Die Lüge

von Hope0908
GeschichteAllgemein / P12
Matreus Zanrelot
10.01.2010
10.01.2010
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„Oh nein! So ein verdammter Mist!“ Matreus kniete sich seufzend hin und besah die Bescherung auf dem Fußboden. „Das ist hin“, stellte er verzweifelt fest. Der Meister würde ihn dafür schrecklich verprügeln. Schon bei dem Gedanken daran, begann der 12-jährige Junge zu zittern.

Es war kein besonders wertvolles Artefakt. Der Meister besaß viele Dorjen. Doch dieser hier hatte einen ideellen Wert. Er stammte aus der Sammlung des schwarzen Abtes und Zanrelot hütete die Schätze seines Lehrmeisters ganz besonders. Matreus trat der Schweiß auf die Stirn, als er die Einzelteile aufsammelte, in die der Dorje zerbrochen war. Er ließ keinen einzigen noch so kleinen Splitter liegen.

Anschließend ging er, die Bruchstücke fixierend, eilig in seine Kammer. Er setzte sich auf sein Bett und dachte über die Folgen dieses Missgeschickes nach. Übelkeit überkam ihn, sein Magen verkrampfte sich und er wurde kreidebleich. Matreus wusste, dass er trotz allem seinem Meister beichten musste, was passiert war. Er stand auf und sah sich noch einmal die Einzelteile an. Dann schüttelte er entschlossen den Kopf. Nein, diese Prügel wollte er nicht einstecken. Das würde er sicher nicht aushalten, ohne zu schreien und zu jammern. Und so etwas machte den Meister nur noch wütender. Außerdem waren die letzten Wochen so ruhig und problemlos verlaufen. Zanrelot hatte den Rohrstock nicht benutzen müssen und es setzte nur ab und zu eine Ohrfeige. Und nun das! Matreus war sich sicher, dass der Meister denken würde, Matreus hätte das Gefühl gewonnen, er könne sich nun Schlampigkeit und Unachtsamkeit erlauben, denn es würde ja sowieso nichts passieren. Und dann würde er noch wütender und strenger werden. Matreus schluckte und schrumpfte in sich zusammen. Kurz entschlossen schob er die Bruchstücke des Dorje weit unter sein Bett. Dann verließ er seine Kammer, jedoch mit einem sehr drückenden Gefühl in der Magengegend.

Er begab sich in die Zentrale. Sehr unsicher trat er an die Plattform heran. Zanrelot machte den Eindruck, als hätte er seinen Diener bereits erwartet. „Nun?“, fragte er knapp. Matreus holte tief Luft. „Ich bin fertig, Meister. Die Vitrinen sind sauber.“ Dem Meister entging der vorsichtige Unterton des Jungen nicht. Skeptisch sah er ihm in die Augen, die seinem Blick auszuweichen schienen. „Ist irgendetwas Besonderes vorgefallen?“, hakte Zanrelot nach. Matreus wurde nervös. „Nein“, erwiderte er schnell und hoffte, damit endlich entlassen zu sein. Der Meister hob eine Augenbraue, als er seinen Diener noch einmal musterte. Etwas ging hinter seinem Rücken vor. Etwas, das Matreus ihm nicht sagen wollte. Sollte er ihn weiter drängen, ihn vielleicht sogar zu einer Aussage zwingen? Nein, das wäre der falsche Weg. Er würde es sowieso irgendwann herausfinden, das stand für Zanrelot fest. Also nickte er Matreus kurz zu. Dieser verließ daraufhin umgehend den Raum. Der Meister sah ihm nachdenklich hinterher und schüttelte den Kopf.
 

Ein paar Tage später, Matreus war gerade in der Küche beschäftigt, rief Zanrelot ihn zu sich. Der Junge hatte den Vorfall mit dem Dorje nicht vergessen, jedoch dachte er nicht mehr daran, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Deshalb machte er sich recht gut gelaunt auf den Weg zur Zentrale. Der Meister wartete, bis Matreus auf seinem Platz stand, dann sah er den Jungen erwartungsvoll an. „Matreus, du hast schon eine Weile keinen neuen Zauber mehr gelernt. Was hältst du von einer kleinen Lektion?“ Matreus' Augen leuchteten auf, er strahlte übers ganze Gesicht. „Oh ja Meister, sehr gerne!“, versicherte er. Zanrelot nickte. „Gut, dann wirst du heute lernen, wie man einen Bannkreis zieht. Hol mir einen Dorje.“ Schon bei diesen Worten verging Matreus das Lachen auf einen Schlag. Ihm wurde heiß und kalt und ein riesiger Kloß setzte sich in seinem Hals fest. Er wollte sich gerade zum Gehen wenden, um einen beliebigen Dorje herbeizuholen, da geschah es. „Ach, bring mir den kleinen, goldenen Dorje vom schwarzen Abt. Du weißt ja sicher, welchen ich meine“, sagte Zanrelot betont ruhig. Matreus erstarrte. Er sah in die funkelnden Augen seines Meisters und wusste sofort, was los war. Zanrelot wusste Bescheid. Er hatte es herausgefunden. Matreus begann augenblicklich zu zittern.

Auch Zanrelots Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Eben noch ruhig und aufgesetzt freundlich, wirkte er nun äußerst ernst und bedrohlich. Als er bemerkte, dass Matreus sich nicht rührte, sprach er weiter. „Was ist? Willst du nicht gehorchen? Geh!“ Seine Stimme klang eisern. Matreus trat ein paar Schritte zurück, wandte sich zum Gehen und hielt schließlich inne. Langsam drehte er sich wieder zu seinem Meister um und sah ihn aus verängstigten Augen an. „Meister, ich...“ Eine kurze Handbewegung Zanrelots brachte ihn sofort zum Schweigen. Der Meister wandte sich um, holte etwas unter seinem Tisch hervor und hielt es dem Jungen hin. Matreus senkte betroffen den Blick. „Ich habe ihn fallen lassen“, sagte er leise.

Zanrelot ließ die Bruchstücke des Dorje auf seinen Tisch fallen. Er ging auf Matreus zu, zwang ihn durch einen festen Griff in dessen Haare, ihn anzusehen und zischte: „Du wagst es also tatsächlich, mich zu belügen?“ Matreus zitterte am ganzen Körper. Nun war er in eine noch schlimmere Situation geraten, als er befürchtet hatte. Jetzt konnte er nichts mehr tun, nur noch die Strafe über sich ergehen lassen. Mit Tränen in den Augen versprach er: „Das wird nie wieder vorkommen, Meister.“ Zanrelot schnaubte vor Wut. „Das wird es ganz sicher nicht! Und ich werde dafür sorgen!“, versicherte er. Der Meister packte Matreus am Kragen und schleifte ihn zum Tisch. Er drückte seinen Oberkörper auf die Tischplatte und zog ihm die Hose herunter. Matreus wagte es nicht, sich zu rühren. Er wehrte sich nicht und sagte keinen Ton, auch nicht, als der Meister sich mit dem langen Rohrstock neben ihm platzierte. Er schloss stattdessen die Augen und biss fest die Zähne zusammen. Schon beim ersten Hieb entfuhr ihm ein halblautes Stöhnen. Der Meister meinte es ernst, diese Lektion würde er nicht so schnell wieder vergessen. Mit aller Kraft schlug Zanrelot auf seinen Diener ein, der es gewagt hatte, ihm ins Gesicht zu lügen. Nach vier Hieben hielt es Matreus nicht mehr aus. Er konnte seine schmerzerfüllten Schreie nicht länger unterdrücken. Mit den Händen umklammerte er fest die Kante der Tischplatte. Doch es hatte alles keinen Zweck. Der Meister war unerbittlich. Erst, als auch der zehnte und letzte Hieb mit voller Wucht auf seinen nackten Hintern getroffen war, legte Zanrelot den Rohrstock beiseite. Matreus hatte Mühe, sich aufzurichten. Er zog die Hose vorsichtig hoch, doch das half nichts. Als sie die Striemen berührte, schrie er laut auf. Tränenüberströmt und mit eingezogenem Kopf wandte er sich, noch immer zitternd, seinem Meister zu. Er hielt den Blick gesenkt, um ihn nicht ansehen zu müssen. „Wofür waren die Hiebe?“, fragte Zanrelot ungerührt. Er kannte kein Erbarmen. Der Junge war zu weit gegangen und das ließ er ihn nun wissen. Matreus schluckte den Kloß in seinem Hals herunter und winselte eher, als dass er sprach. „Fünf für das Missgeschick und fünf für die Lüge, Meister.“ Zanrelot nickte und sah seinen Diener auffordernd an. „Nun?“ Matreus hob ein wenig den Blick. „Ich... ich werde bestimmt nicht mehr lügen, Meister. Ich verspreche es“, flüsterte er. Der Meister nickte erneut. „Du darfst gehen.“

Matreus fiel es schwer, geradeaus zu laufen und vor allem, so zu gehen, dass man ihm seine Schmerzen nicht ansah. Er hatte an diesem Tag zwei Dinge gelernt. Nämlich, dass man den Meister niemals anlügen sollte und vor allem, dass Zanrelot sich bei früheren Bestrafungen immer sehr zurückgehalten hatte. Von diesem Tag an wagte es Matreus nie wieder, seinen Meister zu belügen.