Größenwahn und seine Folgen

von Robidu
OneshotDrama / P12
11.12.2009
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Größenwahn und seine Folgen

Verächlich verzog der Magier das Gesicht. Wer glaubten diese Elfen eigentlich zu sein?
Jaja, redet ihr mal, dachte er verdrießlich. Schließlich hatte Karsus es ja nicht so weit gebracht, wenn er einfach so drauf los experimentiert hätte, und außerdem hatten sie immer noch mit einem Problem zu kämpfen, das im Boden unter den Städten lag und ihnen nach und nach die Lebensgrundlage zerstörte. Dem mußte auf jeden Fall Einhalt geboten werden, koste es, was es wolle!
Schließlich zeichneten diese verfluchten Phaerimm für die anhaltende Nahrungsknappheit sowie die jüngsten Unruhen direkt verantwortlich, und er wollte diesem bösartigen Treiben ein- für allemal ein Ende setzen. Diese Katastrophe war nämlich nicht die erste, die auf das Konto dieser Monstrositäten ging, und durch sorgfältige Studien hatte der Magier auch herausgefunden, was es mit diesen Kreaturen auf sich hatte.
Von daher gab es keine andere Lösung als die, die ihm vorschwebte – und jetzt waren einige dieser dahergelaufenen Elfen hier und meinten, ihm vorschreiben zu können, was er zu tun und zu lassen hatte!
Er setze damit ganz Netheril aufs Spiel, hatten sie gesagt. Das wäre das Aus für alle Magie, hatten sie gesagt.
Lächerliches Geschwätz! Schließlich hatte er in der meisten Zeit seines nun dreihundertsiebenundfünfzig Jahre währenden Lebens die Magie in allen möglichen und unmöglichen Einzelheiten und Kombinationen studiert, erforscht, Aufzeichnungen angefertigt und wieder verworfen, weitergeforscht, Ergebnisse ausgewertet und sich parallel dazu durch einen Wust von Aufzeichnungen längst vergessener Zivilisationen gewühlt. Und hier war er nun und hielt das Ergebnis seiner bald zwei Jahrhunderte währenden Forschungen in den Händen, und niemand, wirklich niemand, konnte ihm diesen Triumph noch streitig machen!
Er war schließlich keine zwanzig mehr, und außerdem konnte er seinen ersten Zauber bereits im Alter von zwei Jahren wirken! Dazu hatte er es im Alter von gerade einmal zweiundzwanzig Jahren geschafft, eine Stadt zum Fliegen zu bringen: Eileanar. Sie war sein Werk, sein Bezirk! Hier lebten alle seine Freunde, seine Familie – alle die, die er schützen wollte!
Konnten diese spitzohrigen Typen das auch von sich behaupten?
Arrogantes Pack! Es war ja so leicht zu behaupten, daß es auch andere Wege gäbe, um dem Problem beizukommen. Nur sie mußten sich ja nicht mit den Phaerimm herumärgern!
Der andere Punkt, der ihm die Galle hochtrieb war dieser Dissident namens Raumark. Irgendwie mußten die Elfen ihm den Verstand vernebelt haben, denn wenn man ihn hatte reden hören, bevor er Netheril mit einer Gruppe Leuten vor einigen Jahren verlassen hatte, konnte man meinen, er gehöre am Ende doch noch zu diesem spitzohrigen Pack! Allerdings hatte seine Abwesenheit einen entscheidenden Vorteil: So gab es eine Person weniger, die ihm mit ihrem Gegreine ständig in den Ohren lag.

Karsus befand dann jedoch, daß er sich genügend über diese Besserwisser geärgert hätte und jetzt besser zur Tat schreiten sollte, sollte Netheril den Phaerimm über kurz oder lang nicht doch noch zum Opfer fallen.
Also schloß er seine Augen und beruhigte seinen Atem. Schließlich wollte er sich im letzten Moment keinen Fehler leisten.
In Gedanken rekapitulierte er den Plan, den er sich zurechtgelegt hatte, um den Phaerimm ein- für allemal den Garaus zu machen. Wenn schon sonst nichts half, dann mußte halt die Macht eines Gottes her, und Mystryl erschien ihm genau die Richtige für diesen Zweck zu sein.
Schließlich gebot sie über die Magie höchstselbst. Das sollte ihm genügend Möglichkeiten an die Hand geben, um diesen verfluchten Phaerimm die Verbindung zum Gewebe abzuklemmen, und danach konnte er Mystryl ihre Macht problemlos zurückgeben.
Damit verbannte er alle störenden Gedanken aus seinem Geist und konzentrierte sich auf das bevorstehende Ziel und begann seinen Zauber zu skandieren – der Zauber, an dem er all diese Jahre geforscht hatte und der ihm jetzt absolute Macht einbringen sollte.

Während Karsus seinen Zauber noch intonierte, bemerkte er bereits die ersten Auswirkungen: Ein Machtpotential baute sich in ihm auf, und er konnte leise die Melodie des unendlichen Gewebes der Magie hören. Eine Melodie, die allerdings von einigen sehr störenden Mißtönen durchsetzt war, und er wußte sogleich, worauf diese zurückzuführen waren. Es waren zum Einen die Phaerimm, die im Boden unter Netheril hockten und dem Land langsam aber sicher alle magische und die Lebensenergie entzogen, jedoch war da auch noch eine andere, mächtige, ihm aber vollkommen unbekannte Präsenz.
Wie dem auch sei, damit konnte er sich später befassen. Zuerst einmal mußte er die Kontrolle über das Gewebe erlangen.
Just in dem Augenblick, da Karsus seinen Zauber beendete, fühlte er, wie sein Körper von unendlicher Macht durchflutet wurde, ebenso wie sein Geist sich mit unendlichem Wissen konfrontiert sah – und was er sah, erschreckte ihn aufs Äußerste.

~~~++~~~


Mystryl merkte sofort, daß irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Irgendwer oder irgendwas griff anscheinend soeben nach der Macht – ihrer Macht und ihrer nativen Domäne, dem Gewebe der Magie und entzog es ihrer Kontrolle!
Rasch breitete sich ein merkwürdiges Taubheitsgefühl im Geiste der Göttin aus, und Panik stieg in ihr auf.
Was hat das zu bedeuten, schoß es ihr noch durch die Gedanken, doch dann spürte sie eine unnatürliche Kälte in sich aufsteigen. Es war wie eine eiskalte Berührung, die ihren Geist umklammerte, die Berührung des Todes!
Irgendjemand war gerade im Begriff, ihre ureigenste Essenz zu stehlen, jemand, der mit der geballten Macht einer Gottheit nicht umzugehen vermochte und somit eine Katastrophe heraufbeschwor.
Dann zwang sich Mystryl jedoch zur Ruhe. Panik brachte sie schließlich nicht weiter, und noch hatte sie einen kleinen Moment Zeit übrig – Zeit, die sie auf jeden Fall sinnvoll einsetzen mußte, um die Katastrophe doch noch irgendwie abzuwenden, als ihre erlahmenden Gedanken auf die entscheidende Idee kamen.
Mystryl konzentrierte sich, um ihren Gedanken den letzten entscheidenden Impuls zu geben, bevor sie vollends die Kontrolle verlor: So soll es denn enden, doch das Ende wird ein Neuanfang sein!
In diesem Augenblick schwanden der Göttin die Sinne, und es blieb nichts als die Dunkelheit zurück.

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Mit Entsetzen erkannte Karsus, daß er soeben einen fatalen Fehler begangen hatte, der womöglich ganz Toril seiner Magie berauben könnte. Zwar hatte er jetzt kompletten Zugriff auf das Gewebe, doch sah er sich außerstande, es überhaupt ansatzweise kontrollieren zu können. Dafür fehlte ihm schlichtweg die genaue Kenntnis über das Gewebe, und außerdem war seine Struktur zu filigran, das ganze Magiegefüge zu empfindlich, und nur eine einzige unbedachte Handlung konnte dazu führen, daß es sich beinahe sofort komplett entwob, und dann wäre es um die Magie geschehen gewesen!
Verzweifelt suchte der Magier nach einem Ausweg aus dieser verzwickten Lage, doch er konnte keinen finden, und aus irgendeinem Grund versagte die Option, die göttliche Macht an die Göttin, der er sie genommen hatte, zurückzugeben.
Irgendetwas Unvorhergesehenes mußte passiert sein, etwas, das Karsus in seinen ganzen Überlegungen und Berechnungen nie ins Kalkül gezogen hatte.
Doch dann bemerkte er etwas. Zuerst erschien es nur am Rande seiner Wahrnehmung, kaum zu spüren, doch dann drängte es sich brutal in sein Bewußtsein. Irgendetwas mußte seine Verbindung zum Gewebe getrennt haben!
Panik stieg in Karsus auf, als die Energien des Gewebes, die noch in ihm waren und denen jetzt der Weg zurück in dieses fehlte, in ihm zu schwingen begannen, interferierten und schließlich in Resonanz gerieten.
Dann erlahmten seine Gedanken plötzlich, als sein Verstand von dem noch immer vorhandenen Wissen überwältigt wurde, das diesen zu sprengen drohte. Und dann fühlte er es: Eine unnatürliche Kälte, die in ihm aufstieg und die ihn in der Bewegung hinderte, die eisige Umarmung des Todes!
Doch anstatt einfach tot zu Boden zu fallen, erstarrte der Magier von einem Moment auf den anderen zu Stein.
Mit einem letzten Gedanken dachte er an seine Familie und seine Freunde und was nun aus ihnen werden sollte.
Eine einzelne Träne rann über das sich rasch versteinernde Gesicht des Magiers herab und fiel herunter, doch erreichte sie den Boden nicht, denn in diesem Augenblick fiel Eileanar auch schon dem Erdboden entgegen.
Bevor Karsus' Bewußtsein komplett erstarb, erhaschte er einen letzten Blick auf die Stadt, die er vor dreihundertfünfunddreißig Jahren zum Fliegen gebracht hatte. Und auf den Erdboden, der ihm nun entgegenraste.
Karsus war in diesem Augenblick klar, daß er soeben den Untergang dessen, was er hatte schützen wollen, besiegelt hatte.
Dann umfing ihn eine undurchdringliche Dunkelheit.

~~~++~~~


Ein Zittern ging durch die mächtigen Plattformen – riesige Bodenfragmente, die mittels mächtigster Magie in der Luft gehalten wurden – auf denen die Städte Netherils in der Luft schwebten.
Erschrocken schauten sich die Bewohner um, um womöglich einen Grund für die plötzliche Störung zu erkennen, doch konnte niemand etwas erkennen.
Dann zitterten die Plattformen erneut, dieses Mal stärker, und die ersten Risse bildeten sich im Boden aus.
Schließlich begann die Plattform gefährlich zu schwanken und zu schlingern, und das Geräusch von abbröckelndem Gestein tat sein Übriges, um die Bewohner der fliegenden Städte zusätzlich zu verstören.
Im nächsten Augenblick kam es den Anwesenden so vor, als wollten ihre Mägen durch ihre Münder nach außen wandern, und schon kippte die gigantische Plattform zur Seite. Vollkommen starr vor Entsetzen sahen sie, wie der Erdboden auf sie zu raste.

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Plötzlich kehrte Mystras Wahrnehmung zurück. Was sie zuerst feststellte, war, daß das Gewebe nach dem Zwischenfall gehörig in Unordnung geraten war und sich aufzulösen drohte, während die Magie sich völlig unkontrolliert und zufällig auf Toril manifestierte oder an anderen Stellen komplett versagte. Dann bemerkte sie das andere Problem, das sich anbahnte: Sämtliche Städte Netherils – jetzt nicht mehr von Magie getragen – stürzten dem Boden entgegen, und nichts konnte ihren freien Fall abbremsen!
Wirklich nichts?
Mystra, du bist eine elende Närrin, schalt sich die Göttin selbst und konzentrierte sich auf das Gewebe. Jetzt mußte sie schnell sein, aber dennoch sorgfältig zu Werke gehen, wenn sie hier noch etwas beschicken wollte. Ein Fehler wäre zu diesem Zeitpunkt fatal!
So sehr sie sich auch beeilte, die vormals fliegenden Städte zerschellten eine nach der anderen auf dem Boden. Doch Mystra schwor sich, daß solange auch nur eine einzige der fallenden Städte den Boden noch nicht erreicht hatte, sie diese retten würde!
Eileanar war die erste der Städte, die unkontrolliert auf den Boden krachten und eine riesige Wolke Trümmer und Staub emporschleuderte, die sich rasch ausbreitete und schließlich ein großes Gebiet überdeckte.
Als nächstes schlugen Nhalloth und Akintaer auf, dicht gefolgt von Jethaere, Phylornel und Xinlenal.
Und auch mit den übrigen Städten sah es nicht besser aus. Eine nach der anderen ging auf dem Erdboden zu Bruch, wo sie jedesmal tausende Menschen in den Tod rissen, bis zum Schluß nur noch drei Städte in der Luft verblieben waren, aber auch diese näherten sich gefährlich dem Erdboden.
Doch im nächsten Augenblick verfestigte sich das Gewebe. Sie hatte es geschafft!
Sofort konzentrierte sich Mystra auf die verbleibenden drei Städte und hatte alle Hände voll zu tun, um sie wenigstens soweit zu stabilisieren, daß sie bei ihrem folgenden Manöver nicht gleich auseinanderbrachen und begann schließlich, ihren Fall abzubremsen.
Sanft setzten die drei Städte Anaurias, Asram und Hlondath auf dem Boden auf.
Ernste Schäden waren bei einer ersten Inspektion nicht zu erkennen, zumindest schienen die Häuser größtenteils intakt zu sein, und so wie es ausschaute, waren zudem keinerlei Todesopfer zu beklagen.
Zwar war die Göttin froh darüber, daß sie wenigstens drei der Städte hatte retten können, doch der Verlust aller anderen Städte machte sie traurig und wütend zugleich. Traurig wegen der vielen Toten, die es zu beklagen gab und wütend ob der Sorglosigkeit, mit der einige Menschen zu Werke gegangen waren.

Mit gemischten Gefühlen schaute sie, als sich der Staub gelegt hatte, auf die Stelle Faerûns herab, an der sich vor wenigen Stunden noch die fliegenden Städte der Menschen befunden hatten, die jetzt in Trümmern am Boden lagen. Lediglich drei der Städte hatte sie retten können, aber auch nur deshalb, weil sie in größerer Höhe geschwebt waren als der Rest.
Sie wünschte sich inständig, daß die Bewohner Anaurias, Asrams und Hlondaths Eines aus dieser Katastrophe gelernt hatten: Daß man mit der Macht der Götter nicht spielte!
Mit einem kurzen Gedanken begrenzte sie kurzerhand die Menge an Mana, die das Gewebe an einem bestimmten Punkt zu einem gegebenen Zeitpunkt bereitstellen konnte, und auch das Verspleißen verschiedener Manaquellen war fürderhin nicht mehr möglich. Einzig den Elfen gewährte sie noch die Möglichkeit, auf mächtigere Zauber zuzugreifen, allerdings nicht ohne dem ebenfalls Grenzen zu stecken.
Zudem sollte niemandem mehr möglich sein, direkten Zugriff auf das Gewebe zu bekommen, sondern jeder Magier mußte zukünftig klar definierte Zugriffspunkte verwenden, um an die magischen Energien zu gelangen. Wie sie das anstellen mußten, sollten sie jedoch selbst herausfinden. Einzig den Elfen gewährte sie diese Kenntnis direkt und ohne Umwege.
Schließlich waren die Elfen das einzige Volk, das überhaupt vernünftig mit der Magie umzugehen verstand.

Und seit dieser Zeit gaben die Elfen Karsus die Beinamen „Das Kind, das Gott spielen wollte“, „Der Zerstörer des Gewebes“ oder „Der Affe, der fliegen wollte“...