Lehrstunden

von Hope0908
GeschichteAllgemein / P12
Matreus Zanrelot
10.01.2010
10.01.2010
8
12.289
 
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
10.01.2010 943
 
Matreus lag weinend auf seinem Bett. Er hatte soeben seine Wunden eingerieben und nun ließ er dem Schmerz und der Trauer freien Lauf. Erst einige lange Minuten später beruhigte sich der Junge langsam wieder. Er setzte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Sein Hintern brannte schrecklich nach der Lektion, die ihm der Meister soeben erteilt hatte. Und das nur, weil er den einfachen Zauberspruch zur Verriegelung von Türen nicht auf Anhieb ausführen konnte. Doch Matreus musste auch zugeben, dass vier Fehlversuche hintereinander wohl doch etwas zu viel gewesen waren. Dabei hatte er sich wirklich angestrengt. Aber schon nach dem ersten fehlgeschlagenen Versuch hatte der Meister dermaßen gereizt reagiert, dass sich Matreus vor lauter Angst nur immer noch mehr verhaspelte. Je mehr Zanrelot ihn angeschrien und bedroht hatte, umso weniger konnte sich der Junge konzentrieren. Und so ging wieder einmal alles schief.

Natürlich wusste Matreus, dass diese Unterrichtsstunde offiziell noch nicht beendet war. Der Meister hatte es zwar aufgegeben, ihm schwierige Zauber beizubringen, doch so etwas Einfaches, wie Türen magisch zu öffnen oder zu verschließen, musste er einfach lernen. Zanrelot wollte schließlich einen wenigstens einigermaßen fähigen Diener aus ihm machen.

Und wirklich, keine 10 Minuten später schallte des Meisters Ruf durch die Unterwelt. Matreus erschrak ein wenig. So bald hatte er dann doch nicht mit einer erneuten Unterrichtsstunde gerechnet. Der Meister hatte sich sicher noch nicht wieder vollständig beruhigt und war nun noch leichter in Rage zu bringen, als es sonst sowieso schon der Fall war. Umso wichtiger war es, nun schleunigst zu reagieren. Matreus sprang auf und eilte in die Zentrale.

Zanrelot erwartete ihn bereits. Zögerlich trat der 12jährige Junge an das Podest heran. „Hier bin ich, Meister“, sagte er vorsichtig. Zanrelot nickte ihm nur kurz zu, dann drehte er sich weg. Matreus war äußerst verunsichert. Er wusste nicht, warum er hergerufen worden war, wenn der Meister doch ganz offensichtlich keine Aufgabe für ihn hatte. Er blieb schweigend vor dem Podest stehen und beobachtete, was Zanrelot tat.

Dieser kramte in einer Schublade und zog schließlich etwas heraus, das Matreus nicht erkennen konnte, weil sein Meister ihm die Sicht darauf versperrte. Schließlich ergriff Zanrelot das Wort. „Nach deinem Auftritt von vorhin, habe ich mich entschlossen, hier etwas Grundlegendes zu ändern.“ Matreus zog automatisch den Kopf leicht ein. Was hatte der Meister vor? Die Strafe für sein Versagen hatte er doch bereits erhalten und damit war die Sache bisher immer abgehakt gewesen. Er ahnte nichts Gutes. Lange konnte er auch nicht darüber nachdenken, denn der Meister sprach weiter. „Ich habe mich damit abgefunden, dass du, Matreus, nicht dazu in der Lage bist, auch nur die einfachsten Zaubersprüche ordnungsgemäß und erfolgreich auszuführen.“ Er drehte sich um und ging auf den verängstigten Jungen zu. Matreus blickte betreten zu Boden und schwankte zwischen Hoffen und Bangen.

Zanrelot baute sich vor ihm auf. „Nun, aus diesem Grund habe ich beschlossen, dir ein wenig unter die Arme zu greifen.“ Matreus hob erstaunt den Blick. Der Meister wollte etwas für ihn tun? Er konnte kaum glauben, dass sich Zanrelot überhaupt Gedanken darüber machte, wie es ihm ging. Und nun wollte er ihm sogar helfen.

Erst jetzt erblickte er, was Zanrelot in Händen hielt. Es war ein Zauberstab, leicht gräulich, mit einem grünen Stein am Ende. Matreus betrachtete das wertvolle Stück bewundernd und achtungsvoll. Dann sah er seinen Meister fragend an. Zanrelot hatte dem Jungen die Zeit gelassen, den Zauberstab eine Weile anzusehen. Nun fuhr er mit seiner Erklärung fort. „Das hier wird dir helfen, die Zauber auszuführen, die ich dich lehren werde. Es wird anfangs sicher nicht leicht sein, mit ihm umzugehen, doch du wirst es lernen.“ Er musterte seinen Neffen eindringlich. „Schließlich brauche ich einen Diener, der des Zauberns fähig ist.“

Er überreichte Matreus den Zauberstab. „Pass gut auf ihn auf und beschädige ihn nicht, Matreus. Er ist äußerst wertvoll“, sagte der Meister nachdrücklich. Sein Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran offen, was geschehen würde, sollte Matreus nicht angemessen mit dem Zauberstab umgehen.

Matreus nahm das wertvolle Stück entgegen. Eine Welle von Gefühlen brach über ihn herein. Zum einen war er etwas beschämt darüber, dass sein Meister fand, er käme nicht ohne Hilfsmittel aus. Doch andererseits spürte er eine große Dankbarkeit und auch ein wenig Stolz. Der Meister hatte ihm ein kostbares Geschenk gemacht. Er traute seinem Diener allem Anschein nach zu, mit diesem magischen Hilfsmittel angemessen und verantwortungsbewusst umzugehen.

Matreus war äußerst gerührt. Dankbar blickte er in Zanrelots Augen. „Vielen Dank, Meister. Ich werde ihn immer mit Stolz benutzen und in Ehren halten. Und ich werde mich sehr bemühen, Euch nicht mehr zu enttäuschen.“ Zanrelot sah den Jungen skeptisch an. Er wusste, dass Matreus sich meist sehr bemühte, doch das war bisher häufig einfach nicht gut genug gewesen.

Nach einer kurzen Weile wandte sich der Meister ab und ging hinüber zum Tisch. Im Vorbeigehen fixierte er den Rohrstock, der immer noch dort lag, wo er ihn erst vor einigen Minuten nach dem letzten Gebrauch abgelegt hatte. „Wir werden sehen, Matreus“, sagte er in Gedanken versunken. Matreus überkam ein mulmiges Gefühl. Er blickte ebenfalls auf den Rohrstock und hoffte insgeheim, ihn von nun an nicht mehr so häufig spüren zu müssen. Er nahm sich fest vor, dem Meister nicht so bald wieder einen Grund zu geben, ihn bestrafen zu müssen.

Matreus umfasste den Zauberstab und war fest entschlossen, sich nun wirklich redlich zu bemühen. Er fasste allen Mut, den er aufbringen konnte, und bat: „Meister, darf ich bitte den Spruch zur Verriegelung der Türen noch einmal versuchen?“

Zanrelot war überrascht. Er drehte sich zu dem Jungen um, der ihn verunsichert ansah. Er legte seine Hände ineinander, wie er es so oft tat, dann nickte er Matreus zu. „Gut, lass uns beginnen.“