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Falsches Spiel

von Robidu
Kurzbeschreibung
GeschichteThriller / P12 / Het
Aribeth De Tylmarande Neeshka OC (Own Character) Sir Nevalle
10.01.2010
16.02.2020
18
44.516
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10.01.2010 1.206
 
Anm. d. Verf.: Mein Problem mit NWN1 war immer, daß man keine Chance hatte, Fenthick Moss vor dem sicheren Tod zu bewahren. Zudem erschien mir das Geschehen an jener Stelle reichlich hanebüchen zu sein – von Logik keine Spur.
Was wäre jedoch, wenn es gelänge, den Priester vor der Hinrichtung zu retten...?


Ganz schräges Theaterstück

Ra'thir Schattenlied glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Bitte was sollte da los sein?
„Sie wollen Fenthick hängen,“ wiederholte die völlig aufgelöste und den Tränen nahe Paladina. „Sie sagen, er hätte mit diesen Kultisten, die den Heulenden Tod nach Niewinter gebracht hatten, zusammengearbeitet!“
Gerade eben noch hatte er ein wenig in einer der Priesterzellen gedöst, doch nach dieser Äußerung war er sofort hellwach. Ihn beschlich eine ganz schlimme Vorahnung: Anscheinend suchte irgendein aufgebrachter Mob einen Sündenbock für das ganze Leid, was ein paar durchgeknallte Irre über die Stadt gebracht hatten, und der Herrscher war anscheinend nur allzu bereit, diesem blutrünstigen Wunsch stattzugeben!
Wie von der Tarantel gestochen fuhr der dunkelelfische Tiefling hoch. Es war höchste Eile geboten, wenn er hier das Schlimmste noch verhindern wollte!
Kaum war Ra'thir auf den Beinen, schnappte er sich sein Schwert, das auf dem Tisch lag, und spurtete los, zumal er sich vor dem Hinlegen nicht ausgezogen hatte. „Kommt, rasch! Wir haben keine Zeit zu verlieren,“ sagte er zu der Paladina, die neben der Tür stand. „Wo findet diese Farce denn statt?“
„Im Schwarzseeviertel,“ antwortete diese, „auf dem Hauptplatz.“
Der Tiefling nickte ihr zu, dann war er auch schon zur Tür und aus dem Tempel hinaus, die Halbelfe dicht hinter ihm.

Ra'thir ließ sich das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen, insbesondere Fenthicks Warnung, als sie letztmalig miteinander gesprochen hatten. Anscheinend wollte jemand ihn loswerden, höchstwahrscheinlich damit er ihm bei irgendwelchem anderen schändlichen Tun nicht in die Quere kam. Doch wer dieser Jemand sein konnte, war nach wie vor ein Rätsel. Allerdings erhoffte sich der Tiefling, daß sich irgendwer gezwungen sah, aus seiner Deckung hervorzukommen, wenn dieses Vorhaben scheiterte.
Insofern war es umso wichtiger, daß er Fenthick Moss vor dem Tode bewahrte.
Tyr, steh mir bei! Ausgerechnet Euer hiesiger Hohepriester – das ist doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dachte der Dunkelelf.
Vor allem kam es ihm – er war schließlich selbst ein Hohepriester Tyrs – so vor, als rollten sich alle seine Krallen allein bei dieser Vorstellung hoch.

Ra'thir dachte an den Auftritt mit Desther Indelayne zurück, nachdem die Wesen, die der Magier Khelben Arunsun aus Tiefwasser nach Niewinter geschickt hatte, aus dem Gebäude, in dem sie sich aufhielten, verschwunden waren. Darin hatte er sowohl Lady Aribeth als auch ihrem Herzblatt Fenthick Moss, sie eine Paladina Tyrs, er immerhin der Hohepriester Tyrs in Niewinter, unterstellt, sie vernachlässigten mit ihrer Liaison ihre Pflichten gegenüber Niewinter. Diese Auffassung konnte der Tiefling beim besten Willen nicht teilen, zumal er genügend Gelegenheit gehabt hatte, Aribeth de Tylmarande richtig kennenzulernen. Schließlich lag ihr das Wohl Niewinters sehr wohl am Herzen.
Daß man ihre Opferbereitschaft jetzt mit den Füßen treten wollte... gar nicht auszudenken, was das alles hervorrufen konnte! Die Enttäuschung über ein begangenes und nicht geahndetes Unrecht hatte schon so manche gute Person zu Fall gebracht und auf die Seite des Bösen getrieben, und selbst Paladine waren nicht davor gefeit.
Insofern galt es hier, die Katastrophe abzuwenden.
Unwillkürlich mußte der Dunkelelf an seine erste Begegnung mit der Halbelfe denken, nachdem er sich eigenmächtig Zutritt zu Niewinter verschafft hatte. Schließlich war der Heulende Tod eine Notsituation, und der Priester wollte sich nicht einfach aussperren lassen, wenn er helfen konnte.
Da hatte er sich kurzerhand auf seine angeborenen magischen Fähigkeiten konzentriert, eine Sphäre undurchdringlicher Dunkelheit heraufbeschworen und über die Torwächter gelegt, woraufhin er unbehelligt über die Stadtmauer hatte schweben können. Während die Torwächter außerhalb der Stadt, eine Reihe übelster Verwünschungen von sich gebend, die Dunkelzone zunächst einmal verlassen mußten, war der Tiefling schon längst auf der anderen Seite gelandet.
Kurz darauf war Stadtwache auf der Bildfläche erschienen, die ihn zunächst einmal in den Tempel des Tyr verfrachtet hatte.
Dort war es dann zu jener Begegnung mit der halbelfischen Paladina, welche zunächst nicht hatte glauben wollen, daß ausgerechnet ein Tiefling der Stadt zu Hilfe kommen wollte, gekommen. Allerdings war es ihm sehr schnell gelungen, diese davon zu überzeugen, daß er in der Tat nichts Böses wollte, und als er ihr erklärt hatte, was er genau war, hatte sie sich höchst verwundert gezeigt.
Das war letztenendes seine Eintrittskarte in die Akademie Niewinters gewesen.

Ein Schmunzeln stahl sich auf das Gesicht des Tieflings, als er an das Ereignis zurückdachte. Es war immer wieder erheiternd zu beobachten, wie manche Personen auf etwas Ungewöhnliches reagierten. Insbesondere bei den Einwohnern Niewinters hatte er sehr schnell festgestellt, daß sie, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, recht schnell mit Vorurteilen zur Hand waren – etwas, das Ra'thir am eigenen Leibe hatte erfahren müssen. Umso größer war letztenendes die Verwunderung bei den Bürgern, als sie erfuhren, was er alles in Bewegung gesetzt hatte.
Von daher wunderte sich der Hohepriester nicht ob der Entwicklung, die sich jetzt ergeben hatte, jedoch hatte er nicht vor, dabei tatenlos zuzusehen.

Zu ihrer großen Erleichterung fanden sie das Tor zum Schwarzseeviertel geöffnet vor.
„Gut, daß Ihr kommt,“ sagte der Torwächter, als er den Tiefling erkannte. „Lord Nasher erwartet Euch bereits auf dem Hauptplatz.“
Der Dunkelelf stoppte. Anscheinend wollte man Fenthicks Hinrichtung nicht ohne ihn stattfinden lassen.
„Wißt Ihr etwas Genaues,“ wollte er wissen.
„Scheint so, als hätte es in dem Klerus Tyrs einen Verräter gegeben, der jetzt aufgeknüpft werden soll,“ sagte der Wächter mit einem Anflug von Enttäuschung. „Nur zu schade, daß ich nicht dabei sein kann, wenn es den Lumpen ins Jenseits befördert!“
Entsetzt schauten Ra'thir und Aribeth sich an. Das kann doch wohl nicht wahr sein, dachte er schockiert. Sind die jetzt völlig übergeschnappt?
„Gibt es denn überhaupt irgendwelche Beweise für diese Anschuldigung,“ hakte der Tiefling nach, wobei sich sein Schwanz steil aufrichtete.
„Dazu müßt Ihr Lord Nasher schon befragen.“
„Keine Sorge, das werde ich,“ knurrte Ra'thir so leise, daß nur die Paladina es hören konnte, und lief erneut los.

Es dauerte keine zwei Minuten, dann kamen sie auf dem zentralen Platz des Schwarzseeviertels an, auf dem sich bereits eine größere Menschenmenge versammelt hatte und die wiederholt „Tod dem Verräter“ skandierte.
Etwas weiter hinten war ein Galgen aufgebaut, der auf sein nächstes Opfer wartete, und Fenthick Moss, der hiesige Hohepriester Tyrs, befand sich bereits oben, flankiert von zwei Angehörigen der Stadtwache. Daneben wartete bereits der Henker, ein grobschlächtiger, muskulöser Kerl, der eine Art Spitzhaube mit zwei Löchern, durch die man seine Augen sehen konnte, trug. Allerdings wollte der Ausdruck, der in diesen kalten, blauen Augen zu sehen war, dem Tiefling überhaupt nicht gefallen...
Vor dem Galgen warteten bereits Fürst Nasher und der oberste Richter Niewinters, der Priester Oleff Uskar.
Das wird noch interessant, dachte Ra'thir und wandte sich an Aribeth.
„Was hier auch immer geschehen soll, werde ich verhindern,“ versprach er. „Einigen Leuten mag zwar das Rückgrat fehlen, um eine ungerechte Forderung abzuweisen, doch ich werde die garantiert nicht damit durchkommen lassen!“
Die Paladina nickte. „Ich weiß,“ sagte sie leise. „Danke.“
„Tut Ihr mir bitte nur einen einzigen Gefallen,“ sagte Ra'thir deutlich milder. „Verliert bitte Euren Glauben an die Gerechtigkeit nicht!“
 
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