Am Wendepunkt

von Hope0908
GeschichteAllgemein / P12
Jona Matreus Zanrelot
11.01.2010
11.01.2010
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Die Unterwelt war riesig. Ich lief die Gänge entlang und sah mich staunend um. Immer wieder sah ich zu ihm auf. Jedes Mal erwiderte er meinen Blick freundlich. Er ging neben mir, zeigte und erklärte mir alles. Erst vor ein paar Stunden waren wir angekommen, doch ich fühlte mich sofort wohl. Ich bekam ein geräumiges Zimmer, das zwar nur spärlich, jedoch ausreichend eingerichtet war. Müde von den Strapazen der vergangen Tage fiel ich sofort ins Bett und er ließ mich schlafen.

Es war Matreus, der mich am nächsten Morgen weckte. Er sagte, mein Vater wolle mich in der Zentrale sprechen. Ich rieb mir verschlafen den Sand aus den Augen, stand langsam auf und zog mich in aller Seelenruhe an. Matreus schien ein wenig nervös zu sein. „Jona, bitte beeil dich. Er wartet doch“, drängelte er mich. Ich verstand gar nicht, warum er es so eilig hatte. „Ja ja“, sagte ich deshalb nur, während ich meine Schuhe anzog. Ich begutachtete mich im Spiegel und befand, dass ich sehr gut gekleidet war. Ich hatte mir meine braune Stoffhose angezogen, die Mutter für mich genäht hatte und dazu das weiße Leinenhemd, das wir von einer reichen Witwe geschenkt bekommen hatten. Stolz lächelte ich Matreus an. „Na, wie sehe ich aus? Ich denke, das wird Vater gefallen.“

Matreus trat unruhig auf der Stelle. Er schien wirklich sehr nervös zu sein und mit jeder Minute, die verging, verstärkte sich dieser Eindruck. Er erwiderte nur kurz „Ja, du siehst toll aus. Lass uns endlich gehen.“ Ich hatte keine Ahnung, warum er es so eilig hatte. Dass Vater bereits ungeduldig auf uns wartete und ihm aufgetragen hatte, so schnell wie möglich wiederzukommen, erfuhr ich erst, als wir in die Zentrale eintraten.

Vater stand auf der Plattform und sah leicht verärgert aus. Doch dieser Blick galt nicht mir, sondern Matreus. Ich ging hinauf zu ihm und stellte mich ihm gegenüber. Überrascht stellte ich fest, dass Matreus am Rand der Plattform stehen blieb. Vater nickte ihm kurz zu. Er schien sehr zufrieden darüber zu sein. Ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte, schließlich war Matreus doch so etwas wie mein Bruder. „Vater, warum steht Matreus da unten? Hat das einen besonderen Grund?“, fragte ich nach. Mein Vater sah mich stirnrunzelnd an. Ich dachte schon, ich hätte etwas falsch gemacht, doch dann legte er seine Hand auf meine Schulter und erklärte mir alles genau. „Ich bin der Herrscher der Finsternis. Das hier ist mein Reich. Du, Jonathan, bist mein Sohn und damit sozusagen meine rechte Hand. Dennoch wirst du mir gehorchen. Ich bin dein Vater und dulde keinen Ungehorsam.“ Vater legte eine kurze Pause ein, um seine Worte auf mich wirken zu lassen, während er mir fest in die Augen sah. Ich nickte nur. Selbstverständlich würde ich ihm gehorchen, er war schließlich mein Vater. Er hatte mich aufgenommen und schenkte mir ein Zuhause. „Und Matreus ist...“, fuhr er fort, „...nun, Matreus wird uns beiden dienen. In erster Linie mir, das ist klar. Matreus ist nicht mein Sohn. Er hat keine Privilegien zu erwarten. Er wird sich seinen Aufenthalt hier erarbeiten müssen. Und da er zu dienen hat, ist sein Platz auch nicht hier oben bei mir, sondern dort unten.“ Ich sah kurz zu meinem Cousin hinüber. Er hatte den Blick gesenkt, doch ich erkannte trotzdem, wie traurig er war. Es schien ihn sehr zu verletzen, dass er nun ein Diener sein sollte. Doch Vater hatte es so beschlossen und so würden wir uns beide daran halten müssen.

Mein Vater muss meine Gedanken gelesen haben, denn er legte nun seinen Arm um meine Schulter und drehte mich von Matreus weg. „Du mein Sohn, wirst die Aufgabe haben, mich bei Matreus‘ Erziehung zu unterstützen. Du bist der Ältere von euch beiden und somit sicher auch der Vernünftigere. Matreus kann nur ein anständiger, rechtschaffener Mensch werden, wenn wir beide zusammenarbeiten. Das bedeutet, wenn Matreus Fehler macht bei seiner Arbeit, etwas zu verschweigen oder zu verleugnen versucht, erwarte ich von dir einen Bericht darüber. Ich möchte, dass du mir jeden Regelverstoß seinerseits unverzüglich meldest, damit ich ihn dafür zur Rechenschaft ziehen kann. Hilf mir, einen guten Diener aus ihm zu machen, mein Sohn.“ Ich hörte diese Worte mit gemischten Gefühlen. Ich konnte mir nicht vorstellen, was genau mein Vater damit meinte, wenn er sagte, er würde Matreus dafür zur Rechenschaft ziehen. Doch es erfüllte mich mit großem Stolz, dass ich ihm bei der Erziehung meines Cousins helfen sollte. Er hielt mich wohl für erwachsen genug, diese Verantwortung zu übernehmen und das ehrte mich sehr. Voller Stolz lächelte ich ihn an und versicherte: „Ja Vater, ich helfe dir gerne dabei. Ich werde dir alles melden, was mir auffällt.“ Vater nickte mir nochmals kurz zu, dann nahm er seinen Arm weg und drehte sich zu Matreus um.

Matreus stand noch immer mit gesenktem Kopf da. Ich konnte nicht erahnen, was in diesem Moment in ihm vorging. Vater trat zu ihm und schien ihm etwas zuzuflüstern. Ich verstand kein Wort. Ich sah nur, wie Matreus nickte. Auch er flüsterte ganz leise. Es schien mir, als würde er zittern. Doch das konnte nicht sein. Wieso sollte er frösteln, er war warm genug angezogen. Dass er große Angst vor dem Herrscher der Finsternis hatte und sein Zittern daher rührte, begriff ich erst im nächsten Moment. Vater verpasste ihm eine Ohrfeige und sprach nochmals leise auf ihn ein. Doch diesmal verstand ich, was er sagte: „Bengel! Vor nicht mal einer Stunde habe ich dir erklärt, wie du mich zu nennen hast! Wiederhole deine Worte!“ Vater klang völlig anders als noch vor wenigen Minuten, als er mit mir sprach. Er hatte mir ja erklärt, dass Matreus nun sein Diener war und anscheinend war das der Ton, in dem man mit einem Diener sprechen musste. Matreus tat mir ein wenig leid, so verschüchtert, wie er dastand und vor Furcht zitterte. Doch ich mischte mich nicht ein. Stattdessen sah ich Vaters Erziehung interessiert zu. Matreus wagte es anscheinend nicht, ihn anzusehen. Wieder konnte ich nicht hören, was er sagte. Doch Vater schienen seine Worte zu befriedigen. „Nun merke dir das endlich, Nichtsnutz!“, zischte er ihm zu. Dann wandte er sich wieder ab.


Am nächsten Tag bekamen Matreus und ich unsere Aufgaben zugeteilt. Matreus musste sich um die Küche kümmern und alle sonstigen Haushaltsaufgaben erledigen. Darüber war ich sehr erleichtert. Mutter hatte immer darauf bestanden, dass wir diese Arbeiten gemeinsam erledigten, doch Vater erklärte mir, dass dies für den Sohn des Herrschers der Unterwelt nicht die richtige Aufgabe sei. Er hätte andere, wichtige Dinge mit mir vor.

An diesem Tag fiel es mir noch recht schwer, meinen Teller und all die Krümel auf dem Tisch einfach liegen zu lassen, während Matreus sich ans Aufräumen machte. Doch schon am nächsten Tag genoss ich es sehr, nichts mit dem Küchendienst zu tun zu haben. Ich fügte mich schnell in meine neue Rolle als Sohn meines Vaters ein. Nur wenige Tage später lachte ich darüber, dass ich überhaupt jemals einen Schwamm oder einen Besen in der Hand gehabt hatte. Das waren Matreus‘ Aufgaben und ich achtete peinlich genau darauf, dass er sie erfüllte. Jeden noch so kleinen Verstoß gegen die Regeln, jedes kleine Missgeschick, teilte ich meinem Vater mit. Und jedes Mal erntete ich dafür ein großes Lob und war sehr stolz auf mich.

In den kommenden Wochen hörte ich Matreus häufig laut und jämmerlich schreien. Anfangs erschrak ich dabei sehr und hatte großes Mitleid mit ihm. Sicher war Vater in diesen Momenten gerade dabei, ihn zu erziehen. Doch wenn er ihm eine so harte Strafe auferlegte, hatte Matreus auch sicher etwas Schlimmes angestellt und die Schmerzen verdient. Daran hatte ich nicht den leisesten Zweifel.

Mich hingegen bestrafte Vater nie. Ich machte scheinbar alles richtig und stellte ihn zufrieden. Ich fühlte mich sehr wohl in meiner Haut. Während Matreus noch erzogen werden musste, war ich schon so, wie Vater sich seinen Sohn wünschte und das machte mich sehr glücklich.

Das alles führte dazu, dass ich mich wertvoller, wichtiger und besser als Matreus fühlte. Er war ein kleiner Junge, der laufend Fehler machte und immer wieder Hilfe brauchte. Vater hatte mich schon früh mit Magie beschenkt, während Matreus noch immer alles auf die herkömmliche Weise erledigen musste. Jeden Zauber, den ich neu erlernte, führte ich ihm voller Stolz vor. Oftmals machte er einen etwas bedrückten Eindruck dabei. In diesen Momenten wurde ich ärgerlich auf ihn, da er meine Fähigkeiten nicht zu schätzen wusste und sich nicht mit mir freute. Er schien auch manchmal etwas geistesabwesend.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der er mich sehr drängte. „Ok, wenn du mir das unbedingt zeigen willst, dann mach, aber beeil dich bitte.“ Ich war wütend über dieses Verhalten. In den letzten acht Wochen hätte er lernen müssen, sich auch mir gegenüber respektvoll zu verhalten. Ich sagte nichts mehr, sondern drehte mich um und verließ den Raum. Ich hörte noch, wie er mir verzweifelt hinterher rief, doch ich ging einfach weiter.

Mein Weg führte mich direkt in die Zentrale. Vater sah überrascht aus, als er mich erblickte. Ich ließ ihm keine Möglichkeit, nachzufragen, was denn geschehen sei, oder sonst etwas zu sagen. „Matreus hat mich gerade sehr respektlos angefahren, Vater“, berichtete ich pflichtbewusst und äußerst verärgert. Auch Vaters Gesichtszüge veränderten sich schlagartig. Er wurde sehr ungehalten und brüllte aus vollem Hals: „Matreus!“ Sehr beherrscht wandte er sich mir zu. „Danke, mein Sohn. Dieses Fehlverhalten werde ich ihm sofort abgewöhnen. Ich denke nicht, dass das in Zukunft öfter der Fall sein wird. Bitte geh jetzt.“ Wieder einmal erfüllte mich großer Stolz. Ich hatte soeben dazu beigetragen, dass Matreus etwas dazulernte. Es stand ihm nicht zu, in diesem Ton mit mir zu sprechen und Vater würde nun dafür sorgen, dass er dies auch nicht mehr vergessen würde.

Ich sagte gerade „Ich helfe dir gerne, Vater“, als Matreus zitternd und mit eingezogenem Kopf die Zentrale betrat. Er stellte sich an seinen Platz und wartete. Vater wandte sich ab und nahm den langen Stock zur Hand, den ich schon oft auf dem Tisch hatte liegen sehen. Nochmals nickte er mir zu und ich verstand, dass es nun wirklich an der Zeit war, zu gehen. Ich erwiderte sein Nicken und verließ den Raum.

Kaum hatte sich die Tür hinter mir geschlossen, hörte ich meinen Cousin erbärmlich aufschreien. Er schien schlimme Schmerzen zu haben. Und mir wurde schlagartig bewusst, was es mit diesem Stock auf sich hatte. Ich sah direkt vor mir, wie Vater ihn damit züchtigte. Bei jedem seiner Schreie zuckte auch ich zusammen. Es war mein Verdienst, dass er diese Strafe erhielt, das war mir bewusst. Doch obgleich er mir leidtat, hatte ich doch das Gefühl, richtig gehandelt zu haben. Matreus hatte gegen die Regeln verstoßen und somit verdiente er die Strafe.

Ob sie wirklich die gewünschte Wirkung erzielt hatte, wusste ich nicht. Doch es war mir ein großes Anliegen, dies herauszufinden. Schließlich sollte ich ja dabei helfen, ihn zu erziehen. Und Matreus sollte die Schmerzen nicht umsonst ertragen haben müssen. Deshalb beschloss ich, meinen Cousin zu testen.

Wir waren gerade fertig mit dem Abendbrot. Ich stand auf und verkündete: „Matreus, ich habe heute einen neuen Zauber gelernt.“ Matreus sah sich in der Küche um. Er schien ein wenig verzweifelt, als er den Berg dreckigen Geschirrs betrachtete, der sich schon seit vorgestern türmte. Scheinbar hatte er vorgehabt, alles an diesem Tag zu erledigen. Doch nun verlangte ich seine Aufmerksamkeit. Äußerst gespannt erwartete ich seine Reaktion. Ich konnte seine Zerrissenheit förmlich spüren.

Nach einer halben Ewigkeit, die in Wirklichkeit keine zwei Minuten andauerte, erwiderte er gehorsam: „Das ist toll für dich Jona. Willst du ihn mir zeigen?“

Ein zufriedenes Lächeln machte sich auf meinem Gesicht breit, während mich wieder ein großer Stolz erfüllte. Vaters Erziehung, bei der ich so eifrig half, zeigte tatsächlich Wirkung.

In diesen ersten beiden Monaten unseres Unterweltlebens hatte Matreus schon sehr viel gelernt. Und das sollte noch nicht alles sein. Ich war überzeugt davon, aus Matreus würde ein sehr guter Diener werden. Ich nahm mir vor, nun noch mehr dazu beizutragen. Matreus war schon lange nicht mehr mein Bruder, auch nicht mein Cousin. Bereits in dieser kurzen Zeit war er für mich zum Diener geworden. Und das sollte er von nun an bleiben.