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Mortal Kombat: Existence

von Nemesis21
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
05.01.2010
04.04.2011
8
36.530
 
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05.01.2010 4.291
 
PROLOG: DER KREIS ÖFFNET SICH


7990 v. Chr. nach irdischer Zeitrechnung

Freies Reich von Edenia


Königin Sindel, eine schlanke, fast zierliche Frau, stand auf dem Balkon ihres Palastes, das sich hoch und mächtig wie ein riesiger Stalagmit über die Ebene von Edenia erhob. Mit ihren dunklen Augen blickte sie über die Brüstung. Aus der Ferne konnte sie den rauschenden Klang eines Wasserfalls hören. Weit unterhalb des verzierten Balkons leuchtete das Grasland im ersten Sonnenlicht des Tages auf.

Es war noch sehr früh am Morgen, für einen Augenblick lang kam ein kühler Wind auf und blies durch das Haar der Königin. Aber die Kälte störte Sindel nicht im Geringsten. Sie genoss es, zuzusehen, wie die aufgehende Sonne das Zwielicht der Morgendämmerung verjagte und der Welt die große Vielfalt an Farben zurückbrachte. Es gab nichts, was das menschliche Auge mehr zu erfreuen vermochte.

„Ein Reich wie aus einem Märchen“, dachte Sindel bei sich.

Sie hätte sich mehr Zeit gewünscht, um die Aussicht zu genießen. Es war zu einem täglichen Ritual geworden, morgens auf ihrem Balkon auf den Sonnenaufgang zu warten, seit sie zur Königin gekrönt worden war. Doch es gab Aufgaben, die eine Königin zu meistern hatte, eine Königin, die ein ganzes Reich alleine regierte.

Eine ihrer Hauptaufgaben war die Aufrechterhaltung der Beziehungen zu den benachbarten Reichen Seido und Outworld. In den Tagen, als der König noch lebte, hatten sie sich die Aufgaben stets geteilt. Während es dem König zukam, Edenias Interessen zu vertreten, stand ihm die Königin stets als Beraterin in allen wichtigen Fragen zur Seite. Sie folgte ihm auf alle öffentlichen Versammlungen, hielt sich jedoch stets nur im Hintergrund auf.

Doch nun war der König tot, er starb nach langen Jahren der Krankheit. Und nun fielen alle Aufgaben der Königin zu. Manchmal wurde sie gefragt, ob sie nicht noch einmal heiraten wollte. So mancher aus den Reihen der Aristokraten hätte ihr auf der Stelle einen Antrag gemacht, denn Sindel war ohne jeden Zweifel eine Frau von betörender Schönheit. Sie hatte langes schwarzes Haar, das ihr bis tief in den Rücken reichte, ihre helle Haut war glatt, und ihr ovales Gesicht mit den für eine Frau sehr markanten Wangenknochen spiegelten sowohl ihre Strenge als auch ihre Güte wider.

Doch es kam ihr niemals in den Sinn, wieder zu heiraten. Sie war stolz darauf, die einzige Königin der fünf bekannten Reiche zu sein, die ihr Reich ganz allein regierte. Obwohl die Aufgabe manchmal anstrengend oder gar lästig war, empfand sie sie als Erfüllung ihres Lebens.

„Ja, Edenia wird von einer Königin regiert, und wenn ich dann, eines fernen Tages, zu den Ältesten Götter gerufen werde, wird dieses Reich einmal mehr von einer Königin regiert werden“, dachte Sindel bei sich. Bevor der König verstorben war, hatte er ihr eine Tochter geschenkt. Prinzessin Kitana war noch ein Kind und erst vor kurzem zehn Jahre alt geworden. Doch schon in ein paar Jahren würde Sindel sie auf eine spezielle Akademie schicken, wo sie Unterricht über Regierungsgesetze und Verhandlungsstrategien nehmen würde.

„Mylady, es ist soeben ein Besucher eingetroffen“, meldete eine Dienerin, die gerade eingetreten war. „Er erwartet Eure Hoheit im Audienzsaal.“

Sindel drehte sich zu der Dienerin um und musterte sie mit einem raschen Blick. Ihre Uniform war makellos rein und ohne jegliche Falten. Ihr Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihr Gesicht war ohne jegliche Gefühlsregung.

„Sag mir, Zerrai, wer ist es?“ fragte Sindel.

„Lord Feron, Botschafter der Neuen Reiche“, antwortete die Dienerin.

„Teilt Lord Feron mit, dass ich ihn in wenigen Minuten empfangen werde“, sagte Sindel.

„Sehr wohl, Mylady“, Zerrai verbeugte sich und verließ dann das Schlafgemach der Königin.

Jedes Mal, wenn Botschafter Feron zu Besuch kam, brachte er interessante Neuigkeiten mit sich, auch wenn dies nur selten vorkam. Sindel war neugierig zu erfahren, was es dieses Mal war.

*******


Wie angekündigt wartete Botschafter Feron im Audienzsaal. Feron war ein kleiner Mann, kaum größer als die Königin, mit kurz geschorenem Haar. Er trug einen schwarzen Mantel aus wetterfestem Material. Sein Gesicht erschien im Gegensatz dazu blass, beinahe fahl. Seine Augen blickten müde, als hätte er seit Nächten nicht mehr geschlafen. Seine Wangen waren hohl und eingefallen, als ob er seit Tagen nichts mehr zu sich genommen hätte. Er bemühte sich um eine aufrechte Körperhaltung, doch die Folgen seiner Anstrengungen waren nicht zu übersehen.

„Ihr seht erschöpft aus“, sagte Sindel. „Ihr hättet Euch nicht die Mühe machen müssen, hierher zu kommen. Es gibt einfachere Wege, mich zu erreichen.“

„Das ist mir bewusst, Mylady“, sagte Feron. „Aber dieses Mal musste ich persönlich herkommen. Es ist von großer Wichtigkeit...“

Plötzlich wurde er von Sindel unterbrochen.

„Sagt mir, wie geht es Eurer Tochter?“ fragte sie.

„Äh... wie bitte?“ Feron war von der Frage verwirrt worden. Er hatte sie nicht erwartet. „Nun, Tanya geht es ziemlich gut.“

„Wie alt ist Tanya eigentlich?“ fragte Sindel. Sie wollte Feron ein wenig auflockern, und sie hatte Erfolg. Seine Anspannung löste sich allmählich.

„Sie ist zehn, Mylady, so alt wie die Prinzessin... Sie sind am selben Tag geboren worden, wisst Ihr nicht mehr?“

„Doch natürlich“, sagte Sindel. Nach einer kurzen Pause sagte sie: „Ich glaube, wir sollten unsere Unterhaltung beim Frühstück fortsetzen.“

„Bei allem gebührenden Respekt, Mylady, aber ich habe ein paar sehr wichtige Angelegenheiten, die dringend besprochen werden müssen. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“

„Ich glaube Euch aufs Wort, Herr Botschafter“, sagte Sindel lächelnd. „Aber wenn Ihr vor Hunger in Ohnmacht fallt, würde sich die Sache nur noch mehr verzögern, nicht wahr?“

Noch bevor Feron einen Einwand erheben konnte, rief Sindel nach einem Diener.

„Ihr habt einen Wunsch, Mylady?“

„Ja, sagt dem Küchenpersonal, dass sie das Frühstück herrichten soll. Außerdem wird mir Botschafter Feron Gesellschaft leisten.“

„Sehr wohl, Mylady“, sagte der Diener und verließ mit einer Verbeugung den Audienzsaal.

*******


Nur wenige Augenblicke später wurden Sindel und Feron von zwei Dienern in den Speisesaal geleitet. Dort fanden sie einen reich gedeckten Tisch vor. In einem Korb lag frisches Brot, dazu gab es Butter und allerlei Sorten Käse und Pasteten. Aus einer Kanne dampfte duftender Kaffee. Auf einem separaten kleineren Tisch stand ein Korb mit einer großen Vielfalt an verschiedenen Früchten.

Die Königin und der Botschafter nahmen einander gegenüber Platz, und während sie das Frühstück genossen, setzten sie das Gespräch von zuvor fort. So erfuhr Sindel, dass sich Tanya sehr für Geschichte und Überlieferungen antiker Dokumente interessiert war. Zusätzlich schien sie ein gewisses Talent für Sprachen zu besitzen.

„Nun, dann wird sie ja vielleicht Geschichts- oder Sprachwissenschaftlerin werden“, sagte Sindel.

„Nein“, antwortete Feron. „Ich glaube, sie wird mit Sicherheit eins von beiden.“

Sie mussten beide lachen. Dann wurde Feron wieder ernst.

„Mylady, ich würde jetzt gerne über die Angelegenheit sprechen, weswegen ich hergekommen bin“, sagte er.

„Richtig“, sagte Sindel. „Also, was ist es?“

„Ich habe verlässliche Informationen, dass der Imperator von Outworld eine riesige Armee versammelt, mit dem Ziel, Edenia anzugreifen“, sagte Feron.

Sindel setzte ihre Tasse ab und sah auf. Ihre Miene war besorgt. „Nun, ich muss zugeben, dass mir dies neu ist. Keiner meiner Spione hat in der letzten Zeit eine solche Aktion gemeldet.“

„Eure Spione werden nichts entdecken, da es der Imperator äußerst gut versteht, seine Aktionen zu verbergen.“

„Darf ich dann fragen, woher Ihr Eure Informationen habt?“ fragte Sindel.

„Ich wurde vor einigen Wochen von einem der Generäle des Imperators aufgesucht. Er nennt sich General Shao, er sagte, dass er diesen Krieg nicht mittragen könne und deshalb überlaufen wollte. Seitdem habe ich ein paar eigene Untersuchungen angestellt. Die Informationen stellten sich als korrekt heraus.“

„Nun, es ist seit jeher ein offenes Geheimnis, dass es Onagas größter Wunsch ist, Edenia zu erobern und für sich zu beanspruchen. Es wäre auch nicht sein erster Versuch, dieses Ziel zu erreichen. Aber bisher haben ihn stets die Ältesten Götter aufgehalten. Was hat sich daran geändert?“

„Ich weiß es nicht genau“, sagte Feron „aber General Shao erwähnte, dass Onaga einen Weg gefunden hätte, den Rat der Ältesten Götter zu hintergehen, so dass sie sich dieses Mal nicht einmischen werden.“

„Sollte es wirklich zu einem Krieg gegen Outworld kommen, wird es übel werden, sehr übel“, Sindel schwieg einen Moment lang. „Bevor ich irgendwas unternehmen kann, brauche ich feste Beweise, und zwar schnell. Bringt mir die Ergebnisse Eurer Untersuchungen so bald wie möglich. Außerdem wäre es sehr hilfreich, wenn Ihr ein Treffen zwischen mir und diesem General vereinbaren könnt. Ich werde in der Zwischenzeit mehr Spione losschicken, wenn Ihr mir sagt, wonach sie suchen sollen.“

„Natürlich, Mylady. Ich werde tun, was ich kann.“

Nachdem Feron wieder gegangen war, kehrte Königin Sindel in ihr Gemach zurück und trat hinaus auf den Balkon. Wie ein böses Omen war die Sonne nun durch dunkle Wolken verdeckt, der Wind wurde stärker und brachte die Königin zum schaudern.

„Etwas ist da draußen im Gange. Was auch immer passieren wird, es könnte das Ende der Welt bedeuten, wie wir sie kennen“, dachte sie bei sich, bevor sie wieder in ihr Gemach ging.

7983 v. Chr.


Kitana fuhr zusammen, als sie zuerst einen langgezogenen markdurchdringenden Schrei hörte, und kurz darauf, wie etwas hart am Boden aufschlug. Sofort danach war ein großer Aufruhr außerhalb des Palastes zu vernehmen. Rasch klappte sie das Buch über die Geschichte Edenias zusammen, in dem sie gelesen hatte, rannte aus ihrem Zimmer durch den großen Flur des Palastes zum Eingang. Dort stand fast das gesamte Dienstpersonal in einer chaotischen Menge. Manche unter ihnen weinten, andere standen nur apathisch herum.

„Was ist passiert?“ fragte Kitana die erste Dienerin, auf die sie traf, doch sie bekam keine Antwort, die Dienerin war wie versteinert. Kitana schob sie ein wenig unsanft beiseite und kämpfte sich weiter nach vorne durch, während sie an mehr entsetzten Personen vorbeikam.

„Was ist passiert?“ fragte sie wieder und wieder, doch sie bekam keine einzige Antwort. Dann fand sie endlich den Grund für das Entsetzen der Menschen. Jemand lag im Gras, es war eine Frau. Der Körper war schrecklich entstellt, er sah aus wie eine große Puppe, die ein Kind achtlos zu Boden geworfen hatte, nachdem es die Lust verloren hatte, mit ihr zu spielen. Dann sah Kitana das Blut, es war überall Blut, und schließlich, nach fast einer Ewigkeit, erkannte Kitana, wer es war. Es war Sindel, ihre Mutter, die leuchtende Königin von Edenia. Kitana stürzte nach vorne, stolperte und schlug sich das Knie auf, doch sie spürte es kaum. Sie schloss den leblosen Körper in ihre Arme, ignorierte das Blut, das ihr blaues Kleid aufsog, so dass es sich dunkel, fast schwarz verfärbte. Sie drückte den Körper fest an sich, doch gleichgültig, wie fest sie ihn drückte, es veränderte sich nichts. Es geschahen keine Wunder.

Sindel war tot.

„Was ist passiert?“ fragte Kitana noch einmal, ihre Stimme war kaum noch zu hören.

„Sie stand auf ihrem Balkon“, antwortete endlich jemand. „eigentlich wie an jedem Morgen. Doch dann sprang sie von der Brüstung, einfach so...“ Und dann, nach einer längeren Pause: „Es tut mir leid, Mylady.“

„Schon gut“, sagte Kitana leise, wischte sich mit dem Handrücken über ihre Wangen und stand auf. Da bemerkte sie, dass Shao Kahn, wie er sich jetzt nannte, direkt hinter ihr stand. Er schien gerade erst aufgestanden zu sein, denn er trug nur einen Morgenmantel und lief barfüßig. Er trug nicht einmal seine Totenkopfmaske, die er fast immer aufhatte, so dass einige bis zu diesem Moment noch nie sein Gesicht gesehen hatten.

„Bist du in Ordnung, Kitana?“ fragte er. Seine Stimme war ungewohnt freundlich.

Kitana sah ihm direkt in die Augen, sie sahen so hart aus wie immer. Es war keine Spur einer Emotion zu sehen. „Ja“, antwortete sie knapp.

„Bist du dir sicher?“ fragte Shao Kahn.

„Ich will jetzt alleine sein, bitte!“

Shao Kahn trat zur Seite und ließ die Prinzessin an sich vorbei. Sie kehrte in ihr Zimmer zurück, setzte sich an ihren Schreibtisch und griff nach ihrem Buch. Sie versuchte vergeblich, sich auf den Text zu konzentrieren, denn vor ihren Augen verschwamm alles. Eine unbändige Wut stieg in ihr auf, Wut gegen ihren Stiefvater, sogar Wut gegen Botschafter Feron. Mit einer heftigen Bewegung fegte sie ihr Buch und alles, was sich sonst noch auf ihrem Tisch befand, zu Boden. Schließlich konnte sie sich nicht mehr kontrollieren, sie brach in Tränen aus.

*******


Es begann alles damit, dass Feron ein Treffen zwischen Sindel und dem damaligen General Shao arrangierte. Die Informationen, die Feron überbracht hatte, stellten sich als wahr heraus, Onaga war in der Tat dabei, eine Armee aufzustellen, um in Edenia einzumarschieren. Der ehemals vertrauteste General des Imperators, überzeugte Sindel davon, dass der Krieg nur zu gewinnen sei, wenn ein Präventivschlag gegen Onagas Armee ausgeführt würde. Seine eigene Motivation, überzulaufen, lag darin begründet, dass Onaga das Volk Outworlds ohne Gnade unterdrückte, Leute in den Städten versklavte und verhungern ließ, zumindest waren das seine Worte. Sindel ließ sich auf den Vorschlag General Shaos ein. Und so wurde Onagas Armee geschlagen. Onaga war besiegt. Aber Edenia hat einen hohen Preis für den Sieg bezahlt. Viele Städte wurden zerstört und viele Menschen verloren ihr Leben in einem drei Jahre währenden Krieg. Dennoch wurden Sindel und der General als Helden gefeiert, die Outworld von der Tyrannei befreit hatten. Ein halbes Jahr später heirateten sie, und alles schien wieder in Ordnung zu sein.

Doch als die Zeit verging, enthüllte Shao Kahn seine wahre Absicht. Das Volk von Outworld lag ihm eigentlich so wenig am Herzen wie Onaga. Seine eigentliche Absicht war es, selbst Imperator von Outworld zu werden. Er hat sein Ziel erreicht, und noch mehr, denn durch die Heirat mit Königin Sindel war er nun ebenso rechtmäßiger König von Edenia. Mit einem mysteriösen Artefakt, das er in Onagas Palast an sich genommen hatte, begann er nun, Edenia mit Outworld zu verschmelzen. Sindel beobachtete das Geschehen mit Sorge, war jedoch machtlos gegen Shao Kahns Machenschaften.

All das versuchte Sindel vor Kitana zu verheimlichen, ihre Kindheit sollte möglichst unbeschwert sein. Doch als die Prinzessin aufwuchs, erkannte sie die bittere Wahrheit. Es gab nun einmal Dinge, die man nicht vor einem Kind verbergen konnte.

*******


Kitana erholte sich und hob die Sachen auf, die auf den Boden gefallen sind. Noch immer hatte sie das Bild ihrer toten Mutter vor ihrem inneren Auge. Ihr entstellter Körper, ihr purpurnes Kleid, das Blut, das so intensiv rot war im Vergleich zu ihrem schneeweißen Haar...

Plötzlich hielt Kitana inne. Irgendwas stimmte nicht. Am Abend zuvor, als Kitana ihre Mutter zum letzten Mal lebend gesehen hatte, war ihr Haar noch nachtschwarz, so wie sie es seit jeher kannte. Es musste also in wenigen Stunden völlig weiß geworden sein. Kitana eilte aus ihrem Zimmer, sie musste es noch einmal sehen. Sie musste sich davon überzeugen, dass es nicht nur ihr Geist war, der ihr Streiche spielte.

Doch als sie am Eingang ankam, sah sie, dass der Körper bereits fortgeschafft worden war. Alle Diener waren zu ihren Arbeiten zurückgekehrt. Nur noch ein paar Männer in dunklen Roben mit Kapuzen standen an der Stelle herum, an der der Körper gelegen hatte. Kitana wusste, wer diese Leute waren. Sie nannten sich die „Gelehrten des Chaos“ und gehörten zusammen mit den Schattenpriestern zu den Gefolgsleuten von Shao Kahn. Kitana hatte keine Ahnung, was genau die Aufgabe dieser Leute war, aber sie konnte sie nicht ausstehen.

„Wo ist der Leichnam meiner Mutter?“ fragte sie den ersten, dem sie über den Weg lief.

„Seine Majestät befahl uns, sie in ihr Schlafgemach zu bringen und zu bewachen“, antwortete der Mann. Er hatte seine Kapuze so tief ins Gesicht gezogen, dass seine Augen kaum zu erkennen waren. „Es ist niemandem erlaubt, das Zimmer zu betreten.“

„Das ist mir egal“, erwiderte Kitana.

Mit großen Schritten rannte sie die Treppe hinauf und ging über den langen Flur zur Tür, die ins Schlafzimmer ihrer Mutter führte. Es waren keine Wachen zu sehen, die Tür war nicht einmal verschlossen.

„So viel zum Thema Befehle“, dachte Kitana bei sich.

Sindel lag auf ihrem Bett, ihre Hände waren über ihrer Brust zusammengefaltet, ihr weißes Haar war glatt gekämmt, ihre Augen waren verschlossen, als würde sie schlafen. Sie so zu sehen, brachte Kitana wieder zum weinen. Sie kniete sich an ihrer Seite nieder, nahm ihre Hand und weinte leise. Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich. Als sie sich umdrehte, sah sie Shao Kahn hinter sich stehen. Er hatte sich mittlerweile angekleidet und trug nun ein silbergraues Hemd, ein paar dunkelrote Hosen und schwere Lederstiefel.

„Du solltest nicht hier sein“, sagte er ruhig.

„Ihre Haar ist ganz weiß“, murmelte Kitana geistesabwesend.

„Ich werde ein Pferd für dich bereit stellen lassen“, sagte Shao Kahn und ignorierte Kitanas Bemerkung „Reite ein wenig aus. Die frische Luft wird dir gut tun. Komm schon, gehen wir.“

Gemeinsam verließen sie beide das Zimmer, und das war das letzte Mal für eine sehr lange Zeit, dass Kitana ihre Mutter sah.

Einen Monat später


Botschafter Feron saß am Tisch, als Tanya hereinkam. Sie trug ein Tablett mit mehreren dampfenden Schüsseln darauf. Natürlich hatte der Botschafter Diener, die die Mahlzeiten zubereiteten, doch an diesem Tag hatte er sie schon früher heimgeschickt. Für Tanya war es durchaus nichts ungewöhnliches, denn er sagte stets, dass das Essen, das sie zubereitete, ihm am besten schmeckte. Tanya wusste nicht, ob das die Wahrheit war, oder ob er es nur sagte, um ihr zu schmeicheln. Doch es schien ihn glücklich zu machen, wenn sie kochte, und das machte sie wiederum glücklich.

„Was gibt es heute zu essen?“ fragte er.

„Deine Leibgerichte“, antwortete Tanya „Schweinefleisch mit Gemüse in einer scharfen Soße, und Tintenfisch mit schwarzen Bohnen.“

„Du hättest dich nicht so sehr abplagen müssen“, sagte Feron.

„Rede keinen Unsinn, das ist keine Plage. Kochen macht Spaß!“

Sie setzten sich zu Tisch und aßen schweigend. Früher redete Feron sehr viel beim Essen, und sie hatten die interessantesten Gespräche miteinander, die Tanya immer sehr genoss, doch seitdem die Königin verstorben war, verschloss sich Feron mehr und mehr.

Tanya fing an, sich unwohl zu fühlen, also brach sie das Schweigen.

„Stimmt etwas nicht, Vater?“

„Nein, es ist alles in Ordnung“, antwortete Feron hastig „es ist alles sehr köstlich, wie immer.“

„Das meinte ich nicht“, sagte Tanya.

Feron verfiel wieder in Schweigen. „Da ist jemand, der glaubte, dass das, was er tut, das Richtige ist“, sagte er nach einer Weile. „Er glaubte so fest daran, dass er bereit war, alles zu riskieren. Doch am Ende stellte es sich als ein Fehler heraus...“

„Jeder macht mal einen Fehler, oder?“

„Ja, du hast Recht“, sagte Feron „aber was ist, wenn es ein wirklich großer Fehler war?“

„Warte mal, du meinst jetzt nicht die Sache mit der Königin, oder?“

„Es hat mich schon lange verfolgt“, sagte Feron. „Ich war derjenige, der Shao Kahn diese Macht gegeben hat. Ich habe einen Krieg heraufbeschworen, und wofür? Nur, damit ein Tyrann von einem anderen ersetzt wird... Und nun ist die Königin tot, die einzige Person, die die Balance gehalten hat. Nun kann Shao Kahn alles tun, was ihm gefällt.“

Als Botschafter war Feron einer der wenigen Personen, die Kenntnisse über Shao Kahns wahren Absichten hatten. Doch er konnte seine Meinungen nur seiner Tochter gegenüber äußern, da jegliche Kritik an Shao Kahn als Widerstand aufgenommen wurde und schwere Strafen die Folge waren.

„Du bist zu hart zu dir selbst“, sagte Tanya. „Niemand ist fähig, die Zukunft vorherzusagen.“

„Aber ich bin der Botschafter“, Ferons Stimme wurde lauter. „Ich hätte mich weiser verhalten müssen. Ich hätte wissen müssen, dass Macht etwas Gefährliches ist. Es verdunkelt die Herzen und vergiftet die Seelen. Niemand vermag ihr zu widerstehen.“

„Aber man kann seine Macht doch auch dazu verwenden, Gutes zu tun, oder?“

„Glaubst du das wirklich?“ fragte Feron. „Nun ja, vielleicht bist du noch zu jung, um das zu verstehen...“ Er setzte seine Reisschüssel auf dem Tisch ab und stand auf. „Danke für dieses vorzügliche Mahl, mein Schatz.“

„Aber du hast doch kaum etwas gegessen“, wandte Tanya ein.

„Ich bin sehr müde“, sagte Feron „Ich würde mich gerne zur Ruhe legen.“

Tanya sah ihrem Vater nach, wie er das Speisezimmer verließ. Irgendwie schien er gealtert zu sein. Sein Körper war zusammengesunken, und er bewegte sich nur langsam vorwärts. Schließlich hörte sie, wie die Tür zu seinem Schlafzimmer ins Schloss fiel.

Tanya versuchte, weiter zu essen, doch sie war zu aufgewühlt von der kurzen Unterhaltung. Sie kam einfach nicht zur Ruhe, also stand sie auf und ging hinüber zum Schlafzimmer ihres Vaters. Als sie an die Tür klopfte, bekam sie keine Antwort. Also trat sie ein und wurde von dem überwältigt, was sie erblickte.

Feron saß mitten im Zimmer auf dem Boden, seine Beine gekreuzt, seine Augen verschlossen. Er hatte sein Hemd ausgezogen und säuberlich gefaltet auf sein Bett gelegt. Um ihn herum brannten Kerzen, die dem Zimmer ihr gelbliches, flackerndes Licht verlieh. Vor ihm, auf einem silbernen Teller, lag ein langes Jagdmesser mit einer Klinge aus Obsidian.

„Vater! Was tust du da?“ rief Tanya entsetzt.

Feron öffnete langsam seine Augen. „Zu viele Menschen sind durch mich gestorben“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Ich kann nur für meine Sünden büßen, indem ich Seppuku begehe.“

„Nein, tu' das nicht! Ich flehe dich an!“ schrie Tanya. Tränen flossen über ihre Wangen.

„Es tut mir leid, Tanya. Aber ich habe keine Wahl“, Feron nahm das Messer mit beiden Händen auf. Er hielt es so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Dann erhob er noch einmal seine Stimme. „Mögen die Ältesten Götter mir vergeben, denn ich kann es leider nicht.“

„Nein!“ schrie Tanya, doch es war zu spät. Feron stach das Messer aus Obsidian tief in seinen Bauch, mit einer raschen Bewegung zog er dann das Messer in Richtung des Herzen. Dann sank er in sich zusammen.

Was danach genau geschah, daran konnte sich Tanya nicht mehr erinnern. Sie konnte nur annehmen, dass die Nachbarn herbeigerannt kamen, alarmiert von ihren Schreien. Das nächste, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie in einem weichen Bett in einem fremden Haus aufgewacht war.

*******


Und so kam es, dass sich Kitana und Tanya auf der zweiten Beerdigung innerhalb eines Monats wiederfanden. Shao Kahn verordnete ein angemessenes Begräbnis auf dem Friedhof der Aristokraten, um seinen Werken zu Lebzeiten zu würdigen. Nach der Zeremonie trennten sich die beiden Mädchen von den anderen und gingen an einen Platz, an dem sie alleine waren. Sie ließen sich am Boden nieder, lehnten sich Rücken an Rücken und erzählten sich gegenseitig Geschichten über die Person, die sie gerade jeweils verloren hatten. Sie hörten erst auf, als ihnen keine Geschichte mehr einfiel.

„Es tut mir sehr leid für das, was passiert ist“, sagte Kitana nach einem längeren Schweigen.

„Es muss dir nicht leid tun“, sagte Tanya. „Wir haben beide jemanden verloren, den wir sehr geliebt haben.“

Kitana nickte schweigend, nicht bewusst darüber, dass Tanya es nicht sehen konnte.

„Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre das?“ fragte Tanya.

„Hmm“, die Prinzessin dachte eine Weile nach. „Dann würde ich mir wünschen, dass nie wieder Krieg wäre.“

„Das ist ein schöner Wunsch“, sagte Tanya. „Er gefällt mir.“

„Was ist mit dir?“ fragte Kitana „Was wäre dein Wunsch?“

„Ich wünschte mir Macht“, sagte Tanya ohne zu zögern. „Macht, um die Welt zu verändern, zumindest in einen Ort, an dem sich nie wieder jemand das Leben nehmen muss.“

„Wow, ich glaube, das ist ziemlich schwierig. Nicht einmal die Ältesten Götter könnten das bewerkstelligen.“

„Dann muss ich eben noch mächtiger als die Ältesten Götter werden“, sagte Tanya.

„Also, weißt du, das nennt man Ketzerei“, sagte Kitana lachend, bemerkte aber dann, dass Tanya nicht lachte. Sie drehte sich zu ihr um. „Du meintest das eben nicht ernst, oder?“

„Doch“, antwortete Tanya „mir war noch nie etwas so ernst.“

„Na dann, erhabene Göttin“, sagte Kitana und stand auf. „Lass' uns zurückgehen, bevor die anderen anfangen, uns zu suchen.“

Gemeinsam rannten sie zurück, der untergehenden Sonne entgegen. Die dünnen Wolken am Himmel leuchteten in einem roten Licht, als hätte sie Lady Delia, die Herrin der Flammen, persönlich entfacht.

Zur selben Zeit

Mutterreich (Erde)


Es ertönte ein lautes Grollen, und die Erde bebte. Der große Monolith zerbrach in zwei Teile, als wäre er von einem gigantischen Messer zerschnitten worden. In dessen Mitte war ein Mann eingeschlossen gewesen. Er war von kräftiger Gestalt und hatte kurzes, dichtes Haar. Als der Stein nachgab, fiel er nach vorn auf die Knie. Ein paar Sekunden lang rang er nach Luft, dann sah er sich um.

Er befand sich in einer riesigen Höhle. Erst als sich seine Augen nach und nach an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er die Ausmaße der Höhle. Er war der einzige Mensch hier, und dennoch war er nicht allein. Ein großes Augenpaar funkelte in der Finsternis.

„Caro? Bist du das?“ fragte der Mann.

„Ja, Daegon“, antwortete eine dröhnende Stimme.

„Was ist mit mir passiert?“ fragte Daegon. „Wo bin ich?“

„Du bist im Mutterreich“, antwortete die Stimme. „Du warst in einem Stein eingeschlossen.“

„Im Mutterreich? Wie bin ich hergekommen? Ich dachte, dass alle Portale hierher versiegelt seien!“

„Ich weiß nicht, wie du hergekommen bist. Ich weiß nur, dass es der Wille deiner Eltern war.“

„Der Wille meiner Eltern?“ fragte Daegon ungläubig. „Warum sollten sie mich in einen Stein einschließen wollen? Und dann auch noch im Mutterreich?“

„Das weiß ich nicht“, antwortete Caro.

Allmählich machte Daegon die Unwissenheit wütend. Selbst wenn sein Vater einer der Ältesten Götter und seine Mutter eine mächtige und angesehene Magierin war, hatten sie nicht das Recht, so etwas mit ihm zu machen.

„Wie lange war ich hier eingeschlossen?“

„Zweihundert Jahre.“

Zweihundert Jahre! Das brachte das Fass zum Überlaufen. Zweihundert Jahre seines Lebens waren ihm gestohlen worden, dafür mussten seine Eltern eine Erklärung abgeben.

„Bring‘ mich zurück nach Edenia!“ befahl Daegon harsch.

„Das kann ich nicht“, erwiderte Caro. „Irgendetwas hat meine Macht eingeschränkt.“

„Dann werde ich eben einen eigenen Weg finden, um nach Edenia zu kommen!“

„Ich muss dich warnen“, sagte Caro. „Die Menschen im Mutterreich sind äußerst primitiv. Sie werden dir kaum eine Hilfe sein, geschweige denn, dich verstehen.“

„Ich werde mich schon verständlich machen, verlass‘ dich darauf!“ sagte Daegon grimmig und machte sich auf die Suche nach einem Ausgang.
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