Das Verlies

von Hope0908
GeschichteAllgemein / P12
Matreus Zanrelot
11.01.2010
11.01.2010
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„Matreus, geh nach oben und besorge die Dinge auf dieser Liste“, befahl Zanrelot. Matreus nahm das Blatt Papier entgegen und seufzte innerlich. Er hatte bereits einen langen Tag hinter sich und war sehr müde. Außerdem befand er sich mit seinen 16 Jahren mitten in der Pubertät, was es ihm oft schwer machte, widerspruchslos zu gehorchen. Aus irgendeinem Grund fühlte Matreus sich an diesem Tag sehr genervt. Er hatte sich bei der Erledigung seiner Aufgaben extra beeilt und trotzdem sorgfältig gearbeitet. Nun wollte er eigentlich etwas Ruhe und Zeit für sich haben. Doch stattdessen erhielt er einen neuen Auftrag. Matreus hatte keine Lust dazu, nach oben zu gehen und irgendwelche Dinge einzukaufen. „Hat das nicht bis morgen Zeit, Meister? Ich würde mich gerne ein wenig ausruhen“, sprach er ziemlich genervt und fordernd. Matreus bereute diese Worte sofort, als er in Zanrelots Gesicht sah. Seine Augen begannen, grün zu schimmern und die Augenbrauen zuckten bedrohlich. Matreus schluckte. Er konnte sich nicht erklären, was ihn geritten hatte, so mit dem Meister zu sprechen. Doch nun war es geschehen und er würde die Konsequenzen tragen müssen.

Der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, als der Meister näher an ihn herantrat. Er war definitiv zu weit gegangen mit seinem respektlosen Verhalten. Matreus zog den Kopf ein und blickte zu Boden. Zanrelot durchbohrte ihn förmlich mit seinem Blick. „Wie wagst du es, mit mir zu sprechen!?“, zischte der Herrscher der Finsternis seinen Diener an. Matreus begann zu zittern. „Es tut mir leid, Meister“, stotterte er leise. Natürlich wusste er, dass ihm diese Entschuldigung nicht helfen würde, eine Bestrafung zu vermeiden.

Der Meister wandte sich von dem Jungen ab und trat auf die Plattform. „Dafür hättest du den Rohrstock verdient. Und zwar nicht zu knapp!“, bemerkte er lautstark. Matreus schrumpfte in sich zusammen. Schon sehr lange hatte er den Rohrstock nicht mehr zu spüren bekommen und er hatte gehofft, der Meister würde ihn für Prügel dieser Art langsam für zu alt halten.

Tatsächlich machte Zanrelot keinerlei Anstalten, nach dem Rohrstock zu greifen. Stattdessen baute er sich vor seinem Diener auf, der es vorzog, einen Punkt auf dem Boden zu fixieren. „Nun“, begann der Herrscher der Finsternis, „du möchtest dich also ausruhen. Schön, du wirst deine wohlverdiente Ruhe bekommen.“

Ohne weitere Erklärungen packte er Matreus am Oberarm und zog ihn mit sich. Matreus zitterte am ganzen Körper. Der feste Griff um seinen Arm wäre gar nicht nötig gewesen, er wäre seinem Meister auch so gehorsam gefolgt. Er hatte keine Ahnung, was Zanrelot mit ihm vorhatte. Doch wenn er es dem Rohrstock vorzog, musste es sehr schlimm sein.

Der Weg führte die beiden direkt zum Verlies. Zanrelot blieb davor stehen und schubste Matreus ein Stück nach vorne. Ängstlich blickte dieser seinem Meister in die Augen. „Gib mir deinen Zauberstab“, befahl der Meister streng. Matreus gehorchte umgehend. „Ich werde dir Zeit zum Ausruhen geben. Und auch zum Nachdenken. Du wirst eine Weile im Verlies verbringen. Und zwar so lange, bis ich der Meinung bin, dass du wieder weißt, wie du dich mir gegenüber zu verhalten hast.“ Matreus hatte das Verlies bisher nur betreten, um dort sauber zu machen, doch schon diese kurze Zeit darin kam ihm viel zu lange vor. Der kalte, feuchte und absolut fensterlose Raum war ihm sehr unheimlich. Doch Matreus wagte es nicht, noch einmal zu widersprechen. Er senkte stattdessen nur den Blick und entgegnete ein trauriges „Ja Meister“. Zanrelot versetzte ihm einen kleinen Stoß, woraufhin Matreus durch die Wand direkt ins Verlies befördert wurde.

Vorsichtig tastete der Junge die Wand ab. Sie war hart, kalt und undurchdringlich. Von allen Seiten umgab ihn nur diese Mauer. Es gab rein gar nichts im Verlies. Der Boden war an manchen Stellen feucht, die Luft äußerst trocken. Matreus hatte schon nach wenigen Minuten den Eindruck, die Wände würden auf ihn zukommen. Panik stieg in dem Jungen hoch, als ihm bewusst wurde, dass er möglicherweise mehrere Tage dort wird verbringen müssen. Am Liebsten hätte er begonnen, gegen die Wände zu trommeln und laut zu schreien. Allein das Wissen darum, dass sein Meister so etwas jämmerlich und verächtlich fand, hielt ihn davon ab. So setzte sich Matreus, zitternd vor Furcht und Kälte, in eine Ecke. Er umschloss die Beine mit den Armen und wippte langsam vor und zurück. Sein Blick war starr auf die Wand gerichtet. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Matreus dachte in diesem Moment an gar nichts. Sein Kopf war vollkommen leer. Das Einzige, was ihn erfüllte, war eine tiefe, kaum auszuhaltende Furcht, die bis in sein Innerstes reichte.

Zanrelot beobachtete den ersten Aufenthalt seines Dieners im Verlies durch seine Glaskugel. Er war sehr zufrieden damit, was er sah. „Das wird ihm eine Lehre sein“, murmelte der Meister vor sich hin. Dann wandte er sich anderen Dingen zu. Er hatte nicht vor, die Bestrafung so schnell zu beenden. Zanrelot wollte Matreus noch ein wenig schmoren lassen.

Vier Stunden später saß Matreus völlig verstört noch immer in der Ecke. Er bemerkte gar nicht, dass sein Meister das Verlies betreten hatte. Erst, als Zanrelot ihm befahl, aufzustehen, nahm der Junge seine Umwelt wieder bewusster wahr. Langsam erhob er sich. Matreus sah seinen Meister nicht an, doch er spürte seinen erwartungsvollen Blick. Der Junge brachte kaum ein Wort heraus. „Es tut mir leid, dass ich mich so respektlos verhalten habe, Meister“, sagte er gequält. Der Meister gab sich damit nicht zufrieden. „Denkst du, du hast deine Lektion gelernt?“ Matreus schüttelte langsam den Kopf. „Es steht mir nicht zu, das zu entscheiden, Meister.“ Zanrelot hob eine Augenbraue. Diese Antwort hatte er nicht erwartet, doch sie gefiel ihm sehr gut. Der Meister hielt dem Jungen den Zauberstab hin. „Du darfst gehen.“ Matreus sah auf. Zögerlich nahm er den Zauberstab entgegen. Ergeben blickte er den Herrscher der Finsternis an. „Danke Meister“, hauchte er, ehe er aus dem Verlies trat.

Im Gang atmete Matreus ein paar Mal tief durch. Er stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. Ganz langsam hörte sein Körper auf zu zittern. Sein Kopf wurde wieder klarer. Die Stunden im Verlies waren ihm unendlich lange vorgekommen. Er hatte darin jegliches Zeitgefühl verloren. Nie hätte er geglaubt, dass der Aufenthalt dort dermaßen grauenvoll sein würde.

Nachdem er sich einigermaßen wieder gefangen hatte, machte sich Matreus wieder an seine Arbeit. Er deckte den Tisch fürs Abendessen und begab sich schließlich in die Zentrale, um nachzusehen, ob dort noch Erledigungen anstünden. Besonders in seiner Zentrale achtete der Meister genauestens auf Ordnung und Sauberkeit. Zanrelot wandte sich seinem Diener zu, als dieser eintrat. Er sah kurz auf die Uhr, dann erhob er sich aus seinem Stuhl. Matreus erkannte sofort, dass sein Meister ihn sprechen wollte, und nahm eilig seinen Platz vor der Plattform ein. Zanrelot reichte ihm ein Blatt Papier. „Durch die unnötige Verzögerung bleiben dir nun noch exakt 30 Minuten, ehe die Marktleute ihre Stände für heute schließen.“ Matreus senkte schuldbewusst den Blick. „Geh! Und beeile dich!“, befahl der Meister streng. Matreus entgegnete nur ein kurzes „Ja Meister“, dann machte er sich unverzüglich auf den Weg nach oben.

Der Tag hatte ihn wahnsinnig erschöpft und ausgelaugt, doch er hatte sich fest vorgenommen, nicht noch einmal zu widersprechen. Nie wieder wollte er in diesem schrecklichen Raum eingesperrt sein müssen. So nahm er sich fest vor, von nun an seine Widerworte zu unterdrücken und sich um strikten Gehorsam zu bemühen.