Was mir Kraft gibt, ist die Hoffnung, dass du an mich glaubst

KurzgeschichteFamilie / P6
Dr. Wilbur Wonka Grandpa Joe Willy Wonka
31.12.2009
31.12.2009
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Was mir Kraft gibt, ist die Hoffnung, dass du an mich glaubst


Schon die ganze Nacht hatte er kein Auge zugemacht. Egal, was er tat, er kam einfach nicht zur Ruhe. Tausend Mal hatte er auf die Uhr gesehen, doch die Zeit schien langsamer zu vergehen als sonst. Als würde seine Uhr wissen, dass morgen ein wichtiger Tag für ihn war. Lange schon hatte er darauf hingearbeitet. Monatelang hatte er mit seinen ersten drei Mitarbeitern versucht alles vorzubereiten für den einen großen Tag: Die Eröffnung seines ersten Süßwarenladens in der Cherry Street.

Bevor Willy den Laden gekauft hatte, war es eine kleine Konditorei gewesen. Der Konditor jedoch wollte nun in ein größeres Geschäft umziehen und bot es somit vor einiger Zeit zum Verkauf an. Als Willy das Schild im Schaufenster hängen sah, war er aufgeregt wie ein kleines Kind. Schon immer hatte er davon geträumt sein eigenes Geschäft mit Süßigkeiten zu eröffnen. Schon seit seinem 10. Geburtstag hatte er darauf gespart und nachdem sein Vater ihn verlassen hatte, war sein Ehrgeiz nur noch größer geworden, sich endlich seinen größten Traum zu erfüllen. Das meiste Geld hatte er bei Mr. Slugworth verdient, der ebenfalls Besitzer eines Süßwarenladens in der Kleinstadt war. Slugworth hatte ihn damals eingestellt, als er erkannt hatte, was für ein großes Talent der junge Willy doch war, wenn es darum ging Süßes zu entwickeln. Slugworth war immer sehr stolz darauf gewesen, dass er angeblich dahingehend Willys Talent entdeckt hatte und heimste für Willys Kreationen auch noch eine Menge Geld ein. Aber damit sollte jetzt endgültig Schluss sein. Seit Mr. Slugworth erfahren hatte, dass Willy nun seine eigenen Wege gehen würde und nun selbst Besitzer eines Candy Stores werden würde,  war er grimmiger und unhöflicher denn je. Willy hatte ihn noch nie sonderlich gemocht, denn er war schon immer auf seine eigenen Vorteile bedacht.

Heute Nacht war die letzte Nacht vor der großen Eröffnung. Willy konnte an nichts anderes denken in jeder Nacht. Er wollte, dass der morgige Tag ein Erfolg wurde. Er empfand eine riesige Vorfreude, gleichzeitig war er aber auch so nervös, wie lange nicht mehr.

Aufgeregt tippelte er in seinem Schlafzimmer von der einen Ecke zur anderen, während die Sterne draußen am Himmel durch das Fenster leuchteten. Spärliches Licht von den Straßenlaternen flutete durch den Raum, während Willy seinen selbstkreierten Mohn -Marzipan -Tee zur Beruhigung trank. Doch diesmal half auch dieser nicht. Im Kopf ging er noch einmal durch, ob alles nötige für den morgigen Tag erledigt worden war. Doch auch nach dem zehnten Mal konnte er nichts finden, was er womöglich vergessen hatte. Er entschied schließlich, dass es nichts brachte sich verrückt zu machen und legte sich, trotz nicht vorhandener Müdigkeit in sein Bett.

Die Sache, die ihm am meisten nervös machte, was der Gedanke an seinen Vater. Was er wohl davon halten würde, dass er nun sein Ziel erreicht hatte und das, obwohl er doch immer behauptet hatte, es sei Unsinn Chocolatier zu werden und nicht an ihn geglaubt hatte, so wie ein Vater an seinen Sohn glauben sollte. Er würde seinem Vater morgen das Gegenteil beweisen. Willy würde ihn stolz machen. Er würde ihm zeigen, dass er es nicht nötig hatte sich von ihm bevormunden zu lassen und dass er es auch alleine schaffen konnte.
An diese Hoffnung klammernd, schaffte er es letztendlich doch, friedlich einzuschlummern.

Am nächsten Morgen war er halb sechs im Geschäft, um zu überprüfen, ob alles an seinem Platz war und die letzten Vorbereitungen zu treffen. Eine Stunde später trudelten seine Mitarbeiter ein, um noch einmal die letzen Staubkörnchen aus den Regalen zu wischen.

“Los, los! Macht die Kassen startklar und öffnet die Rollläden. Wir wollen doch pünktlich beginnen an solch einem wunderschönen Morgen, nicht wahr?”, rief Willy seinen Arbeitern zu, während er dabei freudig in die Hände klatsche. Josef Bucket, Roxanne Clearwater und Fred Samuel kannten Willys ungewöhnliche Art schon, vor allem seinen nie endeten Arbeitseifer, den er an den Tag legte.
Die wenigen Mitarbeiter rückten ihre rot-weißen Uniformen zurecht, bevor Mr. Bucket, der älteste von den dreien die Eingangstür mit dem Schlüssel öffnete.
Doch der Kundenansturm, der erwarte wurde, fiel aus.

“Wo sind denn die ganzen Leute?”, wollte Willy nach einer Weile wissen. Seine Enttäuschung war deutlich herauszuhören.

“Vielleicht haben wir nicht genügend Werbung gemacht.”, meinte die junge Miss Clearwater nun schon etwas gelangweilt, während sie noch immer aus dem Schaufenster hinausstarrte und auf einige Besucher hoffte.

Der Junior- Chocolatier legte beunruhigt und panisch zugleich seine Hand an die Stirn.

“Aber ich hab doch alles bis ins Detail geplant. Ich war mir sicher, dass heute ein erfolgreicher Tag wird.” Seine Stimme zitterte, während er sprach und seine Augen fixierten einen Punkt auf dem Boden. “Mein Vater hatte Recht. Ich bin ein Versager…”
Er vergrub sein Gesicht in den Händen und gab ein eigenartiges Schniefen von sich.
Roxanne wandte sich nun zu ihrem Boss herum und schaute mitleidig zu ihm hinüber. Dann kam sie etwas zögerlich auf ihn zu.

“Wir dürfen jetzt nicht schon aufgeben. Schau’ n Sie, Mr. Wonka. Es ist erst 9 Uhr in der Frühe. Die meisten Menschen gehen erst Nachmittag einkaufen.”, versicherte sie ihrem Chef.

Willy blickte mit immer noch traurigem Gesichtsausdruck auf.

“Bei Slugworth kamen die ersten Kunden immer gleich nachdem der Laden geöffnet wurde.”, sagte er emotionslos
.
“Aber das hier. Das muss sich doch erst einmal herumsprechen.”, argumentierte Fred.

“Ja, genau.”, stimmte Roxanne ihm zu und verzog ihre Lippen dabei zu einem munterem Lächeln. “Etwas Geduld ist immer nötig.”
Wonka sah nun etwas zuversichtlicher aus.

“Und egal was kommt.”, fuhr sie fort. “Wir stehen immer hinter Ihnen, Mr. Wonka. Meint ihr nicht auch?”, fragte Roxanne an ihre Kollegen gewandt.

“Klar, Roxy.”, sagte Fred.

“Sie können auf uns zählen.”, schwor Josef.

Willy blickte gerührt zwischen seinen Kollegen hin und her.
“Dankeschön”, schniefte er nach einer Weile und schluckte seinen Kummer hinunter. “Und ihr habt Recht. Sicherlich kommen die Leute noch… bestimmt.”, schien er mehr zu sich selbst zu sprechen.

Und tatsächlich. In der nächsten halben Stunde trudelten die ersten Kunden ein. Willy war so begeistert, dass er jedem ausführlich von seinen Süßigkeiten erzählte und sie enthusiastisch im Laden herumführte. Außerdem bekam jeder Besucher noch eine kleine Schokoladentafel gratis als Kostprobe. Umso mehr Zeit verging, desto mehr füllte sich auch das kleine Geschäft, bis man darin kaum noch treten konnte. Die Leute schienen verrückt zu sein nach den neuen Süßigkeiten und einige der Kunden kamen sogar noch mehrmals an diesem Tag. Willys anfängliche Depressionen waren schnell verflogen und er war mehr in seinem Element denn je, als er den Leuten vorschwärmte, wie lecker seine Schokolade doch sei. Für Roxanne, Josef und Fred war es äußerst stressig zu dritt alle Kunden zu bedienen.
Als es allmählich dunkel wurde, leerte sich auch das Geschäft wieder ein Wenig.

“Wenn das mal nicht der erfolgreiche Tag war, den Sie sich gewünscht haben.”, sagte Roxanne kurz vor Ladenschluss, als Josef noch dabei war die letzen Kunden zu bedienen.

“Ja, es war großartig, fantastisch, wunderbar, phänomenal… einfach toll.” , schwärmte Wonka, rückte seinen weinroten Zylinder zurecht und marschierte zufrieden mit sich selbst durch seinen neuen Candy Store.

Er machte vor den Schaufenstern halt und lehnte sich mit geschwellter Brust auf seinen schwarzen Gehstock mit der goldenen Kugel als Abschluss. Leichtfüßig schritt er weiter an den großen Fenstern vorbei, in denen tausende von Schokoladensorten ausgestellt waren in den verschiedensten Formen und Farben. Plötzlich bemerkte er einen schwarz gekleideten Mann mit einem Hut vor dem Fenster. Er sah nicht auf, sondern blickte hochkonzentriert in die Fensterläden. Willy beobachtete ihn eine Weile. Schließlich hob er seinen bisher gesenkten Blick und schaute dann zielgerichtet auf Willy, der im selben Moment erstarrte, denn das Gesicht in welches er blickte, war das Gesicht seines Vaters. Sie starrten sich einige Sekunden lang an, bevor sein Vater sich wieder abwandte und weiter die Straße entlanglief. Doch Willy könnte schwören, er hatte von ihm ein kurzes Zucken an seinen Mundwinkeln bemerkt. Vielleicht der Ansatz eines Lächelns? Ein stolzes Lächeln vielleicht?

Willy sackte ungläubig auf den nächsten Stuhl. Das Kind in ihm hatte den Drang danach verspürt ihm zu folgen und ihn zu fragen, wo er die ganze Zeit war und weshalb er ihn einfach so im Stich gelassen hatte. Doch seine Wut hinderte ihn daran. Er konnte ihm noch immer nicht verzeihen, was er ihm angetan hatte.  
Doch was wollte er nun hier? Wollte er sehen, wie jämmerlich er versagen würde?
Zumindest war es sicher das, was er glaubte. Doch jetzt hatte er es geschafft. Er war ein richtiger Chocolatier und hatte schon am ersten Tag mehr Einnahmen gemacht, als er es jemals für möglich gehalten hätte.
Dad!
Ich werde dich stolz machen und irgendwann wirst du mir Recht geben, dass es die richtige Entscheidung war…bis dahin werde ich kämpfen...
für dich.
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