Fünf Minuten vor der Zeit

von Mathilda
GeschichteAbenteuer / P12 Slash
Deutschland Italien Preussen
07.01.2010
07.01.2010
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Winter. Gilbert hasste den Winter. Jedes Jahr schickte ihm Russland aus purer Bosheit kontinentale Kälte nach Berlin.
Grummelnd wandte er den Blick vom Fenster ab und setzte sich raschelnd auf.
Neben ihm im Bett lag Ludwig und schlief, was auch nicht wunderlich war, denn  der Wecker würde erst in fünf Minuten schellen.
Nicht dass Gilbert einen Wecker benötigen würde, er war viel zu wunderbar um zu verschlafen.
Während sich Gilbert aufsetzte,  drehte sich sein Bruder noch einmal die auf die andere Seite, was ein seltenes echtes Lächeln auf die Lippen des Preußen zauberte.
Er zauste seinem „Kleinen“ durch die noch ungegelten Haare, dann erhob er sich und tappste, sich den Schopf kratzend, ins Bad.

Die kalte Dusche tat ihr übriges, den letzten Schlaf aus Gilberts Augen zu spülen. Als er den Wecker im Nebenzimmer klingeln hörte, stieg er gerade aus der Dusche  und griff nach einem Handtuch, kaum eine halbe Minute nachdem der Wecker verstummt war, tauchte Ludwig verschlafen in der Badezimmertür auf. Er erwiderte den Guten-Morgen-Gruß des Preußen nicht, doch dieser nahm es ihm nicht übel.
Im Gegenteil, es machte ihn fast ein bisschen stolz, dass  er einer der wenigen, ja vielleicht sogar der einzige war, der wusste dass sein jüngerer Bruder in Wahrheit ein fürchterlicher Morgenmuffel war. Jener war nur zu stolz und zu vernünftig,  es zu zeigen.
Aber ein Bruder war schließlich nicht irgendwer, zumal ein so unglaublich fantastischer, wie Gilbert es war.
Obwohl, er zugeben musste, dass seine Erziehung bei Ludwig auch nicht völlig am Ziel vorbei gelaufen war, jener war ja auch ziemlich klasse. Die Zahnbürste im Mund  beobachtete Gilbert über den Spiegel oberhalb des Waschbeckens, wie sich sein Bruder aus seinem Unterhemd und der Shorts schälte, die er nachts getragen hatte, um ebenfalls unter die Dusche zu gehen.
Nun, natürlich nicht so über alle Maße großartig, wie er selber, aber Ludwig hatte schon seine Vorzüge.
Er war verlässlich, er ertrug mit Engelsgeduld Gilberts Launen und Scherze und vielleicht er sogar ein bisschen hübsch…Besonders, wenn er wie jetzt die Haare mal nicht nach gestriegelt und mit viel zu viel Gel festgeklebt hatte,  sondern sie ihm leicht verstrubbelt in die Stirn hingen.
Sich die Zähne schrubbend stellte er fast ein bisschen enttäuscht fest, dass der Duschvorhang kurz darauf den anderen verdeckte, was er zum Anlass nahm sich zu beeilen.
Das stubenkükengelbe Handtuch, welches er bis zu diesem Zeitpunkt um die Hüfte geschlungen hatte, landete im Wäschekorb, den Weg vom zum Kleiderschrank im Schlafzimmer konnte er auch ohne „so“ zurücklegen.
Die Kleidung war schnell ausgesucht, auch wenn der Preußen unbenommen ein wenig eitel war, so legte er doch nicht viel Wert darauf, welche Kleidung ertrug, solange sie den klimatischen Bedingungen angepasst, sauber und praktisch zu tragen waren.

Er war fünf Minuten vor Ludwig in der Küche und hörte diesen noch im Zimmer rumoren, während er selbst die Hunde fütterte und die Kaffeemaschine in Betrieb nahm.
Bei einem Blick in den Kühlschrank nahm unwillig zur Kenntnis, dass schon wieder dunkle Haare in der Butter waren.
Er hatte ja nun wirklich überhaupt nicht gegen Feliciano, im Gegenteil er fand durchaus amüsant, aber die ständige Anwesenheit und vor allem dessen hinterlassene Unordnung nervte Gilbert. Wie schaffte es der Norditaliener ständig Haare in ihrem Essen, ihrem (!) Bett, dem Bad und in Gilberts Haarbürste zu hinterlassen.
Gilbert schimpfte leise und zupfte das Haar aus dem Butterstück, dann stellte er dieses auf den Tisch. Er wäre schade um die schöne Butter, wenn er nur wegen einem einzigen italienischen Haar weggeschmissen hatte. Da war er dann doch ein bisschen zu geizig für. Gerade Essen fand er war mit einer gewissen Sorgfalt, Sparsamkeit und Respekt zu behandeln.
Er wusste schließlich was es hieß nichts zu beißen zu haben.
Und weder er noch Ludwig waren sonderlich zimperlich, wenn es um Essen ging. Sie waren zwar nicht völlig bar jeden Geschmackssinnes, wie Alfred und Arthur, aber Sie waren auch keine exquisiten Feinschmecker, wie zum Beispiel Francis oder Japan.

Zehn  Minuten nach Sechs betrat auch sein kleiner Bruder die Küche und angelte gleich im Schrank nach seiner Kaffeetasse. „Sprich mich nicht vor meinem dritten  Kaffee  an!“ verkündete die Sprechblase, die darauf gedruckt war.
Gilbert hielt sich daran, ein verschlafener kleiner Bruder war zwar süß, wenn man ihn reizte, konnte er aber auch ziemlich gefährlich sein. Da hielt er doch lieber den Mund und musterte seinen Gegenüber, welcher sich gerade an den Tisch setzte.
Es war eine gute Stille die im Raum lag, eine friedliche, nur durchbrochen durch das knackende Geräusch, welches die Hunde von sich gaben, während sie ihr Trockenfutter kauten.
Gilbert stützte das Kinn in die eine Hand und ließ mit der anderen erst in seine eigene, dann in die Tasse seines Bruders je zwei Stücke braunen Kandiszucker plumpsen.
Ludwig faltete das Ende der dunkelblauen Krawatte die er trug ein paar Mal, strich es glatt und steckte es in die linke Brusttasche seines makellos weißen Hemdes, damit er sie nicht versehentlich in sein Essen hängen ließ.
Er strich sich über die glatt nach hinten gegelten Haare, während er seinen Kaffee umrührte und die Zuckerstückchen leise gegen die Tassenwand klimperten.
Gilbert wandte einen Moment den Blick von seinem Bruder ab um sich eine Scheibe graues Brot mit Butter und Marmelade zu beschmieren.
Es hatte wohl keinen Sinn Ludwig zu sagen, dass diese Frisur ihn aussehen ließ, wie ein schmieriger Mafioso. Abgesehen davon dass Mafiosi italienisch war und dieser dumme Bruder alles, was italienisch war zu mögen schien, wäre er auch viel zu stur und stolz gewesen, es auf Gilberts Anraten hin zu ändern.

Der Preuße biss in sein Brot, um ein Laut des Unmutes zu dämpfen, warum konnte er selbst von Ludwig nicht mit genau derselben Hochachtung betrachtet werden, wie Feliciano?
Dabei war dieser doch viel dümmer, schwächer, unwissender und einfach nicht so toll wie er selber!
Warum sah das Ludwig nur einfach nicht?
Er war doch immer da gewesen! Seit sein kleiner Bruder noch klein und hilflos gewesen war, war er immer direkt in dessen Umfeld gewesen.
Wie konnte dieser ihn da übersehen?
Es war nicht das er von dem Blonden große Dankbarkeitsbekundungen erwartete, das passte nicht zu ihnen.
Von jedem anderen wollte er gepriesen, gefürchtet und bewundert werden, aber sein Bruder?
Ludwig sollte nicht so sein, der war nicht der Typ für sowas und das „Preisen einer Nation“ war für ihn sowieso mit schlechten Erinnerungen besetzt.
Diese Bescheidenheit, die durchaus nicht immer da gewesen war, machte ihn für den Preußen gerade zu etwas besonderen.
Aber er wollte gesehen werden, wollte etwas Besonderes für ihn sein, gesehen als jemand der Ludwig immer versucht hatte zu stützen und zu schützen.
Der selbst daran glaubte, dass sie zusammen gehörten, als sein Bruder schon glaubte, ihre Trennung wäre ein Faktum.

Die Uhr im Nachbarzimmer schlug halb sieben, als die Beine von Ludwigs Stuhl auf den Küchenfliesen kratzen und Gilbert aus seinen Gedanken rissen.
Er verzog angeekelt das Gesicht als er einen Schluck aus seiner Tasse nahm. Der kalte Kaffee schmeckte scheußlich.
Schnell stand er ebenfalls auf, schüttete den Inhalt der Tasse in den Ausguss und begann dann Abwaschwasser in die Spüle laufen zu lassen.
Aus den Augenwinkeln, sah er wie sich Ludwig zum Regal an der gegenüberliegenden Zimmerwand schritt und dort ein Geschirrtuch vom Haken nahm.
Er biss sich leicht auf Lippen, als sein Blick den Rücken Abwärts zu dessen perfekt sitzender, meisterlich gebügelten Hose glitt.
Dann drehte er sich schnell wieder um und drehte den Wasserhahn aus, damit das Becken nicht zu voll lief.
West hatte schon diesen dussligen Italiener an den Hacken kleben, da brauchte er sicherlich nicht noch einen liebeskranken Bruder, der ihm hinterher lief.
Gilbert griff nach dem ersten Teller und begann diesen zu säubern, er musste nicht umdrehen um zu wissen, dass Ludwig hinter ihm stand, um das saubere Geschirr in Empfang zu nehmen und abzutrocknen. Sie waren eben ein eingespielten Team.
Fünf Minuten bevor Ludwig mit Abtrochnen fertig war, ließ Gilbert das Wasser aus dem Spülbecken und wischte sich die nassen Hände an der Hose ab.
Der Preuße pfiff nach den drei Hunden und ging in den Flur um sich seine Jacke über zu ziehen.
„Sei bitte um acht spätestens wieder da, wir müssen uns noch um diese Kundus-Sache austauschen.“  hörte er die  immer etwas ruppig klingende Stimme seines Bruders, ehe er mit den Tieren das Haus verließ und die Tür hinter sich schloss.

Als er mit einer Tüte Einkäufen und drei ausgepowerten, hechelnden Fellklumpen auf dem Fuße folgend in das die Tür aufschloss, saß sein Bruder wohl schon am Schreibtisch.
Man hörte aus dem Arbeitszimmer das Rascheln von Papier und das Knarzen des Bürostuhls, wenn sich Ludwig bewegte.
Gilbert seufzte, manchmal war ihm sein Bruder fast schon ein bisschen zu pflichtbewusst. Er war so selten einfach er selbst, dass es manchmal unheimlich war.
Natürlich wusste er nur zu genau, wer Ludwig dieses Verhalten gelehrt hatte. Wer  hätte dem jungen Nationalstaat denn damals die preußischen Tugenden beibringen sollen, wenn nicht das unvergleichliche Preußen.
Den Gedanke, dass die übrigen Nationen heute nur noch von „deutschen Tugenden“ sprachen, wo ER es doch erfunden hatte, unterdrückte er schnell wieder.

Von Zeit zu Zeit trauerte er seiner Eigenständigkeit ein bisschen nach, besonders wenn ein nicht unbekannter Norditaliener zu Besuch war…Gilbert hatte es gerne laut und ereignisreich, er hasste Langeweile.
Und zugegebener Maßen war Feliciano durchaus kurzweilig, aber er hasste den Blick seines Bruders, wenn dieser den fröhlichen Jungen vom Mittelmeer ansah.
Er hasste, dass er, der bar jeglichen Vergleich famose Gilbert, auf das Sofa verbannt wurde, damit Feliciano im Bett schlafen konnte.
Ja, dann wünschte es sich oft einfach  die Tür aufmachen und in sein Eigenes Haus gehen zu können.
Er mochte es in der Nähe seines Bruders zu sein, aber er wollte nicht einfach nicht in der „Da“ sein. Ludwig sollte seine Anwesenheit, seine Wichtigkeit und Unersetzlichkeit bemerken. Er wollte spüren, dass er und NUR er gebraucht wurde...nicht dieser hirnlose Pizzamensch.

In Gedanken versunken, nahm Gilbert nur beiläufig war, wie seine Füße ihn zum Arbeitszimmer trugen.
Erst als er im Türrahmen stand, wurden die düsteren Gedanken durch ein gelbes Federvieh zur Seite gedrängt. Tschilpend flatterte das  Küken vom dem Haufen Unterlagen auf, die es zuvor unsanft mit dem Schnabel bearbeitet hatte.  
Während er spürte, dass sich winzige Vogelfüße in seine Haare gruben, trat er näher und begutachtete das „Nest“, welches sich sein Haustier aus Papieren gebaut hatte.
Er seufzte leise und warf einen Blick zu Ludwig, welcher den Kopf auf die Unterarme gebettet halb auf dem Stuhl saß halb mit dem Oberkörper auf dem Tisch lag und schlief.
Zu viel zum hart arbeitenden, pflichtbewussten Brüderchen, dachte Gilbert bei sich und beschloss dies zu nutzen, falls sich Ludwig zu sehr über die vernichteten Formulare ärgern würde.

Die tickenden Kuckucksuhr an der Wand würde in fünf Minuten acht Mal schlagen, Gilbert versteckte das Bauwerk seines Vögelchen eilends, er würde später versuchen die Unterlagen zu ersetzen, und setzte an seinen eigenen Schreibtisch.
Er kannte seinen Bruder, der würde schon pünktlich um acht zum Arbeitsbeginn wach sein, den musste er nicht wecken.
Stattdessen begann er nun seinerseits zu arbeiten, er wusste schließlich nur zu genau, dass sein Bruder dazu neigte sich in zu viel Arbeit zu verfransen. Da war ein großer der Bruder, der ab und zu mal ein bisschen Struktur in den Stundenplan zu bringen doch nicht schlecht.
Gilbert war schon immer gut gewesen im Prioritäten Setzen und Ludwig war zwar stark und auch nicht dumm, aber er konnte doch nicht überall gleichzeitig sein und alles gleichzeitig tun.

Gerade war der letzte Kukucksruf verklungen, da sagte Gilbert ein anhaltendes Rascheln, das sein Bruder  sein Nickerchen beendet hatte.
„Du bist in Verzug, Lutzi!“ neckte er ihn ohne von seinen Papieren auf zu sehen.
„Nein, ich bin pünktlich, DU bist zu früh.“ brummte der Angesprochene und fügte leicht verspätet und wenig überzeugend hinzu „Nenn‘ mich nich‘ so.“
„Tja. Fünf Minuten vor der Zeit ist des Preußen Pünktlichkeit…“ war die fröhliche Antwort und ein betont unbekümmertes „..Lutz.“
„Ach halt doch die Klappe, Bert und geh Ernie suchen…“ grummelte es neben ihm versteckt amüsiert, Gilbert überlegte ob er erwidern sollte, dass charakterlich Ludwig doch viel eher zur Rolle des Bert passte als er, dann schwieg er aber lieber und  wandte kurz den Kopf, um seinem Bruder versöhnlich zu zu grinsen.
„Lass uns anfangen.“ ordnete sein Gegenüber an und man konnte auch bei ihm eine minimales ansteigen der Mundwinkel beobachten.
„Ich hab schon vor fünf Minuten angefangen.“ in seiner überwältigenden Eloquenz und seiner Rolle als großer Bruder stand dem Preußen nun aber auch wirklich das letzte Wort zu, wie er befand.