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Am Wendepunkt

von Hope0908
GeschichteAllgemein / P12
Jona Matreus Zanrelot
11.01.2010
11.01.2010
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Wie viele Jahre hatte ich auf diesen Moment gewartet! Und nun endlich war es soweit. Nachdem ich ein wenig nachgeholfen hatte, war es mir nach all den Jahren endlich möglich, meinen Sohn Jonathan zu mir zu holen. Er war anfangs sehr traurig über den Verlust seiner geliebten Mutter, doch durch mein rücksichts-, verständnisvolles und zuvorkommendes Verhalten gewann ich ihn innerhalb weniger Stunden völlig für mich.

Ich gestatte ihm sogar, Matreus, den Sohn meiner Schwester, mitzunehmen, da er sehr an ihm zu hängen schien. Für mich war Matreus nur eine Plage, ein nichtsnutziger, verzogener, verweichlichter und vorlauter Bengel. Eben der Sohn seiner Mutter. Meine Schwester war schon immer viel zu weich gewesen und dieser Junge war nun das Ergebnis. Mir war von vornherein klar, dass der Bursche mir viel Ärger bereiten würde und er eine harte und strenge Hand brauchte, die ihm konsequent die Richtung zeigte. Schon als ich die beiden Jungen abholte, hatte ich versucht, klarzustellen, dass er sich vor mir hüten sollte. Doch ich war nicht überzeugt davon, dass er es verstanden hatte.

Jonathan hingegen war ein prächtiger Bursche, ein ordentlicher, gehorsamer und aufgeweckter Junge, der unter meiner Führung zu einem perfekten jungen Mann reifen würde. Davon war ich überzeugt.

Ich führte meinen Sohn durch die Unterwelt und zeigte ihm alle wichtigen Räume. Er war sehr interessiert, obgleich er äußerst müde sein musste. Immer wieder sah er mich an. Jedes Mal erwiderte ich seinen Blick lächelnd. Ich war unendlich stolz darauf, ihn endlich bei mir zu haben. Mit ihm gemeinsam würde mir nichts mehr unmöglich sein.

Nach einer Weile geleitete ich Jonathan in seine Kammer. Ich hatte sie extra für ihn hergerichtet, ein Bett, einen Stuhl und einen Tisch aufgestellt, sowie einen Kleiderschrank. An der Wand hing ein Regal, indem ich bereits die ersten Bücher aufgereiht hatte. Mein Sohn war dermaßen erschöpft, dass er sich nur mit Mühe umkleiden konnte, ehe er in sein Bett fiel und einschlief. Es war kühl und so deckte ich ihn zu.

Anschließend zeigte ich Matreus seine Kammer, die direkt neben der meines Sohnes lag. Eigentlich viel zu groß für so einen missratenen Bengel wie ihn und mehr als ausreichend eingerichtet. Doch es war Jonathan sicher wichtig, dass auch Matreus sich wohlfühlte und so gestand ich ihm diesen Luxus zu. Der undankbare Bursche verlor kein Wort des Dankes dafür. Bereits zu diesem Zeitpunkt machte ich mir intensive Gedanken über seine weitere Erziehung.

Ich verließ Matreus‘ Kammer ohne weitere Worte und begab mich in meine Zentrale. Dort überlegte ich, was ich mit dem Knaben anfangen sollte. Dass Jona demnächst Magie bekam und ich alsbald mit seinem Unterricht beginnen würde, stand fest. Doch was sollte aus Matreus werden? Ich hatte nicht vor, ihn durchzufüttern, während er sich auf die faule Haut legte. Mein Blick fiel auf das Stadtmodell. Ich seufzte, als ich die Staubschicht darauf begutachtete. Nachdenklich begann ich, langsam zu nicken. Ja, das war in der Tat eine sehr gute Idee. Plötzlich war mir klar, was aus Matreus werden sollte. Bisher hatte ich die Unterwelt für mich allein, was auch mit sich brachte, dass ich alle anfallenden Aufgaben selbst erledigen musste. Wie praktisch wäre es wohl, einen Diener zu haben, der dies alles für mich erledigte. Genau das würde Matreus‘ Aufgabe werden. Er würde mir dienen. Ich würde ihn zu einem gefügigen, gehorsamen Diener machen. Damit würde er sich ab sofort seinen Aufenthalt bei mir verdienen. Zufrieden lehnte ich mich zurück und begann, in meiner Glaskugel das Treiben in Lübeck zu beobachten.

Ich war völlig vertieft in meine Glaskugel, als mich plötzlich jemand ansprach. Ich sah auf und erblickte Matreus. Sofort wurde ich wütend. Der Bengel erdreistete sich nicht nur, meine Plattform zu betreten, er wagte es auch noch, mich anzusprechen, ohne dass ich ihm das Wort erteilt hatte. Sofort verpasste ich ihm für diese Unverfrorenheit eine Ohrfeige. „Was bildest du dir ein?“, zischte ich ihm zu. „Du hast hier auf der Plattform nichts zu suchen!“, erklärte ich ihm. Ich hatte bereits einen anderen Ort für ihn ausgewählt, der seiner Stellung weitaus mehr entsprach. Ich packte seinen Arm und zog ihn von der Plattform herunter, direkt an deren Kante. „Hier ist dein Platz, wenn du in der Zentrale bist. Hier und nirgendwo anders!“, machte ich ihm deutlich. Schließlich fragte ich ihn, ob ich mich klar genug ausgedrückt hätte. Wenigstens antwortete er respektvoll, jedoch nannte er mich ‚Oheim‘. Niemals würde ich für ihn so etwas wie ein Oheim sein, das machte ich ihm sofort klar. Ich verpasste ihm für die falsche Anrede einen Schlag in den Nacken und erklärte ihm: „Ich bin nicht dein Oheim. Und ich werde dich auch nie als meinen Neffen anerkennen. Du wirst mich Meister nennen und ich werde für dich auch nichts anderes sein als dein Meister. Und du bist mein Diener und wirst dir deine Unterkunft hier verdienen. Du wirst hier keine Privilegien haben und brauchst auch auf keine zu hoffen.“ Ich nahm an, meine Worte waren deutlich genug. Und falls nicht, würde ich diesem Burschen schon noch den nötigen Respekt und Gehorsam beibringen. Ich beruhigte mich etwas, als ich sah, dass Matreus anscheinend tatsächlich verstand.

Es war schon später Vormittag und Jonathan hatte sich noch immer nicht blicken lassen. Scheinbar schlief er noch immer. Ich wies Matreus an, ihn zu wecken und sich beeilen. Mit Nachdruck betonte ich, wie sehr es mir missfiel, warten zu müssen. Der Junge erwiderte ein kurzes „Ja Meister“ und machte sich sogleich eilig auf den Weg. Meine Worte schienen Wirkung zu zeigen. Zufrieden blickte ich ihm nach.

Ich musste lange warten, ehe er und Jonathan gemeinsam die Zentrale betraten. Matreus hatte vor einigen Minuten noch den Anschein gemacht, als wolle er gehorsam sein und hätte meine Worte verstanden. Doch die lange Wartezeit verärgerte mich sehr. Es schien, als wolle der Bursche mir auf der Nase herumtanzen. Als ich ihn eintreten sah, warf ich ihm einen Blick zu, der deutlich verraten sollte, was ich von seinem Verhalten hielt. Der Junge trat an den Platz, den ich ihm zugewiesen hatte. Dies befriedigte mich ein wenig. Scheinbar hatte doch etwas verstanden, oder vermied es immerhin, mich weiter zu reizen.

Jonathan kam auf mich zu und fragte mich verwundert, warum Matreus die Plattform nicht betreten durfte. Ich erklärte ihm alles genau und machte ihm klar, dass er mir bei der Erziehung des Jungen helfen musste. Jonathan bekam die Aufgabe, mir jeden Fehltritt meines Dieners zu berichten, damit ich ihn dafür zur Rechenschaft ziehen konnte. Ich konnte Matreus schließlich nur konsequent und nachhaltig disziplinieren, wenn ich wirklich jeden Fehler kannte und ihm rein gar nichts durchgehen ließe. Würde er einen schwachen Punkt meinerseits erkennen, würde er das sicher gleich ausnutzen und gegen mich verwenden. Ein Diener hatte zu gehorchen, Respekt zu zeigen, nicht zu widersprechen und auch nicht zu lügen. Und genau das würde ich ihm beibringen. Jonathan sicherte mir seine Unterstützung bei der Erziehung des Jungen zu. Dies machte mich sehr stolz. Ich wusste, ich konnte ich mich auf meinen Sohn verlassen.

Nun wandte ich mich Matreus zu. Ich trat sehr nahe zu ihm. Jonathan musste nicht mitbekommen, was gesprochen wurde und es war auch Matreus gegenüber eindrucksvoller. Der Junge zitterte vor Furcht und ich muss sagen, das befriedigte mich sehr. Dass er mich fürchtete, war ein erster Schritt in die richtige Richtung. Und seine Angst war berechtigt. Wieder wählte er die falsche Anrede, dabei hatte ich ihm vor einigen Minuten erst erklärt, dass er mich Meister zu nennen hatte. Ich versetzte ihm eine Ohrfeige und ließ ihn seine Worte wiederholen. Diesmal machte er es richtig. Für den Moment war ich zufrieden. Doch mir wurde wieder bewusst, wie viel Arbeit mir dieser Bengel noch bereiten würde.

Tags darauf verteilte ich die Aufgaben unter den Jungen. Matreus bekam die Küche zugeteilt sowie diverse weitere Arbeiten im Haushalt. Er hatte anfangs in erster Linie dafür zu sorgen, dass alles soweit sauber war. Weitere Aufgaben würden mit der Zeit folgen. Mit Jonathan hatte ich Großes vor. Ich begann, ihn in der Magie auszubilden, nachdem ich ihm einen Teil von meiner Zauberkraft übertragen hatte. Er war sehr gelehrig. Es erfüllte mich mit großem Stolz, einen dermaßen begabten Sohn zu haben. In kürzester Zeit konnte er die einfacheren Zauber ausführen. Er musste dafür nicht einmal viel üben.

Matreus dagegen bereitete mir sehr viel Ärger. Er machte viele Fehler bei seinen Arbeiten. Immer wieder kam es vor, dass er Geschirr zerbrach oder etwas anderes nicht ordnungsgemäß erledigte. Jonathan machte seine Sache sehr gut und meldete mir jeden Regelverstoß. Nachdem ich Matreus die Regeln genau erklärt und einige Tage später ordentlich eingebläut hatte, bemühte er sich scheinbar mehr. Doch es kam immer noch viel zu oft zu Verstößen. Ich hatte mir für die Erziehung dieses Nichtsnutzes einen Rohrstock zugelegt, den ich sehr häufig und absolut konsequent nutzte. Der Junge wusste, dass ihn für jeden Regelverstoß fünf Hiebe erwarteten. Doch immer wieder legte er es darauf an. Häufig hatte ich den Eindruck, er wolle meine Konsequenz austesten und die Grenzen ausloten. Anfangs bettelte und flehte er noch jedes Mal, ich solle ihn nicht schlagen. Dabei wusste er genau, dass er sich diese Worte eigentlich sparen könnte. Nicht selten führte dies auch dazu, dass er noch fünf Hiebe wegen Ungehorsam oder Widerspruch dazubekam. Ich konnte so ein Verhalten nicht dulden. Auch Matreus begriff dies recht bald. Dennoch trieb er mich mit seinem Verhalten oft zur Weißglut und ich musste mich sehr beherrschen, um bei der Bestrafung nicht die Beherrschung zu verlieren und richtig auf ihn einzuprügeln. Denn trotz allem war er noch immer ein Kind von 10 Jahren.

Eines Tages betrat Jonathan eiligen Schrittes die Zentrale. Er schien verärgert zu sein. Noch ehe ich ihm das Wort erteilen konnte, sprudelte es aus ihm heraus. Matreus war ihm gegenüber respektlos geworden. Ich wurde sehr zornig auf meinen Diener, hatte ich ihm doch erst am Vortag eine Lektion in Sachen Respekt erteilt. Der Junge legte es förmlich darauf an, wieder fünf Hiebe mit dem Rohrstock zu erhalten. Lautstark rief ich ihn herbei. Dann wandte ich mich an Jonathan, der seine Aufgabe wieder einmal hervorragend erfüllt hatte. Ich lobte ihn dafür und schickte ihn schließlich hinaus. Bestrafungen waren eine Sache zwischen Matreus und mir, dabei musste niemand zusehen. Es reichte schon, dass der Junge die halbe Unterwelt dabei zusammenbrüllte. Der verweichlichte Bursche schaffte es einfach nicht, seine verdiente Strafe ohne Schreie und Tränen einzustecken. Auch das würde ich ihm noch abgewöhnen.

Als Matreus eintrat und sich zur Plattform begab, zitterte er bereits ängstlich. Darüber konnte ich nur den Kopf schütteln. Hätte er sich an die Regeln gehalten, erwartete ihn nun auch keine Strafe. Ich kannte kein Mitleid. Kaum hatte Jonathan den Raum verlassen, wies ich Matreus zum Tisch. Er beugte sich darüber und zog seine Hose herunter, wie ich es ihm beigebracht hatte. Die Striemen vom Vortag waren noch nicht verheilt, das fiel mir sofort auf. Doch der Junge hatte Respekt und Gehorsam zu lernen. Da spielte es keine Rolle, wie viele Striemen er hatte. Umso mehr würde er sich vielleicht merken, dass er einen Fehler gemacht hatte und sich beim nächsten Mal seine Worte genauer überlegen. Ich vollzog die fünf Hiebe erbarmungslos. Matreus hatte keine Gnade zu erwarten. Nach dem fünften Hieb legte ich den Rohrstock weg und entließ ihn, nachdem er mir versichert hatte, er würde sich nun mehr um Respekt bemühen.

Matreus‘ Erziehung und Ausbildung zu einem halbwegs brauchbaren Diener, kostete mich noch viel Arbeit und vor allem Ärger. Doch in meinem Sohn, Jonathan, hatte ich einen würdigen und vernünftigen Helfer dafür gefunden.
 
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