Der Geist der vergang'nen Weihnacht (It's December and I'll be missing you)

GeschichteRomanze / P12 Slash
Leonard Kraft
22.12.2009
22.12.2009
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Titel: Der Geist der vergang’nen Weihnacht (It's December and I'll be missing you)
Autor: Lady Charena
Fandom: Mit Herz und Handschellen
Wörter: 1415
Pairing: Leo/Thorsten
Rating: AU, pg, slash, oneshot
Beta: T‘Len
Archiv: ja

Summe: Leo erhält unerwarteten Besuch.

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Last year, same time in December,
I had your love and I remember,
your gentle kiss and your gentle touch,
but now I seem to miss you much.
Last year, same time in December,
the nights had not been so cold.
You were holding me and I was also holding you,
you made me feel the way I do and I miss you,

It’s December and I’ll be missing you.
Christmas time, come on, make my dreams come true.
I remember all the heavy touch with you.
I make my wish and hope this year my gift is you.
(Audrey Hannah)




Leo warf einen Blick auf die Uhr und seufzte, als es an der Tür klingelte.

Er stand auf und streckte sich, bis es in seinem Rücken knackte - er war nach einem Tag frustrierendem Aktenwälzens müde nach Hause gekommen, hatte geduscht und saß nun lustlos an seinem Abendessen.

Wenn das wieder Nina war, weil sie irgendeine ausgeflippte Idee für Weihnachten hatte oder ihn in die Stadt schleppen wollte, weil sie angeblich seine Hilfe bei der Auswahl des “perfekten Last-Minute-Geschenks“ brauchte... Dazu hatte er echt keine Lust. Sich einen Tag vor Heilig Abend durch die einkaufswütigen Massen zu schieben, für die Weihnachten wie jedes Jahr völlig überraschend gekommen war und die schnell noch etwas zusammenraffen wollten, um nicht mit leeren Händen unterm Christbaum zu stehen. Die bunte Kitschdeko, grellen Lichter und die ausgelutschten Weihnachtspopsongs aus Lautsprechern in Kaufhäusern gedudelt, bereiteten ihm schon beim Gedanken daran Kopfschmerzen.

Kurz gesagt, Leo Kraft war dieses Jahr Weihnachten schnurzpiepegal und konnte ihm sonstwo vorbeigehen.

Er hatte sich für den Bereitschaftsdienst eintragen lassen und konnte immer noch hoffen, dass er arbeiten musste. Hatte er nicht mal eine Statistik gesehen, nachdem an Weihnachten alle auf nett zu machen versuchten und das zu Stress und der wiederum zu erhöhter Gewalt führte?

Nein, er würde Weihnachten einfach ignorieren. Vielleicht sich im Bett einigeln und die Festtage verschlafen. Ohne Baum und Geschenke und Festessen und irgendwelche Lichterketten, bei denen ohnehin immer eine Birne kaputt war oder das Kabel ab oder, oder, oder...

Nina würde sagen, er arbeite an einer ausgewachsenen Feiertagsdepression. Nina würde sagen, er solle seinen Hintern aus dem Haus bewegen und sich in einer Bar einen netten Typen abschleppen und mit ihm Geschenke auspacken spielen.

Leo empfahl der Nina-Stimme in seinem Kopf, besser die Klappe zu halten. Gott, er war wirklich nicht okay, wenn er solches wirre Zeugs dachte.

Es klingelte erneut und Leo erinnerte sich plötzlich, dass er auf dem Weg zur Tür gewesen war. Er rieb sich übers Gesicht, und fuhr sich automatisch über die Haare, die noch ein wenig feucht waren, bevor er öffnete.

Es war nicht Nina.

Es war... ein kleiner, nicht zu bunt dafür geschmackvoll geschmückter Tannenbaum.

Zumindest war dass das erste, was er sah. Und zwei Hände in dicken Handschuhen, die ihn hielten. Von der Person dahinter konnte er nichts erkennen, außer dass sie einen Anorak und eine dieser albernen Mützen mit einem großen Bommel dran trug, wie sie die Skifahrer auf den Katalogen hatten, die ihm Nina vor ein paar Tagen als Alternativvorschlag zu Weihnachten Zuhause unter die Nase hielt. Außerdem war er sich sicher, dass es ein Mann war. "Ja?", fragte Leo kurzangebunden. Wenn der Typ ihm das Zeug verkaufen wollte, war er an der falschen Adresse.

Das Bäumchen wurde gesenkt und dahinter kam... Thorsten... zum Vorschein. Leo hielt die Luft an und spürte, wie sich sein Herz schmerzhaft zusammenkrampfte, bevor es heftig gegen seine Rippen zu hämmern begann. Wieso Thorsten... warum jetzt... was machte er hier? Thorsten konnte nicht wissen, dass seine Beziehung mit Bernd in die Brüche gegangen war, weil ein Teil von ihm nicht vergessen konnte, wie Thorsten von einem Moment auf den anderen aus seinem Leben verschwunden war. Weil er insgeheim darauf wartete, dass Bernd das gleiche tat, ihm eines Tages ein Ultimatum stellen würde und schließlich war er es, der mit Bernd Schluss machte. Es war besser, sich zu trennen, als dass er ihnen beiden wehtat, weil er eine Wunde davongetragen hatte, die er nicht heilen lassen konnte.

Für einen Augenblick dachte er an Nina... hatte sie etwa geglaubt, Schicksal spielen zu müssen? Nein, sie war auf Thorsten nicht gut zu sprechen. Sie würde ihn eher erdrosseln, als anrufen.

"Hallo, Leo", sagte der Geist der vergangenen Weihnacht, der mit einem kleinen Weihnachtsbaum in den Armen und einem lächerlichen Plastik-Mistelzweig an der Mütze auf seiner Türschwelle stand.

Leo machte einen Schritt zurück, dann noch einen und knallte die Tür zu, um sich atemlos dagegen zu lehnen. Er wusste nicht, ob er sich ein- oder Thorsten aus zu schließen versuchte.
"Das ist nicht wahr." Den Rücken gegen die Tür gepresst, rutschte er auf den Boden und schlang die Arme um sich selbst.

Er saß eine Weile so da, sein Kopf und Herz uneins, seine Gefühlswelt ein Chaos aus Erinnerungen, die er hatte vergessen wollen und es doch nicht geschafft hatte; und der plötzlich aufflammenden Sehnsucht nach Thorsten, seiner Stimme, seiner Berührung; eine Sehnsucht die er längst hinter sich gelassen geglaubt hatte, mit den restlichen Andenken in die Mülltonne des Lebens gekickt. Er dachte an Bernd, dem er nie wirklich einen Platz in seinem Leben eingeräumt hatte, weil Thorstens Schatten irgendwo im Hintergrund herum spukte wie eine verlorene Seele in einem Horrorfilm. Er dachte daran, wie alleine er sich heute Morgen beim Aufstehen gefühlt hatte; wie unendlich leer und müde und kalt beim Anblick der vielen bunten Lichter und lachender Menschen an denen er vorbeigefahren war.

Leo wusste, er sollte vergessen, wer vor seiner Tür gestanden hatte. Er konnte sich nicht noch einmal so verletzlich machen, so offen, wie er es mit Thorsten gewesen war. Eine Wiederholung der Ereignisse würde er nicht überstehen... und es würde wieder so enden. Zeit und die Scherben einer anderen, zerbrochenen Beziehung zwischen ihnen kündigten es bereits an.

Er hätte auf Nina hören sollen, in eine Bar gehen und jemand finden, der genau wie er nur daran interessiert war, in dieser angeblich 'schönsten Zeit des Jahres' nicht alleine aufzuwachen.

Leo stand auf und sein Körper fühlte sich kalt und steif an, wie der eines alten Mannes. Doch anstatt sich abzuwenden zu seinem sicherlich inzwischen noch un-appetitanregenderem Abendessen zurück zu kehren, öffnete er die Tür und sah hinaus. Thorsten war nicht mehr da, nur der kleine Baum. Er ließ die Nadeln - echt, nicht Plastik - einen Moment gegen seine Handfläche prickeln, hob sie dann vors Gesicht und roch daran. Seine Beine schienen aus eigenem Antrieb eine Entscheidung zu treffen und er lief los, auf die Straße, ohne an eine Jacke oder andere Schuhe zu denken. Vielleicht war Thorsten noch in der Nähe...

Er sah ein Taxi um die Ecke biegen und Thorsten im gleichen Augenblick, der in einer Einfahrt gestanden hatte, verdeckt von einer vom Frost braungefärbten, mannshohen Hecke, nach vorne an den Straßenrand treten, um es heran zu winken. Leo lief los und irgendetwas veranlasste Thorsten, im gleichen Moment aufzusehen und ihn zu entdecken. Er zögerte, starrte ihn an und beugte sich dann ins Taxi hinein. Doch er stieg nicht ein, schloss die Tür wieder und wartete mit vor der Brust verschränkten Armen darauf, dass Leo zu ihm kam. Das Taxi fuhr ab und hinterließ eine Abgaswolke in der kalten Luft, die in Leos Kehle kratzte. Und sicherlich verursachte sie auch das Brennen und Tränen seiner Augen.

Er blieb vor Thorsten stehen und sah ihn an, als würden sie sich zum ersten Mal begegnen und versuchen, einander abzuschätzen.

"Leo. Ich bin... ein Weihnachtskonzert..." Er zuckte mit den Schultern, als wäre damit alles gesagt und biss sich auf die Unterlippe. "Ich bin nur vorbeigekommen, um zu sehen, wie es dir geht. Um dir schöne Feiertage zu wünschen." Er sah zu Boden und auf Leos Füße, die nur in Socken steckten, dann stirnrunzelnd auf das T-Shirt und die Trainingshose. "Bist du verrückt?", platzte er heraus und packte Leos Oberarm. "Du kannst in dem Aufzug doch nicht hier rumstehen. Du holst dir ja den Tod." Er begann Leo in Richtung seines Zuhauses zurück zu zerren, wie ein ungehorsames Kind, das nicht aufhören wollte, im Schnee zu spielen, obwohl seine Zähne bereits vor Kälte klapperten.

"Thorsten." Leo blieb stehen und sah ihn an. Als Thorsten sich zu ihm umdrehte, streckte er die Hand aus - die, die Thorsten nicht festhielt - und berührte den albernen Mistelzweig an Thorstens Mütze. Und dann beugte er sich vor, um ihn zu küssen.

Thorsten gab einen leisen Laut irgendwo zwischen Schock und Überraschung von sich, seine Hände gruben sich in Leos Arme, als er ihn zurückküsste.

Sein Mund war warm und vertraut und Leo hatte das Gefühl, dass irgendwo in ihm etwas ein kleines bisschen wärmer wurde, das vorher zu erfrieren drohte. Vielleicht gab es doch so etwas wie Weihnachtswunder...

Ende
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