Neytiris Leid

von Myranda
GeschichteDrama / P12
07.01.2010
07.01.2010
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Disclaimer:

Alles gehört James Cameron und mir gehört nichts ;-). Ich habe mir die Charaktere nur ausgeliehen und verdiene mit dieser Geschichte kein Geld.
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Neytiris Körper bewegte sich mechanisch. Er tat, was er eben gelernt hatte, zu tun. Neytiri nahm nicht wahr, wohin sie ging, ob sie rannte, sprang oder schwamm. Zu groß war der Schock über den Verlust, den sie soeben erlitten hatte, zu allmächtig der Kummer, welcher ihr Herz erfüllte und drohte, es auseinanderzureißen. Vielleicht hatte er es bereits zerrissen?

Lautlos rannen Tränen über Neytiris Gesicht, aber kein Schluchzen, kein Laut kam über die Lippen der jungen Na`vi. Ihr Schmerz war zu lähmend, als dass sie ihm auf diese Weise hätte Ausdruck verleihen können. Statt dessen fraß er in ihr wie ein Virus, zerstörte mit jeder Minute einen weiteren Teil von Neytiris Seele.

Es war zuviel. Erst der gewaltsame Tod ihres Vaters, dann die brutale Zerstörung ihres Lebensraums durch die Eindringlinge, welche noch mehr Todesopfer gefordert hatte.

Und nun Jake. Das Ritual hatte sich so vielversprechend angelassen. Jakes Geist schien in seinen Avatar übergetreten zu sein, sein menschlicher Körper hatte bereits leblos und still dagelegen und die Augenlider des Avatars hatten begonnen, sich zu bewegen. Doch von einem Moment auf den anderen hatte die Bewegung gestoppt. Mit wild klopfendem Herzen hatte Neytiri sich wieder dem menschlichen Körper zugewandt, gleichzeitig fürchtend und hoffend, Jakes Geist sei wieder in den Ursprungskörper zurückgezogen worden. Das hätte einen Fehlschlag des Rituals bedeutet, man hätte einen neuerlichen Versuch unternehmen müssen- und mit jedem Versuch wurde die Kraft der Beteiligten schwächer, die Erfolgsaussichten geringer und die Gefahren größer. Aber es war noch viel schlimmer gewesen. Jakes Geist war nicht in seinen Menschenleib zurückgekehrt, sondern hatte sich heimlich, still und leise davongemacht. Wie ein Blatt im Wind. Er hatte den Übergang nicht geschafft.

Neytiri hatte steif vor Trauer und Agonie zwischen den beiden, allmählich erkaltenden Körpern ausgeharrt- dem so armselig verkrüppelten menschlichen Körper, welcher Jake mehr ein Gefängnis gewesen war, und dem Avatar, in welchem sein neues Leben hatte beginnen sollen.

Neytiri hatte jegliche Hilfe ihres Volkes brüsk zurückgewiesen. Es war kein Raum für Worte, kein Raum für Trost gewesen. Sie hatte allein sein wollen und war davongerannt, hinein in die farbenfrohe Wildnis des pandoranischen Dschungels.

Schließlich fand sie sich auf dem höchsten Berg Pandoras wieder. Sie hatte aufgehört zu weinen. Sie ließ sich auf den Felsen nieder und blickte hinab in die schwindelerregende Tiefe. Bei klarem Verstand wäre Neytiri niemals so hoch hinaufgeklettert.

Hier oben, weit weg von den anderen Mitgliedern ihres Volkes, wurde Neytiri ihre plötzliche Einsamkeit mit überwältigender Deutlichkeit bewußt. Jake lebte nicht mehr. Der Mann, mit dem sie ihr Leben hatte teilen wollen, den sie geliebt hatte, von dem sie Kinder hatte empfangen wollen, war tot. Die endgültige Erkenntnis bahnte sich mit der brachialen, spitzen, brennenden Gewalt eines Blitzes ihren Weg in Neytiris Herz und ließ sie laut und langgezogen aufschreien. Die Tränen flossen wieder, heiß und schmerzhaft.

Sie erhob sich und sah mit tränenverschleierten Augen erneut in den Abgrund vor sich. Dann breitete sie beide Arme aus wie Flügel, schloß ihre faszinierenden Augen und ließ sich fallen. Kurz war sie versucht, ihren Ikran zu rufen, doch sie unterließ es. Neytiri wollte nicht mehr länger leben.

Es gab nichts mehr für sie.