Zentauren

von Liat
GeschichteDrama / P18 Slash
27.12.2009
09.12.2010
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Der Makler schließt die Tür des Häuschens auf.
Von außen sieht es ja ganz nett aus, eher klein, weiß gestrichen, mit dunkelgrünen Fensterläden, einer grauen Holztür und rotem Ziegeldach. Irgendwie genau das, was man hier auf dem Land erwarten würde.
Eigentlich sieht es netter aus, als ich dachte. Der Makler, ein Herr Schmitt, hat mir schon den ganzen Nachmittag von diesem Häuschen vorgeschwärmt, wie hübsch es doch ist, und genau die Größe, dich ich mir wünsche. Und der Preis, die Miete ist ja praktisch umsonst. Schließlich habe ich mich doch breitschlagen lassen, und völlig entnervt zugestimmt, dass wir raus fahren und das Häuschen anschauen. Es sind fast 10 Kilometer bis in die Stadt, das ist mir viel zu weit. Und ein Haus will ich schon gar nicht.
„Schauen Sie sich den Boden an, Herr Westinghaus, das ist noch das Original von 1920.“
Schmitt zeigt auf den Flurboden direkt hinter der Tür.
Ja, der Boden sieht auch ganz nett aus, ich habe so was schon gesehen, ein Mosaik aus runden hellgrauen Steinchen, es ist mit quadratischen roten Steinchen eingefasst und die letzten 15 Zentimeter vor der Wand sind die Steinchen fast schwarz.
„Wissen Sie, wie man das macht? Da werden die Steine in der Einbettmasse von Hand fixiert und dann wird der ganze Boden um einen Zentimeter abgeschliffen, so dass man den Querschnitt der Steine so schön erkennen kann. Heute macht so was niemand mehr, das ist viel zu aufwendig. Und hier die Türen, das sind auch noch die Originale, der Besitzer hat sie natürlich abschleifen lassen. Irgendwann hat hier jemand alles was aus Holz war, mit reichlich dunkelbraunem Lack überstrichen. Aber das ist ja jetzt alles wieder weg.“
Schmitt grinst mich zufrieden an.
Ja, das hat der Besitzer toll gemacht. Ich bin nur leider nicht interessiert. Ich will kein reizendes Häuschen in der Pampa, ich will eine nette kleine Wohnung in der Stadt. Ist denn das so schwer? Ich gebe zu, es ist ein bisschen kurzfristig, wir haben schon Mitte März, und ich will noch vor April einziehen, aber das, was er mir heute gezeigt hat, war wirklich unterirdisch.

Die erste Wohnung war nur von einem Hinterhof aus zugänglich, sie lag im Erdgeschoss und hatte ausschließlich Nordfenster. Wer da einzieht, hat entweder eine Lichtallergie oder ist ein Vampir, vielleicht auch beides, ein Sonnenstrahl verirrt sich dahin jedenfalls nicht. Die nächste Wohnung lag im Dachgeschoss eines Altbaus und ziemlich zentral. Die Lage hätte mir gefallen, die Raumaufteilung definitiv nicht. Es gab ein großes Zimmer mit Anschlüssen für eine Küchenzeile. Die anderen drei Räume und das Bad waren winzig und bestanden praktisch nur aus Dachschrägen. In keinen dieser Räume hätte man einen Schrank stellen können.
Nummer drei lag direkt neben einem großen, belebten Kinderspielplatz, das schied also auch aus. Die nächste Wohnung, in die Schmitt mich schleppte, war im zehnten Stock eines Hochhauses. Sie war bezüglich Grundriss und Schnitt okay, aber vom Balkon aus hatte man direkt die Stadtautobahn im Blick. Außerdem hatte das Haus so ein tristes Siebziger-Jahre Flair. Das passt nicht zu mir.
Die nächste Wohnung hätten wir uns gleich sparen können, ich wäre am liebsten gar nicht rein gegangen. Als Schmitt und ich die Treppe hoch kamen, stand die Nachbarin vor der Tür, in einer Hand eine brennende Zigarette, in der anderen den Aschenbecher. Sie war eine dünne, blonde Frau Mitte Vierzig mit Brille und verhärmtem Gesicht.
„Na, Herr Schmitt, haben Sie mal wieder einen Interessenten?“, begrüßte sie meinen Makler und fuchtelte ein bisschen mit der Hand herum. Ich weiß nicht was das sollte, aber es hat den ekligen Zigarettenrauch gleichmäßiger um uns herum verteilt.
Schmitt wirkte nicht allzu begeistert, als er sie sah.
Die Frau musterte mich kritisch.
„Ich hoffe, Sie sind auch ein ruhiger Mensch. Der verstorbene Herr Scholz war es jedenfalls. Und wir haben immer so nett geplaudert...“
Sie hätte mir sicher noch mehr erzählt, aber sobald Schmitt die Wohnungstür geöffnet hatte, habe ich sie ganz unhöflich ohne ein weiteres Wort stehen lassen. Wir waren schnell wieder draußen, da muss Schmitt schon einen neuen Herrn Scholz anschleppen, der sich von der Frau Ohren- und Lungenkrebs verpassen lässt.

Und jetzt stehen wir hier.
Schmitt redet ohne Punkt und Komma von der gelungenen Renovierung. Irgendwann höre ich nicht mehr hin, nach einem ganzen Nachmittag mit ihm habe ich die Schnauze voll. Es wird schon langsam dunkel und ich muss heute noch nach München zurückfahren.
Vom Flur gehen nur zwei Türen weg, ich nehme die nach links und stehe in einer großen Küche. Die Einbauküche sieht neu aus, helles Holz und klare Fronten. Vor der Terassentür ist viel Platz für einen großen Esstisch. Das hätte Katja gefallen.
Die zweite Tür geht ins Wohnzimmer, es ist weiß verputzt, der Boden hat einen alten Dielenboden, der knarrt, wenn man drauf tritt und die Deckenbalken sind zum Teil freigelegt. An der Seitenwand steht ein schwarzer Schwedenofen auf einem Viereck aus cremefarbenen Sandstein.
Die Holztreppe im Flur ist eher schmal und steil, das Treppengeländer ist oben von einer Galerie umgeben. Es gibt ein schmales Zimmer über der Küche und ein Schlafzimmer mit Bad auf der anderen Seite. Das Bad ist wirklich reizend. Es ist alles neu gemacht, aber die Sanitäranlagen und Armaturen wirken sehr nostalgisch, jedoch nicht kitschig.
Wir gehen dann hinaus auf die Terrasse. Sie ist so breit wie das Haus und mit dem cremefarbenen Sandstein belegt, den ich schon aus dem Wohnzimmer kenne. An die Terrasse schließen sich nahtlos ein paar Meter Rasen an, und rundherum liegt eine Hecke. Sie ist um diese Jahreszeit noch kahl, aber man kann trotzdem nur schwer durchschauen.
„Sehen Sie, das ist ganz pflegeleicht, sie müssen nur ab und an mal mit dem Rasenmäher drüber, und schon sieht alles wieder perfekt aus. Und nächste Woche, wenn sie einziehen, blühen hier schon die Forsythien.“
Schmitt zeigt auf das Gestrüpp in der Hecke und strahlt mich wieder an. Ich weiß nicht, was das soll. Bei Katja wäre sein Gelaber sicher gut angekommen, aber ich bin einfach nur genervt.
Im Vergleich zu dem anderen Schrott, den ich heute gesehen habe, ist das Häuschen wirklich nett. Aber ich bin nun mal ein Stadtmensch.
Ich verspreche Schmitt, dass ich mich bis morgen melde, ob was für mich in Frage kommt und verabschiede mich.

Als ich vor meinem Auto stehe, kotzt mich der Gedanke an, dass ich jetzt noch gute zwei Stunden Fahrzeit vor mir habe. Gegessen habe ich auch noch nichts. Wenigstens war ich so schlau, nicht Schmitts Angebot anzunehmen und mich von ihm hierher mitnehmen zu lassen. Noch mal zwanzig Minuten mit dem Typen hätte ich nicht ausgehalten.
Der Abend ist für Mitte März relativ mild, und so beschließe ich, mir noch mal die Beine zu vertreten und vielleicht noch was zum Essen aufzutreiben. Wenn ich schon auf dem Land bin, vielleicht gibt es dann wenigstens eine ordentliche Gastwirtschaft mit gutem Essen.
Das Dörfchen ist wirklich nicht groß. Ins Zentrum, wenn man das so nennen kann, habe ich nur wenige hundert Meter. Es besteht auch nur aus einer Kirche, einem kleinen Tante-Emma-Laden und einem Platz mit Kopfsteinpflaster und Bänken unter einigen kugelig geschnittenen Bäumen.
Der Landgasthof liegt nur wenige Häuser von der Kirche weg. Die Fenster sind dunkel und ein Schild neben der Tür sagt, dass heute Ruhetag ist. Schade, ich habe jetzt wirklich Hunger und auf der Karte hätte ich schon was gefunden, die Preise sind auch eher moderat.
Ich beschließe, einen kleinen Bogen Richtung Ortsrand zu gehen und dann zurück zu meinem Auto zu laufen, mehr als zehn Minuten werde ich für die Strecke wohl nicht brauchen. Aber ein bisschen Frischluft ist sicher nicht verkehrt für mein armes Gehirn.

Die letzten Wochen waren recht anstrengend.
Nach der eher unerfreulichen Trennung von Katja habe ich meinem Chef und dem Personaler im routinemäßig anstehenden Evaluierungsgespräch, kurz Eva, mitgeteilt, dass ich mich jetzt wirklich verändern will. Also die geschäftsmäßige Umschreibung für: Ich bin hier so angepisst, ich will einfach nur abhauen. Es stand da schon lange was an, wir hatten schon vor einiger Zeit mal geredet. Normalerweise passiert dann erst mal lange nichts, in so großen Firmen mahlen die Mühlen in der Regel sehr, sehr langsam, und am weitesten kommt man dann doch mit Eigeninitiative und Kontakten und nicht über den Chef oder die Personalabteilung. Vor der Trennung hatte ich es aber nicht so eilig.
Überraschenderweise hat man mich dann eine knappe Woche später ins Personalbüro gerufen und mir eine Stelle in Erlangen angeboten. Wir haben eine Fertigung dort, und in der Entwicklungsabteilung vor Ort wäre eine neu geschaffene Gruppenleiterstelle frei. Ich müsste mich aber schnell entscheiden.
Erlangen konnte mich nicht begeistern. Ich hatte mir was cooleres vorgestellt, USA wäre toll gewesen. Und für China suchen sie doch auch immer Leute. Das wäre alles spannender gewesen, als diese fränkische Provinz.
Ich bin schon zwei Tage später das erste Mal hergekommen, habe mit den Leuten in der Personalabteilung gesprochen, mir alles angesehen und inzwischen auch schon mehrere Gespräche mit meinem neuen Chef  geführt. Die Führungsverantwortung hat dann den Ausschlag gegeben, das macht sich einfach gut in der Personalakte. Außerdem wird der neue Chef die meiste Zeit in München sein, das gefällt mir auch.
Ich bin jetzt am Ortsrand angekommen, gefühlsmäßig muss ich nach rechts, um wieder zu meinem Auto zu kommen. Ich sehe Flutlichtmasten und höre Männerstimmen rufen.

Vor mir liegt ein Fußballplatz, einer von denen, die man in solchen Dörfern immer sieht. Netze hinter den Toren, eine einfache Absperrung rechts und links. Der Rasen steht kurz und sattgrün, umrahmt von weißen Linien. Hier spielen sie am Sonntag. Das Licht und die Stimmen kommen von weiter rechts, vom Trainingsplatz. Zwischen den beiden Plätzen steht ein cremefarbenes Haus, darauf steht in dunkelbraunen Buchstaben „SV Adlitzstein“ und darunter etwas kleiner: „Sportgaststätte“.
Der Trainingsplatz ist natürlich nicht so schön wie das Spielfeld. Der Rasen ist löchrig und die Absperrung ziemlich alt. Zwei Männer stehen an der Längsseite neben der Gaststätte und sehen zu, wie etwa 15 Kerle im typischen Fußballalter zwischen 20 und 30 ein kleines Übungsspiel machen. Sie tragen bunt zusammengewürfelte Trainingskleidung, und die Hälfte zusätzlich noch neongelbe Leibchen drüber.
Ich bleibe an der Straßenseite stehen und sehe zu. Die Neongelben stehen tief in der Defensive, und man muss kein Experte sein um den Grund dafür zu erkennen. Einer der Jungs spielt um Klassen besser als der ganze Rest. Er ist der Spielmacher, dirigiert es, verteilt die Bälle und geht weite Wege um sie zurück zu erobern, wenn seine Mannschaftskameraden sie wieder verlieren. Er hat blonde Haare, die gerade so lang sind, dass er sie zu einem kurzen Stummelzopf zusammenbinden kann, ist ziemlich groß, und trägt lange schwarze Hosen und ein schwarzes Shirt dazu. Sein Gesicht kann ich nicht sehen, er schaut nicht in meine Richtung und bewegt sich außerdem so viel.
Er hat eine sehr schöne Art sich zu bewegen, geschmeidig und trotz seiner Größe flink.
Der Trainer am Rand brüllt Anweisungen, die den Jungs mit den Trikots helfen sollen, aber es nützt recht wenig.
Innerhalb weniger Minuten kassieren die Gelben zwei Tore, und mir fällt auf, dass der Blonde sie selber hätte schießen können. Er hat das aber ziemlich uneigennützig einem eher kleinen, dunkelhaarigen Stürmer überlassen. Es gibt da noch einen zweiten, den er regelmäßig anspielt, aber der hat ordentliche Probleme mit sich und den Gelben, da kam noch nichts Zählbares dabei raus.
Der Trainer schreit für die schwer belagerten Gelben immer wieder Anweisungen ins Feld. „Ihr müsst früher stören! Und näher an den Mann, nicht so zaghaft! Die haben viel zu viel Platz!“
Einer der Gelben nimmt sich die Anweisung dann auch sehr zu Herzen. Er grätscht mit gestrecktem Bein von hinten in den Lauf des blonden Spielmachers und holt ihn damit ziemlich brutal von den Beinen. Oh, hoffentlich trägt er unter seiner Trainingshose Schienbeinschoner, das tut ordentlich weh! Der Ball war längst weg, im Spiel hätte der Grätscher ohne den leisesten Zweifel die rote Karte gesehen. Und für ein Übungsspielchen im Training ist so ein Foul viel zu hart. Das ist die Sorte mit der man seine Teamkollegen im nächsten Spiel außer Gefecht setzt, wenn man bei der Wettmafia unter Vertrag steht.
Der Trainer hat da offensichtlich keine Kontakte, weil er von der Linie aus den Grätscher mit einer Reihe sehr direkter Ausdrücke bedenkt.
Der Blonde liegt am Boden und krümmt sich vor Schmerz zusammen. Schließlich setzt er sich auf, zieht die Beine an und reibt das getroffene Bein. Gerade als er wieder aufstehen will, sieht er das erste Mal in meine Richtung. Das Flutlicht legt teilweise Schatten in sein Gesicht, und so kann ich seine Züge nicht richtig erkennen, und schon gar nicht, ob sich daraus irgendwelche Emotionen lesen lassen. Trotzdem trifft mich sein Blick irgendwie, aber ich sehe nicht weg. Ich weiß nicht warum, aber ich habe das Gefühl, dass er daran gewöhnt ist, angestarrt und beobachtet zu werden. Nach einem kurzem Moment dreht er sich weg, steht auf und humpelt zurück in die Platzmitte.

Ich drehe mich um und gehe in die Sportgaststätte. Sie ist einfach eingerichtet, eine umlaufende Eckbank mit halbhoher Lamperie aus rotbraunem Holz und passende Tische mit einer nackten Platte aus hellem, fast weißen Material, vielleicht Ahorn, aber ich kenne mich mit so was nicht aus. Direkt gegenüber der Tür liegt die Theke, davor steht eine ganze Reihe Barhocker. Auf einem Regal steht eine ganze Reihe von Pokalen in verschiedenen Farben und Größen, darunter hängen Wimpel und diverse Mannschaftsfotos.
Außer mir und dem Mann hinter der Theke sind nur eine Handvoll Leute da, die an zwei Tische verteilt sitzen. Vermutlich wird es voller, wenn das Training vorbei ist. Zumindest war das zu meinen aktiven Fußballzeiten immer so, dass wir nach dem Duschen alle im Vereinslokal hängen geblieben sind. Man geht in der Kreisklasse ja nicht nur wegen dem Sport zum Fußball.
Ich setze mich auf die Eckbank an einen Tisch am Fenster. Durch das helle Flutlicht kann man die Spieler auf dem Platz noch sehen.
Der Kerl von der Theke kommt an meinen Tisch und fragt mich, was ich trinken möchte. Ich sehe ihm an, dass hier an einem normalen Wochentag nicht allzu viele Leute herkommen, die er nicht kennt. Außerdem trage ich einen neuen Anzug, dunkelbraun, dazu ein fliederfarbenes Hemd und passende Krawatte, ich passe also absolut nicht hier rein.
Ich bestelle ein Wasser und das Schnitzel mit Pommes und Salat, das auf einer Tafel am Eingang beworben wurde. Der Typ nickt und verschwindet hinter seiner Theke, wo er den Kopf durch ein kleines Fenster in Bauchhöhe steckt und hoffentlich mein Schnitzel in Auftrag gibt. Ich sehe ihm zu, als er eine Flasche Franken-Brunnen aus einer Kühlschublade nimmt und das sprudelnde Wasser in ein Halbliterglas laufen lässt. Er ist vielleicht so um die fünfzig, trägt ein kariertes Hemd und einen Pullover mit weinroten Streifen über einem kleinen Bauchansatz. Er hat noch volle Haare, aber sie sind stark mit grau durchsetzt. Ich wette, das ist einer dieser Junggesellen, die bei ihrer alten Mutter wohnen und ihre Abende und Wochenenden im Dienste des Sportvereins verbringen. Solche Typen gibt es in fast jedem Verein, und jeder ist froh, dass man sie hat.
Ich habe das Wasser schon ausgetrunken, als das Schnitzel kommt, obwohl es eigentlich nicht lange gedauert hat. Ich glaube nicht, dass es in der Küche gerade viel zu tun gibt. Als es vor mir steht, merke ich erst, was für einen Hunger ich habe, und ich kann mir nicht helfen, ich muss gerade an Katja denken, und was sie sagen würde, wenn sie mich hier mit dem Schnitzel sehen könnte. Vermutlich was wie „Ich verstehe wirklich nicht, wie du so viele sinnlose Kalorien in dich rein stopfen kannst, und dabei doch nie zunimmst.“ Dann hätte sie einen kleinen Schmollmund gezogen, in ihrem Salat herum gestochert und dann angefangen, Pommes von meinem Teller zu klauen.

Es ist schon spät, ich will zahlen und gehen. Der Wirt kann meinen Fünfziger nicht wechseln, geht zurück zur Theke und fängt an, in der Kasse zu wühlen.
Die Tür geht auf und der Blonde mit dem Stummelzopf kommt herein und setzt sich auf einen der Barhocker. Leider mit dem Rücken zu mir. Er trägt immer noch seine Trainingsklamotten, und war offensichtlich noch nicht beim Duschen.
„Hallo Herbert“, sagt er und legt eines seiner Beine auf den Barhocker neben ihm. Dann zieht er die Hose hoch, die Stutzen runter und macht den Schienbeinschoner ab.
Herbert hat ein paar Scheine und Münzen neben seine Kasse gelegt, macht aber keine Anstalten, mir das Geld zu bringen. Statt dessen öffnet er eine Flasche und schenkt den Inhalt in ein Weißbierglas.
„Hallo Michi“, antwortet Herbert. „Ist was mit dem Bein?“
Herbert spricht einen sehr fränkischen Dialekt. Es klingt mehr wie: Is wos mibm Ba? Es ist gerade eben noch so, dass ich es verstehen kann. Das liegt aber wohl an den letzten Jahren in München, da muss man zwangsläufig durch einen Grundkurs Bayrisch, und man kann meinen Kollegen nicht vorwerfen, dass sie nicht ihr Bestes getan hätten, um mir da ein „bisschen Kultur“ beizubringen, wie sie das ausdrücken.
Michi hat jetzt den Schienbeinschoner ab und begutachtet seinen Unterschenkel, übrigens ein sehr hübscher Unterschenkel, gerade, also keine Fußballer-O-Beine, schlank, mit Muskeln wie aus dem Anatomielehrbuch. Das gute Stück wird aber durch eine rote Stelle ziemlich verunziert. Man kann an der seitlichen Wade deutlich die Stollenabdrücke erkennen, weil die Haut da abgeschürft ist. Der ganze Bereich ist rot und wird nächste Woche in hübschen Lila- und Gelbtönen strahlen. Es sieht auch so aus, als ob es ordentlich weh tut.
„Ein kleiner Liebesgruß von Tobias. Er kann einfach nicht die Füße von mir lassen“, antwortet Michi. Er zieht die Trainingshose wieder runter und nimmt das Bein vom Hocker. Das Thema Tobias ist scheinbar so ein alter Hut, dass keine weitere Erklärung notwendig ist. Zumindest nicht für die zwei.
Herbert stellt das Weißbier vor ihm hin. „Trink erst mal.“
Michi hat das Weißbier nicht bestellt, also ist das wohl auch normal, dass er direkt nach dem Training erst mal hier sein Bier trinkt.
„Am Sonntag kannst du damit aber spielen, oder?“, erkundigt sich Herbert besorgt.
„Klar, das geht schon. So schlimm ist das nicht.“ Sie fachsimpeln noch ein bisschen über die zu erwartende Taktik des Gegners im Auswärtsspiel am Sonntag. Mein Wechselgeld hat Herbert jedenfalls völlig vergessen. Ich muss mir das wohl selber holen, wenn ich heute noch nach München zurück will. Ich stehe auf und stelle mich neben Michi an die Theke, und da erinnert sich Herbert dann doch wieder an mich.
Während der das Geld neben der Kasse zusammenklaubt, kann ich mir wenigstens Michi mal genauer ansehen. Seine blonden Haare sind dicht und glatt. Mir fällt auf, dass er sie etwas außermittig gescheitelt hat, nur zwei, drei Zentimeter nach rechts verschoben. Davon hat sich eine Strähne aus dem Zopf gelöst, die er hinter das linke Ohr geschoben hat. Jetzt macht sie einen kleinen Bogen ums Ohr herum und die Spitzen zeigen wieder nach vorne Richtung Kinn. Er trägt einen Dreitagebart auf seinem ziemlich markantem Kinn und die Stoppeln sind eine Idee dunkler als der Zopf, aber trotzdem fallen sie auf seiner Haut fast gar nicht auf.
Er ist hübsch, aber nicht zu sehr, seine Nase ist ein wenig zu groß und zu breit für sein Gesicht. Ich mag das, ein Gesicht darf nicht zu perfekt sein, sonst sieht das ganz leicht nach Schaufensterpuppe aus. Michi gefällt mir.
Herbert hat mir das Geld jetzt ganz korrekt hin gezählt, ich stecke es ein, lasse aber Trinkgeld für ihn liegen, obwohl er mich vergessen hat. Es ist verzeihlich, ich hätte ihn auch vergessen, wenn ich mich stattdessen mit Michi unterhalten könnte.
Ich sage noch „Tschüss“, schaue dabei aber wieder Michi an, nicht Herbert. Er schaut jetzt her zu mir und für einen kleinen Moment kann ich in seine Augen sehen. Sie sind blaugrün.
Er sagt auch „Tschüss“ und wendet sich dann wieder Herbert zu.

Ich bin viel zu schnell wieder an meinem Auto, es hätte mir gut getan, noch ein wenig zu laufen. Aber ich muss jetzt wirklich dringend los, morgen ist leider noch kein Wochenende. Ich habe nur noch wenige Tage an meiner alten Arbeitsstelle, aber das sind doch wie bei jedem Wechsel immer die schlimmsten. Man hat doch eigentlich schon abgeschlossen, will den Kopf freihaben für was Neues und dann soll man sich um die ganze alte Scheiße noch kümmern. Wer hat denn dazu noch Lust?
In Greding halte ich an, weil ich tanken muss. Ich weiß nicht warum, aber aus einem Impuls heraus nehme ich mein Handy, und wähle Schmitts Nummer. Es ist mir egal, dass man um diese Zeit seinen Makler eigentlich nicht mehr anruft. Er beteuert, dass ich ihn nicht geweckt habe, obwohl er nicht so klingt, als ob das stimmt. Aber das ist mir egal. Ich sage ihm, dass ich das kleine Häuschen in dem Kaff mieten werde, und fange an, im Kopf langsam zu zählen. Schmitt freut sich sehr, aber wohl vor allem darüber, dass er mir das doch gleich gesagt hat, und wie ich heute schon erleben konnte, kann Schmitt sich sehr wortreich freuen.
Als ich bei 30 angekommen bin, lege ich ohne ein weiteres Wort auf.
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