mein Name ist Egidius. Ich bin ein Wächter.“ Ich erschrak sehr, als ich diese Worte vernahm. Egidius schien dies zu bemerken. Er hob beschwichtigend die Hände. „Keine Angst, ich habe gesagt, es wird dir keiner etwas tun und du wirst unbehelligt gehen dürfen. Und ich stehe zu meinem Wort.“ Wieder schaffte er es, mich zu beruhigen. Ich glaubte ihm. Ich hatte zwar gelernt, dass den Oberweltlern, vor allem den Wächter, nicht zu trauen ist, doch dieser Herr war anders. Er hatte es auf Anhieb geschafft, mein Vertrauen zu gewinnen. Und ich war sicher, dass er es nicht enttäuschen würde.

Nachdem ich mich wieder einigermaßen entspannt hatte, fuhr Egidius fort. „Jonathan, ich weiß, du lebst nun schon einige Jahre in der Unterwelt und arbeitest an der Seite deines Vaters. Sicher ist er sehr gut zu dir und versorgt dich mit allem, was du brauchst und willst. Er ist bestimmt ein guter Vater.“ Ich nickte. Auch, wenn ich nicht wusste, worauf der Wächter hinaus wollte, antwortete ich ihm. „Ja, Vater ist sehr gut zu mir. Es fehlt mir an nichts.“ Egidius nickte nachdenklich. „Es fehlt dir an nichts, sagst du. Hast du nicht ab und zu das Bedürfnis, einfach zu tun, was du willst, oder hier oben zu leben, wo es Luft und Sonne gibt?“, fragte er mich. Darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Ganz selbstverständlich hatte ich die letzten 13 Jahre in der Unterwelt verbracht und kaum einen Gedanken an das Leben an der Oberfläche verschwendet. Ich zuckte mit den Schultern. „Nein, ich habe mich an das düstere Licht und die ständige Kälte gewöhnt. Das macht mir schon lange nichts mehr aus“, antwortete ich deshalb.
Egidius runzelte die Stirn. „Und die Menschen fehlen dir auch nicht?“ Ich lachte kurz und schüttelte den Kopf. „Du liebe Güte, nein. Wenn ich Unterhaltung will, komme ich nach oben. Ansonsten haben wir da unten schön unsere Ruhe. Ich stelle es mir sehr anstrengend vor, ständig unter so vielen Menschen sein zu müssen.“

So unterhielten wir uns eine Weile und Egidius schien tatsächlich langsam zu begreifen, dass ich mich in der Unterwelt bei meinem Vater sehr wohl fühlte. Er stellte mir viele Fragen über mein Leben, vor allem über meine Kindheit. Doch er fragte nichts, was mich in Bedrängnis bringen würde. Nichts über Zanrelots Geheimnisse und auch nichts über die Magie. Das war mir sehr angenehm und es verstärkte den positiven Eindruck, den ich von Egidius hatte, noch mehr.

Nach einer knappen Stunde begannen wir, über meine ersten Tage und Wochen in der Unterwelt zu sprechen. Ich erzählte ihm von meiner geräumigen Kammer, davon, dass ich Vater bei Matreus‘ Erziehung helfen durfte und auch, wie sehr ich es genoss, endlich bei meinem Vater zu sein, wie stolz es mich machte, endlich jemanden zu haben, den ich Vater nennen konnte.

„Und was war der Grund dafür, dass du plötzlich bei ihm wohnen solltest?“, fragte mich Egidius plötzlich. Diese Frage machte mich ein wenig traurig. Viele Bilder meiner Mutter zogen in diesem Moment an mir vorbei, unzählige schöne, glückliche Augenblicke einer unbeschwerten Kindheit. Natürlich war das Leben in der kleinen Hütte außerhalb Lübecks recht schwer, doch Mutter hatte es immer geschafft, es mir angenehm zu machen. Wir hatten viel Spaß, das war ihr immer wichtig gewesen. Ich konnte auf Egidius‘ Frage erst nach einer kurzen Weile antworten. „Meine Mutter ist an einer mysteriösen Krankheit gestorben, also nahm Vater mich bei sich auf“, erklärte ich noch immer in Gedanken versunken.

Egidius nickte leicht. „Hat er dir das so erzählt?“ Ich blickte verwundert zu ihm hinüber. Was sollte das heißen? Noch bevor ich etwas erwidern konnte, fuhr Egidius fort. „Deine Mutter war Sarah Levy. Sie wurde schwanger von einem schwarzen Magier namens Zanrelot, der sie kurz darauf im Stich ließ. Er wollte sich wohl um wichtigere Dinge kümmern.“ Die Stimme des Wächters klang plötzlich sehr kalt. Ich konnte nicht fassen, wie er wagte, über meinen Vater zu sprechen und schüttelte energisch den Kopf. Doch wieder ließ mich Egidius nicht zu Wort kommen. „Bitte Jonathan, lass ich aussprechen. Du kannst hinterher gerne Stellung dazu beziehen.“ Hätte er sich nicht bereits mein Vertrauen und meine Gunst erarbeitet, wer weiß, was ich mit dem Wächter gemacht hätte. Doch so setzte ich mich tatsächlich wieder, um mir anzuhören, was er zu sagen hatte.

„Nachdem du geboren warst, hat Zanrelot viel versucht, um dich zu sich zu nehmen. Sicher hat dir deine Mutter niemals etwas davon erzählt. Sie hat jahrelang versucht, dich vor dem schwarzen Magier zu beschützen. Sie hat ihm jeglichen Umgang mit dir untersagt und ständig verhindert, dass ihr euch begegnet. Du hast dich als Kind sicher oft gefragt, warum sie dich so wenig allein lässt, oder warum sie dir nicht erlaubt, ohne Begleitung in die Stadt zu gehen. Sie hatte Angst, Zanrelot würde auf dich lauern, um dich mit sich zu nehmen. Er brauchte dringend einen Lehrling und wer wäre dafür geeigneter, als der eigene Sohn, in dessen Adern zanrelotisches Blut fließt? Glaube mir, Jonathan, deine Mutter war ständig in Sorge um dich.“

Egidius machte eine kurze Pause, um mich das Gesagte verarbeiten zu lassen. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Dieser Wächter erdreistete sich tatsächlich, meinen Vater schlechtzumachen. Den Einzigen, der für mich da war, als ich niemanden mehr hatte. Auch, wenn es wahr wäre, wenn er tatsächlich anfangs nur einen Lehrling gesucht hatte, dies war schon lange nicht mehr der Fall. Zanrelot liebte mich, wie ein Vater seinen Sohn liebt und er würde alles für mich tun, davon war ich überzeugt.

Egidius schien meine Gedanken zu lesen, als er fortfuhr. „Zanrelot kümmert sich nicht darum, was andere wollen oder wie es anderen geht. Es geht ihm um sein eigenes Wohl und er tut alles, um seine Pläne zu verwirklichen. Egal, was es kostet. Er will Rache nehmen an den Lübeckern und das schafft er nicht allein, also brauchte er dich. Als ihm nach etlichen Jahren klar wurde, dass Sarah niemals zustimmen würde, dich zu ihm zu geben, war seine Geduld am Ende. Du warst damals 12 Jahre alt, länger hätte er nicht mehr warten können. Damals konnte er dich noch gut für seine Zwecke manipulieren. Außerdem warst du im besten Alter, die Magie zu erlernen. Nur Sarah stand diesem Schritt im Weg. Keiner wusste damals, was sie hatte, keiner konnte ihr helfen. Doch heute wissen wir, dass es Zanrelot war, der sie ins Verderben gestürzt hat.“

Ich sprang von meinem Stuhl auf. „Nein, das ist nicht wahr!“, brüllte ich. „Vater würde so etwas niemals tun! Mein Vater hätte niemals...“ Egidius war ebenfalls aufgestanden. Er versuchte, mich zu beruhigen, indem er seine Hand auf meine Schulter legte. „Ruhig, Junge. Ich weiß, das Ganze ist ein großer Schock für dich. Aber es ist an der Zeit, dass du endlich die Wahrheit über ihn erfährst.“ Ich konnte es nicht glauben. Das durfte einfach nicht wahr sein. „Nein, das ist eine Lüge. Ihr lügt!“ Ich drehte mich von ihm weg, doch ich konnte nicht gehen. Was, wenn er doch Recht hatte? Wenn Vater tatsächlich etwas mit dem Tod meiner Mutter zu tun hatte? Egidius schien der Einzige zu sein, der bereit war, mit mir darüber zu sprechen. Würde ich jetzt gehen, so würde ich wohl niemals die Wahrheit herausfinden.

Schwer atmend stand ich mit geballten Fäusten mitten in dem kleinen Raum. Es fiel mir schwer, mich zu beherrschen, doch ich wollte die Wahrheit wissen. Sollte mein Vater tatsächlich etwas mit Mutters Tod zu tun haben, wäre mein gesamtes Leben eine Lüge. „Habt Ihr Beweise?“, fragte ich gequält. Dann hörte ich etwas knistern. Schließlich trat Egidius wieder vor mich und zeigte mir ein altes Stück Papier. „Ja, Junge. Das hier sollte als Beweis genügen. Diesen Zettel bekamen wir vor ein paar Jahren von der Halbschwester deiner Mutter. Sie fand ihn durch Zufall in einer kleinen Kiste wieder.“ Egidius begann, mir den Zettel vorzulesen.

Lübeck, 1559

Ich bitte denjenigen, der dieses Stück Papier findet, es meinem geliebten Sohn Jonathan Levy zu übergeben. Der beigelegte Brief enthält wichtige Informationen seinen Vater betreffend, die er unbedingt erhalten muss. Sollte mein Sohn Jonathan nicht aufzufinden sein, so bitte ich, beides an meinen Neffen Matreus zu übergeben. Sollte dies nicht geschehen, so gnade uns Gott.

Sarah Levy

„Anbei lag dieser Brief. Er war ursprünglich versiegelt, aber ich denke, du verstehst, warum wir ihn öffnen mussten. Wir hatten keine andere Wahl“, fügte Egidius an.

Ich nahm zitternd den Brief entgegen. Ich wusste nicht, was mich erwartete, doch ich ahnte das Schlimmste. Langsam begann ich, das Papier aufzufalten. Dann begann ich zu lesen.

„Mein geliebter Sohn,

ich habe mich entschlossen, dir diese Zeilen zu schreiben, da ich weiß, dass ich nicht mehr lange zu leben habe. Ich weiß nicht, wie alt du jetzt, wo du diesen Brief liest, bist, doch ich hoffe sehr, dass es noch nicht zu spät ist. Dein Vater, Zanrelot, hat in den vergangenen Jahren vieles versucht, um dich zu sich zu holen. Immer wieder habe ich das verhindert. Bitte verzeih mir, dass ich dir den Umgang mit ihm unmöglich gemacht habe, doch es war die einzige Möglichkeit, dich vor ihm zu schützen. Er ist böse, Jona, sehr böse. Er ist ein schwarzer Magier, der Lübeck in seine Gewalt bringen möchte. Er will den Tod seines Vaters rächen, koste es, was es wolle. Du, mein Sohn, könntest ihm dabei helfen. Das war von Anfang an sein Plan. Er nutzt die Menschen für seine Pläne aus und wenn sie nicht gehorchen, werden sie beseitigt. Ich habe mein Bestes gegeben, dich zu schützen, Jona. Doch jetzt ist es zu spät. Ich kann dir nicht mehr helfen, denn ich werde bald sterben. Das weiß ich seit seinem letzten Besuch. Ich bitte dich, mein geliebter Sohn, halte dich von ihm fern. Ich weiß nicht, was er dir bisher erzählt hat, aber glaube ihm nicht. Er wird dir wehtun und dich fallen lassen, sobald er dich nicht mehr braucht, sobald du nicht mehr nützlich bist. Solltest du bereits in seinem Einfluss stehen, so bitte ich dich, kehre ihm den Rücken und besinne dich darauf, was ich dich gelehrt habe. Für Zanrelot ist ein Menschenleben nichts Wert, nicht einmal das deiner Mutter.

Ich werde bald sterben, doch meine Seele wird erst Ruhe finden, wenn ich Gewissheit habe, dass er keinen Einfluss auf dich hat, dass er nicht über dich bestimmen kann. Die Welt ist in Gefahr, solange Zanrelot existiert. Du bist in Gefahr, solange er Macht über dich hat.

Ich werde die Ewigkeit damit verbringen, dich zu bewachen, mein Sohn.

In ewiger Liebe,
deine Mutter Sarah Levy“

Ich setzte mich bereits nach den ersten Worten. Diese Zeilen haben alles in mir zerstört, an was ich bis dahin geglaubt hatte. Mein Vater hatte meine Mutter ins Verderben gestürzt. Zanrelot war Schuld daran, dass ich von ihr wegmusste, dass mein recht sorgenfreies Leben mit ihr und Matreus zu Ende ging. Mit Tränen in den Augen ließ ich den Brief sinken. Niemals hatte ich so etwas für möglich gehalten. Mein Vater, dem ich all die Jahre blind vertraut hatte, zu dem ich aufsah, auf den ich unendlich stolz war, hatte mich auf eine gemeine, feige und hinterhältige Weise hintergangen.

Einen Moment lang saß ich traurig auf dem Stuhl. Eine unendliche Leere machte sich in mir breit und eisige Kälte stieg in mir auf. Die Trauer, die ich eben noch empfand, schlug jäh in reine Wut um. Ich sprang auf und wollte zur Tür eilen. Doch Egidius hielt mich auf. „Wo willst du hin, Junge?“, fragte er ruhig. „Ich werde mit meinem Vater sprechen“, presste ich zwischen meinen Zähnen hervor. Egidius schüttelte den Kopf. „Das würde nicht viel bringen, fürchte ich. Zanrelot würde es leugnen. Und wer weiß, was er mit dir anstellt, jetzt, wo du die Wahrheit kennst.“ Egidius hatte recht. Zanrelot würde niemals offen vor mir zugeben, welchen Anteil er am Unglück meiner Mutter hatte.

Ich war enttäuscht, wütend und tief verletzt. Ich wusste nicht, wo ich nun hin sollte, was ich tun sollte. Es war bereits spät abends. Matreus war sicher schon schlafen gegangen und Vater hielt sich in den Nachtstunden meist in den hinteren Winkeln der Unterwelt oder in seiner Kammer auf. Entschlossen begann ich, zu nicken. „Ich werde ihm einen Brief schreiben. Ich werde gehen und zwar für immer. Lübeck wird mich niemals wiedersehen!“ Egidius nickte mir zu. „Ja, sieh zu, dass du da rauskommst, Junge. Und wenn du mich irgendwann mal brauchen solltest, weißt du ja, wo du mich findest.“ Ohne weitere Worte drehte ich mich in die Unterwelt.

Ich betrat Matreus Kammer gegen 3 Uhr nachts. Er schlief tief und fest. Meinen Brief befestigte ich an der Uhr auf seinem Nachttisch. An der Tür drehte ich mich noch einmal um. Es tat mir weh, ihn zurückzulassen. Doch ich wusste, dass er es niemals verstehen würde. Er war Zanrelot dermaßen treu ergeben, dass selbst die schlimmste Nachricht daran nichts ändern würde. Jahrelang hatte er Prügel und Erniedrigungen widerspruchslos über sich ergehen lassen. Zanrelot hatte ihn zum perfekten Diener geformt. Matreus würde es niemals wagen, ihm den Rücken zu kehren. Sei es aus Furcht vor dessen Rache, oder aus tiefer Loyalität, nichts könnte ihn davon überzeugen, Zanrelot zu verlassen. So schloss ich die Tür zu seiner Kammer lautlos und begab mich in die Zentrale.

Wie erwartet war mein Vater nicht dort. Ich legte schnell meinen Brief auf den Tisch, sah mich nochmal kurz um und drehte mich schließlich nach oben. Niemals würde ich dorthin zurückkehren. Das hatte ich mir geschworen.

Ich nahm das erstbeste Schiff und fuhr los. Weit und immer weiter führte mich meine Reise. Es war mir egal, wohin das Schiff fuhr. Ich wollte nur weg. Weg von Lübeck, weg von den Wächtern und vor allem weg von meinem Vater, der mir so grausam das Herz gebrochen hatte.

Erst viele, viele Jahre später machten mich die Wächter ausfindig und baten mich darum, ihnen im Kampf gegen Zanrelot zu helfen. Ich zögerte lange, ehe ich zusagte. Erst, als sie mir versicherten, ich müsse ihm nicht unter die Augen treten, erklärte ich mich bereit. Seither versuchte ich vieles, um meinen Vater daran zu hindern, Lübeck zu erobern. Ja, ich gebe zu, ich habe auch versucht, etwas zu finden, womit er endgültig vernichtet werden kann, doch das ist mir nie gelungen.

Jetzt im Nachhinein bin ich froh darüber. Ich heiße noch immer nicht gut, was mein Vater getan hat und ich werde es ihm auch niemals verzeihen können. Doch ich hasse ihn nicht mehr dafür. Hass ist ein großes Wort und es gehört viel dazu, abgrundtief zu hassen. Ich habe irgendwann beschlossen, dass er es nicht wert ist, gehasst zu werden. Und dennoch werde ich die Erinnerung an ihn nicht los, genauso wenig wie einige Verhaltensweisen, die ich mir bei ihm angewöhnt habe. Ich kann vieles versuchen zu ändern, doch die Jahre bei ihm sind an mir nicht spurlos vorübergegangen. Er hat mich geprägt und geformt. Und es ist häufig schwer zu verleugnen, wessen Blut ich in mir trage. Denn das eine werde ich immer bleiben: der Sohn Zanrelots, des Herrschers der Finsternis.