We used to be friends...

GeschichteAllgemein / P16
Dick Casablancas Keith Mars Logan Echolls Veronica Mars
02.01.2010
20.06.2010
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02.01.2010 2.406
 
Teil 1

Da bin ich wieder in Neptune. Vier Jahre sind vergangen, seit ich nach meinem Abschluss in Hearst weggezogen war, um beim FBI anzufangen. Alle haben mir eine Wahnsinnskarriere vorausgesagt und mir die allerbesten Wünsche mitgegeben. Aber es muss auch ein Fluch auf mir gelegen haben. Oder wie sonst konnte es passieren, dass ich jetzt wieder hier in Neptune wohne und das Detektivbüro meines Vaters weiterführe?

Kurz: Natürlich war ich beim FBI über so eine Sache gestolpert, in die ich meine Nase stecken musste… Und natürlich habe ich nicht aufgegeben, bis ich die Sache bis ins letzte Detail aufgeklärt hatte. Was mir viel Applaus und viel Lob eingebracht hatte. Zumindest offiziell. Da die Sache einige hochrangige Beamten die Karriere kostete, hatte ich danach, nach dem offiziellen Teil mit dem Lob und so, keinen Fuß mehr in eine Tür bekommen. Diejenigen, die so fleißig Beifall geklatscht hatten, taten alles, um mich auf Abstand zu halten. Wer will schon eine Veronica Mars im Team, die ihre Nase in Angelegenheiten steckt, die sie nichts angehen?

Richtig. Niemand.

Mir war es also gar nicht so ungelegen gekommen, als mein Vater mich um Unterstützung bat. Er war bei einer Verfolgung eine Treppe hinunter gestürzt, hatte sich Hüfte und Oberschenkel gebrochen. Mein Vater dachte zwar mehr an eine Auszeit meinerseits beim FBI und nicht gleich an Kündigung, aber meine Entscheidung war unumstößlich. So bin ich seit einem guten halben Jahr wieder hier in Neptune, habe das Detektivbüro übernommen und freue mich, dass es meinem Vater kontinuierlich besser geht. Beim Gehen hat er zwar noch ziemliche Schmerzen, aber das bekommen wir mit der nächsten Reha bestimmt auch in den Griff.

Da es ihm besser ging, kam mein Vater dann vor zwei Wochen auf die glorreiche Idee, eine seiner Meinung nach längst überfällige Willkommensfeier für mich in einer gemütlichen Kneipe um die Ecke des Büros zu organisieren. Nach wie vor hatte ich keinen großen Freundeskreis, und so war es eine kleine, aber lustige Runde geworden. Tania war dabei gewesen, sie unterstützte mich im Büro und war so etwas wie eine Freundin geworden. Meine Nachbarn in der Apartmentanlage, das ältere Ehepaar Miller, Mac, meine langjährige Freundin, die als Computerspezialistin bei Kane Software arbeitete. Und sogar Vinnie Van Lowe hatte mir die Ehre erwiesen. Noch immer teilten wir das Geheimnis um Duncans Flucht; und ehrlich gesagt, hatte ich nicht geglaubt, dass Vinnie dieses Wissen nicht gegen mich benutzen würde. Ich war froh, mich in diesem Punkt getäuscht zu haben.

Naja und dann nach dem offiziellen Ende des Abends, während ich in dem Windfang der Kneipe auf mein Taxi wartete, nahm etwas seinen Anfang, dessen Verlauf ich sorgfältig für mich behielt… Es geht ja schließlich niemanden etwas an, in wessen Armen ich am nächsten Morgen aufwachte…

„Veronica!?“, rief Tania durch die angelehnte Tür.

Ich schreckte aus meinen Gedanken hoch. „Ja?“

„Es ist wieder soweit.“ Sie seufzte mitfühlend. „Millers Bar, sie haben wieder angerufen… du sollst ihn doch bitte abholen…“

Ich stand auf, öffnete die Tür ganz und lehnte mich gegen den Rahmen. „Nicht schon wieder…“

„Du solltest das klären, Veronica. Das ist schon das dritte Mal in diesem Monat! Hast du ihn überhaupt mal gesehen, außer bei diesen…“ Sie suchte nach dem richtigen Wort. „Vorfällen?“, ergänzte sie.

Ich schüttelte den Kopf, nahm meine Jacke vom Kleiderhaken und machte mich auf den Weg. Natürlich hatte ich ihn danach nicht angesprochen. Was sollte ich denn sagen?

Hey, wieso besäufst du dich so in der Kneipe, dass du nicht mehr weißt, dass wir nicht mehr zusammen sind?

Oder:

Bitte, ruf beim nächsten Mal deine Frau an – ich weiß, dass du eine hast, ich bin schließlich Veronica Mars – und lass dich von ihr abholen?

Nein, nein, dazu hatte ich keine Lust. Also doch lieber hinfahren, ihn aufsammeln und nach Hause bringen und dann schnell unerkannt abhauen. Vielleicht nicht die politisch korrekte Lösung, aber die einfachste. Ich muss mir ja nicht immer selbst Probleme machen…

Ich brauchte nicht lange, bis ich in der kleinen, stickigen Kneipe stand und mich suchend umblickte. Die Deckenbeleuchtung schaffte es nicht, den Raum durch den Mief hindurch zu erhellen. Ein paar Männer spielten weiter hinten Billard. Ich fragte mich, wie sie in dem trüben Licht die Kugeln treffen konnten. Der rundliche Barkeeper, der einen weißen Rauschebart, auf den der Nikolaus sicher neidisch wäre, sein Eigen nannte, stand hinter der Theke und trocknete Biergläser ab.

Er saß als einziger an der Theke, den Kopf vorn über auf die verschränkten Arme gelegt und bekam mit ziemlicher Sicherheit nichts mehr mit. Angewidert betrachtete ich das Sammelsurium von zahlreich geleerten Gläsern, die um ihn herum standen. Ein paar waren wohl umgefallen, als sein Kopf auf die Theke gesunken war.

„Lady“, sagte der rundliche Barkeeper, der auch gleichzeitig der Inhaber war, „was haben sie nur mit ihm gemacht, dass es so enden muss?“

„Ich?“, ich zog die Augenbrauen hoch, „Ich habe gar nichts mit ihm gemacht. Ich wusste noch nicht einmal, dass er wieder hier lebt, bis ich ihn vor ein paar Wochen zum ersten Mal hier aufgesammelt habe.“

Mit gespielter Besorgnis legte der Barkeeper die Stirn in Falten. „Dann sollten sie sich um ihn kümmern…“

„Das mach ich doch gerade, oder?“

„Logan?“, ich schüttelte meinen Ex-Freund. „Logan?“

Er hob mühsam den Kopf. Eine gewaltige Alkoholfahne, hauptsächlich bestehend aus Bier- und Schnapsgeruch, schlug mir entgegen. „Veronica… endlich“, nuschelte er und ließ sich in meine Arme sinken. Ich taumelte, Logan war ein gutes Stück größer und wesentlich schwerer als ich. Nur mit Mühe konnte ich mich unter seinem Gewicht aufrecht halten. Der dicke Barkeeper rührte sich nicht, aber einer der Billardspieler kam mir zu Hilfe. Gemeinsam verfrachteten wir Logan in meinen Wagen.

Mittlerweile wusste ich, wo er wohnte. Es war eine gute halbe Stunde Fahrt und die ganze Zeit über grübelte ich, ob seine Frau wusste, dass er sich mehr oder weniger regelmäßig betrank und sich dann von seiner Ex aus Uni-Tagen abholen ließ. Aber vielleicht wusste er es am nächsten Tag selbst nicht mehr. Wieso tat er das eigentlich? War der Name seiner Frau betrunken so schwer aussprechen, dass es einfacher war ‚Veronica Mars‘ zu sagen?

Logan und ich waren nach der Trennung im ersten Semester nie wieder richtig fest zusammengekommen, obwohl es immer mal wieder Zeiten gab, in denen wir eng befreundet gewesen waren. Sehr eng sogar…. Es hatte keine anderen festen Freunde in dieser Zeit gegeben und jeder, der uns kannte, hätte damals behauptet, dass unsere Leben immer irgendwie verflochten bleiben würden bis wir es schließlich und endlich doch vor den Traualtar schaffen würden. Aber unsere Wege trennten sich, nachdem wir den Abschluss in der Tasche hatten. Ich war zum FBI gegangen und er hatte eine Stelle an der Ostküste angenommen. Vermutlich hätte nur einer von uns eine E-mail schreiben oder zum Telefonhörer greifen müssen und alles wäre anders gekommen.

Natürlich hatte ich recherchiert, nachdem ich Logan zum ersten Mal in der Kneipe aufgesammelt hatte. Er war Geschäftsführer einer Versicherungsgesellschaft, verheiratet, lebte seit ein paar Monaten mit seiner Gattin Cassie wieder in Neptune. Alles scheinbar ganz skandalfrei, zumindest noch. Logan Echolls ohne irgendwelche Skandale erschien mir mehr als fragwürdig…

„Logan? Wir sind da“, ich versuchte ihn aufzuwecken, aber er rührte sich nicht. „Verdammt, Logan, wach auf.“ Nur unverständliches Gebrummel.

Diesmal war es schlimmer. Die beiden letzten Male war er wenigstens in der Lage gewesen, alleine zur Tür zu wanken und zu klingeln. Und ich hatte in dieser Zeit die Flucht ergreifen können. Heute war das nicht mehr drin. Also zerrte ich Logan mit all meiner Kraft aus dem Auto und bugsierte ihn die wenigen Meter zur Tür. Ich strauchelte beinahe auf den Stufen zur Tür, konnte uns aber abfangen. Erleichtert, die wenigen Meter doch unfallfrei geschafft zu haben, lehnte ich ihn gegen die Hauswand und klingelte. Und im nächsten Moment rutschte er wieder auf mich und hing in meinen Armen.

Kurz darauf öffnete eine Frau in meinem Alter die Tür. „Logan!“, rief sie erschrocken.

„Alles in Ordnung“, beeilte ich mich zu sagen, „er ist nur betrunken.“

Ich schwankte bedrohlich unter meiner schweren Last. „Logan, was ist nur passiert!?“ Sie ergriff Logans rechten Arm und legte ihn sich um ihre Schulter. Gemeinsam schafften wir es, den Betrunkenen in die Villa hinein zu schleifen.

„Geradeaus ins Wohnzimmer“, keuchte die junge Frau.

„Du könntest wirklich mehr mithelfen!“, fluchte ich, aber meine Worte verhallten ungehört.

„Uff“, stöhnte ich erleichtert, als Logan sicher auf der schicken beigen Ledercouch in dem exklusiv eingerichteten Wohnzimmer lag. Zeit zu verschwinden. Gerade als mich mit ein paar Floskeln von seiner Frau verabschieden wollte, drehte sich Logan zur Seite und kotzte mir auf meine Jeans und meine Schuhe.

„Oh mein Gott!“, quietschte seine Frau Cassie entsetzt. „Das tut mir aber leid. Schnell kommen Sie ins Badezimmer!“

Mit einem Seufzen zog ich die verschmutzten Schuhe aus, ließ sie einfach vor der Couch stehen und folgte ihr ins Badezimmer. Warum passierte mir so etwas immer? Warum?

„Das tut mir wirklich, wirklich sehr leid!“, beteuerte sie immer wieder, brachte mir von sich eine Designerjeans, die vermutlich so viel wie mein Auto gekostet hatte. Hinter einem Paravent zog ich mich um, verfrachtete die verschmierte Jeans mit spitzen Fingern in eine Plastiktüte, die ich Cassie reichte.

„Ich heiße übrigens Veronica Mars“, rief ich ihr zu, während ich verzweifelt versuchte, die Jeans zu schließen. Logans Frau war wirklich verdammt schlank. Und ich war sicherlich nicht kräftig.

„Oh mein Gott“, sie klang entzückt. „Dann bist du Veronica! Ich darf doch Veronica sagen? Logan hat so viel von dir erzählt!“

Ich schlüpfte in die Turnschuhe, die sie an den Rand des Paravents gestellt hatte. „Hoffentlich nur gutes…“

„Natürlich. Ihr wart Klassenkameraden und auch auf der Uni befreundet.“

Autsch! Das klang nicht nach großer Liebe, sondern eher nach guter Freundschaft... der gute Logan hatte den Teil mit dem Küssen und dem Sex wohl ausgelassen.

„Ich freue mich, dass wir uns endlich kennen lernen“, Cassie hörte sich offensichtlich gerne sprechen. „Ich wollte schon immer mal alte Freunde von Logan kennen lernen. Ich meine, es hätte ja nicht so sein müssen, obwohl ich natürlich froh bin, dass du da warst und Logan bringen konntest…“

Ich hörte nicht richtig zu, konzentrierte mich darauf mich von ihr zu verabschieden und war heilfroh, als ich endlich wieder in meinem Cabrio saß. Mein Handy zeigte eine SMS und eine Sprachnachricht auf der Mailbox an. Ich entschied mich zuerst die Mailbox abzuhören.

„Veronica, es ist jetzt kurz nach sechs und ich mache mich auf den Nachhauseweg“, hörte ich Tanias Stimme. „Hier hat noch eine Miss Callum angerufen. Sie wollte dich wegen verschwundenem Schmuck sprechen. Sie sagte, du kannst noch gerne bei ihr vorbeikommen. Ich schicke dir die Adresse per SMS.“

Eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr noch bei dieser Callum vorbei zu fahren, aber es war wirklich nur einen Steinwurf weit entfernt und es war erst kurz nach sieben. Seufzend machte ich mich auf den Weg und erreichte schon ein paar Minuten später das Anwesen.

Höflich bat mich der Pförtner, am Tor zu parken und die letzten Meter zu Fuß zu gehen. Die letzten Meter entpuppten sich als geschätzte 250 Meter und ich bereute meinen abendlichen Arbeitseifer. Ein Butler brachte mich von der Tür der Villa zu der gnädigen Frau in den Salon. Zwischen all dem Marmor und den dunklen Möbeln kam ich mir wie in einem englischen Schloss vor.

Im Salon verbargen dicke Samtvorhänge den Blick in den Garten, verliehen dem Raum eine düstere, fast schon bedrückende Atmosphäre. Die gnädige Frau thronte inmitten eines Kissenberges auf der altehrwürdigen Couch. Sie war etwa um die siebzig, schmal und zierlich, das schneeweiße Haar sorgfältig hochgesteckt. Sie hielt mit schlanken Fingern eine große Teetasse, an der sie immer mal wieder nippte.

„Veronica Mars“, kündigte mich der Butler an.

„Danke, sie können uns alleine lassen.“ Mit einem Nicken verabschiedete sie den Butler, der sich gekonnt zurückzog. Lautlos wie eine Katze auf Samtpfoten.

Ein wenig verlegen auf Grund meines zusammengewürfelten Outfits, das so gar nicht hierher passte, räusperte ich mich. „Nun, sie hatten angerufen.“

„Ja“, sie nickte. „Vor fünf Tagen wurde hier eingebrochen. Mir wurde eine Kassette mit wertvollem Schmuck aus dem Tresor entwendet.“

„Die Polizei ist informiert?“, hakte ich nach. Miss Callum bestätigte nickend. „Natürlich. Schon allein wegen der Versicherung. Aber der Schmuck hat nur nicht nur materiellen Wert, sondern auch ideellen. Der Sheriff ermittelt mir da nicht konsequent genug.“

Nun, dafür hatte ich Verständnis und einfach erschien der Fall ebenfalls. Ich würde nur Fotos des Schmuckes brauchen, würde ein wenig rumfragen und parallel das Internet im Auge behalten müssen. Keine große Sache.

Der Butler brachte mir die gewünschten Fotos. Sie zeigten mehrere Schmuckstücke und die Kassette, in der der Schmuck aufbewahrt worden war. Eine einfache, grüne Metallkassette, wie man sie üblicherweise für die Aufbewahrung von Geld benutzt.

„Diese Schmuckstücke sind nicht so wichtig“, sie deutete mit dem Zeigefinger auf verschiedene Ketten und Armbänder. „Die Kette mit dem Schmetterling hätte ich gerne wieder. Die Kette ist mir sehr wichtig.“

Unwillkürlich griff ich mit meiner freien Hand an die Kette von Lilly, die ich noch immer trug. Ich konnte den Schmerz um den Verlust eines ideellen Schmuckstückes sehr gut nachvollziehen. Die Schmetterlingskette bestand aus schmalen, goldenen Kettengliedern, der Anhänger in Form eines Schmetterlings war über und über mit glitzernden Steinen besetzt, die in allen Farben des Regenbogens schillerten. In Neptune und erst recht auf diesem Anwesen erübrigt sich die Frage, ob es sich um echte Steine handelt. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals eine scheußlichere Kette gesehen zu haben.

„Wieviel ist die Kette wert?“, fragte ich. „Ich muss es wissen, da der Verkauf der Kette eine wichtige Rolle spielen könnte.“

„500.000 Dollar.“, die schlichte Antwort.

500.000 Dollar für einen Ausdruck der Hässlichkeit. Wieso spielte die Optik ab einer gewissen Preisklasse keine Rolle mehr?

Ich versprach Miss Callum mein Bestes zu tun und sie regelmäßig auf dem Laufenden zu halten. Endlich trat ich tatsächlich den Nachhauseweg an. Sollte ich noch bei meinem Vater vorbeifahren? Ich war erst heute Morgen dort gewesen und entschloss mich, auf einen abendlichen Besuch zu verzichten.

Es war ruhig auf den Straßen und ich kam gut durch. Die Nachtluft war kühl und mich fröstelte. Wie sagt man?

Mach dir warme Gedanken?

Ein blöder Spruch. War es doch genau das, was ich nicht wollte. Auf gar keinen Fall wollte ich nur annähernd an die Nacht vor zwei Wochen erinnert werden. Es war ein One Night gewesen, so was kann passieren, darüber muss man ja nicht noch Wochen später grübeln, oder? Wenn es doch nur nicht so gut gewesen wäre…



Tbc..........