Sunnys großer Wunsch

von clacnova
GeschichteHumor / P12
08.01.2010
08.01.2010
3
6746
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Wie jeden Tag suchte sich die aufgehende Sonne ihren Weg durchs Märchenland, und so wie es sich gehörte, erreichten ihre Strahlen zuerst das Schloss und die kleine Stadt Bad Sägewerk. Sie wanderten weiter durch den finsteren Unterwaldt zum Knusperhaus der Hexe und kamen schließlich bei der Hütte der Sieben Zwerge an, in der fast alle Zwerge noch friedlich vor sich hin schnarchten.
Der Einzige, der schon wach im Bett saß, war Sunny. Der sonst so gut gelaunte Zwerg betrachtete die Wände und seufzte. Er war es nicht gewöhnt, vor allen anderen wach zu werden, und vor allem war er es nicht gewöhnt, dass es schon zum zweiten Mal der Fall war. Bereits gestern hatte ihn irgendetwas nicht schlafen lassen, ein komisches Gefühl, das er noch nie zuvor empfunden hatte. Es war wie ein Jucken an einer Stelle, an der man sich nicht kratzen konnte, so sehr man es auch versuchte. Sunny war völlig ratlos. Was war das nur?
Schließlich hielt er es nicht mehr im Bett aus. Vielleicht konnte ihm ja ein kleiner Spaziergang helfen. Also zog er sich an und schlich auf Zehenspitzen aus der Hütte, wobei er bei jedem Knarren zusammenzuckte. Draußen angekommen, betrachtete Sunny für einen Moment den morgendlichen Himmel, der auf einen sonnigen Tag hindeutete. Er schob die Hände in die Hosentaschen und spazierte in den Wald hinein.
Inzwischen wurden Cookie, Tschakko, Speedy, Ralfie, Cloudy und Bubi wach und begannen mit dem üblichen Morgenritual; Cookie kümmerte sich um das Frühstück, während die anderen sich noch in den Betten räkelten und ausgiebig gähnten. An diesem Morgen bereitete der Kochzwerg Haferbrei mit Äpfeln und sehr viel Honig zu. Er war sehr froh, dass er es schließlich doch geschafft hatte, den wöchentlichen Obsttag durchzusetzen. Auch wenn Tschakko und Ralfie noch immer ein wenig die Nase rümpften, wenn es Obst gab.
Nach und nach erschienen Bubi, Ralfie, Tschakko, Cloudy und Speedy in der Küche und nahmen Platz. Cookie teilte den Haferbrei aus und hielt plötzlich inne. Irgendetwas stimmte nicht, und schließlich fiel dem Kochzwerg auf, was das war.
„Hat jemand Sunny gesehen?“, fragte er. Den Zwergen entfuhr ein verblüfftes „Häh?“, bevor sie den leeren Stuhl zwischen Ralfie und Cloudy und dann einander ansahen. Einen Moment lang herrschte Schweigen, bevor alle durcheinander plapperten.
„Wo kann Sunny denn nur hin sein?“, fragte Cookie, nur um von Ralfie übertönt zu werden: „Na, woher soll ich das denn wissen?“
„Na, irgendwo muss er doch sein!“, brüllte Tschakko dazwischen und hämmerte mit beiden Fäusten auf den Tisch, dass die Teller und Becher schepperten, „Also, wo is er hin?“
„Was fragst du mich?“, brummte Cloudy mit dem üblichen Desinteresse, das allerdings dieses Mal nicht völlig ernst gemeint war – Sunny war immerhin sein Bruder, mit dem er schon das eine oder andere Abenteuer durchlebt hatte.
„Vielleischt lieschter ja noch in sein’m Bettsche.“, machte sich Speedy bemerkbar.
„Ach was, red doch nich!“, widersprach Tschakko und sprang auf, „Los, Männer, wir müssen ihn suchen!“
„Warum?“, meldete sich Bubi zu Wort, der bisher nur mit Essen beschäftigt war.
„Weil euer Kommandant das sagt.“, ordnete der Kampfzwerg an, „Also, los! Wir suchen Sunny!“
„Ja!“, riefen Ralfie, Cloudy, Speedy, Bubi und Cookie aus, ließen alles stehen und liegen und eilten nach draußen.
Eine halbe Stunde später waren die Zwerge noch immer um nichts klüger geworden. Sie hatten den Wald um die Hütte herum gründlich durchgekämmt. Cookie hatte vermutet, dass Sunny nicht weit weggegangen war. Trotzdem fehlte von dem gut gelaunten Zwerg nach wie vor jede Spur. Nun standen die anderen Zwerge auf einer Lichtung, nicht weit vom Hexenhaus entfernt, und sahen einander ratlos an.
„Und was nun?“, fragte Cookie.
„Weitersuchen!“, kommandierte Tschakko unbeirrt.
„Bringt doch nix!“, hielt Cloudy dagegen, „Vielleicht sitzt Sunny längst wieder zu Hause!“
„Ja.“, stimmte Speedy zu, „Un vielleischt wartet er ja schon.“
„Ich will auch wieder nach Hause!“, maulte Bubi, „Ich hab noch Hunger!“ Die Zwerge stimmten zu. Es konnte ja durchaus möglich sein, dass Sunny wieder zu Hause war. Und wenn nicht, konnten sie immer noch weitersuchen, wenn sie zu Ende gefrühstückt hatten.
„Halt!“, donnerte Tschakko, als die anderen sich bereits in Bewegung setzen wollten, „Wir können doch nicht noch einen verlieren! Durchzählen!“
„Eins!“, rief Cookie.
„Zwei!“, antwortete Speedy.
„Drei!“, brummte Cloudy.
„Vier!“, brüllte Tschakko. Eine Pause entstand, bis der Kampfzwerg dem neben ihm stehenden Bubi die Hand gegen den Hinterkopf klatschte.
„Fünf!“, kicherte der kleinste Zwerg.
„Sechs!“, schloss sich Ralfie an, dem plötzlich ein leises „Sieben!“ aus dem Busch neben Speedy antwortete. Der langsamste Zwerg stieß einen Schrei aus und machte einen Sprung in Ralfies Richtung.
„Der Busch kann spresche!“, stotterte Speedy entsetzt. Die anderen sahen ebenfalls beunruhigt drein – nur Tschakko ließ sich nicht ins Bockshorn jagen. Wie es sich für einen Kampfzwerg gehörte, machte er einen todesmutigen Schritt auf den Busch zu, griff hinein und zog zur allgemeinen Verblüffung Sunny am Kragen heraus.
„Sunny!“, staunten alle, während Tschakko den Gute-Laune-Zwerg wieder auf den Boden stellte, „Was machst du denn hier?“
„Ich hab ein bisschen nachgedacht.“, antwortete Sunny.
„Und worüber?“, wollte Cookie wissen. Sunny holte tief Luft und berichtete, was ihn beschäftigte. Als er fertig war, machten die andern Zwerge große Augen.
„Ein komisches Gefühl?“, wunderte sich Ralfie.
„Was dann für eins?“, fragte Speedy.
„Ich weiß es nich so ganz genau.“, musste Sunny zugeben, „Ich fühl mich ganz einfach komisch. So als hätte ich an nichts mehr Spaß.“ Die Zwerge erschraken.
„An gar nichts mehr?“, hakte Cookie nach.
„Net emmal an Zwergenhalma?“, erkundigte sich Speedy, der besonders erschüttert schien. Sunny schüttelte den Kopf und fügte hinzu, dass er bisher noch nicht dahinter gekommen war, was ihn plagte.
„Wisst ihr, ich weiß, was mit Sunny los ist!“, sagte Bubi plötzlich, nickte nachdrücklich und lächelte übers ganze Gesicht. Sofort sahen die anderen ihn gespannt an: „Und?“
„Sunny ist langweilig!“, erklärte der Kleinste der Zwerge.
„Langweilig?“, echoten die anderen Zwerge verdutzt. Dass sich Bubi langweilte, kam öfter vor. Auch bei Tschakko, Ralfie, Cloudy, Speedy und Cookie geschah es hin und wieder, dass sie an irgendeiner Tätigkeit keine Freude hatten. Bei Sunny jedoch war das noch nie vorgekommen, so lange sich die Zwerge erinnern konnten.
„Und was kann man dagegen tun?“, fragte Cookie, wie immer bestrebt, eine Lösung zu finden. Sunny zuckte mit den Schultern: „Eben das weiß ich nich. Aber irgendwie glaube ich, dass ich mal was Neues erleben möchte.“
Dieser Satz löste eine lautstarke Diskussion zwischen den Sieben Zwergen aus, die minutenlang andauerte, bis Tschakko schließlich der Geduldsfaden riss.
„Ruhe jetzt, Männer!“, übertönte er den Tumult, was ihm nicht gerade schwer fiel, „Ruhe im Glied und ab nach Hause, zack-zack!“
„Warum?“, fragte Bubi prompt.
„Weil ich det sage!“, gab Tschakko zurück, „Also los, Männer!“ Und die Zwerge machten sich auf den Weg nach Hause.

Keiner von ihnen hatte die zusammengekauerte Gestalt bemerkt, die ganz in der Nähe hinter einem Baum gesessen hatte und sich nun aufrichtete. Es war die Hexe, die auf der Suche nach Feuerholz gewesen war und dadurch alles mitbekommen hatte.
„Die Zwerge!“, zischte sie wutentbrannt, als die zipfelbemützten Freunde außer Hörweite waren, „Oh, wie ich sie hasse! Diese Monster!“ Der alte Groll stieg in ihr hoch. Einst war sie Königin gewesen! Und nun musste sie ihr Dasein in diesem kleinen, windschiefen Knusperhäuschen fristen, während die schwarzhaarige Schlampe auf dem Thron saß! Und wer hatte daran Schuld? Natürlich niemand anderes als die Zwerge! Und nun wagten sie es auch noch, sich zu beschweren! Unglaublich!
Plötzlich hielt die Hexe in ihrer Schimpftirade inne. Ihr kam eine brillante Idee.
„Wenn diese Monster unbedingt etwas Abwechslung haben wollen, dann sollen sie auch welche bekommen!“, rief sie aus und rieb die Hände aneinander. Sie hob das Feuerholz auf, raffte den Rock ihres schwarzen Kleides und lief zum Hexenhaus zurück. Dort warf sie das Holz in eine Ecke, schleppte ihr dickes Zauberbuch herbei und überflog die Seiten nach einem geeigneten Zauberspruch durch, konnte jedoch keinen entdecken. Fluchend schlug sie das Buch zu und schleuderte es in eine Ecke. Das Buch traf mit der Ecke auf das nächstgelegene Regal und riss ein weiteres Buch mit zu Boden, was eine große Staubwolke zur Folge hatte. Die Hexe stieß ein enttäuschtes Heulen aus.
„Gibt es denn keine Gerechtigkeit?“, jammerte sie, während sie sich bückte, um die beiden Bücher aufzusammeln. Dabei fiel ihr Blick auf ein loses Blatt, das aus dem oberen Buch heraus gefallen war. Sie runzelte die Stirn und begann zu lesen. Je länger sie las, desto mehr begannen ihre Augen zu funkeln. Das war genau das, wonach sie gesucht hatte. Diabolisch vor sich hin kichernd griff sie nach einem Korb und eilte wieder in den Wald. Sie brauchte jede Menge Zutaten, und dann konnte sie endlich ihre Rache bekommen!

Unterdessen hatten die Sieben Zwerge ihr Frühstück beendet und wollten ihren normalen Tagesablauf aufnehmen. Cookie kümmerte sich um den Abwasch, während die anderen Zwergenhalma und Blinde Kühe spielten. Zur großen Überraschung des Kochzwergs wollte Sunny ihm freiwillig helfen, weil er keine Lust zum Spielen hatte. Cookie hielt ihn nicht davon ab, weil er nicht sicher war, wie er am besten mit Sunnys Stimmungswechsel umgehen sollte. Wenn Bubi sich langweilte, war es das Klügste, ihn zum Spielen in den Wald zu schicken, und die anderen waren ähnlich leicht wieder zu beschäftigen. Tschakko beispielsweise brauchte man dann einfach nur eine Denkaufgabe zu stellen. Oder bei Ralfie half es immer, ihn zum Holzholen zu schicken. Aber was sollte man in Sunnys Fall tun?
So verging der Tag, und nach dem Abendessen legten sich die Zwerge zu Bett. Schon bald herrschte in der Schlafstube ein seliger Friede, denn Brettspiele spielen machte müde. Nur Sunny tat sich mit dem Einschlafen sehr schwer. Denn nun, da er wusste, was mit ihm los war, wollte er diesen Zustand so schnell wie möglich ändern. Nur, wie sollte er das machen?
Vorsichtig lauschte er in die dunkle Schlafstube hinein und hörte auf das unterschiedliche Schnarchen seiner Mitzwerge: das raue, hastige Schnarchen von Tschakko, das hohe, einem Kichern sehr ähnliche Schnarchen aus Bubis Bett, das gleichmäßige Atmen von Cookie, das tiefe, sägende Schnarchen von Ralfie und das lang gezogene, etwas zeitversetzte Schnarchen von Speedy. Cloudys brummiges Schnarchen war nicht zu hören, also musste der Schlechte-Laune-Zwerg noch wach sein.
„Pst!“, flüsterte Sunny laut, „Cloudy?“ Stille und das mehrstimmige Schnarchen antwortete ihm. Also versuchte Sunny es noch einmal: „Cloudy? Schläfst du?“
Minuten verstrichen, bevor Cloudy antwortete: „Ja. Ich schlaf schon.“
Sunny runzelte für einen Moment die Stirn und fragte dann: „Wirklich?“ Sein Bruder schnaubte verächtlich: „Nein, leider. Was willst du denn?“
„Glaubst du, es passiert wirklich mal was Neues?“, meinte Sunny, „So was richtig Aufregendes?“
„Was weiß ich?“, brummte der Ältere der beiden Brüder, „Ist mir aber auch egal.“
„Aber Cloudy, wär das nich toll?“, fuhr Sunny unbeirrt fort, „Wenn wir mal was ganz Neues erleben können?“
„Ja, ja, ja.“, antwortete Cloudy, dem das Geplapper seines jüngeren Bruders ziemlich auf die Nerven ging, „Kling alles super. Und jetzt schlaf endlich.“
„Okay.“ Sunny kuschelte sich unter die Decke, zog sie bis zum Kinn hoch und seufzte leise. Doch da war noch etwas, das ihm keine Ruhe ließ, und so rief er seinen älteren Bruder erneut beim Namen. Cloudy knirschte mit den Zähnen und erwog kurz, sich schlafend zu stellen und es zu ignorieren. Aber er ahnte schon, dass Sunny dann erst recht keine Ruhe geben würde. Also fragte er: „Was denn noch?“
„Was soll denn passieren?“, wollte Sunny wissen.
„Wie meinst du das?“, erkundigte sich Cloudy verwirrt.
„Na ja, was würdest du dir wünschen, Cloudy? Wenn du dir aussuchen kannst, was passieren soll, meine ich.“
Cloudy brummte etwas, das Sunny nicht verstehen konnte. Dann setzte sich der schlecht gelaunte Zwerg auf und drehte sich zu Sunny um.
„Ich weiß nicht, was ich mir wünschen würde.“, flüsterte Cloudy energisch, „Darüber denk ich nicht nach. Das Leben passiert nun mal, Sunny.“
„Ach so.“, gab der Gute-Laune-Zwerg zurück, „Dann gibt’s also gar nix, was du dir wünschst?“
„Doch!“, meinte Cloudy und verdrehte die Augen, „Im Moment würde ich gern endlich schlafen. Was aber nicht geht, weil du mich nicht lässt!“
„Tut mir Leid.“, flüsterte Sunny, „Aber ich krieg diese komische Sache einfach nich aus’m Kopf.“ Cloudy seufzte.
„Morgen ist ein neuer Tag, Sunny.“, sagte er, „Und da sieht die Welt bestimmt schon ganz anders aus. Also schlaf endlich, okay?“
„Okay.“, flüsterte der Jüngere der beiden Brüder, „Gute Nacht, Cloudy.“
„Nacht.“ Damit verstummte der ältere Bruder, und nur wenig später mischte sich sein Schnarchen in das der übrigen Zwerge.
Sunny blieb noch einen Moment wach, sah aus dem Fenster auf den sternklaren Himmel und kam zu dem Schluss, dass Cloudy vielleicht Recht hatte. Möglicherweise sah die Welt an einem neuen Tag tatsächlich ganz anders aus.

Während Sunny endlich zur Ruhe fand, kam die Hexe wieder zu ihrem Knusperhaus zurück und war guter Dinge. Sie hatte jede Zutat finden können, die sie zu dem Rezept benötigte. Sie brachte unter ihrem Kessel ein Feuer zum Brennen und studierte das Rezept.
„Also...“, sprach sie zu sich selbst, „Man nehme: ein Teil Hexenkraut, zwei Teile giftigen Nachtschatten, drei Teile Wurmwarz und lasse es kochen.“ Nach und nach fügte sie unter Rühren ein Dutzend weitere Zutaten hinzu, die eine dickflüssige, violett schimmernde Brühe ergaben. Die Hexe rührte ein weiteres Mal um und sprach die Zauberformel: „Omni Suminaru Suminarum Warwan. Warwan Omni Sabai Sabai.“
Nachdem sie diese Worte dreimal wiederholt hatte, stieg aus dem Kessel eine dichte Wolke auf die lila schimmerte. Sie verdichtete sich immer mehr, bis sie die Form eines langen Mantels mit Kapuze angenommen hatte. Im Innern der Kapuze leuchteten rote Augen. Das Geisterwesen verneigte sich vor der Hexe.
„Was wünschst du von mir, Gebieterin?“, fragte es mit einer Stimme, die einem Windhauch glich.
Review schreiben