Das Geschenk

von Xanokah
GeschichteDrama / P12
31.12.2009
31.12.2009
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Anmerkung: Alt. Sehr alt. Und teilweise auch nicht so ganz richtig.

Das Geschenk

Und nun sitze ich hier in diesem dreckigen, dunklen Loch. Allein und hinter Gittern. Aber morgen ist alles vorbei. Ich werde sterben... oder besser gesagt: Man forderte meinen Tod. Welche Tat ich begangen hab? Nun, so kurz vor meinem Ableben kann ich es ja erzählen - von Anfang an...

Es war der 23. Dezember, ein kalter Wintermorgen. Da der heilige Abend unmittelbar bevor stand, war es auf den Straßen voll von hektischen und gestressten Leuten. Der Duft von Zimt lag in der Luft und die Plätze erstrahlten von hellem Licht. Ich ließ mich in der Menge treiben und schloss die Augen, um all diese Eindrücke in mich aufzunehmen und zu verarbeiten. Von irgendwo weiter weg hörte ich ein Mädchen weinen, weil es das schöne Puppenhaus aus dem Schaufenster nicht bekam. “Santa Claus bringt es dir morgen Abend.”, versicherte der Vater, nahm das Mädchen an der Hand und die beiden tappten zum nächsten Schaufenster. Unerwartet riss die Menge auf und ein Wagen fuhr hindurch. “Heiße Maronen! Heiße Maronen!”, drang es aus dem Fahrzeug, welches in der Mitte des großen Platzes angehalten hatte und sich in einen Verkaufsstand verwandelte. Augenblicklich bildete sich eine Schlange vor dem Maronenstand und der Verkäufer schien überlastet. Ich verzog meinen Mund zu einem Lächeln und drehte mich um - da fiel mein Blick auf eine der Seitenstraßen. In den Dunklen Gassen war es rein gar nicht schillernd Geschmückt, keine Menschen drückten sich hindurch. Allein die Kinder, deren Familien zu Arm für Weihnachten waren, verbrachten hier. Mein Blick hing starr an einem kleinen Jungen, der verkrampft einen zerfledderten Teddybären an sich drückte. Der Junge hatte zerrissene Hosen und ein viel zu großes, schmutziges Shirt an. Er trug keine Schuhe und sein Blick war trüb. Nur die Mauern um ihn herum vermochten ihn vor der kalten Welt zu schützen.
“Traurig…”, sagte ein, der Stimme nach zu urteilen, älterer Mann und fasste mir an die Schulter. Ich bemerkte zunächst gar nicht, dass sich jemand hinter mich gestellt hatte und mich beobachtete. Erst, nachdem ich die knochige Hand auf meiner Schulter spürte, fuhr ich herum und sah dem Mann direkt in die Augen. Er war etwas kleiner als ich und sah mich mit trauervollem Gesichtsausdruck an.
Ich riss mich los und lief einfach weiter, ohne mich um zu sehen. Der Mann sah mir nach, ich konnte seine Blicke deutlich spüren. Ich sah mich nicht mehr um, lief einfach weiter durch die Menschenmengen - wie ein Fisch, der in seinem Schwarm mitschwimmt, ohne zu wissen, wohin.
In der Tat merkte ich nicht, wohin ich mich begab und plötzlich fand ich mich vor einem kleinen Puppentheater wieder. Nun, dieser Ort schien eine Art Aufsicht für die Kleinen zu sein, während die Eltern die Geschenke besorgten. Ich stellte mich dazu, jedoch nicht, weil ich an dem Stück interessiert war. Ich beobachtete die Kinder wie sie kicherten und lachten, neue hinzukamen und von den Eltern wieder abgeholt wurden. Ich sah auch das Mädchen mit dem Puppenhauswunsch wieder. Es hatte sich anscheinend wieder beruhigt, nur Augen und Wangen waren noch leicht gerötet. Wie von den Fäden eines der Marionettenspieler gezogen, bewegte ich mich auf das Mädchen zu bis ich schließlich vor ihr stand und sie mich aus großen Augen anschaute. Ohne darüber nachzudenken, öffnete ich meinen Mund: “Hey.”
“Hallo.”, drang es aus dem Mund des Mädchens und sie wandte sich wieder dem Puppentheater zu.
“Na, freust du dich auf morgen?”
“Nein.”, antwortete sie, den Blick noch immer an den Puppen geheftet.
“Und warum nicht? Jedes Kind freut sich den Weihnachtsabend.”
“Aber ich nicht.”, sagte sie stutzig und entfernte sich ein paar Schritte von mir. “Ich bekomme ja eh nicht, was ich will!”
Ich lief dem Mädchen hinterher, aus reinster Neugierde. Mit jedem Schritt, den ich näher kam, entfernte sie sich wieder ein Stück. Schließlich befanden wir uns etwas weiter außerhalb der Menschenmenge. Es fing an zu schneien und kleine Flocken fielen dem Mädchen in die Haare. Ich beäugte sie noch eine Weile, bevor ich sie erneut ansprach: “Hast du Geschwister?”
“Ja, einen kleinen Bruder. Mama mag ihn lieber als mich.”
“Und dein Papa?”
“Mag meinen Bruder auch lieber als mich.” Das Mädchen befand sich in der typischen Situation eines Erstgeborenen. Ohne damit zu rechnen, stellte sie mir plötzlich eine Gegenfrage: “Hast du Kinder?”
“Ich habe keine Familie.”, antwortete ich nach längerem Zögern.
“Dann bist du ganz allein?”
“Ja… ganz allein.”, ich senke meinen Blick, dass Mädchen aber musterte mich eindringlich.
“Warum hast du keine Familie? Jeder hat eine.”
“Es gibt Menschen, die wollen keine Familie.”
“Also wenn ich keine Familie hätte… würde ich ja gar keine Geschenke zu Weihnachten bekommen.”
“Weihnachten besteht nicht nur aus Geschenken…”, selbst verwundert über meine Aussage hob ich wieder den Kopf und sah das Mädchen an, welches jetzt nachdenklich dreinblickte.
“Doch! Letztes Jahr hatte ich sogar mehr als meine Freundin!”
Plötzlich stieg eine Wut in mir auf. Mir wurde klar, dass sie auch eines dieser verwöhnten Kinder war. Mein Blick schweifte wieder in eine der dreckigen Seitengassen, dieses mal fand ich keine Kinder dort sitzen vor. Das Mädchen folgte meinem Blick und machte eine verabscheuende Geste. Mit angewiderter Miene erhob sie wieder das Wort: “Da sitzen sonst immer die dreckigen Straßenkinder. Die können sich eh nichts kaufen.”
Ich spürte, wie meine Fäuste sich ballten und ich sprach mit leiser, trockener Stimme: “Ich… saß hier früher jeden Tag…”
“Igitt, Papa hat gesagt, diese Kinder sind eklig.”
Noch ehe mir bewusst war, was ich tat, hob sich meine Faust und schlug dem Mädchen ins Gesicht. Das Kind fiel lautlos in den Schnee, der sich langsam hellrot färbte und das Blut in sich aufnahm. Das Mädchen regte sich nicht mehr, es lag da wie eine leblose Puppe.
“Mörder!” kreischte eine Frau, die gerade aus einem Geschäft kam. Die Leute wichen zurück…
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