Der Bann

von Nikkl
GeschichteAllgemein / P12
Zanrelot
10.01.2010
10.01.2010
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Der Bann

Nachdenklich sitze ich auf meinem Stuhl in der Zentrale. Der Zauberstab in meiner Hand erinnert mich daran, dass Jemand an meiner Seite fehlt. Jemand, der mir die letzen Jahrhunderte immer zur Seite stand. Der meine Pläne ausführte und alles für mich erledigte. Jemand, der sich letzen Endes gegen mich gestellt hat. Wobei.. gegen mich ist nicht ganz korrekt. Eigentlich hat er sich gegen Jonathan gestellt. Gegen meinen Sohn, der nach so langer Zeit endlich an meine Seite zurückgekehrt ist. Und ich war Stolz darauf und tatsächlich sogar glücklich darüber. Mein Sohn war endlich wieder an meiner Seite. Für mich war es ganz selbstverständlich, dass er seinen vorherbestimmten Platz als mein Nachfolger und rechte Hand wieder einnahm. So wie ich es von vorn herein für ihn geplant hatte. Erst im nachhinein denke ich darüber nach, dass ich Matreus damit scheinbar tatsächlich ein großes Unrecht angetan habe. Er hat sich immer bemüht meinen Anforderungen zu genügen. Und tatsächlich, nachdem er mich das zweite Mal zurück in die reale Welt geholt hatte, habe ich ihn als meinen Sohn angenommen. Ich habe ihm erlaubt mich ‘Vater’ zu nennen und habe ihn meinerseits mit ‘Sohn’ angesprochen. Schließlich kam ich meine Ziel immer näher Hamburg zu beherrschen und es wurde Zeit mein Wissen und meine Künste weiterzugeben.
Ich begann ihn in die schwarze Magie einzuweisen. Und tatsächlich machte er seine Sache nicht schlecht. Er schien plötzlich wie beflügelt. Doch wahrlich konnte ich ihn nicht als meinen Sohn akzeptieren. Er war die zweite Wahl, das war mir von vorn herein klar. Wahrscheinlich auch ihm, doch er wollte es nicht wahrhaben. Er schien endlich am Ziel seiner Bemühungen angekommen zu sein.
Um so mehr muss es ihn verletzt haben, als Jonathan zurück kam. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Wortlaut, aber ich habe ihm in dem Moment recht wirsch gesagt, dass ich nie sein Vater sein werde und er nicht mein Sohn. Ich weiß, ich war immer schon hart und streng zu Matreus gewesen, doch das konnte er nur schwerlich verkraften. Wenn überhaupt. Und genau das wird der Grund gewesen sein, weshalb er sich zwischen mich und die Wächter und somit eigentlich gegen Jona gestellt hat.
Ich glaube nicht, dass seine Worte, dass er nicht mehr mein Lakai sein wird und mir nicht mehr gehorcht wirklich ernst gemeint waren. Vielleicht in dem Moment, aber nicht wirklich. Dazu habe ich ihn viel zu lange bei mir gehabt und ihm schon als Kind eingebläut, dass er mir gegenüber zu Gehorsam verpflichtet ist. Nach über 400 Jahren kann man das nicht so einfach ablegen.
Gedankenverloren spiele ich mit dem Zauberstab herum. Sollte ich Matreus verzeihen und ihn wieder aus dem Bann herausholen? Sicherlich ist es sehr unangenehm im Zauberstab gefangen zu sein und er wird mittlerweile eingesehen haben, dass er kein ebenso mächtiger Magier ist wie ich. Auch wenn er es vor kurzem geglaubt hat. Er zaubert noch immer mit dem Zauberstab, Handzauber habe ich ihm noch nicht beigebracht. Aus einfacher Berechnung.
Ich will es nicht zugeben. Nicht zugeben, dass ich tatsächlich zu solchen Gefühlen fähig bin und sie auch noch zulasse. Doch der Junge fehlt mir. Er war angenehm ihn um mich zu haben. Seiner Loyalität konnte ich mir stets sicher sein. Er würde sein Leben für mich geben, das hat er schon mehrmals unter Beweis gestellt. Vielleicht hätte ich einiges anders machen können in den letzten Tagen. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie beide als meine Kinder anzuerkennen. Einen älteren und einen jüngeren Sohn. Doch dafür ist es nun zu spät. Matreus Zorn hat sich dermaßen auf Jonathan fixiert, dass diese Lösung keinesfalls mehr in Betracht gezogen werden kann. Doch würde er sich mit seiner Rolle als Diener noch mal zufrieden geben? Vermutlich nicht. Alleine schon deshalb ist es nicht ratsam ihn jetzt zurück zu holen.
Unvermittelt spricht Jonathan mich an: “Vater, seht mal.” und dreht sich zum Monitor. Doch ich sehe nicht hin. Zu sehr bin ich in Gedanken bei Matreus. Dem jungen Mann, den ich jahrelang, jahrhunderte lang schlecht behandelt und gedemütigt habe und der mir dennoch zutiefst ergeben ist.
Als hätte er meine Gedanken gelesen fügt Jonathan an: “ Manchmal denke ich, du wünschst dir Matreus zurück.”
Natürlich hat Jonathan den Nagel auf den Kopf getroffen. Doch das könnte ich nie zugeben. Nie kann ich mir diese Blöße geben, dass ich tatsächlich Jemanden vermissen könnte. Dieses Gefühl gibt es bei mir nicht. Ich habe keine Gefühlt, abgesehen von denen der Rache, Wut und Genugtuung, dass Hamburg, und bald die ganze Welt, mir gehört.
“Nein, wie kommst du darauf? Ich habe ihn ja selbst vernichtet.”

Ich weiß genau, dass er es mir nicht wirklich abkauft. Ich glaube ja nicht einmal selbst daran. Irgendwann werde ich Matreus aus dem Bann, aus dem Zauberstab, befreien. Was ich dann mit ihm machen werde, weiß ich noch nicht. Doch ich werde nicht ungnädig sein und ihn auf alle Ewigkeit dort drin gefangen halten. Sicher wird er längst eingesehen haben, dass sein Verhalten absolut inakzeptabel war und ich es ihm nur sehr schwer verzeihen kann. Doch vielleicht wird sich bald eine Situation ergeben in der ich es verantworten kann, Jonathan und Matreus, beide, an meiner Seite zu haben.
Ich hoffe es sehr.