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Mortal Kombat: Existence

von Nemesis21
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
05.01.2010
04.04.2011
8
36.530
 
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05.01.2010 3.321
 
TEIL I




ERSTES KAPITEL: DER ANSCHLAG




Gegenwart


Hong Kong, China




Liu Kang saß in der Mitte des großen Hofes und führte seine allmorgendliche Meditation durch. Seine Augen waren geschlossen, seine Beine gekreuzt, sein Rücken gerade, ohne steif zu wirken. Seine Hände ruhten auf seinen Knien, die Handflächen nach oben gewandt. Sein Atem war langsam und ruhig. Jemand, der ihn zufällig gesehen hätte, hätte annehmen können, dass er eingeschlafen sei. Doch das war nicht der Fall. Im Gegenteil, in jenem Moment war er sich vieler Dinge bewusst, die ein anderer nicht einmal wahrgenommen hätte.

Es war noch sehr früh am Morgen, gerade eben ging die Sonne auf, und ließ den Hof aufleuchten, als wäre er ein Feld aus Gold. In ein paar Stunden würde der Hof erfüllt sein von Schülern, die begierig waren, die Kampfkunst der Shaolin zu lernen. Für das Training würden sie sich in Zweiergruppen aufteilen, und während einer von ihnen sich nur auf den Angriff konzentrierte, hatte der andere nichts anderes zu tun als sich auf effektiver Weise zu verteidigen. Alle dreißig Minuten wurden die Rollen gewechselt, um auch dem Verteidiger die Chance auf Angriff zu geben. Jemand, der untrainiert war, würde mit Sicherheit nach kürzester Zeit in Folge der Erschöpfung zusammenbrechen. Um dem vorzubeugen, erhielten die Schüler speziellen Unterricht zur richtigen Atemtechnik; außerdem lernten sie ihre innere Energie, ihren Chi, zu konzentrieren.

Wahres Können brauchte keine Anstrengung.

All diese Lektionen hat Liu Kang vor langer Zeit gelernt. Nun war er selbst ein Lehrmeister. Er überprüfte jeden Tag, ob seine Schüler die Lektionen richtig gelernt haben. Und er würde ihnen beibringen, bei jedem Angriff, den sie ausführten, einen lauten Schrei von sich zu geben, um die innere Energie im konstanten Fluss zu halten. Später, wenn die Schüler ihre Fähigkeiten ausgebaut hatten und ihre Energien richtig einzusetzen wussten, mussten sie nicht mehr schreien. Doch vorerst...

Das war genau der Grund weshalb Liu Kang seine eigene Meditation stets um diese Zeit des Tages durchführte. Es war die einzige Zeit des Tages, in der absolute Ruhe herrschte, die perfekte Zeit, um Frieden im Geist zu finden. Dies war die Zeit, in der Liu Kang all seine persönlichen Sorgen und Sehnsüchte, die stets den Weg in das Herz eines jeden Einzelnen fanden, hinter sich lassen konnte

Als Champion der vergangenen Mortal-Kombat-Turniere hatte Liu Kang nicht nur ewige Jugend erhalten, sondern wurde auch vor die Wahl gestellt, entweder auf die Erde zurückzukehren, um mehr Kämpfer für die kommenden Tourniere zu trainieren oder Prinzessin Kitana in ihr Heimatreich Edenia zu folgen, um ihr beim Wiederaufbau und Beseitigung der Schäden, die durch den Eroberungsfeldzug Shao Kahns entstanden waren, zu helfen. Liu Kang hatte seine Wahl getroffen.

„Zuhause ist, wohin das Herz gehört“, sagte einst ein alter Freund. Liu Kangs Herz gehörte der Erde. Er hat seine Entscheidung niemals bereut, doch manchmal stellte er sich vor, wie sein Leben wohl im Palast von Edenia verlaufen wäre, Seite an Seite mit einer Frau, der er sich noch immer sehr verbunden fühlte.

Das plötzliche Geräusch von flatternden Flügeln durchbrach die Stille, ein Schwarm von Sperlingen, der in einem großen Baum gesessen hatte, war aufgeflogen. Liu Kang öffnet seine Augen und blickte ihnen nach.

Als er sich umwandte, sah er, dass ein Mann am Eingang des Tempels erschienen war. Er war im gleichen Alter wie Liu Kang. Er trug ein dunkelblaues, ärmelloses Hemd und eine schwarze Hose. Auf seinem Kopf trug er einen Hut mit einer breiten Krempe, die ihn vor der starken Sonne schützte

Liu Kang stand auf und lief dem Mann entgegen. Er hatte seinen Freund und Mitstreiter in den Turnieren fast seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.

„Kung Lao!“ sagte Liu Kang. „Es ist zu lange her.“

„Da hast du wohl recht“, sagte Kung Lao. „Wie schnell die Zeit vergeht...“

Als Liu Kang ungefähr drei Armlängen von seinem Freund entfernt war, wurde er plötzlich von einem seltsamen Gefühl übermannt. Er spürte eine seltsame Aura von Kung Lao ausgehen, etwas, das darauf hindeutete, dass sein Herz von einer bösen Macht besessen war. Liu Kang hielt auf der Stelle an.

„Was ist los, mein Freund?“ fragte Kung Lao.

„Ich bin nicht dein Freund“, erwiderte Liu Kang mit fester Stimme. „Und du bist nicht Kung Lao!“

Kung Lao, oder der Mann, den Liu Kang zunächst für ihn gehalten hatte, sagte kein Wort. Stattdessen ließ er ein höllisches Grinsen aufblitzen. Sofort darauf begann sich alles an ihm zu verändern. Seine Gesichtszüge wurden strenger, sein Haar wurde länger, ein langer Ziegenbart wuchs an seinem Kinn; und sogar seine Kleider begannen sich zu verändern, sein Hut war verschwunden, er trug nun ein feuerrotes Gewand, das in vergangenen Zeiten von den Feudalherren getragen wurde. Als die Verwandlung vollendet war, war es nicht mehr Kung Lao, der vor ihm stand, sondern Shang Tsung, der bösartigste menschliche Magier, den die Erde je zu Gesicht bekommen hat.

„Du enttäuschst mich, Champion“, sagte Shang Tsung in einem sarkastischen Tonfall. „Deine Fähigkeiten scheinen nachgelassen zu haben. Ich hätte mich ohne Mühe anschleichen und dich töten können.“

Liu Kang fluchte leise, denn Shang Tsung hatte Recht. Er hätte die Präsenz des Magiers früher spüren müssen. Doch was ihm wirklich Sorgen machte, war die Tatsache, dass er es gewagt hatte, diesen geheiligten Ort zu betreten. Dies war nicht irgendein Tempel, dieser Tempel wurde vom Rat der Hohepriester geführt, die direkt den Ältesten Göttern unterstanden. Ein Akt wie der von Shang Tsung würde mit Sicherheit als Sakrileg aufgefasst werden, und der Hexer hätte mit schwerwiegenden Konsequenzen zu rechnen. Dennoch konnte Liu Kang nichts als Zuversicht in Shang Tsungs Augen erkennen. Hatte er etwas übersehen? Unterschätzte er den Magier vielleicht?

„Wie kannst du es wagen, hierher zu kommen?“ fragte Liu Kang. „Dir ist der Zutritt verboten worden!“

„Verbote kümmern mich einen Dreck!“ erwiderte Shang Tsung. „Wie auch immer, du solltest aber wissen, dass ich ein fairer Spieler bin. Also gebe ich dir noch einmal die Chance, dein Leben und den Namen des Tempels zu verteidigen. Ich fordere dich zu einem Kampf heraus!“ Nachdem er dies gesagt hatte, nahm er Kampfstellung an. Er stellte sich auf ein Bein, während er das andere Bein anhob. Seine Hände hob er hoch über seinen Kopf, die Finger dabei leicht gekrümmt.

„Du hast also tatsächlich die Unverfrorenheit, den Kranich-Stil zu verwenden?“ fragte Liu Kang „Nun gut, deine Beleidigungen werden bestraft werden!“

Shang Tsung grinste immer noch. „Wer weiß?“ sagte er „Vielleicht bist du es ja diesmal, der bestraft wird. Möge der Kampf beginnen!“



Am nächsten Tag


Tempel des „Weißen Lotus“, China




Kung Lao klopfte an die Tür, und ohne auf eine Antwort zu warten, trat er ein.

Hinter der Tür lag ein großer Raum, dessen vier Wände von Bücherregalen gesäumt waren, die bis unter die Decke reichten. Alle Regale waren vollkommen ausgefüllt. Manche der Bücher waren so alt, dass sie schon vergilbt und fast am Zerfallen war. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch, der ebenfalls mit Büchern überhäuft war. Manchmal fragte sich Kung Lao, ob der „Hüter der Bibliothek“ in diesem scheinbaren Chaos alles immer auf Anhieb fand.

Der „Hüter“ war ein alter Mann mit einer Nickelbrille und hörte auf den Namen Wang Chen. Er wurde im ganzen Orden wegen seiner Gelehrtheit geschätzt. Alle kamen zu ihm, wenn sie einen weisen Rat haben wollten, und nun brauchte Kung Lao seinen Rat.

Schon seit dem Tag zuvor spürte der junge Meister eine innere Unruhe, was dazu führte, dass er weder richtig essen noch schlafen konnte. Doch was ihn noch mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass er den Grund seiner Unruhe nicht kannte. Sie war am Morgen zuvor plötzlich aufgetreten und wollte nicht mehr weggehen. Was ihn am meisten erschreckte, war, dass er als Mitglied der Gesellschaft des "Weißen Lotus" schon in so manche heikle Situationen geraten war, die ihn weitaus weniger in Unruhe versetzt hatten.

Der Weiße Lotus war eine uralte Organisation, die irgendwann im Mittelalter gegründet worden war. Ihr Hauptanliegen war die Bekämpfung "allen Übels", was immer man sich darunter vorstellen wollte. Als Jugendlicher hatte sich Kung Lao darunter ganz einfache Verbrechen vorgestellt, wie Diebstahl, Korruption oder auch Mord. Dennoch hatte er sich gefragt, wozu eine solche Gesellschaft in den modernen Zeit noch von Nöten ist, wo es doch die Polizei und andere staatliche und private Institutionen gab, die sich darum kümmerten. Erst als er selbst in die Gesellschaft eingetreten war, hatte er die volle Wahrheit erfahren, eine Wahrheit, die alle seine Vorstellungen überstieg.

Meister Wang stand gerade vor einem der Regale und las in einem Buch, Kung Lao den Rücken zugewandt. Und doch sprach er ihn mit seinem Namen an, als der Jüngere sich ihm näherte.

„Wie kann ich Euch helfen, Kung Lao?“ fragte er, ohne sich umzudrehen.

„Woher wusstet Ihr, dass ich es bin?“

„Ich habe Euch an Eurer Gangart erkannt“, antwortete der alte Mann. Erst jetzt wandte er sich um. Er hielt seinen Kopf leicht gesenkt und betrachtete Kung Lao über die Gläser seiner Brille hinweg. „Was ist Euer Anliegen?“

„Ich verspüre eine innere Unruhe, kenne aber nicht den Grund dafür“, sagte Kung Lao.

„Und nun wollt Ihr meine Hilfe?“

„Ja, Meister Wang, wenn es Euch nicht gerade von etwas abhält.“

Meister Wang Chen ließ nur ein leichtes Brummen erklingen. Dann reichte er Kung Lao das Buch, das er in seinen Händen hielt. Es war dasselbe Buch, in dem er eben gelesen hatte. Es war ein altes Schriftwerk. Auf dem Einband standen nur zwei einsilbige Worte als Titel: „Yi Jing“.

„Versucht es damit“, sagte er.

„Meister Wang, ich fürchte, Ihr habt mich missverstanden“, sagte Kung Lao. „Ich wollte keine Wahrsagerei.“

Meister Wang Chens schmale Lippen bogen sich zu einem leichten Lächeln. „Ihr seid es, der etwas missverstanden hat, junger Freund. Ursprünglich ist das Yi Jing als ein Buch mit Lebensweisheiten konzipiert worden, die dem Menschen in der unmittelbare Gegenwart helfen soll. Erst später hat man es zur Vorhersage der Zukunft benutzt.“

„Ich verstehe“, sagte Kung Lao, bedankte sich und wollte gerade gehen, als Meister Wang ihn zurückrief.

„Ich bin noch nicht fertig“, sagte er mit der Strenge eines Lehrers, der einen ungehorsamen Schüler tadelte. Kung Lao wandte sich wieder um.

„Ich wollte Euch noch erklären, was die Grundidee des Yi Jings ist“, sagte Meister Wang Chen wieder sanfter. "Es besagt nämlich, dass es alle Dinge in zwei Lager unterteilt sind. Zum Beispiel Mann und Frau, schwarz und weiß, Sonne und Mond, Gut und Böse. Die Welt aber befindet sich im ständigen Wandel zwischen diesen Extremen, sie befindet sich also im Gleichgewicht. Nur wenn die Sonne untergegangen ist, kann man den Mond sehen, und nur wenn der Mond untergegangen ist, wird es wieder hell. Das Ziel eines jeden Menschen sollte es sein, dieses Gleichgewicht zu erhalten. Und das Yi Jing beschreibt alle Zustände des Lebens beschreiben, vom absoluten Gleichgewicht bis hin zu den chaotischsten Zuständen.“

„Aber... wenn wir gegen das Böse bekämpfen, stellen wir uns doch eindeutig auf eine der beiden Seiten“, wandte Kung Lao ein. „Wie können wir da von Gleichgewicht sprechen?“

Meister Wang Chen lächelte wieder. „Es gibt nun einmal Dinge auf der Welt, die unumkehrbar sind. Eine verdorbene Speise zum Beispiel wird nicht wieder genießbar. Wenn wir also gegen das Böse und für das Gute kämpfen, kämpfen wir für eben jenes Gleichgewicht, denn das Gute verdirbt schneller als das Böse wieder gut wird. Außerdem, wenn wir uns völlig vor dem Bösen abschotten, woher wollen wir dann wissen, ob nicht das, was wir für das Gute halten, schon längst verdorben ist?“ Er schwieg eine Weile. „Ich hoffe, dass ich Euch damit helfen konnte“, sagte er dann.

„Ich werde es Euch wissen lassen“, sagte Kung Lao und verließ die Bibliothek.

Er kehrte in seine Privatkammer zurück und begann, sich eingehender mit dem Yi Jing zu befassen. Es dauerte nicht lange, da hatte er ein Hexagramm erstellt, das die Zukunft vorhersagen sollte. Als er es dann im Buch nachschlug, bekam er unwillkürlich eine Gänsehaut. Das Hexagramm, das er bekommen hatte, hieß: "Ming Yi, die Verfinsterung des Lichts."

Doch die dazugehörigen Erläuterungen erschienen ihm mehr als rätselhaft. Was hatte das zu bedeuten? Es konnte kein Zufall sein, dass das Hexagramm exakt zu dem Gefühl passte, das er seit einigen Tagen spürte. Er befand sich in der Dunkelheit und wusste keinen Ausweg, aber wie war er überhaupt in die Dunkelheit geraten?

Plötzlich spürte er eine Präsenz hinter sich, er spürte ganz deutlich, dass noch jemand im Zimmer war. Er drehte sich um und sah Lord Raiden, den Gott des Donners und Beschützer des Erdenreiches. Wie so oft war in seinem Gesicht nicht die geringste Regung zu erkennen, doch seine Anwesenheit allein verriet bereits einiges.

„Lord Raiden! Ist es wahr, dass es eine neue Bedrohung geben wird?“ fragte Kung Lao.

„Ich fürchte, ja“, antwortete der Dommergott. „Aber wie sagt man so schön? Am dunkelsten ist es immer vor dem Sonnenaufgang.“



Zur gleichen Zeit


Irgendwo in den Vereinigten Staaten




Sonya Blade rannte die Küste des Sees entlang, an einem Punkt drehte sie sich nach Osten um, der aufgehenden Sonne entgegen. Bald darauf erreichte sie eine Stelle, an der das Wasser relativ seicht war und erst allmählich abfiel. Dort bog sie ein und rannte direkt in nächster Nähe zum Wasser weiter. Sie erhöhte ihre Geschwindigkeit und hielt sie für die nächsten fünf Minuten. Dann verlangsamte sie sich allmählich, bis sie schließlich anhielt. Sie schaute zurück und schätzte die Strecke ab, die sie zurückgelegt hatte. Fünf Meilen in einer halben Stunde, sie war in Form, nicht, dass sie jemals langsam auf ihren Beinen gewesen wäre. Während sich ihr Atem wieder beruhigte, schaute Sonya auf den See hinaus.

Sie konnte die Anstrengung ihres Laufs spüren, und ihr war heiß geworden. In jenem Moment musste sie zugeben, dass das Wasser eine durchaus verführerische Kraft auf sie ausübte. Es war eine Schande, dass sie ihre Badesachen nicht bei sich hatte. Selbstverständlich hatte sie einen Kurs als Rettungsschwimmerin absolviert, als sie noch bei der Army war, was unter anderem mit einschloss, eine Strecke in voller Bekleidung und in der kürzesten Zeit zurückzulegen. Das schlechte daran war nur, dass sie danach noch die ganze Strecke zu ihrer Hütte zurücklaufen musste, während sich ihre Sachen anfühlten, als hätte sie einen Mantel aus Blei an.

Aber auf der anderen Seite war das der letzte Tag ihres Urlaubs, und sie würde ziemlich lange keinen solchen wunderschönen See mehr sehen. Am nächsten Tag würde ihre Arbeitsschicht im Hauptquartier der Outworld Investigation Agency, kurz OIA genannt, beginnen. Dieses Hauptquartier befand sich in Alaska, und zwar unter der Erde.

Natürlich wusste sie, dass die Agency nur dank ihrer Bemühungen und denen ihres Partners Jax gegründet worden war. Sie fühlte sich auch sehr geehrt darüber, dass die Regierung sogar das Geld bereitstellte, ein neues Gebäude für das Hauptquartier zu bauen, um das Dimensionsportal, welches sich unter der Erde befand, zu beherbergen. Dennoch hatte jede Münze zwei Seiten. Jede Arbeitsperiode dauerte ein ganzes Jahr, es gab keine Ausnahmen. Das bedeutete, dass, wer auch immer gerade den Dienst anzutreten hatte, Familie, Freunde und was ihm sonst noch ans Herz gewachsen war, für ein ganzes Jahr verlassen musste. Manche sagten zwar, dass die Zeit vorüber fliege, wenn man erst einmal mit der Arbeit angefangen hatte, dennoch war es eine verdammt lange Zeit.

Sonya hatte eine Entscheidung getroffen. Sie musste einfach die Natur umarmen, solange sie die Gelegenheit dazu hatte. Sie blickte vorsichtig um sich, um sicher zu gehen, dass keine unerwünschten Beobachter in der Nähe waren. Immerhin war sie seit der Gründung der OIA eine Berühmtheit geworden, und sie konnte schon fast die Schlagzeile der Boulevardpresse vom nächsten Tag vor sich sehen:

LIEUTENANT SONYA BLADE VON DER OIA BEIM NACKTBADEN GESICHTET

Und als Untertitel würde dort stehen:

SIE SAH GLÜCKLICH AUS

Als sie sich davon versichert hatte, dass niemand in der Nähe war, zog sie sich aus. Innerhalb weniger als dreißig Sekunden lagen all ihre Kleider am Boden, und weniger als zehn Sekunden danach war sie an einer Stelle angekommen, an der sie problemlos untertauchen konnte. Das Wasser war nicht wirklich kalt, es war eisig. Innerhalb einer kurzen Zeit war Sonya in der Mitte des Sees angekommen. Hätte sie ihre Kleider bei sich gehabt, wäre sie bis auf die andere Seite geschwommen. Aber da dies nun nicht der Fall war, machte sie eine Wendung und kehrte zurück.

Als sie auf dem halben Weg zum Ziel war, geriet sie plötzlich an eine Stelle, an der eine schnelle Strömung war. Sie musste hart dagegen ankämpfen, um nicht fortgetragen zu werden. Mit einer raschen Bewegung drehte sie sich auf den Rücken, um es etwas einfacher zu haben. Aus dem äußersten Augenwinkel konnte sie erkennen, dass sie eine ziemliche Strecke von der Stelle abgedriftet war, wo sie hätte sein sollen. Sie musste all ihre Kraft aufbringen, um wieder dorthin zurückzukehren. Vielleicht war es die Verzweiflung gewesen, die ihr plötzlich neue Kräfte gab. Ohne Pause schwamm sie bis an ihr Ziel. Als sie aus dem Wasser stieg, war sie so erschöpft, dass sie sich erst einmal hinsetzen musste. Es wäre wirklich ein Jammer gewesen, wenn sie jetzt ertrunken wäre, nachdem sie den Kurs der Rettungsschwimmer als Beste ihrer Klasse abgeschlossen hatte. Aber andererseits war sie sich sicher, dass sie an diesen Tag denken würde, wenn sie wieder mal einen langweiligen Tag im Hauptquartier verbrachte. Als sie sich wieder besser fühlte schlüpfte sie schnell in ihre Kleider zurück und machte sich auf den Rückweg.

Als sie wieder auf dem befestigten Weg ankam, hörte sie jemanden ihren Namen rufen. Sie drehte sich um und erblickte Jax, der auf sie zugerannt kam.

Jax war jetzt für eine lange Zeit ihr Arbeitspartner. Sie konnte sich nicht mehr an den ersten Tag ihrer Zusammenarbeit erinnern, aber zusammen hatten sie bereits viele Bedrohungen bekämpft, auf der Erde und anderswo.

„Endlich habe ich dich gefunden“, sagte er. „Das nächste Mal solltest du eine Notiz über deine Aufenthaltsorte hinterlassen, wenn du in Urlaub gehst.“

„Das tue ich lieber nicht“, sagte Sonya. "sonst bekomme ich nie meine Ruhe. Aber jetzt bist du ja hier, nicht wahr?"

„Ja, jetzt bin ich hier“, sagte Jax. Dann bemerkte er etwas: „Hey, du tropfst!“

„Ja, ich war draußen im See“, antwortete Sonya „Ich hab' eine kleine Abkühlung gebraucht.“

„Ich verstehe. Aber wie hast du es geschafft, dass deine Kleider trocken geblieben sind?“ fragte Jax mit einer gewissen Neugierde.

„Ich hab' sie vorher ausgezogen, du Schlaukopf!“ Doch schon sehr bald bereute es Sonya, das gesagt zu haben. Auch wenn Jax sich sehr bemühte, ernst auszusehen, konnte er doch nicht gänzlich das Grinsen eines Teenagers unterdrücken, der gerade an einen schmutzigen Witz dachte.

„Oh Mann, ich bin eine solche Idiotin!“ sagte Sonya. „Wieso musste ich dir das jetzt erzählen?“

„Weil du eben ein ehrliches Mädchen bist“, antwortete Jax. „Aber keine Sorge. Ich habe mich unter Kontrolle, wirklich!“

„Ja sicher“, sagte Sonya. Sie war nicht sehr überzeugt davon. „Was war eigentlich so wichtig, dass es nicht bis morgen hätte warten können?“

Das Grinsen verschwand schlagartig von Jax‘ Gesicht. „Nun, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche willst du zuerst hören?“

„Wer will schon zuerst eine schlechte Nachricht hören?" fragte Sonya. „Also, die gute.“

„Deine Reise nach Alaska wurde abgesagt“, sagte Jax.

„Was? Wieso?“

„Und das ist die schlechte Nachricht. Es gab eine riesige Explosion im Hauptquartier“, sagte Jax. „Den Satellitenfotos zufolge wurde das Gebäude vollständig zerstört.“

„Oh mein Gott!“ sagte Sonya. Einen Moment lang schwieg sie. „Was ist mit der Crew, die gerade dort gearbeitet hat?“

„Es konnten keine Lebenszeichen mehr festgestellt werden. Wir müssen annehmen, dass sie alle tot sind.“

Für eine ganze Weile stand Sonya einfach nur da, ohne irgendetwas zu sagen. Viele Gedanken rasten durch ihren Kopf. Dann erwachte sie wieder aus ihrer Apathie. „Gib' mir eine halbe Stunde“, sagte sie „ich werde mich sofort ans Packen begeben.“

„Ich kann dich mitnehmen, wenn du willst. Mein Wagen steht gerade dahinten“, Jax zeigte mit einer Hand irgendwo in die Richtung, aus der er gekommen war. Sonya nickte.

„Übrigens, wie hast du überhaupt diesen Ort gefunden?" fragte Jax. „Das ist ja mitten im Nirgendwo!“
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