Nicht-in-die-Tasche-passen-Monster

von Regulus
GeschichteAbenteuer / P16
Detritus Frederick Colon Grinsi Kleinpo Karotte Eisengießersohn Nobby Nobbs Sir Samuel Mumm
10.01.2010
11.12.2010
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10.01.2010 1.423
 
Von dort, wo sich in der letzten Nacht die tönernen Zähne der Riesenschlange in Mumms Bein gebohrt hatten, zog sich ein subtiler Schmerz die Wade hoch und bis in den Oberschenkel. Beleidigt pochend, weil der Kommandeur der Wache statt im Bett zu bleiben, schon wieder unterwegs war, sorgte er dafür, dass dieser sich nur auf eine Krücke gestützt fortbewegen konnte und ihm jeder Schritt dieses Tages unvergesslich in Erinnerung blieb. Er verfolgte ihn, als er das Bett verließ und auch, als er zum Mittagessen ging. Genauso war er präsent, als er sich zu rasieren versuchte und anschließend das Haus verließ, um bei den Sumpfdrachen vorbei zu schauen, denn er musste Sybil sagen, dass er jetzt ging, nein, humpelte, nun, wie auch immer. Ebenso war er da, als er die Straßen zum Palast des Patriziers entlang ging, statt die bequeme Kutsche zu nehmen und sich krank zu fühlen.(46) Auch war er da, als er über den Hof schritt, vorbei an Trollen, die rote, gelbe, blaue, grüne und rosa-orange-violett-getüpfelte Tonfiguren zusammen trugen und zu großen Bergen auftürmten. Für einen Moment ließ er von ihm ab, als er auf dem Stuhl vor dem Büro des Patriziers Platz nahm, nur um bald darauf zurückzukehren und seine wohlverdiente Ruhe einzufordern.
Mumm legte den Kopf in den Nacken und atmete tief ein und aus. Es gelang ihm nicht recht, wieder zu Atem zu kommen. Das lag vielleicht an der Uhr.
Tick
Tack
Tick
Tack
TickTickTick
Tack
Tick
Tack
...Tick
Tack
Tack(47)

Nachdem, was er glaube, dass es eine halbe Stunde war - die Uhr über der Tür sagte ihm gerade, dass es um Zwei war und auch die Taschenuhr, die die Wache ihm vor seiner Beförderung zum Kommandeur geschenkt hatte, sagte dasselbe, aber ganz trauen tat er dem Frieden nicht, stand er auf, klopfte an und trat ein.

Der Patrizier sah auf.
Zweifelsohne studierte er gerade die Berichte, die Mumm ihm geschrieben hatte, bevor Sybil ihm angedrohte, ihm den Sumpfdrachen Gifticus vom Zehnbeißer unter die Bettdecke zu legen.(48)
"Ah, Mumm, setze dich doch."
"Ja, Herr."
Mumm salutierte, so gut er es konnte, wenn er sich an eine Krücke klammerte und zwanghaft versuchte, nicht umzufallen. Seine Augen brauchten einen Moment länger, um den gewissen Punkt, eine Handbreit von Vetinaris Kopf entfernt, zu fixieren, als üblich. Dennoch nahm sich sein Blick fest vor, sich von diesem Punkt nicht mehr abzuwenden, bevor diese Unterredung beendet war.

"Ich bin erfreut zu sehen, dass es dir gut geht, Mumm", sagte der Patrizier und beide kamen stumm zu der Übereinkunft, dass es eine höfliche Lüge war. Denn die Sachlage war simpel: Es ging Mumm nicht gut. Selbst Fred Colon würde sehen, dass es Mumm nicht gut ging, obwohl sich dieser gerade sein Kopfkissen vor die Augen hielt und von bissigen Kaffeetassen aus Ton faselte.
"Ja, Herr."
"Wie geht es Hauptmann Karotte, Mumm?"
"Ich denke, er schläft Herr. Nachdem wir ihn in sein Zimmer gebracht haben, war er die ganze Nacht damit beschäftigt, nicht zu sterben. Dann ging der Arzt, Herr."
Vetinari nickte verstehend. Ärzte waren eine knifflige Angelegenheit.(49)

"Der Herrn Schweiß aus der Lichterstraße scheint nicht so glimpflich davongekommen zu sein, Kommandeur."
"Ja, Herr. Es ist schwierig, glimpflich davon zu kommen, wenn der Kopf einer zwei Tonnen schweren Tonschlange auf einen fällt, Herr."
"Dem Herrn Bringbunteslicht fiel kein Kopf einer zwei Tonnen schweren Tonschlange auf den Körper und er ist dennoch nicht glimpflich davon gekommen, Kommandeur. Die beiden mochten sich nicht sehr, nehme ich an?"
"Nein, Herr. Aber die Zähne besagter Schlange haben klaffende Löcher in seinem Oberkörper hinterlassen, Herr. Bringbunteslicht und Schweiß kannten sich seit dem Kindergarten. Hatten dieselben Ideen. Stritten sich oft darüber, wer von ihnen den kleinen Maxi kopfüber in die Kerze gehalten hat. Seit der Alchemistenausbildung wurde es schlimm. Beide interessierten sich für bunte Lichter, Herr."
Vetinari nickte. Zweifelsohne eine Familientradition.
"Dabei hatten sie sich doch sogar auf zwei Läden an unterschiedlichen Lokalisationen der Stadt geeinigt."
"Die Stadt hat sich darauf geeinigt, Herr. Man dachte, die Dünste, die bei Herrn Schweiß' Kerzen entstanden, würden weniger auffallen, wenn der Ankh sie überdeckte. Darum überredete man ihn dazu, in der Freudentränenstraße einen Laden zu mieten, Herr. Wenn er keine Kunden hatte, half er Herrn Sarschnellis Schwestern oft dabei, genügend Schlamm aus dem Ankh zu schaufeln, heißt es."
"Ich denke, ich sehe den Zusammenhang, Kommandeur."
"Ja, Herr."

Der Punkt eine Handbreit neben Vetinaris Kopf schwamm ein wenig vor seinem Blickfeld, doch Mumm zwang sich dazu, nicht zu blinzeln.(50)
"Herr?"
"Ja, Mumm?"
"Wir versuchen immer noch, die Tonscherben aus der Außenwand des Wachhauses am Pseudopolisplatz zu holen, Herr."
"Ich nehme an, dass ihr dabei einiges abschlagen müsst? Putz und Farbe und so weiter."
"Ja, Herr."
"Nun, ich denke, ich bin dir dankbar, dass Du mir die Trolle aus der Wache geliehen hast, Kommandeur."
"Ja, Herr.“
„Ich dachte, ein Troll spürt es weniger heftig, wenn ihm von einem wütenden Elternteil ein Knüppel mit Stacheln darin über den Körper geschlagen wird."
"Dafür spüren es die Eltern umso mehr, sollte der Troll es dennoch bemerken, Herr."

Er schluckte. Seine Augen brannten, aber es hatte einen Vorteil - dieser Schmerz schob sich vor alle anderen, die ihn gerade plagten. Nicht nur der Biss würde ihm in guter Erinnerung bleiben. Als Wilikins seine Verletzungen verband, hatte er gesagt, er könne nicht so weit zählen, wie der Herr Blutergüsse habe. Mumm hatte die dumpfe Befürchtung, dass er Recht haben könnte.

"Herr?"
"Ja, Mumm?"
"Ich habe letzte Nacht drei Leute verloren, Herr. Und der Zwerg Kettil wird den Dienst wohl kündigen, falls er aufwacht. Mit einem Bruch im Rücken geht es sich so schlecht auf Patrouille, Herr."
"Er ist weit geflogen, als er das Nicht-in-die-Tasche-passen-Monster für Korporal Kleinpo ablenkte, nehme ich an?"
"Ja, Herr. Das Nicht-in-die-Tasche-passen-Monster hat gut gezielt, Herr. Er fiel in die Fässer mit Platte, die Detritus vor kurzem konfizidiert hat. Wir kamen noch nicht dazu, sie zu untersuchen und anschließend zu entsorgen, Herr. Es ist sehr tragisch."
Vetinari nickte erneut. Mumm konnte das Lächeln des Mannes hinter dem Schreibtisch spüren, nicht sehen, da er nach wie vor den Punkt im Auge behielt(51).

"Mumm?"
"Ja, Herr?"
"Spielen Detritus und der Bibliothekar nach wie vor dieses Pfeilwurfspiel mit euch?"
"Ja, Herr. Wir werfen die Pfeile durch das Loch in der Wand und versuchen, das Kaffeegeld zu treffen, das in Korporal Nobbs Schreibtisch auf der anderen Seite der Mauer versteckt ist, Herr."

***

Mehrere Schauer krochen Mumm nachträglich über den Rücken, als die Tür zum Rechteckigen Büro hinter ihm zuschlug. Hastig blinzelte er. Und blinzelte. Und blinzelte. Irgendwann konnte er wieder mehr sehen, als nur den Punkt eine Handbreit neben dem Kopf des Patriziers. Der Flur nahm erst Farbe an, dann kamen die Konturen dazu. Er erkannte den unbequemen Stuhl, auf dem die Wartenden warten mussten, bevor sie eintreten durften. Er sah auch die Dellen in der Wand, die er dort hinterlassen hatte.
Für einen Moment überlegte er.
Dann trat er mit voller Wucht gegen die Mauer und fügte eine weitere Delle hinzu. Der Schmerz in seinem Bein trat zurück.
Doch das war egal.
Fast so etwas wie Zufriedenheit durchströmte ihn, als er davon humpelte, Richtung Wachhaus am Pseudopolisplatz.

***



(46) Was lediglich dazu führte, dass er sich krank fühlte, als er den Palast schließlich erreichte, aber er konnte sich sagen, dass es damit zusammenhing, dass er erst kurz nach Sonnenaufgang ins Bett gekommen war, nicht mit der klaffenden Wunde im Bein.

(47) Kein Mensch konnte in einem solchen Rhythmus atmen. Nicht einmal Mumm, obwohl er es zweifelsohne versuchte.

(48) Mumm wusste nicht, für wen die Drohung die Schwerwiegendere war. Ihm in die Zehe zu beißen bedeutete für den armen Gifticus eine Explosion, die er zweifelsohne nie vergessen würde. Vor allem, da es seine letzte sein würde.

(49) Patienten neigten dazu, ihnen weg zu sterben. Man konnte froh über jeden sein, der den Arzt überlebte, dann war das schlimmste in der Regel überstanden.

(50) Wenn er blinzelte, könnte es passieren, dass etwas Schlimmes geschah, während er die Augen schloss. Vor allem in diesem Büro.

(51) Dieser tanzte mittlerweile die traditionelle Ankh-Morpork-Polka, es fehlten nur die Zwerge zwischen seinen nicht existenten Beinen.
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