Kara no Kyoukai - Kyoukaishiki: Mikiya

von Xanokah
GeschichteAllgemein / P16 Slash
31.12.2009
31.12.2009
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"Wenn wir uns das nächste Mal treffen, werde ich dich töten müssen."

Die Worte hallten in seinem Kopf wieder. Er hat ihn gewarnt, ihn dabei mit seinem irren Blick angesehen. Er wollte nicht, dass er seinem Plan im Weg steht. Er wollte seinen Freund nicht abschlachten.

Und doch war Mikiya wieder gekommen.

Und wieder wartete er auf ihn.

Auf seinen Tod.

Es war mitten in der Nacht und das Mondlicht erhellte nur schwach den Raum, jedoch konnte man die Bilder und Fotos, die überall an den Wänden hingen, deutlich erkennen. Alle zeigten sie nur ein Motiv, eine Frau: Shiki Ryougi.
Mikiya liebte sie, er jedoch war gar von ihr besessen. Allerdings ging es zwischen den beiden nicht darum, wessen Liebe sie erwiderte, sondern ganz allein, welchen sie tötete. Man kann nur einmal im Leben töten. Shiki war kein Mörder.

Er wollte von ihr getötet werden, Mikiya stand ihm im Weg.

Deswegen wollte er ihn abschlachten. Zu viele Menschen hatte er schon auf dem Gewissen, um es noch als Töten bezeichnen zu können.

Er, Lio, der wahre Mörder.

Mikiya wandte sich zum Fenster, draußen war eine Gestalt in einem Kimono und einer Motorradjacke zu erkennen. Die Person bewegte sich auf das Haus zu, gleich würde sie hereinkommen. Und sie würde…
Mikiya fragte sich, wieso er überhaupt hergekommen war. Shiki versprach ihm, Lio nicht zu töten. Wenn er jetzt hier sterben würde, was würde dann mit dem Versprechen passieren? Shiki würde es vermutlich brechen.

Und genau das war Lios Ziel. Um Shikis Wut zu nähren, musste Mikiya sterben.

Die Tür bewegte sich und herein trat ein junger Mann, der der Frau auf den Bildern fast schon erschreckend ähnlich sah. Ein seltsames Grinsen bildete sich auf Lios Gesicht, als er Mikiya in dem dunklen Raum erkannte, jedoch wagten sie nicht, sich in die Augen zu schauen. Mikiya drehte sich von Lio weg, an den Anblick seines abgetrennten Arms konnte er sich auch beim zweiten Treffen nicht gewöhnen.

“Das war Shiki, nicht wahr? Das mit dem Arm, meine ich…” Mikiya überwandte sich nun doch und sah Lio an. Seine Kleidung war getränkt von rotem Blut, ein Messer noch in den Händen.

“Ja. Sie ist genau wie ich.” Lios Mund verzog sich zu einer Grimasse, Mikiyas Augen hafteten immer noch an dem Messer, von dessen Spitze das Blut tropfte und den Boden mit dunkelroten Flecken versah.

“Sie… sie ist nicht wie du. Du bist ein--” Weiter sprach er nicht. Wieso nur hatte Lio sich so sehr verändert? Mikiya senkte den Blick und seine Gedanken schweiften zu dem Lio aus seiner Schulzeit, der eine Klasse über ihm gewesen war und mit dem er sich im Café unterhalten hatte.
Der Abstand zwischen ihnen verringerte sich immer mehr, als Lio weiter in den Raum trat. Er blickte Mikiya forschend an, machte jedoch auf dem Absatz kehrt und bewegte sich auf eine Kommode in einem der weniger beleuchteten Ecken zu. Eine Schublade wurde aufgezogen, ein Knirschen, ein Knacken war zu hören. Dann wurde die Schublade wieder geschlossen und Lio trat wankend neben Mikiya ans Fenster, welcher die Faust ballte. Warum musste es so weit kommen?

“Weil ich jemanden getötet habe,” flüsterte Lio. “Und bald wird auch Shiki jemanden töten. Nämlich mich.”

“Shiki… Shiki wird dich nicht töten. Shiki wird niemanden töten. Selbst…”

“Selbst?”

“Selbst wenn du mich tötest…”

“Ich habe schon getötet.” Lio nahm eines der Fotos in die Hand und hielt es sich vor das Gesicht. Ein Funkeln war in seinen Augen zu sehen.

“Warum? Warum hast du dich so verändert?”

“Damit ich etwas Besonderes bin. Dabei wollte ich gar nicht töten. Ich wollte einfach nur eine Lektion erteilen. Und dann war er tot. Einfach tot,” er grinste und seine spitzen Zähne blitzen auf. “Und die Leiche hab ich einfach gegessen.”

“Das ist doch verrückt.” Mikiyas Kehle war wie ausgetrocknet und seine Hände waren schweißnass. Nur mit Mühe konnte er sich davon abhalten, aus dem Raum zu stürmen.

“Für die Verrückten ist das Verrückte die Normalität,” erklärte Lio und lachte leise in sich hinein, während Mikiya noch mit seinen Gedanken rang. Lio fuhr mit veränderter, ja, gar besorgter, Stimme fort und stellte ihm die Frage, die Mikiya sich selbst nicht einmal beantworten konnte:

“Warum bist du hergekommen?”

Mikiya zögerte einige Augenblicke, bevor er zu einer Antwort ansetze, von der er selbst nicht so recht wusste, ob er ihr glauben schenken konnte. “Weil ich nicht will, dass du stirbst…”

“Warum sollte ich nicht sterben? Ich bin ein gemeingefährlicher Massenmörder. So nennen mich zumindest die Medien. Ich habe den Tod verdient.”

“Wieso willst du dann unbedingt von Shiki getötet werden?”

“Shiki war diejenige, die mich in diesen Wahnsinn getrieben hat. Ich kann nur von Shiki getötet werden.” Er zerriss das Foto und starrte Mikiya mit hasserfülltem Blick an. “Weil sie so ist, wie ich.”

Ehe Mikiya sich versah, wurde er von Lio zu Boden geworfen und ein Messer drückte sich an seine Kehle. Warmes Blut lief seinen Hals hinab und nur sehr schwer konnte er einen Schreckenslaut unterdrücken. Er erinnerte sich daran, wie Shiki ihn vor fünf Jahren genau auf die gleiche Weise umbringen wollte, sich aber dann doch beschloss, ihr eigenes Leben zu beenden.

In dieser Nacht war SHIKI gestorben.

Heute Nacht war es jedoch nicht so. Lio hatte keine Angst davor, einen Menschen umzubringen. Er war anders.

Er war nicht wie Shiki.

Lios Gesicht verzog sich erneut zu einer wilden Grimasse und er nahm das Messer von Mikiyas Kehle und leckte das Blut von der Waffe. Schließlich beugte er sich noch weiter über ihn und seine Zunge fuhr über die Wunde an seinem Hals.

“Soll ich dich auch so töten, wie die Opfer vor fünf Jahren, und dir deine Körperteile abhacken, bevor du krepierst oder soll ich dich hier langsam verbluten lassen?” flüsterte Lio ihm ins Ohr und ließ seine Zunge nun auch über die Wange Mikiyas gleiten.

Er war nicht wie Shiki.

“Ich… will nicht sterben.” Mikiya sprach die Worte so leise und mit so dünner Stimme, dass er eigentlich selbst nicht so ganz davon überzeugt war. Lio richtete sich wieder auf und sah Mikiya lange an.

“Ich will dich umbringen.”

Er lächelte.

Es war ein warmes Lächeln.

Shiki hatte ihn auch so angesehen. Damals.

Mikiya schloss die Augen. Wenn so sein Ende aussah, dann würde er es nicht sehen wollen. Plötzlich fühlte er etwas warmes auf seinen Lippen. Er konnte den Atem seines gegenüber spüren. Den Mund, der sich auf seinen presste.

Jedoch erwiderte er den Kuss nicht. Reglos lag Mikiya da und wartete darauf, dass dieser Moment endlich vorbei ginge. Er dachte an Shiki. Würde sie Lio töten, wenn sie das hier sehen würde? Würde dann auch sie zu einem Mörder werden?
Nach etlichen Minuten löste sich Lio von ihm. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und sprang daraufhin direkt aus dem Fenster.

Mikiya richtete sich schwerfällig auf und hielt sich die Wunde am Hals zu, aus der immer noch das Blut quoll. Er schritt zum Fenster und für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke noch einmal, bevor Lio endgültig in der Dunkelheit verschwand.

Das nächste Mal wird er mich garantiert töten.
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