Auszeit

von Hope0908
GeschichteAllgemein / P12
Matreus Zanrelot
10.01.2010
10.01.2010
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Matreus hatte eine harte Woche hinter sich. Er hatte wirklich versucht, alles richtig zu machen, doch irgendwie wollte es ihm nicht gelingen. Er musste viel öfter als sonst zerbrochenes Geschirr aufsammeln, sich um extrem verdreckte Räume kümmern, oder vor dem Meister Rechenschaft für diverse zerstörte magische Gegenstände ablegen. Dabei konnte er sich das alles selbst nicht erklären. Es war ihm völlig unverständlich, wie das alles geschehen konnte. Seine sonstigen Aufgaben blieben daneben liegen.

So kam es, dass Matreus am Wochenende mit Schwielen am Hintern leben musste, so häufig hatte es der Meister für nötig empfunden, den Jungen für sein Fehlverhalten zu züchtigen. Dabei war es ihm völlig egal, wie viele Striemen bereits vorhanden waren, die Strafe wurde kalt und unbarmherzig vollzogen. Sollte Matreus dabei sehr starke Schmerzen empfinden, müsste er sich eben mehr bemühen, seine Aufgaben ordentlich zu erledigen. Dann hätte er auch keine Prügel zu befürchten. Aber solange er sich den Rohrstock verdiente, würde er ihn auch bekommen. Er kannte schließlich die Regeln.

Am darauffolgenden Sonntag beschloss Matreus, nachdem er eine Lektion in Sachen Zuverlässigkeit bekommen hatte, spontan und ohne wirklich über die Folgen nachzudenken, sich eine kleine Auszeit von der Unterwelt zu nehmen. Er transferierte sich aus seiner Kammer in die Oberwelt. Außerhalb der Stadtmauern ging er an der Trave entlang. Matreus dachte an nichts. Er wollte einfach mal wieder frische Luft riechen, Wind auf seiner Haut spüren und die Sonne genießen. Matreus wollte endlich einmal wieder wenigstens für ein paar Stunden keine Angst haben müssen.

Nach einer kurzen Weile kam er an dem Platz, an dem vor wenigen Jahren noch Sarahs Haus stand. Die Schergen des Herzogs hatten es niedergebrannt, wie alle anderen Häuser, in denen sie die Pest vermutet hatten. Matreus setzte sich traurig ins Gras. Er dachte an die beiden Jahre bei seiner Tante. Natürlich war auch das eine Zeit voller Entbehrungen gewesen, doch er durfte sie bei jemandem verbringen, der ihn wirklich lieb hatte. Er hatte ein richtiges Zuhause. Eine Weile schwelgte Matreus in Erinnerungen und verlor sich beinahe in der Vergangenheit. Er vergaß fast, wer und was er nun war, ein kleiner Anfänger-Magier, Zanrelots Neffe, der Diener des Herrschers der Finsternis. Und das war ohne Zweifel kein leichtes Leben. Matreus seufzte schwer, schloss die Augen und ließ sich nun völlig ins Gras sinken. Er lag lange dort, am Ufer der Trave, auf dem Platz, an dem er die schönste Zeit seines noch so jungen Lebens verbracht hatte. Matreus Kopf war leer. Zum ersten Mal seit Wochen konnte er abschalten und ein wenig zur Ruhe kommen. Er genoss die Sonnenstrahlen, die seine Haut wärmten. Das war eines der Dinge, die er am Meisten vermisste in der Unterwelt. Dort war es oft kalt und ständig finster. An manchen Tagen weinte sich Matreus vor Sehnsucht in den Schlaf. Er vermisste die Sonne, das Licht, den Wind und auch die Trave. Der Junge erinnerte sich noch sehr genau an den Tag vor vier Jahren, als Jona ihn aus dem Fluss zog. Völlig durchnässt, halb erfroren und ganz ausgemergelt war er damals gewesen. Hätte sein Cousin ihn an diesem Tag nicht gefunden und zu Sarah gebracht, Matreus wäre wohl vor Kälte und Hunger gestorben, oder schon vorher ertrunken. Sarah hatte ihn damals aufgepäppelt und mit viel Liebe sein Vertrauen gewonnen. Sie hatte ihm ein neues Leben geschenkt.

Matreus seufzte bei der Erinnerung daran. Manchmal dachte er darüber nach, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn Jona ihn an jenem Tag hätte ertrinken lassen. Das hätte ihm viele Schmerzen und leidvolle Erfahrungen erspart und seinem jämmerlichen Dasein ein frühes Ende bereitet. Doch scheinbar war es Schicksal gewesen, dass Jona gerade an diesem Tag an genau dieser Stelle des langen Flusses entlang gegangen war. Matreus glaubte nicht an Zufälle. Er war fest davon überzeugt, dass das alles einen Sinn hatte. Und wenn der Sinn seines Lebens darin bestand, Zanrelot zu dienen, dann würde er das selbstverständlich so akzeptieren. Schließlich war der Meister auch der Einzige, den er hatte, der Einzige, der für einen mageren, mittelmäßig begabten, unnützen Jungen eine Aufgabe hatte. Und dafür war Matreus ihm sehr dankbar.


Plötzlich schreckte Matreus hoch. Hatte da nicht soeben jemand seinen Namen gerufen? Er setzte sich kopfschüttelnd auf. Nein, das hatte er sich sicher nur eingebildet. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Doch dann hörte er sie wieder, diese Stimme, die von ganz weit her zu kommen schien. Blitzartig sprang Matreus auf. Die Stimme seines Meisters durchdrang ihn förmlich. Schlagartig wurde dem Jungen die Tragweite dieses kleinen Ausflugs bewusst. Er wusste, dass es jetzt am Besten und Vernünftigsten wäre, Zanrelots Ruf sofort zu folgen und die Strafe für sein Verhalten zu empfangen. Doch irgendetwas lähmte ihn. Er hatte Angst, richtige, tiefe Furcht. Und er schämte sich für sein ungebührliches Verhalten. Der Meister bot ihm ein Heim, Essen, Kleidung und Erziehung. Und er war so undankbar und riss einfach aus. Wie könnte er ihm jetzt unter die Augen treten? Es war nicht die Furcht vor den Prügeln, die ihn erwarteten, die ihn davon abhielt, sofort zu gehorchen. Matreus hatte Angst davor, die Enttäuschung in den Augen seines Meisters sehen zu müssen, die er verursacht hatte, durch seine Dreistigkeit, seinen Ungehorsam und nicht zuletzt durch seine Undankbarkeit. Matreus war zutiefst beschämt. Was sollte er nur sagen, wenn er gleich zurückkehren würde? Er wusste es nicht. Matreus schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln, bevor er wirklich bereit war, sich zurückzutransferieren.

Als er die Augen öffnete, stand er direkt vor seinem Meister. Matreus erschrak schrecklich, denn er hatte den Zauber noch gar nicht ausgeführt. Zanrelot musste ihn auf magische Weise zu sich geholt haben. Der Meister blickte seinem Diener eiskalt und durchdringend in die Augen. Ein Schauer durchfuhr den Jungen. Er senkte weit den Kopf, der rot vor Scham war. So standen sich die beiden lange gegenüber, ohne dass einer von ihnen einen Laut von sich gab.

Doch dann gab sich Matreus einen Ruck. Er blickte nicht auf und sprach nur leise und sehr vorsichtig. „Es tut mir aufrichtig leid, Meister.“

Zanrelot atmete tief. Er musterte den Jungen eindringlich. Er musste zugeben, soviel Ehre und Courage hatte er seinem Diener nicht zugetraut. Doch Matreus erstaunte ihn gerade in solchen Situationen immer wieder. Er stellte sich seinem Meister und anscheinend tat es ihm tatsächlich leid, wie er gehandelt hatte. Zanrelot konnte sich nicht erklären warum, aber dieser Junge war ihm ergeben, aus tiefstem Herzen. Und das bedeutete, im Grunde könnte er mit ihm machen, was er wollte, Matreus würde jede mögliche und unmögliche Strafe für sein Fehlverhalten akzeptieren, ohne auch nur ein Widerwort zu geben.

Der Meister richtete sich zu seiner ganzen Größe auf, was dazu führte, dass Matreus immer kleiner wurde. „Du hast mich schwer enttäuscht, Matreus“, sprach Zanrelot streng. Matreus spürte Tränen in sich aufkeimen und versuchte, dagegen anzukämpfen. „Es... Es tut mir leid...“, winselte er leise. „Unterbrich mich nicht!“ Zanrelot versuchte, möglichst kalt zu klingen, was ihm auch äußerst gut gelang. Matreus verstummte und wagte es sogleich auch nicht mehr, noch einmal das Wort zu ergreifen. Zanrelot fuhr fort. „Nun, für deine Dreistigkeit hast du dir eine harte Strafe verdient. Ich kann und werde es nicht dulden, dass du ohne meine Erlaubnis nach oben gehst und, was noch schlimmer ist, meinem Ruf nicht gehorchst!“ Matreus nickte. Jede Strafe war ihm recht, wenn der Meister ihm dann nur verzeihen würde. Zanrelot überlegte eine kurze Weile. Dann war ihm klar, welche Strafe für dieses Verhalten angemessen war. Der Herrscher der Finsternis wusste, wie er Matreus wirksam bestrafen konnte, wie er ihn richtig treffen konnte. Und er war kalt genug, das auch wirklich durchzuführen. „Ich werde dir diesen Fehltritt nicht verzeihen, Matreus. Du hast mein Vertrauen missbraucht und enttäuscht. Es wird eine Weile dauern, bis es wieder einigermaßen aufgebaut sein wird. Du wirst es dir erst wieder neu verdienen müssen. Ich kann dir erst verzeihen, wenn ich sicher sein kann, dir wieder vertrauen zu können.“ Matreus schluckte schwer. Die ersten Tränen bahnten sich ihren Weg über seine Wangen. Er wusste, was er angerichtet hatte und er würde diese harte Strafe selbstverständlich ohne Widerworte hinnehmen. Er hatte sie verdient. Traurig, aber tapfer sah er auf. „Ja Meister, ich verstehe. Ich werde mir alle Mühe geben, Euer Vertrauen wiederzugewinnen.“ Zanrelot nickte zufrieden. Dann drehte er sich um und ließ den Jungen stehen. Im Weggehen sagte er nur knapp: „Dann geh jetzt.“ Matreus gehorchte umgehend. Sein Weg führte ihn in seine Kammer, wo er seiner Verzweiflung endgültig freien Lauf ließ.