Am Wendepunkt

von Hope0908
GeschichteAllgemein / P12
Jona Matreus Zanrelot
11.01.2010
11.01.2010
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Die Unterwelt war riesig. Zanrelot, mein Onkel, lief mit uns die Gänge entlang, Jona neben ihm, ich ein paar Schritte dahinter. Ich konnte sehen, wie Jona seinen endlich gefundenen Vater immer wieder ansah und dieser freundlich zurückblickte. Wir waren erst vor ein paar Stunden angekommen, aber trotzdem hatte ich schon jetzt Angst. Angst vor Zanrelot und vor dem, was mich hier unten erwartete. Die Unterwelt war zwar groß, aber es gab kein entrinnen. Ich konnte nirgendwo anders hin. Und ich wollte auch gar nicht, zumindest nicht ohne Jona. Ich bekam eine recht geräumige Kammer zugeteilt. Etwas kleiner als die von Jona, aber sie hatte alles, was ich brauchte. Und im Gegensatz zu der kleinen Hütte, in der wir mit Sarah gewohnt hatten war die Kammer Luxus.

Ich wachte früh auf. Alpträume in denen Jonas Vater einen nicht geringen Anteil hatte, ließen mich nicht schlafen, obwohl ich eigentlich todmüde war. Ich zog mich an und ging in den Flur, um mir die bewohnten Räume der Unterwelt noch mal genau anzusehen. Irgendwann kam ich in die Zentrale. Der Magier stand auf der Plattform und sah in eine Glaskugel. Interessiert trat ich näher und stellte mich neben ihn. „Ist das eine Glaskugel, womit man in die Zukunft schauen kann?“ fragte ich mit meiner kindlichen Art ganz ungeniert.
Ich wusste gar nicht wie mir geschah, aber nur eine Sekunde später hatte er mir eine Ohrfeige verpasst.
„Was bildest du dir ein?“ raunzte er mich böse an. Seine Augen waren furchtbar kalt und ich bekam sofort große Angst. „Du hast hier nichts zu suchen hier auf der Plattform!“ Er nahm mich am Arm und zog mich grob mit sich. Ich stolperte von der Plattform und er bugsierte mich an eine Stelle direkt davor. „Hier ist dein Platz, wenn du in der Zentrale bist. Hier und nirgendwo anders! Habe ich mich klar ausgedrückt.“

Ich war so erschrocken über diesen Wutausbruch, dass ich alles mit mir machen ließ. Ich konnte nicht verstehen, was ich meinem Onkel getan hatte, dass er so böse auf mich war, aber anscheinend hätte ich wohl nicht die Plattform betreten dürfen. „Bitte verzeiht, Oheim“  sagte ich und bekam dafür einen Schlag in den Nacken.
„Ich bin nicht dein Oheim. Und ich werde dich auch nie als meinen Neffen anerkennen. Du wirst mich Meister nennen und ich werde für dich auch nichts anderes sein als dein Meister. Und Du bist mein Diener und wirst dir deine Unterkunft hier verdienen. Du wirst hier keine Privilegien haben und brauchst auch auf keine zu hoffen.“ Er atmete tief durch und schien sich etwas zu beruhigen. „Und nun wecke Jona. Und beeile dich! Es missfällt mir warten zu müssen.“
„Ja, Meister“ antwortete ich und eilte davon. Ich war froh von meinem Oheim, nein, meinem Meister, fort zu kommen. Er machte mir Angst.

Ich rannte zu Jonas Kammer und weckte ihn. Er brauchte eine ganze Weile um sich anzukleiden und ich wurde langsam nervös und bat ihn sich zu beeilen. Doch er verstand gar nicht, warum ich ihn drängte. Woher auch. Er wusste ja nicht, dass der Meister mich angetrieben hatte, mich zu beeilen.  Es zog sich eine braune Hose und ein weißes Hemd an und betrachtete sich im Spiegel, während ich immer nervöser wurde. Schließlich kam Joan mit und ich eilte zur Zentrale.

Als wir endlich die Zentrale betraten blickte der Meister mir verärgert entgegen. Ich stellte mich an die Stelle, die er mir vorhin gezeigt hatte. Und zumindest damit konnte ich ihn ein bisschen zufrieden stellen. Er nickte mir kurz zu und wandte sich dann an Jona, der ihn gefragt hatte, warum ich denn vor der Plattform stehen bleib. Traurig hörte ich zu, wie Zanrelot es seinem Sohn erklärte. Ich würde ihnen beiden dienen und nicht mit ihnen auf einer Stufe stehen. Daher wäre mein Platz dort unten. Ich ließ den Kopf hängen. Natürlich war mir das alles klar, aber es so zusammengefasst zu hören tat weh. Besonders als er fortfuhr und Jona erklärte, dass er ihm bei meiner Erziehung helfen sollte, wurde mir Angst und Bange. Was genau sollte das heißen? Und was verstand mein Oheim unter Erziehung? Er hatte mich vorhin grob herumgeschubst und angebrüllt. Sollte das seine Art von Erziehung sein? Und Jona wurde nun aufgetragen zu petzen, wenn ich etwas falsch machte. Ich war sehr traurig. Das würde bedeuten, dass ich Jona nichts mehr anvertrauen könnte. Dass ich niemanden haben würde, der meinen Kummer und meine Freude teilte. Ich sah kurz vorsichtig hoch und bemerkte Jonas stolzen Blick. Er würde alles tun, um seinen Vater zufrieden zu stellen. Und bei meiner Erziehung zu helfen.

Einen Moment später trat Zanrelot zu mir und flüsterte in mein Ohr. „Habe ich dir nicht gesagt, du sollst dich beeilen? Und habe ich dir nicht gesagt, dass ich ungern warte?“ ich begann vor Angst zu zittern, als er so nahe bei mir stand. Natürlich wusste ich,  was er gesagt hatte. Ich hatte noch ganz genau jedes Wort im Kopf.
Ich schluckte und flüsterte dann ebenfalls ganz leise. „Bitte verzeiht. Oheim.“
Sofort bekam ich eine Ohrfeige, dann flüsterte er weiter, aber so laut, dass auch Jona jedes Wort mitbekommen haben musste. Es war mir sehr peinlich vor Jona geschlagen zu werden.
„Bengel! Vor nicht mal einer Stunde habe ich dir erklärt, wie du mich zu nennen hast! Wiederhole deine Worte!“ Leise wiederholte ich. „Bitte verzeiht, Meister“ Anscheinend schien ihn diese Antwort halbwegs zu befriedigen. „Nun merke dir das endlich, Nichtsnutz!“,


Am nächsten Tag bekam ich meine ersten Aufgaben zugeteilt. Die Küche war meine Aufgabe. Angeblich war es keine Aufgabe für den zukünftigen Herrscher der Finsternis. So kümmerte ich mich alleine um den Abwasch und das Aufräumen, während Jona die Küche verließ. Jona schien sich schnell einzugewöhnen und erfüllte seine Aufgabe, seinem Vater bei meiner Erziehung zu helfen, voller Stolz. Ich hatte jedes Mal große Angst, wenn der Meister mich in die Zentrale rief. Meist war mir kurz zuvor etwas zu Bruch gegangen und Jona war dabei gewesen. Ich wusste, dass er es petzte, doch ich wusste auch, dass er nur seinem Vater gehorchte. So wie ich die Küche aufräumen musste, musste er meine Fehler berichten. Genau genommen wusste ich, dass ihn keine Schuld traf, aber manchmal war ich doch böse auf ihn, dass er nicht das eine oder andere einfach für sich behielt. Nach nur einer Woche hatte ich herausgefunden, wie der Meister mich erziehen wollte. Er hatte sich einen Rohrstock besorgt. Nie hatte ich gedacht, dass diese Stöcke, die ich früher ab und an selbst von einem Baum gepflückt hatte, mir nun zum Verhängnis werden sollten. Es wurden strenge Regeln aufgestellt, an die ich mich zu halten hatte. Und für jeden kleinsten Verstoß gab es 5 Hiebe. Die ersten Male flehte und bettelte ich noch, doch den Meister beeindruckte das nicht. Ich brüllte bei den Bestrafungen die ganze Unterwelt zusammen, doch Jona verlor nie ein Wort darüber.  Er hingegen wurde nie bestraft. Er schien immer alles richtig zu machen.

Nach nur ein Paar Wochen beschenkte der Meister ihn mit Magie und Jona war sehr stolz darauf. Ich hatte inzwischen bemerkt, dass wir längst keine richtigen Brüder waren, und trotzdem war er mein einziger Vertrauter hier unten und ich liebe ihn brüderlich.

Wir waren grade mal acht Wochen in der Unterwelt, als mir das erste Mal klar wurde, dass ich für Jona zu einem Diener geworden war. Er wollte mir einen Zauber vorführen, aber ich war sehr in Eile und hatte noch viele Aufgaben zu erledigen. Ich bat ihn sich zu beeilen, wenn er ihn mir unbedingt zeigen wollte. Schon als ich seinen Gesichtsausdruck sah, erkannte ich, dass ich die Worte falsch gewählt hatte. Er drehte sich um und ging schnurstracks zu seinem Vater. Ich rief ihn noch hinterher, doch er hörte nicht. Ich seufzte und machte mich ebenfalls auf den Weg. Es konnte nur Sekunden dauern, bis der Meister mich rufen würde. Und tatsächlich, schon hallte mein Name durch die Unterwelt.

Ich hatte mich grade zitternd und mit eingezogenem Kopf an meinen Platz gestellt, als Jona die Zentrale verließ. Der Meister hatte bereits den Rohrstock in der Hand. Auf sein Zeichen hin ging ich hinüber zum Tisch, zog die Hosen herunter und lehnte mich hinauf. Ich hatte in den letzten Wochen so oft Prügel bekommen, dass es keine Erklärung mehr bedurfte.
Die Striemen an meinem Hintern waren noch nicht verheilt. Grade gestern erst hatte ich Prügel bekommen. Doch das war dem Meister egal. Sobald ich auf dem Tisch lag nahm er Maß und schlug zu. Ich brüllte vor Schmerz, als der Rohrstock die alten Striemen wieder aufriss. Ich weinte bitterlich, als der Meister den Rohrstock vor mich legte. Und ich war froh, als er mich kurz darauf gehen ließ.

Doch anscheinend blieb mir an diesem Tag wirklich nichts erspart. Ich wollte mich gleich nach dem Abendessen an den Abwasch machen, da sagte Jona mir, dass er einen neuen Zauber gelernt hatte. Einen Moment blieb mir das Herz stehen. Eigentlich musste ich mich dringend an die Arbeit machen, doch der Schmerz an meinem Hinterteil erinnerte mich ganz klar daran, was für Konsequenzen meine geringe Freude darüber das letzte Mal gebracht hatten. Ich sah mich in der Küche um. Wenn ich mich nicht gleich daran machte, würde ich den Zeitplan wieder nicht schaffen. Doch dann sah ich Jona an und wusste, dass es ein Test war. Ich seufzte, sagte ihm, dass ich das toll für ihn fände und bat ihn, ihn mir zu zeigen. Ich musste mich sehr zusammenreißen, als ich sein zufriedenes Lächeln sah. Anscheinend war er sehr Stolz auf sich. Ich aber war sehr traurig. Mein einzige Vertrauter hier unten war es nicht mehr. Er war zum Henkersknecht geworden. Und ich war nur noch der Diener.